Es war eher Zufall dass es so gekommen ist, es hätte auch ganz anders ausgehen können. Er war gerade draußen vor der Burg und auf den Weg zu dem Tümpel, wo er vor wenigen Wochen seine Kröte gefunden hatte, die er seither immer in der Tasche mit sich herum trug. Nur leider schlief sie im Winter fast die ganze Zeit.
Als Arion den Ruf hörte, drehte er sich um und sah zurück. Er kannte den Mann nicht, der ihn eben gerufen hatte. Er trug eine einfache Botenuniform und hatte wohl noch allerlei Schreiben und Päckchen zu verteilen, Jedenfalls wirkte er sehr in Eile.
- >> Gehörst du zu den Söhnen Hagaduns?<<
>> Ja, gehöre ich. <<
Es wäre unnütz gewesen, es abzustreiten, trug er doch deutlich sichtbar die Insignien der Gemeinschaft. Er ging neugierig ein paar Schritte auf den Boten zu, bis dieser wieder fragte:
- >> Kannst du die beiden Schreiben hier dort abgeben. Das eine ist an den Ahad Drugar und das andere an einen Arion Mertein Drugar. <<
Arion zuckte erst verärgert zusammen, als der Bote seinen vollen Namen nannte, dann wurde ihm klar, dass das Schreiebn mit seinem vollen Namen nur von einer Person kommen konnte. Seiner Mutter. Sein Herzschlag setzte kurz aus und er nickte eifrig.
- >> Ja sicher, ich geb die Briefe ab.<<
Verkündete der Junge und ging auch noch die letzten Schritte auf den Mann zu um ihn die Schreiben abzunehmen. Dieser streckte die beiden Pergamentrollen Arion schon entgegen.
- >> Vielen Dank Kleiner, ich hab‘s eilig. Möge der Eine über dich wachen.<<
Arion erwiderte die Verabschiedung freundlich und als der Bote weiter gehastet war, sah er neugierig auf das Schreiben, dass an ihn gerichtet war. Er erkannte Schrift mit der sein Name auf das Papier geschrieben wurde wirklich als die Handschrift seiner Mutter wieder, und er konnte nicht anders als sich darüber zu freuen, dass sie ihn nicht vergessen hatte. Nur kurz glitt sein Blick auf das zweite Schriftstück, und er konnte genau die gleiche Schrift feststellen. Er zuckte zusammen. Seine Mutter hatte auch an Onkel Elo geschrieben. Siedend heiß kam die Erinnerung zurück wie er auf der Fahrt nach Düstersee verbotener Weise das Schreiben seiner Mutter an seinen Onkel geöffnet und gelesen hatte. Um zu vertuschen, dass er das Siegel gebrochen hatte, hatte er den Brief danach einfach ins Wasser geworfen und später nicht ganz der Wahrheit entsprechend behauptet, dass er ihn nicht wieder finden konnte. Irgendwie war es ja sogar wahr gewesen. Blinzelnd kehrte er aus der Erinnerung zurück und starrte wieder den Brief an. War das der zweite Brief seiner Mutter an seinen Onkel, oder schon der dritte oder vierte? Konnte er wissen, dass er den ersten Brief weggeworfen hatte? Er schüttelte den Kopf. Nein, dann hätte er das sicher schon zu hören bekommen. Aber wenn das erst ihr zweites Schreiben an ihn war, konnte er es vielleicht noch vertuschen, dass das erste nie ankam. Er schüttelte erneut den Kopf. Nein, er konnte nicht wieder einen Brief verschwinden lassen. Er war nicht an ihn bestimmt, es ging ihn also nichts an. Aber wenn nun herauskam, dass er beim ersten Schreiben geflunkert hatte? Die Gedanken des Jungen drehten sich im Kreis, als er langsam durch den Schnee zurück zur Burg stiefelte.
- >> Was habt ihr da, Arion?<<
Die Stimme der Burgwache ließ ihn aus den Gedanken aufschrecken.
- >> Nichts weiter. Nur ein Brief von meiner Mutter an mich. … Nur den Brief. <<
Meint er hastig, während er das andere Schreiben, schnell in seiner Tasche verschwinden ließ, und es dabei einmal ordentlich zusammen knautscht. Damit war das Interesse der Wache auch erschöpft und er ließ den Kleinen ohne weitere Fragen wieder in die Burg rein. Auf direkten Weg zog es Arion zurück in sein Zimmer, wo er sich erstmal auf sein Bett hockte und den zerknautschten Brief wieder aus der Tasche holte.
Das Siegel des Schreibens hatte das Knautschen nicht überstanden und so entrollte der Brief sich fast von alleine in seiner Hand. Nun war es auch egal, jetzt konnte er es auch lesen. Mit pochendem Herzen überflog er die Zeilen die nicht für ihn bestimmt war. Sie erkundigte sich nach seinem Wohlergehen, seiner Ausbildung und beschrieb noch einige unerfreuliche Charaktereigenschaften von ihm. „Neugier“. Pah, so schlimm neugierig war er gar nicht. Er lass weiter, doch die nächsten Zeilen behandelten nur einige für ihn uninteressante Neuigkeiten aus Hagadun und andere politische Sachen, von denen er kein Wort verstand, geschweige denn ihn interessierten. Und sie schrieb schon wieder seinen vollen Namen. Es musste eindeutig ihre Idee gewesen sein, ihm den zweiten Vornamen „Mertein“ zu verpassen. Kein normaler Junge hieß Mertein! Mit noch immer vor Aufregung pochendem Herzen legte er den Brief beiseite. Was sollte er nun tun? Das Schreiben seinem Onkel geben? Oder verschwinden lassen? Er wog beide Varianten ab und nach einiger Zeit des Grübelns war ihm klar, dass er definitiv Ärger bekommen würde, wenn er den Brief abgab, wenn er ihn verschwinden ließ, konnte er da noch ungeschoren raus kommen. Andererseits wäre es schlechter für ihn, wenn jemals klar wird, dass er den Brief einfach hat verschwinden lassen. Aber was scherte einen 9-jährigen Jungen schon eine mögliche Strafe im Vergleich zu einer sicheren. Fürs erste Verschwand das Corpus Delicti unter der Matte seines Bettes, ehe er dann um sich zu beruhigen den Brief von seiner Mutter an ihn persönlich lass. Und da er im Zimmer alleine war gönnte er sich auch ungehemmt ein paar Tränen, er vermisste sie schon sehr. Er probierte jedes Wort aus dem Brief in sich aufzusaugen wie ein Schwamm, dann verschwand auch dieses Schreiben bei dem anderen. Er würde beide später richtig gut verstecken. Auf das keiner je davon erfuhr.