Neue Kapitel
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Lucien de Mareaux
Neue Kapitel
So grün wie Efeu
Ich saß bestimmt schon eine gute Stunde da, hielt das Pergament hoch, um die letzten Sonnenstrahlen darauf fallen zu lassen. Es war eine Zeichnung aus Kohle – einmal mehr. Ein Bild, das vom 22. Goldblatt 254 erzählte. Eines, das sie zeigte, zusammen mit den anderen Schwestern, wobei die drei etwas verblassten neben ihr. Die ganze Zeit über betrachtete ich sie versonnen – und ich will ehrlich sein, hätte jemand die Glocke gezogen oder gar angeklopft, er hätte mir mal getrost den Buckel runter rutschen können. Ich wünschte mir inständig, ich könnte mit Farben umgehen, aber es sollte wohl bei der Kohlezeichnung bleiben. Nichts desto trotz rief sie die Farben, das Zusammenspiel von Kleid und Haar, sowie Blumen und die Bäume, das Gras, all das, was dazu gehörte, in Erinnerung.
Mein Blick wechselte zu dem zweiten Bild. Ebenfalls eine Kohlezeichnung, mit einer Ausnahme allein. Es war ein Portrait von ihr, auch von diesem Tag. Darauf sah sie den Betrachter direkt an, aus efeugrünen Augen. Ja, auch hier waren sie grün. Es hatte einige Mühe gekostet jemanden zu finden, der sie mir so lebendig und farbig malen konnte, ich hatte jemanden gefunden. Ich konnte nur ahnen, was sie fühlte über den Verlust, hatte es gewiss sehen können in dem Moment und auch dann und wann danach. Wie sehr ich mir wünschte, dass es sich wiederholen ließ, oder gar, dass es immer so geblieben wäre… aber ihren Worten nach schien das eine Unmöglichkeit zu sein. Götterwunder. Das wäre wohl das Einzige, was dazu führen konnte. Aber warum sollten sich die Götter um so etwas schon scheren? Unsinnig sich damit aufzuhalten. Trotzdem starb die Hoffnung bekanntlich erst zuletzt und dieses leise vage Hoffen blieb hartnäckig da, wie ein kleines Sandkorn, das sich eingenistet hatte.
Das dritte Bild, das vor mir lag, zeigte den Kreis, in dessen Mitte der Bund geschlossen worden war. Auf der vierten Zeichnung war das Zimmer zu sehen, dass sie für uns vorbereiteten.
Mein Blick aber irrte immer wieder zu dem ersten Bild zurück und verweilte dort. Noch immer fand ich keine Worte dafür. Wieder hielt die Leere Einzug in meinen Geist und vertrieb alle Gedanken. Dafür schlugen die Gefühle Purzelbäume. Nie wieder wollte ich diesen Anblick vergessen. Irgendwann jedoch musste ich mich von dem Bild losreißen, legte sie alle zusammen und zu den anderen in die lederne Mappe.
Sie hatte zugestimmt, das Geschenk angenommen. Seither übte ich mich in Geduld, überließ es ihr, wann es endgültig sein würde, auch wenn die Ungeduld dahingehend mich nach wie vor antrieb. Trotzdem wollte ich unter keinen Umständen drängeln oder es zu eilig angehen. Nicht mal meinetwegen, sondern mehr noch ihretwegen. Vielleicht brauchte es einfach noch ein wenig Zeit, um die Tragweite zu begreifen – nicht nur, dass sie diese Zeit brauchte, ich bestimmt genauso. Hinzu kam, dass ich gerade diese Tage genoss, die wir nun hatten. Sehr sogar. Inständig hoffte ich, dass sie noch eine ganze Weile lang so anhielten, wie wir sie nun erleben durften und ich freute mich auf die noch kommende Feier.
Über etwas anderes machte ich mir ebenso Gedanken. Was mochte das Kodderschnäuzchen wert sein? Taugte sie? Vertrauen – nein. Soweit waren wir ja mal noch lange nicht. Aber vielleicht hatte ich eine Aufgabe für jemand anderen dadurch. Jetzt stellte sich mir nur die Frage: Wie erreichte ich die Person, die ich dafür haben wollte? Ein Fest. Das Fest, die Feier. Das war eine Möglichkeit. Eine Gute sogar, je länger ich darüber nachdachte. Und sie wurde immer besser, je länger ich grübelte, wie ich genau vorgehen wollte oder sollte. Letztlich konnten sie mir sogar beide nützlich sein. Nummer drei war dann diejenige, die wohl den größten Anteil zu tun hatte. Nach allem, was ich gestern in dem kurzen Schlagabtausch erfahren hatte, war es eh nötig für eine neue Aufgabe zu sorgen. Zumindest zeitweise. Sowohl die feinen letzten zwei Tage, als auch diese Überlegung, veranlassten mich dazu ein Liedchen zu pfeifen, als ich in den Garten ging, um die Äpfel und Pfirsiche, sowie die Nüsse aufzulesen. Manchmal war das Leben ganz wunderbar.
Der einzige Klecks, der es trübte, hockte in einem Haus in einer Siedlung, hatte eine zu große Fresse und zu wenig Hirn im Schädel. Machte er so weiter, erledigte er sich quasi eh wie von selbst. Ja, das Leben konnte so schön sein. Eindeutig. Und augenblicklich war es das! Aber rundum. So ließ ich mich dazu hinreißen Ravingor drei Schüsseln Fruchtmus hinzustellen, statt nur einem, und die Waffeln, die auf ihn warteten, gleich oben drauf. Sollte er doch mitfeiern!
Ich saß bestimmt schon eine gute Stunde da, hielt das Pergament hoch, um die letzten Sonnenstrahlen darauf fallen zu lassen. Es war eine Zeichnung aus Kohle – einmal mehr. Ein Bild, das vom 22. Goldblatt 254 erzählte. Eines, das sie zeigte, zusammen mit den anderen Schwestern, wobei die drei etwas verblassten neben ihr. Die ganze Zeit über betrachtete ich sie versonnen – und ich will ehrlich sein, hätte jemand die Glocke gezogen oder gar angeklopft, er hätte mir mal getrost den Buckel runter rutschen können. Ich wünschte mir inständig, ich könnte mit Farben umgehen, aber es sollte wohl bei der Kohlezeichnung bleiben. Nichts desto trotz rief sie die Farben, das Zusammenspiel von Kleid und Haar, sowie Blumen und die Bäume, das Gras, all das, was dazu gehörte, in Erinnerung.
Mein Blick wechselte zu dem zweiten Bild. Ebenfalls eine Kohlezeichnung, mit einer Ausnahme allein. Es war ein Portrait von ihr, auch von diesem Tag. Darauf sah sie den Betrachter direkt an, aus efeugrünen Augen. Ja, auch hier waren sie grün. Es hatte einige Mühe gekostet jemanden zu finden, der sie mir so lebendig und farbig malen konnte, ich hatte jemanden gefunden. Ich konnte nur ahnen, was sie fühlte über den Verlust, hatte es gewiss sehen können in dem Moment und auch dann und wann danach. Wie sehr ich mir wünschte, dass es sich wiederholen ließ, oder gar, dass es immer so geblieben wäre… aber ihren Worten nach schien das eine Unmöglichkeit zu sein. Götterwunder. Das wäre wohl das Einzige, was dazu führen konnte. Aber warum sollten sich die Götter um so etwas schon scheren? Unsinnig sich damit aufzuhalten. Trotzdem starb die Hoffnung bekanntlich erst zuletzt und dieses leise vage Hoffen blieb hartnäckig da, wie ein kleines Sandkorn, das sich eingenistet hatte.
Das dritte Bild, das vor mir lag, zeigte den Kreis, in dessen Mitte der Bund geschlossen worden war. Auf der vierten Zeichnung war das Zimmer zu sehen, dass sie für uns vorbereiteten.
Mein Blick aber irrte immer wieder zu dem ersten Bild zurück und verweilte dort. Noch immer fand ich keine Worte dafür. Wieder hielt die Leere Einzug in meinen Geist und vertrieb alle Gedanken. Dafür schlugen die Gefühle Purzelbäume. Nie wieder wollte ich diesen Anblick vergessen. Irgendwann jedoch musste ich mich von dem Bild losreißen, legte sie alle zusammen und zu den anderen in die lederne Mappe.
Sie hatte zugestimmt, das Geschenk angenommen. Seither übte ich mich in Geduld, überließ es ihr, wann es endgültig sein würde, auch wenn die Ungeduld dahingehend mich nach wie vor antrieb. Trotzdem wollte ich unter keinen Umständen drängeln oder es zu eilig angehen. Nicht mal meinetwegen, sondern mehr noch ihretwegen. Vielleicht brauchte es einfach noch ein wenig Zeit, um die Tragweite zu begreifen – nicht nur, dass sie diese Zeit brauchte, ich bestimmt genauso. Hinzu kam, dass ich gerade diese Tage genoss, die wir nun hatten. Sehr sogar. Inständig hoffte ich, dass sie noch eine ganze Weile lang so anhielten, wie wir sie nun erleben durften und ich freute mich auf die noch kommende Feier.
Über etwas anderes machte ich mir ebenso Gedanken. Was mochte das Kodderschnäuzchen wert sein? Taugte sie? Vertrauen – nein. Soweit waren wir ja mal noch lange nicht. Aber vielleicht hatte ich eine Aufgabe für jemand anderen dadurch. Jetzt stellte sich mir nur die Frage: Wie erreichte ich die Person, die ich dafür haben wollte? Ein Fest. Das Fest, die Feier. Das war eine Möglichkeit. Eine Gute sogar, je länger ich darüber nachdachte. Und sie wurde immer besser, je länger ich grübelte, wie ich genau vorgehen wollte oder sollte. Letztlich konnten sie mir sogar beide nützlich sein. Nummer drei war dann diejenige, die wohl den größten Anteil zu tun hatte. Nach allem, was ich gestern in dem kurzen Schlagabtausch erfahren hatte, war es eh nötig für eine neue Aufgabe zu sorgen. Zumindest zeitweise. Sowohl die feinen letzten zwei Tage, als auch diese Überlegung, veranlassten mich dazu ein Liedchen zu pfeifen, als ich in den Garten ging, um die Äpfel und Pfirsiche, sowie die Nüsse aufzulesen. Manchmal war das Leben ganz wunderbar.
Der einzige Klecks, der es trübte, hockte in einem Haus in einer Siedlung, hatte eine zu große Fresse und zu wenig Hirn im Schädel. Machte er so weiter, erledigte er sich quasi eh wie von selbst. Ja, das Leben konnte so schön sein. Eindeutig. Und augenblicklich war es das! Aber rundum. So ließ ich mich dazu hinreißen Ravingor drei Schüsseln Fruchtmus hinzustellen, statt nur einem, und die Waffeln, die auf ihn warteten, gleich oben drauf. Sollte er doch mitfeiern!
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Sonntag 26. Februar 2012, 02:53, insgesamt 1-mal geändert.
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Lucien de Mareaux
Der Tag der Tage
Der Tag begann für mich im Grunde recht entspannt.
Eine kleine Grundnervosität nur, ein bisschen Aufregung. Sie schlief noch, also ließ ich sie. Für mich war die letzte Nacht erholsam gewesen, was vielleicht den Umstand geschuldet war, dass ich davor kaum geschlafen hatte. Leise stand ich auf und verzog mich nach unten, um ein Bad zu nehmen. Die Kleider, die extra für den Tag gefertigt worden waren, nahm ich mit und legte sie im Ankleideraum ab, damit sie keinen Schaden nehmen konnten in der Zwischenzeit. Frisch gebadet, legte ich sie später schließlich an, versuchte sogar meinen Haaren beizubringen wenigstens einmal Ordnung zu zeigen, statt Chaos – erfolgreich solang sie noch nass waren, aber kaum getrocknet sprangen sie schon wieder in alle Richtungen, wie sie es gerade wollten. Ich war gerade nach oben zurückgekehrt, als ich leise Schritte auf der Treppe hörte. Völlig verschlafen setzte sie sich zu mir. Ihre Nacht war ganz offensichtlich nicht so gut gewesen wie meine. Ich machte uns einen Tee, und dann vertrieben wir uns die Zeit erst einmal damit noch ein wenig zu reden. Je näher die verabredete Zeit rückte, desto nervöser wurden wir beide, obschon ich mich bemühte, die Fassung und Ruhe zu wahren, wenigstens solang, bis ich sie sicher bei den Schwestern abgeliefert hatte.
Ja, da war von gemeinsamen Durchbrennen die Rede, und so weiter. Im Grunde amüsierte mich das Ganze, wusste ich doch wie wenig ernst gemeint das war.
Auf der Sumpfinsel angekommen, wurde sie mir auch gleich abspenstig gemacht und eine der drei, Cara nämlich, an die Seite gestellt zum Aufpassen, dass ich bloß keine kalten Füße bekäme. Noch immer war soweit alles gut (wenn man davon absah, dass meine Nervosität auch langsam stieg). Erst als die Älteste auftauchte und mich zu einem Spaziergang einlud, nahm es dann doch überhand. Eigentlich wollte ich alles andere, aber bestimmt nicht spazieren gehen!
Letztlich brachte sie mich zur Sturmspitze – soviel zum Spaziergang. Und Maja war noch gar nicht soweit! Am liebsten wollte ich wieder zurück. Als Vefa mich dann auch noch stehen ließ, um nach den Mädchen zu sehen – wie sie sagte – und ich allein dort herumstand und warten musste, war es mir fast zuviel. Ich trat auf der Stelle und suchte mir schon eine Ecke, wo ich mich hinverdrücken konnte, um mein Geschäft zu erledigen, weil es so war, wie es immer war, wenn man warten musste. Es drückte ungemein auf die Blase und den Darm. Irgendwann – es kam mir wie eine Ewigkeit vor – schlich Vefa an mir vorbei, schwer auf ihrem Stab gestützt. Irritiert sah ich ihr hinterher, dann wieder voraus und …
Ehrlich, wer mich in dem Moment irgendwas gefragt hätte, wäre echt aufgeschmissen gewesen. Eine Antwort wäre da nicht mehr bei herausgekommen. Nicht mal eine Reaktion. Ich starrte nur noch die Braut an, der Rest war wie weggewischt und das Hirn - nun ja – tot. Denken ausgeschlossen. Völlig ausgeschlossen. Nicht einmal meinen Namen hätte ich mehr gewusst, ganz bestimmt nicht. Götter, sie sah so umwerfend aus!
Immer diese empfindlichen Störungen! Das erste Mal wurde ich aus meiner Betrachtung Majalins gerissen, als Vefa mich ansprach. Zunächst drang das gar nicht zu mir durch, sondern erst, als sie mich an der Schulter berührte. Dann wollte sie noch, dass ich irgendwas sagte. Anfangs darüber irritiert, fiel mir ein, dass ich mir ja sogar was dafür überlegt hatte. Aber was? Gähnende Leere.
Du musst nichts sagen, ich weiß es doch auch so.
Ja, natürlich wusste sie das. Aber das ging doch nicht! Viel kam trotzdem nicht bei raus, und für die übrigen bestimmt auch zusammenhangsloses Zeug. Maja verstand mich aber, was schon erleichternd war. Trotzdem war ich rot angelaufen, so peinlich war mir das. Hatte ich doch wirklich den Text vergessen…
Und sie fand dafür so großartige Worte! Dabei hatte sie die Sorge, dass ihr nichts einfallen könnte. Verdrehte Welt… aber was kümmerte es mich! Ich konnte sie wieder einfach nur ansehen. Erst als Wasser und Erde schon den Bund besiegelt hatten, Feuer und Wind folgen sollten, fand ich zurück aus meiner geistigen Umnachtung und wurde nervös. Wenn die Gute jetzt die Schale mit den brennenden Kohlen unter ihrer beider Hände hielt, würde das aber kein gutes Ende nehmen! Aber das tat sie nicht. Das hieß, das tat sie schon so in etwa. Aber es geschah nichts, außer, dass der eine oder andere auffliegende Funke etwas zwickte.
Das Beste sollte ohnehin noch folgen – und vermutlich auch das Traurigste zugleich. Vefa überreichte Maja ihr Geschenk, noch bevor der Kuss gegeben war, sie bestand darauf. Ich widersprach nicht, ich wusste ja, worum es sich handelte. Abgesehen davon – wer bitte war so verrückt und stellte sich gegen die Alte? Ich bestimmt nicht!
Die anderen stellten sich alle hinter mir in eine Reihe auf, Vefa gesellte sich dazu.
Sie stehen alle passend, falls du jetzt magst…
Die Worte waren nur gemurmelt, leise, gerade laut für sie. Ich sah ihr zögern, ich verstand es sogar. Es war bestimmt kein leichter Schritt, den sie zu gehen wagen wollte. Schließlich aber umfasste sie den Stein und drückte ihn, den Kopf hielt sie gesenkt, die Augen geschlossen. Für mich veränderte sich zunächst nichts sichtlich, schließlich aber hob sie den Kopf, das Gesicht gen Himmel gerichtet und öffnete die Augen. Ich sah die Tränen laufen. Der erste Gedanke war, ob sie wohl Schmerzen hatte, aber ich verwarf es auch nur irgendwas zu sagen oder zu fragen. Ich wartete nur stumm, aufgeregt, voller Spannung, bis sie mich endlich ansah. Ja, sie sah mich an. Buchstäblich, wörtlich und in jedem normalverständlichen Sinne. Die Augen von olivener Farbe. Dem Efeu nicht unähnlich. Ich war mir sicher, bei ihr setzte das Denken für einen Moment ebenso aus, doch dann glitt ihr Blick weiter zu den übrigen. Worte wurden gewechselt, schließlich aber ließen uns die anderen eine Weile allein zurück.
Weiß, wie Schnee.
Mein damaliger unbeholfener Versuch meine Haarfarbe zu erklären. Ich war fasziniert von ihrer Augenfarbe. Bislang hatte ich sie schließlich nie gesehen, nur das milchigblaue der sonst völlig blinden Augen. Götter, der Moment war so vollkommen… und ich wünschte, er würde nicht enden, für sie vor allem anderen. Trotzdem ging er vorbei. Ich konnte zusehen, wie die Farbe dem milchigen Ton wich und doch nichts anderes tun, als sie festhalten. Das tat weh. Da halfen auch die tröstenden Worte nicht wirklich, die Vefa dafür später fand. Da half gar kein tröstendes Wort, nicht mal das, was man sich selbst vorsagte. Und wenn ich bedachte, wie sehr es mich schon traf, mochte ich mir kaum ausmalen, wie sehr schlimm es für sie sein musste.
Trotzdem, es war ein wunderbarer Moment, es war ein wunderbarer Tag, es sollte auch ein wunderbarer Abend und eine genauso wunderbare Nacht werden – aber die, die geht nun wirklich niemanden etwas an!
Der Tag begann für mich im Grunde recht entspannt.
Eine kleine Grundnervosität nur, ein bisschen Aufregung. Sie schlief noch, also ließ ich sie. Für mich war die letzte Nacht erholsam gewesen, was vielleicht den Umstand geschuldet war, dass ich davor kaum geschlafen hatte. Leise stand ich auf und verzog mich nach unten, um ein Bad zu nehmen. Die Kleider, die extra für den Tag gefertigt worden waren, nahm ich mit und legte sie im Ankleideraum ab, damit sie keinen Schaden nehmen konnten in der Zwischenzeit. Frisch gebadet, legte ich sie später schließlich an, versuchte sogar meinen Haaren beizubringen wenigstens einmal Ordnung zu zeigen, statt Chaos – erfolgreich solang sie noch nass waren, aber kaum getrocknet sprangen sie schon wieder in alle Richtungen, wie sie es gerade wollten. Ich war gerade nach oben zurückgekehrt, als ich leise Schritte auf der Treppe hörte. Völlig verschlafen setzte sie sich zu mir. Ihre Nacht war ganz offensichtlich nicht so gut gewesen wie meine. Ich machte uns einen Tee, und dann vertrieben wir uns die Zeit erst einmal damit noch ein wenig zu reden. Je näher die verabredete Zeit rückte, desto nervöser wurden wir beide, obschon ich mich bemühte, die Fassung und Ruhe zu wahren, wenigstens solang, bis ich sie sicher bei den Schwestern abgeliefert hatte.
Ja, da war von gemeinsamen Durchbrennen die Rede, und so weiter. Im Grunde amüsierte mich das Ganze, wusste ich doch wie wenig ernst gemeint das war.
Auf der Sumpfinsel angekommen, wurde sie mir auch gleich abspenstig gemacht und eine der drei, Cara nämlich, an die Seite gestellt zum Aufpassen, dass ich bloß keine kalten Füße bekäme. Noch immer war soweit alles gut (wenn man davon absah, dass meine Nervosität auch langsam stieg). Erst als die Älteste auftauchte und mich zu einem Spaziergang einlud, nahm es dann doch überhand. Eigentlich wollte ich alles andere, aber bestimmt nicht spazieren gehen!
Letztlich brachte sie mich zur Sturmspitze – soviel zum Spaziergang. Und Maja war noch gar nicht soweit! Am liebsten wollte ich wieder zurück. Als Vefa mich dann auch noch stehen ließ, um nach den Mädchen zu sehen – wie sie sagte – und ich allein dort herumstand und warten musste, war es mir fast zuviel. Ich trat auf der Stelle und suchte mir schon eine Ecke, wo ich mich hinverdrücken konnte, um mein Geschäft zu erledigen, weil es so war, wie es immer war, wenn man warten musste. Es drückte ungemein auf die Blase und den Darm. Irgendwann – es kam mir wie eine Ewigkeit vor – schlich Vefa an mir vorbei, schwer auf ihrem Stab gestützt. Irritiert sah ich ihr hinterher, dann wieder voraus und …
Ehrlich, wer mich in dem Moment irgendwas gefragt hätte, wäre echt aufgeschmissen gewesen. Eine Antwort wäre da nicht mehr bei herausgekommen. Nicht mal eine Reaktion. Ich starrte nur noch die Braut an, der Rest war wie weggewischt und das Hirn - nun ja – tot. Denken ausgeschlossen. Völlig ausgeschlossen. Nicht einmal meinen Namen hätte ich mehr gewusst, ganz bestimmt nicht. Götter, sie sah so umwerfend aus!
Immer diese empfindlichen Störungen! Das erste Mal wurde ich aus meiner Betrachtung Majalins gerissen, als Vefa mich ansprach. Zunächst drang das gar nicht zu mir durch, sondern erst, als sie mich an der Schulter berührte. Dann wollte sie noch, dass ich irgendwas sagte. Anfangs darüber irritiert, fiel mir ein, dass ich mir ja sogar was dafür überlegt hatte. Aber was? Gähnende Leere.
Du musst nichts sagen, ich weiß es doch auch so.
Ja, natürlich wusste sie das. Aber das ging doch nicht! Viel kam trotzdem nicht bei raus, und für die übrigen bestimmt auch zusammenhangsloses Zeug. Maja verstand mich aber, was schon erleichternd war. Trotzdem war ich rot angelaufen, so peinlich war mir das. Hatte ich doch wirklich den Text vergessen…
Und sie fand dafür so großartige Worte! Dabei hatte sie die Sorge, dass ihr nichts einfallen könnte. Verdrehte Welt… aber was kümmerte es mich! Ich konnte sie wieder einfach nur ansehen. Erst als Wasser und Erde schon den Bund besiegelt hatten, Feuer und Wind folgen sollten, fand ich zurück aus meiner geistigen Umnachtung und wurde nervös. Wenn die Gute jetzt die Schale mit den brennenden Kohlen unter ihrer beider Hände hielt, würde das aber kein gutes Ende nehmen! Aber das tat sie nicht. Das hieß, das tat sie schon so in etwa. Aber es geschah nichts, außer, dass der eine oder andere auffliegende Funke etwas zwickte.
Das Beste sollte ohnehin noch folgen – und vermutlich auch das Traurigste zugleich. Vefa überreichte Maja ihr Geschenk, noch bevor der Kuss gegeben war, sie bestand darauf. Ich widersprach nicht, ich wusste ja, worum es sich handelte. Abgesehen davon – wer bitte war so verrückt und stellte sich gegen die Alte? Ich bestimmt nicht!
Die anderen stellten sich alle hinter mir in eine Reihe auf, Vefa gesellte sich dazu.
Sie stehen alle passend, falls du jetzt magst…
Die Worte waren nur gemurmelt, leise, gerade laut für sie. Ich sah ihr zögern, ich verstand es sogar. Es war bestimmt kein leichter Schritt, den sie zu gehen wagen wollte. Schließlich aber umfasste sie den Stein und drückte ihn, den Kopf hielt sie gesenkt, die Augen geschlossen. Für mich veränderte sich zunächst nichts sichtlich, schließlich aber hob sie den Kopf, das Gesicht gen Himmel gerichtet und öffnete die Augen. Ich sah die Tränen laufen. Der erste Gedanke war, ob sie wohl Schmerzen hatte, aber ich verwarf es auch nur irgendwas zu sagen oder zu fragen. Ich wartete nur stumm, aufgeregt, voller Spannung, bis sie mich endlich ansah. Ja, sie sah mich an. Buchstäblich, wörtlich und in jedem normalverständlichen Sinne. Die Augen von olivener Farbe. Dem Efeu nicht unähnlich. Ich war mir sicher, bei ihr setzte das Denken für einen Moment ebenso aus, doch dann glitt ihr Blick weiter zu den übrigen. Worte wurden gewechselt, schließlich aber ließen uns die anderen eine Weile allein zurück.
Weiß, wie Schnee.
Mein damaliger unbeholfener Versuch meine Haarfarbe zu erklären. Ich war fasziniert von ihrer Augenfarbe. Bislang hatte ich sie schließlich nie gesehen, nur das milchigblaue der sonst völlig blinden Augen. Götter, der Moment war so vollkommen… und ich wünschte, er würde nicht enden, für sie vor allem anderen. Trotzdem ging er vorbei. Ich konnte zusehen, wie die Farbe dem milchigen Ton wich und doch nichts anderes tun, als sie festhalten. Das tat weh. Da halfen auch die tröstenden Worte nicht wirklich, die Vefa dafür später fand. Da half gar kein tröstendes Wort, nicht mal das, was man sich selbst vorsagte. Und wenn ich bedachte, wie sehr es mich schon traf, mochte ich mir kaum ausmalen, wie sehr schlimm es für sie sein musste.
Trotzdem, es war ein wunderbarer Moment, es war ein wunderbarer Tag, es sollte auch ein wunderbarer Abend und eine genauso wunderbare Nacht werden – aber die, die geht nun wirklich niemanden etwas an!
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Hanna Radenbruck
Ein goldener Tag im goldenen Goldblatt... goldig!
Am Nachmittag im güld'nen Herbstlicht eingetaucht
Lässt uns der heil'ge Bund zusammen kommen
Liebe, rein und klar, wie diese Welt sie braucht
Erfüllt zwei Herzen, macht den Blick benommen
Sanft, holde Braut und ihr Bräutigam gänzlich verzückt
Ganz wie auf Wolken schwebt sie ihm entgegen
Und langam wird die Runde der Wirklichkeit entrückt
Tief in sich spüren alle der Hochzeit schönsten Segen
Es spricht das Herz alleine und übertönt die Worte
Majalin und Lucien - ihr wollt den Bund eingehen...
Auch der Elemente Beistand ist spürbar an dem Orte
Ja, sie zeigen deutlich, dass sie die Liebenden verstehen
Als Feuer, Wasser, Erde, Luft segnen der Herzensband
Läuft ein Beben durch die Gäste, kein Auge bleibt mehr trocken
In Zweisamkeit auf ewig einander zugewandt
Nun glänzt die Spätsonne feurig in ihren Kupferlocken
Unter den ersten Sternen am weiten Himmelszelt
Nun bringt man die Geschenke für das holde Paar
Die Freundschaft zu beteuern, man hofft das es gefällt
Lässt eines dennoch eine Narbe zurück, wie sonderbar
Unsagbar schön wie Efeu und olivengrüner Kuss
Chaos in der Seele als er dann wieder schwindet
In leicht getrübter Stimmung, weil alles einmal enden muss
Erwacht ganz leis' die Hoffnung, dass man das Grün wieder findet
Nun aber lasst es euch gut gehen, Freund und geliebte Schwester...
... euch begleitet auch mein Segenswunsch - mein allerallerbester!
In Gedenken an einen wunderbaren Tag

[und die Spielerin dahinter]
Am Nachmittag im güld'nen Herbstlicht eingetaucht
Lässt uns der heil'ge Bund zusammen kommen
Liebe, rein und klar, wie diese Welt sie braucht
Erfüllt zwei Herzen, macht den Blick benommen
Sanft, holde Braut und ihr Bräutigam gänzlich verzückt
Ganz wie auf Wolken schwebt sie ihm entgegen
Und langam wird die Runde der Wirklichkeit entrückt
Tief in sich spüren alle der Hochzeit schönsten Segen
Es spricht das Herz alleine und übertönt die Worte
Majalin und Lucien - ihr wollt den Bund eingehen...
Auch der Elemente Beistand ist spürbar an dem Orte
Ja, sie zeigen deutlich, dass sie die Liebenden verstehen
Als Feuer, Wasser, Erde, Luft segnen der Herzensband
Läuft ein Beben durch die Gäste, kein Auge bleibt mehr trocken
In Zweisamkeit auf ewig einander zugewandt
Nun glänzt die Spätsonne feurig in ihren Kupferlocken
Unter den ersten Sternen am weiten Himmelszelt
Nun bringt man die Geschenke für das holde Paar
Die Freundschaft zu beteuern, man hofft das es gefällt
Lässt eines dennoch eine Narbe zurück, wie sonderbar
Unsagbar schön wie Efeu und olivengrüner Kuss
Chaos in der Seele als er dann wieder schwindet
In leicht getrübter Stimmung, weil alles einmal enden muss
Erwacht ganz leis' die Hoffnung, dass man das Grün wieder findet
Nun aber lasst es euch gut gehen, Freund und geliebte Schwester...
... euch begleitet auch mein Segenswunsch - mein allerallerbester!
In Gedenken an einen wunderbaren Tag
[und die Spielerin dahinter]
- Cara DelMur
- Beiträge: 891
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Gedanken
Liebe..... ja.... vielleicht.... wer weiss....
Heiraten..... niemals!
oder doch... vielleicht... wer weiss... ja... ein bisschen...
als wäre es gestern gewesen...
ich kann mich noch gut erinnern, wie wir mit Majalin zusammen auf den Decken und Kissen liegen, unseren Gedanken über die Kerle, mal wild kichernd und lachend und mal zu tode betrübt, freien Lauf lassen...
es war gestern...
sie war so schön und wundervoll an diesem Goldblatt-Tag ... dieses Leuchten und Strahlen das von ihr ausging, das alles Andere um sie herum schier verblassen liess... und auch Lucien, will ich ihm das zugestehen, sah recht schmuck aus...
das die Zwei sich lieben, sähe ein Blinder... sähe ein Blinder...
Majalin. Ich weiss nicht ob ich den Mut dazu aufgebracht hätte. Verstehen kann ich es gut.
Freude und Leid. Liebe und Leiden. Hand in Hand...
Ich wünsche den beiden alles Glück dieser Welt und weit darüber hinaus...
ich bin glücklich dabei gewesen zu sein, als sie sich die Hände reichten...
sie gaben mir etwas zurück ohne das sie es wissen, dafür bin ich ihnen dankbar...
meinen Segen habe ich gegeben..
Ich wünsch den beiden alles Glück dieser Welt und weit darüber hinaus.
Liebe..... ja.... vielleicht.... wer weiss....
Heiraten..... niemals!
oder doch... vielleicht... wer weiss... ja... ein bisschen...
als wäre es gestern gewesen...
ich kann mich noch gut erinnern, wie wir mit Majalin zusammen auf den Decken und Kissen liegen, unseren Gedanken über die Kerle, mal wild kichernd und lachend und mal zu tode betrübt, freien Lauf lassen...
es war gestern...
sie war so schön und wundervoll an diesem Goldblatt-Tag ... dieses Leuchten und Strahlen das von ihr ausging, das alles Andere um sie herum schier verblassen liess... und auch Lucien, will ich ihm das zugestehen, sah recht schmuck aus...
das die Zwei sich lieben, sähe ein Blinder... sähe ein Blinder...
Majalin. Ich weiss nicht ob ich den Mut dazu aufgebracht hätte. Verstehen kann ich es gut.
Freude und Leid. Liebe und Leiden. Hand in Hand...
Ich wünsche den beiden alles Glück dieser Welt und weit darüber hinaus...
ich bin glücklich dabei gewesen zu sein, als sie sich die Hände reichten...
sie gaben mir etwas zurück ohne das sie es wissen, dafür bin ich ihnen dankbar...
meinen Segen habe ich gegeben..
Ich wünsch den beiden alles Glück dieser Welt und weit darüber hinaus.
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Majalin Mareaux
Am Ende des Festes - Erinnerungen einer Braut
Als ich jünger war, hatte ich eine Familie, die mir genommen wurde. Ich hatte eine Freundin, die vor mir im Lied aufging. Ich hatte Menschen, auf die ich mich verlassen habe, und die mich zurück ließen. Ich könnte dir auf viele Arten sagen, dass ich dich liebe, aber ich möchte dir lieber danken. Dafür, dass dank dir viele Worte für mich eine Bedeutung und einen Sinn erhalten haben, dass du sie für mich mit Leben gefüllt hast: Sehnsucht - bevor ich deine Wärme auf meiner Haut gespürt habe, wusste ich nicht was es für ein Schmerz sein kann von einem geliebten Menschen getrennt zu sein. Leidenschaft - seit ich dich kenne, bin ich selbst plötzlich nicht mehr so wichtig für mich, sondern all meine Gedanken kennen nur eine Richtung, gleich welche Himmelsrichtung, solange du nur dort bist. Du weißt ich vertraue dir und ich weiß, dass es andersrum ebenso ist. Deswegen bin ich mir sicher, dass gleich wie groß die Hindernisse sein mögen, wir werden sie zusammen bewältigen. Du bist jetzt meine Familie, du bist mein Freund, mein Mann.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Müde saß Majalin auf der Bank. Nun war also auch das Fest zu ihrer Bundschließung vorüber. Es hatte beinahe etwas Trauriges wie die Glut des Lagerfeuers leise abschwelte und seine sterbende Wärme mit sich in den Nachthimmel nahm. Die fröhlichen Stimmen waren abgeklungen, das Lachen verhallt. Und jetzt? Gedankenverloren strich sie über das wundervolle, bestickte Brautkleid und erinnerte sich mit einem versonnenen Lächeln an das andauernde, betretene Schweigen Luciens, als er sie zum ersten Mal darin gesehen hatte.
„Ja, er himmelt und das zu Recht! Ach, Maja, ich freu mich so.“, raunte ihr Hanna ganz begeistert zu und verfiel dann wieder in möglichst feierliches Schweigen. Majalin bettete ihre Hand in seine, als er sie in Empfang nahm. Sie konnte seine selige Beklommenheit und wortlose Anbetung wie eine bestärkende Berührung auf ihrer Haut spüren und fühlte ihre eigene Zuneigung und Hingabe in sich aufsteigen. Alle Bedenken, alle Ängste, alle Nervosität, alle Zweifel waren fortgewischt, verblassten wie Nebel im Schein der aufsteigenden Sonne. Als er schließlich seine Stimme wiederfand, flüsterte er leise und mit scherzendem Unterton: „Und jetzt brennen wir durch?“ Majalin lachte auf. Die letzten Tage und vor allem im Laufe dieses Tages hatten sie immer wieder darüber gescherzt. „Zu spät.“, erwiderte sie dann ebenso gedämpft. Während Lucien sie in den Kreis führte, wo Vefa bereits auf sie wartete, murmelte er von einem Grinsen untermalt: „Verdammt!“ Das Paar nahm seinen Platz ein, ebenso wie die Schwestern. Längere Zeit hatten Lucien und Majalin gegrübelt, wer die Zeremonie des Bundes leiten sollte. Zwar glaubten sie beide an die Götter, jeder der Ihren hatte seine Daseinsberechtigung und seinen Zweck, doch war das Paar von einem gelebten Glauben oder einer geistlichen Neigung weit entfernt. Insofern wäre jedwede Hochzeit in einer Kirche vor einem Priester oder Templer eine ziemliche Heuchelei geworden. Letztlich hatten sie sich für Vefa entschieden, Majalins Lehrmeisterin. Sie würde die beiden unter dem Schutz der Elemente und im Namen aller Götter verbinden – zudem kannte Majalin keine warmherzigere und weisere Frau. „Einem alten Brauch folgend bitten wir, als Heilerinnen des Sumpfes, Eluive - die Mutters allen Lebens - um ihren Segen für das Paar, für die Verbindung zwischen Lucien und Majalin. So habt ihr beiden die Schwestern als Zeugen für euren Bund gewählt, doch soll die ganze Schöpfung selbst Zeuge sein an diesem Tag. Seht die Schönheit die uns geschenkt wurde, ein wachsender, lebender Kreis, ein Sinnbild für eure Verbindung und für eure Liebe.“ Vefa machte eine ausladende Geste um sich her und, als sie Luciens Blick gewahr wurde, der neuerlich auf seiner Braut klebte, fügte sie etwas schelmischer an: „Ein Spiegel auch für die Schönheit der Schwester, die du da an deiner Seite hast, Lucien.“ Der Angesprochene reagierte erstmal nur, indem er eben jener Schönheit huldigte, in ihrer stummen Betrachtung, sprich – gar nicht. Majalin schmunzelte sanft und hob eine Hand, um sein Gesicht nach vorne zu Vefa zu drehen. Vernehmbar irritiert murmelte er: „Eeeh, anwesend?“ „Schön, dass du anwesend bist! Ohne dich wäre es nur der halbe Spaß!“, meinte Vefa dazu lächelnd. Majalin nahm die liebevolle Belustigung um sich her wahr, in diesem Kreis lebte nicht nur die Güte der Natur, in diesem Kreis lebten Zuneigung, Mitgefühl und Liebe.
Das versonnene Lächeln weilte noch für einen Augenblick auf ihren Lippen. Und jetzt? Keine Verlobte mehr, keine angebetete Braut, nur noch Eheweib. War sie nun sein Besitztum? Niemand mehr, der interessant war als Person an sich? Reizlos, sinnlos? Majalin schüttelte heftig den Kopf. Du bist eine grässliche Ehefrau, jetzt schon!, schalt sie sich selbst. Trotzdem wollte das Gefühl des Übereilens nicht ganz von ihr weichen. Sie zählte gerade zwanzig Sommer und schon schien ihr alles vorgelebt zu sein, das Leben mit einem Mal deutlich kürzer als noch vor einem Jahreslauf. Wer war sie denn gewesen, bevor sie ihm begegnet war? War er es nicht gewesen, der ihr Leben um so unendlich viel bereichert hatte, der sie gelehrt hatte, was rückhaltlose Liebe bedeutete? Nachdenklich drehte sie den Grasring an ihrem Finger und ihre Gedanken eilten zurück, als er ihn für sie gefertigt hatte.
„Ja, Geduld ist nicht deine Stärke, Lucien. Du hast keine Geduld, wenn es um dein Herz geht. Also in fast allem, was mit mir zu tun hat.“, Majalin musste leicht schmunzeln, während sie das Haupt ob des Regens zu Boden senkte. „Ich hab wohl Geduld, wenn es um dich geht, denn hätt` ich es nicht, hätt` ich…“, sprach er mit dem Brustton der Überzeugung, brach dann plötzlich ab und fügte kleinlauter an: „Vergiss das! Ich bin ungeduldig!“ Neugierig wand sie nun aber den Kopf zur Seite: „Hättest du was?“ Lucien schwieg für einige Augenblicke, schließlich druckste er verlegen: „Mh… Ich…, also… bitte dich einfach mal an der Stelle um Geduld, ja? Das ist grad nicht wirklich passend... und überhaupt viel zu verfrüht.“
- Wenn er das schon mal selbst sagte. Besser nicht nachfragen! Sie beherrschte ihre Neugier, gab Ruhe. Es dauerte nur wenige Augenblicke bis Majalin hörte wie Lucien unruhig auf seinem Sitzplatz herumrutschte. Und er konnte sich wieder mal nicht zurückhalten. -
„Du lachst eh oder nimmst es nicht für voll oder… zeigst mir mindestens einen Vogel, mindestens!“, plapperte er also weiter, „Und… wenn ich das jetzt sag, hab ich nix da, was ich dafür brauch… oder… hmmm…“ Er schob sich von der Bank und ging im feuchten Gras auf die Knie. Er fuhr mit der Hand über die Halme, zupfte einige von ihnen und begann dann an ihnen herumzubasteln. Seine Aufregung war nun beinahe körperlich zu fühlen. „Lucien? Was wird das?“, fragte sie nervös, natürlich hatte sie längst eine Ahnung. „Ich mach mich zum Affen, ehrlich! Was soll`s? Ich musste mich ja verplappern.“, er umfasste mit seinen Händen ihre, seine Hände waren kalt, sonderlicherweise. Er atmete tief durch und stammelte los: „Ich… du… also wir, nein, noch mal. Du bist mein Herz, mein Geist und meine Seele und das ist nicht nur so daher gesagt, Maja. Das ist mein völliger Ernst! Ich hab ja schon gesagt, ich will nicht mehr ohne dich sein und auch das mein ich so.“ Sie hörte wie er abermals unruhig herumrutschte, er drückt ihre Hand etwas fester und schließlich platzte er einfach schnell heraus: „Ich will, dass du meine Frau wirst.“
- Rums. Er hatte es ausgesprochen, verdammt! Verdammt! Und jetzt? Stille. Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, alles schlüssig zu überdenken. Es ging nicht. Ihr Kopf war leer… Nein, nicht leer. Erinnerungen stiegen in ihr hoch, Erinnerungen an Gespräche, an Erlebnisse, an Vertrautheiten. Wer bist du, Lucien? Was machst du nur mit mir? Warum machst du alles so schrecklich kompliziert? Warum machst du alles so einfach? -
Die Worte kamen wie von selbst aus ihrem Mund: „Lucien, ich bin deine Frau, war es schon, bevor du fragtest.“ Er stockte, mittlerweile presste er ihre Hand so fest, dass es beinahe weh tat: „War das jetzt ein Ja?“ „Das war ein Ja.“ Überschwänglich zog er sie zu sich auf den Boden und umschloss sie fest mit seinen Armen. Sein etwas unglücklich zusammen gepfiemelter Grasring fand den Ort seiner Bestimmung an ihrer Hand. Sie wusste es war die richtige Entscheidung, sie hätte ihn nicht zurückweisen können, trotzdem würde er sich noch etwas gedulden müssen. Geduld… Majalin musste lächeln. Nun er würde es lernen müssen.
Sie verformte die Klänge des Grases, bat es sich nach ihrem Willen zu gestalten. Sie pflückte ihm seinen Grasring und platzierte ihn an seinem Finger. „Schade, dass sie vertrocknen.“, meinte er dabei nachdenklich. „Werden sie nicht…“, flüsterte sie leise. „Hm, reißfest auch?“, erkundigte er sich mit einem Lächeln in der Stimme. „Kann ich zaubern?“ Er grinste amüsiert.
Ein letztes, einsames Knacken drang vom sterbenden Feuer an ihr Ohr. Ja, noch immer fühlte sie in sich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Da, wo er zu ungeduldig und übereilt war, war sie selbst zu zögerlich und abwägend. Er hatte ihr die Wege bereitet, für die sie allein Jahresläufe gebraucht hätte. Und, ach, was hatte sie dadurch gewonnen! Wie viel Zeit sie verschwendet hätte mit Abwägungen und Grübeleien. Abermals legte sich ein Lächeln auf ihre Züge und diesmal blieb es, während sie zu ihrem Haus schritt. Immerhin wartete ihr Ehemann dort auf sie…
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Als ich jünger war, hatte ich eine Familie, die mir genommen wurde. Ich hatte eine Freundin, die vor mir im Lied aufging. Ich hatte Menschen, auf die ich mich verlassen habe, und die mich zurück ließen. Ich könnte dir auf viele Arten sagen, dass ich dich liebe, aber ich möchte dir lieber danken. Dafür, dass dank dir viele Worte für mich eine Bedeutung und einen Sinn erhalten haben, dass du sie für mich mit Leben gefüllt hast: Sehnsucht - bevor ich deine Wärme auf meiner Haut gespürt habe, wusste ich nicht was es für ein Schmerz sein kann von einem geliebten Menschen getrennt zu sein. Leidenschaft - seit ich dich kenne, bin ich selbst plötzlich nicht mehr so wichtig für mich, sondern all meine Gedanken kennen nur eine Richtung, gleich welche Himmelsrichtung, solange du nur dort bist. Du weißt ich vertraue dir und ich weiß, dass es andersrum ebenso ist. Deswegen bin ich mir sicher, dass gleich wie groß die Hindernisse sein mögen, wir werden sie zusammen bewältigen. Du bist jetzt meine Familie, du bist mein Freund, mein Mann.
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Müde saß Majalin auf der Bank. Nun war also auch das Fest zu ihrer Bundschließung vorüber. Es hatte beinahe etwas Trauriges wie die Glut des Lagerfeuers leise abschwelte und seine sterbende Wärme mit sich in den Nachthimmel nahm. Die fröhlichen Stimmen waren abgeklungen, das Lachen verhallt. Und jetzt? Gedankenverloren strich sie über das wundervolle, bestickte Brautkleid und erinnerte sich mit einem versonnenen Lächeln an das andauernde, betretene Schweigen Luciens, als er sie zum ersten Mal darin gesehen hatte.
„Ja, er himmelt und das zu Recht! Ach, Maja, ich freu mich so.“, raunte ihr Hanna ganz begeistert zu und verfiel dann wieder in möglichst feierliches Schweigen. Majalin bettete ihre Hand in seine, als er sie in Empfang nahm. Sie konnte seine selige Beklommenheit und wortlose Anbetung wie eine bestärkende Berührung auf ihrer Haut spüren und fühlte ihre eigene Zuneigung und Hingabe in sich aufsteigen. Alle Bedenken, alle Ängste, alle Nervosität, alle Zweifel waren fortgewischt, verblassten wie Nebel im Schein der aufsteigenden Sonne. Als er schließlich seine Stimme wiederfand, flüsterte er leise und mit scherzendem Unterton: „Und jetzt brennen wir durch?“ Majalin lachte auf. Die letzten Tage und vor allem im Laufe dieses Tages hatten sie immer wieder darüber gescherzt. „Zu spät.“, erwiderte sie dann ebenso gedämpft. Während Lucien sie in den Kreis führte, wo Vefa bereits auf sie wartete, murmelte er von einem Grinsen untermalt: „Verdammt!“ Das Paar nahm seinen Platz ein, ebenso wie die Schwestern. Längere Zeit hatten Lucien und Majalin gegrübelt, wer die Zeremonie des Bundes leiten sollte. Zwar glaubten sie beide an die Götter, jeder der Ihren hatte seine Daseinsberechtigung und seinen Zweck, doch war das Paar von einem gelebten Glauben oder einer geistlichen Neigung weit entfernt. Insofern wäre jedwede Hochzeit in einer Kirche vor einem Priester oder Templer eine ziemliche Heuchelei geworden. Letztlich hatten sie sich für Vefa entschieden, Majalins Lehrmeisterin. Sie würde die beiden unter dem Schutz der Elemente und im Namen aller Götter verbinden – zudem kannte Majalin keine warmherzigere und weisere Frau. „Einem alten Brauch folgend bitten wir, als Heilerinnen des Sumpfes, Eluive - die Mutters allen Lebens - um ihren Segen für das Paar, für die Verbindung zwischen Lucien und Majalin. So habt ihr beiden die Schwestern als Zeugen für euren Bund gewählt, doch soll die ganze Schöpfung selbst Zeuge sein an diesem Tag. Seht die Schönheit die uns geschenkt wurde, ein wachsender, lebender Kreis, ein Sinnbild für eure Verbindung und für eure Liebe.“ Vefa machte eine ausladende Geste um sich her und, als sie Luciens Blick gewahr wurde, der neuerlich auf seiner Braut klebte, fügte sie etwas schelmischer an: „Ein Spiegel auch für die Schönheit der Schwester, die du da an deiner Seite hast, Lucien.“ Der Angesprochene reagierte erstmal nur, indem er eben jener Schönheit huldigte, in ihrer stummen Betrachtung, sprich – gar nicht. Majalin schmunzelte sanft und hob eine Hand, um sein Gesicht nach vorne zu Vefa zu drehen. Vernehmbar irritiert murmelte er: „Eeeh, anwesend?“ „Schön, dass du anwesend bist! Ohne dich wäre es nur der halbe Spaß!“, meinte Vefa dazu lächelnd. Majalin nahm die liebevolle Belustigung um sich her wahr, in diesem Kreis lebte nicht nur die Güte der Natur, in diesem Kreis lebten Zuneigung, Mitgefühl und Liebe.
Das versonnene Lächeln weilte noch für einen Augenblick auf ihren Lippen. Und jetzt? Keine Verlobte mehr, keine angebetete Braut, nur noch Eheweib. War sie nun sein Besitztum? Niemand mehr, der interessant war als Person an sich? Reizlos, sinnlos? Majalin schüttelte heftig den Kopf. Du bist eine grässliche Ehefrau, jetzt schon!, schalt sie sich selbst. Trotzdem wollte das Gefühl des Übereilens nicht ganz von ihr weichen. Sie zählte gerade zwanzig Sommer und schon schien ihr alles vorgelebt zu sein, das Leben mit einem Mal deutlich kürzer als noch vor einem Jahreslauf. Wer war sie denn gewesen, bevor sie ihm begegnet war? War er es nicht gewesen, der ihr Leben um so unendlich viel bereichert hatte, der sie gelehrt hatte, was rückhaltlose Liebe bedeutete? Nachdenklich drehte sie den Grasring an ihrem Finger und ihre Gedanken eilten zurück, als er ihn für sie gefertigt hatte.
„Ja, Geduld ist nicht deine Stärke, Lucien. Du hast keine Geduld, wenn es um dein Herz geht. Also in fast allem, was mit mir zu tun hat.“, Majalin musste leicht schmunzeln, während sie das Haupt ob des Regens zu Boden senkte. „Ich hab wohl Geduld, wenn es um dich geht, denn hätt` ich es nicht, hätt` ich…“, sprach er mit dem Brustton der Überzeugung, brach dann plötzlich ab und fügte kleinlauter an: „Vergiss das! Ich bin ungeduldig!“ Neugierig wand sie nun aber den Kopf zur Seite: „Hättest du was?“ Lucien schwieg für einige Augenblicke, schließlich druckste er verlegen: „Mh… Ich…, also… bitte dich einfach mal an der Stelle um Geduld, ja? Das ist grad nicht wirklich passend... und überhaupt viel zu verfrüht.“
- Wenn er das schon mal selbst sagte. Besser nicht nachfragen! Sie beherrschte ihre Neugier, gab Ruhe. Es dauerte nur wenige Augenblicke bis Majalin hörte wie Lucien unruhig auf seinem Sitzplatz herumrutschte. Und er konnte sich wieder mal nicht zurückhalten. -
„Du lachst eh oder nimmst es nicht für voll oder… zeigst mir mindestens einen Vogel, mindestens!“, plapperte er also weiter, „Und… wenn ich das jetzt sag, hab ich nix da, was ich dafür brauch… oder… hmmm…“ Er schob sich von der Bank und ging im feuchten Gras auf die Knie. Er fuhr mit der Hand über die Halme, zupfte einige von ihnen und begann dann an ihnen herumzubasteln. Seine Aufregung war nun beinahe körperlich zu fühlen. „Lucien? Was wird das?“, fragte sie nervös, natürlich hatte sie längst eine Ahnung. „Ich mach mich zum Affen, ehrlich! Was soll`s? Ich musste mich ja verplappern.“, er umfasste mit seinen Händen ihre, seine Hände waren kalt, sonderlicherweise. Er atmete tief durch und stammelte los: „Ich… du… also wir, nein, noch mal. Du bist mein Herz, mein Geist und meine Seele und das ist nicht nur so daher gesagt, Maja. Das ist mein völliger Ernst! Ich hab ja schon gesagt, ich will nicht mehr ohne dich sein und auch das mein ich so.“ Sie hörte wie er abermals unruhig herumrutschte, er drückt ihre Hand etwas fester und schließlich platzte er einfach schnell heraus: „Ich will, dass du meine Frau wirst.“
- Rums. Er hatte es ausgesprochen, verdammt! Verdammt! Und jetzt? Stille. Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, alles schlüssig zu überdenken. Es ging nicht. Ihr Kopf war leer… Nein, nicht leer. Erinnerungen stiegen in ihr hoch, Erinnerungen an Gespräche, an Erlebnisse, an Vertrautheiten. Wer bist du, Lucien? Was machst du nur mit mir? Warum machst du alles so schrecklich kompliziert? Warum machst du alles so einfach? -
Die Worte kamen wie von selbst aus ihrem Mund: „Lucien, ich bin deine Frau, war es schon, bevor du fragtest.“ Er stockte, mittlerweile presste er ihre Hand so fest, dass es beinahe weh tat: „War das jetzt ein Ja?“ „Das war ein Ja.“ Überschwänglich zog er sie zu sich auf den Boden und umschloss sie fest mit seinen Armen. Sein etwas unglücklich zusammen gepfiemelter Grasring fand den Ort seiner Bestimmung an ihrer Hand. Sie wusste es war die richtige Entscheidung, sie hätte ihn nicht zurückweisen können, trotzdem würde er sich noch etwas gedulden müssen. Geduld… Majalin musste lächeln. Nun er würde es lernen müssen.
Sie verformte die Klänge des Grases, bat es sich nach ihrem Willen zu gestalten. Sie pflückte ihm seinen Grasring und platzierte ihn an seinem Finger. „Schade, dass sie vertrocknen.“, meinte er dabei nachdenklich. „Werden sie nicht…“, flüsterte sie leise. „Hm, reißfest auch?“, erkundigte er sich mit einem Lächeln in der Stimme. „Kann ich zaubern?“ Er grinste amüsiert.
Ein letztes, einsames Knacken drang vom sterbenden Feuer an ihr Ohr. Ja, noch immer fühlte sie in sich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Da, wo er zu ungeduldig und übereilt war, war sie selbst zu zögerlich und abwägend. Er hatte ihr die Wege bereitet, für die sie allein Jahresläufe gebraucht hätte. Und, ach, was hatte sie dadurch gewonnen! Wie viel Zeit sie verschwendet hätte mit Abwägungen und Grübeleien. Abermals legte sich ein Lächeln auf ihre Züge und diesmal blieb es, während sie zu ihrem Haus schritt. Immerhin wartete ihr Ehemann dort auf sie…
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- Eure Liebe ist jene tiefer, verbundener Wurzeln, die eine gemeinsame Basis, einen liebevollen Boden nie missen musste und so soll die Erde ein Zeichen sein für all die Tiefenwärme und den sanften, vorsichtigen Liebkosungen der Vertrautheit. Im Boden liegen die Saatkörner und so ruhen derlei nun zwei Pflänzchen unter dem Segen der fruchtbaren Erde hier in unserer Mitte. Die eine Pflanze ist noch so klein und doch ebenso Teil dessen was ihr beide nun schon habt. Bei der anderen Pflanze jedoch habt ihr schon bewiesen, dass ihr beide Gärtner der Erde seid, denn das kleine Samenkorn der Liebe konnte so schön gedeihen, dass nun ein Baum aus ihm geworden ist, von dessen wunderbarer Pracht wir zehren und in dessen sanften Schatten ihr auch bei der größten Hitze stets stehen könnt, nur wahre Liebe kann so fruchtbar sein. – Hanna Radenbruck
Ein kleiner verliebter Funke hat euch zwei zueinander geführt und hat eure beiden Herzen mit Leidenschaft und Zuneigung gefüllt. Jene Leidenschaft soll euch erhalten bleiben und ständig genährt werden durch die Liebe, die ihr füreinander empfindet, durch die Freude, die ihr euch gegenseitig schenkt, den Mut auch neue Weg zu begehen, die euch beiden bald bevorstehen werden, wenn sich der kleine Funke zu einem eigenen Leben entwickelt hat. Und wenn euch die Welt einmal dunkel und grau vorkommt, dann soll euch das Feuer wärmen und mit Licht eure Herzen und Seele erfüllen. Vertrauen und der Glaube zueinander, Liebe und Leidenschaft soll euch begleiten. – Cara DelMur
Er ist wie der Frühling in eurem Leben und ein frischer Rückenwind. Er ist die Freiheit und die Klarheit unserer Gedanken und genau diese Freiheit sollt ihr euch auf ewig bewahren, trotz eurer innigen Verbundenheit. So atmet den Duft der Rose ein für die Liebe, den Duft der Mistel für die Fruchtbarkeit und den Duft vom Klee für das Glück, damit alles zusammen für immer Bestand haben möge. Möget ihr weiterhin voneinander lernen und möge der Rauch dieser Kräuter eure Wünsche hoch in die Lüfte, zu den Sternen tragen. Sodass ihr immer an diesen heutigen Moment erinnert werdet, wenn ihr sie am Nachthimmel betrachtet. – Yasme
Eure verschlungenen Finger sollen das Zeichen sein für eure Verbundenheit - für die Einheit die ihr werdet. Das Wasser möge die starken Gefühle lebendig halten, die ihr füreinander hegt und es mag euch Duldsamkeit schenken, wenn einmal stürmische, raue See herrschen sollte in euren Herzen. Dieses Wasser soll die Kunde eurer Verbindung weiter tragen.
Im Angesicht der Mutter allen Lebens habt ihr zueinander gefunden. Im Beisein der Schwestern habt ihr die Reinheit und Aufrichtigkeit eures Wunsches bekräftigt. So möge eure Verbindung von Dauer sein wie der Kreis des Lebens selbst. Im Lichte des Tages, im Schatten der Nacht, mit dem Segen der Mächte sei euer Bund nun bedacht. – Gjinovefa Feoran
-
Lucien de Mareaux
Und noch ein Kapitel
Erschöpft, überfordert, unsicher, erschrocken, trotzdem zufrieden, ja, glücklich. Schlafen, träumen, albträumen…
… Nebel, Dunkelheit, Stille.
Das alles war noch nichts, was mich beunruhigte. Die Erinnerung war es. Entfernte Stimmen. Klauen, die nach mir schlugen, während ich durch den Nebel stolperte.
… Fragen. Antworten, Schmerzen.
Die Arme hinauf, die Hände, am Hals, alles tat weh, rang mir ein Keuchen ab. Ich stolperte, fiel hin, rappelte mich auf und lief weiter. Irgendwas trieb mich an, auch wenn ich es nicht greifen konnte.
… Todesangst, Verzweiflung, Wut.
Ich war überzeugt davon, sie würden mich umbringen. Nach Kräften wehrte ich mich dagegen, aus Angst wurde Verzweiflung, aus Verzweiflung wurde Wut. Fatal, sich von Wut leiten zu lassen. Das wusste ich genau.
… Verlust.
Ich wusste es, kam aber nicht dagegen an. Wie der Dolch in meine Hände kam, vermochte ich nicht zu sagen. Ich wehrte mich, ich stach zu, ich warf…
… ich verlor das mir Teuerste. Da lag sie im blutroten Gras, die Augen geschlossen, die Haut aschfahl, so friedlich. Die eigenen Schmerzen, die die Krallen geschlagen hatten, waren vergessen, die eigenen Wunden nur noch verblasste Erinnerung. Ich fiel neben ihr ins Gras und war fassungslos. Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und…
… schreckte aus dem Schlaf hoch. Ich saß senkrecht auf dem Fell und fror wie ein Schneider, aber nicht einmal wegen der Kälte an sich, die der Herbst unter freiem Himmel nun mal bereithielt, sondern weil mir der Traum nachhing.
Meine Aufmerksamkeit richtete sich direkt auf die Schlafende neben mir – schlief sie überhaupt noch? Ich musste sie geweckt haben, oder? Mit dem Erwachen jedenfalls war mir ihre Gegenwart so präsent, dass ich es nicht fassen konnte, und verstehen noch viel weniger.
Ich zog das Fell enger um mich und legte Holz nach, woraufhin das Feuer wenig später etwas heller vor sich hinprasselte und mehr Wärme spendete, und das obschon mir die Schweißperlen noch auf der Stirn standen. Irgendwie traute ich mich nicht mehr, mich noch mal hinzulegen und die Augen zu schließen. Genauso wenig gelang es mir den Traum abzuschütteln.
Nein, da war kein Vorwurf, dass sie mir nicht erklärt hatte, was da auf mich zukam. Es schien mir ohnehin so, als wäre sie so weit weg gewesen in den Momenten, dass sie sich nicht einmal selbst erinnerte, was vorgefallen war. Hätte sie sehen können, vielleicht wäre sie erschrocken gewesen. Nur die Robe kündete noch davon, was vorgefallen war. Die lag irgendwo hinter mir im Gras, blutbesudelt, zerfetzt an den Ärmeln und stellenweise auch irgendwo auf Höhe des Oberkörpers.
Den Zahn irgendeiner romantisierten Vorstellung konnte ich jedem getrost ziehen, der mir in Zukunft damit über den Weg lief, was diese Verbindung angeht, die wir an diesem Abend eingegangen waren. Es war grauenhaft gewesen. So ganz bekam ich es nicht einmal mehr auf die Reihe, was genau passiert war. Im Nachhinein schien es eher wie ein schlechter Traum, wie der aus dem ich aufgewacht war. Noch immer fühlte ich mich gerädert, dazu aber auch zu unruhig, um wieder zu schlafen. Also blieb ich sitzen und starrte ins Feuer.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und ging zu der Stelle hinüber, wo wir unsere Klamotten liegen gelassen hatten, um sie aufzusammeln. Sie waren bereits klamm von der Kälte und der Feuchtigkeit, die sich am Gras sammelte, in dem sie lagen. Also trug ich die zwei Haufen zum Feuer zurück und breitete sie auf den anderen Fellen aus, damit sie trocknen konnten. Dabei fror ich wie ein Schneider, was mich aber wiederum von meiner eigenen Unruhe ablenkte.
Nach getanem Werk kroch ich wieder unter die Felle, die noch eine Spur Restwärme innehatten, verzichtete aber darauf mit meiner eigenen Kälte zu meiner Frau rüber zu kriechen. Irgendwann holte die Erschöpfung mich doch wieder ein und ich dämmerte fort…
… Trost, Zuspruch, Hoffnung.
Eine kleine Hand schob sich in meine und klammerte sich fest.
Ich sah zu der Hand, schließlich zu demjenigen, dem sie gehörte. Etienne. Ich musste unweigerlich lächeln. Der kleine Junge hockte sich neben sie, zu mir, und berührte sie mit der freien Hand sanft im fahlen Gesicht an der Wange. Mit einem leisen Seufzen schlug sie die Augen auf.
… Stimmen, Warnungen, Willkommen.
Ich hörte sie wieder, die anderen, deren Namen ich nicht kannte. Abermals bestürmten sie mich mit Warnungen, offenen Drohungen, bis wieder Ruhe und ein gewisser Friede einkehrten. Leiser wurden die Stimmen, sanfter, hießen Willkommen und nahmen mich auf.
… fühlen, wahrnehmen, lauschen.
So präsent. Gespannt lauschend, gespannt fühlend. Zwei Herzschläge und trotzdem einer nach einer Weile. Zwei mal unterschiedlichste Gefühle, schwer sie überhaupt voneinander auseinander zu halten. Welche gehörten ihr? Welche mir? Unsicherheit, Offenbarung. Keine Geheimnisse. Gefühle logen nie. Sie sprachen stets die Wahrheit. Keine Heimlichkeiten, kein unken, keinem etwas vormachen.
Da bekamen die Worte „Ein Herz und eine Seele“ eine ganz neue Bedeutung, und die wurde mir schlagartig bewusst, was mir fast den Atem raubte.
… Kinderlachen, Freudentaumel, Glückseligkeit.
Etienne lachte.
Wir fielen mit ein. Ein Reigen, ein Tanz, ohne zu tanzen. Das plötzliche Gefühl von Glück und Freude. Zuneigung, Einigkeit. Einzigartigkeit. Besonderheit.
Es würde noch einige Zeit dauern, bis ich alles erfasste, bis ich begriff, bis ich mit daran gewöhnte, bis ich vielleicht etwas besser verstand. Der Traum verblasste, ließ mich zurück in geborgener Wärme und Dunkelheit…
Erschöpft, überfordert, unsicher, erschrocken, trotzdem zufrieden, ja, glücklich. Schlafen, träumen, albträumen…
… Nebel, Dunkelheit, Stille.
Das alles war noch nichts, was mich beunruhigte. Die Erinnerung war es. Entfernte Stimmen. Klauen, die nach mir schlugen, während ich durch den Nebel stolperte.
… Fragen. Antworten, Schmerzen.
Die Arme hinauf, die Hände, am Hals, alles tat weh, rang mir ein Keuchen ab. Ich stolperte, fiel hin, rappelte mich auf und lief weiter. Irgendwas trieb mich an, auch wenn ich es nicht greifen konnte.
… Todesangst, Verzweiflung, Wut.
Ich war überzeugt davon, sie würden mich umbringen. Nach Kräften wehrte ich mich dagegen, aus Angst wurde Verzweiflung, aus Verzweiflung wurde Wut. Fatal, sich von Wut leiten zu lassen. Das wusste ich genau.
… Verlust.
Ich wusste es, kam aber nicht dagegen an. Wie der Dolch in meine Hände kam, vermochte ich nicht zu sagen. Ich wehrte mich, ich stach zu, ich warf…
… ich verlor das mir Teuerste. Da lag sie im blutroten Gras, die Augen geschlossen, die Haut aschfahl, so friedlich. Die eigenen Schmerzen, die die Krallen geschlagen hatten, waren vergessen, die eigenen Wunden nur noch verblasste Erinnerung. Ich fiel neben ihr ins Gras und war fassungslos. Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und…
… schreckte aus dem Schlaf hoch. Ich saß senkrecht auf dem Fell und fror wie ein Schneider, aber nicht einmal wegen der Kälte an sich, die der Herbst unter freiem Himmel nun mal bereithielt, sondern weil mir der Traum nachhing.
Meine Aufmerksamkeit richtete sich direkt auf die Schlafende neben mir – schlief sie überhaupt noch? Ich musste sie geweckt haben, oder? Mit dem Erwachen jedenfalls war mir ihre Gegenwart so präsent, dass ich es nicht fassen konnte, und verstehen noch viel weniger.
Ich zog das Fell enger um mich und legte Holz nach, woraufhin das Feuer wenig später etwas heller vor sich hinprasselte und mehr Wärme spendete, und das obschon mir die Schweißperlen noch auf der Stirn standen. Irgendwie traute ich mich nicht mehr, mich noch mal hinzulegen und die Augen zu schließen. Genauso wenig gelang es mir den Traum abzuschütteln.
Nein, da war kein Vorwurf, dass sie mir nicht erklärt hatte, was da auf mich zukam. Es schien mir ohnehin so, als wäre sie so weit weg gewesen in den Momenten, dass sie sich nicht einmal selbst erinnerte, was vorgefallen war. Hätte sie sehen können, vielleicht wäre sie erschrocken gewesen. Nur die Robe kündete noch davon, was vorgefallen war. Die lag irgendwo hinter mir im Gras, blutbesudelt, zerfetzt an den Ärmeln und stellenweise auch irgendwo auf Höhe des Oberkörpers.
Den Zahn irgendeiner romantisierten Vorstellung konnte ich jedem getrost ziehen, der mir in Zukunft damit über den Weg lief, was diese Verbindung angeht, die wir an diesem Abend eingegangen waren. Es war grauenhaft gewesen. So ganz bekam ich es nicht einmal mehr auf die Reihe, was genau passiert war. Im Nachhinein schien es eher wie ein schlechter Traum, wie der aus dem ich aufgewacht war. Noch immer fühlte ich mich gerädert, dazu aber auch zu unruhig, um wieder zu schlafen. Also blieb ich sitzen und starrte ins Feuer.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und ging zu der Stelle hinüber, wo wir unsere Klamotten liegen gelassen hatten, um sie aufzusammeln. Sie waren bereits klamm von der Kälte und der Feuchtigkeit, die sich am Gras sammelte, in dem sie lagen. Also trug ich die zwei Haufen zum Feuer zurück und breitete sie auf den anderen Fellen aus, damit sie trocknen konnten. Dabei fror ich wie ein Schneider, was mich aber wiederum von meiner eigenen Unruhe ablenkte.
Nach getanem Werk kroch ich wieder unter die Felle, die noch eine Spur Restwärme innehatten, verzichtete aber darauf mit meiner eigenen Kälte zu meiner Frau rüber zu kriechen. Irgendwann holte die Erschöpfung mich doch wieder ein und ich dämmerte fort…
… Trost, Zuspruch, Hoffnung.
Eine kleine Hand schob sich in meine und klammerte sich fest.
Ich sah zu der Hand, schließlich zu demjenigen, dem sie gehörte. Etienne. Ich musste unweigerlich lächeln. Der kleine Junge hockte sich neben sie, zu mir, und berührte sie mit der freien Hand sanft im fahlen Gesicht an der Wange. Mit einem leisen Seufzen schlug sie die Augen auf.
… Stimmen, Warnungen, Willkommen.
Ich hörte sie wieder, die anderen, deren Namen ich nicht kannte. Abermals bestürmten sie mich mit Warnungen, offenen Drohungen, bis wieder Ruhe und ein gewisser Friede einkehrten. Leiser wurden die Stimmen, sanfter, hießen Willkommen und nahmen mich auf.
… fühlen, wahrnehmen, lauschen.
So präsent. Gespannt lauschend, gespannt fühlend. Zwei Herzschläge und trotzdem einer nach einer Weile. Zwei mal unterschiedlichste Gefühle, schwer sie überhaupt voneinander auseinander zu halten. Welche gehörten ihr? Welche mir? Unsicherheit, Offenbarung. Keine Geheimnisse. Gefühle logen nie. Sie sprachen stets die Wahrheit. Keine Heimlichkeiten, kein unken, keinem etwas vormachen.
Da bekamen die Worte „Ein Herz und eine Seele“ eine ganz neue Bedeutung, und die wurde mir schlagartig bewusst, was mir fast den Atem raubte.
… Kinderlachen, Freudentaumel, Glückseligkeit.
Etienne lachte.
Wir fielen mit ein. Ein Reigen, ein Tanz, ohne zu tanzen. Das plötzliche Gefühl von Glück und Freude. Zuneigung, Einigkeit. Einzigartigkeit. Besonderheit.
Es würde noch einige Zeit dauern, bis ich alles erfasste, bis ich begriff, bis ich mit daran gewöhnte, bis ich vielleicht etwas besser verstand. Der Traum verblasste, ließ mich zurück in geborgener Wärme und Dunkelheit…
-
Majalin Mareaux
Der süße Schmerz, der bittere Abschied
Das wundervollste Geschenk, das grausamste Andenken. Doch Majalin hatte es sich selbst gewünscht, entgegen aller Zweifel und Ängste, nun musste sie die Narbe auf ihrer Seele tragen, die das Geschenk zurückgelassen hatte.
Der Gedanke war schon länger in ihr gewesen, doch hatte die Furcht bisher stets überwogen. Lange hatte sie es in sich herumgewälzt, hatte gegrübelt und abgewogen, wie sie eben so war, niemals vorschnell, immer nachdenkend. Ihre Bitte hatte sie an Vefa herangetragen, die einzige Person in der ganzen Welt, der sie so ein Meisterstück zutraute. „Es wäre wohl sehr ungewohnt... überraschend, vielleicht auch ein wenig beängstigend. Bist du sicher, dass du das möchtest?“, hatte ihre Lehrmeisterin mit einem sorgenvollen Unterton gefragt. „Nein. Aber ich möchte es trotzdem.“, antwortete ihr Majalin mit bestimmtem Tonfall. „Die Welt von den andren Menschen ist so sehr geprägt von Farben, von Licht und Dunkelheit, von Schönheit und Hässlichkeit. Ich will zumindest eine Ahnung bekommen… auch wenn ich Angst habe, aber so kann ich den Zeitpunkt wenigstens selbst bestimmen. Ich möchte ihn nur einmal sehen, euch alle. Auf die Gefahr hin, dass ich es grausam vermissen werde.“ Vefa hatte langsam genickt und dann nachdenklich erwidert: „Ja, das wäre die Gefahr.“ „Ich weiß. Aber ich will mich davor nicht fürchten müssen. Und Lucien ist der Grund, dass nun der Wunsch größer ist als die Angst.“ Majalin spürte das Schwanken in Vefa, dasselbe Abwägen, dass sie selbst so lange in sich getragen hatte. Schließlich senkte Vefa einmal das Haupt und meinte ruhig und sanftmütig, doch nicht frei von Zweifeln: „Dann werde ich sehen, was ich tun kann dir diesen Wunsch zu erfüllen.“
Am Tag der Hochzeit gab es so viel zu tun, so viele Gedanken und Gefühle, die über Majalin hinwegschwappten, dass ihre Bitte in ihrem Kopf weit zurückgedrängt wurde. Bis Vefa kurz nach der Zeremonie eine Kette aus ihrer Tasche zog und leise meinte: „Auch wenn mein Geschenk nur wenige Augenblicke währt, so ist es doch mit Liebe und Vertrauen gegeben.“ Behutsam legte sie der frischgebackenen Ehefrau die Kette um den Hals und schloss sie im Nacken, dabei raunte sie leise: „Wenn du soweit bist, brauchst du den Anhänger nur fest mit den Fingern zu umschließen.“ Und plötzlich war sie wieder da, die Furcht, sie wallte in Majalin auf wie ein Sturm. So nah nun, nur eine Handbewegung entfernt. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen? Lucien drückte aufmunternd ihre Hand, sie konnte auch seine Anspannung spüren. Einem inneren Impuls folgend löste Majalin eine Hand von ihm und umfasste fest den Anhänger an der Kette. Die Stimmen ihrer Schwestern rückten in den Hintergrund, eine Welle ging durch das Lied, die Harmonien verschoben sich auf eine sonderbare Weise – nur um ein kleines Stück und trotzdem änderte es alles. Einige Momente hielt Majalin die Augen fest zusammengepresst, unfähig sich zu regen, unfähig zu denken. In die Stille hinein öffnete sie blinzelnd die Augen.
Das Gras zu ihren Füßen erzitterte leicht im Wind, getaucht in das warme goldene Licht der Fackeln und Kerzen. Tief zog Majalin die Luft ein, als sie zum ersten Mal Farben und Formen erblickte, wahrnahm und in sich aufsaugte. Tränen der Überwältigung stiegen ihr in die Augen und das Bild verschwamm vor ihr.
Nur wenige Momente…
Sie wand das Gesicht zum Himmel, dort war Dunkelheit wie sie sie kannte. Nein, nicht schwarz, dunkles Blau besprenkelt mit silbrigen Lichtern – Sterne. Jahrelang war das Wort für sie ohne Sinn gewesen, aber nun blinzelten ihr die Sterne zu, leuchteten ihr entgegen wie wärmende Feuer im Schnee. Ihre Tränen verwandelten den Anblick zu einem Bild von Wirbeln und Strudeln.
Nur wenige Momente…
Nur kurz glitt ihr Blick über ihren Mann und brachte ihre Unterlippe zum Beben, dann weiter zu ihren Schwestern. Das flackernde Feuer malte Licht und Schatten auf ihre Gesichter und ihre Gestalten. Intuitiv erkannte Majalin jede einzelne und deutete die Gesichtsausdrücke, die sie lesen konnte. Hanna war tief ergriffen, Yasme erfüllt von sanftem Wohlwollen, Cara schwankte zwischen Unglauben und tiefer Zuneigung, Vefas mitfühlende Zuneigung strahlte zu Majalin hinüber. So viele Eindrücke wie möglich nahm jene in sich auf in ihrer Betrachtung. Die schwesterliche Verbindung nicht nur zu spüren, sondern sie auch in den Augen und auf den Mienen zu lesen, überwältigte die Braut und ungeniert stürzten ihre Tränen über ihre Wangen. „Ihr seid die schönsten, wundervollsten Frauen, die ich je sah. Und das weiß ich nicht erst seit eben.“, brachte sie schließlich erstickt hervor und ein leises Lachen entrang sich ihrer Kehle.
Nur wenige Momente…
Majalin wandte sich zu Lucien und betrachtete seine Züge. Sie fühlte sich als käme sie nach Hause, so vertraut und fremd zugleich. Langsam löste sie ihre Hand von seiner und fuhr mit den Fingerspitzen über seine Wange, so wohlbekannt das Gefühl. Seine Augen glänzten wach und klar, die Farbe des Himmels an sonnigen Tagen, das wusste sie plötzlich ohne Zweifel. Er lächelte, sie erwiderte es. Mit dem Daumen strich sie sanft über seine Braue. „Weiß wie Schnee.“, flüsterte sie leise und zupfte an seinem Haar. Er schmunzelte und neigte den Kopf leicht. Wie von selbst zeichnete sie mit der Fingerspitze seine Lippen nach. Die Welt um sie her war verschwunden, Majalin merkte nicht einmal wie sich ihre Schwestern leise entfernten. Es war als würden ihre Augen nur bestätigen, was ihr Herz schon so lange gewusst hatte. „Und… was sagst du?“, fragte er leise. Sie war fasziniert von der Art und Weise wie sich sein Gesicht bewegte, während er sprach. Bei seiner Frage erinnerte sie sich plötzlich wieder und der Schmerz darüber trieb ihr neuerlich heiße Tränen in die Augen.
Nur wenige Momente…
„Ich sage, dass es genauso ist wie ich befürchtet habe. Wundervoll... und es schmerzt mein Herz bereits jetzt so grausam, dass ich dich nie wieder vor mir sehen werde.“, erwiderte sie tonlos, unfähig ihr Leiden vor ihm zu verbergen. Er griff nach ihrer Hand und gab ihr einen sanften Kuss auf die Fingerspitzen ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Bereust du es, es gewagt zu haben?“ Für einen längeren Wimpernschlag schloss sie die Augen und blinzelte die Tränen fort. „Nein. Ich bereue nur, dass ich die Schönheit nicht würdigen kann wie sie es wohl verdient.“ Er hatte Bilder gezeichnet, nun zeigte ihr eines, welches sie selbst darstellte. Majalin fühlte keine Verbindung zu dem Gesicht, welches sie sah. Er brachte ihr eine Wasserschale, in deren Spiegel sie sich selbst sehen konnte. Es befremdete sie, schreckte sie gar, wie ihre Mienen von der fremden Frau wiedergegeben wurden. Eilig schob sie die Schale von sich fort. „Lass mich meine schwindende Zeit lieber damit verbringen dich anzusehen und mir deine Mienen und jeden Fingerbreit deines Gesichts einzuprägen.“, sprach sie und hob den Blick wieder zu ihm an.
Nur wenige Momente…
„Ich glaube, ich belass es bei den freundlichen Mienen.“, flüsterte er mit einem Lächeln. „Jetzt griesgrämig dreinzuschauen, würde mir eh nicht gelingen – du siehst so wunderschön aus.“ Majalin spürte ein Pulsieren durch das Lied gehen, die Wärme des Amuletts schwand unter ihrer Hand und ihre Miene erstarrte. Ihr Herz schrie danach noch nicht wieder all das von ihr zu nehmen, was sie gerade erst geschenkt bekommen hatte. All die Farben, die Lichter, die Mienen der geliebten Menschen. Noch nicht, bitte, noch nicht. - Ungehört. Nur noch Zeit für wenige Wimpernschläge. „Ich liebe dich.“, hauchte sie leise, getragen von der Angst in ihre eigene Dunkelheit zurückzustürzen. Er bettete seine Hand an ihrer Wange. „Und ich liebe dich. Über alles, Kieselchen.“ Sie blinzelte, sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen, die Farben schwanden, das Licht verblasste und die so bekannte Schwärze umfing sie wieder. Majalin rang nach Luft als in ihrer Seele etwas zerriss, sie hörte wie es knirschte, der Schmerz dieses Abschieds war wie ein glühendes Eisen, welches ihr in den Bauch gerammt worden war. Sie sackte auf die Knie und schluchzte. Ihr Mann sank neben ihr herab und umfing sie mit den Armen.
Erinnere dich für uns. Versprich mir, dass du es niemals vergessen wirst.
Es verblasste, die Farben, die Lichter, die Bilder, es blieb das Vermissen, es blieb der Schmerz, es blieb die Narbe. Eines Tages würde sie vergessen haben, warum es überhaupt so schmerzte.
- Ich verspreche es.
- Wo bist du, Geliebter?
Ich kann dich nicht sehen.
Doch ich spür dich nah bei mir
Durch das hohe Gras geh’n.
- ASP (Mein Herz erkennt dich immer)
Das wundervollste Geschenk, das grausamste Andenken. Doch Majalin hatte es sich selbst gewünscht, entgegen aller Zweifel und Ängste, nun musste sie die Narbe auf ihrer Seele tragen, die das Geschenk zurückgelassen hatte.
Der Gedanke war schon länger in ihr gewesen, doch hatte die Furcht bisher stets überwogen. Lange hatte sie es in sich herumgewälzt, hatte gegrübelt und abgewogen, wie sie eben so war, niemals vorschnell, immer nachdenkend. Ihre Bitte hatte sie an Vefa herangetragen, die einzige Person in der ganzen Welt, der sie so ein Meisterstück zutraute. „Es wäre wohl sehr ungewohnt... überraschend, vielleicht auch ein wenig beängstigend. Bist du sicher, dass du das möchtest?“, hatte ihre Lehrmeisterin mit einem sorgenvollen Unterton gefragt. „Nein. Aber ich möchte es trotzdem.“, antwortete ihr Majalin mit bestimmtem Tonfall. „Die Welt von den andren Menschen ist so sehr geprägt von Farben, von Licht und Dunkelheit, von Schönheit und Hässlichkeit. Ich will zumindest eine Ahnung bekommen… auch wenn ich Angst habe, aber so kann ich den Zeitpunkt wenigstens selbst bestimmen. Ich möchte ihn nur einmal sehen, euch alle. Auf die Gefahr hin, dass ich es grausam vermissen werde.“ Vefa hatte langsam genickt und dann nachdenklich erwidert: „Ja, das wäre die Gefahr.“ „Ich weiß. Aber ich will mich davor nicht fürchten müssen. Und Lucien ist der Grund, dass nun der Wunsch größer ist als die Angst.“ Majalin spürte das Schwanken in Vefa, dasselbe Abwägen, dass sie selbst so lange in sich getragen hatte. Schließlich senkte Vefa einmal das Haupt und meinte ruhig und sanftmütig, doch nicht frei von Zweifeln: „Dann werde ich sehen, was ich tun kann dir diesen Wunsch zu erfüllen.“
Am Tag der Hochzeit gab es so viel zu tun, so viele Gedanken und Gefühle, die über Majalin hinwegschwappten, dass ihre Bitte in ihrem Kopf weit zurückgedrängt wurde. Bis Vefa kurz nach der Zeremonie eine Kette aus ihrer Tasche zog und leise meinte: „Auch wenn mein Geschenk nur wenige Augenblicke währt, so ist es doch mit Liebe und Vertrauen gegeben.“ Behutsam legte sie der frischgebackenen Ehefrau die Kette um den Hals und schloss sie im Nacken, dabei raunte sie leise: „Wenn du soweit bist, brauchst du den Anhänger nur fest mit den Fingern zu umschließen.“ Und plötzlich war sie wieder da, die Furcht, sie wallte in Majalin auf wie ein Sturm. So nah nun, nur eine Handbewegung entfernt. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen? Lucien drückte aufmunternd ihre Hand, sie konnte auch seine Anspannung spüren. Einem inneren Impuls folgend löste Majalin eine Hand von ihm und umfasste fest den Anhänger an der Kette. Die Stimmen ihrer Schwestern rückten in den Hintergrund, eine Welle ging durch das Lied, die Harmonien verschoben sich auf eine sonderbare Weise – nur um ein kleines Stück und trotzdem änderte es alles. Einige Momente hielt Majalin die Augen fest zusammengepresst, unfähig sich zu regen, unfähig zu denken. In die Stille hinein öffnete sie blinzelnd die Augen.
Das Gras zu ihren Füßen erzitterte leicht im Wind, getaucht in das warme goldene Licht der Fackeln und Kerzen. Tief zog Majalin die Luft ein, als sie zum ersten Mal Farben und Formen erblickte, wahrnahm und in sich aufsaugte. Tränen der Überwältigung stiegen ihr in die Augen und das Bild verschwamm vor ihr.
Nur wenige Momente…
Sie wand das Gesicht zum Himmel, dort war Dunkelheit wie sie sie kannte. Nein, nicht schwarz, dunkles Blau besprenkelt mit silbrigen Lichtern – Sterne. Jahrelang war das Wort für sie ohne Sinn gewesen, aber nun blinzelten ihr die Sterne zu, leuchteten ihr entgegen wie wärmende Feuer im Schnee. Ihre Tränen verwandelten den Anblick zu einem Bild von Wirbeln und Strudeln.
Nur wenige Momente…
Nur kurz glitt ihr Blick über ihren Mann und brachte ihre Unterlippe zum Beben, dann weiter zu ihren Schwestern. Das flackernde Feuer malte Licht und Schatten auf ihre Gesichter und ihre Gestalten. Intuitiv erkannte Majalin jede einzelne und deutete die Gesichtsausdrücke, die sie lesen konnte. Hanna war tief ergriffen, Yasme erfüllt von sanftem Wohlwollen, Cara schwankte zwischen Unglauben und tiefer Zuneigung, Vefas mitfühlende Zuneigung strahlte zu Majalin hinüber. So viele Eindrücke wie möglich nahm jene in sich auf in ihrer Betrachtung. Die schwesterliche Verbindung nicht nur zu spüren, sondern sie auch in den Augen und auf den Mienen zu lesen, überwältigte die Braut und ungeniert stürzten ihre Tränen über ihre Wangen. „Ihr seid die schönsten, wundervollsten Frauen, die ich je sah. Und das weiß ich nicht erst seit eben.“, brachte sie schließlich erstickt hervor und ein leises Lachen entrang sich ihrer Kehle.
Nur wenige Momente…
Majalin wandte sich zu Lucien und betrachtete seine Züge. Sie fühlte sich als käme sie nach Hause, so vertraut und fremd zugleich. Langsam löste sie ihre Hand von seiner und fuhr mit den Fingerspitzen über seine Wange, so wohlbekannt das Gefühl. Seine Augen glänzten wach und klar, die Farbe des Himmels an sonnigen Tagen, das wusste sie plötzlich ohne Zweifel. Er lächelte, sie erwiderte es. Mit dem Daumen strich sie sanft über seine Braue. „Weiß wie Schnee.“, flüsterte sie leise und zupfte an seinem Haar. Er schmunzelte und neigte den Kopf leicht. Wie von selbst zeichnete sie mit der Fingerspitze seine Lippen nach. Die Welt um sie her war verschwunden, Majalin merkte nicht einmal wie sich ihre Schwestern leise entfernten. Es war als würden ihre Augen nur bestätigen, was ihr Herz schon so lange gewusst hatte. „Und… was sagst du?“, fragte er leise. Sie war fasziniert von der Art und Weise wie sich sein Gesicht bewegte, während er sprach. Bei seiner Frage erinnerte sie sich plötzlich wieder und der Schmerz darüber trieb ihr neuerlich heiße Tränen in die Augen.
Nur wenige Momente…
„Ich sage, dass es genauso ist wie ich befürchtet habe. Wundervoll... und es schmerzt mein Herz bereits jetzt so grausam, dass ich dich nie wieder vor mir sehen werde.“, erwiderte sie tonlos, unfähig ihr Leiden vor ihm zu verbergen. Er griff nach ihrer Hand und gab ihr einen sanften Kuss auf die Fingerspitzen ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Bereust du es, es gewagt zu haben?“ Für einen längeren Wimpernschlag schloss sie die Augen und blinzelte die Tränen fort. „Nein. Ich bereue nur, dass ich die Schönheit nicht würdigen kann wie sie es wohl verdient.“ Er hatte Bilder gezeichnet, nun zeigte ihr eines, welches sie selbst darstellte. Majalin fühlte keine Verbindung zu dem Gesicht, welches sie sah. Er brachte ihr eine Wasserschale, in deren Spiegel sie sich selbst sehen konnte. Es befremdete sie, schreckte sie gar, wie ihre Mienen von der fremden Frau wiedergegeben wurden. Eilig schob sie die Schale von sich fort. „Lass mich meine schwindende Zeit lieber damit verbringen dich anzusehen und mir deine Mienen und jeden Fingerbreit deines Gesichts einzuprägen.“, sprach sie und hob den Blick wieder zu ihm an.
Nur wenige Momente…
„Ich glaube, ich belass es bei den freundlichen Mienen.“, flüsterte er mit einem Lächeln. „Jetzt griesgrämig dreinzuschauen, würde mir eh nicht gelingen – du siehst so wunderschön aus.“ Majalin spürte ein Pulsieren durch das Lied gehen, die Wärme des Amuletts schwand unter ihrer Hand und ihre Miene erstarrte. Ihr Herz schrie danach noch nicht wieder all das von ihr zu nehmen, was sie gerade erst geschenkt bekommen hatte. All die Farben, die Lichter, die Mienen der geliebten Menschen. Noch nicht, bitte, noch nicht. - Ungehört. Nur noch Zeit für wenige Wimpernschläge. „Ich liebe dich.“, hauchte sie leise, getragen von der Angst in ihre eigene Dunkelheit zurückzustürzen. Er bettete seine Hand an ihrer Wange. „Und ich liebe dich. Über alles, Kieselchen.“ Sie blinzelte, sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen, die Farben schwanden, das Licht verblasste und die so bekannte Schwärze umfing sie wieder. Majalin rang nach Luft als in ihrer Seele etwas zerriss, sie hörte wie es knirschte, der Schmerz dieses Abschieds war wie ein glühendes Eisen, welches ihr in den Bauch gerammt worden war. Sie sackte auf die Knie und schluchzte. Ihr Mann sank neben ihr herab und umfing sie mit den Armen.
Erinnere dich für uns. Versprich mir, dass du es niemals vergessen wirst.
Es verblasste, die Farben, die Lichter, die Bilder, es blieb das Vermissen, es blieb der Schmerz, es blieb die Narbe. Eines Tages würde sie vergessen haben, warum es überhaupt so schmerzte.
- Ich verspreche es.
-
Lucien de Mareaux
Jeremiah
Die Erinnerungen von der vergangenen Nacht, dem vergangenen Abend, dem vergangenen Tag sind etwas durcheinander geraten. Wenn ich jetzt hier sitze, auf sie schaue und auf den Jungen, und versuche alles übereinander zu bringen, fällt es mir schwer.
Der natürlichen Logik nach begann es mit den Wehen irgendwann im Laufe des Tages. So gesehen war sie ganz schön schnell unterwegs gewesen – oder der Junge, wie man es denn nun sehen mochte. Von Anfang an wollte ich am liebsten gleich Hanna oder Cara wenigstens schon mal dazu holen, während Tayron sich bemühe mich am Boden zu halten, mich abzulenken und in normale Gespräche zu verwickeln. Majalin zog es vor das Bad aufzusuchen und ihre Zeit im Wasser zu verbringen, aber wo es vorher sonst geholfen hatte, machte es nun nicht den Eindruck auf mich, als täte es das auch jetzt.
Irgendwann kam sie auch wieder aus dem Wasser heraus, aufgeweicht und erschöpft. Gerade angekleidet, kam die Anweisung, dass jetzt Zeit wäre Hanna zu rufen. Ich hatte es im ersten Moment gar nicht begriffen, was sie meinte, trug sie aber schon einige Augenblicke später hinauf in das vorbereitete Bett. In aller Hektik dachte ich nicht mehr daran das rote Band zu nehmen, um den Spatz damit loszuschicken, sondern pfriemelte ihm gleich alle ans Bein irgendwie. Der Arme trudelte zu Anfang etwas, nahm dann aber tapfer den Weg auf sich, während Tayron zum Kloster lief, um Ardan zu holen.
Tatsächlich war der Spatz schneller, als ich erwartet hatte. Cara und Hanna schneiten alsbald hinein, noch ein gutes Stück vor Tayron und Ardan. Ich für meinen Teil war einfach nur froh, dass die jungen Heilerinnen da waren und sich fortan kümmerten, darum, dass die Kerle mich abzulenken versuchten mit allem, was ihnen einfiel. Lieder, Gedichte, irgendwelchen Erzählungen, das Gebet – ich denke, das war mitunter das, was mir am meisten geholfen hatte, einmal mehr. Dann klopfte es wieder, bimmelte? Ich weiß nicht mehr, nur, dass es plötzlich sehr voll war unten. Medren, Lu, Björn. Unerwartet die ersten beiden, nicht so der Thyre. Immerhin hatte ich in einem Anflug aus plötzlichem Einfall seine Taube noch losgeschickt gehabt.
Das Allerschlimmste in der ganzen Zeit, daran erinnere ich mich gut, war es unten zu warten. Die ganze Zeit über wünschte ich mir oben zu sein, irgendwas zu tun, irgendwie zu helfen, aber nichts davon war drin. Sie wollte mich oben nicht haben, die Kerle sorgten eisern dafür, dass ich auch unten blieb. Dann die Schreie, immer wieder – ich bin mir sicher sie hatte irgendwann sogar geschrien, dass sie mich hasst, oder so etwas.
Und die Angst! Die Angst, dass es nicht gut gehen könnte, die war erschlagend. Ich versuchte die ganze Zeit gerade an die nicht zu denken, sie am liebsten zu verdrängen, aber es gelang mir kein Stück. Jedes Mal, wenn das Schreien länger aufhörte, wurde sie so groß, dass ich bald nicht mehr wusste, was eigentlich schlimmer war. Ihren Schmerz zu hören, zu fühlen, oder .. nichts davon, die Stille also, der Moment in dem ich sicher war, dass sie irgendwann nichts mehr mitbekommen haben musste, vielleicht weggetreten war – obschon ich es nicht sicher wusste, immerhin war sie oben, ich unten und Decken sind nun einmal nicht durchsichtig.
Irgendwann ertönte ein anderes Schreien, ein sehr helles, quäkendes, das einige Erleichterung mitbrachte, mich im nächsten Augenblick aber schon wieder angespannt zur Treppe sehen ließ. Als hätte ich es gewusst, kam Hanna auch schon hinunter und bat mich hinauf. Da das Neugeborene gerade erst geschrien hatte, konnte ich mich gewiss darauf gefasst machen, dass es dort oben noch nicht wieder aufgeräumt und sauber war, aber das kümmerte mich nicht. Ich wartete nicht länger und lief hinauf, die übrigen Gäste für den Moment vergessend.
Dass irgendwas nicht stimmte, ahnte ich bereits, und als Majalin nicht reagierte, war ich auch schon bemüht, sie wach zu bekommen, zurückzuholen, irgendwie. Ein kurzes „Was“… dann war sie wieder fort. Einerlei, ich ließ sie in ihrer Erschöpfung dort wo sie war erst einmal, und ließ die anderen nacheinander nach oben, immerhin hatten sie lange genug mit mir gemeinsam gewartet. Was blieb auch anderes. Dazu kam, - ich war viel zu durcheinander sie heim zu schicken und zu bitten nochmal rumzukommen, zugegeben. Das wäre bestimmt besser gewesen, aber das fiel mir erst viel später auf – nämlich just in dem Moment jetzt, in dem ich darüber nachdenke.
Gewaschen hatte ich sie später, als ich allein mit ihr und unserem Funken war, ihn gewaschen, beide gut und warm angezogen, ihn bei ihr gebettet, das Zimmer aufgeräumt und richtig sauber gemacht, das Bett, irgendwann erschöpft neben ihr gelegen, da erst machte sie die Augen wieder auf, klang müde und erschöpft. „Gib ihn mir“, waren ihre ersten Worte. Ich war so müde mittlerweile, trotzdem blieb ich weiterhin wach, sah dabei zu, wie er das erste Mal trank, legte zum ersten Mal eine Windel an – und sie rutschte nicht hinunter!
Ja, und als beide wieder schliefen, machte ich mich noch daran das Schlafzimmer zu wischen, mitten in der Nacht, oder vielmehr kurz vorm Morgengrauen. Erst danach legte ich mich völlig erledigt hin, fühlte mich dem nahe, wie sie sich fühlen musste – nicht allein nur wegen des Aufräumens und dergleichen, sondern auch weil die Anspannung endlich abfiel. Wie erschlagen. Trotzdem war der Schlaf nur kurz, bis das erste Greinen erklang…
[img]http://www.souvraya.de/Alabilder/jerem.jpg[/img]
Die Erinnerungen von der vergangenen Nacht, dem vergangenen Abend, dem vergangenen Tag sind etwas durcheinander geraten. Wenn ich jetzt hier sitze, auf sie schaue und auf den Jungen, und versuche alles übereinander zu bringen, fällt es mir schwer.
Der natürlichen Logik nach begann es mit den Wehen irgendwann im Laufe des Tages. So gesehen war sie ganz schön schnell unterwegs gewesen – oder der Junge, wie man es denn nun sehen mochte. Von Anfang an wollte ich am liebsten gleich Hanna oder Cara wenigstens schon mal dazu holen, während Tayron sich bemühe mich am Boden zu halten, mich abzulenken und in normale Gespräche zu verwickeln. Majalin zog es vor das Bad aufzusuchen und ihre Zeit im Wasser zu verbringen, aber wo es vorher sonst geholfen hatte, machte es nun nicht den Eindruck auf mich, als täte es das auch jetzt.
Irgendwann kam sie auch wieder aus dem Wasser heraus, aufgeweicht und erschöpft. Gerade angekleidet, kam die Anweisung, dass jetzt Zeit wäre Hanna zu rufen. Ich hatte es im ersten Moment gar nicht begriffen, was sie meinte, trug sie aber schon einige Augenblicke später hinauf in das vorbereitete Bett. In aller Hektik dachte ich nicht mehr daran das rote Band zu nehmen, um den Spatz damit loszuschicken, sondern pfriemelte ihm gleich alle ans Bein irgendwie. Der Arme trudelte zu Anfang etwas, nahm dann aber tapfer den Weg auf sich, während Tayron zum Kloster lief, um Ardan zu holen.
Tatsächlich war der Spatz schneller, als ich erwartet hatte. Cara und Hanna schneiten alsbald hinein, noch ein gutes Stück vor Tayron und Ardan. Ich für meinen Teil war einfach nur froh, dass die jungen Heilerinnen da waren und sich fortan kümmerten, darum, dass die Kerle mich abzulenken versuchten mit allem, was ihnen einfiel. Lieder, Gedichte, irgendwelchen Erzählungen, das Gebet – ich denke, das war mitunter das, was mir am meisten geholfen hatte, einmal mehr. Dann klopfte es wieder, bimmelte? Ich weiß nicht mehr, nur, dass es plötzlich sehr voll war unten. Medren, Lu, Björn. Unerwartet die ersten beiden, nicht so der Thyre. Immerhin hatte ich in einem Anflug aus plötzlichem Einfall seine Taube noch losgeschickt gehabt.
Das Allerschlimmste in der ganzen Zeit, daran erinnere ich mich gut, war es unten zu warten. Die ganze Zeit über wünschte ich mir oben zu sein, irgendwas zu tun, irgendwie zu helfen, aber nichts davon war drin. Sie wollte mich oben nicht haben, die Kerle sorgten eisern dafür, dass ich auch unten blieb. Dann die Schreie, immer wieder – ich bin mir sicher sie hatte irgendwann sogar geschrien, dass sie mich hasst, oder so etwas.
Und die Angst! Die Angst, dass es nicht gut gehen könnte, die war erschlagend. Ich versuchte die ganze Zeit gerade an die nicht zu denken, sie am liebsten zu verdrängen, aber es gelang mir kein Stück. Jedes Mal, wenn das Schreien länger aufhörte, wurde sie so groß, dass ich bald nicht mehr wusste, was eigentlich schlimmer war. Ihren Schmerz zu hören, zu fühlen, oder .. nichts davon, die Stille also, der Moment in dem ich sicher war, dass sie irgendwann nichts mehr mitbekommen haben musste, vielleicht weggetreten war – obschon ich es nicht sicher wusste, immerhin war sie oben, ich unten und Decken sind nun einmal nicht durchsichtig.
Irgendwann ertönte ein anderes Schreien, ein sehr helles, quäkendes, das einige Erleichterung mitbrachte, mich im nächsten Augenblick aber schon wieder angespannt zur Treppe sehen ließ. Als hätte ich es gewusst, kam Hanna auch schon hinunter und bat mich hinauf. Da das Neugeborene gerade erst geschrien hatte, konnte ich mich gewiss darauf gefasst machen, dass es dort oben noch nicht wieder aufgeräumt und sauber war, aber das kümmerte mich nicht. Ich wartete nicht länger und lief hinauf, die übrigen Gäste für den Moment vergessend.
Dass irgendwas nicht stimmte, ahnte ich bereits, und als Majalin nicht reagierte, war ich auch schon bemüht, sie wach zu bekommen, zurückzuholen, irgendwie. Ein kurzes „Was“… dann war sie wieder fort. Einerlei, ich ließ sie in ihrer Erschöpfung dort wo sie war erst einmal, und ließ die anderen nacheinander nach oben, immerhin hatten sie lange genug mit mir gemeinsam gewartet. Was blieb auch anderes. Dazu kam, - ich war viel zu durcheinander sie heim zu schicken und zu bitten nochmal rumzukommen, zugegeben. Das wäre bestimmt besser gewesen, aber das fiel mir erst viel später auf – nämlich just in dem Moment jetzt, in dem ich darüber nachdenke.
Gewaschen hatte ich sie später, als ich allein mit ihr und unserem Funken war, ihn gewaschen, beide gut und warm angezogen, ihn bei ihr gebettet, das Zimmer aufgeräumt und richtig sauber gemacht, das Bett, irgendwann erschöpft neben ihr gelegen, da erst machte sie die Augen wieder auf, klang müde und erschöpft. „Gib ihn mir“, waren ihre ersten Worte. Ich war so müde mittlerweile, trotzdem blieb ich weiterhin wach, sah dabei zu, wie er das erste Mal trank, legte zum ersten Mal eine Windel an – und sie rutschte nicht hinunter!
Ja, und als beide wieder schliefen, machte ich mich noch daran das Schlafzimmer zu wischen, mitten in der Nacht, oder vielmehr kurz vorm Morgengrauen. Erst danach legte ich mich völlig erledigt hin, fühlte mich dem nahe, wie sie sich fühlen musste – nicht allein nur wegen des Aufräumens und dergleichen, sondern auch weil die Anspannung endlich abfiel. Wie erschlagen. Trotzdem war der Schlaf nur kurz, bis das erste Greinen erklang…
[img]http://www.souvraya.de/Alabilder/jerem.jpg[/img]
-
Hanna Radenbruck
Wunder der Geburt, Wunder des Lebens... ach, einfach wunderbar!
Menschenjunges, dies ist Dein Planet
Hier ist Dein Bestimmungsort, kleines Paket
Freundliches Bündel, willkommen herein
Möge das Leben hier gut zu Dir sein!
(Reynhard Mey)
Da liegst Du nun also endlich fertig in der Wiege
Du bist noch ganz frisch und neu, und ich schleiche verstohl'n
Zu Dir, und mit großer Selbstbeherrschung nur besiege
Ich die Neugierde, Dich da mal rauszuhol'n
Um Dich überhaupt erstmal genauer anzusehen
So begnüg' ich mich damit, an Deinem ersten Tag
Etwas verlegen vor Deiner Wiege rumzustehen
Und mir vorzustellen, was Dein Leben bringen mag...
(Reynhard Mey, Menschenjunges)
***
Erst jetzt, als das kleine Leben in Majalins Armen lag und Lucien mit einem unbeschreibbar zärtlichen Ausdruck langsam zu seiner kleinen Familie auf das Bett rückte, da war er vollkommen, der Moment. Da erst rückte sich alles ins rechte Bild und die Gedanken, der Geist, die Seele signalisierten Hanna wärmend und ruhig:
„Nun ist es richtig. Der Funken hat sich zum Lebenslicht gemausert. Kleine, intensive Flamme namens Jeremiah. Er ist angekommen – und du, du ebenso.“
Ja, es war ein feines „Willkommen in der Realität“ gemischt mit einem süßen „Du hast gerade einem wahren Wunder beigewohnt!“ Sicherlich, als Bauerntochter hatte sie am Weiler schon früh zugesehen, wenn die jungen Zicklein, Lämmchen, Kälber oder gar Fohlen geboren wurden. Sie hatte warmes Wasser, frische Leinentücher und dergleichen herangeschleppt und im Laufe der Jahre war ihr diese schöne, doch immer etwas prekäre Situation beinahe ins Blut übergegangen. Wozu denn Nervosität zeigen, wenn man alles schon mehrfach durchlebt hatte, wenn Handgriffe saßen und die rechten, beruhigenden Worte bekannt waren?
Wie aber hatte sie sich das nun alles hinsichtlich Jeremiahs Geburt vorgestellt?
Gar nicht, genau!
Natürlich hatte sie sich vorbereitet, wo sie sich auch nur vorbereiten konnte, hatte Bücher über den Beruf der Hebamme gewälzt und jeder Besuch bei ihrer wissenden Mume Grete endete in einer ausholenden Ausfragestunde. Doch sie hatte geahnt, achwas – gewusst, dass nichts und niemand sie auf die Stunden der Geburt wirklich vorbereiten konnte.
„Du musst unnachgiebig und vielleicht sogar hart sein, wenn es soweit ist...“, hatte ihre Mume gebrummelt, um kurz danach mit einem schwach erheiterten Grinsen zu erklären, „als es bei meiner Frieda zum ersten Mal soweit war, da wollte sie irgendwann nicht mehr und hat darauf vertraut, dass ich sie sanft zusäusel, doch bei meinem Gemecker und Gezeter war sie zuerst erstaunt, dann aber wütend und glaub mir, sie hat ihre Wut in Kraft verwandelt. Ohne Kraft und Wille ist eine Geburt für Mutter und Kind lebensgefährlich.“
Vielleicht hätte Hanna stellenweise über diesen Rat geschmunzelt, wäre da nicht der letzte Beisatz gewesen und dann das schwere, erschlagende Attribut: lebensgefährlich!
Nun sollte man meinen, dass sie doch genau um die Gefahren der Geburt wusste. Schließlich schafften auch nicht alle Kälblein den Sprung ins Leben und so manche Totgeburt überschattete die Lammzucht im Laufe ihrer Zeit am großen Weiler. Doch in diesem Fall ging es also um menschliches Leben und allen voran: um das ihrer geliebten Seelenschwester Majalin und deren Kindlein. Wie oft wünschte sie, Hanna Radenbruck, eigentlich ansonsten eine treue und nimmermüde Freundin, heimlich, dass sie die Zeit zurückdrehen und Majalins Bitte, sie als Hebamme auf diesem Weg zu begleiten, verneint hätte. Sie wusste zu wenig, selbst mit all der Fortbildung, mit all der Wissensschöpferei – denn dies war die erste Kindsgeburt, die sie miterleben sollte. Gefährlicher Kelch... ach, warum hatte sie ihr zugesagt. Cara war doch auch noch da und Cara würde doch sicherlich in ihrer Ruhe und Weisheit einfacher mit der Sache umzugehen wissen.
Doch gesagt war gesagt und somit war es plötzlich, als der kleine Vogel mit der Vielzahl diverser, bunter Bänder am Fuß (das vereinbarte Zeichen, dass Majalin in den Wehen lag und das Kind kommen wollte) vor dem Fenster saß, neben all den dumpfen Schrecken und der Panik, ein sehr sehr sehr tröstlicher Gedanke, dass Cara an ihrer Seite stehen würde.
Was hätte sie auch nur ohne die gute, liebe Cara gemacht? Irgendwann verzweifelt? Bestimmt!
Doch Caras Ruhe sprang über und während jene der vollkommen von Schmerz und Angst zerrissenen Majalin sanft zusprach, glommen langsam die Gespräche mit der Mume und die gelesenen Sätze in Hannas Geist auf. Ein wenig wie Glühwürmchen, nach welchen sie dankbar und hastig haschte.
Sie begann, reagierte, hörte sich sprechen und sah sich arbeiten. Eine andere, ihr selber fremde, gefestigte Hanna und sie selber, das verängstigte, unsichere Ding, machte einen großen Schritt zurück, schloss die Augen und ließ sich leiten.
Jetzt erst, Stunden später, öffneten sich die inneren Lider und gaben den Blick auf dieses Bild frei... traute, eng zusammengekuschelte Famile. Es war alles so... so... unbeschreiblich richtig, so wundersam, so unendlich schön, dass sie ihren Geist beinahe anflehte, er möge diese Erinnerung feste speichern, aufdass sie immer wieder, selbst in den trostlosesten Momenten das feine Bildnis hervorrufen könnte.
Als dies geschehen war, wollte sie sich abwenden und lächelnd glitt der Blick langsam an den dreien im Bett herab: Lucien – Majalin – Jeremiah. Die Füße des Neugeborenene, nun still und selig an seine Mutter geschmiegt, spitzten unter dem Tuch hervor und schmunzelnd entsann Hanna sich eines Spruchs, welchen sie vor vielen Jahren einst gehört hatte:
Winzige, zarte Füßchen,
gemacht für kleine, tappsende Schritte
- und doch hinterlassen sie jetzt schon unbeschreiblich große, wunderbare Spuren in unser aller Leben!
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Menschenjunges, dies ist Dein Planet
Hier ist Dein Bestimmungsort, kleines Paket
Freundliches Bündel, willkommen herein
Möge das Leben hier gut zu Dir sein!
(Reynhard Mey)
Da liegst Du nun also endlich fertig in der Wiege
Du bist noch ganz frisch und neu, und ich schleiche verstohl'n
Zu Dir, und mit großer Selbstbeherrschung nur besiege
Ich die Neugierde, Dich da mal rauszuhol'n
Um Dich überhaupt erstmal genauer anzusehen
So begnüg' ich mich damit, an Deinem ersten Tag
Etwas verlegen vor Deiner Wiege rumzustehen
Und mir vorzustellen, was Dein Leben bringen mag...
(Reynhard Mey, Menschenjunges)
***
Erst jetzt, als das kleine Leben in Majalins Armen lag und Lucien mit einem unbeschreibbar zärtlichen Ausdruck langsam zu seiner kleinen Familie auf das Bett rückte, da war er vollkommen, der Moment. Da erst rückte sich alles ins rechte Bild und die Gedanken, der Geist, die Seele signalisierten Hanna wärmend und ruhig:
„Nun ist es richtig. Der Funken hat sich zum Lebenslicht gemausert. Kleine, intensive Flamme namens Jeremiah. Er ist angekommen – und du, du ebenso.“
Ja, es war ein feines „Willkommen in der Realität“ gemischt mit einem süßen „Du hast gerade einem wahren Wunder beigewohnt!“ Sicherlich, als Bauerntochter hatte sie am Weiler schon früh zugesehen, wenn die jungen Zicklein, Lämmchen, Kälber oder gar Fohlen geboren wurden. Sie hatte warmes Wasser, frische Leinentücher und dergleichen herangeschleppt und im Laufe der Jahre war ihr diese schöne, doch immer etwas prekäre Situation beinahe ins Blut übergegangen. Wozu denn Nervosität zeigen, wenn man alles schon mehrfach durchlebt hatte, wenn Handgriffe saßen und die rechten, beruhigenden Worte bekannt waren?
Wie aber hatte sie sich das nun alles hinsichtlich Jeremiahs Geburt vorgestellt?
Gar nicht, genau!
Natürlich hatte sie sich vorbereitet, wo sie sich auch nur vorbereiten konnte, hatte Bücher über den Beruf der Hebamme gewälzt und jeder Besuch bei ihrer wissenden Mume Grete endete in einer ausholenden Ausfragestunde. Doch sie hatte geahnt, achwas – gewusst, dass nichts und niemand sie auf die Stunden der Geburt wirklich vorbereiten konnte.
„Du musst unnachgiebig und vielleicht sogar hart sein, wenn es soweit ist...“, hatte ihre Mume gebrummelt, um kurz danach mit einem schwach erheiterten Grinsen zu erklären, „als es bei meiner Frieda zum ersten Mal soweit war, da wollte sie irgendwann nicht mehr und hat darauf vertraut, dass ich sie sanft zusäusel, doch bei meinem Gemecker und Gezeter war sie zuerst erstaunt, dann aber wütend und glaub mir, sie hat ihre Wut in Kraft verwandelt. Ohne Kraft und Wille ist eine Geburt für Mutter und Kind lebensgefährlich.“
Vielleicht hätte Hanna stellenweise über diesen Rat geschmunzelt, wäre da nicht der letzte Beisatz gewesen und dann das schwere, erschlagende Attribut: lebensgefährlich!
Nun sollte man meinen, dass sie doch genau um die Gefahren der Geburt wusste. Schließlich schafften auch nicht alle Kälblein den Sprung ins Leben und so manche Totgeburt überschattete die Lammzucht im Laufe ihrer Zeit am großen Weiler. Doch in diesem Fall ging es also um menschliches Leben und allen voran: um das ihrer geliebten Seelenschwester Majalin und deren Kindlein. Wie oft wünschte sie, Hanna Radenbruck, eigentlich ansonsten eine treue und nimmermüde Freundin, heimlich, dass sie die Zeit zurückdrehen und Majalins Bitte, sie als Hebamme auf diesem Weg zu begleiten, verneint hätte. Sie wusste zu wenig, selbst mit all der Fortbildung, mit all der Wissensschöpferei – denn dies war die erste Kindsgeburt, die sie miterleben sollte. Gefährlicher Kelch... ach, warum hatte sie ihr zugesagt. Cara war doch auch noch da und Cara würde doch sicherlich in ihrer Ruhe und Weisheit einfacher mit der Sache umzugehen wissen.
Doch gesagt war gesagt und somit war es plötzlich, als der kleine Vogel mit der Vielzahl diverser, bunter Bänder am Fuß (das vereinbarte Zeichen, dass Majalin in den Wehen lag und das Kind kommen wollte) vor dem Fenster saß, neben all den dumpfen Schrecken und der Panik, ein sehr sehr sehr tröstlicher Gedanke, dass Cara an ihrer Seite stehen würde.
Was hätte sie auch nur ohne die gute, liebe Cara gemacht? Irgendwann verzweifelt? Bestimmt!
Doch Caras Ruhe sprang über und während jene der vollkommen von Schmerz und Angst zerrissenen Majalin sanft zusprach, glommen langsam die Gespräche mit der Mume und die gelesenen Sätze in Hannas Geist auf. Ein wenig wie Glühwürmchen, nach welchen sie dankbar und hastig haschte.
Sie begann, reagierte, hörte sich sprechen und sah sich arbeiten. Eine andere, ihr selber fremde, gefestigte Hanna und sie selber, das verängstigte, unsichere Ding, machte einen großen Schritt zurück, schloss die Augen und ließ sich leiten.
Jetzt erst, Stunden später, öffneten sich die inneren Lider und gaben den Blick auf dieses Bild frei... traute, eng zusammengekuschelte Famile. Es war alles so... so... unbeschreiblich richtig, so wundersam, so unendlich schön, dass sie ihren Geist beinahe anflehte, er möge diese Erinnerung feste speichern, aufdass sie immer wieder, selbst in den trostlosesten Momenten das feine Bildnis hervorrufen könnte.
Als dies geschehen war, wollte sie sich abwenden und lächelnd glitt der Blick langsam an den dreien im Bett herab: Lucien – Majalin – Jeremiah. Die Füße des Neugeborenene, nun still und selig an seine Mutter geschmiegt, spitzten unter dem Tuch hervor und schmunzelnd entsann Hanna sich eines Spruchs, welchen sie vor vielen Jahren einst gehört hatte:
Winzige, zarte Füßchen,
gemacht für kleine, tappsende Schritte
- und doch hinterlassen sie jetzt schon unbeschreiblich große, wunderbare Spuren in unser aller Leben!
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Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Mittwoch 29. Februar 2012, 18:26, insgesamt 1-mal geändert.
- Cara DelMur
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Man macht sich ja immer Gedanken, um eine Schwangere und gerade wenn es jemand betrifft der einem Nah steht. Da lag mir nun also dieser winzig kleine Kieselstein, genannt Sorge, im Magen und machte sich tagtäglich aufs Neue bemerkbar. Und umso weiter die Zeit voran rückte, umso schwerer wurde der Stein, bis er schliesslich die Ausmasse eines wahren Mühlensteines hatte, der drohte uns alle mit in die Tiefe zu reissen.
Einmal ganz von den wirren Gefühlsausbrüchen abgesehen, die wir gerne, wie einen plötzlichen unerwarteten Regenguss über uns niedergehen lassen, und der uns alle wie durchgewaschen und sprachlos zurücklässt, sie stehen einer Schwangeren unbestritten zu!, ging es Majalin zusehends schlechter. Dunkle Augenringe zeigten sich in ihrem hübschen, vertrauten Gesicht und sie nahm ab, bedenklich ab.
Einzig allein Hanna’s Worte, der Funke würde nicht mehr lange auf sich warten lassen und noch vor Ende des Eisbruchs geboren werden, stimmten mich ruhiger. Ich schwöre bei allen Göttern, dem Raben und knisternden Flammengeistern, keinen Tag länger hätte ich ihm mehr Zeit gelassen!
Umso grösser war die Erleichterung als endlich der rot bebändelte Spatz auftauchte. Rot?, nun ja, auf jeden Fall bebändelt. Hanna und ich trafen fast zeitgleich im Hause Mareaux ein. Wie soll ich die nächsten Stunden beschreiben? Kopflose Aufregung – gut das Hanna da war, eine tapfere Majalin - gut das Hanna da war, ein werdender Vater samt Patenonkel, die sich am Ende zu einem ganzen Rudel vermehrt hatten. Wir alle haben gewartet und gebangt, geschrien und gekämpft, am meisten natürlich Majalin, die uns dann noch einen gehörigen Schrecken eingejagt hat, bis der kleine Funke dann endlich ins Licht der Welt eingetaucht ist.
Jeremiah. Zehn Finger, zehn Zehen und der unwiderstehliche Duft eines Neugeborenen. Mit einem Kuss auf die Stirn begrüsse ich Dich. Willkommen in dieser Welt. Sie wird nicht immer gut zu Dir sein, aber du hast dir zwei besondere Eltern ausgesucht, somit sei Dir ein glücklicher Anfang beschieden. Und sei versichert, es werden Dir noch viele weitere Menschen und Wesen, deinen Weg begleitend, zur Seite stehen. Fühl dich behütet und geliebt, solange Du auf dieser Welt weilst und darüber hinaus.
Am Ende bleibt mir nur zu sagen. Ende gut, alles gut.
Und ich bin glücklich unsere „alte“ in sich verwurzelte Majalin wieder zu haben.
Einmal ganz von den wirren Gefühlsausbrüchen abgesehen, die wir gerne, wie einen plötzlichen unerwarteten Regenguss über uns niedergehen lassen, und der uns alle wie durchgewaschen und sprachlos zurücklässt, sie stehen einer Schwangeren unbestritten zu!, ging es Majalin zusehends schlechter. Dunkle Augenringe zeigten sich in ihrem hübschen, vertrauten Gesicht und sie nahm ab, bedenklich ab.
Einzig allein Hanna’s Worte, der Funke würde nicht mehr lange auf sich warten lassen und noch vor Ende des Eisbruchs geboren werden, stimmten mich ruhiger. Ich schwöre bei allen Göttern, dem Raben und knisternden Flammengeistern, keinen Tag länger hätte ich ihm mehr Zeit gelassen!
Umso grösser war die Erleichterung als endlich der rot bebändelte Spatz auftauchte. Rot?, nun ja, auf jeden Fall bebändelt. Hanna und ich trafen fast zeitgleich im Hause Mareaux ein. Wie soll ich die nächsten Stunden beschreiben? Kopflose Aufregung – gut das Hanna da war, eine tapfere Majalin - gut das Hanna da war, ein werdender Vater samt Patenonkel, die sich am Ende zu einem ganzen Rudel vermehrt hatten. Wir alle haben gewartet und gebangt, geschrien und gekämpft, am meisten natürlich Majalin, die uns dann noch einen gehörigen Schrecken eingejagt hat, bis der kleine Funke dann endlich ins Licht der Welt eingetaucht ist.
Jeremiah. Zehn Finger, zehn Zehen und der unwiderstehliche Duft eines Neugeborenen. Mit einem Kuss auf die Stirn begrüsse ich Dich. Willkommen in dieser Welt. Sie wird nicht immer gut zu Dir sein, aber du hast dir zwei besondere Eltern ausgesucht, somit sei Dir ein glücklicher Anfang beschieden. Und sei versichert, es werden Dir noch viele weitere Menschen und Wesen, deinen Weg begleitend, zur Seite stehen. Fühl dich behütet und geliebt, solange Du auf dieser Welt weilst und darüber hinaus.
Am Ende bleibt mir nur zu sagen. Ende gut, alles gut.
Und ich bin glücklich unsere „alte“ in sich verwurzelte Majalin wieder zu haben.
-
Majalin Mareaux
Das Band
„Hast dey Angst?“, fragte Lidwina im flüsternden Ton. Majalin presste die Lippen aufeinander. Sie hatte keine Worte, um die Angst zu beschreiben, die sie bereits seit langer Zeit umgriffen hielt. Hannas Tonfall war stets voller Sorge, wenn sie die junge Schwangere untersuchte, nicht einmal ihre Aussagen waren notwendig, um Majalin spüren zu lassen, dass ihr Zustand riskant wurde. Nicht zuletzt fühlte sie es selbst – die Schwangerschaft zehrte an ihr. Ihr körperlicher Widerstand schwand mit der Kraft, sie selbst verlor an Gewicht wie ihr Bauch an Umfang gewann. Mittlerweile strengte sie jede Bewegung an, sie mühte sich es zu verbergen mit eher mäßigem Erfolg. „Ja, ziemlich viel, ja. Hanna meinte… schon, mein Körper wäre nicht so… geeignet für die Schwangerschaft und dass die Geburt… bestimmt nicht einfach wird.“, brachte sie schließlich stockend hervor. Majalin nahm die Ruhe wahr, die von der Geistruferin der Thyren ausging und schloss unwillkürlich die Augen. „Mey werd’ dey nuad anlügen, es sey nuad eyn Spazyrgang. Aber kannst dey dey an Momente erynnern, an denen dey dachtest all deyne Kraft sey verbraucht?“, fragte Lidwina noch immer flüsternd und mit milder Sanftheit in der Stimme nach. Majalin nickte. Zumeist war es Lucien gewesen, der sie in der Vergangenheit gestützt und aufgerichtet hatte. Derzeit jedoch schienen sie sich gegenseitig die Kraft und Nerven nur noch zu rauben oder zumindest sie ihm. War sie wirklich so unausstehlich und unsäglich wie sie es oftmals in seiner Stimme zu lesen glaubte? – Weißt du, ich gebe alles für dich auf… Und du sagst mir, ich entferne mich von dir. Ich find’s ungeheuerlich, wirklich… ungeheuerlich! – Seine Worte echoten in diesem Augenblick durch ihre Gedanken, aber mehr noch das Eis in seiner Stimme. Majalin wand den Kopf etwas zur Seite, dorthin, wo Lucien etwas abseits von Lidwina und ihr am Weg stand. „Und erynnerst dey dey auch daran wye es sey, wenn trotz dyser Gedanken plötzley Kraft yn dey sey, dey dey nuad vermutet hast?“, fuhr Lidwina mit gedämpfter Stimme fort. – Das Einzige, wo ich mir nach wie vor sicher bin, bist du. – Majalin senkte die Lider ab, abermals nickte sie und fügte leise an: „Ich hab immer Hilfe bekommen.“ „Und so wyrd es auch seyn, wenn deyn Welpe kommt.“, beruhigend strich Lidwina ihr über den Unterarm, „Mey werd dey ney ermahnen keyne Angst zu haben, denn mey weyss, dat dat zuvyl verlangt wäre. Auch mey hatte Angst…“ Majalin strich sich einmal leicht über den Bauch und dachte für den Augenblick nicht an die Schwierigkeiten, Schmerzen und Probleme, die der Funke ihr bereitete, auch nicht an ihre Angst vor der Geburt. Sie dachte daran wie es sich anfühlte, wenn er sich in ihr regte, wie er ganz still und ruhig wurde, wenn sie ihm etwas vorsang oder summte, wie er sie manchmal in der Nacht weckte, um erst wieder Ruhe zu geben, wenn sie sich zusichernd über den Bauch strich. „Es sey der Wylle der Mächte, dey yhr auch Mutter nennt yn yhrer Gesamtheyt, dat dey eynen starken Welpen dat Leben schenkst und so werden sey auch bey dey seyn. Dey kannst darauf vertrauen, dat vyle Wesen, ob sychtbar oder nuad dey beystehen werden. Der Schmerz sey eyne Prüfung und eyne Versycherung, dat wey verstehen welchen Wert dat Wunder hat, dat wey an solchen Tagen erleben.“, flüsterte Lidwina mit liebevoller Stimme und Majalin erkannte die Wahrheit in ihren Worten. Sie erinnerte sich an die wenigen Geburten, denen sich bisher beigewohnt hatte. Bisher waren ihre Gedanken immer nur zu den Schmerzen, dem Schreien und der Furcht der Frauen gereist, aber nun gedachte sie plötzlich der heiligen Stille nach der Geburt. Die warme, stickige Luft noch erfüllt von dem süßlichen Geruch nach Blut und Schweiß, doch der Raum mit einem Mal durchströmt von gehobener Seligkeit. Alle Anwesenden konnten das unsichtbare Band spüren, welches Mutter und Kind vereinte, ein Band, das niemals irgendeine Macht der Welt zerstören könnte und sei sie auch noch so vernichtend. Nicht einmal der Tod vermochte es zu durchschneiden. Stärker als der Tod ist die Liebe.
„Lucien? Ich weiß, du willst nicht, dass ich das ausspreche… trotzdem… Was ist, wenn ich…“, Majalin hielt kurz inne. Sie wollte es selbst nicht sagen, aber es musste sein. „Was ist, wenn ich… sterbe?“ Sie spürte wie sich sein Körper in ihrem Rücken versteifte, nach einigen Augenblicken meinte er sehr entschieden: „Das wirst du nicht!“ Wie immer, wenn sie dieses Thema erwähnte, weigerte er sich eine andere Möglichkeit zu akzeptieren als die seine. Majalin schloss die Augen und flüsterte leise: „Das ist doch keine Frage des Wollens.“ Lucien zog sie etwas enger in die Arme und strich mit der Hand über ihren Bauch. Querköpfig schwieg er. Sie ließ ihm die Zeit, sie fühlte wie sein Widerstand es einfach von sich fortzuschieben schwand. „Und… was wolltest du auf die Frage von mir hören, hm? Ich werde mich um den Funken kümmern?“, fragte er schließlich sehr leise. Tränen stiegen ihr in die Augen, Lucien konnte es nicht sehen, aber er würde es trotzdem spüren. „Du würdest ihn nicht hassen, oder?“, flüsterte sie. „Nein. Wie könnte ich etwas hassen, das mich an dich erinnert?“, murmelte er kaum hörbar. Sie atmete vernehmlich durch. Die beiden sprachen noch einige Zeit gedämpft, nur untermalt von dem Knacken des nahen Feuers. „Ich werd’s nicht zulassen, weißt du.“ „Ich liebe dich. Und ich liebe dich dafür, dass du so stur sein kannst.“ Majalin konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, seine Stimme war trotzdem ernst, als er zögerlich erwiderte: „Ich will… nur nicht die Angst hören, die da rumlauert, ehrlich gesagt.“ – „Ich weiß.“
Majalin hatte es eigentlich schon seit dem Erwachen gespürt. In kürzer werdenden, regelmäßigen Abständen krampfte sich ihr Bauch zusammen, zunächst war es nur unangenehm, dann schmerzlich bis es sich zuletzt anfühlte als ramme ihr jemand einen glühenden Dolch in die Eingeweide. Zu Beginn schob sie es von sich, immerhin wollte sie nicht für einen unbegründeten Aufstand sorgen. Ihr Mann war schon angespannt genug und Tayron, der zukünftige Patenonkel des Kindes, der seit einigen Tagen bei den beiden wohnte, um sie zu unterstützen, vermochte es kaum seine eigene Unruhe zu überspielen.
Seit etwa zwei oder drei Stundenläufen dümpelte Majalin nun im lauwarmen Wasser herum. Bisher hatte es immer geholfen gegen ihre Schmerzen, aber diesmal nicht. Von draußen klangen die durch das Wasserrauschen gedämpften Stimmen von Lucien und Tayron herein. Nein, das Wasser würde nicht helfen dieses Mal, irrelevant wie lange sie darin blieb. Unendlich träge stieg sie aus dem Becken und wimmerte leise. Jede Bewegung fiel ihr schwer, als sie sich abtrocknete und sich bekleidete, alles schien so anstrengend… war so anstrengend. Sie hörte wie sich Luciens Schritte näherten, es klang sonderbar entrückt. Ein Stechen, das sich in ihrem Unterleib auszuweiten schien wie die Scherben eines auf dem Boden zerschellenden Bechers. In ihren Ohren rauschte und pulsierte es – so heftig war der Schmerz bisher noch nie gewesen. Sie glaubte sich aufschreien zu hören, das Geräusch wurde von dem Strömen ich ihren Ohren verschlungen. Nach einigen Augenblicken schwelte der Schmerz ab, nur ein dumpfes Dröhnen blieb in ihrem Kopf zurück. „… trag‘ dich rauf, ja? Ist vielleicht besser.“, vernahm sie die Stimme Luciens geschwängert von tiefer Sorge. Majalin ging lieber selbst, sie hoffte, die Bewegung würde helfen. Sie stütze sich auf die Anrichte, während die beiden Männer durch die Küche schwirrten, um ihr einen beruhigenden Tee aufzusetzen. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, Majalin hätte sich über die Aufregung der beiden amüsieren können. Eine erneute Schmerzenswelle zwang sie dazu auf die Knie zu sinken, sie keuchte. Das Rauschen kehrte in ihre Ohren zurück und ihr Körper schien in Flammen zu stehen. Es pulsierte, es hallte in ihrem Kopf und Körper, sie spürte etwas Warmes ihre Beine hinab rinnen. Augenblicklich schien sich ihr Hals zuzuschnüren, sie gedachte der unzähligen Male, in denen sie Lucien erklärt hatte, er müsse Hanna und Cara erst rufen, wenn ihr Fruchtwasser ausgelaufen sei. – Mey werd’ dey nuad anlügen, es sey nuad eyn Spazyrgang… Sie ist eine Kämpferin, aber kein Übermensch… Und die Geburt wird auch kein Zuckerschlecken… – „Hilf mir hoch, hilf mir hoch…“, raunte sie hektisch. Lucien griff ihr unter die Arme und zog sie auf die Füße. „Ruf sie.“, forderte Majalin ihn auf. Sein Blick glitt an ihr hinab und er erstarrte. Mehrere Herzschläge lang stand er vollkommen reglos da und stierte sie nur an. Dann hob er sie kurzerhand hoch und trug sie nach oben ins Bett.
Die Qualen raubten ihr den Verstand. Kein klarer Gedanke blieb mehr in ihrem Kopf, alles war Schwarz und Rot, die ganze Welt hatte sich auf diesen winzigen Punkt zusammengezogen, auf dieses schlagende, pulsierende Leid. Sie hörte sich selbst schreien, es klang schon heiser, kraftlos und es verwunderte sie. Sie wusste, ihre Schwestern waren nahe bei ihr, doch wenn sie sprachen, vernahm sie nur die Sanftheit oder Härte in ihren Stimmen. Sie wollte, dass es aufhörte, sofort! Aber es hörte nicht auf, es wurde nunmehr schlimmer. Mit einer erschreckenden Klarheit wurde ihr bewusst, dass sie hier wohl sterben würde. Sie spürte ihren Körper nicht mehr, sie war in einer Kugel aus Schmerz. Es zerrte an ihr, riss Stücke aus ihr, zerfetzte sie und biss sich in sie hinein. Plötzlich hörte sie wieder ein Schreien, doch es war nicht ihres, es war ein helles, flehendes Schreien. Es war der erste Schrei ihres Kindes.
Sie wollte zu ihm, wollte es in den Arm nehmen, aber sie konnte sich nicht rühren. Sie spürte es nicht bei sich, sie wusste nicht, wo es war, wusste nicht, wo sie selbst war. Der Schrei verklang wie ein Echo im Nebel.
„Mein kleiner Stern…“, vernahm sie eine vertraute Stimme, sanft und mild und voller Zuneigung. Obgleich sie diese Stimme lange Jahre nicht mehr gehört hatte, wusste sie mit Gewissheit, wem sie gehörte. „Du solltest nicht hier sein, du wirst woanders noch gebraucht. Dein Mann braucht dich, dein Sohn braucht dich und deine Schwestern.“ Majalin hatte das Gefühl im leeren Raum zu schweben, es roch nach feuchter Erde und nach Sanddorn. „Mama, wo bin ich hier?“, fragte sie verwundert, ihre eigene Stimme klang ihr fremd. „Am Scheideweg, mein Kind.“ Majalin spürte eine Hand auf ihrer Schulter. „Du hast die Wahl: Du kannst mit mir kommen oder umkehren.“ Majalin senkte die Lider ab, das alles schien ihr so richtig zu sein, hier zu sein, bei ihr. „Was ist, wenn ich mit dir gehe?“, flüsterte sie leise. „Dann wirst du vielen begegnen, die du verloren glaubtest. Du wirst befreit sein von Bürden, Frieden finden.“, antwortete ihre Mutter sanft und Majalin wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Fast war sie schon versucht ihr zu folgen, doch ein leises Klingen in ihrem Kopf hielt sie davon ab. „Was geschieht mit… Lucien, mit meinem Kind… was geschieht mit mir?“ – „Du wirst sterben, kleiner Stern. Was aus deinen Lieben wird, kann ich nicht sagen.“ Majalin schloss die Augen und zog die Brauen zusammen. „Dann kann ich nicht mit dir gehen, noch nicht. Ich habe es ihm versprochen.“ Sie hörte ein leises, helles Lachen, es klang warm und brachte Majalin zum Lächeln. „Du und deine Versprechen. Allein dein Wille ändert dein Schicksal.“ Kurz trat Stille ein, es war eine friedvolle und federartige Stille. Majalin spürte wie ihre Mutter dicht vor sie trat und für einen Moment konnte sie ihre Miene beinahe vor sich sehen, olivgrüne Augen, rostrote Haare, ein liebevolles Lächeln auf den Lippen. „Ich bin froh, dass du dich so entschieden hast, mein kleiner Stern. Leuchte noch viele Jahre, dann begegnen wir uns wieder.“, flüsterte sie leise. Die Stille wich einem Rauschen. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ Die Worte wurden leisen wie die Geräusche um sie her lauter wurden, trotzdem hörte sie noch deutlich wie ihre Mutter sagte: „Erzähl ihm viele Geschichten…“
„Maja, bitte, mach die Augen auf! Der Kleine ruft nach dir… wirklich. Hörst du mich?“, vernahm sie Luciens Stimme, flehend, besorgt, nein, voller Angst. Er bettete das kleine, sich regende Bündel an ihre Seite und endlich konnte sie die Augen aufschlagen. „Da bist du ja wieder.“, flüsterte er mit unfassbarer Erleichterung und gab ihr einen sanften Kuss. Sie zog den Knaben an sich – Jeremiah. Ihr Herz schien sich zusammenzukrampfen, aber nicht vor Leid, sondern vor überschäumender, unendlicher Freude. Sie war zu Hause.
„Hast dey Angst?“, fragte Lidwina im flüsternden Ton. Majalin presste die Lippen aufeinander. Sie hatte keine Worte, um die Angst zu beschreiben, die sie bereits seit langer Zeit umgriffen hielt. Hannas Tonfall war stets voller Sorge, wenn sie die junge Schwangere untersuchte, nicht einmal ihre Aussagen waren notwendig, um Majalin spüren zu lassen, dass ihr Zustand riskant wurde. Nicht zuletzt fühlte sie es selbst – die Schwangerschaft zehrte an ihr. Ihr körperlicher Widerstand schwand mit der Kraft, sie selbst verlor an Gewicht wie ihr Bauch an Umfang gewann. Mittlerweile strengte sie jede Bewegung an, sie mühte sich es zu verbergen mit eher mäßigem Erfolg. „Ja, ziemlich viel, ja. Hanna meinte… schon, mein Körper wäre nicht so… geeignet für die Schwangerschaft und dass die Geburt… bestimmt nicht einfach wird.“, brachte sie schließlich stockend hervor. Majalin nahm die Ruhe wahr, die von der Geistruferin der Thyren ausging und schloss unwillkürlich die Augen. „Mey werd’ dey nuad anlügen, es sey nuad eyn Spazyrgang. Aber kannst dey dey an Momente erynnern, an denen dey dachtest all deyne Kraft sey verbraucht?“, fragte Lidwina noch immer flüsternd und mit milder Sanftheit in der Stimme nach. Majalin nickte. Zumeist war es Lucien gewesen, der sie in der Vergangenheit gestützt und aufgerichtet hatte. Derzeit jedoch schienen sie sich gegenseitig die Kraft und Nerven nur noch zu rauben oder zumindest sie ihm. War sie wirklich so unausstehlich und unsäglich wie sie es oftmals in seiner Stimme zu lesen glaubte? – Weißt du, ich gebe alles für dich auf… Und du sagst mir, ich entferne mich von dir. Ich find’s ungeheuerlich, wirklich… ungeheuerlich! – Seine Worte echoten in diesem Augenblick durch ihre Gedanken, aber mehr noch das Eis in seiner Stimme. Majalin wand den Kopf etwas zur Seite, dorthin, wo Lucien etwas abseits von Lidwina und ihr am Weg stand. „Und erynnerst dey dey auch daran wye es sey, wenn trotz dyser Gedanken plötzley Kraft yn dey sey, dey dey nuad vermutet hast?“, fuhr Lidwina mit gedämpfter Stimme fort. – Das Einzige, wo ich mir nach wie vor sicher bin, bist du. – Majalin senkte die Lider ab, abermals nickte sie und fügte leise an: „Ich hab immer Hilfe bekommen.“ „Und so wyrd es auch seyn, wenn deyn Welpe kommt.“, beruhigend strich Lidwina ihr über den Unterarm, „Mey werd dey ney ermahnen keyne Angst zu haben, denn mey weyss, dat dat zuvyl verlangt wäre. Auch mey hatte Angst…“ Majalin strich sich einmal leicht über den Bauch und dachte für den Augenblick nicht an die Schwierigkeiten, Schmerzen und Probleme, die der Funke ihr bereitete, auch nicht an ihre Angst vor der Geburt. Sie dachte daran wie es sich anfühlte, wenn er sich in ihr regte, wie er ganz still und ruhig wurde, wenn sie ihm etwas vorsang oder summte, wie er sie manchmal in der Nacht weckte, um erst wieder Ruhe zu geben, wenn sie sich zusichernd über den Bauch strich. „Es sey der Wylle der Mächte, dey yhr auch Mutter nennt yn yhrer Gesamtheyt, dat dey eynen starken Welpen dat Leben schenkst und so werden sey auch bey dey seyn. Dey kannst darauf vertrauen, dat vyle Wesen, ob sychtbar oder nuad dey beystehen werden. Der Schmerz sey eyne Prüfung und eyne Versycherung, dat wey verstehen welchen Wert dat Wunder hat, dat wey an solchen Tagen erleben.“, flüsterte Lidwina mit liebevoller Stimme und Majalin erkannte die Wahrheit in ihren Worten. Sie erinnerte sich an die wenigen Geburten, denen sich bisher beigewohnt hatte. Bisher waren ihre Gedanken immer nur zu den Schmerzen, dem Schreien und der Furcht der Frauen gereist, aber nun gedachte sie plötzlich der heiligen Stille nach der Geburt. Die warme, stickige Luft noch erfüllt von dem süßlichen Geruch nach Blut und Schweiß, doch der Raum mit einem Mal durchströmt von gehobener Seligkeit. Alle Anwesenden konnten das unsichtbare Band spüren, welches Mutter und Kind vereinte, ein Band, das niemals irgendeine Macht der Welt zerstören könnte und sei sie auch noch so vernichtend. Nicht einmal der Tod vermochte es zu durchschneiden. Stärker als der Tod ist die Liebe.
„Lucien? Ich weiß, du willst nicht, dass ich das ausspreche… trotzdem… Was ist, wenn ich…“, Majalin hielt kurz inne. Sie wollte es selbst nicht sagen, aber es musste sein. „Was ist, wenn ich… sterbe?“ Sie spürte wie sich sein Körper in ihrem Rücken versteifte, nach einigen Augenblicken meinte er sehr entschieden: „Das wirst du nicht!“ Wie immer, wenn sie dieses Thema erwähnte, weigerte er sich eine andere Möglichkeit zu akzeptieren als die seine. Majalin schloss die Augen und flüsterte leise: „Das ist doch keine Frage des Wollens.“ Lucien zog sie etwas enger in die Arme und strich mit der Hand über ihren Bauch. Querköpfig schwieg er. Sie ließ ihm die Zeit, sie fühlte wie sein Widerstand es einfach von sich fortzuschieben schwand. „Und… was wolltest du auf die Frage von mir hören, hm? Ich werde mich um den Funken kümmern?“, fragte er schließlich sehr leise. Tränen stiegen ihr in die Augen, Lucien konnte es nicht sehen, aber er würde es trotzdem spüren. „Du würdest ihn nicht hassen, oder?“, flüsterte sie. „Nein. Wie könnte ich etwas hassen, das mich an dich erinnert?“, murmelte er kaum hörbar. Sie atmete vernehmlich durch. Die beiden sprachen noch einige Zeit gedämpft, nur untermalt von dem Knacken des nahen Feuers. „Ich werd’s nicht zulassen, weißt du.“ „Ich liebe dich. Und ich liebe dich dafür, dass du so stur sein kannst.“ Majalin konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, seine Stimme war trotzdem ernst, als er zögerlich erwiderte: „Ich will… nur nicht die Angst hören, die da rumlauert, ehrlich gesagt.“ – „Ich weiß.“
Majalin hatte es eigentlich schon seit dem Erwachen gespürt. In kürzer werdenden, regelmäßigen Abständen krampfte sich ihr Bauch zusammen, zunächst war es nur unangenehm, dann schmerzlich bis es sich zuletzt anfühlte als ramme ihr jemand einen glühenden Dolch in die Eingeweide. Zu Beginn schob sie es von sich, immerhin wollte sie nicht für einen unbegründeten Aufstand sorgen. Ihr Mann war schon angespannt genug und Tayron, der zukünftige Patenonkel des Kindes, der seit einigen Tagen bei den beiden wohnte, um sie zu unterstützen, vermochte es kaum seine eigene Unruhe zu überspielen.
Seit etwa zwei oder drei Stundenläufen dümpelte Majalin nun im lauwarmen Wasser herum. Bisher hatte es immer geholfen gegen ihre Schmerzen, aber diesmal nicht. Von draußen klangen die durch das Wasserrauschen gedämpften Stimmen von Lucien und Tayron herein. Nein, das Wasser würde nicht helfen dieses Mal, irrelevant wie lange sie darin blieb. Unendlich träge stieg sie aus dem Becken und wimmerte leise. Jede Bewegung fiel ihr schwer, als sie sich abtrocknete und sich bekleidete, alles schien so anstrengend… war so anstrengend. Sie hörte wie sich Luciens Schritte näherten, es klang sonderbar entrückt. Ein Stechen, das sich in ihrem Unterleib auszuweiten schien wie die Scherben eines auf dem Boden zerschellenden Bechers. In ihren Ohren rauschte und pulsierte es – so heftig war der Schmerz bisher noch nie gewesen. Sie glaubte sich aufschreien zu hören, das Geräusch wurde von dem Strömen ich ihren Ohren verschlungen. Nach einigen Augenblicken schwelte der Schmerz ab, nur ein dumpfes Dröhnen blieb in ihrem Kopf zurück. „… trag‘ dich rauf, ja? Ist vielleicht besser.“, vernahm sie die Stimme Luciens geschwängert von tiefer Sorge. Majalin ging lieber selbst, sie hoffte, die Bewegung würde helfen. Sie stütze sich auf die Anrichte, während die beiden Männer durch die Küche schwirrten, um ihr einen beruhigenden Tee aufzusetzen. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, Majalin hätte sich über die Aufregung der beiden amüsieren können. Eine erneute Schmerzenswelle zwang sie dazu auf die Knie zu sinken, sie keuchte. Das Rauschen kehrte in ihre Ohren zurück und ihr Körper schien in Flammen zu stehen. Es pulsierte, es hallte in ihrem Kopf und Körper, sie spürte etwas Warmes ihre Beine hinab rinnen. Augenblicklich schien sich ihr Hals zuzuschnüren, sie gedachte der unzähligen Male, in denen sie Lucien erklärt hatte, er müsse Hanna und Cara erst rufen, wenn ihr Fruchtwasser ausgelaufen sei. – Mey werd’ dey nuad anlügen, es sey nuad eyn Spazyrgang… Sie ist eine Kämpferin, aber kein Übermensch… Und die Geburt wird auch kein Zuckerschlecken… – „Hilf mir hoch, hilf mir hoch…“, raunte sie hektisch. Lucien griff ihr unter die Arme und zog sie auf die Füße. „Ruf sie.“, forderte Majalin ihn auf. Sein Blick glitt an ihr hinab und er erstarrte. Mehrere Herzschläge lang stand er vollkommen reglos da und stierte sie nur an. Dann hob er sie kurzerhand hoch und trug sie nach oben ins Bett.
Die Qualen raubten ihr den Verstand. Kein klarer Gedanke blieb mehr in ihrem Kopf, alles war Schwarz und Rot, die ganze Welt hatte sich auf diesen winzigen Punkt zusammengezogen, auf dieses schlagende, pulsierende Leid. Sie hörte sich selbst schreien, es klang schon heiser, kraftlos und es verwunderte sie. Sie wusste, ihre Schwestern waren nahe bei ihr, doch wenn sie sprachen, vernahm sie nur die Sanftheit oder Härte in ihren Stimmen. Sie wollte, dass es aufhörte, sofort! Aber es hörte nicht auf, es wurde nunmehr schlimmer. Mit einer erschreckenden Klarheit wurde ihr bewusst, dass sie hier wohl sterben würde. Sie spürte ihren Körper nicht mehr, sie war in einer Kugel aus Schmerz. Es zerrte an ihr, riss Stücke aus ihr, zerfetzte sie und biss sich in sie hinein. Plötzlich hörte sie wieder ein Schreien, doch es war nicht ihres, es war ein helles, flehendes Schreien. Es war der erste Schrei ihres Kindes.
Sie wollte zu ihm, wollte es in den Arm nehmen, aber sie konnte sich nicht rühren. Sie spürte es nicht bei sich, sie wusste nicht, wo es war, wusste nicht, wo sie selbst war. Der Schrei verklang wie ein Echo im Nebel.
„Mein kleiner Stern…“, vernahm sie eine vertraute Stimme, sanft und mild und voller Zuneigung. Obgleich sie diese Stimme lange Jahre nicht mehr gehört hatte, wusste sie mit Gewissheit, wem sie gehörte. „Du solltest nicht hier sein, du wirst woanders noch gebraucht. Dein Mann braucht dich, dein Sohn braucht dich und deine Schwestern.“ Majalin hatte das Gefühl im leeren Raum zu schweben, es roch nach feuchter Erde und nach Sanddorn. „Mama, wo bin ich hier?“, fragte sie verwundert, ihre eigene Stimme klang ihr fremd. „Am Scheideweg, mein Kind.“ Majalin spürte eine Hand auf ihrer Schulter. „Du hast die Wahl: Du kannst mit mir kommen oder umkehren.“ Majalin senkte die Lider ab, das alles schien ihr so richtig zu sein, hier zu sein, bei ihr. „Was ist, wenn ich mit dir gehe?“, flüsterte sie leise. „Dann wirst du vielen begegnen, die du verloren glaubtest. Du wirst befreit sein von Bürden, Frieden finden.“, antwortete ihre Mutter sanft und Majalin wusste, dass sie die Wahrheit sagte. Fast war sie schon versucht ihr zu folgen, doch ein leises Klingen in ihrem Kopf hielt sie davon ab. „Was geschieht mit… Lucien, mit meinem Kind… was geschieht mit mir?“ – „Du wirst sterben, kleiner Stern. Was aus deinen Lieben wird, kann ich nicht sagen.“ Majalin schloss die Augen und zog die Brauen zusammen. „Dann kann ich nicht mit dir gehen, noch nicht. Ich habe es ihm versprochen.“ Sie hörte ein leises, helles Lachen, es klang warm und brachte Majalin zum Lächeln. „Du und deine Versprechen. Allein dein Wille ändert dein Schicksal.“ Kurz trat Stille ein, es war eine friedvolle und federartige Stille. Majalin spürte wie ihre Mutter dicht vor sie trat und für einen Moment konnte sie ihre Miene beinahe vor sich sehen, olivgrüne Augen, rostrote Haare, ein liebevolles Lächeln auf den Lippen. „Ich bin froh, dass du dich so entschieden hast, mein kleiner Stern. Leuchte noch viele Jahre, dann begegnen wir uns wieder.“, flüsterte sie leise. Die Stille wich einem Rauschen. „Ich bin sehr stolz auf dich.“ Die Worte wurden leisen wie die Geräusche um sie her lauter wurden, trotzdem hörte sie noch deutlich wie ihre Mutter sagte: „Erzähl ihm viele Geschichten…“
„Maja, bitte, mach die Augen auf! Der Kleine ruft nach dir… wirklich. Hörst du mich?“, vernahm sie Luciens Stimme, flehend, besorgt, nein, voller Angst. Er bettete das kleine, sich regende Bündel an ihre Seite und endlich konnte sie die Augen aufschlagen. „Da bist du ja wieder.“, flüsterte er mit unfassbarer Erleichterung und gab ihr einen sanften Kuss. Sie zog den Knaben an sich – Jeremiah. Ihr Herz schien sich zusammenzukrampfen, aber nicht vor Leid, sondern vor überschäumender, unendlicher Freude. Sie war zu Hause.
- An diesem Morgen werde ich lächeln, wenn ich Deine Stimme höre.
An diesem Mittag werde ich Dich wiegen, wenn Du weinst.
An diesem Nachmittag werde ich Dir eine Geschichte darüber erzählen, wie Du geboren
wurdest und wie sehr ich Dich liebe.
An diesem Abend werde ich Dir über den Schopf streichen, während Du ruhst, und
einfach dankbar sein für das größte Geschenk, das mir die Götter machen konnten.
Und wenn ich Dir einen Gute-Nacht-Kuss gebe, dann werde ich Dich ein bisschen fester halten,
ein bisschen länger.
Und dann werde ich den Mächten danken und sie um nichts bitten.
Außer einen weiteren Tag…