Meine besten Grüße,
ich schreibe Euch in Sachen des letzten Zwischenfalls, der sich aus dem verpassten Gespräch mit der Tetrarchin des Rahaler Tempels ergeben hat. Wie mittlerweile bekannt geworden sein dürfte, führte dieses dazu, dass mehrere Reisende auf offener Straße gefoltert wurden. Vermutlich kann man sich trotzdem glücklich schätzen, dass das Treffen nicht zustande gekommen ist. Der Umstand, dass ein halbes Dutzend blutrünstiger Letharen zu diesem Anlass erschienen ist, lässt nicht unbedingt auf friedliche Absichten schließen [wer jemals geglaubt hat, man könne Gespräche mit Letharen führen, sollte damit eines Besseren belehrt worden sein].
Was sich mittlerweile nicht mehr verkennen lässt ist, dass sich Bajard in einer sehr prekären Lage befindet. Wir stehen zwischen zwei großen Fraktionen: Rahal und Düstersee unter der Herrschaft des Panthergottes Alatar auf der einen Seite; Adoran und Berchgard als weitestgehend säkulare Lehen des Königreiches auf der anderen Seite. Im Königreich gelten Bajarder als bauernhaft, einfältig, feige, häretisch, lebensunwert, schmutzig, undankbar, ungehobelt, verachtenswert, kurzum als eine Art niederes, vom rechten Weg abgekommenes Menschenvolk [eine Art Menekaner ohne Pomp und Salz]. Rahal teilt im Großen und Ganzen die Ansichten des Königreichs. Beide Fraktionen befinden sich offiziell im Krieg. Aus ihren gemeinsamen Ansichten ergibt sich bezüglich Bajard eine stillschweigende Übereinkunft, die etwa Folgendes einschließt: dass jede Gewalttat, sei es Raub, Folter oder Mord, gegenüber Bajard und gegenüber sich in Bajard aufhaltenden Reisenden gebilligt wird, sofern keiner Partei daraus ein dauerhafter Machtgewinn erwächst. Die Übereinkunft birgt für beide Parteien Vorteile: Für Rahal gibt Bajard eine passende Spielwiese ab, auf der ihre Streiter überschüssige Kräfte loswerden können. Adoran hingegen kann sie dabei von ihren Zinnen aus im Blick behalten, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben. Durch den Rückzug des Reiches hinter die Gebirgskette hat sich im Götterkrieg damit eine gefährliche Pattsituation ergeben, die vor allem zu Lasten Bajards geht. Die für beide Parteien – langfristig – akzeptabelste Auflösung der Pattsituation liegt in einer etwaigen Zerstörung Bajards, die anschließend wieder zum gewohnteren Verlauf des Götterkrieges zurückführt. Die ursprünglichen Prämissen unserer Neutralität sind damit weitestgehend aufgehoben.
Auf Grundlage dieser Problematik sollten wir baldmöglichst Gespräche über den zukünftigen politischen Kurs Bajards führen. Anders als einige der jüngeren Bürger bin ich nicht der Ansicht, dass ein loses Mundwerk und ein wenig Schwertgefuchtel langfristig ausreichen werden, um die Sache wieder in den Griff zu bekommen.