Vom Vergessen und notwendigen Neuanfängen

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Sheza Caleanis

Vom Vergessen und notwendigen Neuanfängen

Beitrag von Sheza Caleanis »

Eine ganze Weile lang saß sie einfach nur da und starrte auf das halbbeschriebene Pergament, über welchem geduldig die Spitze ihres Federhalters kreiste.
Ihr Zimmer hatte sie bereits am Nachmittag leer geräumt, das Bett gemacht, die Pflanze auf dem Kleiderschrank gegossen und den kleinen Kerzenständer auf dem Nachttisch neu bestückt. Nun saß sie an der Tafel im Hauptsaal der Wasserfeste und plante ihre weiteren Schritte.
Der letzte Abend war es, der sie dazu bewogen hatte, aufzugeben, was sie gerade erst begonnen hatte. Tereus' Lehren, seine Ratschläge, seine Art zu denken und zu handeln.
Zweifelsohne war er ein Mann, der zu seinem eigenen Vorteil lebte und dem keine Schritte zu weit gingen, um seine Ziele zu erreichen.
Strebsam, mächtig, widerlich. Sie wusste, dass sie nun, da sie sich abwandte, den schwereren Weg gehen würde.
Seinen eigenen Begierden, Wünschen und Zielen mit aller Macht und ohne Rücksicht auf Verluste nachzukommen war leicht - sie zu zügeln und zu kontrollieren hingegen erforderte äusserste Disziplin. Augenscheinlich besaß er diese nicht oder wollte sie auch gar nicht besitzen. Ihr hingegen schwebte anderes vor.
Er sie eines Tages, wenn sie mächtig genug war, zu seinem Vorteil nutzen?
Hatte sie zu Beginn versucht, diesen Gedanken willkommen zu heißen mit einer möglichen Aussicht darauf, das Spiel letzten Endes zu wenden, so ließ sie ihn nun angewidert fallen.
Nein, niemand würde sie mehr zu seinem Vorteil nutzen.
Und ebenso erwehrte sie sich dem aufkeimenden Wunsch nach Rache, nach einer Wendung der Situation - sie verabscheute Spiele.
Sie war geneigt gewesen, seine Ansichten anzunehmen, zu überdenken, möglicherweise gar als die ihren zu akzeptieren. Denn in der Situation, in welcher sie sich befand, war anderes Denken und Handeln als das nach dem Recht des Stärkeren gar nicht möglich.
Aus diesem Grund entschied sie sich für einen gänzlich anderen Weg.
Es würde sie Zeit kosten, möglicherweise, doch letzten Endes sah sie ihr Ziel darin, dem entgegenzustreben, was man ihr zu raten versucht hatte, und sowohl Tereus als auch Rilas Avaryn den Rücken kehren.
Keinerlei Ränkespiele mehr - zumindest aus dieser Richtung.
Zwar beschäftigte sie für einen Moment die Frage, was wäre, wenn Rilas auf den Pakt, und war er auch nur durch das Wort beschlossen, bestehen und sie suchen würde, doch schnell musste sie sich eingestehen, dass er dafür wohl nur wenig Grund hatte.
Spielzeuge lagen herum wie Sand am Meer, was machte der Verlust von einem?
Er hatte sie in keine Geheimnisse eingeweiht und auch sonst besaß sie nichts, womit sie ihm am Ende einen Strick drehen konnte.
So wog sie sich in dieser Hinsicht in Sicherheit und ließ die Feder das Pergament füllen, legte jenes gut sichtbar zusammen mit dem Hausschlüssel auf den Tisch und verließ das Anwesen.
Ihr nächster Weg würde sie auf die Insel La Cabeza führen...
Sheza Caleanis

Beitrag von Sheza Caleanis »

Sie unterdrückte einen Schmerzenslaut, als sie den Arm in die erhitzte Schüssel tauchte und die vernähte Wunde ein weiteres Mal zu säubern begann.
Fleischfetzen schwammen in dem heißen Wasser, lösten sich unter gnadenlosem Schrubben vom Rand des tiefen, unsauberen Schnittes, der sich vom Ansatz ihres Oberarmes bis hinab zu ihrer Armbeuge erstreckte und von festen Fäden zusammen gehalten wurde. Sheza biss die Zähne aufeinander.
Dieser verfluchte Morgen....
Diese verfluchte Axt!
Diese verfluchte Idee, in düsterer Finsternis zu angeln!
Im Grunde geschah es ihr recht.
Vermutlich hätte sie laufen sollen, als sie die dunkle, vermummte Gestalt erblickt hatte.
Verfluchte Neugierde.
Verfluchte Körperstarre...
Das hatte sie nun davon.
Das, und die Gedanken, die sie seither quälten.
Die Worte des dunklen Elfen erklangen wieder und wieder in ihrem Kopf.
"Am liebsten würde ich Dich nach Rahal schleppen....doch ich vertraue darauf, dass Du selbst den Weg zum Tempel finden wirst."

Nein, den Gefallen würde sie ihm nicht tun.
Er hatte sich ihr Blut genommen, das musste reichen.
Standhaftigkeit.
Weder Tereus noch Tar´lyrrn oder irgendein anderer sollte ihren Hass bekommen.
In wenigen Stunden hatte sie ihren Prüfungstermin mit der Praeceptor Apex wahrzunehmen...
Der Gedanke daran ließ sie das Geschehene für einen Moment vergessen, ebenso wie der an Adrienne und Garrett.
Sie hatte die beiden kurz nach der...interessanten Konfrontation mit Tar'lyrrn getroffen.
Solch ehrliche Besorgnis hatte sie wirklich nicht erwartet...
Garrett hatte ihre Wunde desinfiziert und mit einer Nähnadel vernäht, während Adrienne sie auf dem Weg zur Handwerkszunft stützte.
Diese beiden Personen standen nun definitiv in ihrem Buch der fantastischen Leute.

Und da standen wirklich noch nicht viele Namen drin...
Zuletzt geändert von Sheza Caleanis am Dienstag 2. August 2011, 00:58, insgesamt 1-mal geändert.
Sheza Caleanis

Beitrag von Sheza Caleanis »

Scheinbar hatte es irgendjemand oder irgendetwas auf ihren Arm abgesehen...
Blickte sie vor wenigen Tagen noch zuversichtlich einer sauberen Heilung der Axtwunde entgegen, so wurde sie gleich am nächsten Tag davon überzeugt, dass es bei einer feinen Narbe nicht bleiben würde.
Weiß der Kuckuck warum, doch an jenem Abend, als sie mit Adrienne nichtsahnend an den Klostermauern über die Nützlichkeit von Efeu philosophiert hatte, griff sie aus dem Nichts ein Monster von einem Panther an.
Adrienne hatte sie weggestoßen und dafür die Krallen der Raubkatze gespürt - auch sie würde wohl nicht ohne ein paar Narben alt werden...
Kurz darauf hatte das Mistvieh sich in ihrem Arm verbissen und Garretts liebevolle Bemühungen einer möglichst feinen Naht zunichte gemacht.
Es ging alles unglaublich schnell; noch bevor der Panther von ihrem Arm ablassen und sich als nächstes Ziel wohlmöglich ihre Kehle hatte erwählen können, waren die Praeceptor Apex de Feruin und Fräulein Weilnau aufgetaucht, um sie und Adrienne aus der mehr als misslichen Lage zu retten. Leider nahm das Vieh ein beachtliches Stück aus ihrem Arm mit, als Alindra es erschlug und fortschleuderte.
Sie hatte es wohl dem puren Schock zu verdanken, dass sie vor Schmerzen nicht wortwörtlich ins Gras beissen musste...
Die Edle Dame de Feruin beeilte sich, den offenen Arm mit einer Flüssigkeit zu behandeln und dann zu verbinden, während Fräulein Weilnau sich um Adriennes Bauchwunde kümmerte.
Dann wurde es der Kuriositäten langsam zuviel, als ein Rabe sich in einen Mann verwandelte, ein Dämon beschworen wurde und schließlich auch noch wie durch einen Zufall Tereus Ferrini auftauchte.
Sheza hatte bereits abgeschaltet - manche Dinge brauchte man einfach nicht zu verstehen - und war Fräulein Weilnau und Adrienne in die Heilerstube in Adoran gefolgt...
Nur ein leiser Gedanke meldete sich immer wieder: Hoffentlich verstand der Heiler sein Handwerk und konnte ihren Arm halbwegs ansehnlich wieder zusammenflicken...
Sheza Caleanis

Beitrag von Sheza Caleanis »

Nachdenklich ließ sie den Blick durch das Zimmer schweifen.
Die letzten Möbelstücke hatten Platz gefunden, und irgendwie schien der Raum ihr noch immer zu leer.
Im großen und ganzen war es ein schönes Zimmer - sauber, die Wände ordentlich verputzt, der Fußboden knarrte nicht und war frei von Macken oder Flecken. Nur ein paar Kleinigkeiten schienen schlicht und ergreifend noch zu fehlen. Vielleicht ein paar Pflanzen, Bilder...all der Schnickschnack, der zwar niemandem auffällt, wenn er einen Raum betritt, doch der insgeheim einfach zur Wohnlichkeit beiträgt.
Sheza ließ sich auf einen der bepolsterten Stühle sinken und seufzte.
Erst gerade eben hatte sie, Temora weiß wie, zwei Regale, einen Nachttisch, eine Eisentruhe, mehrere Holzkisten und einen beachtlichen Stapel Kleider aus Berchgard in die Herberge zu Adoran geschleppt und war mit den Kräften am Ende.
Dennoch fühlte sie sich merkwürdig zufrieden.
Zwar hatte sie um ein Haar zuvor den Termin mit der Gräfin von Dornwald verpasst und war zu spät eingetroffen, doch offenbar handelte es sich bei der Adligen um eine nachsichtige Dame, die eine zweite Chance keineswegs verwehrte. Das Gespräch hatte sie zunächst nervös gemacht, wie immer, wenn sie mit einer Bitte vor höhergestellte Personen treten musste, doch letztendlich war es durchaus zufriedenstellend verlaufen und nun war sie offiziell eine Bürgerin Adorans.
Alles, was nun noch fehlte, war der Beginn ihrer ersten Unterrichtsstunden...
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