Vom richtigen Holz

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Teya Lewi
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Vom richtigen Holz

Beitrag von Teya Lewi »

Vom richtigen Holz

Endlich angekommen!
Mit einem tiefen Gefühl der Zufriedenheit blickte sich Teya in ihrer Höhle um, mit der rechten Hand dabei über das weiche Fell des Pumas streichend der neben ihr auf den Fellen lag, eine Tatze ausgestreckt ihr Bein berührend.

Das Wagnis den alten Wald zu verlassen hatte sich gelohnt. Nicht nur weil sie hier ein sicheres Versteck für den nahenden Winter gefunden hatte, sondern weil sie sich tatsächlich begann heimisch zu fühlen. Das lag nicht zuletzt an den Leuten von denen sie mittlerweile anfing einige ins Herz zu schließen, was sie selbst mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis nahm. Ganze vierzehn Jahre davor hatte sie weitgehend alleine gelebt, nur umgeben von den Tieren die bisweilen ihre Nähe zu suchen schienen. Ihrem Gefühl nach hätte sie gut und gerne den Rest ihres Lebens ohne dauerhafte Kontakte zu anderen Zweibeinern verbringen können. Aber nun schien sich abzuzeichnen, dass es wohl doch anders kommen würde. Lächelnd betrachtete sie kurz die große Katze zu ihrer rechten, deren tiefes, murmelndes schnurren ein wohliges Gefühl erzeugte.

Während sie dann entspannt ihren Blick weiter durch die Höhle schweifen lässt, bleibt ihre Aufmerksamkeit an einem Holzbrett haften, welches ihr gegenüber an die Wand gelehnt steht.
Ein starkes Eichenbrett, gut zwei Schritt lang und zwei Spann breit. Auf dem Brett ist ein vielleicht drei Finger starker, etwas über eineinhalb Schritt langer Zypressenast festgebunden. Daneben stehen noch drei weitere solcher Konstruktionen, aber die mit dem roten Holz darauf sticht deutlich heraus. Wenn man sich die Vorrichtung genauer betrachtet sieht man, dass der Ast an drei Stellen festgebunden ist. Einmal genau in der Mitte und dann jeweils eine handbreit von den Enden entfernt. Zwischen den Schnürungen sind armdicke Aststücke unterlegt, die das Holz der Zypresse in eine doppelte S-Form zwingen.

Schon vor einiger Zeit hatte sie Holz geschlagen und schon damals war klar, als sie den Ast in Händen hielt, dass es einen hervorragenden Rohling für den Bogenbau ergeben würde. Entsprechend sorgfältig hatte Teya gleich die Holzwunden an den Enden mit Wachs versiegelt. Die darauf folgenden Tage wurde das Holz von ihr täglich mit Nelkenöl gesalbt und seither duftete es in der Höhle recht intensiv nach Feuernelken und, was das eigentlich wichtige daran war, dass das Holz getränkt durch das Öl nun geschmeidig und gegen Witterungseinflüsse geschützt war.

Tja und nun wartete der Rohling schon seit einigen Tagen darauf fertig gestellt zu werden, aber Teya hatte das bisher vor sich her geschoben. Immer wieder zwar schaute sie das Brett an, aber irgendetwas hatte ihrem Gefühl nach bisher immer gefehlt. Das würde ein besonderer Bogen werden, dessen war sie sich bewusst. Ein besonderes Zeichen ihres Standes, ihrer Berufung und sie wollte dass er perfekt für sie wird.
Und just in dem Moment wie sie da sitzt, mit einer Hand das Fell der Katze streichelnd erhellt sich ihre Mine und sie steht abrupt auf.

An ihrem Schreibtisch zieht sie sogleich ein Pergament hervor und beginnt zu zeichnen. Zunächst einen kleinen Falken mit ausgebreiteten Schwingen und kleinen Linien hinter den Flügeln die das Gefühl vermitteln er sause gerade schnell durch die Lüfte. So schnell wie die Pfeile die er bald verschießen wird geht es Teya durch den Kopf und sie lächelt zufrieden. Danach skizziert sie den Körper eines Bären. Ein schneller Pfeil braucht eine weise Hand die ihn lenkt denkt sie bei sich, als sie den Bären auf allen vier schweren Pranken stehend malt. Ihm zur Seite stellt sie den Wolf. Weisheit ohne Hingabe und Liebe führt bisweilen zu falschen Schlüssen. Sie wiegt mit dem Kopf, während sie mit ruhige Hand den Stift führt und den Wolf, sitzend mit erhobenem Haupt zeichnet, wie sein Ruf an die Klugheit und den Schutz der Seinen appelliert.
Den beiden gegenüber stellt sie den Hirsch als Symbol der Fähigkeit in sich zu hören und daraus unabhängige Entscheidungen zu treffen und zu guter Letzt den Puma als Zeichen der Anmut und der Kraft konzentrierter Energie.
So viele Tiere gäbe es noch, doch für ihren Bogen ist damit genug getan, schließt sie.

In Überlegungen versunken, wie sie denn nun die Motive auf das Holz übertragen könnte ohne seine Struktur allzu sehr zu beschädigen, zeichnet Teya Bäume um die Tiere herum. Nach Abwägen der Möglichkeiten zieht sie zwei Dolche mit schmalen Klingen aus einer Schublade und geht mit ihnen in die Küche wo sie sie an den Rand der Feuerstelle legt, so das sich deren Spitzen nahe der Glut befinden.

Während die Klingen erhitzen schneidet sie den Rohling vom Brett und betrachtet zufrieden das geschwungene Holz mit den sich verjüngenden und etwas abgeflachten Enden. Er würde sich gut spannen lassen und die Pfeile kraftvoll verschießen, folgert sie während ihre Finger über das Holz gleiten und nach Unebenheiten tasten bevor sie, offenbar zufrieden mit der Prüfung, beginnt einen schmalen Lederstreifen um die Mitte des angehenden Bogens zu schlingen an der Stelle wo er später würde gehalten werden.

Danach zieht sie sich einen Hocker an die Feuerstelle und beginnt den Bogen mit Tierbildern zu verzieren, indem sie sie mit der heißen Spitze der Dolche in das Holz brennt. Viele Stunden braucht Teya bis das rote Holz fast vollständig mit feinen schwarzen Linien überzogen ist. Wenn man den Bogen von der Nähe betrachtet sieht man dass vom Griff weg jeweils ein Baum gezeichnet ist, dessen Stamm in dem Lederband des Griffes mündet. Den Bogenrücken und einen beträchtlichen Teil der Wurfarme zieren die Tierbilder und die Enden des Bogens zeigen ein Blätterwerk als Motiv.

Spät in der Nacht ist es, als Teya die letzte Line in das Holz brennt und dann erschöpft den Dolch weglegt. Ja, das ist ihr Bogen denkt sie zufrieden als sie zu den Fellen geht und kaum liegend in tiefen Schlaf sinkt.
Teya Lewi
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Beitrag von Teya Lewi »

Von der richtigen Rinde

Schweißgebadet schreckte sie mitten in der Nacht hoch. Nach Luft japsend, die Hände an den Hals gelegt. Es dauert eine Zeit, ehe sie sich langsam wieder beruhigt. Immer noch schwer atmend greift sie zur Zunderdose um dann einige Kerzen zu entzünden. Die Höhle wird in dämmeriges Licht getaucht und auch aus Richtung der Feuerstelle glimmt noch ein schwacher Lichtschein. Sich mehr und mehr beruhigend greift Teya nach dem Wasserkrug der noch vom letzten Abend auf dem Boden steht und nimmt einen tiefen Schluck. Kühl rinnt das Wasser ihre Kehle hinab und sie schließt für einen Moment die Augen.

Der Traum war schon fast vergessen über die Jahre, aber jetzt träumte sie ihn wieder häufiger. Sie war überzeugt, dass das an den Städtern lag und der Unruhe von der sie sich nun öfter wieder getrieben fühlte.
Sie träumt immer die gleiche Abfolge: Zunächst sieht sie ihren Vater am Fenster bei der Arbeit sitzen mit zwei Lederstücken zwischen den Knien und einer Aale in der Hand. Sie blickt aus der Perspektive eines Kindes welches auf dem Boden sitzt und zu ihm voller Bewunderung aufsieht. Die Wärme des Herdfeuers spürend und den leisen Gesang ihrer Mutter im Ohr, die sich um sie und ihren Vater kümmert.
Dann ihren Vater wie er sie, mittlerweile schon eine junge Frau Anfang zwanzig, mit fiebrigen Augen anblickt zu schwach um zu leben und noch zu stark um zu sterben.
Im Bild darauf wird sein Sarg in die Erde hinab gelassen und tiefe Traurigkeit ergreift ihr Herz wie sie neben ihrer Mutter steht, die Ansprache des Priesters über sich ergehen lässt und die vielen frisch aufgeschütteten Gräber betrachtet.
Danach sieht sie sich selbst wie sie langsam ins Wasser geht in ihrem weißen Kleid, mit Blumenschmuck im Haar. Weiter geht und immer weiter bis man nichts mehr sieht außer leichten Wellen die von der Stelle ausgehen an der ihr Kopf eben verschwand.
Und dann wacht sie immer auf, schweißgebadet und nach Luft ringend.

Das war ihr Leben bevor sie beschloss in den Wald zu gehen, weit weg von dem ganzen Ärger den die Zweibeiner damals veranstaltet hatten. Nur der Teil mit dem Freitod im Wasser stimmte so nicht, sondern war nur eine Vermutung ihre Mutter betreffend.
Sie Verschwand einige Wochen nach der Beerdigung und war, trotz intensivsten Bemühungen, nicht mehr aufzufinden.
Im Lauf der darauf folgenden Jahre hatte Teya sich ausgemalt, dass sie damals wohl ins Wasser gegangen sei musste um wieder in die Arme ihres Mannes zu gelangen.
Nach zwei Jahren voller Albträume in ihrem Elternhaus verließ sie es um dem alten Leben endgültig den Rücken zu kehren.

Und tatsächlich nach einigen Monaten im Wald verschwanden die quälenden Gedanken und Träume immer mehr.
Mit jedem Jahr wurden die Wellen der wechselnden Gefühle flacher und vereinigten sich schließlich in einem lebendigen, sanft wogenden Meer innerer Stille und Zufriedenheit.

Tja und nun waren sie plötzlich wieder da die Gedanken und Albträume und sie begannen sie zu peinigen wie früher. Du musst dir ein dickeres Fell zulegen ging es ihr mit jedem Tag mehr durch den Kopf. Das Bild von Tieren mit schützendem Winterfell brannte sich förmlich in ihr Bewusstsein ein.
Es war eine sorgfältig abgewogene Entscheidung gewesen dem weltfremden Leben nach fast vierzehn Jahren loszusagen und zumindest wieder in die Nähe der Zivilisation zu ziehen.
Sie bereute die Entscheidung dazu auch keinen Moment lang ... nur brauchte sie eben wieder ein dickeres Fell.

Von diesem Gedanken getrieben und mehr aus einem spontanen Impuls heraus steht sie nun da, mitten in der Nacht, und kramt in der großen beschlagenen Truhe aus der der weiche Duft von Leder strömt, sobald sie den Deckel angehoben hat.
Ein um die andere Lage Leder zieht sie heraus, eins unterschiedlicher wie das andere. Offensichtlich stammen sie von den verschiedensten Kreaturen. Nebeneinander legt sie sie, bis fast der ganze Höhlenboden damit ausgelegt ist.

So wie sie es schon von ihrem Vater gelernt hat beginnt sie aus einem schon ramponierten Leder Schablonen zu schneiden, indem sie sie zunächst mit einem Kohlestift aufzeichnet und dann mit Hilfe eines scharfen Dolchs und einer Schere heraus trennt. Teil um Teil fügt sie dann mit einigen losen Schlingen grob aneinander und schlüpft hinein. So also könnte ihr dickes Fell aussehen geht ihr durch den Kopf und sie muss lachen. An ihr hängt eine wilde Anzahl einzelner Teile lose zusammengehefteter löchriger Schnittmuster. Aber die Größe passt und nach einer letzten Überprüfung an sich zieht sie die Sehnen mit denen sie die Teile provisorisch geheftet hatte wieder heraus.

Teil um Teil überträgt Teya die Muster danach auf die edlen Felle, sorgsam darauf bedacht keinen fingerbreit von dem kostbaren Material zu verschwenden. Es dauert einige Zeit bis sie ein gutes Dutzend einzelner, sorgfältig geschnittener Rüstungseinzelteile in Händen hält.
Wie schon damals ihr Vater sitzt sie dann, zwei aneinander gedrückte Lederteile zwischen die Knie gespannt und sticht mit der Aale kleine Löcher vor, ehe sie zu dem gewachsten Garn greift. An jedem Ende des Garns fädelt sie eine Nadel ein und beginnt dann zu nähen.

Es vergehen Stunden der ruhigen und besinnlichen Arbeit für Teya. Noch einmal gehen ihr die Erlebnisse der letzten Jahrzehnte durch den Kopf, dann die Erkenntnisse der letzten Monde. Ruhig verrichten die Hände ihr Werk, während ihr Geist durch die Zeit reist. Das Wichtigste in ihrem Leben war über einen langen Zeitraum ihre Begleiterin Hrima gewesen. Ihr würde sie die Rüstung widmen und sie mit Stolz und Dankbarkeit tragen. Der Gedanke an die Pumadame die sie so lange begleitet hatte erfüllte sie noch immer mit einer Woge der Zuneigung. Ja das war eine gute Idee und je länger sie darüber nachdachte desto richtiger erschien ihr die Entscheidung.
So wie Hrima sie oft mit ihrer Nähe gewärmt hatte, wenn sie nachts zu ihren Füssen schlief, würde die Rüstung nun ihr Fell werden gegen die Kälte, wie auch immer sie geartet sein würde.
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