Langsam schlenderte Sie die Treppen hinab. Ein sachtes Atemzug, liess den Frost in ihrem Hauche die Luft zerschneiden. Es wurde Kälter, doch umgab Sie in letzter Zeit soviel davon, versuchend, die Wärme, die sich in ihrem vermeintlich leblosen Körper ausgebreitet hat, zu durchdringen.
Vorsichtig ging Sie an seinem Alchemietisch vorbei, schob mit einer Hand den Vorhang zur Seite, die andere Hand ruhte auf ihrem Bauch.
Sie seufzte, blickte zum Wasser, dessen Oberfläche leichte Wellen schlug, dann zum Bett und setzte sich auf dessen rauf.
Sie öffnete ihren Zopf, das Haar glitt langsam zur Seite und bedeckte Schultern und Gesicht, den Kopf gesenkt.
Soviele Jahre des Mordens und Foltern. Soviele Generationen mit einem Wimpernschlag ausgelöscht. Mag es Reue sein, die Sie spürte, mag es Hass für ihr Leben sein, das Sie nun antrieb. Nicht die Welt war verdammt, nicht die Törrichtigkeit des Menschens, nein, Sie war es. Sie hasste das, was Sie wurde und das sehnen nach dem, was Sie sein wollte.
Sie verzerrte sich an den Gedanken, sich die Haut vom Leibe zu reissen und es mit einem Schritt zu beenden. Auszubluten wie ein Schaf bei einer Opfergabe. Die Kehle durchtrennt, der Atem röchelnd und langsamer werdend, bis das verkrüppelte etwas in ihrer Brust ein letztes mal schlug, die Augen geweitet, die Mundwinkel leicht angezogen und das Gefühl von Freiheit auf dem Körper zu spüren.
Doch es wäre wieder nur einmal der einfache Weg gewesen. Die Art und Weise, die Anveena so oft bestritten hat.
Ja, es wäre ein leichtes, jedem anderen die Schuld zu geben. Zu sagen, es ginge nicht anders, der Mensch hat sich seinen Teufel geschaffen und mit seinen Taten geformt. Doch am Ende, so glaubte Sie, haben Sie ja einen eigenen Willen und was einen nicht tötet, macht ihn nur härter.
Sie starb schon vor langer Zeit, als kleines Mädchen. Verliess den rechten Weg und wählte das Seelenlose treiben unter der wärme der vielen, glücklichen, lachenden Wesen und ihren Familien.
Und erst ER liess Sie erkennen, dass Sie doch eigentlich tot war.
Welch Ironie der Götter, welch falsches Schauspiel musste Sie sich erdulden lassen, liess man Sie fallen, um ihr aufzuhelfen, damit man Sie wieder in den Schlamm schmiss.
Wie sollte Sie das neugewonnene Leben leben, wenn es auf Lug und Trug basierte?
Wie könne Sie Glück finden mit der Erkenntnis, es wird zugrunde gehen.
Sie riss immer die Menschen mit sich, die ihr zu nahe kam. Ein wandelnder Fluch auf 2 Beinen.
Keiner konnte sich dessen widersetzen, die Hoffnung, die man sich eintrichterte, versiebte mit dem letzten Funken lebender Existenz in ihrem Bewusstsein. Und nun, began der Schritt der völligen Zerstörung. Der Unterjochung jener, die in die Sonne starten und sich nicht von dieser abwendeten. Und Sie war ein entscheidender Teil davon.
Wie könne Sie sich auf diese Seite stellen, wenn auf der anderen die Augen ihren Blick trafen, voller Hass und Enttäuschung von jenen Manne, den Sie liebte.
Dieser Verrat, ist unverzeihlich, selbst wenn der Weg aus ihrer Sicht nie der falsche war.
Und dennoch verlor Sie...nicht nur ihre Arroganz und Berechenbarkeit, nein, auch verlor Sie das Wesen, das Sie kontrollierte. Das Wesen, was ihr Macht und Schönheit schenkte. Abgestossen, wie ein Parasit, der sich durch ihre Innereien frass und sich an ihrer Habgier und ihrem Kontrollzwang nährte.
Aufschreiend bei der Erkenntnis, dass der Wirt nicht tot sei....noch nicht.
Doch der Tot ereilt jeden, egal was man tun will, egal, wie man sich dagegen stellt, selbst für die Diener des Rabengottes ist der Tot die Stelle, an welcher Sie Seite an Seite mit allen anderen stehen. Egal, ob es Freund oder Feind ist.
Wohin Sie dieser führt, ist die andere Sache.
Sie seufzte abermals.
Wie könne Sie glücklich sein und eine Familie gründen? Gar ein Kind gebähren, wenn der Schatten des Rabens über Sie lauerte?
Würde Sie sich gegen ihn stellen, würde ER Sie holen für den Verrat...und alles um Sie herum mitreissen.
Doch würde Sie ihm weiter folgen, verrät Sie die einzige Person, die ihr wichtig ist. Jener Mann, der Sie zum lächeln brachte, der Sie verlegen machte, der Sie lieben lehrte und hingabe für etwas.
Jemand, der immer das Gute in allem und jeden Wesen sehen konnte, der sein Leben unter das jedes anderen stellte, der sogar nicht einmal einer Schnecke Leid antun würde. Das genaue Gegenteil von ihr, dessen Handwink ganze Dörfer unbewohnbar machten und Leichen hoch wie Berge stapeln liess.
Es wird ihn brechen, die Wahrheit. Es wird ihm Hass lehren und das Verlangen nach Tode reichen. Doch er wird es fokusieren, auf Sie...und Sie gehen lassen, zu dem Feind mit erhobenen Händen, wartend auf ihr Schicksal.
Es war der einzige Weg, der Freitot...wohin der Tot Sie führen mag, weiß Sie nicht. Doch zu wissen, es wird etwas sein, wo er nie hinkommen kann, ein Ort, der mit Qualen für ihr Versagen bestückt ist und ihn frei gibt...frei von ihrem Bann...und der stetigen Gefahr, lässt Sie ein weiteres mal aufatmen.
Lieber Sie...als Er....
Das erste mal, dass Anveena in ihrem Leben verantwortung übernimmt...
Das erste mal...
Das Sie das Leben eines anderen über ihres stellt.
...
Und auch das letzte mal.