Nur leichter Wellengang, hatte er gesagt. Macht Euch keine Sorgen, das Schiff wird schaukeln, wie eine Wiege, hatte er gesagt. Seid versichert, Ihr werdet es kaum merken… Ja, von wegen!
Der Wind pfiff laut um das Schiff herum und auch wenn es kein Sturm war, durfte der Seegang mit ruhigem Gewissen als heftig bezeichnet werden. Zu heftig jedenfalls für einen zu Seekrankheit neigenden gräflichen Magen. Ohne die wunderwirkenden Tropfen ihrer Schwester hätte sie schon längst einen ganz und gar undamenhaften Auftritt hingelegt. Dennoch, das Ziel war jede Mühe wert.
Zwei Jahre hatte sie darauf warten müssen. Immer wieder war etwas dazwischen gekommen. Auch dieses Mal sprach eigentlich das Wetter dagegen, doch die Sehnsucht war einfach zu groß gewesen. Nur ein paar Tage. Mehr konnte sie nicht abzweigen. Aber diese paar Tage waren es wert. Die lange Reise, diesen fürchterlichen Seegang… egal.
Es war einer ihrer Sponatnentschlüsse gewesen, die ihrem Sicherheitsstab die Farbe aus dem Gesicht trieben. Auch dieses Mal war es nicht anders gewesen. So waren ihre Wachen vor die Herausforderung gestellt worden, in wenigen Tagen einen sicheren Reiseweg für eine Gräfin mit nicht mehr zu bändigendem Heimweh zu planen. Ein völlig entnervter Ritter hatte schließlich eingesehen, dass sie nicht umzustimmen war und hatte sich der Aufgabe angenommen.
Nun also war sie an Board der Seemöwe und segelte Dragenfurt entgegen. Wenn nur nicht dieses Schaukeln wäre! Vielleicht half frische Luft? Mühsam rappelte sie sich von ihrem Bett auf und griff nach ihrem Umhang. Leise öffnete sie die Türe, nur kurz knarzte das in die Jahre gekommene Holz. Vorsichtig tastete sie sich den abgedunkelten Gang entgegen, bis sie an Deck angekommen war. Schwarz breitete sich die unendliche Weite des Meeres vor ihr aus. Magisch angezogen trat sie an die Reling und hielt sich fest. Der Wind zerrte an ihren Röcken, zupfte ein paar Strähnen aus ihrer Frisur und ließ sie um ihr Gesicht tanzen. Die Luft war kalt und salzig. Mariella sog sie tief in die Lungen und tatsächlich milderte sich langsam dieses flaue Gefühl im Magen.
Bald schon würde der erste graue Schatten am Horizont zu erkennen sein, der den neuen Tag mit sich brachte. Vielleicht sogar das zarte Rosa eines Sonnenaufganges. Von da an dauerte es nicht mehr lange, bis der Kapitän die baldige Ankuft ausrufen würde. Bald schon würde sie ihre Mutter in die Arme schließen, den Kuss ihres Bruders auf der Stirn spüren und den vertrauten Geruch ihrer Heimat einatmen. Heimat? Nicht mehr ausschließlich. Meerswacht, Adoran… das war ihre Heimat, aber hin und wieder war es nötig, zu den eigenen Wurzeln zurück zu kehren, sich zu erden und neue Energie zu tanken.
Nicht mehr lange und sie war da.
Eine Seefahrt, die ist gar nicht lustig...
- Mariella
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Friedolin von Tannhoeh
Es war wieder einer dieser Momente, wo er den Dickkopf der Gräfin zu verfluchen begann. Nein, natürlich konnte die Reise nicht bis zum Frühling warten, nein, selbstverständlich hatte es nicht zumindest Zeit bis er die Reise halbwegs vernünftig vorbereiten konnte. Argumente? Nutzlos! Ein Wunder, dass überhaupt Zeit blieb Alindra mitzuteilen, dass sie das Kommando über die Truppe übernehmen müsse bis er zurück war. Irgendwie war es dann immerhin doch noch gelungen, alles in die Wege zu leiten.
Jetzt stand er hier unweit des Schiffsbugs - eingepackt in die wärmste Kleidung die seine für Adelsverhältnisse spärliche Garderobe hergab - und verzweifelte fast daran seine Pfeife bei diesem nassen, windigen und kalten Wetter anzustecken. Seine Rüstung lag säuberlich verstaut in der Kiste neben seinem Nachtlager, lediglich von seinem Schwert hatte er sich - wie immer - nicht trennen können. Als würde es ihm hier an Bord irgendetwas nützen. Es hatte eine gute Weile gedauert bis er eingesehen hatte, dass die einzigen Gefahren auf diesem Teil der Reise solche waren, gegen die er im wesentlichen überhaupt nichts tun konnte. Eine Klinge gegen Sturm und Wellengang, hah, lächerlich! Nicht, dass ihn das weiter stören würde, wäre es nur um ihn gegangen, aber da war ja noch Mariella.. Er hatte es anfangs damit kompensiert, jedes Mannschaftsmitglied des Schiffes genau zu inspizieren, sobald es sich der Kajüte der Gräfin auch nur genähert hatte; das bis zu einem Maße, dass es wohl schon an Schikane heranreichte und der eine oder andere ihn für verrückt halten mochte. Aber mit Hilflosigkeit konnte er eben sehr schwer umgehen.
Ebenso machtlos war er leider bei Mariellas Problemen mit dem Wellengang. Sie sah bisweilen wirklich elend aus und er war sich nie so recht sicher, ob ihr an Gesellschaft gelegen war oder ihr dieser Anblick den sie bot nicht einfach nur im höchsten Maße unangenehm war. Der Ritter versuchte daher einen Mittelweg zu gehen, bis er ein klares Signal erhielt. Und das trieb ihn jetzt hierher.
Er musste sich eingestehen, dass ihm schon irgendwie etwas mulmig war, was diese ganze Reise anbelangte. Nicht, dass es das erste Mal war, dass er nach Dragenfurt reiste, aber es war das erste Mal in Mariellas Begleitung, das andere Mal musste er alleine im Auftrag seiner Gräfin reisen. Und gerade was das Verhältnis der beiden angeht hatte sich ja viel gewandelt, seit ihr Bruder und die Schwester zurück in der Furt waren. Ob ihre Familie das bemerken würde? Irgendwie hatte er doch zumindest die wohl nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit sich ausschließlich auf die heimgekehrte Schwester richten würde.
Er sog an dem warmen Rauch des inzwischen doch glühenden Tabaks, als er die Gestalt erblickte die sich an Deck in Richtung der Reling schlich. Einen Moment überlegte er, zu ihr hinüberzugehen, überlegte es sich aber doch anders und fuhr fort sich seltsame Szenarien bezüglich des Besuchs auszumalen. Man kam schon immer auf eigenartige Gedanken, wenn man nutzlos auf engen Raum eingepfercht war. Es wurde Zeit wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Jetzt stand er hier unweit des Schiffsbugs - eingepackt in die wärmste Kleidung die seine für Adelsverhältnisse spärliche Garderobe hergab - und verzweifelte fast daran seine Pfeife bei diesem nassen, windigen und kalten Wetter anzustecken. Seine Rüstung lag säuberlich verstaut in der Kiste neben seinem Nachtlager, lediglich von seinem Schwert hatte er sich - wie immer - nicht trennen können. Als würde es ihm hier an Bord irgendetwas nützen. Es hatte eine gute Weile gedauert bis er eingesehen hatte, dass die einzigen Gefahren auf diesem Teil der Reise solche waren, gegen die er im wesentlichen überhaupt nichts tun konnte. Eine Klinge gegen Sturm und Wellengang, hah, lächerlich! Nicht, dass ihn das weiter stören würde, wäre es nur um ihn gegangen, aber da war ja noch Mariella.. Er hatte es anfangs damit kompensiert, jedes Mannschaftsmitglied des Schiffes genau zu inspizieren, sobald es sich der Kajüte der Gräfin auch nur genähert hatte; das bis zu einem Maße, dass es wohl schon an Schikane heranreichte und der eine oder andere ihn für verrückt halten mochte. Aber mit Hilflosigkeit konnte er eben sehr schwer umgehen.
Ebenso machtlos war er leider bei Mariellas Problemen mit dem Wellengang. Sie sah bisweilen wirklich elend aus und er war sich nie so recht sicher, ob ihr an Gesellschaft gelegen war oder ihr dieser Anblick den sie bot nicht einfach nur im höchsten Maße unangenehm war. Der Ritter versuchte daher einen Mittelweg zu gehen, bis er ein klares Signal erhielt. Und das trieb ihn jetzt hierher.
Er musste sich eingestehen, dass ihm schon irgendwie etwas mulmig war, was diese ganze Reise anbelangte. Nicht, dass es das erste Mal war, dass er nach Dragenfurt reiste, aber es war das erste Mal in Mariellas Begleitung, das andere Mal musste er alleine im Auftrag seiner Gräfin reisen. Und gerade was das Verhältnis der beiden angeht hatte sich ja viel gewandelt, seit ihr Bruder und die Schwester zurück in der Furt waren. Ob ihre Familie das bemerken würde? Irgendwie hatte er doch zumindest die wohl nicht ganz unberechtigte Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit sich ausschließlich auf die heimgekehrte Schwester richten würde.
Er sog an dem warmen Rauch des inzwischen doch glühenden Tabaks, als er die Gestalt erblickte die sich an Deck in Richtung der Reling schlich. Einen Moment überlegte er, zu ihr hinüberzugehen, überlegte es sich aber doch anders und fuhr fort sich seltsame Szenarien bezüglich des Besuchs auszumalen. Man kam schon immer auf eigenartige Gedanken, wenn man nutzlos auf engen Raum eingepfercht war. Es wurde Zeit wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Zuletzt geändert von Friedolin von Tannhoeh am Freitag 30. Dezember 2011, 17:30, insgesamt 1-mal geändert.
- Mariella
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Nur mühsam konnte sie Haltung wahren. Es kostete sie wirklich eine Menge Selbstbeherrschung, mit erhobenem Haupt und geradem Rücken an Deck zu stehen und erhaben den am Hafen Wartenden zuzuwinken. Innerlich war ihr danach, zu jubeln und zu hüpfen, Friedolin am Ärmel zu zerren und in die Hände zu klatschen.
Obwohl es bis zum heimatlichen Lehen noch ein gutes Stück war, hatte sich offensichtlich herumgesprochen, dass eine Gräfin an Land gehen würde. Hochadel war in diesem kargen Landstrich eher selten und somit eine kleine Sensation, die den harten Alltag ein wenig aufhellte. Auch ohne die innerlichen Freudensprünge wäre es Mariella wohl nicht schwer gefallen, den Menschen ihr strahlenstes Lächeln zu schenken, hier und da ein paar nette Worte zu verlieren und dem Kapitän gebührend für seine Dienste zu danken.
Gar nicht weit weg von den Anlegestellen wartete bereits ihre Kutsche, an den leuchtendroten Fähnchen unschwer zu erkennen. Dankbar nahm sie die leichte Berührung des Ritters an ihrem Arm wahr, der sie dezent, aber bestimmt in diese Richtung dirigierte. Ihm ging es in erster Linie darum, sie aus der vermeintlichen Gefahr einer Menschenmenge zu bekommen. Für sie war es wieder ein Stückchen, das sie dem eigentlichen Ziel näher brachte.
Der Page trat heran, öffnete die Türe und klappte den kleinen Tritt herunter und schon wenig später ging die Reise weiter. Mariella lehnte sich in die weichen, ebenfalls leuchtendroten Polster zurück und genoss den Ausblick. Auch wenn es an vielen Passagen eigentlich nur raue Felsen zu sehen gab, es milderte das Glänzen in ihren Augen kein Stück. Kaum waren die ersten Zinnen der Burg zu erkennen, war es mit der inneren Anspannung kaum noch auszuhalten. Sie konnte Friedolins Blick und sein Lächeln förmlich spüren – und tatsächlich erwischte sie ihn, als sie unerwartet zu ihm sah. Doch gerade, als sie das Wort erheben wollte, ertönten die ersten Rufe. Die Kutsche passierte Vesten, die Stadt am Fuße des Berges, von dem aus die elterliche Burg über das Land sah.
Wieder sah sie aus dem Fenster und nun gab es ein regelrechtes Leuchten in ihren Augen. Dragenfurt war auf den Beinen. Die Menschen standen am Rand der Straßen, winkten und wedelten Fähnchen in Rot und im Blau der Dornwald. Ein kleiner Junge war besonders mutig und lief ein Stück neben der Kutsche her. Irgendwo hatte er ein paar getrocknete Blumen aufgetrieben und hielt sie hinauf zum Fenster. Zum Entsetzen ihres Ritters schob sie das Fenster auf und beugte sich hinaus, um das Geschenk entgegen zu nehmen. Sie küsste ihre Fingerspitzen und pustete dem Kleinen ihren Dank zu, der mit hochrotem Kopf und Rundumgrinsen zurück blieb. Als sie sich wieder anlehnte, war ob dieses Anblickes sogar der Tadel aus den Augen des Ritters verschwunden. Sie konnte sehen, dass er verstand. Dragenfurt freute sich, wie es seine Freiin tat. Die Freiin, die als Gräfin zurück kam.
Die Kutsche zog an, brachte seine kostbare Fracht den Berg hinauf und fuhr in einem weiten Bogen in den Innenhof ein. Mehrere prächtig gekleidete Personen standen oben auf den Stufen, Mutter, Schwester, Brüder, die Schwägerin, Neffen und Nichten. Alle waren sie da. Seitlich die Treppen hinab hatte sich scheinbar das ganze Personal aufgereiht. Ein kleiner Ruck, dann stand das Gefährt. Die Türe öffnete sich und Mariella nutzte den Moment, bis Friedolin ausgestiegen war und ihr die Hand reichte, um sich zu sammeln. Zwei Jahre hatte sie auf diesen Moment gewartet.
In allen Gesichtern lag nun das würdevolle Lächeln, alle Augen strahlten. Familie, Berater, Gesinde… aber es wäre nicht Dragenfurt, wenn jetzt irgendwer losgelaufen und sich um den Hals gefallen wäre. Friedolin führte Mariella die Stufen hinauf, Silvan, ihr ältester Bruder, Vaterersatz, kam ihr einige Schritte entgegen, um dann tatsächlich die Hände auf ihre Schultern zu legen und ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken; wie jeder wusste, das höchste denkbare Maß an öffentlicher Zurschaustellung von Zuneigung. Silvan nahm die Stelle des Ritters ein und führte seine Schwester in die heiligen Hallen, direkt zur kleinen Tafel am Kamin, wo sich die Reisenden stärken konnten.
Jetzt, in der Nachbetrachtung , konnte Mariella sich gar nicht mehr genau an die Gespräche erinnern. Man hatte ihr versichert, wie sehr man sich über den Besuch freute, wie stolz die Furt auf „ihre Mariella“ war. Alles, was geblieben war, war dieses Gefühl von Behaglichkeit und Wärme. Innerlich und äußerlich. Sie lag in einem tiefen Bottich, gefüllt mit herrlich warmem Wasser und einer Duftessenz, die ihre Schwester Constance eigens für sie angemischt hatte. Auf dem Bett lag bereits ein Kleid ausgebreitet, das in den Farben der Furt schimmerte, abgesetzt mit dezenten Spitzen in dem Blau ihres Hauses. Oriel, ihr zweiter Bruder, hatte es anfertigen lassen und so wie sie die Schneiderin kannte, hatte sie Tag und Nacht daran gearbeitet, nur damit Mariella es an ihrem ersten Abend daheim tragen konnte. Selbstredend hatte man ihre alten Gemächer vorbereitet und nun entspannte sie sich für das Festessen, das es zweifelsohne geben würde. Im Vorbeigehen hatte sei wahrgenommen, wie die ersten Lauten gestimmt wurden. Heimat, Gaumenschmaus und Tanz. Konnte es schöneres geben?
Obwohl es bis zum heimatlichen Lehen noch ein gutes Stück war, hatte sich offensichtlich herumgesprochen, dass eine Gräfin an Land gehen würde. Hochadel war in diesem kargen Landstrich eher selten und somit eine kleine Sensation, die den harten Alltag ein wenig aufhellte. Auch ohne die innerlichen Freudensprünge wäre es Mariella wohl nicht schwer gefallen, den Menschen ihr strahlenstes Lächeln zu schenken, hier und da ein paar nette Worte zu verlieren und dem Kapitän gebührend für seine Dienste zu danken.
Gar nicht weit weg von den Anlegestellen wartete bereits ihre Kutsche, an den leuchtendroten Fähnchen unschwer zu erkennen. Dankbar nahm sie die leichte Berührung des Ritters an ihrem Arm wahr, der sie dezent, aber bestimmt in diese Richtung dirigierte. Ihm ging es in erster Linie darum, sie aus der vermeintlichen Gefahr einer Menschenmenge zu bekommen. Für sie war es wieder ein Stückchen, das sie dem eigentlichen Ziel näher brachte.
Der Page trat heran, öffnete die Türe und klappte den kleinen Tritt herunter und schon wenig später ging die Reise weiter. Mariella lehnte sich in die weichen, ebenfalls leuchtendroten Polster zurück und genoss den Ausblick. Auch wenn es an vielen Passagen eigentlich nur raue Felsen zu sehen gab, es milderte das Glänzen in ihren Augen kein Stück. Kaum waren die ersten Zinnen der Burg zu erkennen, war es mit der inneren Anspannung kaum noch auszuhalten. Sie konnte Friedolins Blick und sein Lächeln förmlich spüren – und tatsächlich erwischte sie ihn, als sie unerwartet zu ihm sah. Doch gerade, als sie das Wort erheben wollte, ertönten die ersten Rufe. Die Kutsche passierte Vesten, die Stadt am Fuße des Berges, von dem aus die elterliche Burg über das Land sah.
Wieder sah sie aus dem Fenster und nun gab es ein regelrechtes Leuchten in ihren Augen. Dragenfurt war auf den Beinen. Die Menschen standen am Rand der Straßen, winkten und wedelten Fähnchen in Rot und im Blau der Dornwald. Ein kleiner Junge war besonders mutig und lief ein Stück neben der Kutsche her. Irgendwo hatte er ein paar getrocknete Blumen aufgetrieben und hielt sie hinauf zum Fenster. Zum Entsetzen ihres Ritters schob sie das Fenster auf und beugte sich hinaus, um das Geschenk entgegen zu nehmen. Sie küsste ihre Fingerspitzen und pustete dem Kleinen ihren Dank zu, der mit hochrotem Kopf und Rundumgrinsen zurück blieb. Als sie sich wieder anlehnte, war ob dieses Anblickes sogar der Tadel aus den Augen des Ritters verschwunden. Sie konnte sehen, dass er verstand. Dragenfurt freute sich, wie es seine Freiin tat. Die Freiin, die als Gräfin zurück kam.
Die Kutsche zog an, brachte seine kostbare Fracht den Berg hinauf und fuhr in einem weiten Bogen in den Innenhof ein. Mehrere prächtig gekleidete Personen standen oben auf den Stufen, Mutter, Schwester, Brüder, die Schwägerin, Neffen und Nichten. Alle waren sie da. Seitlich die Treppen hinab hatte sich scheinbar das ganze Personal aufgereiht. Ein kleiner Ruck, dann stand das Gefährt. Die Türe öffnete sich und Mariella nutzte den Moment, bis Friedolin ausgestiegen war und ihr die Hand reichte, um sich zu sammeln. Zwei Jahre hatte sie auf diesen Moment gewartet.
In allen Gesichtern lag nun das würdevolle Lächeln, alle Augen strahlten. Familie, Berater, Gesinde… aber es wäre nicht Dragenfurt, wenn jetzt irgendwer losgelaufen und sich um den Hals gefallen wäre. Friedolin führte Mariella die Stufen hinauf, Silvan, ihr ältester Bruder, Vaterersatz, kam ihr einige Schritte entgegen, um dann tatsächlich die Hände auf ihre Schultern zu legen und ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken; wie jeder wusste, das höchste denkbare Maß an öffentlicher Zurschaustellung von Zuneigung. Silvan nahm die Stelle des Ritters ein und führte seine Schwester in die heiligen Hallen, direkt zur kleinen Tafel am Kamin, wo sich die Reisenden stärken konnten.
Jetzt, in der Nachbetrachtung , konnte Mariella sich gar nicht mehr genau an die Gespräche erinnern. Man hatte ihr versichert, wie sehr man sich über den Besuch freute, wie stolz die Furt auf „ihre Mariella“ war. Alles, was geblieben war, war dieses Gefühl von Behaglichkeit und Wärme. Innerlich und äußerlich. Sie lag in einem tiefen Bottich, gefüllt mit herrlich warmem Wasser und einer Duftessenz, die ihre Schwester Constance eigens für sie angemischt hatte. Auf dem Bett lag bereits ein Kleid ausgebreitet, das in den Farben der Furt schimmerte, abgesetzt mit dezenten Spitzen in dem Blau ihres Hauses. Oriel, ihr zweiter Bruder, hatte es anfertigen lassen und so wie sie die Schneiderin kannte, hatte sie Tag und Nacht daran gearbeitet, nur damit Mariella es an ihrem ersten Abend daheim tragen konnte. Selbstredend hatte man ihre alten Gemächer vorbereitet und nun entspannte sie sich für das Festessen, das es zweifelsohne geben würde. Im Vorbeigehen hatte sei wahrgenommen, wie die ersten Lauten gestimmt wurden. Heimat, Gaumenschmaus und Tanz. Konnte es schöneres geben?
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Friedolin von Tannhoeh
Ganz gleich wie beherrscht sich die Gräfin auch geben mochte, der Ritter merkte ihr die Freude über das Ende der Seereise und der sich damit nahenden Heimat nur allzudeutlich an. Um ihr die Sache nicht weiter zu erschweren, verkniff er sich jedoch jegliches Wort dazu, statt dessen liess er den Blick über die Menge schweifen, die am Hafen schon auf ihr Schiff wartete. Warum nur rief die Ankunft einer Adligen hier Begeisterung und Freude hervor, während man in Lichtenthal nur allzu oft den Eindruck gewann, dass den Bürgern der Adelsstand nur allzu oft gleichgültig war. Verstand es der heimatliche Adel im Vergleich zum hiesigen etwa so viel schlechter sich als erhaben darzustellen? Oder zog das Herzogtum aufgrund der Nähe zu Rahal zu viele Glücksritter an, die von vorneherein zu sehr von sich überzeugt waren, als dass sie den Adel in dem ihm zustehenden Maße anerkannten? War es etwas anderes, oder täuschte ihn vielleicht einfach nur sein Eindruck? Setzte er zu strenge Maßstäbe an, weil er die Leute eben auch ausserhalb einer solchen feierlichen Gegebenheit erleben konnte?
Mariellas Worte rissen ihn aus seinen Gedanken, er bemühte sich eilig ebenso ein paar warme Worte an den Kapitän zu richten, ohne sich wirklich darum zu scheren, ob er ihm diese auch abkaufte. Nicht, dass es Grund zur Beschwerde gab, sie waren sicher und für die widrigen Umstände einer tiefwinterlichen Fahrt auch erstaunlich rasch an ihrem Ziel angekommen. Nun galt es wieder, die Pflicht zu erledigen und die Gräfin recht schnell durch die Masse zu bekommen. Dann würde der angenehmere Teil der Reise folgen - gut für ihn, immerhin würde es die Anspannung der Gräfin etwas lösen, was letztlich auch ihm zugute kommen würde.
Die Fahrt selbst war erwartet ruhig, er konnte die Aussicht genießen: die in seinen Augen durchaus angenehm karge Landschaft, wie auch die vor Freude strahlende Gräfin, die seinen Blick bei weitem am meisten fesselte. Es war ein durchweg wunderbares Gefühl, Mariella derart von Freude erfüllt zu sehen.
Nachdem sich die Gräfin schließlich nach ihrer Ankunft zurückgezogen hatte, um etwas zur Ruhe zu kommen, lieh sich der Ritter ein Pferd aus, um etwas durch Stadt und Landschaft zu reiten, das war gewissermaßen seine Art sich zu entspannen. Unschwer als unbekannter Ritter zu erkennen, zog er den ein oder anderen Blick auf sich, als er die Straßen passierte, wohl war nur zu ersichtlich zu wessen Tross er gehörte. Ob die Neugierde und Freude über den Besuch der Gräfin auch anhielt, konnte er indes nur erahnen, ging er doch Gesprächen aus dem Weg, hielt er mehr mit optischen Eindrücken und ließ das Festessen und den Ball in seinem Kopf wiederum mehrmals ablaufen, man mochte es fast Vorbereitung nennen, aber ihm war eben ein guter Eindruck in Mariellas Heimat und vor allem bei ihrer Familie stets sehr wichtig. Vielleicht war er dadurch etwas zu verkrampft, aber nunja, so war er eben. Trotzdem gelang es ihm doch ganz gut sich zu erholen, was wohl vorwiegend an der Tatsache lag, dass er Mariella so sicher und geborgen wusste wie selten sonst. Alleine Silvans Nähe ließ seine Tätigkeit als ihr Wachhund in den Hintergrund treten, niemand würde den Zorn des Magiers und Bruders auf sich ziehen wollen. So war er vielleicht so sehr wie nie zuvor einfach nur ihre Begleitung.
Schließlich kehrte er rechtzeitig zurück, sich für den Ball fertig zu machen. Als der Ritter den Saal betrat, wurde er angenehm überrascht, war der Anteil von Offizieren diverser Truppenstreitkräfte doch für ihn angenehm groß, jener von halbgaren jungen Adeligen im Vergleich erstaunlich gering. Gut für ihn, senkte es doch das Risiko enorm, von jemandem in ein belangloses Gespräch verwickelt zu werden, der eigentlich nichts so recht zu erzählen hatte, was ihn auch nur im Ansatz interessieren würde. Essen und Getränke waren reichlich vorhanden, für Musik schien gesorgt - es deutete alles auf einen vergnüglichen Abend hin.
Sie sah wie immer bezaubernd aus - nein, das traf es nicht wirklich - sie sah sogar noch bezaubernder aus als sonst. Er konnte sich nicht so recht erklären woran es lag - an ihrem Kleid oder doch mehr an der entspannten Atmosphäre. Arbeit und Sorgen waren weit weg, sie war umgeben von ihrer Familie und letztlich liebte sie kaum etwas so sehr wie diese Bälle. Daran würde es wohl liegen. Gleichwohl, es war auch gut für ihn, auch wenn er hin und wieder argwöhnisch die vielen bewundernden Blicke der männlichen Ballbesucher betrachtete.
Ohnehin vergaß er diese fürs erste wieder, als Mariella schließlich mit Silvan den Tanz eröffnete, sowie er auch einen Großteil des Traras davor wieder vergessen hatte, wenn er es denn überhaupt aufgenommen hatte. Ansprachen, warme Worte, das war nicht das seine. Mariella hingegen war jetzt voll in ihrem Element. Allmählich begann sich die Tanzfläche mit mehr und mehr Paaren um die beiden zu füllen, es wurde Zeit möglichst geschäftig zu wirken, um möglichst nicht mit in die Mitte des Saales gespült zu werden. Also eben doch ein belangloses Gespräch, ein Opfer war schnell gefunden und dabei schaffte er es auch noch den Blick auf die Tanzfläche zu wahren. Er lernte etwas über den ein oder anderen der hier Anwesenden, nur oberflächlich, aber so kannte er ein paar Namen samt Rang mehr.
Unter dem Vorwand, sich dem Buffet zuzuwenden verschwand er schließlich wieder, das Lied dürfte bald zu Ende sein. Und immerhin hatte er die Musizierenden schon etwas früher überreden können, als nächstes ein bestimmtes Lied zu spielen, das nicht nur zu den liebsten der Gräfin gehörte, sofern seine Erinnerung nicht trog, sondern überdies auch noch den netten Nebeneffekt hatte, dass es recht lang dauerte. Also musste er jetzt nur noch schnell genug sein, diesen Moment genießen. Danach würde er wohl nicht mehr darum herum kommen, mit dieser und jenen der anwesenden Damen ebenso zu tanzen, man wollte ja schließlich auch nicht unhöflich sein. Die Musik verstummte und wie es der Zufall so wollte stand Mariella ganz in seiner Nähe....
Mariellas Worte rissen ihn aus seinen Gedanken, er bemühte sich eilig ebenso ein paar warme Worte an den Kapitän zu richten, ohne sich wirklich darum zu scheren, ob er ihm diese auch abkaufte. Nicht, dass es Grund zur Beschwerde gab, sie waren sicher und für die widrigen Umstände einer tiefwinterlichen Fahrt auch erstaunlich rasch an ihrem Ziel angekommen. Nun galt es wieder, die Pflicht zu erledigen und die Gräfin recht schnell durch die Masse zu bekommen. Dann würde der angenehmere Teil der Reise folgen - gut für ihn, immerhin würde es die Anspannung der Gräfin etwas lösen, was letztlich auch ihm zugute kommen würde.
Die Fahrt selbst war erwartet ruhig, er konnte die Aussicht genießen: die in seinen Augen durchaus angenehm karge Landschaft, wie auch die vor Freude strahlende Gräfin, die seinen Blick bei weitem am meisten fesselte. Es war ein durchweg wunderbares Gefühl, Mariella derart von Freude erfüllt zu sehen.
Nachdem sich die Gräfin schließlich nach ihrer Ankunft zurückgezogen hatte, um etwas zur Ruhe zu kommen, lieh sich der Ritter ein Pferd aus, um etwas durch Stadt und Landschaft zu reiten, das war gewissermaßen seine Art sich zu entspannen. Unschwer als unbekannter Ritter zu erkennen, zog er den ein oder anderen Blick auf sich, als er die Straßen passierte, wohl war nur zu ersichtlich zu wessen Tross er gehörte. Ob die Neugierde und Freude über den Besuch der Gräfin auch anhielt, konnte er indes nur erahnen, ging er doch Gesprächen aus dem Weg, hielt er mehr mit optischen Eindrücken und ließ das Festessen und den Ball in seinem Kopf wiederum mehrmals ablaufen, man mochte es fast Vorbereitung nennen, aber ihm war eben ein guter Eindruck in Mariellas Heimat und vor allem bei ihrer Familie stets sehr wichtig. Vielleicht war er dadurch etwas zu verkrampft, aber nunja, so war er eben. Trotzdem gelang es ihm doch ganz gut sich zu erholen, was wohl vorwiegend an der Tatsache lag, dass er Mariella so sicher und geborgen wusste wie selten sonst. Alleine Silvans Nähe ließ seine Tätigkeit als ihr Wachhund in den Hintergrund treten, niemand würde den Zorn des Magiers und Bruders auf sich ziehen wollen. So war er vielleicht so sehr wie nie zuvor einfach nur ihre Begleitung.
Schließlich kehrte er rechtzeitig zurück, sich für den Ball fertig zu machen. Als der Ritter den Saal betrat, wurde er angenehm überrascht, war der Anteil von Offizieren diverser Truppenstreitkräfte doch für ihn angenehm groß, jener von halbgaren jungen Adeligen im Vergleich erstaunlich gering. Gut für ihn, senkte es doch das Risiko enorm, von jemandem in ein belangloses Gespräch verwickelt zu werden, der eigentlich nichts so recht zu erzählen hatte, was ihn auch nur im Ansatz interessieren würde. Essen und Getränke waren reichlich vorhanden, für Musik schien gesorgt - es deutete alles auf einen vergnüglichen Abend hin.
Sie sah wie immer bezaubernd aus - nein, das traf es nicht wirklich - sie sah sogar noch bezaubernder aus als sonst. Er konnte sich nicht so recht erklären woran es lag - an ihrem Kleid oder doch mehr an der entspannten Atmosphäre. Arbeit und Sorgen waren weit weg, sie war umgeben von ihrer Familie und letztlich liebte sie kaum etwas so sehr wie diese Bälle. Daran würde es wohl liegen. Gleichwohl, es war auch gut für ihn, auch wenn er hin und wieder argwöhnisch die vielen bewundernden Blicke der männlichen Ballbesucher betrachtete.
Ohnehin vergaß er diese fürs erste wieder, als Mariella schließlich mit Silvan den Tanz eröffnete, sowie er auch einen Großteil des Traras davor wieder vergessen hatte, wenn er es denn überhaupt aufgenommen hatte. Ansprachen, warme Worte, das war nicht das seine. Mariella hingegen war jetzt voll in ihrem Element. Allmählich begann sich die Tanzfläche mit mehr und mehr Paaren um die beiden zu füllen, es wurde Zeit möglichst geschäftig zu wirken, um möglichst nicht mit in die Mitte des Saales gespült zu werden. Also eben doch ein belangloses Gespräch, ein Opfer war schnell gefunden und dabei schaffte er es auch noch den Blick auf die Tanzfläche zu wahren. Er lernte etwas über den ein oder anderen der hier Anwesenden, nur oberflächlich, aber so kannte er ein paar Namen samt Rang mehr.
Unter dem Vorwand, sich dem Buffet zuzuwenden verschwand er schließlich wieder, das Lied dürfte bald zu Ende sein. Und immerhin hatte er die Musizierenden schon etwas früher überreden können, als nächstes ein bestimmtes Lied zu spielen, das nicht nur zu den liebsten der Gräfin gehörte, sofern seine Erinnerung nicht trog, sondern überdies auch noch den netten Nebeneffekt hatte, dass es recht lang dauerte. Also musste er jetzt nur noch schnell genug sein, diesen Moment genießen. Danach würde er wohl nicht mehr darum herum kommen, mit dieser und jenen der anwesenden Damen ebenso zu tanzen, man wollte ja schließlich auch nicht unhöflich sein. Die Musik verstummte und wie es der Zufall so wollte stand Mariella ganz in seiner Nähe....
- Mariella
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Abende wie diese sollten niemals enden.
Der große Saal war mit Musik und Stimmgewirr erfüllt, die Luft war geschwängert von süßen Parfums und dem verlockenden Geruch köstlicher Speisen. Überall flackerten Kerzenleuchter und ließen den Schmuck der Damen herrlich glitzern.
Ihr Bruder, ein durchaus geübter und nicht ungeschickter Tänzer, drehte sie über die Tanzfläche und auch wenn dieser Zeitvertreib nicht zu seinen liebsten gehörte, achtete er darauf, eine passable Figur abzugeben. Die Mimik war wie immer beherrscht und höflich, doch in seinen Augen sah sie den Stolz, in seiner Stimme klang die Freude mit, die für die Öffentlichkeit nicht bestimmt war.
- "Es ist lange her, dass du dich so meiner Führung überlassen hast, kleine Schwester."
- "Es ist lange her, dass du da warst, um mich zu führen, großer Bruder. Ich streite nicht ab, es bisweilen zu vermissen."
- "Mir scheint, du bist in guten Händen..."
Silvan führte sie in eine Drehung, durch die sie in der Lage war, einen bestimmten Blick aufzufangen, der ihr vom Rande der Tanzfläche aus folgte. Unweigerlich musste sie kurz lächeln, was der scharfen Beobachtungsgabe ihres Bruders keinesfalls entging: "Er ist sehr gewissenhaft. Wirklich ungewöhnlich gewissenhaft, Mariella."
Sie wusste sehr genau, worauf Silvan anspielte, doch sie würde ihm nicht den Gefallen tun. Jetzt und hier wollte sie nicht darüber diskutieren, wie eine geeignete Bindung aussehen könnte und ob es an der Zeit war, für Erben zu sorgen. Sollte ihr Bruder doch erst einmal selber seine Nachfolge regeln. Glücklicherweise erklang der Schlussarkord, so dass der sittsame Knicks vor dem Lehnsherren der Dragenfurt sie rettete.
Silvan führte sie an den Rand der Tanzfläche, als auch schon die nächsten Klänge durch den Raum schwebten. Verblüfft sah Mariella zur Empore der Musiker. Zu diesem Zeitpunkt des Abends war ein Lied von dieser Länge nicht eben üblich. Aus dem Augenwinkel sah sie auch schon den jungen Baron von Wolfenbrück auf sie zusteuern, der sich bei ihrem Bruder abschauen sollte, wie man Streittruppen am effizientesten organisierte. Doch noch ehe er sie erreichte, drang ein sehr vertrauter Bass an ihr Ohr. "Schenkt Ihr mir diesen Tanz, meine Gräfin?" und einen Herzschlag später hielt Friedolin ihr bereits die Hand hin. Wortlos lächelnd legte sie ihre Finger in seine Handfläche und ließ sich an dem konsterniert dreinblickenden Baron wieder mehr in die Mitte des Saals führen.
Sie nahmen die Grundhaltung ein und schon begann der Tanz Tempo aufzunehmen. Ein wenig überrascht bemerkte sie, wie der eigentliche Tanzmuffel sie in Figuren hineinführte, die nicht gerade in den ersten Stunden vermittelt wurden. So, dieser Schlingel hatte also heimlich geübt! Kurz fragte sie sich, wer ihm wohl dabei zur Seite stand, doch auch das war heute nicht wichtig. Sie genoss die Musik, genoss die Bewegungen, genoss das Gefühl von völliger Unbeschwertheit. Heute wollte sie einfach nur den Abend erleben. Wieder und wieder drehte sie sich, ließ die Seide im Kerzenlicht schimmern und die kleinen Diamanthaarnadeln funkeln. Friedolin schien immer eine Sekunde zuvor zu ahnen, welche Bewegung nötig war, damit sie sich wie die Feder im sanften Wind wiegen konnte. Ohne Zweifel, man hatte sich aneinander gewöhnt, beide konnten sich ziemlich treffsicher auf den anderen einstellen und es war wenig verwunderlich, dass dies auch beim Tanz nicht anders war. Sie suchte seinen Blick und sah das seltene Strahlen in seinen Augen, das eben nur zu Tage trat, wenn auch er nicht an Adorans Sicherheit, Vorbereitungen gegen Rahal oder ihren Schutz denken musste. "Gefällt dir der Abend?" fragte sie in einer der weniger raschen Passagen. "Sehr" , war die einfache Antwort. Mehr brauchte es in diesem Moment auch nicht.
Irgendwann kam der letzte Takt und während höflicher Applaus die Leistung der Musiker würdigte, verbeugten sich die Tänzer vor den knicksenden Damen. Friedolin führte sie zurück zu ihrer Familie und verschwand, um ihr einen Becher Wein zu organisieren. Mariella sah den Blick ihrer Mutter, sah sich hilfesuchend zur Schwester um - und atmete tief durch. Manchmal hasste sie ihre Familie ein wenig. Die Beobachtungsgabe, die ihr selber oft so gute Dienste leistete, lag leider im Blut und gerade die Damen waren meisterlich darin. Und schon begann es: "Wann genau wurde Sir Friedolin noch gleich zum Ritter geschlagen, Liebes?" Ihre Mutter hatte den beiläufigen Ton schon deutlich besser getroffen. "Am Tag meiner Erhebung in den Grafenstand, werte Frau Mutter." Und sofort setzte ihre Schwester an: "Für seine Verdienste, wenn ich mich recht erinnere? Ein Knappe war er doch nie?"
Mariella schenkte sich die Antwort und warf Constance lieber ein liebevolles -und warnendes- Lächeln zu, das diese ganz einfach übersah. In diesem Moment aber kam das Zentrum des Interesses und versorgte die Damen mit Getränken, was augenblicklich zu höflicher, aber wenig tiefgreifender Plauderei führte.
Das nächste Lied wurde aufgespielt und diesmal stand der junge Baron rechtzeitig vor ihr. Unter den wohlwollenden Augen ihrer Mutter führte er Mariella zur Tanzfläche. Ein einfacher Walzer, der auch ungeübtere Paare verlockte.
"Erlaucht sehen ganz reizend aus, so mir diese Bemerkung erlaubt ist."
Ah, so einer also. Mariella schenkte ihm ein dankendes Lächeln, ging aber sonst nicht weiter darauf ein. Lieber genoss sie die Musik. Eins, zwei drei. Eins, zwei, drei - der Baron wagte einen neuen Versuch.
- "Wie lange bleibt Ihr auf Dunkelschanz, verehrte Gräfin?"
- "Etwa eine Woche, mehr konnte ich in der jetzigen Situation nicht einrichten."
- "Oh, aber so werden wir wohl noch öfter Gelegenheit haben, ein wenig zu plaudern. Womöglich gewährt Ihr mir die Ehre eines gemeinsamen Ausrittes? Sicher hat sich einiges verändert seit Eurem letzten Besuch."
Mariella war dankbar um ihre gute Ausbildung, denn so sah der Baron nur ein höfliches Lächeln und nicht ihre Gedanken. Eigentlich war ihr wenig nach dem üblichen Balzgehabe junger, aufstrebender Adeliger, die eine ledige Gräfin witterten.
- "Wir werden sehen, ob es sich ergibt, Hochwohlgeboren."
Lieber noch ein wenig eins, zwei, drei.
Der Abend glitt dahin und Mariella tanzte so viel wie selten an einem Abend. Ihr Bruder Oriel, noch einmal Silvan, einige der Offiziere, sogar ihr alter Tanzlehrer, ein Edler von gut sechzig Jahren ließen sie fröhliche Kreise ziehen. Irgendwann tauchte Baron von Wolfenbrück wieder vor ihr auf. Sie brauchte nicht hinzusehen, um die linke Braue ihres Bruders hinaufwandern zu wissen. Der Abend aber war lang und sie hatte auch einem der Truppenführer, einem alten Freund ihres Vaters, einen zweiten Tanz geschenkt. Es kam selten vor, dass ein Mann so seine Sympathie bekundete, aber zufällig spielten die Musiker gerade zu einem der besonders lebhaften Stücke auf, die Mariellas Laune anhoben. Diesmal wurde deutlich, dass der Baron sich ein wenig verschätzt hatte. Er war kaum in der Lage, sie mit Worten zu umgarnen, vielmehr musste er sich auf die Schrittfolge konzentrieren, um sich keine Blöße zu geben. Mariella bemerkte es mit einer gewissen Belustigung.
Am Ende aber musste auch sie um Atem ringen. Einen der wenigen Momente, in dem keiner an ihrer Seite war, um sie zu unterhalten, nutzte sie, um durch eines der bodenlangen Fenster auf die Terasse zu huschen. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht und linderte die Hitze auf ihren Wangen. Sie trat an die Balustrade und sog die Nachtluft in ihre Lungen. Der Blick ging hinauf in den Himmel, wo tausende und abertausende Sterne funkelten. Unter ihr erstreckte sich Vesten, die Hauptstadt der Furt, zu einem Lichtermeer. Überall wurde der Abend genossen.
Ja, Abende wie diese sollten niemals enden.
Der große Saal war mit Musik und Stimmgewirr erfüllt, die Luft war geschwängert von süßen Parfums und dem verlockenden Geruch köstlicher Speisen. Überall flackerten Kerzenleuchter und ließen den Schmuck der Damen herrlich glitzern.
Ihr Bruder, ein durchaus geübter und nicht ungeschickter Tänzer, drehte sie über die Tanzfläche und auch wenn dieser Zeitvertreib nicht zu seinen liebsten gehörte, achtete er darauf, eine passable Figur abzugeben. Die Mimik war wie immer beherrscht und höflich, doch in seinen Augen sah sie den Stolz, in seiner Stimme klang die Freude mit, die für die Öffentlichkeit nicht bestimmt war.
- "Es ist lange her, dass du dich so meiner Führung überlassen hast, kleine Schwester."
- "Es ist lange her, dass du da warst, um mich zu führen, großer Bruder. Ich streite nicht ab, es bisweilen zu vermissen."
- "Mir scheint, du bist in guten Händen..."
Silvan führte sie in eine Drehung, durch die sie in der Lage war, einen bestimmten Blick aufzufangen, der ihr vom Rande der Tanzfläche aus folgte. Unweigerlich musste sie kurz lächeln, was der scharfen Beobachtungsgabe ihres Bruders keinesfalls entging: "Er ist sehr gewissenhaft. Wirklich ungewöhnlich gewissenhaft, Mariella."
Sie wusste sehr genau, worauf Silvan anspielte, doch sie würde ihm nicht den Gefallen tun. Jetzt und hier wollte sie nicht darüber diskutieren, wie eine geeignete Bindung aussehen könnte und ob es an der Zeit war, für Erben zu sorgen. Sollte ihr Bruder doch erst einmal selber seine Nachfolge regeln. Glücklicherweise erklang der Schlussarkord, so dass der sittsame Knicks vor dem Lehnsherren der Dragenfurt sie rettete.
Silvan führte sie an den Rand der Tanzfläche, als auch schon die nächsten Klänge durch den Raum schwebten. Verblüfft sah Mariella zur Empore der Musiker. Zu diesem Zeitpunkt des Abends war ein Lied von dieser Länge nicht eben üblich. Aus dem Augenwinkel sah sie auch schon den jungen Baron von Wolfenbrück auf sie zusteuern, der sich bei ihrem Bruder abschauen sollte, wie man Streittruppen am effizientesten organisierte. Doch noch ehe er sie erreichte, drang ein sehr vertrauter Bass an ihr Ohr. "Schenkt Ihr mir diesen Tanz, meine Gräfin?" und einen Herzschlag später hielt Friedolin ihr bereits die Hand hin. Wortlos lächelnd legte sie ihre Finger in seine Handfläche und ließ sich an dem konsterniert dreinblickenden Baron wieder mehr in die Mitte des Saals führen.
Sie nahmen die Grundhaltung ein und schon begann der Tanz Tempo aufzunehmen. Ein wenig überrascht bemerkte sie, wie der eigentliche Tanzmuffel sie in Figuren hineinführte, die nicht gerade in den ersten Stunden vermittelt wurden. So, dieser Schlingel hatte also heimlich geübt! Kurz fragte sie sich, wer ihm wohl dabei zur Seite stand, doch auch das war heute nicht wichtig. Sie genoss die Musik, genoss die Bewegungen, genoss das Gefühl von völliger Unbeschwertheit. Heute wollte sie einfach nur den Abend erleben. Wieder und wieder drehte sie sich, ließ die Seide im Kerzenlicht schimmern und die kleinen Diamanthaarnadeln funkeln. Friedolin schien immer eine Sekunde zuvor zu ahnen, welche Bewegung nötig war, damit sie sich wie die Feder im sanften Wind wiegen konnte. Ohne Zweifel, man hatte sich aneinander gewöhnt, beide konnten sich ziemlich treffsicher auf den anderen einstellen und es war wenig verwunderlich, dass dies auch beim Tanz nicht anders war. Sie suchte seinen Blick und sah das seltene Strahlen in seinen Augen, das eben nur zu Tage trat, wenn auch er nicht an Adorans Sicherheit, Vorbereitungen gegen Rahal oder ihren Schutz denken musste. "Gefällt dir der Abend?" fragte sie in einer der weniger raschen Passagen. "Sehr" , war die einfache Antwort. Mehr brauchte es in diesem Moment auch nicht.
Irgendwann kam der letzte Takt und während höflicher Applaus die Leistung der Musiker würdigte, verbeugten sich die Tänzer vor den knicksenden Damen. Friedolin führte sie zurück zu ihrer Familie und verschwand, um ihr einen Becher Wein zu organisieren. Mariella sah den Blick ihrer Mutter, sah sich hilfesuchend zur Schwester um - und atmete tief durch. Manchmal hasste sie ihre Familie ein wenig. Die Beobachtungsgabe, die ihr selber oft so gute Dienste leistete, lag leider im Blut und gerade die Damen waren meisterlich darin. Und schon begann es: "Wann genau wurde Sir Friedolin noch gleich zum Ritter geschlagen, Liebes?" Ihre Mutter hatte den beiläufigen Ton schon deutlich besser getroffen. "Am Tag meiner Erhebung in den Grafenstand, werte Frau Mutter." Und sofort setzte ihre Schwester an: "Für seine Verdienste, wenn ich mich recht erinnere? Ein Knappe war er doch nie?"
Mariella schenkte sich die Antwort und warf Constance lieber ein liebevolles -und warnendes- Lächeln zu, das diese ganz einfach übersah. In diesem Moment aber kam das Zentrum des Interesses und versorgte die Damen mit Getränken, was augenblicklich zu höflicher, aber wenig tiefgreifender Plauderei führte.
Das nächste Lied wurde aufgespielt und diesmal stand der junge Baron rechtzeitig vor ihr. Unter den wohlwollenden Augen ihrer Mutter führte er Mariella zur Tanzfläche. Ein einfacher Walzer, der auch ungeübtere Paare verlockte.
"Erlaucht sehen ganz reizend aus, so mir diese Bemerkung erlaubt ist."
Ah, so einer also. Mariella schenkte ihm ein dankendes Lächeln, ging aber sonst nicht weiter darauf ein. Lieber genoss sie die Musik. Eins, zwei drei. Eins, zwei, drei - der Baron wagte einen neuen Versuch.
- "Wie lange bleibt Ihr auf Dunkelschanz, verehrte Gräfin?"
- "Etwa eine Woche, mehr konnte ich in der jetzigen Situation nicht einrichten."
- "Oh, aber so werden wir wohl noch öfter Gelegenheit haben, ein wenig zu plaudern. Womöglich gewährt Ihr mir die Ehre eines gemeinsamen Ausrittes? Sicher hat sich einiges verändert seit Eurem letzten Besuch."
Mariella war dankbar um ihre gute Ausbildung, denn so sah der Baron nur ein höfliches Lächeln und nicht ihre Gedanken. Eigentlich war ihr wenig nach dem üblichen Balzgehabe junger, aufstrebender Adeliger, die eine ledige Gräfin witterten.
- "Wir werden sehen, ob es sich ergibt, Hochwohlgeboren."
Lieber noch ein wenig eins, zwei, drei.
Der Abend glitt dahin und Mariella tanzte so viel wie selten an einem Abend. Ihr Bruder Oriel, noch einmal Silvan, einige der Offiziere, sogar ihr alter Tanzlehrer, ein Edler von gut sechzig Jahren ließen sie fröhliche Kreise ziehen. Irgendwann tauchte Baron von Wolfenbrück wieder vor ihr auf. Sie brauchte nicht hinzusehen, um die linke Braue ihres Bruders hinaufwandern zu wissen. Der Abend aber war lang und sie hatte auch einem der Truppenführer, einem alten Freund ihres Vaters, einen zweiten Tanz geschenkt. Es kam selten vor, dass ein Mann so seine Sympathie bekundete, aber zufällig spielten die Musiker gerade zu einem der besonders lebhaften Stücke auf, die Mariellas Laune anhoben. Diesmal wurde deutlich, dass der Baron sich ein wenig verschätzt hatte. Er war kaum in der Lage, sie mit Worten zu umgarnen, vielmehr musste er sich auf die Schrittfolge konzentrieren, um sich keine Blöße zu geben. Mariella bemerkte es mit einer gewissen Belustigung.
Am Ende aber musste auch sie um Atem ringen. Einen der wenigen Momente, in dem keiner an ihrer Seite war, um sie zu unterhalten, nutzte sie, um durch eines der bodenlangen Fenster auf die Terasse zu huschen. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht und linderte die Hitze auf ihren Wangen. Sie trat an die Balustrade und sog die Nachtluft in ihre Lungen. Der Blick ging hinauf in den Himmel, wo tausende und abertausende Sterne funkelten. Unter ihr erstreckte sich Vesten, die Hauptstadt der Furt, zu einem Lichtermeer. Überall wurde der Abend genossen.
Ja, Abende wie diese sollten niemals enden.