Irgendwo auf dem Lande, der weiten Ebene zwischen den verfeindeten Reichen, zwischen schwarz und weiß, zwischen gut und böse, saß ein Mann auf einem Weidenzaun.
Er schien die Schafe nicht zu hören, die hinter ihm ihrem Nachmittagsgeschäft nachgingen, mal blökend und dann wieder friedlich die besten Kräuter aus Grasbüscheln heraussuchend. Er hatte kein Gehör für ihre Rufe und keinen Blick für ihr Herumtollen. Stattdessen galt seine Aufmerksamkeit ganz und gar den Feldern, die etwas weiter im Tal vor ihm lagen. Diese lagen teilweise noch brach oder wurden gerade erst bestellt, nun da er kühle Hauch des ersten Frühlingsmonats da war. Seine Augen aber vermissten den Anblick von goldenem Korn, dass sich im lauen Spätsommerwind wog, seine Ohren vermissten das Schwatzen und Lachen der Knechte am Feierabend, das Tändeln der Mägde und sein Herz vermisste eine Vergangenheit, die ihn nun einzuholen schien.
+
„Geh nun und wag' bloß nicht noch einmal einen Fuß über diese Schwelle zu setzen. Geh und komm nicht mehr zurück. Du bist kein Teil dieser Familie mehr, du bist nicht mehr mein Sohn!“
Selbst heute noch schnitten die Worte unsichtbare Wunden in seine Brust. Wunden, die man nicht sehen konnte, die tief verletzten, nie recht zu bluten aufhören wollten und doch den Tod nicht holten, um genau zu sein den Körper nicht einmal verletzten. Doch waren sie da und blieben. Da half es nicht viel, dass seine Mutter die Sätze nur brüchig und wimmernd hervorwürgte, dass sie blind vor Tränen dennoch versuchte ihn anzusehen, ehe sie weinend in die Knie brach und die Hände vors Gesicht schlug. Er war das schwarze Schaf der Familie und als solches verbannt.
„Du hast... du hast WAS getan? Nicht einmal von dir hätte ich das geglaubt. Nein, nein. Diesmal kann ich dir nicht helfen. Sie hat Recht. Es ist besser, wenn du auf eigenen Füßen stehst und deinen Weg, Eluive gib, wieder findest. Weit fort von hier, weit entfernt von deinen Geschwistern, deinen Vettern und Basen. Es ist sicherer für dich und für uns.“
„Ich war nicht Herr meiner Sinne, hörst du? Ich war im Rausch, wurde gezwungen. Ja, ich hab mich mit den falschen Leuten eingelassen aber das bin nicht ich, helft mir, da wieder rauszufinden. Bitte, ihr habt mir doch sonst immer beigestanden. Ihr seid alles was ich noch habe, mein Onkel und meine Tante. Ich brauche euch!“, hatte er rufen wollen, doch riss diese Antwort auf sein beginnendes Flehen die letzte Mauer Hoffnung wie Katapult-Volltreffer ein und zum ersten Mal begriff er ganz, was er getan hatte. Er hatte Grauen in eine kleine, einfache Familie gebracht. Schrecken, den ihre einfachen Gemüter nicht kannten und welcher ein Stück ihrer heilen Welt wuchtig zerschmetterte. Er war das schwarze Schaf der Familie und als solches brachte er Leid.
„Nein, nein, nein. Nein! Bitte sieh mich nicht so an. Sie lügen, hörst du, sie erzählen grässliche Lügen. Dreh dich nicht um, bleib stehen. Verdammt, ich hab gesagt du sollst stehen bleiben! Geh nicht, nein!“
Erbärmlich. Er hätte ihr wenigstens nachrennen sollen, sie so lange festhalten, bis er ihr die Wahrheit ins Gesicht geschrien hatte, bis sie wenigsten seinen Teil der Geschichte gehört hatte aber stattdessen blieb er wie angewurzelt stehen und starrte der stolpernden, hastenden Gestalt nach. Bisher hatte sie ihm stets vertraut, hatte selbst als Kleinkind schon vertrauensvoll die pummelige Hand in seine gelegt und mit strahlenden Augen zu ihm aufgesehen. Nun spiegelten sich Misstrauen und Angst in diesen und beides schmerzte mehr als die vorangegangenen Worte. Das sollte es also gewesen sein? Sein Abschied? Der letzte Kontakt zu jenen, die sein ganzes Leben lang bisher Familie gewesen waren? Erbärmlich! Doch er kannte die Antwort. Er war das schwarze Schaf der Familie und selbst diese Existenz hatte er nun verloren.
+
„Wenn ihr mir nicht bald euren Namen sagt, hungriger Kerl, dann nenne ich Euch einfach Wolf, nach dem Appetit, wenn Ihr versteht.“
Er hatte damals rauh gelacht und geantwortet, dass er doch einen rechten Namen habe. Erst als die erneute Frage nach diesem aufkam, fiel ihm wieder ein, dass er die Person nicht mehr war. Er stockte, stammelte und warf die erstbesten Namen zusammen, die ihm auf der Zunge langen.
„Thayrel...“ - der kleine Sohn des wandernden Scherenschleifers, der zu den Höfen kam.
„Lakuun“ - eine verwitterte Beschriftung eines uralten Hausmittelchens seiner Mutter.
„Marvane“ - der Name eines Burschen, der seine Liebste nie mehr in den Armen halten konnte.
Und so wurde er unspektakulär neu geboren, ausgespuckt um weiter zu ziehen, in der Hoffnung den Weg zu finden und vor allem: um zu vergessen.
Dumm nur, wenn das Leben dann wieder nicht so mitspielt, wie es soll und so gewaltige Steine, dass man sie schon Felsen nennen muss, einem erneut in den Weg rollen.
Er konnte seinen Augen leider trauen, auch wenn er zwei Tage nun schon versucht hatte, sich vom Gegenteil zu überzeugen. Er hatte nicht nur die eine, sondern auch den zweiten Teil gesehen. Beide in Bajard und es war ihm ein glückliches Rätsel, wie sie ihn nicht erkennen konnten. Sicher, er hatte sich sehr verändert, doch irgendwie hatte er das Gefühl, als würde sein Vergehen einem Leuchtfeuer gleich über seinem Haupt stehen und jeden auf den schlechten Menschen, der er war, aufmerksam machen. Doch nein, sie hatten ihn nicht erkannt und die eine hatte ihm sogar noch freundlich einen guten Abend gewünscht. Einen guten Abend! Warum hatten sie nicht wegbleiben können? Wieso holte ihn nun alles wieder ein? Er war doch jetzt ein Wolf, kein Schaf, welche Farbe auch immer, mehr. Er musste weiterziehen, sie und die aufkeimenden Erinnerungen hinter sich lassen.
Ächzend hob er den Kopf und ließ zu, dass das Auge wieder die Felder absuchte.
Da, zwei Knechte, die schnaufend den Pflug bedienten. Dort, eine Magd, welche hinterher lief und die erste Saat in den kalten Boden schob. Dort sollte sie keimen, in der Wärme der Erde aufgehen und ihren Weg zurück ins Licht finden.
Er musste kurz krächzend auflachen, als ihm das Sinnbild klarer wurde und er kurz Tränen in den Augen, als er wusste, wie sehr er die Wärme und das Licht vermisste. Ebenso sehr wie die geschützte Vergangenheit. Eigentlich hatte er sich hierher zurück gezogen, um über das Angebot des Handelsfräuleins und ihrem Bund nachzudenken, nur um seit Stunden doch wieder gedanklich nur bei einer Frage zu verweilen:
In welche Richtung sollte er nun gehen?
Es gab, für ihn zumindest, nur zwei Antworten:
Nach vorne, alles hinter sich lassend und wieder flüchtend, auf ein Neues.
Oder zurück, suchend, spürend, nach... ja, nach was?
Er war ein Wolf nun, doch er trug den schwarzen Schafspelz noch immer – oder andersrum?
Schwarzes Schaf im Wolfspelz
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Thayrel Marvane
Schwarzes Schaf im Wolfspelz
Zuletzt geändert von Thayrel Marvane am Freitag 18. März 2011, 22:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Thayrel Marvane
Es ist eine Sache sich langsam umzudrehen und die ersten wackeligen Schritte zu wagen, wenn man doch weiß, dass nicht gerade eitel Sonnenschein am Ende des Weges lauert, doch ist es eine ganz andere Angelegenheit nach diesen ersten Schritten gleich in ein schmerzlich tiefes Loch zu fallen.
Im Nachhinein wusste er, dass es die sanfte, süße Melodie war, welche aus dem offenen Fenster der Hütte an sein Ohr drang, die Füße verharren ließ. Einfach, doch eingängig, die Stimme jung doch so warm. Ehe er recht verstand, was er da tat, stand er schon vor dem kleinen Gartentor und berührte das Messingglöckchen daran. Ein heller, durchdringender Ton kündigte den späten Zaungast an, als der Klöppel da gegen den Glockenmantel schlug und für zwei, drei Momente spürte er den Drang auf den Hacken kehrt zu machen und so rasch wie möglich zu verschwinden. Er widerstand ihm.
Der Blick wanderte zum schmucklosen Holzschild neben der Haustüre: eine Schneiderstube also, nun damit ließ sich zumindest etwas anfangen und im schlimmsten Fall konnte man ihn nur dafür belangen, dass er zu so später Stunde den oder die Schneiderin noch aus dem Bett geklingelt hatte.
Wie staunte er aber, als sich das tapfere Schneiderin als ein junges, liebreizendes Mädchen entpuppte, welches ihm noch im Rahmen der Türe stehend ein derartig offenes, freundliches Lächeln schenkte, dass er sogleich wusste wer das zärtliche Wiegenlied gesungen hatte. Murmelnd brachte er seine Ausrede hervor, bat um einen Termin zur Anprobe diverser Kleidungsstücke, nur um erneut zu staunen, denn noch ehe er seinen Namen nennen konnte, hatte ihm das vertrauensselige Fräulein die Türe geöffnet. Ihm. Einem Unbekannten. Einem Mann, der mitten in der Nacht vor Gartentüren lungerte. Ein Teil seiner Selbst wollte die junge Frau am liebsten sofort wegen diesem unglaublichen Leichtsinn schütteln, doch die andere Hälfte freute sich über das herzliche Willkommen, dass sie ihm bereitete.
Warum sollte es ihn denn auch nur etwas angehen, wenn dieses unbekannte Mädchen so unbedacht und blauäugig durch das Leben ging?
→ Weil du solch ein Vertrauen kennst, weil du es jahrelang genossen hast, es liebst und dich noch heute danach verzehrst!
Er hörte sie seinen Namen nennen, erfuhr ihren: Karawyn, ein Wort nur, doch melodiös. Ein freundlicher, guter Name, der auf einen ähnlich wohlgeratenen Menschen hoffen ließ. All seine Hoffnungen bezüglich der jungen Schneidermeisterin wurden nicht enttäuscht. Man bat ihm Speis und Trank an, richtete komfortable Sitzkissen her, um die müden Beine ruhen zu lassen und obgleich ihrer Kunstfertigkeit verlangte sie für die schönen Kleider, die er wählte, einen derartig lachhaften Preis, dass er zuerst mutmaßte, dass sie ihn wahlweise aufs Korn nehmen wollte oder der Rechnerei nicht ganz mächtig war.
„Diese Stücke waren für einen Herren, in etwa so groß wie Ihr und obwohl er sie in Auftrag gab, holte er sie nie ab. Ich wäre doch nun eh nur darauf sitzengeblieben.“
Zwar hatte er schon bessere Ausflüchte gehört, doch freute er sich insgeheim über die Geschenke der jungen, schönen Frau.
→ Ganz so wie früher, nicht wahr? Held der Mädchenherzen, du bist verflucht tief gefallen! Meinst du sie denken heute noch an dich?
Als sie die Ware sortierte und zusammenlegte, blubberte die Ungewissheit in ihm hoch, wie in einem Kochkessel und die Frage nach Bauernhöfen schwappte über seine Lippen. Wenn er nicht auf das ganz falsche Pferd gesetzt hatte, dann lag der Verdachte nahe, dass zumindest die eine seiner geisterhaften Erscheinungen aus der Vergangenheit, auf einem Hof gut hätte arbeiten können. Die innere Spannung verkrampfte seine Schultern und schnürte ihm sowohl Kehle als auch Herz ein, als die Schneiderin tatsächlich von einem weiteren Hof, etwas entfernt von Bajard, zu berichten wusste. Erst als sie den Namen der Bäuerin nannte, fiel der schartige Stein von seinem Herzen, denn er sagte ihm nichts. Lächelnd und erleichtert lauschte er ihren nächsten Worten, als ihm dann das Blut in den Adern gefror, denn da war er plötzlich, ganz unvermittelt, der Name den er gefürchtet und gleichermaßen sehnsüchtig herbei gehofft hatte.
„W... wie bitte?“
→ Narr! Du hast sie doch ganz genau verstanden! Was bezweckst du mit dieser Frage? Eine äußerst dämliche Art der Selbstqual? Nun, du wirst ja sehen, was du davon hast...
Sehen nicht, doch hören!
Sie wiederholte nicht nur mit dem noch immer so seligen Lächeln, sondern warf nun eine ganze handvoll weiterer Namen in die Runde und jeder versetzte ihm einen unsichtbaren Dolchstoß.
Karawyns Schneidezähne berührten die Unterlippe, formten einige Laute und er schien die warme Hand zu spüren, welche ihm aufbauend und kameradschaftlich auf die Schultern klopfte. Ihre Stimme schwappte ihm entgegen und er schien überwältigt ein herzliches, übermütiges Lachen zu hören, welches aus einem erdbeeroten Frauenmund klang, welchen er jahrelang nur zu gerne hätte küssen wollen. Sie summte das nächste Wort beinahe und er roch den frischen Duft der Kiefernwälder, sah die stolze Gestalt tief im Unterholz stehen, ehe sie sich lautlos abdrehte und verschwand. Karawyn endete den seelischen Fall mit einem gehauchten Namen, eine kleine, kindlich runde Hand legte sich vertrauensselig in seine und Augen wie der Frühling wärmten ihn für den Bruchteil eines Moments.
„Kennt ihr sie?“
Ertappt!
„Nein, der Name klang ähnlich aber... nein.“
Er überspielte seine Unsicherheit, scherzte, alberte und lief schon allein vor lauter Verzweiflung zur Höchstform auf. Erst als er sich sicher war, dass das argwöhnische Funkeln aus den Augen der Schneiderin verschwunden war, ließ er es zu, dass das Gespräch abflaute.
Sie brachte ihn wieder bis zum Gatter und wünschte ihm so viel Gutes, dass sein pochenden Herz langsam wieder zur Ruhe kam.
„Sind Eure Hunde als Wachhunde ausgebildet? Können sie Euch schützen, Fräulein Karawyn?
Sie verneinte, doch entblößte das Mondlicht eher erstaunte statt misstrauische oder ängstliche Züge.
„Ihr habt von mir nichts zu befürchten, ich bin wirklich genau das, was ich Euch sagte, doch nicht alle die an Eurer Türe mitten in der Nacht klopfen werden brave Kunden sein. Unterschätzt Eure Mitmenschen nicht und meidet die eigene Selbstüberschätzung. Hier laufen zu viele undurchsichtige Gestalten umher.“
Sie dankte ihm nachdenklich und etwas überrumpelt, doch blieb die freundliche Wärme und auch die Bitte sie einmal wieder zu besuchen. Er sagte zu – warum auch immer?
→ Weil sie dich an jemanden erinnert, an naives Vertrauen, an mädchenhafte Hingabe, an ungebrochene Freiheit, an Geborgenheit und stete Zuversicht. Es ist eine Frage der Zeit, bis du deine Vergangenheit konfrontieren und stellen willst. Eingeholt hat sie dich in den letzten Tagen doch längst.
Hatte sie.
Und so träumte er in dieser Nacht nicht zum ersten Mal von dunklen, braunen Rehaugen, den seinen so ähnlich, die sich mit blankem Entsetzen weiteten.
Im Nachhinein wusste er, dass es die sanfte, süße Melodie war, welche aus dem offenen Fenster der Hütte an sein Ohr drang, die Füße verharren ließ. Einfach, doch eingängig, die Stimme jung doch so warm. Ehe er recht verstand, was er da tat, stand er schon vor dem kleinen Gartentor und berührte das Messingglöckchen daran. Ein heller, durchdringender Ton kündigte den späten Zaungast an, als der Klöppel da gegen den Glockenmantel schlug und für zwei, drei Momente spürte er den Drang auf den Hacken kehrt zu machen und so rasch wie möglich zu verschwinden. Er widerstand ihm.
Der Blick wanderte zum schmucklosen Holzschild neben der Haustüre: eine Schneiderstube also, nun damit ließ sich zumindest etwas anfangen und im schlimmsten Fall konnte man ihn nur dafür belangen, dass er zu so später Stunde den oder die Schneiderin noch aus dem Bett geklingelt hatte.
Wie staunte er aber, als sich das tapfere Schneiderin als ein junges, liebreizendes Mädchen entpuppte, welches ihm noch im Rahmen der Türe stehend ein derartig offenes, freundliches Lächeln schenkte, dass er sogleich wusste wer das zärtliche Wiegenlied gesungen hatte. Murmelnd brachte er seine Ausrede hervor, bat um einen Termin zur Anprobe diverser Kleidungsstücke, nur um erneut zu staunen, denn noch ehe er seinen Namen nennen konnte, hatte ihm das vertrauensselige Fräulein die Türe geöffnet. Ihm. Einem Unbekannten. Einem Mann, der mitten in der Nacht vor Gartentüren lungerte. Ein Teil seiner Selbst wollte die junge Frau am liebsten sofort wegen diesem unglaublichen Leichtsinn schütteln, doch die andere Hälfte freute sich über das herzliche Willkommen, dass sie ihm bereitete.
Warum sollte es ihn denn auch nur etwas angehen, wenn dieses unbekannte Mädchen so unbedacht und blauäugig durch das Leben ging?
→ Weil du solch ein Vertrauen kennst, weil du es jahrelang genossen hast, es liebst und dich noch heute danach verzehrst!
Er hörte sie seinen Namen nennen, erfuhr ihren: Karawyn, ein Wort nur, doch melodiös. Ein freundlicher, guter Name, der auf einen ähnlich wohlgeratenen Menschen hoffen ließ. All seine Hoffnungen bezüglich der jungen Schneidermeisterin wurden nicht enttäuscht. Man bat ihm Speis und Trank an, richtete komfortable Sitzkissen her, um die müden Beine ruhen zu lassen und obgleich ihrer Kunstfertigkeit verlangte sie für die schönen Kleider, die er wählte, einen derartig lachhaften Preis, dass er zuerst mutmaßte, dass sie ihn wahlweise aufs Korn nehmen wollte oder der Rechnerei nicht ganz mächtig war.
„Diese Stücke waren für einen Herren, in etwa so groß wie Ihr und obwohl er sie in Auftrag gab, holte er sie nie ab. Ich wäre doch nun eh nur darauf sitzengeblieben.“
Zwar hatte er schon bessere Ausflüchte gehört, doch freute er sich insgeheim über die Geschenke der jungen, schönen Frau.
→ Ganz so wie früher, nicht wahr? Held der Mädchenherzen, du bist verflucht tief gefallen! Meinst du sie denken heute noch an dich?
Als sie die Ware sortierte und zusammenlegte, blubberte die Ungewissheit in ihm hoch, wie in einem Kochkessel und die Frage nach Bauernhöfen schwappte über seine Lippen. Wenn er nicht auf das ganz falsche Pferd gesetzt hatte, dann lag der Verdachte nahe, dass zumindest die eine seiner geisterhaften Erscheinungen aus der Vergangenheit, auf einem Hof gut hätte arbeiten können. Die innere Spannung verkrampfte seine Schultern und schnürte ihm sowohl Kehle als auch Herz ein, als die Schneiderin tatsächlich von einem weiteren Hof, etwas entfernt von Bajard, zu berichten wusste. Erst als sie den Namen der Bäuerin nannte, fiel der schartige Stein von seinem Herzen, denn er sagte ihm nichts. Lächelnd und erleichtert lauschte er ihren nächsten Worten, als ihm dann das Blut in den Adern gefror, denn da war er plötzlich, ganz unvermittelt, der Name den er gefürchtet und gleichermaßen sehnsüchtig herbei gehofft hatte.
„W... wie bitte?“
→ Narr! Du hast sie doch ganz genau verstanden! Was bezweckst du mit dieser Frage? Eine äußerst dämliche Art der Selbstqual? Nun, du wirst ja sehen, was du davon hast...
Sehen nicht, doch hören!
Sie wiederholte nicht nur mit dem noch immer so seligen Lächeln, sondern warf nun eine ganze handvoll weiterer Namen in die Runde und jeder versetzte ihm einen unsichtbaren Dolchstoß.
Karawyns Schneidezähne berührten die Unterlippe, formten einige Laute und er schien die warme Hand zu spüren, welche ihm aufbauend und kameradschaftlich auf die Schultern klopfte. Ihre Stimme schwappte ihm entgegen und er schien überwältigt ein herzliches, übermütiges Lachen zu hören, welches aus einem erdbeeroten Frauenmund klang, welchen er jahrelang nur zu gerne hätte küssen wollen. Sie summte das nächste Wort beinahe und er roch den frischen Duft der Kiefernwälder, sah die stolze Gestalt tief im Unterholz stehen, ehe sie sich lautlos abdrehte und verschwand. Karawyn endete den seelischen Fall mit einem gehauchten Namen, eine kleine, kindlich runde Hand legte sich vertrauensselig in seine und Augen wie der Frühling wärmten ihn für den Bruchteil eines Moments.
„Kennt ihr sie?“
Ertappt!
„Nein, der Name klang ähnlich aber... nein.“
Er überspielte seine Unsicherheit, scherzte, alberte und lief schon allein vor lauter Verzweiflung zur Höchstform auf. Erst als er sich sicher war, dass das argwöhnische Funkeln aus den Augen der Schneiderin verschwunden war, ließ er es zu, dass das Gespräch abflaute.
Sie brachte ihn wieder bis zum Gatter und wünschte ihm so viel Gutes, dass sein pochenden Herz langsam wieder zur Ruhe kam.
„Sind Eure Hunde als Wachhunde ausgebildet? Können sie Euch schützen, Fräulein Karawyn?
Sie verneinte, doch entblößte das Mondlicht eher erstaunte statt misstrauische oder ängstliche Züge.
„Ihr habt von mir nichts zu befürchten, ich bin wirklich genau das, was ich Euch sagte, doch nicht alle die an Eurer Türe mitten in der Nacht klopfen werden brave Kunden sein. Unterschätzt Eure Mitmenschen nicht und meidet die eigene Selbstüberschätzung. Hier laufen zu viele undurchsichtige Gestalten umher.“
Sie dankte ihm nachdenklich und etwas überrumpelt, doch blieb die freundliche Wärme und auch die Bitte sie einmal wieder zu besuchen. Er sagte zu – warum auch immer?
→ Weil sie dich an jemanden erinnert, an naives Vertrauen, an mädchenhafte Hingabe, an ungebrochene Freiheit, an Geborgenheit und stete Zuversicht. Es ist eine Frage der Zeit, bis du deine Vergangenheit konfrontieren und stellen willst. Eingeholt hat sie dich in den letzten Tagen doch längst.
Hatte sie.
Und so träumte er in dieser Nacht nicht zum ersten Mal von dunklen, braunen Rehaugen, den seinen so ähnlich, die sich mit blankem Entsetzen weiteten.
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Thayrel Marvane
Da stand sie, mitten in der tiefsten Nacht, ein ebenso helles, doch fragiles Licht im silbrigen Mondenschein... das lütt' Mädchen, nein, die junge Frau, die einst seine kleine Cousine war.
Selbst mit zittrigen Gesten, nervösen und sehnsüchtigen Blicken im lieben, noch immer naiv beseeltem Gesicht, war sie kein Kind mehr, sondern erwachsen.
Wie doch die Jahre vergingen. Und er? Ja er war älter aber auch weiser? Zumindest war er immer noch nicht zur Ruhe gekommen und kämpfte sich halb stoisch, halb verzweifelt auf dem neuen Weg entlang. Wozu das Ganze?Wie albern und melodramatisch! Er musste abschätzig grinsen und von den eigenen Gefühlen befremdet bildete er rasch eine neue Frage, welche in seinem Kopf zu kreisen begann: Auf wen oder was wartete sie da nur um diese Zeit und so nahe am Waldrand? Es beschlich ihn eine seltsame Art Vorahnung, als wüsste er die Antwort schon oder hatte sie zumindest einmal gewusst. Längst hätte er gehen, den Ort einfach verlassen und die jüngste seiner Cousinen einfach alleine lassen sollen, doch irgendwie...
Noch während er zauderte nahmen die scharfen Augen Bewegungen am Waldrand hinter ihr wahr. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schienen dichtere Nebelschleier jenen plötzlich wie Wollstreifen zu umhüllen und nur eine Art Schatten, die Umrisse eines Menschen, zeichneten sich langsam in diesem ab. Ein Ast knackte leise und auch die Beobachtete fuhr herum, doch reckte sie den Hals suchend. Ja, regelrecht hoffend statt ängstlich und scheinbar wurde diese Hoffnung nicht enttäuscht, denn nach einem kurzen Moment gab ihr Körper der Spannung nach und flog dem Schemen entgegen. Jener löste sich aus dem plötzlichen Nachtnebel und sorgte sogleich dafür, dass Thayrel einen leichten Stich verspürte: Erkennen.
Sie hatte auf einen Mann gewartet! Richtig...
Irgendwo tief in ihm war diese Ahnung doch schon lange vorhanden gewesen, nur auf die Erscheinung war er auch jetzt nicht gefasst gewesen. Seine Cousine war ein liebes und einfaches Wesen. Nicht strahlend schön, doch auch nicht hässlich oder gar abstoßend. Unscheinbar eher, wie ein Mäuschen. Doch ihre hellen Augen, in den hellen und wachen Farben von frischem Frühling und morgendlichem Himmel, strahlten und machten das nicht weiter auffällige Gesicht plötzlich hübsch. Der zärtliche Blick dazu ruhte auf dem Kerl und dessen Äußeres überrumpelte Thayrel vollkommen.
Beinahe so hoch gewachsen wie er selbst und auch in Figur und Statur ihm auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich. Statt bullig und stämmig breit wie ein Ochse eher agil, gewandt. Er stieß ein etwas ungläubiges Keuchen aus, als er das Gesicht des scheinbar „Liebsten“ seiner kleinen Cousine sah. Die Züge waren weder kantig und scharf, noch Milchbuben-Mienen, sondern fein geschnitten und der Schalk saß in den Augen des jungen Mannes. Sein Haar fiel ihm in dunklen Strähnen bis über die Schultern und in der gleichen schwarzen Farbe ließ er sich einen Kinnbart stehen. Verwirrt berührte Thayrel kurz die eigenen störrisch-drahtigen Barthaare am Kinn. In gewisser Hinsicht beobachtete er da ein jüngeres Abbild seiner selbst am Waldrand und seine Cousine hatte sich diesen Kerl ausgesucht, welcher sie nun in die Arme schloss, sanft über ihre dunkelblonden Locken strich und dann die Lippen kurz an ihre Stirn legte.
Kurz nur, doch es langte um Thayrels Sicht wieder zu ändern.
Das Bild entzerrte sich und mit einem Male schienen nur noch Unterschiede zwischen den beiden Männern hervor zu treten. Die Züge waren ihm zu weich, zu brav. Das Antlitz unversehrt, zu makellos. Das Haar doch um einiges dunkler als das eigene und die Augenfarbe ja eine ganz andere, als die eigene. Regelrecht störend empfand er die hellen, klaren Augen plötzlich. Ein klarer Kontrast zu den eigenen, dunklen Seelenspiegeln. Es gefiel ihm nicht, wie der Blick der Hellen auf seiner Cousine ruhten. Er kannte ihn. Hasste ihn, denn es lag mehr als nur unschuldige Freundschaft darin.
Thayrel, das schwarze Schaf, erstarrte innerlich, als er ganz verstand welche Gefühle dieser „Kerl“ seiner naiven, kleinen Cousine gegenüber an den Tag legte. Der Wolf hingegen erwachte und lauerte auf einen Fehltritt des unwillkommenen Schmeichlers... der aber leider nicht kam. Als der Unbekannte die Arme von ihr löste und sie wieder freigab, beugte er sich etwas herab und redete leise auf das Mädchen ein.
Impertinent!
Schon schlich der Wolf auf Samtpfoten unendlich leise heran.
Näher... und näher... und näher... und...
Das Knallen der Peitsche und das heisere „Hüah!“ des Kutschers ließ ihn auffahren und unsaft stieß er sich den Hinterkopf am Stamm des Baumes, an welchen er im sitzen gelehnt eingenickt war. Der Nachgeschmack eines seltsamen Traums vergällte ihm den Morgen jetzt schon, doch war dieser selbst nach den wenigen Momenten nicht mehr ganz greifbar. Es war irgendetwas dämliches, irgendetwas mit seinen Cousinen. Oder seinem Onkel? Etwas über... sie? Was auch immer, es war vor allem nur ein Traum. Seufzend wischte er sich durch das Gesicht und versuchte die schmerzenden Glieder etwas zu strecken, sich zu orientieren. Das frühe Licht war zwar noch fahl, doch konnte er den Schriftzug des nahen Gasthofs erkennen und halbwegs entziffern. Da stand etwas wie „Wegekreuz“ oder so ähnlich – und mit einem Schlag war alles wieder da. Der Traum aber auch die Ursache. Er hatte sie wirklich gesehen, beide Mädchen und den Kerl in dem Waldtal.
Dieses verdammte Tal aber, was ebenso unwirklich schien, wie der Traum selbst, hatte gegen ihn gearbeitet. Plötzlich knackten Äste unter seinen vorher so genau gewählten Schritten und eine Amsel schien ihn nahezu anzukreischen. Der Kerl hatte ihn gesehen und er war geflohen. Wütend, entrüstet und besorgt. Nur um hier zu warten, an der Kutsche, in der Hoffnung die beiden Mädchen irgendwann dort abzufangen. Doch noch während er wartete und krampfhaft überlegte wie er überhaupt auf sie zugehen sollte, hatte ihn der Schlaf übermannt und seine Sorge so direkt gespiegelt. Es war dieses Gefühl, welches ihn beinahe um Kopf und Kragen gebracht hätte und nun eine Seele bedrohte, die ihm am Herzen lag. Noch dazu eine so arglose, unbedarfte und verletzliche Seele. Gutgläubiges Kind, was würdest du leiden. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken und trotz der steifgefrorenen Gelenke erhob er sich rasch. Nun war guter Rat teuer, doch musste er sie erreichen, warnen, mit ihr reden, denn ansonsten...
Die Liebe ist ein bittersüßer Nektar, der uns das Gift darin nicht schmecken lässt.
Doch glaube mir, es ist das stärkste Gift der Welt.
Länder wurden durch das grässliche Toxikum zerrissen und so mancher Bruder ermordet.
Sofort zieht es in dein Herz hinein und sticht wie ein Dolch zu, dass dir der Boden unter den Füßen weggerissen wird.
Sie starrte ihn nur an, entgeistert und vollkommen verschreckt. Doch das unsichere Lachen danach war mit jedem hellen Klang ein weiterer Dolchstoß.
Danach findet es den Weg durch deine Brust und legt wochenlang die Glieder lahm, lässt dich erstarren und jeder Atemzug fällt schwerer als der vorherige.
„Für einen Moment hast du mich fast gehabt. Haah, dabei wissen wir doch beide, dass ich deine Tante – gut, junge Tante, aber immerhin Tante – bin und du mein kleiner Neffe. Sowas wäre einfach nie möglich. Das weißt du doch, oder?“
Vielleicht mag man es ab und an weniger spüren, doch verlässt es den Körper nie ganz und manchmal spüre ich auch heute noch das Brennen in den Adern, wenn wieder ein Schwall des alten Giftes durch mich zieht.
„Oder?!“
„...ja...“
Selbst mit zittrigen Gesten, nervösen und sehnsüchtigen Blicken im lieben, noch immer naiv beseeltem Gesicht, war sie kein Kind mehr, sondern erwachsen.
Wie doch die Jahre vergingen. Und er? Ja er war älter aber auch weiser? Zumindest war er immer noch nicht zur Ruhe gekommen und kämpfte sich halb stoisch, halb verzweifelt auf dem neuen Weg entlang. Wozu das Ganze?Wie albern und melodramatisch! Er musste abschätzig grinsen und von den eigenen Gefühlen befremdet bildete er rasch eine neue Frage, welche in seinem Kopf zu kreisen begann: Auf wen oder was wartete sie da nur um diese Zeit und so nahe am Waldrand? Es beschlich ihn eine seltsame Art Vorahnung, als wüsste er die Antwort schon oder hatte sie zumindest einmal gewusst. Längst hätte er gehen, den Ort einfach verlassen und die jüngste seiner Cousinen einfach alleine lassen sollen, doch irgendwie...
Noch während er zauderte nahmen die scharfen Augen Bewegungen am Waldrand hinter ihr wahr. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund schienen dichtere Nebelschleier jenen plötzlich wie Wollstreifen zu umhüllen und nur eine Art Schatten, die Umrisse eines Menschen, zeichneten sich langsam in diesem ab. Ein Ast knackte leise und auch die Beobachtete fuhr herum, doch reckte sie den Hals suchend. Ja, regelrecht hoffend statt ängstlich und scheinbar wurde diese Hoffnung nicht enttäuscht, denn nach einem kurzen Moment gab ihr Körper der Spannung nach und flog dem Schemen entgegen. Jener löste sich aus dem plötzlichen Nachtnebel und sorgte sogleich dafür, dass Thayrel einen leichten Stich verspürte: Erkennen.
Sie hatte auf einen Mann gewartet! Richtig...
Irgendwo tief in ihm war diese Ahnung doch schon lange vorhanden gewesen, nur auf die Erscheinung war er auch jetzt nicht gefasst gewesen. Seine Cousine war ein liebes und einfaches Wesen. Nicht strahlend schön, doch auch nicht hässlich oder gar abstoßend. Unscheinbar eher, wie ein Mäuschen. Doch ihre hellen Augen, in den hellen und wachen Farben von frischem Frühling und morgendlichem Himmel, strahlten und machten das nicht weiter auffällige Gesicht plötzlich hübsch. Der zärtliche Blick dazu ruhte auf dem Kerl und dessen Äußeres überrumpelte Thayrel vollkommen.
Beinahe so hoch gewachsen wie er selbst und auch in Figur und Statur ihm auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich. Statt bullig und stämmig breit wie ein Ochse eher agil, gewandt. Er stieß ein etwas ungläubiges Keuchen aus, als er das Gesicht des scheinbar „Liebsten“ seiner kleinen Cousine sah. Die Züge waren weder kantig und scharf, noch Milchbuben-Mienen, sondern fein geschnitten und der Schalk saß in den Augen des jungen Mannes. Sein Haar fiel ihm in dunklen Strähnen bis über die Schultern und in der gleichen schwarzen Farbe ließ er sich einen Kinnbart stehen. Verwirrt berührte Thayrel kurz die eigenen störrisch-drahtigen Barthaare am Kinn. In gewisser Hinsicht beobachtete er da ein jüngeres Abbild seiner selbst am Waldrand und seine Cousine hatte sich diesen Kerl ausgesucht, welcher sie nun in die Arme schloss, sanft über ihre dunkelblonden Locken strich und dann die Lippen kurz an ihre Stirn legte.
Kurz nur, doch es langte um Thayrels Sicht wieder zu ändern.
Das Bild entzerrte sich und mit einem Male schienen nur noch Unterschiede zwischen den beiden Männern hervor zu treten. Die Züge waren ihm zu weich, zu brav. Das Antlitz unversehrt, zu makellos. Das Haar doch um einiges dunkler als das eigene und die Augenfarbe ja eine ganz andere, als die eigene. Regelrecht störend empfand er die hellen, klaren Augen plötzlich. Ein klarer Kontrast zu den eigenen, dunklen Seelenspiegeln. Es gefiel ihm nicht, wie der Blick der Hellen auf seiner Cousine ruhten. Er kannte ihn. Hasste ihn, denn es lag mehr als nur unschuldige Freundschaft darin.
Thayrel, das schwarze Schaf, erstarrte innerlich, als er ganz verstand welche Gefühle dieser „Kerl“ seiner naiven, kleinen Cousine gegenüber an den Tag legte. Der Wolf hingegen erwachte und lauerte auf einen Fehltritt des unwillkommenen Schmeichlers... der aber leider nicht kam. Als der Unbekannte die Arme von ihr löste und sie wieder freigab, beugte er sich etwas herab und redete leise auf das Mädchen ein.
Impertinent!
Schon schlich der Wolf auf Samtpfoten unendlich leise heran.
Näher... und näher... und näher... und...
Das Knallen der Peitsche und das heisere „Hüah!“ des Kutschers ließ ihn auffahren und unsaft stieß er sich den Hinterkopf am Stamm des Baumes, an welchen er im sitzen gelehnt eingenickt war. Der Nachgeschmack eines seltsamen Traums vergällte ihm den Morgen jetzt schon, doch war dieser selbst nach den wenigen Momenten nicht mehr ganz greifbar. Es war irgendetwas dämliches, irgendetwas mit seinen Cousinen. Oder seinem Onkel? Etwas über... sie? Was auch immer, es war vor allem nur ein Traum. Seufzend wischte er sich durch das Gesicht und versuchte die schmerzenden Glieder etwas zu strecken, sich zu orientieren. Das frühe Licht war zwar noch fahl, doch konnte er den Schriftzug des nahen Gasthofs erkennen und halbwegs entziffern. Da stand etwas wie „Wegekreuz“ oder so ähnlich – und mit einem Schlag war alles wieder da. Der Traum aber auch die Ursache. Er hatte sie wirklich gesehen, beide Mädchen und den Kerl in dem Waldtal.
Dieses verdammte Tal aber, was ebenso unwirklich schien, wie der Traum selbst, hatte gegen ihn gearbeitet. Plötzlich knackten Äste unter seinen vorher so genau gewählten Schritten und eine Amsel schien ihn nahezu anzukreischen. Der Kerl hatte ihn gesehen und er war geflohen. Wütend, entrüstet und besorgt. Nur um hier zu warten, an der Kutsche, in der Hoffnung die beiden Mädchen irgendwann dort abzufangen. Doch noch während er wartete und krampfhaft überlegte wie er überhaupt auf sie zugehen sollte, hatte ihn der Schlaf übermannt und seine Sorge so direkt gespiegelt. Es war dieses Gefühl, welches ihn beinahe um Kopf und Kragen gebracht hätte und nun eine Seele bedrohte, die ihm am Herzen lag. Noch dazu eine so arglose, unbedarfte und verletzliche Seele. Gutgläubiges Kind, was würdest du leiden. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken und trotz der steifgefrorenen Gelenke erhob er sich rasch. Nun war guter Rat teuer, doch musste er sie erreichen, warnen, mit ihr reden, denn ansonsten...
Die Liebe ist ein bittersüßer Nektar, der uns das Gift darin nicht schmecken lässt.
Doch glaube mir, es ist das stärkste Gift der Welt.
Länder wurden durch das grässliche Toxikum zerrissen und so mancher Bruder ermordet.
Sofort zieht es in dein Herz hinein und sticht wie ein Dolch zu, dass dir der Boden unter den Füßen weggerissen wird.
Sie starrte ihn nur an, entgeistert und vollkommen verschreckt. Doch das unsichere Lachen danach war mit jedem hellen Klang ein weiterer Dolchstoß.
Danach findet es den Weg durch deine Brust und legt wochenlang die Glieder lahm, lässt dich erstarren und jeder Atemzug fällt schwerer als der vorherige.
„Für einen Moment hast du mich fast gehabt. Haah, dabei wissen wir doch beide, dass ich deine Tante – gut, junge Tante, aber immerhin Tante – bin und du mein kleiner Neffe. Sowas wäre einfach nie möglich. Das weißt du doch, oder?“
Vielleicht mag man es ab und an weniger spüren, doch verlässt es den Körper nie ganz und manchmal spüre ich auch heute noch das Brennen in den Adern, wenn wieder ein Schwall des alten Giftes durch mich zieht.
„Oder?!“
„...ja...“
-
Thayrel Marvane
Wenn sich jeder Schritt vorwärts eher wie zwei verlorene Meter anfühlen,
wenn alles Greifbare wieder in die Ferne rückt,
wenn die eigene Stimme und deren Warnungen nur auf taube Ohren treffen,
wenn der Weg versperrt und der einzige Ausweg einem Flug gleich kommt,
dann kann es schon passieren, dass einem Flügel wachsen und man den Sprung nimmt...
… ein Wolf oder Schaf, je nachdem, mit Flügeln – wie albern musste das aussehen!?
Doch blieben seine Schritte stetig und das Herz schlug mit ungewohnter Ruhe obwohl er sich mit jedem Stiefelknirschen dem Hof weiter näherte. Ein einziges Herz wollte er dort erreichen, um Rat ersuchen und alte Bande langsam wieder festigen. Ein Herz nur, welches seines einst brach.
Absurd?
wenn alles Greifbare wieder in die Ferne rückt,
wenn die eigene Stimme und deren Warnungen nur auf taube Ohren treffen,
wenn der Weg versperrt und der einzige Ausweg einem Flug gleich kommt,
dann kann es schon passieren, dass einem Flügel wachsen und man den Sprung nimmt...
… ein Wolf oder Schaf, je nachdem, mit Flügeln – wie albern musste das aussehen!?
Doch blieben seine Schritte stetig und das Herz schlug mit ungewohnter Ruhe obwohl er sich mit jedem Stiefelknirschen dem Hof weiter näherte. Ein einziges Herz wollte er dort erreichen, um Rat ersuchen und alte Bande langsam wieder festigen. Ein Herz nur, welches seines einst brach.
Absurd?
-
Thayrel Marvane
Mit den Fingerspitzen nur berührte er sanft und stockend die eigenen Lippen. Er fühlte weder die groben Bartstoppeln am Kinn, noch die weichen, feinen Lippenbögen, er versuchte lediglich im Moment einer Erinnerung zu verweilen und diesen so sehr festzuhalten, damit das Gefühl nie verfliegen möge. Er hatte ihr einen Kuss gestohlen. Eine letzte Verzweiflungstat und vielleicht auch irgendwo der innere Abschied aber immerhin. Er hatte sie geküsst, ihre süßen Lippen an seinen gespürt, sie waren sich für wenige Augenblicke nah gewesen. Er seufzte und durchlebte den Kuss innerlich ein weiteres, unzähliges Mal. Er hatte vergessen wie schön solche Berührungen waren, hatte verdrängt wie angenehm es war wenn das Herz aufgrund Liebe lebendig klopfte. Doch runzelte er nun unwillig die Stirn, als sein Geist, einem bösen, kleinen Dämonen gleich, die Königfrage stellte:
„Kein Wunder, dass du vergessen hast. Wann hast du denn auch das letzte Mal geküsst, berührt, geliebt?“
Und das Herzklopfen wich dem Schmerz, als die junge Erinnerung und das geliebte Gesicht der „Wildtaube“ von einem anderen Frauenbild übertüncht wurde. Rotbraunes, gelocktes Haar fiel in üppigen Locken über die Schultern eines eher zarten, feengleichen Körpers. Nicht sein Typ Frau, dachte er damals zu Beginn. Er mochte weder knochige Gespinste noch zerbrechliche Kinder oder halbe Knaben. Er liebte Frauen! Doch waren es damals ihre Augen, die ihn so in den Bann zogen...
+
… ihre Augen, er hatte Stunden damit verbracht in sie zu blicken und hatte langsam erkannt, dass es der Körper des schönen, schwachen Geschlechts war, welcher den Funken in den Lenden zündete, doch die Augen, die Seelenspiegel, welche sein Herz rührten. Seitdem jene mit den blaugrauen Sturmhimmelaugen seinen Gefühlssturm aufgewühlt und ihn dann aber wie ein Blatt im Wind hatte fallen lassen, war ihm das Leben entglitten. Er war einst ein glücklicher, einfacher Bauernbursche, der auf einem großen Weiler leben konnte, der immer Familie um sich hatte und durch einige Wesen da sogar eine Art Seelenfrieden gefunden hatte. Hatte, ja. Denn damals lebte Vater noch, der Mann dem das Herz des Sohnes ganz gehörte. Der Verlust war ein tiefer Schlag gewesen, in der Verwirrung danach hatte er ihr die Liebe gestanden und sie hatte ihn sanft, doch beharrlich abgeschmettert. Damit war es doch klar. Allein um das Leben wieder im kalten Herzen zu spüren, wählte er das Abenteuer und war es auch noch so gefährlich. Er ignorierte die Verzweiflung seiner Mutter, sah die empörten Blicke seiner Bezugspersonen nicht und rutschte weiter. Von der einen Scheiße in die Nächste. Ah und zwischendrin verführte er, durchwälzte Betten und brach danach Herzen. Sie war eigentlich wirklich nicht seine Kragenweite, doch diese Augen.
Sie lachte auf und blickte staunend zu ihm. In diesem Moment wurde die dunkle Iris mit dem Hauch Grün darin tief verborgen, etwas größer und erstaunt sah sie auf. Er liebte es, wenn überrumpelte Unschuld in ihrem Blick schwebte, obwohl sie doch beide wussten, dass Unschuld ihnen beiden nur noch ein eher fremdes Wort war.
„Hörst du mir überhaupt zu, Os?“
„Hmm?“
„Also wirklich, du bist unmöglich.“
Sie lachte und schlug nach ihm, hielt dann aber inne, berührte ihn nicht und blickte sich verstohlen um. Bedrückung schlich sich in beide Gemüter.
„Was ist denn? Dein Kerl ist nicht hier.“
„Nein, doch der Müller kennt ihn und der sitzt am Nebentisch.“
Er wollte am liebsten ins Bier brechen, als sie sich nun von ihm entfernte und gerader, sittsam an die Stuhllehne drückte. Nun verdarb ihm die Fratze des Müllers und dieser Lackaffe von Müllerssohn am Nebentisch den ganzen Spaß. Doch ihre Vorsicht war weise und nur sinnvoll, gerade der affektierte Blondschopfbengel klebte an seinen Cousins und war viel zu oft am Weiler.
„Morgen nach der Mittagsruhe... auf der großen Kornwiese des Weilers... die Ähren sind hoch genug, keiner sieht uns... mein Verlobter muss bis spät Nachts schaffen.“
Er sah sie nicht an, als sie ihm so sehnsüchtig zuhauchte, blickte nicht einmal hoch, als sie sich erhob und die Schankstube verließ, doch sein zufriedenes Lächeln sprach Bände und er wusste, sie hatte seine Antwort verstanden.
Flüsterndes Gras, er hatte vorgegriffen, sie bis auf Mieder und Unterrock schon entkleidet, er selbst trug nur noch die Hosen und genoss den Moment vor der Ekstase. Der Nachmittag wurde später, die Strahlen der Sonne nun golden und ihre eher blasse Hand fühlte sich warm und lebendig auf seiner Haut an. Er lächelte. Alles war perfekt und sollte nur noch besser werden.
„Ich hab etwas vom Zeug, dass wir beschafft haben dabei.“
Sie versteifte sich augenblicklich, löste sich aus seinen Armen und ihr schönes Puppengesicht schob sich vor die Abendsonne. Entgeistert sah sie herab und fragte flüsternd nach.
„Das was ihr gestohlen habt?“
„Beschafft!“, beharrte er doch das Grinsen gefror als sie sich nun ängstlich umsah. Rasch griff er mit beiden Händen an ihre Wangen und zwang sie ihn erneut anzublicken.
„Hee, es geschieht nichts Schlimmes, glaub mir. Man isst den Kram nur und die Welt wird noch schöner.“ Sie blinzelte und er merkte dass er sie locken konnte. „ Komm schon, mit wem würde meine Welt heute Nachmittag schöner werden, als mit dir.“ Sie lächelte schwach und er hauchte ihren Namen. „Katharina...“ Gewonnen, die Gegenwehr war kaum vorhanden und unnachgiebig zog er sie wieder an sich. „Alles ungefährlich, nichts wird dir geschehen, versprochen.“ Und er besiegelte dieses Versprechen mit einem innigen, leidenschaftlichen Kuss...
+
...damals. Ja, jener Kuss war der letzte gewesen, der letzte bevor er selber verstand, wie verloren er war, als er ihren reglosen Körper im Korn neben sich bemerkte. Die Augen weit aufgerissen... Würgemale seiner Hände am zarten Nacken und trotz der Zeit welche sie im Alptraum-Rausch verbracht hatten standen kaum Sterne am Himmel und er glaubte noch den letzten Kuss zu spüren, mit welchem er sie ins Verderben gestürzt hatte – sie beide.
Er nahm die Hand von den Lippen und stand übereilt auf. Die Türe seines Herbergenzimmers krachte, er lief hinaus aus der Gaststube, obwohl der Morgen kaum graute, lief und lief, obwohl er wusste, dass Erinnerungen einen schneller einholten, als Füße tragen konnten. Dann aber hielt er von selbst inne, als seine Füße das Ziel gefunden hatten. Der Hof lag noch verschlafen im Morgennebel und sein Blick galt den Obstbäumen unter deren Blüten er erst vor wenigen Stunden geküsst hatte. Das Herzklopfen wurde wieder angenehmer, die kalte, triumphierende Ruhe berauschte seinen Kopf. Ja, er war tief gefallen. Doch die Tage des armen Büßers waren vorbei. Wenn das Leben ihm nicht gab, was er erhoffte, dann musste er es sich selbst so drehen, wie es wieder passte. Dann holte er eben.
„Sie ist ein Kind, selbst wenn sie nun erwachsener aussieht. Sie ist meine Cousine und er... der Kerl... taugt nicht. Sie sind beide meine Cousinen. Langt schon, dass mein Onkel sich ein wildfremdes Weib angelacht hat. Ich habe genug von Veränderungen. Ich will es nicht mehr!“
„Sie gehört niemanden. Sie alle gehören niemanden, Oswald.“
Auch du nicht? Die lautlose Frage. Nein auch du nicht, du warst schon immer deine eigene Herrin.
„Wir werden sehen...“ - wer zuletzt lacht, endete er den Satz innerlich und hatte genug davon immer der zu sein, der nichts zu lachen hat. „Denn du bist meine... meine...“
„Tante!“ Ja, ganz wie damals. Sie reagierte genauso wie zuvor. Versuchte ihn mit Worten die der Logik gehörten abzuschmettern, doch diesmal nicht. Nicht noch einmal.
„Und wenn schon!“
Dann hatte er den Kuss gestohlen. Dieser heilende Moment gehörte ihm und das Sprichwort „Jedes ist seines Glückes Schmied.“ wurde klarer. Er musste die Sachen selber anpacken, damit sie gelangen und er redete sich emsig ein, dass es ihm egal war, dass er dabei nicht auf die Gefühle anderer achten würde, redete sich ein, dass es ihm gleich war, mit welcher Abscheu sie ihn von sich drücken wollte. Er hatte ihr einen Kuss gestohlen und damit alles erlangt, was er seit Jahren nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Ein Kuss und dieser hatte ihn angespornt.
Lächelnd drehte er sich ab und nickte leicht.
Die Wildtaube hatte er weiterhin im Blick, doch dieser erste Streich war gelungen, hatte gesessen. Irgendwann würde er sich das laute, doch adrette Bauernweib seines Onkels genauer besehen und ihr einen Besuch abstatten. Nur um ihr auf den Zahn zu fühlen, nicht mehr... vorerst.
Dann war da noch das Wolfsmädchen und sie überhaupt mal in die Finger zu bekommen war schwer, Cousine hin oder her. Nein... er begann zu schmunzeln... jetzt war es Zeit sich erst einmal der Anderen zu widmen und dem Burschen, welcher da nicht hingehörte wo er war.
„Du meinst ihren Freund...“, hallten ihre Worte nach und nun hatte er nur ein müdes Schnauben dafür übrig. Freund, in welcher Welt wusste das naive Ding überhaupt was das bedeutete?
„Ich habe schon ein Auge auf sie...“ Und zwei sind besser als eines, liebste Wildtaube, besonders wenn deines durch Gutmütigkeit und Vertrauen geblendet ist.
„Kein Wunder, dass du vergessen hast. Wann hast du denn auch das letzte Mal geküsst, berührt, geliebt?“
Und das Herzklopfen wich dem Schmerz, als die junge Erinnerung und das geliebte Gesicht der „Wildtaube“ von einem anderen Frauenbild übertüncht wurde. Rotbraunes, gelocktes Haar fiel in üppigen Locken über die Schultern eines eher zarten, feengleichen Körpers. Nicht sein Typ Frau, dachte er damals zu Beginn. Er mochte weder knochige Gespinste noch zerbrechliche Kinder oder halbe Knaben. Er liebte Frauen! Doch waren es damals ihre Augen, die ihn so in den Bann zogen...
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… ihre Augen, er hatte Stunden damit verbracht in sie zu blicken und hatte langsam erkannt, dass es der Körper des schönen, schwachen Geschlechts war, welcher den Funken in den Lenden zündete, doch die Augen, die Seelenspiegel, welche sein Herz rührten. Seitdem jene mit den blaugrauen Sturmhimmelaugen seinen Gefühlssturm aufgewühlt und ihn dann aber wie ein Blatt im Wind hatte fallen lassen, war ihm das Leben entglitten. Er war einst ein glücklicher, einfacher Bauernbursche, der auf einem großen Weiler leben konnte, der immer Familie um sich hatte und durch einige Wesen da sogar eine Art Seelenfrieden gefunden hatte. Hatte, ja. Denn damals lebte Vater noch, der Mann dem das Herz des Sohnes ganz gehörte. Der Verlust war ein tiefer Schlag gewesen, in der Verwirrung danach hatte er ihr die Liebe gestanden und sie hatte ihn sanft, doch beharrlich abgeschmettert. Damit war es doch klar. Allein um das Leben wieder im kalten Herzen zu spüren, wählte er das Abenteuer und war es auch noch so gefährlich. Er ignorierte die Verzweiflung seiner Mutter, sah die empörten Blicke seiner Bezugspersonen nicht und rutschte weiter. Von der einen Scheiße in die Nächste. Ah und zwischendrin verführte er, durchwälzte Betten und brach danach Herzen. Sie war eigentlich wirklich nicht seine Kragenweite, doch diese Augen.
Sie lachte auf und blickte staunend zu ihm. In diesem Moment wurde die dunkle Iris mit dem Hauch Grün darin tief verborgen, etwas größer und erstaunt sah sie auf. Er liebte es, wenn überrumpelte Unschuld in ihrem Blick schwebte, obwohl sie doch beide wussten, dass Unschuld ihnen beiden nur noch ein eher fremdes Wort war.
„Hörst du mir überhaupt zu, Os?“
„Hmm?“
„Also wirklich, du bist unmöglich.“
Sie lachte und schlug nach ihm, hielt dann aber inne, berührte ihn nicht und blickte sich verstohlen um. Bedrückung schlich sich in beide Gemüter.
„Was ist denn? Dein Kerl ist nicht hier.“
„Nein, doch der Müller kennt ihn und der sitzt am Nebentisch.“
Er wollte am liebsten ins Bier brechen, als sie sich nun von ihm entfernte und gerader, sittsam an die Stuhllehne drückte. Nun verdarb ihm die Fratze des Müllers und dieser Lackaffe von Müllerssohn am Nebentisch den ganzen Spaß. Doch ihre Vorsicht war weise und nur sinnvoll, gerade der affektierte Blondschopfbengel klebte an seinen Cousins und war viel zu oft am Weiler.
„Morgen nach der Mittagsruhe... auf der großen Kornwiese des Weilers... die Ähren sind hoch genug, keiner sieht uns... mein Verlobter muss bis spät Nachts schaffen.“
Er sah sie nicht an, als sie ihm so sehnsüchtig zuhauchte, blickte nicht einmal hoch, als sie sich erhob und die Schankstube verließ, doch sein zufriedenes Lächeln sprach Bände und er wusste, sie hatte seine Antwort verstanden.
Flüsterndes Gras, er hatte vorgegriffen, sie bis auf Mieder und Unterrock schon entkleidet, er selbst trug nur noch die Hosen und genoss den Moment vor der Ekstase. Der Nachmittag wurde später, die Strahlen der Sonne nun golden und ihre eher blasse Hand fühlte sich warm und lebendig auf seiner Haut an. Er lächelte. Alles war perfekt und sollte nur noch besser werden.
„Ich hab etwas vom Zeug, dass wir beschafft haben dabei.“
Sie versteifte sich augenblicklich, löste sich aus seinen Armen und ihr schönes Puppengesicht schob sich vor die Abendsonne. Entgeistert sah sie herab und fragte flüsternd nach.
„Das was ihr gestohlen habt?“
„Beschafft!“, beharrte er doch das Grinsen gefror als sie sich nun ängstlich umsah. Rasch griff er mit beiden Händen an ihre Wangen und zwang sie ihn erneut anzublicken.
„Hee, es geschieht nichts Schlimmes, glaub mir. Man isst den Kram nur und die Welt wird noch schöner.“ Sie blinzelte und er merkte dass er sie locken konnte. „ Komm schon, mit wem würde meine Welt heute Nachmittag schöner werden, als mit dir.“ Sie lächelte schwach und er hauchte ihren Namen. „Katharina...“ Gewonnen, die Gegenwehr war kaum vorhanden und unnachgiebig zog er sie wieder an sich. „Alles ungefährlich, nichts wird dir geschehen, versprochen.“ Und er besiegelte dieses Versprechen mit einem innigen, leidenschaftlichen Kuss...
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...damals. Ja, jener Kuss war der letzte gewesen, der letzte bevor er selber verstand, wie verloren er war, als er ihren reglosen Körper im Korn neben sich bemerkte. Die Augen weit aufgerissen... Würgemale seiner Hände am zarten Nacken und trotz der Zeit welche sie im Alptraum-Rausch verbracht hatten standen kaum Sterne am Himmel und er glaubte noch den letzten Kuss zu spüren, mit welchem er sie ins Verderben gestürzt hatte – sie beide.
Er nahm die Hand von den Lippen und stand übereilt auf. Die Türe seines Herbergenzimmers krachte, er lief hinaus aus der Gaststube, obwohl der Morgen kaum graute, lief und lief, obwohl er wusste, dass Erinnerungen einen schneller einholten, als Füße tragen konnten. Dann aber hielt er von selbst inne, als seine Füße das Ziel gefunden hatten. Der Hof lag noch verschlafen im Morgennebel und sein Blick galt den Obstbäumen unter deren Blüten er erst vor wenigen Stunden geküsst hatte. Das Herzklopfen wurde wieder angenehmer, die kalte, triumphierende Ruhe berauschte seinen Kopf. Ja, er war tief gefallen. Doch die Tage des armen Büßers waren vorbei. Wenn das Leben ihm nicht gab, was er erhoffte, dann musste er es sich selbst so drehen, wie es wieder passte. Dann holte er eben.
„Sie ist ein Kind, selbst wenn sie nun erwachsener aussieht. Sie ist meine Cousine und er... der Kerl... taugt nicht. Sie sind beide meine Cousinen. Langt schon, dass mein Onkel sich ein wildfremdes Weib angelacht hat. Ich habe genug von Veränderungen. Ich will es nicht mehr!“
„Sie gehört niemanden. Sie alle gehören niemanden, Oswald.“
Auch du nicht? Die lautlose Frage. Nein auch du nicht, du warst schon immer deine eigene Herrin.
„Wir werden sehen...“ - wer zuletzt lacht, endete er den Satz innerlich und hatte genug davon immer der zu sein, der nichts zu lachen hat. „Denn du bist meine... meine...“
„Tante!“ Ja, ganz wie damals. Sie reagierte genauso wie zuvor. Versuchte ihn mit Worten die der Logik gehörten abzuschmettern, doch diesmal nicht. Nicht noch einmal.
„Und wenn schon!“
Dann hatte er den Kuss gestohlen. Dieser heilende Moment gehörte ihm und das Sprichwort „Jedes ist seines Glückes Schmied.“ wurde klarer. Er musste die Sachen selber anpacken, damit sie gelangen und er redete sich emsig ein, dass es ihm egal war, dass er dabei nicht auf die Gefühle anderer achten würde, redete sich ein, dass es ihm gleich war, mit welcher Abscheu sie ihn von sich drücken wollte. Er hatte ihr einen Kuss gestohlen und damit alles erlangt, was er seit Jahren nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Ein Kuss und dieser hatte ihn angespornt.
Lächelnd drehte er sich ab und nickte leicht.
Die Wildtaube hatte er weiterhin im Blick, doch dieser erste Streich war gelungen, hatte gesessen. Irgendwann würde er sich das laute, doch adrette Bauernweib seines Onkels genauer besehen und ihr einen Besuch abstatten. Nur um ihr auf den Zahn zu fühlen, nicht mehr... vorerst.
Dann war da noch das Wolfsmädchen und sie überhaupt mal in die Finger zu bekommen war schwer, Cousine hin oder her. Nein... er begann zu schmunzeln... jetzt war es Zeit sich erst einmal der Anderen zu widmen und dem Burschen, welcher da nicht hingehörte wo er war.
„Du meinst ihren Freund...“, hallten ihre Worte nach und nun hatte er nur ein müdes Schnauben dafür übrig. Freund, in welcher Welt wusste das naive Ding überhaupt was das bedeutete?
„Ich habe schon ein Auge auf sie...“ Und zwei sind besser als eines, liebste Wildtaube, besonders wenn deines durch Gutmütigkeit und Vertrauen geblendet ist.