Verschwendung

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Rheana Niall

Verschwendung

Beitrag von Rheana Niall »

"Vergiss es." Pilgrens Stimme enthielt eine Mischung aus Spott und Mitleid, den Rest sagte seine Haltung aus. Die Hände hatte er in den Ärmeln seines Leinenhemdes vergraben, die Finger fest um die Säume geballt damit der kalte Wind ihn nicht noch mehr peinigen konnte, den Kopf hatte er in den Nacken gelegt um zum Ast des Nussbaumes hochsehen zu können.
Rheana fühlte einen Schub von hilflosem Zorn in sich aufsteigen. Mit einem Schniefen glitt ihr linker Fuß an der aufgeplatzten, rauhen Borke des Asts entlang und entsandte einen Schauer von Dreck und Rindenflusen auf den Jungen hinab. Es war eine mindere Befriedigung zu sehen wie er seine Hände der Kälte aussetzen musste um sich die Augen reiben zu können, aber es war zumindest besser als Nichts.
Das große Nichts.
"Ich habe aber keine Lust es zu vergessen!" fauchte das Mädchen dort oben im Geäst, und versuchte ihre Enttäuschung und die Höhenangst hinter Zorn zu verstecken. Wie zum Trotz schob sie sich noch höher, und klammerte die fäustlingbedeckten Hände eng an den schwankenden, knarrenden Ast. Weitere Rinde rieselte zu Boden, gefolgt von einigen hauchdünnen Ästchen.
Pilgren schob die Hände wieder in die Ärmel und trat diesmal wohlweislich drei Schritte zurück. "Der Ast wird abbrechen bevor du fliegen kannst, Ana. Und wenn du dir weh tust bekomme ich die Schläge, weil ich dich nicht aufgehalten habe." gab er zu bedenken und versuchte seine Füße mit Stampfen davor zu bewahren, im Schnee festzufrieren.
Rheana war inzwischen am äussersten Ende des ausladenden Nussastes angekommen, und blickte in die Tiefe. Fast vier Meter Platz, genügend Raum um die wundersame Macht der Magie zu aktivieren bis sie den Boden erreichte, so zumindest die Schlussfolgerung des Mädchens. Dass ihre Mutter, ihr Vater, ihre Tante und Pilgren ihr wiederholt klarzumachen versucht hatten dass sie keine Magie besaß, und auch sonst keiner in der Familie sie beherrschte spielte für Rheana keine Rolle. Sie hatte Magie, denn sie war etwas Besonderes!
Der Moment der Wahrheit war gekommen. Keuchend rappelte das junge Mädchen sich auf die Knie, dann vorsichtig auf die Füße, und ließ den Ast los. "Pass auf und lerne, Pilgren!" rief sie noch mit schwankender Stimme, breitete dann die Arme aus und... sprang.

~~~ * ~~~

Stirnrunzelnd lehnte Rheana sich vor, und tastete mit den Fingern über ihre Augenbraue. Was auch immer Mutters Schminkgesellin dafür benutzt hatte die Narben abzudecken, es musste ein Wundermittel sein. Man sah keine Spur mehr von den zwei kleinen Narben, die sie sich damals beim Sturz vom Baum zugezogen hatte. Abgesehen vom Beinbruch, aber der war gut geheilt.
"Toll, oder?" sagte eine Stimme hinter ihr, "Andras hat das Gesichtspuder von seiner letzten Geschäftsreise mitgebracht, und explizit für heute danach verlangt dass du es trägst!"
Natürlich hatte er das. Rheana hielt sich nur mit Mühe davon ab die Augen zu rollen, übte das aufgesetzte Lächeln noch kurz im Spiegel vor sich, und wandte sich dann damit im Gesicht herum um die Magd anzulächeln, die ihr beim Schminken behilflich gewesen war. Das Gesicht der Angestellten war Rot vor Aufregung über diese Geste, und am liebsten hätte Rheana ihr vorgeschlagen den Kerl doch anstatt ihr zu heiraten.
Doch um die Hochzeit und damit die Schuldentilgung ihres Vaters nicht zu gefährden nickte sie nur und brachte schauspielerisch perfekt hervor "Ja, er ist wirklich großzügig, ich habe großes Glück!"
Am liebsten hätte sie sich in diesem Moment übergeben, vorzugshalber direkt in Andras' Gesicht, aber das würde ein Wunschtraum bleiben. Besser sie brachte den ganzen Zirkus rasch hinter sich.
"Wo ist mein Strauß? Ich bin fertig." erklärte sie der Magd und machte einen entschlossenen Schritt voran. Umso schneller die Hochzeit vorbei war, umso schneller würde Andras wieder auf Geschäftsreisen gehen, und mit etwas Glück würde sein verdammter Handelskutter in einem der Stürme sinken.

~~~ * ~~~
Rheana Niall

Beitrag von Rheana Niall »

Der Schmerz breitete sich langsam und stetig über ihren Wangenknochen aus und kroch in ihren Unterkiefer, aber Rheana ballte die Finger in ihren Rock um nicht hochzugreifen und sich die Wange zu halten.
"Wieso tust du das!" brüllte Andras in diesem Moment mit Tränen in den Augen, und stolperte einen halben Schritt zurück um sich an der Rücklehne des Esszimmersessels abzustützen. "Wieso bringst du mich immer wieder dazu!"
Der Geruch von Alkohol lag wie eine übelkeitserregende Wolke im Raum und erwärmte sich in der knisternden Hitze des Kaminfeuers. Was für ein schönes, schickes Haus Andras ihr doch gebaut hatte, bekam sie immer wieder zu hören wenn jemand auf Besuch kam. Vermutlich war es einfacher sich auf die Schönheit des Bürgerhauses zu konzentrieren, als auf die Verfärbungen an Rheanas Gesicht, Handgelenken, Hals...
Irgendwann im letzten Jahr hatte ihre Familie schliesslich gelernt, zu beschäftigt für Besuche zu sein wenn Andras daheim war. Es war einfacher als den Elefanten im Raum zu ignorieren.
Die Ohrfeige war nur ein kleiner Schmerz, nicht unbekannt für Rheana und leicht zu dulden. Ihre Augen hatten früher getränt unter dem Ziehen, inzwischen aber war sie es leid jedes Mal in Tränen auszubrechen wenn Andras daheim war.
"Ich sagte dir doch, zu Neumond bin ich nicht verfügbar für dich." erwiderte Rheana, und war selbst darüber erstaunt wie sachlich sie noch klingen konnte trotz des Hasses den sie ihrem Mann gegenüber empfand.

"Das sagst du jedes Mal! Immer wenn ich einmal für einige Wochen heimkomme! Unsere Ehe ist noch nicht einmal legitim, und das ist alles deine Schuld!" fauchte der Betrunkene, und deutete mit einem Zeigefinger auf Rheana während er einen schwankenden Schritt nach vorne machte, und sich diesmal am Tisch abstützte. "Wundere dich nicht wenn ich mich eines Tages von dir scheiden lasse! Niemand würde mich dafür veurteilen! Und die Mitgift müssten deine Eltern mir auch zurückzahlen!"
Andras' Augen blitzten triumphierend als er das sagte. Die Zweckehe war auch ihm bewusst und Andras glaubte immer noch, dadurch ein Druckmittel gegen Rheana zu haben.

Die Mundwinkel der jungen Frau hoben sich zu einem frostigen Schmunzeln.

"Dann tu es."
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