Zwischen Angst und Hoffnung
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Corinne von Weissenstein
Zwischen Angst und Hoffnung
Stille. Die leisen Atemzüge der hochgewachsenen Frau stören sie kaum. Man könnte meinen sie schläft, auf den ersten Blick, doch ihre Augen sind weit geöffnet, starren an die schwere, steinerne Decke. Sie wirkt verloren in dem riesigen Bett mit seinen seidenen Laken, trotz ihrer Größe. Wirkt zerbrechlich in diesem Raum aus Stein, obwohl sich der Stein der Mauern auch in ihrem Gesicht findet. Nicht denken. Nicht fühlen. Keine Trauer. Keine Freude.
Tage sind vergangen, seit sie ihre Eltern in einer Stadt zurück ließ, der der Krieg droht. Tage ohne Nachricht, Tage des Bangens, des Hoffens, des Fürchtens. Sie hat gelernt es zu verbergen, vor langer Zeit schon. Eine Dame trauert nicht, sie freut sich nicht. Sie ist stets beherrscht, stets ihrer selbst bewusst. Wenn es doch nur so einfach wäre. Angst kann man verdrängen, in den hellen, freundlichen Stunden eines Wintertages. Aber diese Stunden sind rar gesät, und mit der Dunkelheit kommt die Angst und die Furcht mit scharfen Zähnen aus ihrem Versteck und zerrt an ihrem Verstand. Sie weiß, dass sie eines Tages damit leben kann, weiß dass es jemanden gibt, der ihr dabei helfen wird. Oder weiß sie es nicht? Im Moment zittert sie vor Angst, denn die Dunkelheit wird noch viele Stunden Besitz vom Land ergreifen. Und niemand ist bei ihr, um sie zu trösten und zu halten. Doch eine Dame weint nicht. Niemals.
Sie hört ihren Bruder im Nebenzimmer. Er dreht sich im Schlaf. Die Wände sind nicht dünn, doch in der Stille der Nacht hört man jedes Geräusch, wenn man selbst nur leise genug ist. Sie hält die Luft an. Ist er aufgewacht? Sie hofft, dass es nicht so ist, denn wenn er sich entschließen würde nachzusehen, und sie wach vorfände, würde er sie dafür tadeln. Doch in dieser Nacht war Temora gnädig. Die Frau war mit ihrer Angst allein, niemand sah die furchtsam aufgerissenen Augen, die silbrigen Tränen die über die blassen Wangen rannen. Sie zwang sich, an die letzten Tage zu denken, die Abende, bevor sie mit ihrer Angst allein in einem Raum war.
Da war die Hochedle von Winterfels gewesen. Sie war die erste gewesen, die sie in der fremden Stadt kennen gelernt hatte, wenn man den Diener ihres Bruders nicht mitzählte. Und sie hatte nicht vor, das zu tun. Ihr Bruder hatte sie mit zu ihr genommen, weil ihre Garderobe vom Salzwasser vollständig ruiniert worden war. Die Hochedle war sehr freundlich gewesen, auch wenn sie vermutlich nie Freundinnen werden würden, was allein schon daran lag, wie ihr Bruder sie ansah.
Am nächsten Abend hatte sie noch mehr Menschen kennen gelernt. Da war Sir Cedric gewesen, der sie vor ein riesiges Rätsel stellte. Sonderlich gesprächig war er nicht, aber vermutlich musste man als Ritter nicht kultiviert sein und höfliche Konversation beherrschen. Wie anders dagegen schien der Herzog zu sein. Gutmütig und freundlich, er war nicht einmal böse geworden, als sie versucht hatte, sich hinter Sir Cedric zu verstecken, in der irrigen Hoffnung, dass man sie nicht bemerken werde. Ihre Gedanken übersprangen den anderen vorerst, ihm konnte sie sich nicht widmen. Noch nicht. Dann war da noch Lady von Kastellauen gewesen. Sie war sehr freundlich gewesen. Die Lady verstand wie es ihr ging, konnte nachfühlen, wie fremd sie sich noch fühlte. Einen Moment nahm sie sich Zeit, Temora um einen Segen für die Lady zu bitten, ehe ihre Gedanken unvermittelt doch zu ihm glitten.
Sie hatte nicht gewusst, wer er war. Er brachte sie zum lachen, ließ ihr das Gefühl dass sie wichtig war, nicht ihr Bruder, nicht ihr Vater. Scherze waren geflogen, die Luft von Lachen erfüllt. Sie hatte geglaubt, nie wieder lachen zu können, doch er ließ sie vergessen. Der Abend mit ihm verging schnell. Bald schon wurde er um Hilfe ersucht, und entschuldigte sich. Sie sah ihm eine Weile nach, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, und in dieser Nacht war die Erinnerung an seine Scherze ihr Schutz vor der Finsternis.
Wer hätte schon geglaubt, dass sie ihn so bald wieder sehen würde? Am nächsten Abend war sie nach Berchgard gefahren, um das ein oder andere zu erwerben, da stand er auf einmal vor ihr. Sie war seiner Einladung auf einen Tee ins Rathaus gern gefolgt, gab es doch die Möglichkeit, noch mehr seiner Scherze, mehr Geplänkel zu haben. Eine weitere Nacht Schutz vor der Angst, eine weitere Nacht keine Fragen. Immer öfter fand ihr Blick seinen. Aus Geplänkel wurden sachte Neckereien, sie lachte sogar, offen und aus vollem Herzen. Nicht einmal die anderen Männer, ein Rekrut der Garde und der Bürgermeister, konnten sie in dieser Stunde beunruhigen oder verängstigen. Es war leicht, die mit Papieren beschäftigten Männer zu vergessen, während sie mit ihm Scherze austauschte. Auch an diesem Abend kam die Zeit des Aufbruchs zu schnell. Und in diesem Moment, im Moment des Abschieds, wurde er zum ersten Mal wirklich Rätselhaft. Er gab ihr eines seiner eigenen Pferde für den Heimweg, eine Möglichkeit, ihn wieder zu sehen, wenn sie ihm den Hengst brachte.
Sie hatte gelächelt, den ganzen Weg von Berchgard nach Adoran, und als sie den Hengst versorgte, tat sie es nicht ohne ihn ausgiebig zu streicheln. Auch in dieser Nacht hatte es keinen Schatten in ihrem Herzen gegeben. Doch der flüchtige Schutz von Kerzenlicht und Scherzen vergeht schnell, und die Angst hat sie erneut eingeholt. Jetzt liegt sie in ihrem Bett, zittert vor Angst, das Gesicht nass vor Tränen. Sie beruhigt sich nur langsam. Bald. Vielleicht nicht heute, sicher aber morgen würde es einen neuen Grund geben, sich nicht zu fürchten.
Ein leichtes Lächeln auf den Lippen schlief sie langsam ein, während am Horizont bereits der Morgen dämmerte.
Tage sind vergangen, seit sie ihre Eltern in einer Stadt zurück ließ, der der Krieg droht. Tage ohne Nachricht, Tage des Bangens, des Hoffens, des Fürchtens. Sie hat gelernt es zu verbergen, vor langer Zeit schon. Eine Dame trauert nicht, sie freut sich nicht. Sie ist stets beherrscht, stets ihrer selbst bewusst. Wenn es doch nur so einfach wäre. Angst kann man verdrängen, in den hellen, freundlichen Stunden eines Wintertages. Aber diese Stunden sind rar gesät, und mit der Dunkelheit kommt die Angst und die Furcht mit scharfen Zähnen aus ihrem Versteck und zerrt an ihrem Verstand. Sie weiß, dass sie eines Tages damit leben kann, weiß dass es jemanden gibt, der ihr dabei helfen wird. Oder weiß sie es nicht? Im Moment zittert sie vor Angst, denn die Dunkelheit wird noch viele Stunden Besitz vom Land ergreifen. Und niemand ist bei ihr, um sie zu trösten und zu halten. Doch eine Dame weint nicht. Niemals.
Sie hört ihren Bruder im Nebenzimmer. Er dreht sich im Schlaf. Die Wände sind nicht dünn, doch in der Stille der Nacht hört man jedes Geräusch, wenn man selbst nur leise genug ist. Sie hält die Luft an. Ist er aufgewacht? Sie hofft, dass es nicht so ist, denn wenn er sich entschließen würde nachzusehen, und sie wach vorfände, würde er sie dafür tadeln. Doch in dieser Nacht war Temora gnädig. Die Frau war mit ihrer Angst allein, niemand sah die furchtsam aufgerissenen Augen, die silbrigen Tränen die über die blassen Wangen rannen. Sie zwang sich, an die letzten Tage zu denken, die Abende, bevor sie mit ihrer Angst allein in einem Raum war.
Da war die Hochedle von Winterfels gewesen. Sie war die erste gewesen, die sie in der fremden Stadt kennen gelernt hatte, wenn man den Diener ihres Bruders nicht mitzählte. Und sie hatte nicht vor, das zu tun. Ihr Bruder hatte sie mit zu ihr genommen, weil ihre Garderobe vom Salzwasser vollständig ruiniert worden war. Die Hochedle war sehr freundlich gewesen, auch wenn sie vermutlich nie Freundinnen werden würden, was allein schon daran lag, wie ihr Bruder sie ansah.
Am nächsten Abend hatte sie noch mehr Menschen kennen gelernt. Da war Sir Cedric gewesen, der sie vor ein riesiges Rätsel stellte. Sonderlich gesprächig war er nicht, aber vermutlich musste man als Ritter nicht kultiviert sein und höfliche Konversation beherrschen. Wie anders dagegen schien der Herzog zu sein. Gutmütig und freundlich, er war nicht einmal böse geworden, als sie versucht hatte, sich hinter Sir Cedric zu verstecken, in der irrigen Hoffnung, dass man sie nicht bemerken werde. Ihre Gedanken übersprangen den anderen vorerst, ihm konnte sie sich nicht widmen. Noch nicht. Dann war da noch Lady von Kastellauen gewesen. Sie war sehr freundlich gewesen. Die Lady verstand wie es ihr ging, konnte nachfühlen, wie fremd sie sich noch fühlte. Einen Moment nahm sie sich Zeit, Temora um einen Segen für die Lady zu bitten, ehe ihre Gedanken unvermittelt doch zu ihm glitten.
Sie hatte nicht gewusst, wer er war. Er brachte sie zum lachen, ließ ihr das Gefühl dass sie wichtig war, nicht ihr Bruder, nicht ihr Vater. Scherze waren geflogen, die Luft von Lachen erfüllt. Sie hatte geglaubt, nie wieder lachen zu können, doch er ließ sie vergessen. Der Abend mit ihm verging schnell. Bald schon wurde er um Hilfe ersucht, und entschuldigte sich. Sie sah ihm eine Weile nach, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, und in dieser Nacht war die Erinnerung an seine Scherze ihr Schutz vor der Finsternis.
Wer hätte schon geglaubt, dass sie ihn so bald wieder sehen würde? Am nächsten Abend war sie nach Berchgard gefahren, um das ein oder andere zu erwerben, da stand er auf einmal vor ihr. Sie war seiner Einladung auf einen Tee ins Rathaus gern gefolgt, gab es doch die Möglichkeit, noch mehr seiner Scherze, mehr Geplänkel zu haben. Eine weitere Nacht Schutz vor der Angst, eine weitere Nacht keine Fragen. Immer öfter fand ihr Blick seinen. Aus Geplänkel wurden sachte Neckereien, sie lachte sogar, offen und aus vollem Herzen. Nicht einmal die anderen Männer, ein Rekrut der Garde und der Bürgermeister, konnten sie in dieser Stunde beunruhigen oder verängstigen. Es war leicht, die mit Papieren beschäftigten Männer zu vergessen, während sie mit ihm Scherze austauschte. Auch an diesem Abend kam die Zeit des Aufbruchs zu schnell. Und in diesem Moment, im Moment des Abschieds, wurde er zum ersten Mal wirklich Rätselhaft. Er gab ihr eines seiner eigenen Pferde für den Heimweg, eine Möglichkeit, ihn wieder zu sehen, wenn sie ihm den Hengst brachte.
Sie hatte gelächelt, den ganzen Weg von Berchgard nach Adoran, und als sie den Hengst versorgte, tat sie es nicht ohne ihn ausgiebig zu streicheln. Auch in dieser Nacht hatte es keinen Schatten in ihrem Herzen gegeben. Doch der flüchtige Schutz von Kerzenlicht und Scherzen vergeht schnell, und die Angst hat sie erneut eingeholt. Jetzt liegt sie in ihrem Bett, zittert vor Angst, das Gesicht nass vor Tränen. Sie beruhigt sich nur langsam. Bald. Vielleicht nicht heute, sicher aber morgen würde es einen neuen Grund geben, sich nicht zu fürchten.
Ein leichtes Lächeln auf den Lippen schlief sie langsam ein, während am Horizont bereits der Morgen dämmerte.
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Corinne von Weissenstein
Sie saß still in der absoluten Dunkelheit ihres Zimmers und blickte aus dem Fenster. Ihre Gedanken waren nach dem heutigen Abend auf eine merkwürdige Art und Weise klar, als würde sie von außen einer anderen zusehen, die Entscheidungen traf und Dinge tat. So war es auch, wie sie wusste. Der Teil von ihr, der nun entschied war der Teil, der genau wusste was ihr drohte, wenn sie ihrem Gefühl die Führung überließ. Es war zu schön gewesen. Es war zu leicht gewesen. Und nun? Nun würde sie all das zerstören müssen, um zu beschützen was in ihren Augen schützenswert war. Sie hatte Mariella die Wahrheit gesagt. Er hielt die Nacht fern, und all die Gespenster, die in ihr lebten. Und nun durfte sie um seinetwillen nicht länger zulassen, das er ihre Angst vertrieb.
Die Worte kreisten in ihrem Kopf, wurden lauter und lauter, übertönten sich in einem schreienden Crescendo von Stimmen. „So wie er mit euch umgeht, genießt er eure Gesellschaft sehr.“ „Ihr habt ihn bereits ins Herz getroffen, was macht da ein Pfeil im Hintern?“ „So ein Ruf ist ein zerbrechliches Gebilde, Hochedle“ . Lauter und Lauter wurden die Stimmen, hämmerten auf sie ein, forderten alle ihre Aufmerksamkeit. Letzten Endes hatten die Ausführungen der Gräfin die Oberhand gewonnen. Ein Ruf war zerbrechlich. Sie würde ihn nicht zerbrechen. Weder den seinen, noch den ihres Bruders. So zerbrechlich. Sie bewegte sich vorsichtig, fühlte sich dünn, ausgehöhlt und schwach. Der Gedanke, alles zu zerstören was sich aufbaute verursachte ihr Übelkeit, doch da war noch ein anderer Satz gewesen, ein Satz, der niemals wahr werden durfte. Nicht für ihn, nicht für sie, nicht für die anderen Adeligen. „Ihr verliebt euch in ihn!“ Sie durfte nicht.
Sie hatte sich ihm gegenüber den gesamten Abend verhalten, wie es sich geziemte. Der Nachmittag war verdrängt, verschoben, vergessen. Sie durfte nicht daran denken. Also schwieg sie, beantwortete seine Fragen knapp und ausgesprochen höflich. Er musste begreifen, dass zwischen ihnen der gleiche Standesunterschied klaffte, wie zwischen ihr und einem Knecht. Eigentlich hätte er glücklich sein müssen, aber stattdessen war er verletzt. Er gab sich die Schuld daran, wie sie sich benahm, obwohl er keine Schuld trug. Nicht einmal der Gedanke, dass Sir Friedolin sie ohne Gegenwehr begleitet hatte munterte ihn auf. Im Gegenteil, er schien alles nur schlimmer zu machen. Es durfte sie nicht kümmern. Alles was ihn von ihr wegtrieb, war gut! Er musste glauben, dass die Worte des Nachmittags nicht der Wahrheit entsprochen hatten, obwohl sie es taten. Es würde ihn weiter treiben, vielleicht sogar bis er sie hasste.
Kurz schluckte sie, sie wollte nicht von ihm gehasst werden, doch erneut erklang die strenge Stimme der Gräfin in ihrem Kopf. Es musste sein. Sein Ruf durfte keinen Schaden nehmen, und aus beginnender Freundschaft musste Hass werden, damit nichts anderes daraus erwachsen konnte. Sie durfte sich nicht einmal gestatten, ihn näher kennen zu lernen. Sie mussten beide vergessen, das er sie für attraktiv hielt, das sie gern Zeit miteinander verbrachten. Wieder und wieder redete sie sich ein, dass sie all das nur zu ihrer beider besten tat, doch die Worte klangen falsch und hohl. Wie konnte es zu seinem Besten sein, wenn er so unglücklich damit war? Wenn es für sie das beste war, warum tat es dann so weh? Wenn er ihr nichts bedeutete, warum drängte sich dann das Bild an die einzige Berührung die es gab auf? Ein Handkuss. Ein Handkuss zu viel.
„Manchmal geht die Pflicht eine Straße, auf der das Herz nicht folgen kann“ flüsterte sie lautlos in die Nacht, an niemand bestimmten gerichtet. Sie würden sich beide daran gewöhnen müssen. Es war ihre Pflicht. Nun würde es keine Ausflüge geben können, die ihn dazu brachten sie auf einem Schlachtfeld ebenso kämpfen zu lassen wie jeden anderen Kämpfer auch. Es würde kein Lachen geben können, keine Scherze mehr. Nichts mehr würde zwischen ihr und der Nacht stehen, und letzten Endes auch nichts zwischen ihr und dem Feind.
Grausam gegen sich selbst führte sie sich all diese Dinge vor Augen, ehe sie sie begrub. Dieses Mal musste es die Pflicht sein. Es musste immer die Pflicht sein. Also redete sie sich ein, dass es ganz einfach war. Das war es nicht, es würde dauern, bis sie vollends damit abgeschlossen hatte, denn tief im Inneren wusste sie, dass der Satz hätte wahr werden können.
Die Worte kreisten in ihrem Kopf, wurden lauter und lauter, übertönten sich in einem schreienden Crescendo von Stimmen. „So wie er mit euch umgeht, genießt er eure Gesellschaft sehr.“ „Ihr habt ihn bereits ins Herz getroffen, was macht da ein Pfeil im Hintern?“ „So ein Ruf ist ein zerbrechliches Gebilde, Hochedle“ . Lauter und Lauter wurden die Stimmen, hämmerten auf sie ein, forderten alle ihre Aufmerksamkeit. Letzten Endes hatten die Ausführungen der Gräfin die Oberhand gewonnen. Ein Ruf war zerbrechlich. Sie würde ihn nicht zerbrechen. Weder den seinen, noch den ihres Bruders. So zerbrechlich. Sie bewegte sich vorsichtig, fühlte sich dünn, ausgehöhlt und schwach. Der Gedanke, alles zu zerstören was sich aufbaute verursachte ihr Übelkeit, doch da war noch ein anderer Satz gewesen, ein Satz, der niemals wahr werden durfte. Nicht für ihn, nicht für sie, nicht für die anderen Adeligen. „Ihr verliebt euch in ihn!“ Sie durfte nicht.
Sie hatte sich ihm gegenüber den gesamten Abend verhalten, wie es sich geziemte. Der Nachmittag war verdrängt, verschoben, vergessen. Sie durfte nicht daran denken. Also schwieg sie, beantwortete seine Fragen knapp und ausgesprochen höflich. Er musste begreifen, dass zwischen ihnen der gleiche Standesunterschied klaffte, wie zwischen ihr und einem Knecht. Eigentlich hätte er glücklich sein müssen, aber stattdessen war er verletzt. Er gab sich die Schuld daran, wie sie sich benahm, obwohl er keine Schuld trug. Nicht einmal der Gedanke, dass Sir Friedolin sie ohne Gegenwehr begleitet hatte munterte ihn auf. Im Gegenteil, er schien alles nur schlimmer zu machen. Es durfte sie nicht kümmern. Alles was ihn von ihr wegtrieb, war gut! Er musste glauben, dass die Worte des Nachmittags nicht der Wahrheit entsprochen hatten, obwohl sie es taten. Es würde ihn weiter treiben, vielleicht sogar bis er sie hasste.
Kurz schluckte sie, sie wollte nicht von ihm gehasst werden, doch erneut erklang die strenge Stimme der Gräfin in ihrem Kopf. Es musste sein. Sein Ruf durfte keinen Schaden nehmen, und aus beginnender Freundschaft musste Hass werden, damit nichts anderes daraus erwachsen konnte. Sie durfte sich nicht einmal gestatten, ihn näher kennen zu lernen. Sie mussten beide vergessen, das er sie für attraktiv hielt, das sie gern Zeit miteinander verbrachten. Wieder und wieder redete sie sich ein, dass sie all das nur zu ihrer beider besten tat, doch die Worte klangen falsch und hohl. Wie konnte es zu seinem Besten sein, wenn er so unglücklich damit war? Wenn es für sie das beste war, warum tat es dann so weh? Wenn er ihr nichts bedeutete, warum drängte sich dann das Bild an die einzige Berührung die es gab auf? Ein Handkuss. Ein Handkuss zu viel.
„Manchmal geht die Pflicht eine Straße, auf der das Herz nicht folgen kann“ flüsterte sie lautlos in die Nacht, an niemand bestimmten gerichtet. Sie würden sich beide daran gewöhnen müssen. Es war ihre Pflicht. Nun würde es keine Ausflüge geben können, die ihn dazu brachten sie auf einem Schlachtfeld ebenso kämpfen zu lassen wie jeden anderen Kämpfer auch. Es würde kein Lachen geben können, keine Scherze mehr. Nichts mehr würde zwischen ihr und der Nacht stehen, und letzten Endes auch nichts zwischen ihr und dem Feind.
Grausam gegen sich selbst führte sie sich all diese Dinge vor Augen, ehe sie sie begrub. Dieses Mal musste es die Pflicht sein. Es musste immer die Pflicht sein. Also redete sie sich ein, dass es ganz einfach war. Das war es nicht, es würde dauern, bis sie vollends damit abgeschlossen hatte, denn tief im Inneren wusste sie, dass der Satz hätte wahr werden können.
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Corinne von Weissenstein
Wind wehte um sie herum, wirbelte Schnee auf und verfing sich in den langen Haaren, die sie an diesem Morgen offen trug. Er spielte mit den schweren Röcken, während sie den Kopf in den Nacken legte und zum Himmel aufsah, der die gleiche Farbe aufwies, wie die Venen unter ihrer Haut. Die Kälte hatte ihr eine röte ins Gesicht getrieben, die sie beinahe gesund aussehen ließ. Es würde sicher noch mehr Schnee geben, aber eigentlich hatte sie bereits genug davon. In Weissenstein war der Schnee zu Matsch zertrampelt worden und gefroren, ehe sie sich wirklich daran hatte erfreuen können, so das die weiße Zuckerschicht die Adoran bedeckte für sie beinahe schon zu viel war. Sie wollte endlich wieder grün sehen, frische, lebendige Blumen deren Duft ihr in die Nase stieg und den Geruch der Stadt überdeckte. Doch der Frühling würde noch auf sich warten lassen.
Ihre Gedanken wanderten zu Remus. Auch dem Hengst würde der Frühling gut tun, der Winter und das übermäßige Kraftfutter machten das Pferd übermütig. Eine schlechtere Reiterin hätte ihn wohl nicht halten können, und wenn es das war, was Rafael als sanftmütig und brav bezeichnete, dann wollte sie nicht im Sattel seines Schlachtrosses sitzen. In einem Punkt allerdings hatte er vollkommen Recht. Er war ein hervorragendes Reitpferd, auch wenn sie ihre Meinungsverschiedenheiten miteinander auszufechten hatten. Selbst wenn der Hengst Rafael gehörte und der Tag kommen würde, an dem sie ihn wieder hergeben musste, war sie doch der Ansicht, dass es an ihr als Reiterin lag zu bestimmen, wohin sie reiten wollte und nicht am Hengst wohin ihn seine Nase gerade trieb. Insbesondere dann nicht, wenn seine Nase ihn zu seinem Herrn trieb.
Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Züge, während sie sich dem geschmiedeten Tor zuwandte, und auf die Straße heraus trat. Vielleicht würde ein rascher Morgenritt die Erinnerung an die Hinrichtung und die darauf folgende Schlacht aus ihrem Gedächtnis treiben. Gedankenverloren rieb sie über den Verband, der ihre Taille fest umschlang. Ein verdammter Pfeil hatte sie getroffen, aber nicht tief genug, um ihr wirklich gefährlich zu werden. Natürlich war mit Verwundungen nicht zu scherzen, aber sie wollte verflucht sein wenn sie sich deutlich anmerken ließ, dass sie Angst gehabt hatte.
Sie hatte alles daran gesetzt, auf dem Schlachtfeld zu stehen, und zumindest hatte ihr ablehnendes Verhalten gegenüber seiner Erlaucht dafür gesorgt, dass er es ihr nicht verbieten konnte. Was er vermutlich getan hätte. Sie war überrascht gewesen, als es so weit war. Überrascht, ihr Herz schneller schlagen zu spüren, während es das Blut durch ihren Körper jagte, zu spüren, wie sich ihre Muskeln anspannten, der kämpferische Teil von ihr die Hochedle zurück drängte bis sich ein feiner, roter Nebel vor ihre Augen senkte. Ihr Blick schärfte sich, sie nahm die Welt um sich herum, die Kameraden an ihrer Seite, die Ritter in vorderster Front neu, intensiver wahr. Es gab kein zurück. Sie würde kämpfen, und wenn es sein musste, würde sie auf dem Schlachtfeld zurückbleiben, gefallen zur Verteidigung der Gräfin.
Pfeil um Pfeil hatte sie auf die Sehne gelegt, den Bogen gespannt und geschossen. Sie vermochte nicht einmal zu sagen, ob sie jemanden verletzt hatte, jemanden getötet. War es wirklich wichtig? Sie alle lebten noch, ein weiterer Tag, ihre erste Schlacht war vorbei, und sie war am Leben. Ein rascher Blick hatte ihr versichert, das alle die sie kennen gelernt hatte noch aufrecht standen. Erst dann, erst als der Nebel aus ihrem Gesichtsfeld gewichen war, bemerkte sie ihre eigene Verwundung. Rasch legte sie die Hand darauf, ließ niemanden genauer sehen, was geschehen war. Sie wollte jetzt nicht angefasst, nicht beschützt und gehegt werden. Sie wollte nur noch in eine Taverne, bei einem Glas Wein die Anspannung gänzlich vergessen und daran denken, dass sie am Leben war. Sie hatte gekämpft. Und überlebt.
Vielleicht war es ihrem angeschlagenen Zustand zuzuschreiben, dass er ihre Abwehr derart einfach durchbrechen, die aufgebauten Schutzwälle derart leicht nieder rennen konnte. Er glaubte sie fliehe vor ihm? Er glaubte sie hätte den Gerüchten um ihn glauben geschenkt?! Aus irgendeinem Grund verletzte sie diese Vermutung. Was die Leute über ihn sagten war ihr herzlich gleichgültig, sie hatte ihn als warmherzigen, freundlichen Mann kennen gelernt, der ihr niemals zu nahe getreten war. Bei ihm hatte sie sein können, wie sie nun einmal war und er glaubte, sie würde derartiges ohne Rückfrage an ihn glauben?! Wäre ihre Erlaucht nicht anwesend gewesen, hätte sie ihm die Meinung gesagt, ihrem Temperament freien Lauf gelassen. Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt bis er wieder zu Verstand kam, aber das hätte sie sich nicht einmal gewagt, wenn sie mit ihm allein gewesen wäre. Immerhin war er ein gutes Stück größer als sie, und wie Friedolin einst bemerkt hatte, gut doppelt so schwer.
Also hatte sie es sich verbissen, ihn nur verwundert angestarrt. Würmer mussten an seinem Verstand gefressen haben, den anders konnte sie sich derart närrische Gedanken nicht erklären. Das Gespräch hatte sich gewendet, sie hatten über andere Dinge gesprochen, kämpferische Dinge, als er sie erneut dazu brachte, ihn völlig perplex anzustarren. Wie es ihre Pflicht war, würde sie sich bei einem Angriff hinter Friedolin halten, und versuchen einen Gegner aus der Distanz auszuschalten. Seine Bemerkung klang merkwürdig. Was hatte Begleitung mit der Aufstellung in einer Schlacht zu tun?
Es klang beinahe eifersüchtig. Weshalb? Sie verstand die Welt nicht mehr, und ihn am allerwenigsten, doch die Bemerkung er habe beinahe, aber eben nur beinahe Recht konnte sie sich dann doch nicht verkneifen. Immerhin gab es durchaus jemanden, den sie lieber um sich hatte, von dem sie sich lieber begleiten ließ. Aber das würde sie ihm hier und jetzt nicht auf die Nase binden.
Mit einem Kopfschütteln schwang sie sich in den Sattel, sie hatte den ganzen Weg damit verbracht, über den vergangenen Abend nachzudenken. Mit einem Gruß an den diensthabenden Wachmann ritt sie im Schritt aus der Stadt heraus, um danach den Hengst zu einem raumgreifenden Galopp anzutreiben. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und durch die Haare, wehte alle Gedanken außer denen an das Pferd unter dem Sattel und den klaren, ruhigen Morgen aus ihrem Kopf heraus.
Als sie zwei Stundenläufe später zur Stadt zurückkehrte, waren Pferd und Reiterin nass geschwitzt, aber entspannt und vergnügt.
Ihre Gedanken wanderten zu Remus. Auch dem Hengst würde der Frühling gut tun, der Winter und das übermäßige Kraftfutter machten das Pferd übermütig. Eine schlechtere Reiterin hätte ihn wohl nicht halten können, und wenn es das war, was Rafael als sanftmütig und brav bezeichnete, dann wollte sie nicht im Sattel seines Schlachtrosses sitzen. In einem Punkt allerdings hatte er vollkommen Recht. Er war ein hervorragendes Reitpferd, auch wenn sie ihre Meinungsverschiedenheiten miteinander auszufechten hatten. Selbst wenn der Hengst Rafael gehörte und der Tag kommen würde, an dem sie ihn wieder hergeben musste, war sie doch der Ansicht, dass es an ihr als Reiterin lag zu bestimmen, wohin sie reiten wollte und nicht am Hengst wohin ihn seine Nase gerade trieb. Insbesondere dann nicht, wenn seine Nase ihn zu seinem Herrn trieb.
Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Züge, während sie sich dem geschmiedeten Tor zuwandte, und auf die Straße heraus trat. Vielleicht würde ein rascher Morgenritt die Erinnerung an die Hinrichtung und die darauf folgende Schlacht aus ihrem Gedächtnis treiben. Gedankenverloren rieb sie über den Verband, der ihre Taille fest umschlang. Ein verdammter Pfeil hatte sie getroffen, aber nicht tief genug, um ihr wirklich gefährlich zu werden. Natürlich war mit Verwundungen nicht zu scherzen, aber sie wollte verflucht sein wenn sie sich deutlich anmerken ließ, dass sie Angst gehabt hatte.
Sie hatte alles daran gesetzt, auf dem Schlachtfeld zu stehen, und zumindest hatte ihr ablehnendes Verhalten gegenüber seiner Erlaucht dafür gesorgt, dass er es ihr nicht verbieten konnte. Was er vermutlich getan hätte. Sie war überrascht gewesen, als es so weit war. Überrascht, ihr Herz schneller schlagen zu spüren, während es das Blut durch ihren Körper jagte, zu spüren, wie sich ihre Muskeln anspannten, der kämpferische Teil von ihr die Hochedle zurück drängte bis sich ein feiner, roter Nebel vor ihre Augen senkte. Ihr Blick schärfte sich, sie nahm die Welt um sich herum, die Kameraden an ihrer Seite, die Ritter in vorderster Front neu, intensiver wahr. Es gab kein zurück. Sie würde kämpfen, und wenn es sein musste, würde sie auf dem Schlachtfeld zurückbleiben, gefallen zur Verteidigung der Gräfin.
Pfeil um Pfeil hatte sie auf die Sehne gelegt, den Bogen gespannt und geschossen. Sie vermochte nicht einmal zu sagen, ob sie jemanden verletzt hatte, jemanden getötet. War es wirklich wichtig? Sie alle lebten noch, ein weiterer Tag, ihre erste Schlacht war vorbei, und sie war am Leben. Ein rascher Blick hatte ihr versichert, das alle die sie kennen gelernt hatte noch aufrecht standen. Erst dann, erst als der Nebel aus ihrem Gesichtsfeld gewichen war, bemerkte sie ihre eigene Verwundung. Rasch legte sie die Hand darauf, ließ niemanden genauer sehen, was geschehen war. Sie wollte jetzt nicht angefasst, nicht beschützt und gehegt werden. Sie wollte nur noch in eine Taverne, bei einem Glas Wein die Anspannung gänzlich vergessen und daran denken, dass sie am Leben war. Sie hatte gekämpft. Und überlebt.
Vielleicht war es ihrem angeschlagenen Zustand zuzuschreiben, dass er ihre Abwehr derart einfach durchbrechen, die aufgebauten Schutzwälle derart leicht nieder rennen konnte. Er glaubte sie fliehe vor ihm? Er glaubte sie hätte den Gerüchten um ihn glauben geschenkt?! Aus irgendeinem Grund verletzte sie diese Vermutung. Was die Leute über ihn sagten war ihr herzlich gleichgültig, sie hatte ihn als warmherzigen, freundlichen Mann kennen gelernt, der ihr niemals zu nahe getreten war. Bei ihm hatte sie sein können, wie sie nun einmal war und er glaubte, sie würde derartiges ohne Rückfrage an ihn glauben?! Wäre ihre Erlaucht nicht anwesend gewesen, hätte sie ihm die Meinung gesagt, ihrem Temperament freien Lauf gelassen. Am liebsten hätte sie ihn geschüttelt bis er wieder zu Verstand kam, aber das hätte sie sich nicht einmal gewagt, wenn sie mit ihm allein gewesen wäre. Immerhin war er ein gutes Stück größer als sie, und wie Friedolin einst bemerkt hatte, gut doppelt so schwer.
Also hatte sie es sich verbissen, ihn nur verwundert angestarrt. Würmer mussten an seinem Verstand gefressen haben, den anders konnte sie sich derart närrische Gedanken nicht erklären. Das Gespräch hatte sich gewendet, sie hatten über andere Dinge gesprochen, kämpferische Dinge, als er sie erneut dazu brachte, ihn völlig perplex anzustarren. Wie es ihre Pflicht war, würde sie sich bei einem Angriff hinter Friedolin halten, und versuchen einen Gegner aus der Distanz auszuschalten. Seine Bemerkung klang merkwürdig. Was hatte Begleitung mit der Aufstellung in einer Schlacht zu tun?
Es klang beinahe eifersüchtig. Weshalb? Sie verstand die Welt nicht mehr, und ihn am allerwenigsten, doch die Bemerkung er habe beinahe, aber eben nur beinahe Recht konnte sie sich dann doch nicht verkneifen. Immerhin gab es durchaus jemanden, den sie lieber um sich hatte, von dem sie sich lieber begleiten ließ. Aber das würde sie ihm hier und jetzt nicht auf die Nase binden.
Mit einem Kopfschütteln schwang sie sich in den Sattel, sie hatte den ganzen Weg damit verbracht, über den vergangenen Abend nachzudenken. Mit einem Gruß an den diensthabenden Wachmann ritt sie im Schritt aus der Stadt heraus, um danach den Hengst zu einem raumgreifenden Galopp anzutreiben. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und durch die Haare, wehte alle Gedanken außer denen an das Pferd unter dem Sattel und den klaren, ruhigen Morgen aus ihrem Kopf heraus.
Als sie zwei Stundenläufe später zur Stadt zurückkehrte, waren Pferd und Reiterin nass geschwitzt, aber entspannt und vergnügt.
Zuletzt geändert von Corinne von Weissenstein am Dienstag 14. Februar 2012, 08:32, insgesamt 1-mal geändert.
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Corinne von Weissenstein
Es hatte ein ruhiger Abend werden sollen. Sie glaubte den Grafen beschäftigt, oder gar anderswo als sie beschloss, nach Berchgard zu fahren um das ein oder andere zu besorgen und einige Stunden fern ab vom Trubel der Stadt zu genießen. Die Wunde machte ihr mehr zu schaffen, als sie zugeben wollte und so hielt sie sich an diesem Abend fern ab von Adoran und seinen belebten Straßen, allein in der Wildnis. Der Wald und die Tiere fragten niemals danach, ob sie sich geziemend verhielt oder wer sie war und worauf sie zu achten hatte. Entsprechend wohl fühlte sie sich fern ab von allen Menschen. Doch der Zeitpunkt kam, an dem eine Rückkehr nach Adoran unumgänglich schien, sie fror, hatte Hunger und ihre Kehle war wie ausgetrocknet, als sie sich auf den Weg zum Hafen machte, möglichst einen weiten Bogen um das Rathaus schlagend. Da stand er. Am Hafen.
Sie war überrascht, hatte nicht mit ihm gerechnet, und zudem war sie ohnehin unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollte, wie sie noch mit ihm sprechen sollte. Doch es gab ein Thema, bei dem sie sich sicher fühlte. Pferde. Pferde waren unverfänglich, eine Plauderei, die keine Falle für sie bot. Sie war diejenige, die die Ansammlung merkwürdig stiller Raben bemerkte, die mit ihren glänzenden schwarzen Knopfaugen auf sie herunter sahen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn darauf aufmerksam zu machen, denn augenblicklich wandelte er sich. Er bat sie, nein er befahl ihr, eines der Viecher abzuschießen und so löste sie den Bogen von ihrer Schulter und wählte einen der Pfeile aus. Während sie sich um ihren Bogen kümmerte trat sie neben ihn, nahm den nahenden Liam nur aus dem Augenwinkel wahr. Ihr Körper spannte sich, der Herzschlag wurde langsamer, der Atem tiefer, als sie sich auf ihr Ziel konzentrierte. Nur dieser eine Rabe war noch wichtig, ein einziges schwarzes Federvieh, während sie darauf vertraute, das die beiden Männer sie schützen würden.
Die Bewegung mit der sie den Pfeil auf die Sehne legte und den Bogen spannte war flüssig. Die Schmerzen waren für den Moment vergessen. Er wollte einen toten Raben, und er sollte ihn bekommen. Mit einem stillen, wortlosen Gebet an Temora lies sie die Sehne los und den Pfeil auf sein Ziel zufliegen. Es war ein guter Schuss, der jeden normalen Raben getötet hätte, doch dieses Vieh löste sich mitsamt seiner Spießgesellen einfach auf. Das Blut rauschte durch ihre Adern als sie durch einen Nebel Rafaels und Liams Stimmen vernahm. Rabendiener. Ein Rabendiener war in der Nähe. Ohne eine weitere Aufforderung wich sie zurück, positionierte sich hinter ihm. Ein weiterer Pfeil wurde auf die Sehne gelegt, ein weiteres Mal der Bogen gespannt, doch wie sollte sie einen Feind erlegen, den sie nicht sehen konnte?
Furcht nahm ihr Herz in Besitz, als sie die Stimme in ihren Gedanken hörte. So schmeichlerisch, so sanft. „Glaubst du wirklich er kann dich beschützen?“ Glaubte sie das tatsächlich? Glaubte sie, das der Mann vor ihr sie vor dem Zorn der Rabendiener schützen konnte, dass sie es überleben würde, auf die Ausgeburten des Wahnsinns geschossen zu haben? Ihre Stimme zitterte, als sie Rafael entsetzt fragte, was da in ihrem Kopf war. Woher kamen diese fremden Gedanken, diese Stimme die so schmeichelte? Sie hörte seine Antwort nicht einmal, nur den Rat, die Stimme zu ignorieren. Dennoch zischte sie eine Antwort. Seine Stimme hatte die Angst fort gejagt, seine Sicherheit gab ihr für den Moment die Kraft, die sie brauchte um sich der Angst zu widersetzen. „Er kann.“
Für Unsicherheit war kein Platz, während sie Rafael im Blick behielt, die Umgebung nach dem Verantwortlichen für all das absuchte. Einen Moment lenkte ein merkwürdiges Wesen sie ab, das scheinbar zu Liam gehörte. Zumindest äußerte er sich entsprechend. Sie hatte den jungen Magier gern, würde sich aber hüten nach seiner Reaktion auf Sir Friedolin auch nur ansatzweise etwas davon gegenüber seiner Erlaucht fallen zu lassen. Sie musste sein Verhalten nicht noch merkwürdiger machen, als es ohnehin schon war. Sie spürte wie mit der erzwungenen Tatenlosigkeit das Blut schneller und schneller durch ihre Adern rauschte, sie in einen Zustand versetzte in dem jede unerwartete Bewegung dafür sorgen würde, das sie die Sehne los ließ. Entsprechend aufmerksam behielt sie die beiden Männer im Auge, die sie instinktiv in der Kategorie „Freunde und Kameraden“ einsortierte. Sie wusste, sie durfte nicht auf diese beiden schießen, aber jeder andere wäre für den Moment ein Feind.
Sie wusste nicht, warum sie so reagierte, hatte mit dem schmalen Grat auf dem sie sich derzeit bewegte noch keine Erfahrung gemacht, kannte die Anspannung nicht, die einen Krieger zu dem machte, was er nun einmal war. Die Beherrschung ihrer Instinkte fehlte noch, war ungeschult, nicht ausgebildet worden. Für einen kurzen Moment hatte sie beinahe Angst vor sich selbst, dann verdrängte das Blut in ihr alles andere. Als Rafael los sprintete dauerte es nur einen Moment, bis sie ihm folgte. Sie würde ihn nicht allein jagen lassen. Alles in ihr schrie danach, den Rabendiener dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er sie erschreckt hatte.
Die smaragdfarbenen Augen glitzerten wütend, als sie hier und dorthin stürmten, auf der Suche nach etwas, das so schwer zu fassen war wie Nebel. Sie wollte ihn erwischen. Sie wollte die Möglichkeit bekommen, ihn vor ihrem Bogen zu haben, weil er sie in diese Wut gebracht hatte, die sie nicht kontrollieren, nicht erfassen konnte. Er war nicht aufzufinden, blieb verschwunden. Nur widerwillig folgte sie dem Befehl, Rafael zum Rathaus zurück zu begleiten. Sie wollte weiter jagen, wollte ihm seine verfluchten Federn ausreißen, aber sie wusste, das der Graf sie niemals allein losziehen lassen würde. Vermutlich würde er versuchen sie zu beschützen und ihr nicht einmal die Gelegenheit bieten, ihre Wut auszulassen.
Nur langsam wich ihre eigene Wut, ihr Hass, so weit zurück, dass sie seine ertragen konnte. Dennoch, sie brodelte weiterhin, dicht unter der kultivierten Oberfläche, bereit beim kleinsten Funken erneut aufzuflammen. Sie sollte in dieser Stimmung nicht in seiner Nähe sein, doch ihr fiel kein Grund ein, zu gehen. Sie hielt sich krampfhaft am Rande des Abgrunds, den ihr Zorn aufgebrochen hatte, hielt sich dicht an der Grenze dessen, was noch als akzeptables Verhalten gelten würde, doch natürlich kam der Moment, in dem er es war, der sie erneut reizte.
Unkontrollierbar war sie über die Grenze hinaus geschossen, von ihrer Wut beseelt. Ihre Worte waren zu direkt gewesen, ohne den Schnaps der sie bei der Versorgung ihrer Wunde ruhig gestellt hatte und den Zorn, den der Rabendiener hervorgerufen hatte, wäre er nie in der Lage gewesen, sie so weit zu treiben.
Er hatte ihr Befehle erteilt, sie von Torjan untersuchen lassen, keine Widerrede geduldet, aber das er sie um ihre Beute bringen wollte, ihr verbieten wollte den Rabendiener zu jagen wenn er Rafael holte, das ging eindeutig zu weit. Sie zügelte sich, notgedrungen. Er war immer noch ein Graf, und de facto hatte er durchaus das Recht, ihr Befehle zu erteilen. Ob es klug war das zu tun stand allerdings auf einem anderen Bogen Pergament. Sie würde ebenso reagieren, wie sie es täte wenn in ihrer Gegenwart eine ähnliche Drohung an Mariella ergangen wäre, sie würde diejenigen schützen, die regierten. Wenn er glaubte, er könne sie übergehen nur weil sie eine Frau war, nun, dann war es vielleicht an der Zeit das er lernte, dass sie sich nicht so einfach übergehen ließ.
Sie musste hier weg, fort von ihm und allem was an diesem Abend geschehen war, doch sie widersprach nicht, als er darauf bestand sie zu begleiten. Seine Anwesenheit war das letzte, was sie nun brauchte, aber er würde den Gedanken sie hätte einen anderen Ritter lieber um sich wohl nie fallen lassen, wenn sie ihn nun abwies. Vielleicht würde sie auf dem Heimweg antworten bekommen. Vielleicht würde sie dann endlich verstehen, warum er sich benahm als wäre er vom wilden Floh gebissen, sobald es um die Frage ging, ob sie sich um ihn sorgen durfte oder nicht. Und vielleicht würde er dann auch verstehen, dass nicht er derjenige sein würde, der die Entscheidung traf. Sie war keine Puppe, die man in eine Ecke stellte und dann und wann hervorholte. Wenn das bis zu ihm noch nicht durchgedrungen war, dann wurde es langsam aber sicher Zeit.
Sie war überrascht, hatte nicht mit ihm gerechnet, und zudem war sie ohnehin unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollte, wie sie noch mit ihm sprechen sollte. Doch es gab ein Thema, bei dem sie sich sicher fühlte. Pferde. Pferde waren unverfänglich, eine Plauderei, die keine Falle für sie bot. Sie war diejenige, die die Ansammlung merkwürdig stiller Raben bemerkte, die mit ihren glänzenden schwarzen Knopfaugen auf sie herunter sahen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn darauf aufmerksam zu machen, denn augenblicklich wandelte er sich. Er bat sie, nein er befahl ihr, eines der Viecher abzuschießen und so löste sie den Bogen von ihrer Schulter und wählte einen der Pfeile aus. Während sie sich um ihren Bogen kümmerte trat sie neben ihn, nahm den nahenden Liam nur aus dem Augenwinkel wahr. Ihr Körper spannte sich, der Herzschlag wurde langsamer, der Atem tiefer, als sie sich auf ihr Ziel konzentrierte. Nur dieser eine Rabe war noch wichtig, ein einziges schwarzes Federvieh, während sie darauf vertraute, das die beiden Männer sie schützen würden.
Die Bewegung mit der sie den Pfeil auf die Sehne legte und den Bogen spannte war flüssig. Die Schmerzen waren für den Moment vergessen. Er wollte einen toten Raben, und er sollte ihn bekommen. Mit einem stillen, wortlosen Gebet an Temora lies sie die Sehne los und den Pfeil auf sein Ziel zufliegen. Es war ein guter Schuss, der jeden normalen Raben getötet hätte, doch dieses Vieh löste sich mitsamt seiner Spießgesellen einfach auf. Das Blut rauschte durch ihre Adern als sie durch einen Nebel Rafaels und Liams Stimmen vernahm. Rabendiener. Ein Rabendiener war in der Nähe. Ohne eine weitere Aufforderung wich sie zurück, positionierte sich hinter ihm. Ein weiterer Pfeil wurde auf die Sehne gelegt, ein weiteres Mal der Bogen gespannt, doch wie sollte sie einen Feind erlegen, den sie nicht sehen konnte?
Furcht nahm ihr Herz in Besitz, als sie die Stimme in ihren Gedanken hörte. So schmeichlerisch, so sanft. „Glaubst du wirklich er kann dich beschützen?“ Glaubte sie das tatsächlich? Glaubte sie, das der Mann vor ihr sie vor dem Zorn der Rabendiener schützen konnte, dass sie es überleben würde, auf die Ausgeburten des Wahnsinns geschossen zu haben? Ihre Stimme zitterte, als sie Rafael entsetzt fragte, was da in ihrem Kopf war. Woher kamen diese fremden Gedanken, diese Stimme die so schmeichelte? Sie hörte seine Antwort nicht einmal, nur den Rat, die Stimme zu ignorieren. Dennoch zischte sie eine Antwort. Seine Stimme hatte die Angst fort gejagt, seine Sicherheit gab ihr für den Moment die Kraft, die sie brauchte um sich der Angst zu widersetzen. „Er kann.“
Für Unsicherheit war kein Platz, während sie Rafael im Blick behielt, die Umgebung nach dem Verantwortlichen für all das absuchte. Einen Moment lenkte ein merkwürdiges Wesen sie ab, das scheinbar zu Liam gehörte. Zumindest äußerte er sich entsprechend. Sie hatte den jungen Magier gern, würde sich aber hüten nach seiner Reaktion auf Sir Friedolin auch nur ansatzweise etwas davon gegenüber seiner Erlaucht fallen zu lassen. Sie musste sein Verhalten nicht noch merkwürdiger machen, als es ohnehin schon war. Sie spürte wie mit der erzwungenen Tatenlosigkeit das Blut schneller und schneller durch ihre Adern rauschte, sie in einen Zustand versetzte in dem jede unerwartete Bewegung dafür sorgen würde, das sie die Sehne los ließ. Entsprechend aufmerksam behielt sie die beiden Männer im Auge, die sie instinktiv in der Kategorie „Freunde und Kameraden“ einsortierte. Sie wusste, sie durfte nicht auf diese beiden schießen, aber jeder andere wäre für den Moment ein Feind.
Sie wusste nicht, warum sie so reagierte, hatte mit dem schmalen Grat auf dem sie sich derzeit bewegte noch keine Erfahrung gemacht, kannte die Anspannung nicht, die einen Krieger zu dem machte, was er nun einmal war. Die Beherrschung ihrer Instinkte fehlte noch, war ungeschult, nicht ausgebildet worden. Für einen kurzen Moment hatte sie beinahe Angst vor sich selbst, dann verdrängte das Blut in ihr alles andere. Als Rafael los sprintete dauerte es nur einen Moment, bis sie ihm folgte. Sie würde ihn nicht allein jagen lassen. Alles in ihr schrie danach, den Rabendiener dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass er sie erschreckt hatte.
Die smaragdfarbenen Augen glitzerten wütend, als sie hier und dorthin stürmten, auf der Suche nach etwas, das so schwer zu fassen war wie Nebel. Sie wollte ihn erwischen. Sie wollte die Möglichkeit bekommen, ihn vor ihrem Bogen zu haben, weil er sie in diese Wut gebracht hatte, die sie nicht kontrollieren, nicht erfassen konnte. Er war nicht aufzufinden, blieb verschwunden. Nur widerwillig folgte sie dem Befehl, Rafael zum Rathaus zurück zu begleiten. Sie wollte weiter jagen, wollte ihm seine verfluchten Federn ausreißen, aber sie wusste, das der Graf sie niemals allein losziehen lassen würde. Vermutlich würde er versuchen sie zu beschützen und ihr nicht einmal die Gelegenheit bieten, ihre Wut auszulassen.
Nur langsam wich ihre eigene Wut, ihr Hass, so weit zurück, dass sie seine ertragen konnte. Dennoch, sie brodelte weiterhin, dicht unter der kultivierten Oberfläche, bereit beim kleinsten Funken erneut aufzuflammen. Sie sollte in dieser Stimmung nicht in seiner Nähe sein, doch ihr fiel kein Grund ein, zu gehen. Sie hielt sich krampfhaft am Rande des Abgrunds, den ihr Zorn aufgebrochen hatte, hielt sich dicht an der Grenze dessen, was noch als akzeptables Verhalten gelten würde, doch natürlich kam der Moment, in dem er es war, der sie erneut reizte.
Unkontrollierbar war sie über die Grenze hinaus geschossen, von ihrer Wut beseelt. Ihre Worte waren zu direkt gewesen, ohne den Schnaps der sie bei der Versorgung ihrer Wunde ruhig gestellt hatte und den Zorn, den der Rabendiener hervorgerufen hatte, wäre er nie in der Lage gewesen, sie so weit zu treiben.
Er hatte ihr Befehle erteilt, sie von Torjan untersuchen lassen, keine Widerrede geduldet, aber das er sie um ihre Beute bringen wollte, ihr verbieten wollte den Rabendiener zu jagen wenn er Rafael holte, das ging eindeutig zu weit. Sie zügelte sich, notgedrungen. Er war immer noch ein Graf, und de facto hatte er durchaus das Recht, ihr Befehle zu erteilen. Ob es klug war das zu tun stand allerdings auf einem anderen Bogen Pergament. Sie würde ebenso reagieren, wie sie es täte wenn in ihrer Gegenwart eine ähnliche Drohung an Mariella ergangen wäre, sie würde diejenigen schützen, die regierten. Wenn er glaubte, er könne sie übergehen nur weil sie eine Frau war, nun, dann war es vielleicht an der Zeit das er lernte, dass sie sich nicht so einfach übergehen ließ.
Sie musste hier weg, fort von ihm und allem was an diesem Abend geschehen war, doch sie widersprach nicht, als er darauf bestand sie zu begleiten. Seine Anwesenheit war das letzte, was sie nun brauchte, aber er würde den Gedanken sie hätte einen anderen Ritter lieber um sich wohl nie fallen lassen, wenn sie ihn nun abwies. Vielleicht würde sie auf dem Heimweg antworten bekommen. Vielleicht würde sie dann endlich verstehen, warum er sich benahm als wäre er vom wilden Floh gebissen, sobald es um die Frage ging, ob sie sich um ihn sorgen durfte oder nicht. Und vielleicht würde er dann auch verstehen, dass nicht er derjenige sein würde, der die Entscheidung traf. Sie war keine Puppe, die man in eine Ecke stellte und dann und wann hervorholte. Wenn das bis zu ihm noch nicht durchgedrungen war, dann wurde es langsam aber sicher Zeit.
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Corinne von Weissenstein
Sie lernte. Jeden Tag, mit jeder Jagd lernte sie. Zunächst hatte sie es noch mit einem Metallenen Panzer versucht, dessen Ringe beinahe schuppig übereinander angelegt waren, doch es war nichts für sie. Dann hatte Gabriel ihr eine Rüstung geschenkt, die für sie perfekt war. Sie schränkte die Bewegungen nicht ein, bot ihr aber dennoch Schutz. Ein passendes Gegenstück zu dem Bogen, den sie bereits besaß. Sie überprüfte die Rüstung genau, ebenso wie sie es mit ihrem Bogen und den Pfeilen tat, um jedes Stück das nicht mehr ihren Ansprüchen genügte heraus zu legen und zu ersetzen. Sie konnte sich keine Fehler erlauben.
Ihre Bewegungen waren knapper geworden, effizienter und geschmeidiger. Sie war stärker und schneller geworden, treffsicherer und wesentlich effektiver in ihren Entscheidungen, wann und wohin sie ihre Pfeile abschoss. Sie wusste, wohin es führen würde, wenn sie sich weiter unterweisen ließ, wenn sie ihre Fähigkeiten ausbaute und sich schlussendlich sogar dem Nahkampf widmete. Wenn sie mit ihr fertig waren, würde sie selbst eine Waffe sein, tödlich wie ihr Bogen. Ihre Reflexe würden ihr dann erlauben, in Sekundenbruchteilen zu reagieren. Einen kurzen Moment lächelte sie. Das Lächeln ließ ihr hartes, kühles Gesicht für einen Moment wieder jünger werden. Zu der Frau, die vor beinahe zwei Wochenläufen die Stadt erreicht hatte.
War erst so wenig Zeit vergangen? Sie hatte so viel gelernt, und schlussendlich, das war ihr am vergangenen Abend klar geworden, hatte sie auch ihren Platz gefunden. Sie konnte keine Ritterin sein und in vorderster Front kämpfen, aber dennoch war sie eine Kämpferin und sie liebte den Moment, in dem nichts anderes zählte als ihr Bogen, ihre Kameraden und ihr Ziel. Sie hatte gelernt zu lächeln, wenn man ein Lächeln erwartete und zu kämpfen, wenn ein Kampf notwendig war. Sie hatte Menschen gefunden, denen sie beinahe so etwas wie Vertrauen und Freundschaft entgegen brachte.
Liam war so ein Fall. Sie mochte den stets etwas konfusen jungen Magier, seine stets etwas spitzbübische Art brachte sie zum lachen. Zudem, und auch dessen war sie sich sicher, konnte sie auf ihn zählen. Liam war einer der wenigen Menschen, die wussten, wie man mit ihr umgehen musste wenn die Wut sie beherrschte. Sie würde ihm nicht schaden, ihm länger böse zu sein war ohnehin nahezu unmöglich. Einen anderen gab es noch, von dem sie es kaum erwartet hätte. Sir Thelor vermied beinahe instinktiv, dass sie überhaupt in Wut geriet. Auch mit ihm konnte sie lachen, scherzen und einen Kampf suchen, wenn sie einen brauchte. Er sah viele Dinge ein wenig anders, als man es erwarten würde, und vor einigen Tagen hatte sie überrascht festgestellt, dass sie ihn gern um sich hatte.
Dann gab es natürlich noch das laufende Rätsel, Antarion. Manches Mal wusste sie nicht, ob der junge Mann scherzte oder ernst sprach, aber es wäre definitiv gelogen, wenn man behaupten würde sie meide seine Gesellschaft. Antarion hatte ihr etwas entgegen zu setzen. Das reizte sie immer wieder und so überrascht sie gewesen war, als er ihr seine Freundschaft anbot, so erfreut war sie auch. Ob es wirklich Freundschaft werden konnte würde sich sicher zeigen, aber bisweilen war sie durchaus geneigt, ihm den Versuch zuzugestehen. Auch aus Varla wurde sie noch nicht recht schlau, doch zumindest war die andere Frau bereit, sie nicht zu behandeln wie eine Zuckerpuppe, auf die man ständig und dauernd achten musste. Varla bekam nicht gleich einen Herzanfall, wenn Corinne sich mit etwas gewagteren Manövern an den Rand der Gefahr begab, aber eben nur an den Rand. Vielleicht verstand sie sie besser, als man es auf den ersten Blick vermuten mochte, doch auch Varla kannte sie noch zu wenig um zu wissen, ob sie ihr dauerhaft vertrauen konnte.
Und natürlich Mariella. So sehr sie es vermied, sich derartiges anmerken zu lassen, sie verehrte die Gräfin und würde alles tun, um ihr Leben zu schützen. Mariella war in ihren Augen nahezu perfekt, stets sicher in ihrem Auftreten und auf eine sanfte Art und Weise hatte auch sie dazu beigetragen, dass Corinne sich verändert hatte. Wenn sie an sich selbst zurückdachte, an den Wildfang der zwischen Adel und Ungestüm gefangen gewesen war, musste sie beinahe lächeln. Mariella zu dienen war eine gute Entscheidung gewesen, die sie nicht bereute. Ihre Herrin gestand ihr wesentlich mehr zu, als man auf den ersten Blick so glauben mochte. Auf der anderen Seite stand natürlich auch die Frage, wie sie ihren Aufgaben gerecht werden konnte, wenn sie die „Vorschläge“ beachtete die beinhalteten, wann sie wo zu sein hatte, und wo sie am besten überhaupt nicht hinging.
Mit einem Lächeln schüttelte die blonde Frau den Kopf. Beinahe unmerklich hatte sich um sie herum ein Leben aufgebaut, das sie nicht mehr missen wollte. Ihre Tage waren von den frühen Morgenstunden bis zum letzten Licht des Tages, oft sogar bis in den Späten Abend hinein, ausgefüllt. Seit Tagen schon war sie nur noch erschöpft in ihr Bett gefallen, hatte nicht einmal die Zeit gehabt, noch nachzudenken. Nicht an ihre Eltern, nicht an ihre Heimat, nicht an ihre Zukunft. Und wenn sie ehrlich war, dann war sie beinahe glücklich damit.
Ihre Bewegungen waren knapper geworden, effizienter und geschmeidiger. Sie war stärker und schneller geworden, treffsicherer und wesentlich effektiver in ihren Entscheidungen, wann und wohin sie ihre Pfeile abschoss. Sie wusste, wohin es führen würde, wenn sie sich weiter unterweisen ließ, wenn sie ihre Fähigkeiten ausbaute und sich schlussendlich sogar dem Nahkampf widmete. Wenn sie mit ihr fertig waren, würde sie selbst eine Waffe sein, tödlich wie ihr Bogen. Ihre Reflexe würden ihr dann erlauben, in Sekundenbruchteilen zu reagieren. Einen kurzen Moment lächelte sie. Das Lächeln ließ ihr hartes, kühles Gesicht für einen Moment wieder jünger werden. Zu der Frau, die vor beinahe zwei Wochenläufen die Stadt erreicht hatte.
War erst so wenig Zeit vergangen? Sie hatte so viel gelernt, und schlussendlich, das war ihr am vergangenen Abend klar geworden, hatte sie auch ihren Platz gefunden. Sie konnte keine Ritterin sein und in vorderster Front kämpfen, aber dennoch war sie eine Kämpferin und sie liebte den Moment, in dem nichts anderes zählte als ihr Bogen, ihre Kameraden und ihr Ziel. Sie hatte gelernt zu lächeln, wenn man ein Lächeln erwartete und zu kämpfen, wenn ein Kampf notwendig war. Sie hatte Menschen gefunden, denen sie beinahe so etwas wie Vertrauen und Freundschaft entgegen brachte.
Liam war so ein Fall. Sie mochte den stets etwas konfusen jungen Magier, seine stets etwas spitzbübische Art brachte sie zum lachen. Zudem, und auch dessen war sie sich sicher, konnte sie auf ihn zählen. Liam war einer der wenigen Menschen, die wussten, wie man mit ihr umgehen musste wenn die Wut sie beherrschte. Sie würde ihm nicht schaden, ihm länger böse zu sein war ohnehin nahezu unmöglich. Einen anderen gab es noch, von dem sie es kaum erwartet hätte. Sir Thelor vermied beinahe instinktiv, dass sie überhaupt in Wut geriet. Auch mit ihm konnte sie lachen, scherzen und einen Kampf suchen, wenn sie einen brauchte. Er sah viele Dinge ein wenig anders, als man es erwarten würde, und vor einigen Tagen hatte sie überrascht festgestellt, dass sie ihn gern um sich hatte.
Dann gab es natürlich noch das laufende Rätsel, Antarion. Manches Mal wusste sie nicht, ob der junge Mann scherzte oder ernst sprach, aber es wäre definitiv gelogen, wenn man behaupten würde sie meide seine Gesellschaft. Antarion hatte ihr etwas entgegen zu setzen. Das reizte sie immer wieder und so überrascht sie gewesen war, als er ihr seine Freundschaft anbot, so erfreut war sie auch. Ob es wirklich Freundschaft werden konnte würde sich sicher zeigen, aber bisweilen war sie durchaus geneigt, ihm den Versuch zuzugestehen. Auch aus Varla wurde sie noch nicht recht schlau, doch zumindest war die andere Frau bereit, sie nicht zu behandeln wie eine Zuckerpuppe, auf die man ständig und dauernd achten musste. Varla bekam nicht gleich einen Herzanfall, wenn Corinne sich mit etwas gewagteren Manövern an den Rand der Gefahr begab, aber eben nur an den Rand. Vielleicht verstand sie sie besser, als man es auf den ersten Blick vermuten mochte, doch auch Varla kannte sie noch zu wenig um zu wissen, ob sie ihr dauerhaft vertrauen konnte.
Und natürlich Mariella. So sehr sie es vermied, sich derartiges anmerken zu lassen, sie verehrte die Gräfin und würde alles tun, um ihr Leben zu schützen. Mariella war in ihren Augen nahezu perfekt, stets sicher in ihrem Auftreten und auf eine sanfte Art und Weise hatte auch sie dazu beigetragen, dass Corinne sich verändert hatte. Wenn sie an sich selbst zurückdachte, an den Wildfang der zwischen Adel und Ungestüm gefangen gewesen war, musste sie beinahe lächeln. Mariella zu dienen war eine gute Entscheidung gewesen, die sie nicht bereute. Ihre Herrin gestand ihr wesentlich mehr zu, als man auf den ersten Blick so glauben mochte. Auf der anderen Seite stand natürlich auch die Frage, wie sie ihren Aufgaben gerecht werden konnte, wenn sie die „Vorschläge“ beachtete die beinhalteten, wann sie wo zu sein hatte, und wo sie am besten überhaupt nicht hinging.
Mit einem Lächeln schüttelte die blonde Frau den Kopf. Beinahe unmerklich hatte sich um sie herum ein Leben aufgebaut, das sie nicht mehr missen wollte. Ihre Tage waren von den frühen Morgenstunden bis zum letzten Licht des Tages, oft sogar bis in den Späten Abend hinein, ausgefüllt. Seit Tagen schon war sie nur noch erschöpft in ihr Bett gefallen, hatte nicht einmal die Zeit gehabt, noch nachzudenken. Nicht an ihre Eltern, nicht an ihre Heimat, nicht an ihre Zukunft. Und wenn sie ehrlich war, dann war sie beinahe glücklich damit.
Zuletzt geändert von Corinne von Weissenstein am Sonntag 19. Februar 2012, 10:58, insgesamt 1-mal geändert.
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Corinne von Weissenstein
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Corinne von Weissenstein
Wutentbrannt warf sie ihre Kleider in die schwere Reisetruhe. Stunde um Stunde war sie gerannt, gerannt um wieder zu sich selbst zu finden, zu vergessen, was geschehen war, doch vergeblich. Sie konnte nicht vergessen, sich nicht vergeben. Ihm nicht vergeben. Kleidungsstück auf Kleidungsstück flog in die Truhe. Sie würde nach Hause gehen. Zurück nach Weissenstein. Egal was ihr Vater dazu sagen würde. Sie gehörte hier nicht her. Sie konnte hier nicht bleiben.
Sie musste fort, fort von ihm, fort von ihren Gedanken. Zuhause würde sie sich von Theresia trösten lassen. Das Mädchen war immer Freundin, Vertraute gewesen. Eine Dienerin die sie gern um sich hatte, die niemandem verraten würde, welchen Schaden das Herz ihrer Herrin genommen hatte.
Es pochte energisch an der Tür. Um diese Zeit? Besuch? Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt, bereit, sie sofort wieder zuzuschlagen wenn sie es musste. Der Bote steckte den Brief durch die Tür.
Wie merkwürdig, er war an sie Adressiert, in der steilen, strengen Handschrift ihres Vaters.
Zitternd öffnete sie den Umschlag, brach das Siegel das ihn verschloss. Ihr Blick überflog die Nachricht, dann richtete sie sich mit einem tiefen durchatmen auf, straffte die Haltung. Gut, wenn man es so wollte, würde sie bleiben. Aber nicht mehr allein. Theresia würde kommen, bei ihr sein. Sie müsste all das nicht mehr allein durchstehen.
Erzwungen ruhig ging sie in ihr Zimmer zurück und begann die Kleider wieder im Schrank zu verstauen. Jetzt war sie nicht mehr allein. Sie würde Theresia in Berchgard abholen. Morgen. Morgen würde sie sie holen.
Sie musste fort, fort von ihm, fort von ihren Gedanken. Zuhause würde sie sich von Theresia trösten lassen. Das Mädchen war immer Freundin, Vertraute gewesen. Eine Dienerin die sie gern um sich hatte, die niemandem verraten würde, welchen Schaden das Herz ihrer Herrin genommen hatte.
Es pochte energisch an der Tür. Um diese Zeit? Besuch? Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt, bereit, sie sofort wieder zuzuschlagen wenn sie es musste. Der Bote steckte den Brief durch die Tür.
Wie merkwürdig, er war an sie Adressiert, in der steilen, strengen Handschrift ihres Vaters.
Zitternd öffnete sie den Umschlag, brach das Siegel das ihn verschloss. Ihr Blick überflog die Nachricht, dann richtete sie sich mit einem tiefen durchatmen auf, straffte die Haltung. Gut, wenn man es so wollte, würde sie bleiben. Aber nicht mehr allein. Theresia würde kommen, bei ihr sein. Sie müsste all das nicht mehr allein durchstehen.
Erzwungen ruhig ging sie in ihr Zimmer zurück und begann die Kleider wieder im Schrank zu verstauen. Jetzt war sie nicht mehr allein. Sie würde Theresia in Berchgard abholen. Morgen. Morgen würde sie sie holen.
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Corinne von Weissenstein
Rasch schlug ihr Herz im Rhythmus des Kampfes. Hier war es von Vorteil, schmal und wendig zu sein, sie bot ein kleineres, ein schwer zu treffendes Ziel. Es war so schwer. Ihr Herz wurde von so vielem bewegt, so viele Schatten, die sie in jeden einzelnen Kampf begleiteten.
Kraft.
Einen Moment hatte sie beinahe den Eindruck, Thelors Rüstung aufleuchten zu sehen als sie einen weiteren Pfeil auf den Gegner fliegen ließ. Thelor, der sie nie als kleine zarte Adelige gesehen hatte, die dringend beschützt werden musste. Er war es gewesen, der ihr immer einen Ausweg gelassen hatte. Was sah er? Welchen Teil ihrer Persönlichkeit kannte er?
Mut.
Ein Windhauch trug die Stimme mit sich. Herausforderungen waren dazu da, das man sie annahm. Hudgarr hatte es ihr beigebracht, obwohl er nie viel sprach. Er hatte keine Ausflüchte akzeptiert, hatte niemals erwartet, dass sie alles auf Anhieb beherrschte, doch er erwartete auch, dass sie sich der Herausforderung annahm – und siegte.
Stolz.
„Ich bin stolz auf dich.“ So schlichte Worte, doch aus seinem Mund waren sie so unglaublich wertvoll. Gabriel. Stets auf Haltung bedacht kam er in der Welt des Adels vermutlich wesentlich leichter zurecht als sie. Er hatte die natürliche Neigung dazu, alles zu verbergen was ihm wichtig war, doch bei ihr fiel es ihm unnatürlich schwer. Er hatte ihr beigebracht, den Kopf oben zu halten, gleichgültig was sie tat.
Freundschaft.
Liam. Wann hatte es angefangen, das er sich veränderte? Inzwischen sah der junge Mann älter aus als er war. Er war härter geworden, unnahbarer. Aber er war noch immer ihr Freund, war noch immer ein Mensch, den sie an ihrer Seite schätzte, auch wenn er die Stimme der Vorsicht war. Er versuchte sie zu zügeln, gab den Versuch niemals auf. Sie respektierte und ehrte ihn für das, was er war, für das was er darstellte.
Disziplin.
Beherrscht. Niemals eine Regung, niemals Emotionen zeigen, wenn man es nicht musste. Mariella. Sie verehrte die Gräfin, jünger als sie selbst doch so viel beherrschter, so viel erfahrener. Ein schützender, disziplinierter Schatten über ihr. Manchmal hatte sie Angst vor Mariella, das Wissen, dass sie durch ihre impulsive Art eine Enttäuschung für sie war, machte es nicht leichter. Mariella hatte Recht gehabt, und nun wagte sie es nicht, zu ihr zu gehen und sich alles von der Seele zu reden. Zu sehr hatte sie sich von allem verschrecken lassen.
Wie viel wäre anders gekommen, wenn sie sich zu ihr getraut hätte? Wie viel hätte man ändern können? Hätte Mariella ihr geholfen? Sie wusste es nicht, doch in diesem Moment war es das, was Mariella verkörperte, das ihr im Kampf zur Seite stand.
Jeder von ihnen stand für viele Aspekte, so viele, so wirbelnde, verschwimmende, ineinander greifende Aspekte, das sie die Schatten bald nicht mehr auseinander halten konnte. Selbst dann nicht, als der eine, der Schatten dem sie keine Gestalt, keinen Namen geben wollte sich darunter mischte, obwohl er ihr am vertrautesten war.
Ehre. Kraft. Treue. Mut. Freundschaft. Wissen. Weisheit. Schutz. Disziplin. Beherrschung. Geduld. Vertrauen.
Ein letztes Mal drehte sich die Schattengestalt um, hob grüßend den Bogen... Dann verschwand sie vor ihren Augen. Es war nicht wer sie war, aber wer sie sein wollte. Wer war sie? Nur ein adeliges Gör? Ein Kind dem man einen Bogen zum spielen gegeben hatte? Sprach nicht der Blutrausch in den sie verfiel dagegen?
Warum fiel es ihr so schwer, sich anzupassen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, wie es die Situation verlangte? War es nur die Unsicherheit die sie lenkte, oder war sie schlichtweg unfähig, irgendetwas zu verbergen? Ihr Temperament ging zu oft mit ihr durch, sie ließ sich zu leicht reizen. Es war in ihren Augen das schlimmste zu wissen, das sie nicht passte.
Sie war nicht schwach genug.
Nicht feige genug.
Nicht unnahbar genug.
Nicht misstrauisch genug.
Nicht diszipliniert genug.
Sie passte nicht hinein, egal wohin sie sich begab. Das hier war nicht Weissenstein. Einerseits war alles viel freier, andererseits waren auch die Richtlinien viel strenger. Und sie passte nicht hinein.
Ein letzter Pfeil flog in Richtung des Gegners, der Schatten der ihn begleitete trug ihr eigenes Gesicht. Sein Name war Zweifel.
Kraft.
Einen Moment hatte sie beinahe den Eindruck, Thelors Rüstung aufleuchten zu sehen als sie einen weiteren Pfeil auf den Gegner fliegen ließ. Thelor, der sie nie als kleine zarte Adelige gesehen hatte, die dringend beschützt werden musste. Er war es gewesen, der ihr immer einen Ausweg gelassen hatte. Was sah er? Welchen Teil ihrer Persönlichkeit kannte er?
Mut.
Ein Windhauch trug die Stimme mit sich. Herausforderungen waren dazu da, das man sie annahm. Hudgarr hatte es ihr beigebracht, obwohl er nie viel sprach. Er hatte keine Ausflüchte akzeptiert, hatte niemals erwartet, dass sie alles auf Anhieb beherrschte, doch er erwartete auch, dass sie sich der Herausforderung annahm – und siegte.
Stolz.
„Ich bin stolz auf dich.“ So schlichte Worte, doch aus seinem Mund waren sie so unglaublich wertvoll. Gabriel. Stets auf Haltung bedacht kam er in der Welt des Adels vermutlich wesentlich leichter zurecht als sie. Er hatte die natürliche Neigung dazu, alles zu verbergen was ihm wichtig war, doch bei ihr fiel es ihm unnatürlich schwer. Er hatte ihr beigebracht, den Kopf oben zu halten, gleichgültig was sie tat.
Freundschaft.
Liam. Wann hatte es angefangen, das er sich veränderte? Inzwischen sah der junge Mann älter aus als er war. Er war härter geworden, unnahbarer. Aber er war noch immer ihr Freund, war noch immer ein Mensch, den sie an ihrer Seite schätzte, auch wenn er die Stimme der Vorsicht war. Er versuchte sie zu zügeln, gab den Versuch niemals auf. Sie respektierte und ehrte ihn für das, was er war, für das was er darstellte.
Disziplin.
Beherrscht. Niemals eine Regung, niemals Emotionen zeigen, wenn man es nicht musste. Mariella. Sie verehrte die Gräfin, jünger als sie selbst doch so viel beherrschter, so viel erfahrener. Ein schützender, disziplinierter Schatten über ihr. Manchmal hatte sie Angst vor Mariella, das Wissen, dass sie durch ihre impulsive Art eine Enttäuschung für sie war, machte es nicht leichter. Mariella hatte Recht gehabt, und nun wagte sie es nicht, zu ihr zu gehen und sich alles von der Seele zu reden. Zu sehr hatte sie sich von allem verschrecken lassen.
Wie viel wäre anders gekommen, wenn sie sich zu ihr getraut hätte? Wie viel hätte man ändern können? Hätte Mariella ihr geholfen? Sie wusste es nicht, doch in diesem Moment war es das, was Mariella verkörperte, das ihr im Kampf zur Seite stand.
Jeder von ihnen stand für viele Aspekte, so viele, so wirbelnde, verschwimmende, ineinander greifende Aspekte, das sie die Schatten bald nicht mehr auseinander halten konnte. Selbst dann nicht, als der eine, der Schatten dem sie keine Gestalt, keinen Namen geben wollte sich darunter mischte, obwohl er ihr am vertrautesten war.
Ehre. Kraft. Treue. Mut. Freundschaft. Wissen. Weisheit. Schutz. Disziplin. Beherrschung. Geduld. Vertrauen.
Ein letztes Mal drehte sich die Schattengestalt um, hob grüßend den Bogen... Dann verschwand sie vor ihren Augen. Es war nicht wer sie war, aber wer sie sein wollte. Wer war sie? Nur ein adeliges Gör? Ein Kind dem man einen Bogen zum spielen gegeben hatte? Sprach nicht der Blutrausch in den sie verfiel dagegen?
Warum fiel es ihr so schwer, sich anzupassen, in verschiedene Rollen zu schlüpfen, wie es die Situation verlangte? War es nur die Unsicherheit die sie lenkte, oder war sie schlichtweg unfähig, irgendetwas zu verbergen? Ihr Temperament ging zu oft mit ihr durch, sie ließ sich zu leicht reizen. Es war in ihren Augen das schlimmste zu wissen, das sie nicht passte.
Sie war nicht schwach genug.
Nicht feige genug.
Nicht unnahbar genug.
Nicht misstrauisch genug.
Nicht diszipliniert genug.
Sie passte nicht hinein, egal wohin sie sich begab. Das hier war nicht Weissenstein. Einerseits war alles viel freier, andererseits waren auch die Richtlinien viel strenger. Und sie passte nicht hinein.
Ein letzter Pfeil flog in Richtung des Gegners, der Schatten der ihn begleitete trug ihr eigenes Gesicht. Sein Name war Zweifel.
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Corinne von Weissenstein
Ein weiterer Tag lag hinter ihr. Er war voller Begegnungen und Ereignisse gewesen, die in ihrem Kopf herum wirbelten und sich überschlugen. Wie sollte man in all dem den Überblick bewahren, wie sich entscheiden, wann man wie zu reagieren hatte? Nein, da war es im Kampf schon besser. Sie wusste, was sie von ihrem Bogen zu erwarten, was sie sich selbst abverlangen konnte, und wann sie sich besser zurückziehen musste. Das Schlachtfeld des Umgangs mit anderen Menschen war wesentlich komplexer, weniger leicht zu durchschauen und für sie vollkommen undurchdringlich. Was bewegte diese Leute? Warum taten sie das, was sie taten?
Kopfschüttelnd gab sie die Gedankenspiele auf. Zu merkwürdig, zu undurchschaubar war das seltsame Verhalten, das einige an den Tag legten. Eine Begebenheit allerdings ging ihr kaum aus dem Kopf. Der – in ihren jungen Augen – alte Mann der den Kampf verteufelte, in allen Kämpfern scheinbar nur tötungslustige Narren sah. Wie konnte man einem solchen Menschen klar machen, warum sie den Weg der Waffen ging? Konnte man einem solchen Menschen wirklich verständlich machen, was in jemandem wie ihr vorging?
Es war das eine, zu wissen das sie von Adel war und damit eine Verpflichtung gegenüber der Bürger als Vorbild hatte. Sie verstand den Gedanken dahinter, sie begriff auch die Notwendigkeit, aber sie verstand nicht, warum sie die Grenze bei etwas ziehen sollte, das allen, das dem Adel und dem Volk diente. Was würde man denken, wenn der Adel sich hinter dicken Mauern verbarg, während das Volk auf den Straßen nieder gemetzelt wurde? Sicherlich nicht, dass er ein Vorbild war. Eher würde man sie für Feige halten, für Tyrannen die das Volk ausbluteten um selbst ihr Blut nicht vergießen zu müssen. Eine solche Adelige war sie nicht.
Sie konnte keine Soldaten in einen Kampf schicken, den sie selbst nicht zu kämpfen bereit war. „Reichen euch die Wachen denn nicht?“ hatte er ernsthaft gefragt, ohne zu begreifen, dass es diese Wachen nicht geben würde, wenn alle so denken würden. Es würde Rahal nicht zurückhalten, wenn das Volk von Adoran sich darauf verlegte, freudig summend Blumen zu pflücken und im Kreis um ein Feuer zu tanzen. Er verstand es nicht. Er verstand nicht, dass sie den Tod nicht suchte, nicht herbeisehnte und sich ihm dennoch in jedem Kampf wieder stellte, wohl wissend, dass es ihr letzter sein könnte. Er begriff nicht, dass sie bereit war ihr Blut vergießen zu lassen um diese Stadt, dieses Land, ihre Herrin zu verteidigen und all das zu beschützen, wofür es stand.
Er hatte nicht verstanden, dass es keinen Unterschied gab, zwischen ihr und einem Soldaten im Regiment wenn die Rahaler vor den Toren stünden. Eine Leiche war eine Leiche. Ein Schwert war ein Schwert, ein Bogen war ein Bogen. Nicht jeder Kampf war vermeidbar, und wenn ein Kampf nötig war, dann würde sie ihn auch kämpfen. Auch Liam begriff es nicht. Sie würde nicht in einer Schlacht stehen und kämpfen, obwohl sie von Adel war, sondern weil sie es war. Er hatte nicht einmal begriffen, als sie versucht hatte ihm klar zu machen das weder Mariella noch Rafael oder Friedolin sie mit schicken würden, wenn sie nicht überzeugt wären, dass sie wusste was sie tat, dass sie das Risiko einschätzen konnte. Was befürchtete er eigentlich? Das man ihm vorwerfen könnte, wenn sie in einer Schlacht fiel? Sein Argument, dass die hohen Herrschaften nicht wüssten wie es beim Fußvolk zuging hatte ihr beinahe den Rest gegeben, beinahe hätte sie sich vergessen, und ihren Freund angefahren, ihn angeschrien.
Nein, er würde es niemals begreifen. Er hörte nicht zu. Sie suchte den Kampf, die Schlacht nicht, aber sie wich ihr nicht aus. Sie war nicht so dumm, einen Kampf allein ausfechten zu wollen, aber sie würde dafür sorgen, dass man sie nicht aus unnötiger Vorsicht zurück halten konnte. Es würde ihre Freundschaft belasten. Vielleicht würde sie zerreissen. Einen kurzen Moment jagte dieser Gedanke ihr einen Stich durch das Herz. Liam zu verlieren wäre schlimm. Sehr schlimm sogar. Doch dann machte sich Entschlossenheit in ihr breit. Sie war was sie war. Er konnte sie so akzeptieren wie sie war, so wie sie seine Sorge verstand und akzeptierte, oder diese Freundschaft war nichts wert.
Ach, Liam... Wenn er doch nur verstehen würde.
Kopfschüttelnd gab sie die Gedankenspiele auf. Zu merkwürdig, zu undurchschaubar war das seltsame Verhalten, das einige an den Tag legten. Eine Begebenheit allerdings ging ihr kaum aus dem Kopf. Der – in ihren jungen Augen – alte Mann der den Kampf verteufelte, in allen Kämpfern scheinbar nur tötungslustige Narren sah. Wie konnte man einem solchen Menschen klar machen, warum sie den Weg der Waffen ging? Konnte man einem solchen Menschen wirklich verständlich machen, was in jemandem wie ihr vorging?
Es war das eine, zu wissen das sie von Adel war und damit eine Verpflichtung gegenüber der Bürger als Vorbild hatte. Sie verstand den Gedanken dahinter, sie begriff auch die Notwendigkeit, aber sie verstand nicht, warum sie die Grenze bei etwas ziehen sollte, das allen, das dem Adel und dem Volk diente. Was würde man denken, wenn der Adel sich hinter dicken Mauern verbarg, während das Volk auf den Straßen nieder gemetzelt wurde? Sicherlich nicht, dass er ein Vorbild war. Eher würde man sie für Feige halten, für Tyrannen die das Volk ausbluteten um selbst ihr Blut nicht vergießen zu müssen. Eine solche Adelige war sie nicht.
Sie konnte keine Soldaten in einen Kampf schicken, den sie selbst nicht zu kämpfen bereit war. „Reichen euch die Wachen denn nicht?“ hatte er ernsthaft gefragt, ohne zu begreifen, dass es diese Wachen nicht geben würde, wenn alle so denken würden. Es würde Rahal nicht zurückhalten, wenn das Volk von Adoran sich darauf verlegte, freudig summend Blumen zu pflücken und im Kreis um ein Feuer zu tanzen. Er verstand es nicht. Er verstand nicht, dass sie den Tod nicht suchte, nicht herbeisehnte und sich ihm dennoch in jedem Kampf wieder stellte, wohl wissend, dass es ihr letzter sein könnte. Er begriff nicht, dass sie bereit war ihr Blut vergießen zu lassen um diese Stadt, dieses Land, ihre Herrin zu verteidigen und all das zu beschützen, wofür es stand.
Er hatte nicht verstanden, dass es keinen Unterschied gab, zwischen ihr und einem Soldaten im Regiment wenn die Rahaler vor den Toren stünden. Eine Leiche war eine Leiche. Ein Schwert war ein Schwert, ein Bogen war ein Bogen. Nicht jeder Kampf war vermeidbar, und wenn ein Kampf nötig war, dann würde sie ihn auch kämpfen. Auch Liam begriff es nicht. Sie würde nicht in einer Schlacht stehen und kämpfen, obwohl sie von Adel war, sondern weil sie es war. Er hatte nicht einmal begriffen, als sie versucht hatte ihm klar zu machen das weder Mariella noch Rafael oder Friedolin sie mit schicken würden, wenn sie nicht überzeugt wären, dass sie wusste was sie tat, dass sie das Risiko einschätzen konnte. Was befürchtete er eigentlich? Das man ihm vorwerfen könnte, wenn sie in einer Schlacht fiel? Sein Argument, dass die hohen Herrschaften nicht wüssten wie es beim Fußvolk zuging hatte ihr beinahe den Rest gegeben, beinahe hätte sie sich vergessen, und ihren Freund angefahren, ihn angeschrien.
Nein, er würde es niemals begreifen. Er hörte nicht zu. Sie suchte den Kampf, die Schlacht nicht, aber sie wich ihr nicht aus. Sie war nicht so dumm, einen Kampf allein ausfechten zu wollen, aber sie würde dafür sorgen, dass man sie nicht aus unnötiger Vorsicht zurück halten konnte. Es würde ihre Freundschaft belasten. Vielleicht würde sie zerreissen. Einen kurzen Moment jagte dieser Gedanke ihr einen Stich durch das Herz. Liam zu verlieren wäre schlimm. Sehr schlimm sogar. Doch dann machte sich Entschlossenheit in ihr breit. Sie war was sie war. Er konnte sie so akzeptieren wie sie war, so wie sie seine Sorge verstand und akzeptierte, oder diese Freundschaft war nichts wert.
Ach, Liam... Wenn er doch nur verstehen würde.