Jedes Leben eine Geschichte - Jeder Abschnitt ein Buch

Geschichten eurer Charaktere
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Kapitel X

Ich erholte mich wieder, was bei den Bemühungen des Medikus und der Pflege wohl kaum verwunderlich war. Während die ersten Empfänge und Bälle etwas steif verliefen, nicht nur allein der Gesellschaft wegen, ging es aber dennoch von mal zu mal besser.
Bald schon bekam ich neue Aufträge zugeschoben, neue Kontrakte wurden geschlossen und das Leben nahm den üblichen Verlauf. So vergingen zwei Jahre, manche Tage davon waren aufregend, andere zum Sterben öde, aber es blieb kaum Zeit über Kommendes nachzudenken. Dann und wann hatte ich Virginie am Hintern kleben bei dem einen oder anderen Kontrakt. Irgendwann konnte ich sogar voraussagen, wo der Alte sie mitschickte und wo nicht.
Zwei Wochen vor der Feier, an die ich schon längst nicht mehr dachte, bemerkte ich zwei der Diener, die sich anders verhielten als sonst. Der eine war ein gedrungener Kerl, der mich mit Misstrauen erfüllte. Er schien mir link, hinterhältig, einer Natter gleich und ich wollte bei der ersten Begegnung mit ihm schon drauf wetten, dass er Schwierigkeiten machen würde. Das dachte ich nicht zum ersten Mal, obschon ich wusste, dass er bestimmt schon zwanzig Jahre in den Diensten meines Vaters stand.
Der zweite, groß und schlaksig, wirkte auf den ersten Blick unglaublich dümmlich, aber ich wollte mich davon nicht täuschen lassen. Wie oft schon hatte ich erlebt, dass gerade solche Menschen zu denen gehörten, die am gefährlichsten werden konnten?
Mir gefielen die zwei nicht. Schon gar nicht, weil sie die Köpfe ständig zusammensteckten seit Neustem. Der eine nannte sich Raffik, der andere Ruscoll. Ich fragte mich ernstlich, ob meinem Vater klar war, dass hier irgendetwas vor sich ging. Auch Virginie schien den beiden nicht trauen zu wollen. Immerhin waren wir uns darin einer Meinung.

Zwei Wochen später riss mich der Kammermeister aus den Federn und zerrte mich mit ins Ankleidezimmer, noch bevor ich die Augen richtig geöffnet hatte.
„Was zum…“
„Ihr müsst Euch ankleiden! Die Verlobung!“ plapperte er aufgeregt vor sich hin und ich war mit einem Schlag hellwach – vor entsetzen. War es tatsächlich schon soweit? Das würde bedeuten, dass die ersten Gäste binnen kürzester Frist eintrafen, dass nicht einmal mehr Zeit bleiben würde Luft zu holen, geschweige denn die Flucht zu ergreifen (was ich eigentlich vor gehabt hatte).
„Verdammt!“
„Nicht fluchen! Anziehen!“ Er wies auf einen Haufen bereit gelegter Klamotten und verließ die Ankleide, um vor der Türe Stellung zu beziehen. „Ich warte auf Euch, zehn Minuten! Höchstens! Dann komm ich und übernehme es selbst!“
Das fehlte mir noch, dass dieser Gockel mich anzog! Murrend packte ich die Kleidungsstücke, nachdem ich mir an der Waschschüssel mehrere Hand voll Wasser ins Gesicht geworfen hatte, und zog mich an. Vermaledeit sollten alle sein! Ich war drauf und dran mich gegen dieses Arrangement zu stemmen mit allem was ich aufzubringen wusste! Mein Blick irrte zu einem der Fenster. Ich trat näher heran und sah hinaus. Im Hof wimmelte es vor Wachen, zwei davon sahen zu mir hinauf und grinsten. Sie waren informiert. Dieser alte Fuchs ahnte also, was in mir vor sich ging. Bastard.
Ich wandte mich ab und verließ mit grimmiger Miene das Ankleidezimmer und ließ mich von dem Gockel in die Empfangshalle führen. Virginie wartete dort bereits neben meinem Vater und unterhielt sich leise mit ihm. Sie sah aus wie gemalt und dennoch wollte sich meine Laune kein Stück bessern. Ihre Eltern sollten jeden Moment eintreffen, als eine der ersten Gäste des Hauses.
Der Blick aus den Feenaugen traf mich kalt und unvorbereitet und meine Miene verfinsterte sich noch mehr, sofern das überhaupt noch möglich war.
„Vater.“
Nur ein Nicken, das Gespräch war verstummt. Virginie sah mich an mit einem Blick dunkelster Vorahnungen. Irgendwas war im Busch, und so wie die Dinge lagen, musste ich selbst herausfinden, was.

So sehr ich die Augen auch offen hielt, es wollte sich nichts auftun, was mir auch nur den kleinsten Hinweis gab. Jeder ging artig seiner Arbeit nach, während die Gäste und die Familie an der Festtafel saßen. Mein Blick irrte nach oben zur Decke, aber da hätte sich niemand einnisten können. Hier gab es kein Gebälk, keine Nische, um darin herum zu klettern.
Das Essen wurde aufgetragen. Ich verzichtete auf die Vorspeisen, genauso wie einige andere auch.
Noch war nichts ausgesprochen, noch war nichts geschehen. Ich stand auf, entschuldigte mich, verließ den Saal. Sollten die Anwesenden glauben, ich müsste mal kurz abtreten. Mein Weg indes führte mich allerdings zur Küche, möglichst ungesehen von den Angestellten. Ich hätte nicht sagen können, warum ich ausgerechnet dorthin ging. Aber irgendwann auf dem Weg von dem Ankleidezimmer zur Halle meinte ich jemanden gehört zu haben, der sagte, die Köchin wäre verschwunden. Es war nur ein Gefühl, dem ich nachging, nicht mehr und nicht weniger.
Als ich dort ankam, warf ich einen flüchtigen Blick hinein und entdeckte Ruscoll dort an den Töpfen – beim Anrichten der weiteren Speisen. Die Küche war üblicherweise nicht sein Bereich. Er hätte bei den Pferden sein sollen, genauso wie Raffik, nicht bei denen, die das Essen vorbereiteten. Ich drückte mich hinter den Vorhang zweier Vorratsschränke in die Nische und sah zu, was der Kerl dort vor mir trieb. Selbst die vorbeieilenden Diener, die die Platten hinaustrugen in den Saal, bemerkten mich dort nicht.
Als Ruscoll den Bratensaft in eine kleine Karaffe schüttete, tat er noch irgendetwas mit hinein. Es platschte einmal. Dabei achtete er darauf, dass er sich gerade allein in der Küche befand. Keinen Moment zu früh und ein Diener kam, nahm ihm das Gefäß ab und trug es hinaus. Ich für meinen Teil fand genug gesehen zu haben, verließ mein Versteck so leise als möglich, und eilte dem Ahnungslosen nach. Ich erwischte ihn kurz vorm Betreten des Saales.
„Lass mich einen Blick drauf werfen“, bat ich freundlichen Tonfalls. Überrascht, aber auch bereitwillig, hielt er mir die Karaffe hin. Nach einem Blick in den Saft, musste ich feststellen, dass nichts Außergewöhnliches zusehen war. Der Geruch verriet meiner Nase ebenso wenig.
„Warte kurz hier“, befahl ich dem jungen Mann, der mich nur verstört anblickte, aber wenigstens gehorchte und vor allem keine überflüssigen Fragen stellte. Man merkte, dass er ebenfalls schon länger in diesem Haushalt arbeitete.
Ich holte einen der Köter heran, die in der Nähe auf einem der gepolsterten Sesseln schlummerten (und irgendwelchen Gästen gehörten), steckte den Fingern in den Bratensaft und hielt es dem Hund vor die Schnauze. Der schleckte den Saft munter ab und ich setzte ihn auf den Boden. Der Diener verfolgte alles schweigend und mit fragenden Blicken, wagte es aber nicht laut auszusprechen, was er wissen wollte.
Ich beobachtete derweil den Köter.
Es brauchte nicht lange und er fing an zu winseln, rannte im Kreis, als wolle er seine eigene Rute fangen, Schaum quoll zwischen den Lefzen hervor, er verdrehte die Augen und fiel um. Noch ein paar Zuckungen folgten, dann trat Stille ein. Zumindest für zwei drei Herzschläge, bis sich der Diener gefasst hatte.
„Damit hab ich nichts zu tun, Herr! Wirklich nicht!“
Ich nickte, was für erneute Verwunderung in dem Gesicht des Dieners sorgte. Natürlich musste er denken, dass man es ihm in die Schuhe schieben wollte. Noch immer schweigend nahm ich ihm die Karaffe ab. Erst dann erhob ich die Stimme:
„Tragt das Essen ab, alles, sofort. Die Getränke ebenso. Ich besorge für die Gäste etwas. Fünf von euch sollen mir in die Küche folgen in einem viertel Maß. Sieh zu! Ah, und sag meinem Vater Bescheid!“ Der Diener sprintete schon fast los in den Saal hinein, um sich um seinen neuen Auftrag zu kümmern. Mit Glück war noch niemand verreckt. Mit Pech wurde das Fest ein Desaster.
Ich wandte mich um zur Küche und stapfte dorthin zurück. Als ich eintrat, sprach mein Blick Bände – nämlich von Mord und Totschlag. Ich donnerte die Karaffe vor Ruscoll auf den Tisch. „Sauf das!“
„Stimmt damit etwas nicht, Herr?“
„Sauf es! Jetzt!“ herrschte ich ihn an und kniff die Augen zusammen.
Sein Blick heftete sich auf die Karaffe, als wäre sie sein persönlicher Feind. Mich verwunderte es gar nicht. Wer mochte schon sein eigenes Gift trinken?
Ich ließ ihn nicht aus den Augen, da ich damit rechnete, dass er mich im nächsten Augenblick angreifen würde, um irgendwie aus der Sache heraus zu kommen. Er sah mich an, blickte auf meine Hände. In der Linken hielt ich meinen Wurfdolch. Erst jetzt merkte ich, dass ich ihn am Griff umklammerte. Bewusst hatte ich ihn nicht gezogen, so sehr war mir die Handlung schon in Fleisch und Blut übergegangen, wenn Gefahr im Verzug war.
Für eine kleine Weile wog er seine Chancen ab, schließlich griff er ergeben zur Karaffe und setzte zum Trinken an. Mir entging nicht, dass er nur so tun wollte, als ob, also drückte ich ihm den Dolch an die Kehle. „Sauf!“ Sein Mienenspiel verriet im ersten Moment Entsetzen, dann wenig später Resignation. Ihm blieb die Wahl zwischen Übel und Übel, und es war ihm klar, das konnte man ihm ansehen. Er schluckte. Ich wartete.
Es brauchte nicht einmal unwesentlich länger, als bei dem verdammten Köter, bis er vor meinen Augen zusammenbrach und elendig verreckte. Er wand sich dafür eine halbe Ewigkeit in Krämpfen, bevor er endlich still da lag, verrenkt und mit Schaum vor dem Mund. Mitleidlos dachte ich noch bei mir, dass der Dolch gewiss die angenehmere Art zu sterben gewesen wäre. Als die ersten Diener eintrafen, starrten sie auf den Toten und machten direkt mit kreideweißem Gesicht kehrt.
Als ich nach einer guten halben Stunde noch immer nicht wieder im Saal eingekehrt war, betrat mein Vater die Küche. „Wo ist Molly?“ fragte ich, während ich das Essen überprüfte – mit weiteren Hunden der Gesellschaft, was anderes war halt gerade nicht zur Verfügung und ich sah nicht ein den Vorkoster zu spielen. Ruscoll lag noch immer mausetot auf dem Boden. Ich hatte ihn nur notdürftig unter den Tisch getreten, damit niemand über ihn stolperte.
„Gute Frage. Was ist passiert?“ hielt er dagegen.
„Erklärt sich das nicht von selbst?“ Ich sah ihn an und bekam gerade noch sein Nicken mit.
„Ich lass nach ihr suchen.“

Wir fanden Molly – unsere Köchin. Sie war eingesperrt im Weinkeller, gebunden und geknebelt. Als wir sie erlösten, stieß sie in vollem Entsetzen hervor, dass es Ruscoll gewesen wäre und er gesagt hätte, er würde die gesamte Gesellschaft zu den Sternen schicken. Weiteres Nachbohren brachte aber sonst nichts Nützliches aus ihr heraus.
Die Gäste entließ mein Vater. In Anbetracht dessen, was vorgefallen war, wollte er kein Risiko eingehen und schickte die Leute nach Hause. Die Verlobung war geplatzt. Welch Wonne für mich, welch Verdruss für das Arrangement. Virginie schien sich genauso wenig daran zu stören, wie ich. Vielleicht aber gab sie es auch nur vor.

Jetzt stellte sich die Frage: Wer hatte diesen Bastard geschickt und warum hatte er es auf die Gesellschaft abgesehen – auf wen davon insbesondere? Das Problem: Ruscoll würde nichts mehr erzählen. Dazu müsste ich erlernen Tote zum Leben zu erwecken, und zu meinem Bedauern fehlte mir dazu jedwede Begabung.
Es blieb nur seinen Kumpan im Auge zu behalten. Raffik.
Lucien de Mareaux

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Buch III – Kapitel I

Das Verlobungsfest hatte einen ganzen Mond später stattgefunden. Während unsere Eltern sie verkündeten, sahen Virginie und ich uns an. Ich hatte das Gefühl, dass wir beide versuchten in dem anderen zu lesen, zu ergründen, was für Gedanken da waren. Beide gaben wir aber auch nichts davon Preis, nicht freiwillig.
Während die Gäste applaudierten, wirkten wir eher wie zwei Gefangene, die gerade abgeführt wurden. Von Freude keine Spur. Nur mit Mühe rang ich mir ein Lächeln ab, wenigstens ein kleines. Immerhin waren wir die Protagonisten in diesem schlechten Stück und dieses musste irgendwie den Abend lang noch weitergehen.

Am Ende der Festlichkeit brachte uns einer der Diener in den Westflügel des Herrenhauses. In aller Heimlichkeit hatte mein alter Herr uns da mehrere Räume zusammengelegt und zur Verfügung gestellt. Es wirkte auf mich, als wäre ich schon den Bund eingegangen und nicht bloß eine Verlobung. Erst als sie uns näher gezeigt wurden, war klar, dass wir noch immer getrennte Schlafzimmer haben würden.
Ich konnte nicht sagen, dass ich darum traurig war. Ohnehin gab ich mich den ganzen Abend schon wortkarg und wenig gesellig. Nicht selten brachte mir das missbilligende Blicke ein, so auch jetzt. Mir war nicht danach zu sagen, wie ich diese Geste meines Vaters fand. Virginie schien es aber wissen zu wollen, während ich mich noch fragte, was es sie eigentlich anging. Ich ließ sie stehen und verzog mich auf mein Zimmer. Für meine Begriffe war es genug Trubel gewesen, den wir den Abend über hatten, und mir war nicht nach einer Fortsetzung.
Einige Stunden später hörte ich im Dunkel des Zimmers ein leises Rascheln von Stoff. Die erste Berührung des Bettes, endete in einem Aufkeuchen, als ich zupackte und Seide erwischte. Ich riss daran und hörte das Fluchen einer durchaus vertrauten Stimme, die mich innehalten ließ – zu spät wohl, denn das gesamte Gewicht der Person landete schwer auf mir und ließ mich schnaufen.
„Du könntest etwas an deiner Sanftheit üben“, zischte sie und knuffte in meine Seite. Ich schnaubte nur und versuchte sie von mir fort zu schieben, und wenn sie dabei vom Bett fiel, war es mir auch recht. Das nachfolgende Poltern verkündete den Erfolg meines Vorhabens.
„Verschwinde“, murrte ich nur, drehte mich zur Seite, den Rücken in ihre Richtung und zog die Decke über den Kopf. Ich hörte nur ein Ächzen, dann gab das Bett etwas nach, als sie sich draufsetzte. So schnell wollte sie sich wohl nicht vertreiben lassen. Miststück.

Der nächste Morgen gestaltete sich mehr als anstrengend. Ich bekam kaum die Augen auf und nickte sogar am Frühstückstisch ständig wieder ein. Dagegen sah Virginie frisch aus, wie der junge Morgen selbst. Wie ich sie hasste dafür. Die halbe Nacht hatte sie mich hartnäckig vom Schlafen abgehalten, während ich einfach nur den Schlaf der Gerechten oder Ungerechten schlafen wollte. Vier Stunden! Vier Stunden brauchte es, bis sie sich nörgelnd und wütend verzog und ich endlich die Augen schließen konnte!
Neben der Tatsache, dass ich dadurch nur zwei oder drei Stunden Schlaf gefunden hatte, sorgte sie auch noch dafür, dass der unruhig wurde. Nein, sie war nicht noch mal wiedergekommen, um mich erneut zu stören. Die Art, wie sie davor gestört hatte, das war der Grund dafür, dass ich alle Stunde die Augen aufschlug und nun das Gefühl hatte, gar nicht geschlafen zu haben. Und ausgerechnet dieses Miststück saß mir gegenüber, frisch wie der junge Morgen, frühstückte ungerührt, plauderte munter mit meinem Herrn Vater und würdigte mich keines Blickes – über letzteres war ich im übrigen nicht traurig.
Der Tag danach verlief ähnlich. Ich wurde ignoriert, außer in den Momente, die wir allein waren. Da kassierte ich alle Nase lang einen Schlag gegen den Hinterkopf, einen Knuff in die Seite, oder ähnliche „Zärtlichkeiten“ mehr, bis ich davon derart genug hatte, dass ich sie mir packte und in dem großen Teich hinten im Garten versenkte und sie immer wieder zurückstieß, wenn sie versuchte herauszukommen, was natürlich zu Gezeter und Gekeife führte – und dazu, dass mich irgendwer irgendwann packte und fortzerrte und irgendwer anders sich um sie kümmern konnte. Ich war in dem Moment so wütend, dass ich selbst im Nachhinein nicht einmal mehr wusste, wer es war. An die tollen Aufgaben hingegen, die ich dafür aber von meinem Vater aufgebrummt bekam, an die konnte ich mich noch sehr gut erinnern. Servieren auf den herrschaftlichen Empfängen. Buckeldienst – so nannten wir das.
Lucien de Mareaux

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Kapitel II

Die aufgebrummte Strafarbeit – Servieren – blieb mir erhalten. Virginie und ich gingen uns aus dem Weg, soweit wir konnten. Ansonsten sprachen wir kaum miteinander seit dem Vorfall mit dem Teich. Auch des Nachts blieb mir die Zeit zum Schlafen, wenn ich nicht gerade irgendetwas für irgendwen zu erledigen hatte, dass mir mein Taschengeld aufbesserte, oder meinem Vater und dessen Machenschaften diente. Zeit für eigene Aktivitäten blieb mir keine und mir wurde auch in aller Deutlichkeit klar gemacht, was ich zu erwarten hatte, wenn ich mich nicht fügte – ich würde wieder auf der Straße sitzen oder gar ganz aus dem Weg geräumt werden, bevor ich auch nur Luft holen konnte.
Auf diese Weise verging mehr als nur ein wenig Zeit. Es zog sich so lang dahin, dass ich bald sogar die Verlobung vergaß und mir um andere Dinge Gedanken machte, als das. In der Zwischenzeit geschahen auch noch so einige Dinge, was sowohl meinem Vater, als auch mir Kopfschmerzen bereitete. Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass ihm jemand ans Leben wollte, genauso wie irgendwer stetig versuchte, mir diese Tat in die Schuhe zu schieben, das allerdings mehr schlecht als recht. Mein alter Herr schien genau zu wissen, dass ich derartiges nicht versuchte – woher auch immer er die Erkenntnis nahm, er teilte es mir nicht mit. Genauso wenig wie ich erfuhr, wer dahinter steckte. Auch da hatte er wohl seine Ahnung, zumindest ließen mich einige Andeutungen seinerseits darauf schließen. Nach dem fünften gescheiterten Versuch dieser Unbekannten, fing es an mich gehörig zu wurmen, noch mehr aber, dass mir keine Zeit blieb selber hinterher zu schnüffeln.
Es hinterließ den schalen Beigeschmack, dass mein Vater mir nicht mehr weit genug traute, je mehr sich die Vorfälle häuften. Virginie war fast gar nicht mehr zu sehen in der Zeit. Vielleicht hatte er sie darauf angesetzt mehr herauszufinden.

Es war einer der Empfänge bei der besseren Gesellschaft – oder der, die glaubte besser zu sein, dem ansässigen Adel. Mal wieder durfte ich Buckeldienst verrichten. Dieses Mal war aber auch mein Vater zugegen. Es kam höchst selten vor, dass wir auf den gleichen Festlichkeiten anzutreffen waren und im Normalfall achtete er auch peinlichst darauf, dass es nicht geschah. Was heute anders war, wusste ich nicht, aber das ungute Gefühl in meiner Magengegend riet mir vorsichtig zu sein. Es roch nach jede Menge Ärger.
Vielleicht hätte ich auf dieses Gefühl noch deutlicher hören sollen, denn wie sehr sich das Bewahrheiten sollte, ahnte ich zu Anfang noch gar nicht. Da lief alles noch wie es sollte, es wurde aufgetragen, es wurde gemeinsam gespeist, es wurde gelacht und geschwatzt, es war das übliche Beisammensein mit Klatsch und Tratsch, oberflächlich und nichts sagend. Nach dem Essen wurde abgetragen – auch durch mich – und die Gesellschaft verteilte sich auf die Räumlichkeiten, Balkon, und so weiter. Mein Vater war wenig später ebenfalls verschwunden, ebenso die Hausherrin, die den Empfang gab.
Dumm von mir, dass ich zu nachlässig auf mein mieses Bauchgefühl zu hören. Irgend ein Kerl, ich hielt ihn für einen Angestellten des Haushalts, übergab mir ein Tablett auf dem zwei Getränke und ein Schälchen mit Gebäck standen, und trug mir auf das in den Privatsalon der Hausherrin zu bringen. Es wäre ausdrücklich gewünscht, dass ich das täte.
Alles in allem war das nicht ungewöhnlich. Spätestens aber als ich den Salon betrat und meinem Vater gegenüberstand, hätte es mich stutzig machen sollen. Spätestens da hätte ich mir ebenso das Gesicht des Kerls ins Gedächtnis rufen müssen, um festzustellen, dass ich es mir nicht gemerkt hatte. Nichts. Ich servierte, wie gewünscht.
Mein Vater griff aus Höflichkeit ein kleines Gebäckstück und aß es, während die Hausherrin auf ihn einschwatzte. Vermutlich hielt sie es für höchst interessant, was sie ihm da mitteilte.
„Jedenfalls hat Sir Patrick es dem Burschen so richtig gegeben“, plapperte sie vor sich hin, als ich meinen Posten an der Türe bezog, wie man es von mir erwartete. Gerade sah ich zu den beiden hinüber, ob noch irgendwas gewünscht wurde – es mochte eine gefühlte halbe Stunde vergangen sein –, da brach mein Vater zusammen. Kein Laut. Er sackte einfach kraftlos zu Boden. Der spitze Schrei der Herrin hallte durch den Raum, vermutlich ebenso durch den Flur, ich eilte hingegen zu meinem Erzeuger und sah sofort die unnatürlich blauen Lippen, die angeschwollene Zunge, die sich dazwischen vorschob und unterdrückte mit Mühe ein Fluch.
Alle Versuche waren vergebens gewesen und ich konnte mir nun meiner Nachlässigkeit zuschieben, dass mein Vater verreckt war am Gift in dem Gebäckteilchen. Wem man das unterschob, musste ich mir nicht ausrechnen. Ich stand gerade auf und wandte mich um, als die Türe zuflog und die Wachen hinein stürmten. Natürlich hätte ich versuchen können die Flucht anzutreten, aber die gesamte Situation überforderte mich völlig.
Ich hörte kaum, wie die Schnepfe plärrte, ich hätte meinen eigenen Vater umgebracht. Nicht einmal, dass ich grob gepackt und mitgerissen wurde, bekam ich mit. Nur einen flüchtigen Schatten, der uns folgte, den nahm ich wahr.

Zu mir kam ich erst, als der Gestank mir entgegenschlug, der die eindeutige Sprache von Fäkalien sprach, und ich vor einem breiten dunklen Loch stand, in das man mich gerade stoßen wollte. Dass ich noch versuchte mich zur Wehr zu setzen, brachte mir allenfalls noch mehr Prügel ein – die ich auch bis dorthin schon mehrfach kassiert hatte. Wenn ich eine Verhandlung erwartet hatte, so wurde ich gerade eines Besseren belehrt.
Ich schlug in völliger Dunkelheit hart auf dem Steinboden auf und blieb benommen liegen. Der Gestank hier unten war noch bestialischer als oben. Irgendwo in der Nähe hörte ich ein schlurfendes Geräusch, fühlte mich aber nicht in der Lage mich zu regen. Dann spürte ich, wie ich allmählich die Besinnung verlor, so sehr ich auch versuchte mich daran zu klammern wach zu bleiben – diesen Kampf verlor ich ebenso.

Wie viel Zeit verstrich, bis ich weit über mir Schritte vernahm, das wusste ich nicht. Mittlerweile aber war ich wieder ganz bei mir – bei allen Göttern, Dämonen und was es sonst noch gab, das die Menschen anriefen, wenn sie in Not waren. Auch war ich nicht allein hier unten. Irgendwo in einer Ecke kauerte ein verwahrlostes schmutziges Geschöpf. Wie auch immer diese Frau mal ausgesehen haben mochte, jetzt taugte sie in jedem Fall für eine gruselige Geschichte, um die Kinder in den Betten zu halten (es stand zu vermuten, dass es um mich kaum noch besser bestellt war).
Als die Schritte aber näher kamen oben, starrte sie – genauso wie ich – hinauf. In der etwas helleren Öffnung tauchte ein Haarschopf auf, der mir verdächtig bekannt vorkam.
„Lucien? Lucien bist du da unten?“ Es war fast nur ein Flüstern.
„Ja.“ Allein das eine Wort kostete mich Mühe. Meine Kehle war derart ausgedörrt, dass ich mich rau und kratzig anhörte und kaum die Kraft aufbrachte, dass ich oben zu hören war.
„Es war deine Mutter, zusammen mit deiner Schwester. Sie haben ihn umbringen lassen. Die haben einen Giftmischer angeheuert, Stanko, der hat das Gebäck versetzt mit irgendwas. Du wirst hier rauskommen. Ich sorg schon dafür.“ Ich kam nicht dazu etwas zu erwidern. Virginie. Im ersten Moment keimte Hoffnung auf. Obschon wir die letzten Wochen, ja sogar Monate kaum miteinander gesprochen hatten, ließ sie mich nicht sitzen. Entweder, weil ihr etwas an mir lag, oder weil sie es für Ganovenehre hielt, oder mochte der Dämon wissen, was für Gründe sie dazu trieben. Schließlich aber senkte ich den Blick und nahm die trostlose, beschissene (ja im wahrsten Sinne des Wortes) Umgebung war. Die guten Klamotten, die ich bei meiner Verhaftung getragen hatte, waren mittlerweile ruiniert und stanken zum Himmel, das Haar war mittlerweile grau, fast schwarz oder braun vor Dreck. Ich fühlte mich elend, hungrig und durstig. Entweder sie beeilte sich, oder ich verreckte.
Das leise Schaben auf der anderen Seite des Lochs, ließ mich zusammenschrecken. Ich hörte es mehr, als dass ich es sah, wie sie zur Kante hinüber kroch, die dort im Finstren lag. Wie tief es dort hinab ging, wusste ich bis dahin noch nicht. Sehen konnte man es ohnehin nicht, weshalb ich mich lieber an der sicheren Felswand in meinem Rücken aufhielt, denn irgendwas sagte mir noch immer, dass ich leben wollte.
Nun, ich sollte erfahren, wie tief es war. Denn das Schlurfen nahm ein jähes Ende. Entfernt hörte ich eine kleine Weile später ein dumpfes Aufschlagen. Zweifellos ein Körper, der auf hartem Untergrund geprallt war. Egal, wie lange ich lauschte, ein weiteres Geräusch drang nicht mehr zu mir herauf… und damit war ich allein.

Irgendwann fiel trockenes, schimmliges Brot nach unten. Daneben landete ein alter gammliger Wasserschlauch mit Brackwasser darin. Es war mir einerlei. Beides. Ich schlang das Brot hinunter, ich soff viel zu schnell alles Wasser aus, was ich bekommen hatte. Da ich schon längere Zeit nichts mehr zu mir genommen hatte, wurde mir direkt speiübel und ich erbrach wieder alles. Von oben hörte ich nur spöttisches Lachen und sich entfernende Schritte.

Jedes Zeitgefühl war verloren. Wie lange ich in dem Loch saß, wusste ich nicht. Aber ich war schlauer geworden. Wenn ich etwas zu essen oder zu trinken bekam, rationierte ich es selbst, aß und trank sehr langsam. Es schmeckte scheußlich, aber selbst das bemerkte ich irgendwann nicht mehr. Virginie kam nicht wieder. Heraus kam ich ebenso wenig, Gesellschaft war nicht zu erwarten, und jede Hoffnung gestorben.
Bis zu dem Tag, als irgendwer ein langes Seil hinabfallen ließ…
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Kapitel III

Ich umklammerte das Seil mit den Fingern und saß wie erstarrt in meiner Nische.
Schritte entfernten sich hastig, die Stille kehrte zurück und ließ mich in teilnahmsloser Schwärze allein zurück. Was sollte ich mit dem Seil anfangen? Es war nicht so, dass das eine Ende oben irgendwo angebunden war, es war zur Gänze ins Loch geworfen worden. Anfangs hielt ich es für bittere Ironie, als wollte irgendwer einen bösen Scherz mit mir treiben. Die Verzweiflung, die damit einherging, drohte mich zu ersticken.
Auch wenn ich mir bewusst war, dass mich hier unten sicher niemand sah oder hörte, schluckte ich den Kloß runter, der schwer in meiner Kehle hockte und mich fast zum Zusammenbruch trieb. Tatsächlich scheuchte ich alle Verzweiflung zurück und band das Seil so gut ich konnte, an einem der Felsen fest, zog daran, indem ich mich dagegen lehnte mit meinem Gewicht, bis ich sicher war, dass es hielt. Erst dann schlang ich es um meine Hüfte, packte es vor und hinter mir, und schob mich dann zum Rand hinüber, wohinter es noch tiefer ins Loch hinab ging. Was anderes blieb mir nicht. Oben gab es nichts, was dem Seil Halt versprach und die Gefahr dort erwischt zu werden, war zu groß, als dass ich diesen Weg als sinnvoll erachtet hätte. Aber wer auch immer mir das Seil ins Loch geschmissen hatte, kannte vielleicht einen Ausweg, der weiter unten lag. Würde sich zeigen, ob es lang genug war, um bis dorthin zu gelangen.
Wenn nicht, war ich verloren, denn die Kraft wieder hinauf zu klettern, würde ich nicht haben. Ich fühlte mich sogar für den Abstieg zu schwach. Die schlechte Verpflegung, die mangelnde Bewegungsfreiheit, die Zeit, die ich nur vor mich hervegetierte, hatte mich in ein wahres Häuflein Elend verwandelt. Schmutzig, stinkend, ausgemergelt, schwach, abgestumpft, hoffnungslos verzweifelt.
Das Seil war es, das mir Hoffnung brachte, die allerdings einen sehr schalen Beigeschmack hatte. Letztlich aber war es ein Versuch wert. Verenden würde ich hier unten letztlich so oder so. Ich konnte mir aussuchen, ob oben oder unten. Der Abstieg war mühsam für mich. Auf einem kleinen Vorsprung, auf dem ich gerade mal aufrecht stehen konnte, musste ich eine Pause einlegen und das gerade mal nach einem gefühlten Viertel einer Stunde. Ich fühlte mich so ausgelaugt, dass ich hätte heulen mögen. Am ganzen Leib zitternd vor Entkräftung, drückte ich mich an die Felswand und versuchte irgendwas zu erkennen. Da war allerdings nichts anderes als die erdrückende Schwärze, die mich ohnehin schon die ganze Zeit umfing.
Als ich mich fähig fühlte, weiter hinab zu steigen, machte ich mich erneut daran. Wie oft ich irgendwo schmerzhaft anstieß, mir etwas aufschürfte und aufkratzte, wusste ich im Nachhinein nicht mehr. Nur dass ich irgendwann auf etwas Weiches und Glitschiges trat, von dem ein bestialischer Verwesungsgestank ausging, das brannte sich ein. Da ich nichts sehen konnte blieb nur die Vermutung auf die Tote getreten zu sein, die vor einiger Zeit oben aus dem Loch heruntergestürzt war, gefunden zu haben.

Kurz danach trat ich auf unebenen Grund und tastete mich mit den Füßen vorsichtig vorwärts. Die Luft hier ganz unten war weit besser, als oben. Frisch. Irgendwoher also musste Luft hereindringen. Woher war mir noch schleierhaft. Aber auch das schürte Hoffnung, so dass es mein Herz kräftig schlagen ließ vor Aufregung. Das Seil war noch ein Stück weit zu gebrauchen, auch wenn das Ende dessen schon arg nah war. Alles in mir sträubte sich dagegen es zurückzulassen, aber mir würde nichts anderes übrig bleiben.
Soweit es mir damit möglich war, tastete ich mich in der Dunkelheit voran, erst in die eine Richtung, wo die Luft wieder stickiger wurde, dann in die andere. Wieder stieß ich andauernd irgendwo an, verwünschte im Stillen die ganze Welt und als ich das Seil zurücklassen musste, tastete ich mich schließlich auf allen Vieren voran, bis mich ein Windstoß erfasste, ein leichter nur, aber ließ mich abrupt inne halten. Woher war er gekommen? Ich wartete aufgeregt und ungeduldig. Von Rechts!
Ich änderte meine Richtung und kroch weiter voran. Nichts als karger Fels und loses Geröll. Links und rechts von mir hörte ich dann und wann ein leises Schaben, Kratzen und Fiepen. Ratten! Wo Ratten waren, gab es einen Ausweg! Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht und trieb mich weiter an, obwohl ich mir schon enorm schwindelte und mein Magen vor Übelkeit mächtig rebellierte.
Ein ganz schwacher Schimmer legte sich auf den geschliffenen Felsboden, der trotzdem überall seine Unebenheiten aufwies. Hier und da schnitten mir Muscheln in die Hände, die sich festgesetzt hatten. Dass der Weg abfiel, den ich mir ertastet hatte, wurde mir erst jetzt in dem ganz schwachen Licht bewusst. Hier und dort hatten sich Pfützen gebildet. Es roch nach brackigem Salzwasser. Das Meer? Ganz entfernt noch hörte ich jemanden rufen, eine andere wesentlich hellere Stimme antwortete. Wo zur Hölle war ich gelandet?
Bevor ich allerdings dazu kam, weiter zu kriechen, verließen mich meine Kräfte zur Gänze und ich brach keuchend zusammen. Benommen, schwindelnd und von Übelkeit völlig übermannt, klammerte ich mich an irgendwelche losen Steine und blieb zitternd liegen. Irgendwann trug mich die gnädige Schwärze davon.

Wach wurde ich davon, dass mir kaltes Wasser ins Gesicht klatschte und ich hustend und keuchend gewahr wurde, dass ich Salzwasser geschluckt hatte. Mühsam hob ich den Kopf und kroch widerstrebend von dem matten Licht fort, das durch das steigende Wasser noch schwächer wurde. Mir blieb nichts anderes, als auf den Eintritt der Ebbe warten, um weiterkommen zu können. Immerhin aber blieb mir so die Hoffnung, doch noch entkommen zu können.

Ich erwachte erneut. Wie viel Zeit vergangen war, wusste ich nicht zu sagen. Das Wasser war aber fort und hatte nur feuchten glitschigen Felsboden zurückgelassen. Mühsam kam ich auf die Beine und torkelte langsam voran, immer mit einer Hand an der Felswand abgestützt. Mir tat alles weh, jeder Schritt, jede Bewegung. Eine Bestandsaufnahme verweigerte ich mir selbst. Ich musste aussehen, als hätte jemand versucht mich in der Jauchegrube zu wälzen, abzuschlachten und auszuhungern in einem.
Als ich um die nächste Biegung strauchelte, hielt ich keuchend inne. Die plötzliche Helligkeit blendete mich nach den Tagen, wenn nicht gar Wochen der völligen Dunkelheit, und trieb mir die Tränen in die Augen – und nicht nur die. Die Erleichterung über den frischen Wind, der mir durch die verfilzten klebrigen Haare und um die Nase strich, das seichte Wasser zu meinen Füßen, die offene Höhle vor mir. Die Schmugglerboote, die dort lagen und gerade vollgeladen wurden.
Stutzmoment. Ich war mitten im Schmugglernest gelandet. Vom Regen in die Traufe – unter Umständen. Einerlei. Es blieb mir nichts Anderes übrig, als mein Glück zu versuchen. Allein schwamm ich hier nicht heraus. Hier stehen zu bleiben und zu hoffen, dass mir ein Boot als Fluchtmöglichkeit gelassen wurde, war irrwitzig. Wenn die Flut kam, würde ich jämmerlich ersaufen und das Boot von den Wassermassen am Fels zerdrückt werden, wie eine Nussschale vom Nussknacker.
Als ich die halbe Strecke in die Höhle hinter mich gebracht hatte, und mal wieder eine Pause einlegen musste, bemerkte mich endlich jemand. Drei der Kerle und ein Weib kamen auf mich zu, argwöhnischen Blickes, zwei davon hatten wenigstens den Dolch gezückt, das Weib hielt die Pistole schussbereit – wobei ich mich noch fragte, ob die überhaupt geladen war. Ein Blick in die Gesichter verriet mir, dass ich drei von ihnen kannte. Auch den Anführer der Bagage.
„Simmons…“ Meine Stimme klang wie ein Reibeisen, rau, trocken, krächzend, viel zu lange nicht genutzt und darüber hinaus ärgerlich schwankend.
„Wen hat das Meer uns da denn ans Land gespült, oder hat das Loch dich ausgeschissen?“ feixte der Angesprochene hörbar süffisant. Einer der anderen beiden steckte den Dolch weg, offenbar zu dem Entschluss gekommen, dass ich keine Gefahr darstellte. Stattdessen reichte er mir einen Schlauch. Der Schluck, den ich daraus nahm, brannte wie die Hölle und brachte mich zum Husten und zum Keuchen. Die vier lachten. Die Situation war entschärft, zumindest fürs Erste.
„Schafft die wandelnde Leiche rüber“, wies Simmons an und wenig später fühlte ich mich unter den Armen gepackt und hatte Mühe die Füße schnell genug voreinander zu bringen, als sie mich mitschleiften. Auf einem Berg von Segeltuch ließen sie mich fallen, wo ich erst einmal erschöpft und keuchend liegen blieb, nach wie vor ohne Plan, wie ich diese Ganoven davon überzeugen konnte, dass sie mir unbedingt helfen mussten.
Lucien de Mareaux

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Kapitel IV

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich nicht mehr in der Grotte.
Es schwankte verdächtig unter mir, ich hörte Holz knarren, und es roch nach Teer, Schweiß, abgestandener verbrauchter Luft, kaltem Rauch und schalem Alkohol. Mir wurde übel davon und obschon ich nichts im Magen hatte, rollte ich mich zur Seite und wollte mich übergeben. Der Aufprall, als ich aus der Hängematte heraus fiel, hinderte mich allerdings daran und ließ mich nur unartikuliert aufstöhnen.
„Ogerpisse. Was machst du da, Mann?“ fluchte eine weibliche Stimme neben mir. Ich fühlte mich viel zu benommen, um aufzuschauen. Irgendwer packte mich und schleifte mich hinauf an Deck. Dass man mit mir zimperlich und behutsam umging, konnte ich nicht gerade behaupten, aber es war auch nicht so, als hätte ich etwas anderes als das erwartet.
Ich wurde an die Reling gehievt, und als wäre es mein Stichwort gewesen begann ich unmittelbar die Fische zu füttern.
Als die Benommenheit nachließ, stellte ich fest, dass wir an Ort und Stelle verweilten. Wir lagen also vor Anker. Ein Blick gen Osten erzählte mir, dass wir ein gutes Stück außerhalb lagen. Es war mittlerweile Tag. Um genau zu sein der erste Tag seit Wochen, den ich miterleben durfte. Keine Dunkelheit. Es schmerzte etwas in den empfindlich gewordenen Augen, so dass ich öfter blinzeln musste. Aber es ließ mich einmal tiefer durchatmen.
„Hast was vermisst, he?“ Erneut blinzelte ich und sah zur Seite. Das Weib, dem ich schon in der Grotte begegnet war, stand neben mir und beobachtete mich, als würde ich im nächsten Moment das teuerste Silberbesteck einstecken und damit in meinem Wimpernschlag verschwunden sein. Erst jetzt ging mir auf, dass sie mir keineswegs unbekannt war. So wie sie dreinschaute, verhielt es sich bei ihr sehr ähnlich.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal froh bin, deine Visage zu sehen, in der Tat“, krächzte ich raus, was mir schallendes Gelächter einbrachte – nicht nur von meiner Bewacherin, sondern auch von jemandem hinter mir, der sich gerade mit langen Schritten näherte.
„Von den Toten aufgewacht! Einen Eimer Wasser her“, brüllte er los. Simmons. Und bevor ich protestieren konnte, wurde der Eimer auch schon über mich ausgegossen. „Du stinkst wie eine Jauchegrube kaum schlimmer stinken könnte. Selbst ein Troll riecht nach Rosenwasser dagegen!“
Irgendwer schleppte noch einige Wassereimer mehr heran und noch jemand drückte mir ein Stück Talgseife in die Hand. Die roch bestimmt auch nicht nach Rosenwasser, aber sie sorgte dafür, mitsamt der Wurzelbürste, dass ich wieder sauber wurde und einige Zeit später rot gescheuert wie ein Schwein splitterfasernackt an Deck stand.
„Schau an, der Weißschopf!“ brüllte es von oben aus der Rahe. Ich sah hinauf und runzelte angestrengt die Stirn. „Jamie? Zur Hölle, was machst du hier?“ Die Wochen, die ich im Loch gesessen hatte, mussten die Welt ordentlich aus den Fugen gerissen haben. Soviel stand fest. Ein Bengel drückte mir einige Klamotten in die Hand, die nicht so verlumpt und verdreckt waren, wie meine alten, einstmals sehr teuren und edleren Stoffe. Ich zog mir rasch die einfache Leinenhose und das Leinenhemd über. Wenigstens war es nicht so verlottert kalt, so dass ich vorerst auf Schuhwerk auch verzichten konnte. Auf dem Schiff machte das ohnehin Sinn.

Später erfuhr ich, dass die ganze Stadt in Aufruhr geraten war, nach dem Abend an dem mein Vater ermordet worden war. Selbst der Adel war nicht davon verschont geblieben. Seither hatte Jamie auf dem Schiff zuflucht gefunden und hielt sich hier versteckt. Von Virginie hatte er nichts gehört oder gesehen.
Das Essen, was man mir vorsetzte, schmeckte mir so gut, wie ein üppiges Festmahl, obschon es sich nur fader Haferschleim und ein Humpen dünnes Bier war. Ich aß langsam, um mich nicht gleich wieder übergeben zu müssen, und immerhin fühlte ich mich wieder wie ein Mensch und nicht wie ein wandelnder Klumpen Dreck. Noch etwas schwach auf den Beinen, aber ansonsten ging es mir einigermaßen gut. In der Zwischenzeit ließ ich mir alle Neuigkeiten erzählen, sowohl von Jamie, als auch von Simmons und diesem Weib, das sich Holly nannte. Sie war ein wenig bärbeißig, aber ansonsten eine gute Seele, wie mir schien. Alles in allem entwickelte sich das Ganze recht positiv, so dass ich Hoffnung schöpfte, doch noch mit heiler Haut fort zu kommen.
„Sie halten dich für Tod mittlerweile. Solltest dich nicht blicken lassen da. Sonst setzen sie ein Kopfgeld auf dich aus, das steht mal fest. Und dann landest wieder im Loch.“
„Ich muss an mein Gespartes kommen. Bleibt mir nix übrig, als einmal durch die Stadt hindurch zu müssen, um dran zu kommen“, erklärte ich nach einer Weile und heftete den Blick auf Simmons. „Gesetz den Fall es gelingt mir, setz ich das gesamte Ersparte auf eine Fahrt von hier fort.“
Der nickte und grinste mich feixend an. So wie es aussah, hatte er mich verstanden. Mein Blick irrte zu Jamie, der mich schon erwartungsvoll anstarrte. „Ja, ich kann deine Hilfe brauchen.“

Es verging noch gut eine Woche, bis ich mich soweit wieder beisammen fühlte, dass ich aufbrechen wollte, um die spärlichen Habseligkeiten zu holen, die ich noch besaß. Dass ich ins Haus meines Erzeugers hineinkam, wagte ich indes zu bezweifeln, aber versuchen wollte ich es wenigstens. Jamie würde mir zur Hand gehen. Auch Holly half. Sie besorgte alles, was ich brauchte, bevor ich überhaupt aufbrechen konnte. Das weiße Haar wurde schwarz gefärbt, der Bart gestutzt, der im Loch gewuchert war wie Unkraut, und bekam die gleiche Farbe ab, wie mein Schopf. Die Sommersprossen wurden gründlich abgedeckt von Holly, während ich in eine Spiegelscherbe schielte und mir schwor zu merken, wie sie es anstellte. Die Überfahrt später würde genug Gelegenheit geben um das Handwerk noch etwas besser zu erlernen. Wenn ich schon eine Frau damit belästigen konnte, sollte ich es wohl auch einfach wagen.
Sie steckten mich in dunklere Kleidung hinein, hilfreicher als die hellen Klamotten, die ich bei meiner Ankunft verpasst bekommen hatte. Holly borgte mir sogar ihren Dolch aus. Die Waffe war zwar nur unzulänglich, aber besser als gar nichts. Und genau so machte ich mich schließlich auf den Weg. Auch Jamie hatte sich zurecht gemacht und seinen Schopf unter einer Mütze verborgen. Im Grunde kam er sowieso nur mit, um zu schauen, dass wir beide mit heiler Haut zurückkamen. Ein größeres Risiko wollten wir beide nicht eingehen. Die Wochen im Loch hatten mir gereicht. Nach einer Wiederholung sehnte ich mich wahrlich nicht.
Lucien de Mareaux

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Kapitel V

Wir drückten uns an der Mauer entlang, die das Herrenhaus umgab. Natürlich wussten wir, wo die Wachposten standen. Es gab einen Seiteneingang wo nur patrouilliert jede volle und halbe Stunde. Als die Wachposten vorbeigezogen waren, huschten wir durch die Türe hinein und liefen eilig über die freie Grasfläche. Das war der einzig knifflige Moment. Es brauchte nur zufällig jemand den Platz zu überqueren und würde uns sehen, da die Fläche keinerlei Deckung bot.
Als wir das Haus erreichten, schlug uns das Herz bis zum Hals und mein Atem rasselte leicht. Ich war es nicht mehr gewohnt, und musste mir verbittert eingestehen, dass ich im Loch arg abgebaut hatte. Ein Blick gen Jamie verriet mir, dass es ihm nicht entgangen war. Ein weiterer und er tat so, als hätte er nichts bemerkt. Mit einem leisen Brummen liefen wir eilig die Wand entlang hinüber zum Dienstboteneingang, der in die Küche führte. Mit etwas Glück trafen wir auf eines der damaligen Küchenmädchen, mit denen wir uns gut gestellt hatten früher.
Erst beim dritten Versuch bekam ich die Tür schließlich auf und wir schlüpften in die Dunkelheit dahinter. Gerade erst war sie zurück ins Schloss gezogen, da hörten wir draußen Schritte vorbeiziehen. Wir standen da wie versteinert und starrten uns entsetzt an, wobei mir dann plötzlich dämmerte, dass ich solche Situationen so oft erlebt hatte, dass es mich nicht mehr entsetzen dürfte. Was zur Hölle hatte das Loch aus mir gemacht?
Ich winkte Jamie mit mir und wir stahlen uns still und leise durch die Korridore bis zur Küche, wo wir uns hinter einem der Vorhänge zu den Vorratsschränken verbargen. Geduld, nicht eben meine Stärke. Ich schätzte, wenn Jamie nicht unmittelbar dabei gestanden hätte, wäre es mir weit schwerer gefallen mich zusammen zu reißen und still zu halten.
Irgendwann wurden wir allerdings belohnt dafür, denn Almuth rannte an dem Vorhang vorbei. Jamie reagierte so schnell, dass ich mich selbst erschreckte. Er packte das Mädchen mit der einen Hand am Arm, die andere presste er auf ihren Mund. Sie gab ein Quieken von sich, während sie mich entsetzt anstarrte.
„Leise, Almuth“, flüsterte ich. Ich hörte selbst, wie aufgeregt ich klang. Himmel, ich musste meine Nerven unter Kontrolle bekommen! Schlimmer als ein Anfänger. Die Augen des Mädchens weiteten sich überrascht und sie kämpfte sich aus dem Griff von Jamie los.
„Was bei allen Niederhöllen macht Ihr hier!? Ich dachte, Ihr seid…“ flüsterte sie erstickt und unterbrach sich selbst entsetzt.
„Tot? Ja, gut, wenn es alle glauben. Ich brauche einige Dinge, schnell wenn es geht.“ Rasch zählte ich ihr auf, was ich benötigte, und wo sie es fand. Es waren allenfalls Kleinigkeiten, die sie ohne Mühe in ihrer Schürze würde verstecken können. Die gute Seele lief sofort los und wartete nicht lange. Offenbar konnte sie sich ausrechnen, was es bedeutete, wenn uns irgendwer hier erwischte. Das Warten wurde zu einer Zerreißprobe. Nicht nur einmal kam jemand an unserem Versteck vorbei, teilweise viel zu nahe. Jeder davon wäre eine Gefahr gewesen, hätten sie uns entdeckt.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrte Almuth zurück und drückte mir einen kleinen Beutel in die Hand, den sie aus der Schürze fischte, und Jamie und ich verließen fluchtartig das Haus, nachdem wir ihr noch das Beste gewünscht hatten und ihr anrieten darüber Stillschweigen zu bewahren, uns gesehen zu haben. Ihr Blick verriet in aller Deutlichkeit, dass sie nicht vor hatte irgendwas zu erzählen und sich damit selbst in Schwierigkeiten zu bringen.

Wir hatten das Herrenhaus schon seit einer guten Weile hinter uns gelassen und liefen gerade einige Seitengassen entlang zum Stadtrand hinüber. Ich wollte die alte Hütte aufsuchen und sehen, ob das Versteck noch unangetastet war. Da ich nicht vorhatte zurückzukehren, konnte Jamie ruhig wissen, wo ich meine kleinen Schätze versteckt hielt. Abgesehen davon gehörte er zu den wenigen, denen ich tatsächlich so etwas wie Vertrauen entgegen brachte.
Die ganze Zeit über, den ganzen Weg dorthin, fühlte ich mich beobachtet, und auch Jamie wirkte auf mich unruhig. Entdecken konnten wir aber niemanden. Tatsächlich kehrten wir auch unbehelligt von dort zurück zum Schiff. Ich fragte mich im Stillen, ob es vielleicht Virginie war, die uns folgte. Das Gefühl verließ mich erst, kurz bevor wir den Hafen erreichten.
Während Jamie schon die Planke hinauflief, blieb ich noch auf dem Kai stehen und sah zurück zur Stadt. Unter dem Arm nur ein spärliches Bündel an Klamotten – die meisten Kleidungsstücke waren zu klein geworden, um sie noch zu tragen und ich hatte sie zurückgelassen. Von den Ersparnissen hatte ich in der Hütte noch eine gute Hand voll Münzen und ein paar Edelsteine abgezweigt. Den Rest würde ich Simmons für die Überfahrt vermachen.
Nur einen Moment tauchte auf einem der Dächer eine schlanke kleine Gestalt auf und hob den Arm, dann war sie wieder verschwunden. Ich blinzelte einige Male. Ein wenig irritierte mich die Tatsache, dass die Beschaffung der spärlichen Habseligkeiten so problemlos verlaufen war. Irgendetwas sagte mir, dass das nicht an Jamies und meinem Geschick gelegen haben konnte. Nicht allein zumindest. Erst als Holly rief, ich sollte gefälligst meinen Arsch heraufbewegen, weil es los gehen sollte, sputete ich mich die Planke hinauf zu kommen und nicht viel später spannten sich die Segel, als der Wind sich darin verfing und die Stadt wurde unter meinen Blicken zunehmend kleiner, bis sie ganz verschwand.
Lucien de Mareaux

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Kapitel VI

„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
Der eiskalten Winde. raues Gesicht.
Wir sind schon der Meere, so viele gezogen
Und dennoch sank unsre Fahne nicht.
Heio, heio, heio....
.
Unser Schiff gleitet stolz durch die schäumenden Wellen.
Es strafft der Wind unsre Segel mit Macht.
Seht ihr hoch droben die Fahne sich wenden,
Die blutrote Fahne, Ihr Seeleut’ habt acht!
Heio, heio, heio.....

Wir treiben die Beute mit fliegenden Segeln,
Wir jagen sie weit auf das endlose Meer.
Wir stürzen auf Deck und wir kämpfen wie Löwen,
Hei unser der Sieg, viel Feinde, viel Ehr!
Heio, heio, heio.....

Ja, wir sind Piraten und fahren zu Meere
Und fürchten nicht Tod und Teufel dazu!
Wir lachen der Feinde und aller Gefahren,
Im Grunde des Meeres erst finden wir Ruh!
Heio, heio, heio.....“


Tag ein, Tag aus, nichts als blau. Blau oben, blau unten, manchmal grau oben, grau unten. Mal ruhig auf dem Wasser, mal mit Wellengang, der mir ungeahnte Übelkeit bereiten konnte. Tag ein, Tag aus, Deckschrubben, irgendetwas flicken, Rahen rauf, Rahen runter. Wache am Tag und Wache in der Nacht, eine Woche gar nichts, dann wieder von vorn.
Ich war müde. Das Gold würde nicht reichen, wenn ich nicht mit Hand anlegte. Die Arbeit störte mich nicht, sie vertrieb die Zeit, die sehr lang wurde mittlerweile. Dieses Leben war nichts für mich, was ich Tag um Tag aufs Neue feststellte. Ich wollte an Land, irgendwo, wo war mir egal. Weit weg nur von der Stadt, von dem Land, von der Heimat entfernt.
Das Wort Heimat löste nur ein dumpfes Gefühl aus, einem flauen Magen gleich. Es war nicht das, was viele als Heimweh bezeichneten. Sicher vermisste ich die Annehmlichkeiten, die ich mal hatte, aber das lag auch schon so weit zurück, dank des Aufenthalts im Loch, dass ich mich nur schwerlich daran erinnerte.
„Träum nicht!“ blaffte Simmons mich an. Ich blinzelte und machte mich einige Momente später dran zum Krähennest hinauf zu klettern, wo ich Jöns ablösen sollte. Der Vorteil an dieser Höhe war, nicht jeder kam hier herauf, und dazu kam, dass ich hier mit mir und meinen Gedanken allein war und meine Ruhe hatte. Das Einzige, was mir nur nicht passieren sollte hier oben, war zu sehr rumzuträumen dabei. Das so genannte Nest war nicht mehr, als eine hölzerne Plattform mit einem Seil, dass ich mir um den Leib schlang. Das Einzige, woran man sich bei Seegang sonst festhalten konnte, war ein Stück Eisen, das in den Mast geschlagen worden war, der sich mittig von der eher kleinen Plattform befand.
Ich setzte mich an die Kante und ließ die Beine hinabbaumeln, lehnte mich mit dem Rücken an den Mast und starrte zum Horizont rüber.
Aus dem kleinen zerschlissenen Beutel, den ich an der Kordel, die die labberige Hose an Ort und Stelle hielt, befestigt hatte, holte ich mir ein Stück trockenes Brot und etwas Trockenfleisch heraus und machte mich über mein kleine stibitzte Mahlzeit her. Mittlerweile wurde sowohl das Essen, als auch das Wasser rationiert. Es wurde Zeit, dass irgendwo Land in Sicht kam. Auch die Laune der Besatzung ging allmählich in sämtliche Untiefen tauchen.
Von den Rationen bewahrte ich mir meist einen kümmerlichen kleinen Rest auf für später, so wie den, den ich nun hineinschlang.
Plötzlich hörte ich das Kreischen zweier Möwen über mir, die träge dort ihre Kreise zogen. Ich sprang auf die Beine und sah hinauf, träge in die Sonne blinzelnd, nur um schließlich den Blick aufmerksam schweifen zu lassen. Wo Möwen waren, war auch Land nicht fern – so hieß es jedenfalls. Hölle und Verdammnis, wie sehr ich hoffte, dass es stimmte.

Es sollte noch einen halben Tag dauern, bis sich am Horizont ein dunkler Streifen absetzte. Ich war mittlerweile mal wieder am Deck schrubben beschäftigt, hielt aber inne, als der Ruf von oben „Land in Sicht“ versprach. Die gesamte Besatzung war darauf aufmerksam geworden und starrte in die Richtung, in die der Kerl oben auf der Plattform zeigte. Eine kleine Weile lang legte sich eine gespenstische Stille über das gesamte Schiff. Fünf Herzschläge später brach Jubel aus und die schlechte Laune, die Anfeindungen, die angedrohten Prügel waren vergessen.
Irgendwoher hatte der Smutje sogar noch ein Fass Rum heraufgeholt und verteilte an jeden noch einen ganzen Humpen voll davon.
„Tja, hast es bald geschafft, Lulatsch.“ Simmons. Wie immer tauchte er so plötzlich auf, wie er wieder verschwand. Dass so etwas auch auf einem Schiff gelang, hatte er in den letzten drei Monden immer wieder bewiesen. Ich hasste es, wenn er mich so nannte, und er wusste es. Trotzdem bemühte ich mich, es mir nicht anmerken zu lassen.
„Und wo landen wir an?“ fragte ich möglichst gelassen.
„Bajard heißt das Nest. Von dort siehst selbst zu, wie du weiterkommst. Hab ich nichts mehr mit zu schaffen. Deine paar Kröten geben nicht mehr her und ich hab keine Lust noch ein Maul weiter mitzustopfen.“
Ich zuckte mit den Schultern. Es war nicht so, dass ich traurig darum war, den Kerl loszuwerden. Um einige in der Mannschaft war es bedauerlich, aber so war das halt. Die Leute kamen und gingen. So auch ich.
„Danke für alles“, meinte ich bloß, nicht sonderlich überschwänglich. Ich hatte mir den Rücken krumm geschuftet für diesen Kerl und sein Schiff. Gut, er hatte mir dafür den Arsch gerettet, was bei Licht besehen weit mehr wert war, aber ich fand ihm nichts schuldig geblieben zu sein. Simmons nickte nur und verschwand wieder gen Achterdeck.
„Wirst mir fehlen.“ Meine Lieblingswächterin. Seit sie mich in der Grotte aufgegabelt hatten, war sie mir nicht mehr von der Seite gewichen, bis das Vertrauen soweit gefasst war auf See, dass man sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen gedachte. Ihr hatte ich es wohl auch mitunter zu verdanken, wieder zu Kräften gekommen zu sein. Keine Ahnung, wie sie es angestellt hatte, dass ich bestimmt die doppelte Menge an Rationen bekommen hatte anfangs, als die übrigen.
„Mh“, gab ich nur von mir. Ich war mir nicht schlüssig, vielleicht hätte ich selbiges erwidern sollen, aber im Augenblick war ich einfach nur froh diesem Kahn entkommen zu können, genauso den Leuten darauf. Mir fiel nicht zum ersten Mal seit der ganzen Fahrt, mit einigen Häfen, in denen wir Halt gemacht hatten, dass ich es zwar eine Zeit lang gern genoss viele Leute um mich zu haben, aber die Momente, in denen ich für mich sein konnte, waren mir auf so einem Schiff deutlich zu rar angesiedelt. Hier war man nie allein. Nichts für mich.
Mir fiel auch noch etwas auf, wofür ich sie schätzte nämlich. Sie sah mich nur einen Moment lang an, und schien zu verstehen, auch ohne Worte darüber zu verlieren.

Erst mitten in der Nacht legte das Schiff endlich an, und als ich festen Boden unter den Füßen spürte, wurde mir fast schlecht davon, weil mir tatsächlich das leichte schwanken fehlte. Landkrank. Sollte ja nicht selten vorkommen, wenn man lange auf See war. Ich nahm meine paar Habseligkeiten, die paar Münzen, die mir geblieben waren. Der Abschied fiel recht kurz aus, wenig herzlich und nun ja, was sollte ich sagen? Es war der letzte Blick auf ein altes Leben, das ich damit hinter mich ließ. Blieb zu hoffen, dass das Neue besser wurde.
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