Aus den Pranken in die Freiheit - Memoiren des Raphael V.

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Raphael Veyfall

Aus den Pranken in die Freiheit - Memoiren des Raphael V.

Beitrag von Raphael Veyfall »

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Zwänge.
Wenn es etwas gibt, das mich zum kotzen bringt, dann sind es Zwänge jeder Art. Das fängt im Grunde bereits damit an, essen zu müssen. Damit habe ich mich über die Jahre allerdings abgefunden, ebenso wie mit den unzähligen anderen Zwängen, die die Körperlichkeit so mit sich bringt. Natürlich habe ich die Alternative, einfach in's Gras zu beissen, auch schon mehrfach durchdacht, aber letztendlich entschieden, mir damit Zeit zu lassen, bis der richtige Moment gekommen ist. Etwa mit einer prallen Brünetten über mir oder während eines kleinen Bades in einem Saal voll Gold - letzteres könnte noch eine ganze Weile dauern, während ersteres bisher nur zu den üblichen kleinen Toden geführt hatte, nach denen man ein paar Stunden später wieder unbeschwert und um ein paar Münzen leichter erwacht.
Wie dem auch sei - all dies sind die Dinge, die ich bereits in Kauf zu nehmen gelernt habe.
Der Grund, weshalb ich nun hier am Strand sitze und den Möwen beim Krächzen zuhöre, ist ein wesentlich Schwerwiegenderer.
Obwohl ich nun gute vier Wochen Schifffahrt hinter mir habe, klingen mir seine Worte noch immer in den Ohren, als säusele er sie mir just in diesem Augenblick direkt ins Gehör.
Waschlappen. Bastard. Missratenes Findelkind.
Natürlich höre ich mir dieses Geschwätz schon an, seit ich zum ersten Mal die Augen aufgetan habe, aber um sicher zu gehen, diesen Zustand nicht bis zu meinem Ableben so beizubehalten, war mir vor vier Wochen der Kragen geplatzt - ein Schutzmechanismus meines gebeutelten Geistes vielleicht - und ich habe die nächstbeste Schifffahrkarte gekauft und mich auf den Weg nach nirgendwo eingeschleust.
"Nirgendwo" entpuppte sich letztendlich als Inselkontinent mit Namen Gerimor, aber es hätte auch jeder andere Ort sein können.
Wichtig war mir nur, den keifenden Alten, dessen versoffene Stimme zuweilen die schrille Tonlage eines alten Weibes anzunehmen vermochte, samt seinem schwachsinnigen Glauben hinter mir zu lassen.
Alatar. Ja, was auch immer. Stärke, stark sein, mächtig sein - mein Arsch!
Ich weiß nicht, ob der Rebell schon immer in mir geschlummert hat oder ob meines Erzeugers Drill mich erst dazu gemacht hat, ich weiß nur, dass mich nichts auf der Welt derartig abschreckt wie vermaledeite Glaubenskriege.
Das Hautbild in Form eines Panthers, welches der Bastard mir bereits im jungen Knabenalter auf die Brust hat stechen lassen, ist dabei zugegebenermaßen nicht gerade hilfreich. Dafür habe ich jedoch alles menschenmögliche getan, um von diesem Anblick abzulenken...
Silberne Ringe in den Ohren, den Augenbrauen, der Unterlippe, sogar den Brustwarzen, aufwändige Malereien auf dem ganzen Oberkörper, den Armen...bei allen Höllen, was hatte der Alte getobt, und allein das war es mir mehr als wert gewesen.
Es gab nun einmal solche und solche Menschen - während mein Erzeuger den ganzen Tag an der Flasche oder aber vor dem Altar hing, um seinen Panther anzubeten, verbrachte ich den Tag lieber in warmen Betten an warme, weibliche Körper geschmiegt oder schmiedete Pläne, um den Knacker mal wieder in Rage zu bringen und damit mein persönliches bisschen Protest ihm gegenüber auszusprechen.
Aber nun - was soll's, der erste Schritt in die Freiheit ist getan, und in diesem Moment, im weichen Sand auf der Insel - wie war noch gleich der Name? La Cabeza? - fühle ich mich den Möwen zugehöriger denn je.
Laut sein, frei sein, und wenn einem etwas nicht passt: ein weißer, wohlgezielter Strahl in's Wasser oder auf den Kopf eines nichtsahnenden Passanten.
Jetzt fängt mein Leben an.
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