Lange Strähnen flogen ihm ins Gesicht und er streifte sie sich fort, während er nachdenklich zusah, wie die letzten Kisten auf das Schiff gehievt wurden. Jenes Schiff, das ihn entgültig nach Hause bringen würde. Sein Blick wanderte den Mast hoch, zur Fahne. Der Wind stand gut und war kräftig, wehte stetig zum Meer hin, vom Land fort. Dies war der Wind, der ihn wegwehen würde. Mit Wehmut blickte er zu den Häusern, fort vom Steg - ein Anblick, der ihm nie wohlgefällig sein würde - und seufzte leise. Was würde er alles hier zurück lassen in Bajard? In diesem Land? So vieles... So viele Freunde. Familie...
Er hatte alle seine Freunde ein letztes mal aufgesucht - jene die noch lebten und die Gräber jener, die verstorben waren. Hatte für jene gebetet, deren Gräber er nicht kannte oder aufsuchen konnte. Es schien ihm ein Leben zu sein, das er zurück liess. Aber es war nicht das erste Mal, das er sich so fühlte. Als er hier her gekommen war, in dieses Land, hatte er auch das Gefühl gehabt, das er ein Leben zurück liess. Nun würde er in dieses Leben zurück kehren. Verändert. Älter. Erfahrener... Vielleicht ein bisschen weiser.
Er fragte sich, ob er je einen seiner Freunde hier wieder sehen würde.
Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Nun Malachai würde ihn sicher besuchen kommen. Und sollte er es jemals müde werden, hier zu leben, er wusste, wo er immer willkommen war. Und ohne Arbeit würde ein Mann von seinem Kaliber niemals sein...
Der Gedanke war kaum beendet, als ihm bewusst wurde, das er nicht länger allein war. Ja freilich, es waren viele Leute auf den Docks um diese Zeit, aber dennoch hatte er abseits gestanden. War für sich geblieben. Nun spürte er, das jemand in seiner Nähe stand.
Leise erhob sich seine Stimme. Ein Murmeln nur, das aber in seiner Nähe gut hörbar sein würde. "Sag... ob es mir je möglich sein wird, dich zu bemerken, bevor du so nah bist, das mein Bruder Iron mich für Unachtsamkeit verprügeln würde?"
Leises tiefes Gelächter erklang hinter ihm und schon klopfte ihm eine mit schwarzen Leder überzogene Hand auf die Schulter.
"Nur wenn du mein Blut hast, Cyrion. Und das wünsch ich keinem, wenns sich vermeiden lässt."
"Hmmhmm..." Er atmete leise aus. Er hatte ausser Malachai niemanden gesagt, wann sein Schiff in See stechen würde. Tränenreiche Abschiede wollte er wirklich nicht. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander. Beide in Gedanken verloren. So ungleich und sich doch so ähnlich. Brüder im Geiste, wenn nicht im Blut. Cyrions Blick wanderte zeitweilig zu Malachai, der aufs Meer hinaussah. Er würde ihn vermissen. Ihn wirklich vermissen. Es war eine Sache, auf Reisen zu gehen, aber eine andere, heimwärts zu ziehen. Der einzige Grund für ihn, nach Gerimor zurück zu kehren, wäre, wenn Malachai ihn bitten würde, zu kommen... oder um sein Grab auf zu suchen.
"Dein neuer Herr, kennst du ihn persönlich?"
"Aye. Ein guter Mann. Verheiratet, hat zwei Kinder. Er möchte, das ich auf seinen Sohn aufpasse. Eine ehrenvolle Aufgabe. Mutter sei Dank, eine, die keine besondere Ettikette verlangt. Und mit 12 Jahren ist der Junge alt genug, um vernünftig zu sein."
Wieder hörte er das leise melodische Lachen seines Freundes. "Hmm... Dann kann ich ja damit rechnen, das du diese Anstellung behälst." Kicherte er?! Er gluckste tatsächlich in sich hinein! Cyrion schob mit einem halben Grinsen dem Mann den Ellenbogen in die Rippen und bohrte ein wenig, welches dieser gutmütig hinnahm. "Na hör mal... Ich hab nicht sooooo viele Fehler gemacht!"
"Hmm... nur waren die Fehler... trottelig..." Schalk glänzte in Malachais Augen, als dieser ihn von der Seite ansah.
"Hmpf...!" Schweigen war hier wahrlich Gold.
Ein tiefes Einatmen und er blickte zu dem Schiff hinüber. Wurde es langsam Zeit? Noch wurden Kisten verladen.
"Götter, ich hasse Schiffsreisen."
Malachai rieb sich leicht unter der Maske, die er wie immer trug. "Du kannst den Posten ablehnen und hier bleiben. Du musst nicht wegsegeln."
Wieder mal erwog er diesen Gedanken. Aber es zog ihn nach Hause. Er hatte Heimweh. Verneinend schüttelte er seinen Kopf und wischte wieder einige Strähnen weg, die ihm die Sicht nahmen.
"Nein. Es ist Zeit. Zeit heim zu kehren."
Ein tiefes Einatmen von seinem Bruder. “Hmm... Kann ich dir nicht verübeln. Ich hab hier meine Heimat gefunden. Und wann immer ich unterwegs war, zog es mich hier hin zurück. Aber du hast deine 'Heimat' woanders – eigentlich schon seit Solveighs Tod. Ich dachte, in Leah hättest du deinen Anker gefunden, aber... Wie lange bist du schon wie ein Ankerloses Schiff?”
“Zu lange... Es trieb mich um. Und jetzt treibt es mich nach Hause.” Wieder war Cyrions Blick in die Ferne gerichtet. Malachai bemerkte, das Cyrions Augen sich veränderten, Leere breitete sich in ihnen aus. Sie wirkten fahl. Malachai kannte diesen Blick. Er hatte ihn zeitweise in seinem Spiegelbild gesehen. Es war kein beruhigender Anblick.
“Du hast mal dies Land dein Zuhause genannt.”
Cyrion merkte auf, blickte zu ihm. In welch düstere Gedanken war er versunken, das er nun wirkte, als wäre er aufgewacht. “Hab ich das?” Er hielt inne, ein Moment des Nachdenkens. “Das habe ich tatsächlich... Lange ist es her. So lange, das es mir unwirklich scheint.” Leben war wieder in seine Augen zurück gekehrt. Sich entspannend, lehnte sich Cyrion zurück. “Es ist bald soweit.”
“Ich sehe gar nicht deine Raben...” Gewöhnlich war immer einer von ihnen bei Cyrion. Doch auf den Dachfirsten und Laternen sah er keinen der schwarzen Vögel.
“Ich nehme nur Ranecken mit. Murelay bleibt bei Duran – und der würde nicht mit mir so weit reisen. Ihre Tochter hat einen Partner gefunden. Ranecken ist der einzige, der noch mit mir reist.”
“Und wo ist er?” Wieder blickte er sich um, doch fand ihn nirgends in der Nähe. Einen Arm ausstreckend deutete er auf den Jungraben. “Dort – die Mastspitze.”
Ein Moment des verdutzten Schweigens.
“Das ist das falsche Schiff...”
“Ich werd ihn schon rufen.”
Der Mann in schwarzem Leder schnaufte leise amüsiert. Die vielen Schwerter unter seinem Umhang klackten leise, als auch er sich an die Wand lehnte. Ein Geräusch, das Malachai nur zulies, wenn er sich sicher fühlte. “Wie der Herr, so das Gescherr...”
Ein vielsagender Blick wanderte zu ihm herüber. “Soll heissen...?” Doch ahnte er wohl, was kommen würde. “Ihr seid beide Trottel.”
“Danke. Ich kann dich auch gut leiden.”
Leises Gelächter verband die beiden ungleichen Brüder. Einen Moment standen sie schweigend nebeneinander, dann hörten sie den Aufruf eines der Mannschaftsmitglieder von Cyrions Schiff. Mit einem Aufatmen traten sie beide von der Wand und bewegten sich zum Schiff. Cyrion ächzte sachte unter dem Gewicht seines Seesacks.
“Ich werd dich vermissen, Bruder.” Worte, die eine feste Umarmung begleitete. Wer wusste schon, ob und wann sie sich wiedersehen würden.
“Schreib mir. Sie werden auch wissen wollen, wie es dir geht.” Jene, die zurück blieben. Jene, die ihn gebeten hatten, zu bleiben. Jene, die hier wären und geweint hätten, wüssten sie, wann er in See stach.
“Aye. Regelmässig. Selbst wenn ich vor Langeweile nichts zu schreiben weiss. Lass ebenfalls von dir hören.”
Ein Lächeln umspielte Malachais Lippen, als er doch noch Feuchtigkeit in seines Bruders Augen entdeckte. Cyrion war näher am Wasser gebaut als er. Aber dann war dies auch ein längerer Abschied. Cyrion würde nicht länger auf einen Trank vorbei kommen können.
“Man sieht sich. Irgendwann.”
“Ja. Ich komm dich besuchen. Irgendwann.”
“Wenn du mal nicht die Welt retten musst.”
“Ganz genau.”
Rasch drehte sich Cyrion um und begab sich aufs Schiff. Malachai hörte noch einen scharfen Pfiff – der Rabe erhob sich mit einem Krächzen und segelte zu dem Schiff, auf dem Cyrion war, entschwand letztlich dem Blick. Malachai begab sich wieder an die Wand, an der Cyr und er gestanden hatten. Und wartete. Und tatsächlich, Cyrion tauchte nach einer Weile wieder auf. Mit Ranecken auf der Schulter, aber ohne Seesack. Sie fanden sich ohne Mühe, gehörten sie beide zu den wenigen, die hier schwarz trugen. Ein Lächeln zeigte sich in Cyrions Gesicht. Frieden war in diesem zu finden – neben den ihm üblichen Anzeichen von Qual, weil er sich auf einem Schiff befand.
Das Schiff legte ab, doch bewegte sich Cyrion auf dem Schiff so, das er Malachai im Auge behalten konnte. Malachai lächelte leicht. Cyrion war Familie immer wichtig gewesen. Er betrachtete ihn unzweifelhaft als Bruder – den er für nicht absehbar lange Zeit nicht wiedersehen würde. Er zweifelte nicht daran, das Cyrion ihn im Auge behalten würde, bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Er zweifelte auch nicht daran, das Cyrion, sollte Malachai jetzt angegriffen werden, alles in Bewegung setzte, ihm zur Seite zu stehen. Er schmunzelte sachte. Vielleicht behielt er ihn aber auch nur im Auge, um nicht darüber nachdenken zu müssen, das er auf einem Schiff war. Beides wäre für ihn so typisch gewesen.
Cyrion indes beobachtete Malachai. Wind blies ihm ins Gesicht, füllte die Segel und trieb ihn fort. Einmal mehr wurde ihm bewusst, was er zurück liess. Feuchtigkeit sammelte sich in seinen Augen und er versuchte sich einzureden, das dies der Wind sei. Ein leises Schnaufen von seiner Seite, als leichte Übelkeit sich in ihm breit machte. Er war froh, das er seine Medizin geschluckt hatte. Er wollte nicht, das Malachais letzte Erinnerung an ihn sein würde, wie er hingebungsvoll die Fische fütterte. Er richtete den Blick erneut auf Malachai. Wieviele Jahre würden vergehen, bis Malachai ihn besuchen kam. Vielleicht Zwei... Vielleicht Drei... Er würde auf ihn warten. Wie immer.
Erst als er Malachai nicht mehr sehen konnte, wendete er sich ab und begab sich zur Spitze des Schiffes. Stand dort und beobachtete den Horizont. Die Reise nach Hause würde lang dauern. Seine Heimat... Ein kleines Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen. Ein Lächeln mit einem Hauch Hoffnung.