Als der Sternenfänger das Mondlicht fing

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Karawyn
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Als der Sternenfänger das Mondlicht fing

Beitrag von Karawyn »

Langsam streckte sie die schlanken Arme gen Decke, dehnte die Muskeln des sonst so geschmeidigen Rückens und gab einen Laut des Wohlgefallens von sich.
Alle bestellten Hemden waren zugeschnitten, bei der Hälfte hatte sie sogar schon die Nähte versäubert und die Knöpfe mit dem passenden Stoff bezogen. Der Rest würde morgen folgen und mit ihm war die Bestellung dann auch abgeschlossen. Zufrieden schloss sie das Mäppchen mit all den verschiedenen Nadeln, schimmernd im Kerzenlicht, und strich über die weichen Kissen, in die sie sich zum nähen gebettet hatte.
Es musste inzwischen draußen dunkel sein… die Kellertreppe kroch langsam der Hauch der Nacht herab, voller scharfer, würziger und kräftiger Düfte des Grases und der Blumen des Gartens, gepaart mit dem Geschmack des Rauches, den die kleinen, immer wieder aufflackernden, Feuerchen von sich stießen.
Unbewusst rieb sie sich über die beinahe verheilten Stellen, die von den Brandnarben an den Unterarmen übrig geblieben waren, während sich ihre Gedanken verselbstständigten, einige Stunden zurückdrifteten und sich dort als Beobachter des Geschehens festsaugten.

Sie hatte im Garten gesessen, der sich bewegende Untergrund der schwingenden Hängematte als einzigem Halt, wenn sie sich nicht gegen den warmen Körper neben ihr lehnen wollte. Eine verführerische Situation, konstatierte ihre Erinnerung, doch sie spürte auch, wie verzweifelt und hilflos… vielleicht auch ein bisschen wütend sie gewesen war, denn die Stimme neben ihr hatte von Angst gesprochen, von der Furcht sie zu verletzen oder etwas zu zerstören, und von der Ungewissheit über die eigenen Wünsche.
Sie hörte sich beinahe selbst sprechen, so voller Emotionen, wie sie ihm immer und immer wieder sagte, dass er nur wegen Teilen seines Lebens kein schlechter Mensch sei, egal was andere über ihn zu sagen pflegten.
Und wieder sah sie durch ihre eigenen Augen in das warm leuchtende Grau, sah in die sich darin reflektierenden blauen Abbilder des Meeres ihrer eigenen Seelenspiegel. Fühlte das Schlagen des eigenen Herzens, als sie die schmalen schlanken Hände an sein Gesicht legte und sich ihm näherte, nur einen Atemzug von ihm entfernt zum halt kommend, kaum mehr als ein Papier zwischen ihnen an Platz lassend und fühlte, wie sie ihm zuflüsterte, dass er so, wie er hier neben ihr saß, genau richtig war….
Und beinahe war es ihr in der Erinnerung, als könne sie spüren, wie in ihm etwas geschah, wie er sich nun seinerseits ihr endlich annäherte und einen Kuss, zart wie den Schlag eines Schmetterlingsflügels auf ihrer Nasenspitze platzierte. Sie wagte nicht zu atmen, wagte nicht, sich zu rühren, hielt das fragile Gebilde, diese wunderbare, so leicht zerstörbare Seifenblase, wie ein unendlich kostbares Kleinod zwischen ihnen. Doch gegen das weiche Lächeln, das sich auf ihren Lippen ausbreitete, konnte sie nichts tun.

Mit diesem warmen Gefühl kehrten ihre Gedanken wieder ins Hier und Jetzt zurück und sie atmete tief durch, die Fingerspitzen versonnen über die Nasenspitze streichen lassend.
Yannick…
Sie kostete seinen Namen und musste feststellen, dass es sehr viel intimer war, dieses Wort mit allen Emotionen auszusprechen als aller Körperkontakt, alles was sie bisher gehört und darüber im Harem gelernt hatte.
Wie würde sich wohl ihr Name aus seinem Mund anhören?
Karawyn …
Eine zarte Röte überzog ihre Wangenknochen, als der Klang seiner Stimme ihren Rücken hinabstrich...
Das Schmunzeln auf den Lippen vertiefte sich, als sie sein Bild hinter den geschlossenen Lidern gewahrte, das goldgesponnene Haar, die athletische Figur der hochgewachsenen Gestalt, der Rhythmus, in dem sie mit ihm traumwandlerisch sicher durch den Keller getanzt hatte, als hätte es nie etwas anderes gegeben.

Ein leises Seufzen, als sie sich aus dem sie umfangenden Traumgebilde zurück in ihren Keller begab. Die Tiere wollten versorgt werden, das Feuer geschürt und sie musste nochmal nachsehen, ob keine der glimmenden Fliegen versucht hatte, ihr Strohdach anzuzünden. Sich einen Mantel überwerfend, öffnete sie die Tür und trat hinaus in die frische, aber abgekühlte Frühlingsluft. Noch während sie die Kohle im Feuerbecken auffüllte, hörte sie die Melodie, die sich vom Weg näherte, ein leises Pfeifen eines ihr fremden Liedes.
Sie musste sich nicht umdrehen, um ihn zu sehen und doch tat sie es langsam.
Ein Grinsen aufsetzend trat sie die Schritte zum Zaun und lehnte sich dagegen, ihn willkommen heißend.
Ein paar Worte wechseln, das Tor öffnen… all das vollführte sie unter dem eigenen lauten Schlag des Herzens.
Babamm…
Babammm…
Rhythmisch und kräftig…
Wie eine kleine Trommel, deren gespannte Haut unter sachten Schlägen tanzt und vibriert.
Ehe sie sich versah, saßen sie beide in ihrem Haus und sie zog mitleidsvoll die elfischen Lederstiefel von seinen verkrampften Beinen. So wunderschön sie auch gefertigt waren, für menschliche Füße war die Form ungeeignet.
Ohne nachzudenken nahmen ihre Hände die kleine Dose mit der Salbe gegen den Muskelkater hervor, strichen eine kleine Menge davon auf die malträtierten Füße und begannen eines der Handwerke von dem sie etwas verstand.
Das hatte sie gelernt, beherrschte jeden Griff im Schlaf … sie sollte sich sicher fühlen dabei. Und doch bemerkte sie, wie ihre Augen seine entspannte Haltung und das wohlig verzückte Gesicht entlang strichen, während sie die Fußsohlen knetete, die Knöchel umstrich und die Spannung aus den Waden verbannte. In kleinen Kreisen wanderten ihre Hände hinauf bis zum Knie und für einen kurzen Moment ließ sie sie auch bis zum Oberschenkel rutschen, doch bei seinen sich öffnenden Augen verließ sie der Schalk, der sie dazu getrieben hatte ebenso schnell wieder und sie ließ sie zu den Knöcheln hinab sinken.
„Gleich besser oder?“ fragte ihre Stimme, selbst vielleicht ein bisschen flatternd, auch wenn sie es recht gut unter Kontrolle hatte, dieses Zittern, dass sie durchlief, wenn sie ihn ansah. Er nickte nur, sich langsam neben ihr zu Boden sinken lassend, mit den Händen ihr Gesicht umfassend.
“Du wolltest wissen, was ich will…“ flüsterte er, seine Stimme etwas von ihm ungewohntes enthaltend. Unsicherheit… eine stille Frage… Gefühle?
„Ich habe mich gefragt…“ Seine Stimme verstummte erneut, verklang zwischen ihnen während er sich, wie sie am Tag davor, ihrem Gesicht näherte und sie nun küsste…

Als Kind, das drei Jahre in einem Harem gelebt hatte, hatte sie viel gehört… sie hatte Lucien einmal geküsst und das war sicher ganz nett soweit und hatte ein paar Schmetterlinge in ihrem Magen hochfliegen lassen, ein paar mehr als gut gewesen waren… ein paar mehr, als ihr lieb gewesen waren, wo er doch wieder vergeben war… aber das… das war etwas ganz anderes. Es überrollte sie, grub sich in ihr fest, umschlang sie sanft und zugleich wie ein Sturm.

Sie spürte seine Hand an ihrem Hinterkopf und wusste, das war es, was sie gesucht hatte…


[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/120311002147_Kara_und_Yan.jpg[/img]
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Yannick Ayelen

Beitrag von Yannick Ayelen »

Ein Sternenfänger verliert seinen Glanz

Und wieder senkte sich die Nacht über das Land. Vieler Ort ging man bereits zu Bett, während hier in der abgelegenen Spelunke noch lautstark um eine weitere Runde Schnaps gerufen wurde. Nicht nur Schnaps hatte der Schankwirt im Angebot, er brachte bei seinem Einzug in die verfallenen, vier Wände auch eine Schar von Dirnen mit, die zu dieser späten Stunde erst mit Ihrem eigentlichen Geschäft begannen. Kokette Blicke strichen durch den Raum, während Ihre zierlichen Hände die unterschiedlich, bunten Röcke rafften. Im Gegensatz zu dem abgeblätterten Putz an den Wänden und rußverschmierten Fenstern, glichen sie fröhlichen Paradiesvögeln, die begannen Ihre farbenfrohen Flügel zu spreizen. Ein Großteil der Huren schwirrte fröhlich durch den Raum, massierte Nacken von breitschultrigen Männern und bezirzte junge Herren, um das ein oder andere Getränk spendiert zu bekommen.

Eine aber, augenscheinlich die Jüngste der Gruppe, stand wie angewurzelt neben einem Hocker in der Ecke, der von Yannick in Beschlag genommen wurde: „Im Ernst, Yan. So kenne ich Dich ja gar nicht.“, war Ihr letzter Kommentar, während die blauen, schier unschuldig anmutenden Augen, immer wieder über seine zusammengesunkene Gestalt glitten. Seit Stunden schon, noch bevor die Sonne hinter dem Horizont versunken war, saß er beinahe regungslos in der Ecke. Einzig und allein die rechte Hand hob sich immer einmal wieder schwer in die Höhe, um einen Schluck aus der Flasche zu nehmen, oder um beim Schankwirt ein neues Bier nachzubestellen. „Nein, wirklich. Das ist jetzt schon der vierte Tag in Folge, an dem Du hier sitzt und lediglich ein Bier nach dem Anderen trinkst.“, versuchte das Mädchen es erneut. So hatte sie Ihn nicht kennengelernt, nein, es etablierte sich der Eindruck, als würde ein anderer Mann hier sitzen und mit schlechtem, schauspielerischen Talent versuchen den strahlenden Sternenfänger zu imitieren. Er hatte nicht nur den freiheitsliebenden Glanz seiner grauen Augen verloren, sondern auch der stets so unbekümmerte Ausdruck in den Gesichtszügen war verschwunden. Stattdessen zeichnete sich inzwischen schon der tägliche Alkoholgenuss ab. Tag um Tag verbrachte er Stunden hier, um sein Gold in Alkohol zu investieren. Mal war es Bier, dann war es wieder Schnaps. Doch jeder einzelne Schluck ließ die dunklen Augenringe stärker erscheinen. Sonst stand er in der Mitte des Raumes und unterhielt das Volk mit seinen Geschichten. Geschichten, die er während seiner Reisen durch die Welt erlebt hatte. Doch auch das, wurde weniger, bis es in den letzten Tagen vollkommen eingestellt wurde. Nur manchmal erklang seine Stimme, matt und wenig freudig, wie man es sonst von Ihm kannte, um Dirnen von sich zu weisen, oder nach der Rechnung zu bitten.

Myna, die Dirne neben Ihm, kannte Ihn gut. Oft hatte er sie bezahlt, um nicht Ihren Körper zu erkunden, sondern Ihr sein Leid zu klagen, oder seine positiven Gedanken. Er war in Ihren Augen ein Lichtblick, in der tristen Welt der Männer. Nicht nur Äußerlich stach er aus der breiten Masse heraus, auch in den Gesprächen kristallisierte sich immer wieder heraus, dass er nicht nur ehrlich war, sondern auch ein großes Herz besaß. Ein Herz, das er mit seinen ganzen Facetten noch nie hatte begreifen können. Oft schon hatte er Myna die Frage gestellt, ob sie wisse, wie es sich anfühle. Ob das Gefühl so korrekt wäre, oder ob es lediglich ein Irrwitz seiner eigenen Gedanken war. Ein Paradiesvogel, der nicht nur so schien, sondern tatsächlich alle Menschen um Ihn herum, mit wenigen Worten und Gesten davon überzeugen konnte.

Seine blonden Strähnen hingen glanzlos in seinem ausgemergelten Gesicht, die Lippen waren spröde vom Alkohol und auch der Glanz der sonst so aufgeweckten Augen war verschwunden. Stupide starre er das Etikett seiner Flasche an, ohne Myna heute auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie war Ihm eine gute Freundin geworden, ein Mädchen, dass er vor den Fängen der Hurerei beinahe jeden Abend zu beschützen wusste, indem er sie in sein Zimmer lud, ohne sich an Ihr zu vergehen. Aus seinem Zimmer drangen keine Schreie, keine dreckigen Lachen, nein. Er drückte Ihr jedes Mal eine Münze in die Hand und sprach: „Mach' Dir damit ein besseres Leben, Myna. Nicht hier gehörst Du hin, sondern in die große Welt. Hör' zu, vielleicht ist ein Ort dabei, der Dein Interesse wecken könnte...“, mit dieser Einleitung begann er stets über sein Leben zu sprechen, seine Vergangenheit und neuerdings auch über die aktuellen Geschehnisse. Was für Menschen sie durch seine Geschichten nicht schon alles kennengelernt hatte:

Karawyn, eine junge Frau, ebenso Mitglied des Nachtvolks. Sie musste schön sein. „Schön wie glitzernder Schnee bei Sonnenaufgang“, versicherte er dem jungen Mädchen immer wieder. Sie konnte Ihren Körper einsetzen, um Eindruck bei den Männern zu schinden. Aber nicht nur das, Ihr Geist war hell, so dass auch sie neben Ihrer Lebensfreude eine enorme Charakterstärke hatte. Nicht selten berichtete er von Ihr, während sein Blick sich gedankenverloren in die Ferne richtete. Nur in diesem Momenten schien er etwas hilflos, als würde Ihn die unbekannte Macht Karawyns außer Gefecht setzen.

Dann gab es da seit einiger Zeit auch noch ein Mädchen mit dem Namen Danielle. In seinen Erzählungen war sie jung, nicht viel älter als Myna selber. Sie war es wohl, welche Ihn durch Ihre facettenreiche Verhaltensweisen immer mal wieder in Ihren Bann schlug. Ihr Alter, würde man Ihr anmerken, hatte Yan mit einem schmalen Lächeln erzählt. Und trotzdem – wie auch bei Myna – hatte er anscheinend das Gefühl sie schützen zu müssen, Ihr Leben zu bereichern. Egal wie viel er von Ihr erzählte, nie entstand der Eindruck, als würde er sie wirklich kennen. Für Myna war Danielle immer nur ein großes Geheimnis. „Ja, da wirst Du vermutlich Recht haben.“, kommentierte er jedes Mal, wenn sie Ihm den Gedanken anvertraute. Doch anstatt die Geheimnisse zu lüften, schien er sich damit zufrieden zu geben.

Auch von einem Lucien hatte er erzählt. Sie lernten sich wohl kennen, als Lucien auch Mitglied des Nachtvolks war. Die ersten Erzählungen klangen jedes Mal harmonisch, so als hätten die Männer jede Menge Gemeinsamkeiten. Doch nach und nach zeigte sich, dass Lucien Yannick wohl so einige Steine in den Weg legte und durch seine spitze Zunge, sich derart in das Leben anderer einmischte, dass sie sich langsam von einander entfernen. „Was hast Du seither noch mit Ihm erlebt, Yan?“, war inzwischen zu einer unbeantwortet Frage geworden. Lucien war mittlerweile in den vier Wänden eine Art Tabuthema geworden.

„... und dann küsste ich sie. Es war, als würde mein Herz in tausend Teile zersplittern. Ein Gefühl, dass ich nicht zu ordnen konnte.“, seine leise Stimme riss Myna aus den Gedanken. In den letzten Tagen berichtete er Ihr immer wieder davon und jedes Mal fühlte sie sich eine Spur hilfloser, fiel die Antwort doch am Ende stets gleich aus: „Du musst lernen auf Dein Herz zu hören, Yan. Wirklich. Das wird Dir helfen.“. Wie auch sollte sie Ihm erklären, wie Gefühle funktionierten? Ein jeder Mensch war individuell und ging vollkommen unterschiedlich mit Emotionen um.

Er hatte Karawyn geküsst, weil er wissen wollte, wie es sich anfühlte, als der Sturm in Ihm losbrach. Unsicherheit breitete sich aus, während er mit jedem weiteren Tag etwas mehr von seinem Glanz einbüßen musste. Nicht nur Unsicherheit verfolgte Ihn, auch Angst. Angst sie zu verletzen, das Nachtvolk zu verlieren und die Vermutungen so vieler Menschen zu bestätigen – ein herzloser Charmeur zu sein. Dann, wenige Tage später, hatte das junge Mädchen Ihn geküsst. Danielle hatte Ihre Lippen zögerlich und mit deutlich, mangelnder Erfahrung auf seine gepresst, während ein weiteres Mal der Sturm im Inneren losbrach: Lucien. Maja. Karawyn. Danielle. Charmeur. Herzensbrecher. Der letzte Kuss. Freiheit. Käfig. Lucien. Karawyn... da hielt er sie auch schon hart am Nacken fest, um Ihre vorsichtige Berührung nur umso stürmischer zu erwidern. Er spürte Ihren bebenden Leib, Ihre zitternden Finger an seiner Wange, während er einen Moment von dem Gefühl übermannt wurde, sie hier und jetzt gegen einen Baum zu drücken, sie zu... Karawyn. Lucien. Danielle. Charmeur. Die Wucht der erneuten Gedankenspirale, ließ Ihn von der jungen Frau lösen und eine Schritt zurücknehmen. Auch sie wusste jetzt, dass er Angst hatte sich zu verlieren und gleichzeitig Ihm wichtige Personen zu verletzen. Dann flüchtete er, alleine.

„... ja. Deswegen sitzt Du Tag für Tag hier.“, schloss Myna seine Ausführung aus, während Ihm zum wiederholten Male eine Flasche Bier angereicht wurde. Der Sternenfänger verlor seinen Glanz, Schluck um Schluck.
Zuletzt geändert von Yannick Ayelen am Donnerstag 17. März 2011, 13:24, insgesamt 3-mal geändert.
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Karawyn
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Beitrag von Karawyn »

Wieder will mein froher Mund begegnen
Deinen Lippen, die mich küssend segnen,
Deine lieben Finger will ich halten
Und in meine Finger spielend falten,

Meinen Blick an deinem dürstend füllen,
Tief mein Haupt in deine Haare hüllen,
Will mit immerwachen jungen Gliedern
Deiner Glieder Regung treu erwidern

Und aus immer neuen Liebesfeuern
Deine Schönheit tausendmal erneuern,
Bis wir ganz gestillt und dankbar beide
Selig wohnen über allem Leide,

Bis wir Tag und Nacht und Heut und Gestern
Wunschlos grüßen als geliebte Schwestern,
Bis wir über allem Tun und Handeln
Als Verklärte ganz im Frieden wandeln.
(Hermann Hesse)


Das Gefühl eines warmen Körpers, an den sie geschmiegt lag… wunderbar aufgeheizte nackte Haut eines Oberkörpers… ein gleichmäßiger Puls, der gegen ihre Fingerspitzen schlug. Das kräftige Pochen seines Herzens an ihrem Ohr hüllte sie in einen sie allumfassenden Kokon und veranlasste sie dazu, die Lider über den tiefen meerblauen Seen geschlossen zu halten, in seinen Arm gehüllt wie in ein Kleid aus Nähe und Zweisamkeit.

Geschmeidig streckte sie sich wie eine Katze am warmen Herdfeuer, dehnte den schmalen Hals und die schlanken Finger und zog das oben liegende Bein in eine angewinkelte Position, ihn nun ihrerseits in eine Umarmung bettend. Doch trotz ihrer Bewegung rührte und regte er sich nicht. der kleinere schmalere Körper seufzte wollig und zufrieden. Ihr Gefährte schien noch im Schlaf der Gerechten zu verweilen, wie das ruhige Geräusch seines Atems, der durch die Stille des kleinen Puppenhauses klang, ihr erzählte. Manchmal konnte sie zwar die sich bewegenden Augen unter den hellen Lidern ausmachen doch schien er zu träumen… vielleicht von seiner Heimat… oder von Orten, von denen er ihr erzählt hatte, während sie ihm bei seinen liebevollen Beschreibungen lauschte, seine gestikulierenden Hände betrachtete und die Bilder vor ihrem inneren Augen entstanden.

Über die weichen Lippen zog ein sachtes Lächeln, erhellte das noch vom Schlaf gezeichnete Gesicht wie ein Sommerleuchten.

Glück… einfaches, pures Glück ließ Karawyns Herz überschwappen wie ein Glas Wasser in das man weiter füllte auch nachdem der Rand schon erreicht war, aus dem immer mehr hervorquoll und alles bedeckte.

Hier, in Yannicks Armen, an ihn gelehnt, seinen Arm um sie spürend, öffnete sie die Augen und betrachtete die ersten Sonnenstrahlen, die von draußen durch die halbdurchsichtigen Leinenvorhänge fielen, sich in seinen hellen blonden Haarsträhnen verfingen und durch die dunklen Wimpern Schatten auf die hohen markanten Wangen malten.

Einen kurzen Moment, nicht mehr als den Bruchteil einer Sekunde lang, überlegte sie ihn zu wecken, doch ihn so friedlich zu sehen, den in Morpheus Armen gehaltenen und tief Schlafenden auf ihrem Kissen, ließ sie inne halten.

Sollte er noch ein wenig schlafen… sie würde einfach seine Nähe genießen… solange sie konnte.

Denn erst seit wenigen Tagen nannte sie ihn Gefährten… ihren Liebsten… ihren Partner.

Noch war das gemeinsame Leben wie eine schillernde Luftblase, fragil und zu leicht zu zerstören, da beide keinerlei Erfahrungen mit Situationen dieser Art hatten. Vorsichtig hatten sie sich einander angenähert, sich spielerisch umkreisend, beinahe qualvoll langsam an manchen Punkten und Gabelungen des Weges… sie hatte ihm den Raum gegeben sich zurückzuziehen und zurückzuweichen, wann immer er ihn brauchte und tat es noch immer… und hatte stattdessen all die kleinen gemeinsamen Momente genossen, das gemeinsame Bad im Meer, die Spaziergänge und die Gespräche über Vergangenheit und sich unterscheidende oder übereinstimmende Ansichten im Leben… all das war für sie wie kleine Kostbarkeiten.

An den Augenblick, als er ihr gesagt hatte, dass er sich wirklich für sie entschieden hatte, gegen alle Vorbehalte und ihn zermürbende Ängste, gegen die Furcht, was werden würde wenn sie scheiterten, konnte sie sich genau erinnern…

Einige Tage zuvor…


Karawyn war gerade aus ihrem Haus nach draußen geeilt, um nach den Schafen zu sehen, als sie ihn vor ihrem Gartentor erblickt hatte, gedankenverloren und nachdenklich, nicht auf den Weg der eigenen Füße achtend, bis er einen abrupten Halt an ihrem Postkasten gefunden hatte… einen sicher nicht unschmerzhaften Halt, da sein Knie mit einem Teil ihres Zauns zusammengestoßen war.

Sie hätte ihn gerne gefragt, was seine Gedanken derartig umwölbte, dass er ihn hatte übersehen können, aber dazu war sie gar nicht gekommen. Yannick hatte die Arme um sie gelegt, ein paar sanfte Worte in ihr Ohr geflüstert und unter dem lauten Schlag des eigenen Herzens war die Frage wie Rauch aus ihrem Kopf, ihren Gedanken verschwunden… auf leisen Sohlen davongehuscht.

Und in seinen Armen liegend, hatte sie nach einiger Zeit auch die drei Besucher bemerkt, die sich ihrem Haus und dem Paar genähert hatten, unter ihnen einen der blauhäutigen Letharen, vermummt und verborgen, dessen Ketten klirrten und scharrten, als sich sein Reittier, eine Art übergroßer schmutziggrauer Echse, wie Karawyn sie das eine oder andere Mal während ihrem Leben in Rahal gesehen hatte, in Bewegung setzte, während die schwarzgraue Haut wie brüchiges Leder knarzte.

Die Begleitung des Letharen…oder war er eher ihre… waren ein Mann und eine Frau, gekleidet in tiefroten edlen Roben, die Karawyn etwas sagten, sie an etwas erinnerten das verschwommen in einem Bereich ihrer Gedanken verborgen lag, an den sie sich nicht so gerne erinnerte. Abseits standen die beiden, die Gestalt der Frau gerade aufgerichtet, wie man es nur bei Menschen findet, denen eine gewisse Macht inne liegt, die von den eigenen Fähigkeiten überzeugt sind und wissen, über welches Potential sie verfügen, während der Mann nur den Blick auf die Erde gesenkt hielt… fast… fast wie ein Sklave… wie die Eunuchen auf der Insel… im Harem von Rahesh Chalim Ishtez . Kurz abgelenkt von dem Anblick der beiden peitschte ihnen die Stimme des Letharen, ein Zischeln einer grausam gebrochenen Sprache, entgegen. Er suchte Futter für seine Echse und beinahe belustigt stellte sie fest, dass sie in ihm wohl jenen der Geschöpfe Alathars wiedergefunden hatte, dem sie in Bajard schon einmal begegnet war, der ihr Gutes gewünscht hatte, wenn Letharen so etwas überhaupt tun.

Beinahe ein Gefühl der Erleichterung durchfuhr ihren Körper wie eine Welle warmen Wassers, doch dann begann die Frau zu sprechen, eine Stimme wie geschmolzenes Metall, gespannt wie die Sehne eines Bogens und bereit, einen Pfeil abzufeuern. Sie hatte gefragt, ob sie Bürger Bajards seien, welchem Gott sie folgten… und Yannick…

Yannick war nun mal er selbst und daher versuchte er, die Dame mit seinen charmanten Reden und seinem gewitzten Verstand zu überzeugen… etwas, von dem es Karawyn im Inneren schlecht werden ließ, denn sie hatte diese Art Mensch in Rahal zur Genüge gesehen.
Ein leises Seufzen und Hoffen in Karawyns Magen und Herz, doch die eiskalte Schicht der Rahalerin hatte ihn abprallen, abrutschen lassen und ihn in den Fokus des Futter Suchenden gelenkt, so dass sicher der Lethar beinahe buchstäblich die blutlosen Lippen geleckt hatte.

Doch das konnte und wollte Karawyn nicht zulassen und mit Engelszungen hatte sie sich, wie der Mond am Himmel, vor den Sternenfänger gestellt, hatte die Aufmerksamkeit von ihm genommen, sie von ihrem Gefährten abgelenkt, wie sie ihn ohne nachzudenken vor den dreien einfach genannt hatte.

Und, als hätte der Himmel mit all seinen Sternen ein Einsehen mit dem kleinen Vollmond, war man auf die Idee, die Echse mit Rehfleisch zu füttern, eingegangen, hatte sie gewähren lassen, als sie Yannick ins Haus gezogen hatte, in die sichere Umhüllung ihres Zuhauses, so klein und doch wie eine Burg gegen alles da draußen. Die Echse hatte das Stück Reh begierig verschlungen, die Knochen zermalmt und auf den Rasen gesabbert, aber Yannick war sicher und ihr Herz flog voller Erleichterung himmelwärts ins Blaue, als man sich entschied weiter zum Kloster zu ziehen um dort nach mehr Futter zu suchen.

Erst zurück im Haus, als sie die Tür hinter sich schließen konnte und ihn auf dem Hocker neben ihrem Bett sitzen saß, hatte er sie nach der Bedeutung ihrer Worte gefragt… hatte ihre fast schon gehaspelten Bemerkungen angehört, als ihr der wahre Inhalt dessen, was ihr so einfach über die Lippen gekommen war, klar wurde, bevor er ihr gestand, dass es ihm nichts ausmachte…
… da er sich für sie entschieden hatte… für eine Beziehung… für eine neue Abzweigung am großen Weg des Schicksals.

Die Erinnerung daran, an die Umarmung, den sie umfangenden Geruch, herb, männlich und beinahe genauso markant wie er selbst und das Gefühl, endlich zumindest in diesem einen Punkt sicher sein zu können, lief wie flüssiges Feuer durch ihre Adern, überrollte sie, wie die großen mächtigen Wogen und Wellen auf Laerdomn, nahm ihr den Boden unter den Füßen, als löse sich die Erde unter ihren Sohlen in Luft auf und sie fühlte ihre Seele hoch in die Winde getragen.

Sie hob den Blick, noch immer gegen seinen Körper gelehnt, als die Vergangenheit verblasste und sie die Gegenwart einholte, um nun den wachen, warmen grauen Augen gegenübergestellt zu sein, in denen sie sich so gerne verlor.

„Ein Kupfer für deinen Gedanken… über was zerbrichst du dir den Kopf, Schönheit?“

Sein Körper vollführte eine halbe Drehung, stützte sich auf den sie vorher umfangenden Ellbogen und betrachtete sie ruhig und abschätzend, ließ den Blick an ihr hinauf und herab gleiten, die Lippen zu einem Lächeln verziehend. Seine Gedanken schienen ungleich leichter zu lesen.
Doch wollte sie ihm sagen, was durch ihren Kopf ging?
Die Erleichterung, endlich sicher zu sein, die Freude über sein Vertrauen, die Zweifel und Ängste, wie viel zu viel Nähe für ihn war und wie es weitergehen würde…
Sie merkte, wie sie den Kopf schüttelte und ihr ein Lächeln über die Lippen kam.

„Nichts… Yan…ich genieße es nur, hier zu sein…“
Ob er ihr das genauso abnahm, wusste sie nicht, doch beugte er sich zu ihr hinüber und ließ seine Lippen sacht gegen die ihren streifen, einmal, zweimal… dort verweilend und auf Antwort wartend.

Und sie zögerte nicht.

Sie würde hoffen und genießen… und die Bedenken, die in einer ihr vertrauten männlichen Stimme in ihrem Kopf anklangen, zur Seite schieben… dem Schicksal vertrauen und auf möglichst viele gemeinsame Stunden hoffen.

Man konnte nie wissen, wie lange der gemeinsame Weg führte… ihre Eltern hatten nur wenige Monate gehabt und sich danach bis zum Tod ihrer Mutter nie mehr wiedergesehen. Doch sie hatten einander geliebt… daher würde sie die Stunden, Tage, Wochen… und mehr nutzen.
Ihre Lippen antworteten ihm, als sich ihre Hände in seinen Haaren vergruben und spürte, wie auch sein Herzschlag merklich an Geschwindigkeit zunahm.

So komme, was da kommen mag!
Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,
Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.
(Theodor Storm)


[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/080411225857_full_moon_tonight.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Karawyn am Freitag 8. April 2011, 22:59, insgesamt 3-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Yannick Ayelen

Beitrag von Yannick Ayelen »

Wie klingt der Ruf der Freiheit?


Langsam perlte der glitzernde Tropfen Flüssigkeit an seinem unbedeckten Oberkörper herab. Er zeichnete die dezent ausgebildeten Muskelpartien nach, verlor in den einzelnen, dünnen Haaren ein wenig an Volumen, um sich dann am Bauchnabel zu teilen, einen zweiten Tropfen zu bilden. Sie liefen weiter, schlängelten sich seinen Leib entlang, um schließlich an den Beckenknochen vollkommen zu zerlaufen und sich der allgemeinen Feuchtigkeit wieder anzuschließen. Das helle Mondlicht ließ den Feuchtigkeitsfilm auf seiner hellen Haut schimmern, gerade so, als hätte jemand einen Tiegel Diamantstaub über Ihm ausgeleert. Erst jetzt trat er vom geöffneten Fenster einen Schritt zurück, um nach dem weißen Handtuch greifen zu können. Behutsam legte er es sich um die breiten Schultern, um kurz mit den beiden Ende durch die hellblonden Haare rubbeln zu können. Es war lange her, dass er sich derart ausgeglichen gefühlt hatte und sowohl mit seinem Körper, als auch mit seinem Geist im Reinen war. Karawyn, spärlich bekleidet und auch von einem dezenten Film der Feuchtigkeit überzogen, lag bereits still ruhend auf Ihrem Bett, die Arme schützend um Ihren weiblichen Leib geschlungen. Auch sie schien zufrieden. Zufrieden mit sich und Ihrer Entscheidung, sich Ihm derart anzuvertrauen und vor allem Ihm – dem Charmeur und Frauenschwarm – Ihr Vertrauen zu schenken. Die braunen Locken trockneten langsam und kräuselten sich um Ihre sanften Gesichtszüge. Nicht nur jetzt, im Schlaf, erschien sie Ihm sanftmütig und unschuldig. Es war, als hätte sich die Unschuld in menschlicher Gestalt Ihm angenommen. Schmunzelnd rubbelte er nun mit dem Handtuch auch über sein Gesicht, den Hals herab bis zu seiner Brust. Bald war von der schimmernden Feuchtigkeit nur mehr wenig zu erkennen und er warf das Tuch achtlos in die Ecke neben den Kleiderschrank.

Gerade als seine nackten Füße Ihn zum Bett tragen wollten, ertönte unterhalb des geschlossenen Fensters ein erstickter Laut, dann ein leises Kichern. „Nein, was... was machst Du denn?“, wisperte eine weibliche Stimme, ehe dann erneut das Kichern an seine Ohren drang. Flink schlich er an die geöffneten Fensterläden heran, um sich im Zwielicht ein Stück weit vorbeugen zu können. Strauchelnd schob dort unten auf der Straße ein junger Bursche, eine Frau vor sich her. Seine Hände lagen mehr als offensichtlich an Ihrem Bauch, während die Lippen Ihren Hals umschmeichelten. Er nuschelte Worte, die für Yannick aus dieser Entfernung nicht zu verstehen waren und trotzdem: Er hatte genug Erfahrung damit, um zu erkennen was die Intention des Burschen war. Er wollte seine Männlichkeit unter Beweis stellen... Interessiert nun lehnte er sich mit der Schulter gegen die Holzwand, um das Geschehen dort unten noch einige Zeit beobachten zu können. Reichlich naiv schien das Mädchen, so ließ sie sich doch tatsächlich von diesem Mann umgarnen und war vermutlich dabei noch der Ansicht, dass sie die Einzige war. Töricht, konnte man doch allein an der geübten Bewegung seiner Hände und seiner Lippen erkennen, dass sie weder die Erste war, noch die Letzte sein würde, die er beglückt. Je länger er das ungleiche Paar beobachtete, umso mehr verschwammen die Gesichtszüge und aus dem dunklen Haar des Mannes, wurden strohblonde Strähnen. Seine hagere Gestalt wurde zu einer sportliche Figur und bald trug er dunkle Kleidung, ganz deutlich die Farben des Nachtvolks. „Eine Schönheit, wirklich.“, raunte er an Ihrem Hals, während die Hände an Ihrem Bauch kleine Kreise zeichneten. Immer weiter drängte er sie mit langsamen Schritten den Weg entlang, nur um beinahe jede Möglichkeit zu nutzen Ihr Komplimente zu machen, oder den Körper zu berühren. Sie kicherte, ließ sich führen und blinzelte immer wieder vollkommen naiv zu Ihm. Ja, sie fühlte sich schön, fühlte sich begehrenswert und vor allem waren Ihre Gedanken lediglich bei Ihm. „Ohh, Yannick. Du schmeichelst mir. Du Charmeur.“, obwohl die Stimme tadelnd klang, fügte sie sich seinem Willen weiterhin, setze erneut brav einen Fuß vor den anderen, so dass der Zielort nicht mehr weit entfernt war.

Das leise, verschlafene Murren im Hintergrund riss Ihn aus seinen Gedanken und ließ Ihn die Schulter hart am Fensterladen stoßen. „Arr', verdammt...“, noch ein letztes Mal sah er zu dem Paar hinab, ehe er die Läden schloss und sich Karawyn zu wendete. Die Gedanken in seinem Kopf hämmerten unbarmherzig gegen seine Schläfen und lösten beinahe unmittelbar grausame Kopfschmerzen aus. Was hatte er gerade gesehen? War dies lediglich seine Vergangenheit, oder wollten Ihm seine Gedanken zeigen, dass er irgendwann wieder so werden würde? Mit einem schmerzerfüllten Ächzen, drückte er die Daumen an seine Schläfen, langsam darüber reibend. Karawyn war mehr als ein Spiel für Ihn. Diese Beziehung war ein... dröhnend schlugen die Hammer in seinem Kopf weiter gegen die Schädeldecke, immer wieder. Bumm. Bumm. Bumm. Die Schmerzen machten es Ihm schier unmöglich auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, so dass er sich bemüht leise neben Ihr in das Bett sinken ließ. Angestrengt presste er die Lippen nun gegeneinander, um seinen inzwischen erhöhten Puls wieder etwas unter Kontrolle bringen zu können. Einatmen, ausatmen. Bumm. Bumm.

Bald hatte sie den Baumstamm in Ihrem Rücken und stieß ein entzücktes Jauchzen aus. Mit Sicherheit war dieser Moment ein unglaubliches Abenteuer für das Mädchen. Ein Abenteuer, das nicht nur Ihre Unschuld rauben würde, sondern das sich auch für immer in Ihren Gedanken einnisten würde. Es fehlte nicht mehr viel und sie würde Ihm vollkommen verfallen. „Du bist Dir sicher, dass man uns hier nicht sieht?“, flüsterte sie leise, die Stimme kaum mehr als ein Zittern. Immer wieder suchte er mit den Lippen den Kontakt zu Ihrem schlanken Hals.

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Bumm. Bumm. Seine Finger hatten sich inzwischen so stark an seinen Kopf gedrückt, dass die Haut sich hell verfärbte und die Druckspuren deutlich wurden. Ein sich vergewissernder Blick zur Seite, entlockte Ihm zumindest kurzzeitig ein Aufseufzen. Sie schlief weiterhin, tief und fest. Zum Glück bemerkte sie weder seine Schmerzen, noch hatte sie die Gabe seine Gedanken zu lesen. Ob sie schlauer daraus werden würde? Vorsichtig löste er den rechten Finger von der Schläfe, um seine Hand an Ihren Bauch zu legen. Nur sehr leicht strich er darüber, während diese Berührung trotz der Schmerzen ein kurzes, groteskes Lächeln auf seine Lippen brachte. Es war amüsant, so lange nun nannte er sich bereits Ihren Freund und trotzdem war Ihm Ihr Körper weiterhin relativ fremd. Wenn er da an die Frauen vor Ihr dachte – wie schnell lernte er Ihre Körper kennen, wurde über Ihre materiellen Interessen und Ihre emotionalen Schmerzen aufgeklärt. Doch hier nun, bei Karawyn, war es als würde er ein Neuland betreten. Er kannte wohl kaum Ihre ganze Geschichte, wusste wohl noch relativ wenig über Ihre Vorlieben und vor allem konnte er sich nicht sicher sein, ob auch sie Ihm derart verfallen war, wie die naiven Frauen seiner Vergangenheit.

„Wir sehen uns bald wieder, nicht wahr?“, sie raffte Ihren Rock mit einer Hand, während die zweite Hand versuchte Ihre Haare zu ordnen. Glitzernd sah sie Ihm aus blauen Augen entgegen, so hoffnungsvoll und verloren. Erste Schritte trugen Ihn zum Wegesrand, während er Ihre Frage nur mit einem überzeugenden Nicken quittierte. Dann deutete er einen kecken Diener in Ihre Richtung an und ließ sie stehen. Nicht zum ersten Mal spielte sich diese Szene ab. Erst sah Ihm das junge Ding reichlich verwirrt hinterher, dann aber übernahmen das Glücksgefühl wieder die Kontrolle und entlockte Ihr ein fröhliches Aufseufzen.

Nur schwer ließ sich sein Herzschlag kontrollieren, während das Dröhnen in seinem Kopf langsam an Intensität verlor. Seine Augen, grau wie die aufgewühlte See, waren noch immer auf die Frau dort an seiner Seite gerichtet: Kein Spiel. Ehrlichkeit. Vertrauen. Der goldene Käfig um Ihn herum war verschlossen und doch hielt sie Ihm immer ein Hintertürchen geöffnet, falls der bunte Vogel seine Schwingen ausbreiten wollte, um zurück in die Freiheit zu gleiten. Falls der Ruf der Freiheit zu stark werden würde. Doch wie klang der Ruf der Freiheit – Bumm, bumm, bumm?
Zuletzt geändert von Yannick Ayelen am Samstag 25. Juni 2011, 21:14, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitrag von Karawyn »

Tarot

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Langsam, bedächtig, ja beinahe wie in Zeitlupe legte sie Karte um Karte auf den Holzfußboden vor ihr, breitete die fein bemalten Stücke dicken, pergamentartigen Papieres vor ihr aus, während die langen nackten Beine unter dem feinen weichen Stoff des kunstvoll gewebten Rockes verborgen lagen. Ihre Lehrmeisterin hatte ihre Vorliebe für die Karten, für das Spiel mit ihnen, immer mild belächelt und doch, wenn die Tage kürzer wurden und der Reif des Winters an allen Fenstern leckte, hatte sie sich in den alten Sessel gekauert, die sehnigen Füße zum Feuer gereckt und die gebrechlichen Knochen gewärmt und der jungen schlanken Mädchengestalt zugesehen, wie sie dem Himmel hatte ein Geheimnis entlocken wollen.
In ihr nicht ganz verständlichen Worten hatte das liebliche Stimmchen der noch nicht erwachsenen Frau dann erzählt, von dem was war, von den vielen Schicksalsschlägen und dem durch die Vergangenheit hallenden Lachen, das sie mit den Freunden verband… und sie hatte liebevoll von dem gesprochen, was jetzt war, von den vielen kleinen Fädchen, die, wenn man sich die Zeit nahm einen Schritt zurückzutreten, ein so wunderbar leuchtendes Bild ergaben. Und zuletzt hatte sie Worte über die Zukunft in die Luft des behaglichen Winterabends gehaucht…
Der Abend war in einem Meer aus Erinnerungen untergegangen…
Nur die Karten waren geblieben…

Die schlanke Hand griff nach der ersten Karte und drehte sie, vorsichtig mit dem Zeigefinger darüberstreichend, dann die nächste, bis deren Bilder in ihre meerblauen Augen leuchteten… alle bis auf eine.

„Wenn ich nur wüsste…“ flüsterte die leise Frauenstimme durch den Raum und eine angenehme Stille antwortete ihr, umrundete ihr gelocktes Haar und setzte sich wie ein Vogel auf ihre ausgestreckte Hand, breitete seine Flügel aus und begann zu schlafen.

Doch zu ihr wollte der Schlaf gerade nicht kommen, weigerte sich, die dunklen Arme um sie zu breiten.

Zögerlich streckte sie ihr eine Hand nach der letzten Karte aus, deren Rückseite ihr noch wie ein ungelüftetes Geheimnis schien, um sie umzudrehen, doch als ein leises Rascheln der Decken von über ihr durch die Stille hallte, verharrte sie erneut.
Die hochgewachsene Gestalt im Bett schien sich nur umgedreht zu haben, hatte die müden Glieder in eine bequeme Position gebracht, doch das gleichmäßige ruhige Atmen hielt an, keine Stimme rief nach ihr, keine silbergrauen polierten Scheiben blickten über den Rand des hölzernen Bettkorpus.

Karawyn, die unbewusst aufgehört hatte zu atmen, entließ die Luft nur langsam, eher hauchend. Vorsichtig streckte sie sich ein Stück in die Höhe, lugte hinüber zu den Kissen auf denen ein Kranz aus blonden Haaren das friedlich ruhende Gesicht umkränzte, arglos in seiner Stille und nur mit einem Lächeln geschmückt und Karawyn spürte, wie ihr Puls heftiger schlug.
Mit einem Flattern im Herzen hielt sie seinen Anblick, memorierte jedes kleine Detail, um es nicht zu vergessen, denn man konnte ja nie wissen, wie weit die eigene Kerze noch brannte.

„Yannick… Sternenfänger… wovon du wohl träumst…?“ flüsterte ihre klare Zunge und eine Mischung aus purer Freude und Glück färbte ihre Wangen in das sanfte Rot einer zufriedenen Frau.

Noch immer in dieses Lächeln gekleidet, sah sie wieder auf die Tarotkarten auf dem Boden.

„Was hältst du verborgen… von welcher Zukunft weißt du…?“

Doch noch immer konnte sich Karawyn nicht dazu durchringen, in das Angesicht der letzten Karte zu blicken. So vieles konnte sie bedeuten, so viele vor ihr liegende Wege beschreiben.

… konnte von immerwährendem Glück wissen oder von einem tragischen Verlust …

… konnte von niemals endender Liebe sprechen oder von dem Flug einer Biene von einer Blume zur nächsten…

… konnte ihr das watteweiche Gefühl erhalten, dass sie in seinen Armen liegend empfand oder konnte sie in die eisigen Tiefen eines gefrorenen Sees stürzen.

Wollte sie es überhaupt wissen?

Wollte sie nicht einfach lieber Vertrauen haben?

Karawyn zögerte, die Hand nur wenige Millimeter über dem Papier. Beinahe war von der Karte ein Pulsieren zu spüren, das Gefühl, ein schlagendes Herz unter den Fingerspitzen zu vernehmen, wie einen menschlichen Körper.

Unendlich langsam fuhr sie über die abgerundete Ecke und wollte sie doch schon drehen um ihr unausgesprochenes Geheimnis zu lüften, doch ein Geräusch ließ sie hochschrecken.

Vor dem Fenster schrie ein Vogel, dem Kreischen nach zu urteilen ein größeres Tier, vielleicht ein Falke oder sogar ein Adler.

Und in dem Laut des Tieres lag für die hin und her schwankende junge Frau ein Zeichen. Gewiss war sie nicht abergläubisch und doch wusste sie, dass das Leben Mysterien bereit hielt, die nicht erklärbar waren…
Wie damals, als die Reliquienkiste ihr Haar blau wie die Farbe der Streitbaren hatte werden lassen, statt sie in einen Frosch oder gar eine Blume zu verwandeln oder ihr die Sicht blau zu vernebeln.

Der Ruf des Vogels hallte in Karawyns Kopf umher, stieß sich kraftvoll immer wieder ab um weiterzusegeln und das Kind des Meeres verstand.
Eine frohe Botschaft würde sie zu sicher machen, würde ihn zu selbstverständlich werden lassen, wohingegen eine Nachricht über das Ende sie das, was an wundervoller Zeit noch vor ihnen stand mit seinem getränkten Stachel auf ewig vergiften würde…

Unweigerlich zog sie die Hand zurück, ließ den Siegelring, in dessen blaue Oberfläche ein Halbmond und ein Stern eingraviert waren, ein letztes Mal im Kerzenschein erglänzen, bevor er in den Tiefen des weiten Rockes verschwand.

„Schönheit, noch bin ich nicht bereit für dein Geheimnis und vielleicht werde ich es nie sein, denn mein Leben mit ihm kann ich nur alleine führen und sehen wie seine Flügel den Wind vermissen.“

Ein letztes Mal strich sie über die Karten die von Freundschaft, von Erfolg und von einem langen Leben sprachen, bevor sie auch deren Angesichter wieder abwendete und alle zu einem Stoß zusammenfügte, die sie vorsorglich mischte.

Gerade als sie den Stapel unterm Bett verstaut hatte, blinzelte ein noch traumverhangener Schopf über den Rand der Decken und eine leise müde Stimme fragte:

„Kann’ste nicht schlafen Schönheit?“

Einen Moment überlegte sie, ihm von ihrem Treiben in den tiefsten Stunden der Nacht zu berichten, doch dann schwieg sie still, beugte sich zu ihm und küsste ihn innig.

„Ich hatte nur eine Idee für einen Auftritt… und den wollt ich nicht vergessen.“

„Hmmm…“ , murmelte der Kopf mit dem gesponnenen Gold und streckte sene Arme nach ihr aus, um sie zu sich zu ziehn. „‘s ist einsam ohne dich…“

Karawyn schmiegte sich an ihn, fühlte seinen warmen Atem, als er wieder ins Reich der Träume einsank und schloss die meerblauen Augen, als der letzte Funke im Docht der gelöschten Kerze ebenfalls erlosch.

„Möge unsere gemeinsame Zukunft so lang andauern wie der Gang von Mond und Sterne, die den Weg ewig vereint gehen, am nächtlichen Himmel strahlend.“

Die dunklen Wimpern schlugen ein letztes Mal und dann war auch der Vollmond von der dunklen Decke Morpheus bedeckt.



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Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
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Beitrag von Karawyn »

Vom gemeinsamen Ritt auf dem Rücken einer Sternschnuppe

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Leises Rascheln, das Klingen zweier Gläser und ein Schrappen der Vorratskiste auf den Regalböden klangen durch die kleine Küche in Karawyns Haus. Wieder ein Tag, dessen Kerzenläufe zahlreich genug gewesen waren, um den Abend einzuleiten, der Punkt an dem der helle Lauf der Sonne endete und sich der dicke Mantel der Nacht über den kleinen Turm, in dem des Nachtvolks Tänzerin und Schneiderin seit einiger Zeit lebte, legte.
Geschäftige Stille, ein warmes Gefühl, den Tag mit all seinem Treiben hinter sich gebracht zu haben, hielt die schlanke Gestalt der jungen Frau in einer lockeren Umarmung und gaben ihr das Gefühl einer tiefen Befriedigung. Ein Auftrag nach dem anderen ließ die Stoffbahnen Elle um Elle weniger werden und zauberte ein erleichtertes Lächeln auf die geschwungenen Lippen.

Gefangen in den Gedanken an den vergangenen Tag bemerkte sie das leise Klacken ihrer hölzernen Haustür nicht gleich, erst die sie begrüßende Stimme ließ ihr einen Schauer aus Freude und Besorgnis über den Rücken laufen, unendliche Freude, ihn wieder zu sehn, ihn in die Arme schließen zu können und sich am polierten Silber seiner leuchtenden Augen zu erfreuen, aber andererseits eine an ihr nagende, zehrende Besorgnis, die in ihr seit dem Letzten Treffen gereift war.
Damals hatte etwas an ihm gezerrt, hatte seinen Körper unter Spannung gesetzt, wie eine Raubkatze kurz vor dem Sprung, doch war es nicht die Angst, Beute zu sein, die ihr Herz hatte nervös schlagen lassen wie die Flügel eines Vogels, es war die Ungewissheit, die Furcht, ihn zu sehr eingeengt zu haben.
Ohne recht zu überlegen trugen ihre Füße sie näher an ihn heran, ließen sie halten, die halbtransparenten Vorhänge als optische Grenze zwischen ihnen. Doch wie schon einige Tage zuvor war es keine Umarmung die sie erwartete. Ihr Gefährte blieb an der Tür stehen, seine Augen wanderten wie die eines Ertrinkenden an ihr entlang und ein Gefühl der Unsicherheit zog wie Wolken über den silbrig grauen Himmel seiner Augen, die fern und unnahbar mal den Blick zum blauen Meer ihrer Augen wandten, mal das Holz des Bodens überflogen und dann wieder durch den Schleierwald glitten als wäre ihr Anblick zu schmerzhaft…
Karawyns Herz setzte in seinem Schlag einen Moment aus…
Sie hatte nicht geirrt…
Irgendetwas stand zwischen ihnen und hielt sie voneinander ab, eine Mauer, durchscheinend wie die Luft, hielt Karawyn davon ab auf ihn zuzueilen und ihn in die weiche Berührung ihrer Arme zu ziehen.
„Was ist los Yan? Was quält dich?“, hörte sie das nervöse, leise Stimmchen, das wohl zu ihr gehörte, doch sie erkannte sich kaum selbst. Sie, die vor Menschen tanzte und sang, selbstbewusst einem der seelenlosen Letharen ins kalte leere Auge blickte, stand wie ein Kind vor dem Mann den sie liebte, die Hände in den Stoff des Rockes geklammert und harrte und wartete.
Doch seine Worte waren wie ein Schwall kalten Wassers, denn sie riefen alte Gespräche in ihr wach, ließen aus den Erinnerungswirbeln vor ihrem inneren Auge Wortfetzen wie Eisschollen an die Oberfläche tauchen.
… Ich bin nicht gut genug…
…Du hast etwas Besseres verdient…
…Ich kann bei all dem was geschehen ist doch nicht…
„ Aber du bist doch kein schlechter Mensch, nur weil du Angst hast zu verletzen…“, unweigerlich streckte sich Karawyn nach ihm aus, streifte mit den Armen seinen Oberkörper, die Hände mit den weichen Innenflächen an seinen Wangen bergend, dort Halt und Geborgenheit suchend….
Sicherheit suchend aber doch auch ihn Versicherung anbietend…
„Yannick, bitte…“
„ Du stehst fest im Leben… hast deine Arbeit…immer zu tun… du weißt wohin du mit deinem Leben willst. Du brauchst deine Freunde aber mich.. mich nicht.“
Seine verschränkten Arme fühlten sich fast wie eine wortlose Anklage an und entzog ihn ihr noch um ein Stück mehr, als er von ihr zurücktrat und den Kontakt zu ihr unterbrach, noch mehr Raum zwischen ihre beiden sehnenden Körper brachte
„ Du bist… vollkommen… und ich… ich könnte nicht… ich will nicht… dir nicht…!“, wieder brach seine Stimme. War er sonst der wortgewandte Charmeur, dessen Lächeln Herzen weit wie Tore öffnete, so klang er nun wie ein Kind, in den eigenen Grundfesten erschüttert. Das Bedürfnis ihn an sich zu ziehen wurde immer unerträglicher für Karawyn, doch sie gab nicht nach.
Von was sprach er da, für was hielt er sie nur?
„ Ich bin doch auch nur eine Frau… nichts mehr… ich bin nicht vollkommen… nicht ohne Fehler… kein Geschöpf aus irgendeinem Märchen… Und du bist mir wichtiger als alles andere...“
Ein wenig glätteten sich die Sorgenfalten seines Gesichts, doch blieben Unsicherheit und Ungewissheit Teil seiner Haltung, verweilten wie düstere Vögel auf seinen Schultern, die ihre Schwingen um seine sehenden Augen schlugen, um ihm die Sicht zu vernebeln.
„ Aber due verdienst etwas Besseres… jemanden, der dir etwas bieten kann, der dir Sicherheit gibt und in dein Leben passt… und das bin ich nicht…“ , mit einem energischen Kopfschütteln, das die hellen Haare umher wehte, sah er an ihr vorbei. Verzweiflung schwappte über Karawyns Sinne und griff nach ihrem Herzen.
Was wollte er ihr sagen, was sollten all diese Worte darüber, nicht genug zu sein?
Wollte er sie verlassen und zurück auf Reisen gehen?
„ Yannick, du bist es den ich will… nicht irgendjemand anders. Und wenn es irgendwann dann enden muss, so sind all die Stunden, die wir zusammen verbringen durften, ein kostbarer Schatz den ch nie vergessen werde.“
„Kara…“, nun färbten Ungläubigkeit und Entsetzen die wohlklingende tiefere Stimme, „.. für was hältst du mich? ich bin auch nur ein Mann, und du… du bist so…und ich will dir nicht zu nahe kommen, nicht etwas von dir verlangen. Deine Erfahrungen mit… mit dem Harem, damit verkauft worden zu sein… bei den Göttern, ich sehe dich an und ich will dich nicht zu etwas überreden. Bitte… sei… sei nicht so naiv.“
Das war es? das plagte ihn?
Seine Stimme fuhr fort ihr verzweifelt zu erklären: „ Und ich sehe auf andere Frauen um dich nicht zu etwas zu bringen, das so Schreckliches von früher wachruft.“

Aus den Tiefen des Herzens, das in Karawyns Brust schlug und schlug, stieg ein Lachen auf, heiter wie ein Sommerregen an einem Frühlingstag, huschte durch die ihn fixierenden blauen Seen, zog schelmisch die Mundwinkel um ein Stück in die Höhe und breitete sich durch alle Glieder wandernd aus, bis eine unglaubliche Leichtigkeit Karawyns ganzes Sein erfüllte.
Aus dem unwirklichen Gefühl ihn falsch verstanden zu haben blinzelte sie und doch konnte sie nicht verhindern, dass die Heiterkeit sich auch auf ihrem Gesicht wiederspiegelte.
„ Willst du mir sagen, du siehst anderen Frauen nach, um von mir nichts zu fordern und sagst mir im gleichen Atemzug, du bist mich nicht wert als wäre ich der Schatz des hochherrschaftlichen Emirs, die Blume seines Harems, verborgen vor aller Männer Augen?“
Das war wohl nicht, was Yannick erwartet hatte, denn vollkommen fassungslos funkelten sie seine Augen an, als würde er nicht schlau aus den vielen Reaktionen, die ihr Körper ihm als Rätsel zu entziffern aufgab. Zu irritiert spannte sich sein Oberkörper über dem die verschränkten Arme wie eiserne Bänder lagen, noch mehr an.
„ Ich… ich sehne mich nur nicht… so sehr… danach, weil ich all das Wunderbare, Unglaubliche noch nicht… nicht erlebt habe… in einem Harem gelebt zu haben, heißt nicht… nicht dass ich… dass man… ich war noch zu jung…“ Und da war sie. Die zarte Röte, die wie ein Flaum Besitz von ihren Ohrenspitzen ergriff und die Wangen langsam hinab kroch um im See ihres Halsausschnittes zu baden.
„ Es gab einfach noch nicht den… richtigen Zeitpunkt…“

In diesem Moment waren die Stille und das Brechen eines Dammes fast so greifbar wie die schlanke feingliedrige Hand, die sich nach ihm ausstreckte, den gläsernen Wall zwischen ihnen zerbrach und die glitzernden Scherben den Sternen gleich um sie beide schimmerten.
Nichts hielt ihn mehr.
Keine Zurückhaltung band ihn mehr, als er ihre Hand ergriff und sie wie einen Vogel in seine größere Handfläche barg um einen zärtlichen Kuss darauf zu hauchen.


Welche Pläne es auch waren, die die beiden an diesem Abend vor ihrem Treffen wie saubere Wäsche noch zurechtgelegt hatten, so lösten sie sich in Wohlgefallen auf, verschwanden auf leisen schleichenden Sohlen, um ein ander Mal ausgeführt zu werden, denn die sich in der Küche ausbreitende Ruhe bedurfte ihrer nun nicht mehr.


Von weiter oben aber hallte ein Sehnen durch die Wände, Böden und Fenster hinauf zu den ewig leuchtenden Sternen.
Ein warmes Pulsieren zog wie flüssiges Gold durch die Adern zweier Menschen, wirbelte in einem luftigen Mahlstrom den Atem umher und strich wie der freundliche Sommerregen ihre Seelen hinab. Dem Vogelflug gleich umflatterten sich zwei schlagende Herzen, trafen sich im Fluge in den höchsten Höhen des blauen Nachthimmels, um einander immer und immer wieder zu umgarnen.
… keine Ängste…
…keine Zweifel mehr…
Wie der Märchenvogel Phönix verglühten zwei schwebende Federn um aus sich selbst heraus neu geboren zu werden, das mystische Lächeln des gütigen alten Vollmonds und seiner Sternenschar als einzige Zeugen.
Silber versank in den meerblauen Tiefen als sich goldgesponnenes Garn mit dem sonnig warmen Braun reifer Maronen einer verlorenen Sommersonne verband…
Und zweier Tänzer Schritte drehten sich hinauf in die Lichter, die noch nie so hell gestrahlt hatten und auch noch hinter verschlossenen Lidern lichterloh brannten, zweier Tänzer, die ein und dieselbe Melodie zusammenhielt, getragen vom Takt der wenigen Instrumente, die in der abendlichen Stille von der unendlichen Größe eines menschlichen Herzens sprachen, dass aus zwei Seelen endlich eine hatte werden lassen.

[img]http://www.pictureupload.de/originals/pictures/050711225520_Sunset_by_moonmomma.jpg[/img]

Glieder bei Gliedern gelöst,
Schlaf in die Lider geflößt,
Herzen, die ruhiger pochen,
Und kein Wort mehr gesprochen,
Nur in befriedigter Brust
Eins noch des andern bewußt.

Lippen, die küßten sich wund,
Küßten die Herzen gesund,
Weg das Siechen und Sehnen,
Seufzer und Küsse und Tränen.
Liebe ward wieder ein Kind,
Schuldlos, wie Selige sind.

Horch und die Glocke erscholl,
Mahnt, daß die Stunde nun voll.
Leicht wie Flaum ist das Leben,
Das sich der Liebe gegeben.
Sterne, o neiget den Blick
Auf ein vollkommnes Geschick!

Droben rudert ein Schwan
Milchweiß schimmernde Bahn,
Hell das Gefieder von Sternen
Zieht er durch himmlische Fernen,
Rudert nach Traumland voraus,
Sucht der Glückseligen Haus.

Weile, du goldener Schwan.
Stunde, den Flügel halt an.
Über dem sternbedeckten Dache
Leis beziehet die Wache.
Bleibt in der Sel'gen Revier -
Im Land der Träume weilen wir.
(Isolde Kurz)
Zuletzt geändert von Karawyn am Donnerstag 7. Juli 2011, 01:20, insgesamt 1-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Gast

Beitrag von Gast »

Eine Metamorphose: Vom Feuer, das die Neugeburt brachte

[img]http://666kb.com/i/bvodfdnkgpd5xlb4f.jpg[/img]

Eine einzige Nacht, die so viel verändert hatte. Eine Nacht, die die Farben im Raum heller strahlen ließ, die die Gesänge der Vögel am Morgen herrlicher erklingen ließ. Eine Nacht, die das Gefühl von einer Neugeburt mit sich brachte. „Gut geschlafen, Schönheit?“, ein liebevolles Lächeln durchbrach die Züge des Charmeurs, als er seine Lippen einen Moment gegen Ihre Stirn drückte. Schlaf hatten sie beide nicht viel gefunden, zu oft standen sie in Flammen, um schließlich aus der Asche neu geboren zu werden. Ihr warmes Lächeln. Ihre funkelnden Augen. Die erste Unsicherheit in Ihrem Antlitz, dann schließlich das Vertrauen. Die Nacht war kurz gewesen und trotzdem lagen sie hier nun wach und ausgeruht, mit einem unglaublich ausgeglichenen Ausdruck im Gesicht. Kurz strich er mit den Fingerkuppen durch Ihr Haar, um sich dann aus dem Gewühl der Bettlaken zu stehlen. Mittag musste es wohl sein, so hoch stand die Sonne doch bereits am Firmament. Die Gesänge des Morgens waren verstummt und stattdessen hörte man bereits das geschäftige Treiben der Händler in den Gassen, das fröhliche Geschrei von Kindern auf den Straßen. Mit einer raschen Bewegung schlang er sich eines der zerknüllten Laken um sein Becken, um so – mit bloßem Oberkörper – an das Fenster treten zu können. Die Läden waren nicht geschlossen, so dass das Zimmer den Abend zuvor von Mondlicht durchflutet wurde und beide Ihren Namen alle Ehre machten: Das Nachtvolk. Vollmond. Sternenfänger. Jetzt aber schien die Sonne derart hell in den Raum, dass er angestrengt seine Augen verengen musste, um blinzelnd über die Baumwipfel hinweg blicken zu können. „Ich glaub' uns erwartet 'n schöner Tag.“, wurde der Ausblick von Ihm kommentiert, während die großen Hände begannen die blonden Haarsträhnen auf seinem Haupt etwas zu ordnen. Wie oft hatte er all dies machen müssen, während er bereits aus dem Haus gestürmt war? Ein Bein in der Hose, das Zweite angewinkelt. Hüpfend in einem Schuh, den Zweiten vor lauter Eile lediglich in der Hand halten. Doch heute war es anders – zum ersten Mal. Wie Phönix aus der Asche. Der goldene Käfig war sein Heim geworden. Ein Käfig aber ohne Gittertür, die Ihm das Gehen und Kommen verbot. Nein, der schöne Vogel konnte seine Schwingen ausbreiten, sich vom Nordwind treiben lassen, nur um des Abends wieder anzukommen. In seinem Heim, bei seiner Besitzerin. Dieser Gedanke trieb Ihm ein Schmunzeln auf die Züge und er wendete sich in einer geschmeidigen Bewegung zu Karawyn herum. Seine Besitzerin – welch' abwegiger Gedanke und trotzdem eine Überlegung, die Ihm schon so einige Male in den Sinn gekommen war. Danielle hatte es damals so oft erwähnt: Er war der Jäger, die Frauen seine Beute. Passend. Bis zu dem Zeitpunkt an dem er sie getroffen hatte. Sie hatte es geschafft, dass er verweilte, dass er kaum mehr Jagdgelüste entwickelte. Ja, mit jeder Begegnung hatte sie Ihn nur ein Stück mehr gezähmt und in Ihren Bann geschlagen.

„Über was denkst Du nach? Ich sehe genau, dass da hinter Deiner Stirn etwas vor sich geht, Yan.“, Ihre fröhliche Stimme riss Ihn aus den Gedanken und zwang Ihn zu einem Kopfschütteln. Es gab weiterhin Gedankengänge, die er nicht mit Ihr teilen wollte. Konnte. So sehr er Ihr auch vertraute, eine gewisse Barriere erlaubte es Ihm doch nicht, sich Ihr vollends zu öffnen. Noch nicht. Die Metamorphose brauchte Ihre Zeit. Ausdauer, die sie aufbringen musste, wenn sie Ihn letztendlich vollends verstehen und durchblicken wollte. Anstatt also zu antworten, streckte er Ihr die Linke entgegen, um sie aus dem Bett zu locken. Als sie sich ohne Scheu aus den Laken erhob, war er sich gewiss: Ein weiteres Geheimnis zwischen Ihnen war die Nacht gelüftet. Scheu wurde genommen, so dass man einen weiteren Schritt aufeinander zu genommen hatte. Liebevoll schloss er sich in seine Arme, um Ihren Leib ein Stück weit an seine Brust pressen zu können. Bumm. Bumm. Bumm. Nicht der Ruf der Freiheit schlug in seinem Herzen. Nicht der Drang erneut der Beute nachzusetzen. Stattdessen bewegte er seine Lippen an Ihr Ohr und murmelte: „Ich liebe Dich, Karawyn.“. Ohne Wenn und Aber. Er hatte einen großen Teil seines Herzens an diese Frau verloren. Ihr Körper. Ihre Stimme. Ihr Geruch. Ihre Bewegungen. Ihre Berührungen. All das hatte dazu beigetragen, dass der Jäger besänftigt wurde, um sich vorerst still schweigend an den Leib der ehemaligen Beute zu schmiegen.

~~~~~~~~~~~~~~~~

Wäre das Meer die Tinte
und der Himmerl das Papier
könnte man selbst dann nicht schreiben,
wie groß meine Liebe ist.

Ich liebe dich mehr,
als Blätter in der Luft herumwirbeln,
als der Himmel Sterne hat
und Sandkörner die Meere.

Ich liebe dich mehr,
als es Sandkörner in den Flüssen gibt
und Fische im Meer.

Wenn du in mein Herz eintreten würdest
und meine Gefühle sähest,
wärest du viel zufriedener
und liebtest mich noch viel mehr.


Faun - Tinta (Übersetzung)
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Karawyn
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Beitrag von Karawyn »

So emotional
You make me feel
So emotional
I can't let go I'm
So emotional
I'm sinking fast in-
to an ocean full of you
(Whitney Houston: So emotional)


Dunkel und schimmernd hell zugleich, satt blau, wie der Himmel an sonnigen Sommertagen, blaugrün wie das Leuchten des Schuppenkleides auf den Meerjungfrauenunterleibern, die nur rasch einen Blick über die Wasseroberfläche wagen, bevor sie in den Tiefen des Meeres wieder versinken, aber auch so finster wie eine mondlose Nacht, in der sich sogar die Sterne verkriechen wollen lag das Meer, das sich bis zum Horizont und noch viel weiter erstreckte um die kleine Insel Laerdomn. Nicht groß, sicher viel kleiner als die meisten Herzoglehen aber auch nicht winzig und unscheinbar, gerade mit genug Platz bot sie jenen, die das Eiland als Heimat betrachteten Platz, um ungestört und frei von vielen Sorgen zu leben.
An jedem Morgen, noch bevor die gerade ein Hand voll messenden blauen Singvögel ihre ersten Lieder zum Besten gaben, erhob sich wie eine alterslose Königin die Sonne gekrönt mit ihrem güldenen Strahlenkranz um hoheitsvoll das beschauliche Fleckchen Erde draußen im weiten Meer zu bescheinen. Wenn der Abend nahte, breitete Mutter Nacht ihre Decke über die so viel heller leuchtende Schwester und sandte all die kleinen Sternenkinder aus, um Wache zu halten…über den Schlaf der Gerechten, bis sich der Tag erneut zu einem heiteren Tanz erhob.
Laerdomn, klein, beschaulich, mit dem schönsten Blick übers Meer, den man wohl, pflügte man nicht auf dem Rücken eines Schiffes über die weite See, haben konnte, ein Anblick, der sich tief in die Seele der jungen Frau gebrannt hatte, als hätte sie zu lang in den Himmel gesehen, mitten in das Licht der Sonne hinein.

Jenes Bild war es, das Yannick, der Sternenfänger, auf einer seiner Reisen wiedergefunden hatte. Kein Wort hatte er verloren, wie und wann genau er auf die verlassene Insel gestoßen war oder ob er vielleicht mit voller Absicht danach gesucht hatte um ihr ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, doch eines Abends, nach mehrwöchiger Abwesenheit, war er erschienen und hatte es ihr mit dem verführerischen Lächeln als Geschenk übergeben… ein Stück verloren geglaubte Vergangenheit, gebannt und für die Ewigkeit bewahrt auf dickem, feinem und fasrigem Pergament, gemalt mit den leuchtensten ausdruckstärksten Pigmenten, die er hatte finden können, farbenfroh und hell wie ein Lachen.

Und doch…

Soviel Freude in dem Bild lag so wenig Lächeln enthielt Karawyns Gesicht in jenem kurzen und doch für sie so lange währenden Moment, die reine ehrliche Begeisterung über das Erinnerungsstück war gewichen nur mehr ein dunkler Schleier, der den Vollmond kränklich und blass wirken ließ. Starr wie der einer Statue aus Salz, lag ihr Blick auf dem Bild, fuhr jeden Pinselstrich nach als hinge ihr Leben selbst daran, während sich die halbmondförmigen Fingernägel ins weiche Fleisch ihrer Handflächen bohrten, als sie schmerzvoll die Hände ballte.
Eine ungewohnte Härte hielt sie aufrecht, hielt sie an unsichtbaren Schnüren den Kopf erhoben stehen, während auf ihrem Gesicht und in ihrem Inneren alles in Aufruhr war. Unter der glatten Oberfläche des Meeres sammelte sich der Sturm, der sie zu überfluten drohte. Ein Quentchen Angst umschloss sie, das Bächlein Furcht, dessen Lauf so sanft und gleichmäßig in den Bergen begann, schwoll auf seiner Fahrt ins Tal immer weiter an, bis es die Ausmaße eines reißenden Flusses annahm, der alles überschwemmte und mit sich riss.
Angst vor dem, wenn auch nur wenige Zeilen umfassenden Brief, der als Absender den, den Vollmond anheulenden, Wolf nannte, ein grimmes wildes Tier und der von Verrat sprach, von Betrug… und von einem leichten Mädchen… eine derer, die ihr Herz für Geld verkaufen.
Von all jenem, vor dem sie sich in einer stillen unbemerkten Kammer ihres Herzens immer gefürchtet hatte, auch wenn sie das in jedem Moment leugnete.

Sie hatte die wispernde, zischelnde, aber nichtsdestoweniger bohrende Stimme immer wieder zum Verstummen gebracht und hatte ihr Einhalt geboten, hatte von seiner Liebe gesprochen… von den Gefühlen, die er aus seinem Herzen auf die Zunge gelegt und ihr als Pfand überreicht hatte…. und doch…wollte die Stimme heut nicht still sein. Höhnend flüsterte sie die Worte die schwarz auf weiß geschrieben in ihrer Tasche lagen, geknüllt und gequetscht, verschwommen von einsamen Tränen, doch nichts hatte ihnen die Schärfe genommen. Wie Regen, der gnadenvoll die Erde rein wäscht, waren sie gegen ihren Willen aus den blauen Seen gelaufen und hatten Wangen und Papier überschwemmt, Tintenflecken als stumme Zeugen hinterlassend.

Hatte der Paradiesvogel Yannick seine Flügel erneut ausgebreitet und war davongeflogen, es den Bienen gleichtuend, die von Blüte zu Blüte fliegen und nie verweilen?

War sie nichts mehr als ein schönes Spielzeug gewesen, dem er die Liebe wie Krokodilstränen gegeben hatte?

Rain is falling down on me
Suddenly the sun comes out
Sometimes north or south of love
But I'm never out (never out)
Never out
I'm so emotional!


Karawyn konnte und wollte es nicht glauben. Um ein Spiel zu treiben hätte es sicher einfachere Beute gegeben, die schneller und leichter auf das schöne Gesicht und die galanten Worte reingefallen wären. Dazu hätte es nicht des Vollmondes bedurft, das wusste die Tänzerin genau.
Ein Funken Hoffnung und Erleichterung glommen auf und sie klammerte sich für einen Moment wie eine Ertrinkende daran fest. Wozu sollte er sich die Mühe machen und von Liebe sprechen, wenn es ihm doch nichts bedeutete? Und waren es nicht echte Gefühle gewesen, Sorge, Freude und etwas, dessen Macht er noch fürchtete, selbst jetzt noch, da er sich für ein Leben mit ihr entschieden hatte? Hatte es nicht zu deutlich in seinen Augen gestanden, wenn er sie ohne jede Schranke, ohne die glatte Maske des Verführers angesehen hatte? So ehrlich… so… verletzlich?
Doch erbarmungslos hackte die Stimme wieder auf sie ein und zog Karawyn in ihren säuselnden hissenden Bann. Ihr leises Krächzen schrappte über die verletzliche Seele und kratzte an den Mauern ihrer aufrechten Haltung, ließ vor ihrem Inneren Rauch zu dem beschriebenem Flammenhaar auflodern, einem entfachten Waldbrand, dessen Gier kein Zögern und kein zaudern kennt, gleich. Die Worte streckten ihre skelettartigen Finger nach ihr aus um erst sanft dann aber mit mehr Bestimmtheit zuzupacken.

Yannick hatte versprochen etwas zu sagen…

Vielleicht, so wehrte sie sich, war es nicht mehr als Altweibergeschwätz. Anney hatte nur bestätigt, ihn mit einer andern jungen rothaarigen Frau gesehen zu haben, hatte geschildert wie sie ihn, verkleidet und von ihm unerkannt erblickt hatte, doch seine und ihre Worte hatte der Windzug verschluckt und so war das Gespräch zwischen ihnen, das die Gesten begleitete ungehört geblieben.

Und vielleicht hatte auch der Wolf, dessen Zeilen sie wie ein gefälltes Todesurteil in den Falten ihres Rockes verborgen trug und die sie mit jedem Schritt Ungewissheit ein Stück mehr in die Tiefe des nimmer endenden Gedankenkreises zog, nur gesehen was für jeden sichtbar war. Den Sternenfänger… einen gutaussehenden hochgewachsenen Mann, der, wie ein Barde am Hofe großer Herrscher, den Frauen schöne Augen machte… doch… die eine Grenze des Verrates nicht überschritt.
Ein einzelner Tropfen verließ seine sturmblaue Behausung und fing den verbleibenden Lichtstrahl der erlöschenden Kerzen ein. In seinem Fall folgte ihm, als habe der erste eine Lawine losgetreten, ein zweiter, ihm auf den Fersen ein dritter. Ein Meer aus Rinnsalen platschte auf die Holzdielen unter Karawyns nackten Füssen, hinterließ mit jedem Kameraden, der ihm auf der Spur war mehr winzig kleine Pfützen aus Salzwasser, bis die schlanke anmutige Frau schluchzte und für den Mond, der in dieser sternenlosen Nacht ihr einziger Gefährte war, unerträglich qualvolle Tränen vergoss. Gern hätte er seiner Tochter die kalten blassen Arme entgegen gestreckt doch war er zur Untätigkeit verdammt und so legte er nur sein Licht durch die offenen Fenster als Mantel um sie als die Tränen langsam versiegten und sie sich auf die Lippen biss.

Schmerz… roter Schmerz mitten im blauen Tränenmeer.
Lag auch hinter dem Biss keine gewaltsame Härte, so riss er sie doch zurück aus dem Mahlstrom der sich ständig wiederholenden Gedankenschleife um Angst und Hoffnung.
Sie durfte sich nicht gehen lassen.

Anney hatte ihr ihre Meinung deutlich genug zu verstehen gegeben, ihre Worte gut gewählt und so waren sie einerseits von beruhigender, andererseits aber von schockierender Ehrlichkeit gewesen. Die „Freundin mit dem Bengelsgesicht“ hatte sich erst zögernd zurückgehalten, doch Karawyns wächsern bleiches Gesicht, das so gänzlich fehlende Lächeln und die Augenringe, die dunkel und breit wie Gräben waren, hatten ihre Zunge gelöst. Auch sie hatte die Meinung vertreten, die einst schon ihr alter Freund Lucien eingenommen hatte.
… dass der Mann mit den Augen aus poliertem Silber und den Strähnen aus gesponnenem Gold nichts für sie war…

Glaubte denn irgendwer an sie beide? Glaubten sie überhaupt beide noch daran?
In diesem Moment, unter dem Licht des Mondes, leer geweint, hätte sie es nicht zu sagen vermocht.
Viel zu groß war die Ablehnung gegen ihn, die er durch sein unstetes luftiges Wesen selbst heraufbeschworen hatte. Viel zu oft waren es seine schmeichelnden Worte, die andere Frauen hofierten…all das rächte sich nun im donnernden Wolkenbruch, der über Karawyn niederging. Sie zitterte, ballte wieder hilflos die Hände und hinterließ so nur mehr der Halbmondabdrücke als Spuren des Kampfes in ihrem Inneren auf den Handflächen.
Sie liebte ihn… ja…

You take me high and low
You know
I'm never sure which way you're gonna go
You're such a mystery to me
But baby hot or cold
You got a hold
Of my imagination



Sie wusste wenig von der Art des Werbens in der Welt des Adels und den höfischen Gefühlen, die so greifbar wieSchall und Rauch waren, doch sie wusste von der gespielten Art des Werbens, welche die Kurtisanen im Harem den Männern angedeihen ließen und nichts davon konnte im Vergleich zu den Gefühlen in Yannicks Augen standhalten. Sie konnte und wollte dieses unglaublich berauschende, sie in den Grundfesten erschütternde und zugleich schrecklich- schöne wie schön- schreckliche Gefühl nicht aus ihrer Brust schneiden.
Nicht auf den Brief eines Fremden, dessen Zeilen das bedrohliche Heben der Lefzen eines Raubtieres inne hatten…
Nicht auf Anneys Beobachtungen…
„Frag ihn…“, hatte sie Karawyn geraten… „Frag ihn selbst und du wirst sehen was er antwortet…“
Und mochte alles danach aussehen… selbst die Karten einer befreundeten anderen Schneiderin, die voller Passion die Zukunft in den Karten suchte und die diese so viel besser als sie zu legen verstand, sprachen von zwei Liebenden, einem gemeinsamen Herzschlag, der wieder zu zwei einzelnen Wegen werden konnte. Doch Papier war geduldig…
Ihre Lehrmeisterin im Harem hatte es ihr immer wieder gesagt: „Kara, meine kleine Knospe, wenn du eine geschickte Zunge und ein flinkes Köpfchen hast, können dir die Karten alles erzählen, das der Kunde nur zu hören wünscht. Du musst sie nur für das richtige Ohr zu lesen wissen.“
„ Ich werde ihn fragen…“ beschloss sie. „Ich werde ihm anbieten zu gehen bevor seine Wege die meinen verletzen…“ Während Träne um Träne versiegte, trocknete eines der letzten Sommerlüftchen die Pfützen zu ihren nackten Füssen und auf ihrer Haut.
Egal was passierte…es gab immer noch das tiefe Gefühl für ihn. Und hatte der Sturm sie auch mit seiner vollen Macht überrannt und zu Boden geworfen, nichts hatte die Liebe für ihn absterben lassen, auch wenn das Gift gefährlich nah bis an ihr Herz geströmt war.

It's hard to feel the rush
To push the dangerous
I'm gonna run right to, to the edge with you
Where we can both fall over in love

I'm on the edge of glory
And I'm hanging on a moment of truth
Out on the edge of glory
And I'm hanging on a moment with you
I'm on the edge
(Lady Gaga: Edge of Glory)


Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Gast

Beitrag von Gast »

Die Fäden einer Marionette Teil I

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Der schattenartige Vorhang, der sich über Ihre blauen Augen gelegt hatte, war nicht zu übersehen. Eine kleines Wölkchen hatte sich vor Ihr sonniges Antlitz geschoben und bezeichnete nur all zu deutlich Ihren Kummer. Unsicherheit in Ihrer Stimme, genauso wie in Ihren sonst so fliessenden, selbstsicheren Bewegungen. Selbst Ihre Berührungen an seinem Körper fühlten sich falsch an, als würde sie versuchen Ihm Ihren Kummer vorzuenthalten. Mit Sicherheit - normalerweise hätte er sich wenig daraus gemacht, hätte mit den Schultern gezuckt und sich gedacht, dass in ein paar Tagen sowieso alles wieder in Ordnung wäre. Die Sorgen der Frauen: Sie sind emotional, stellen in diesem Moment das rationale Denken ein und nichts im Leben würde sie in dieser Situation von den Gedanken abbringen. Manchmal machte es sogar den Eindruck als würden sie in diesem Moment wütend, traurig oder nachdenklich sein wollen.

Doch jetzt, hier und heute bei Karawyn, war es Ihm nicht egal. Er zuckte nicht mit den Schultern und ließ sie auch nicht mit Ihrem Kummer alleine. Stattdessen zog er sie an seine Brust und schloß die Hände behutsam hinter Ihrem Rücken zusammen. Einige Zeit genoß er lediglich das Gefühl Ihrer Nähe, Ihrer Wärme, Ihres Geruches, blendete Ihren skeptischen, verunsicherten Blick aus und gab sich der Illusion hin, dass er keinen Fehler gemacht hat. Aber eine Illusion, bleibt nun einmal eine Illusion. Genauso wie er, Yannick, der Sternenfänger blieb. Reisender, ohne wahre Heimat. Ein Blatt im Wind, das zwar an Gewicht gewonnen hatte und nicht bei der kleinsten Brise davon getragen wurde, doch aber bei einem deutlicheren Windzug wieder hinaus in das Land trieb. Er war nun einmal ein Abenteurer, der die Reise liebte. Das wußte sie und akzeptierte sie. Doch immer deutlicher wurde, dass Akzeptanz nicht gleich Gefallen bedeutete. Wie auch, wenn er tagelang verschwand, ohne Ihr eine Nachricht zu hinterlassen? Aber es war schwer seine innere Unruhe zu erklären, Ihr deutlich zu machen, dass es nicht an Ihr oder gar der gemeinsamen Beziehung lag. Immerhin war er sich seiner Gefühle zu dieser Frau sicher, ob die Beziehung nun dem Gesellschaftsmaß entsprach oder nicht.

Als er den Blick aus Ihren dunkle, blauen Augen wieder auf sich spürte, wurde Ihm schlagartig bewusst was Ihre Sorge sein musste: Liebst Du mich noch? Gibt es eine andere Frau in Deinem Leben, kleiner Vogel? Möchtest Du die Beziehung vielleicht beenden, weil Du Dich damit doch nicht mehr identifizieren kannst? Jede Frage war ein Schlag in das Gesicht für Ihn gewesen. Obgleich die Formulierung mit Sicherheit vorsichtig war, und keine Anklage Ihrerseits beeinhaltete, führte sie Ihm vor das Gesicht, wie sehr er sie und Ihre Gefühle vernachlässigte. Zweifel nagten an Ihr und mit Sicherheit hatten Ihre Freunde darin wieder ein gefundenes Fressen entdeckt, um Karawyns Ängste nur noch zu untermauern. Schon immer hatten sie gegen Ihn gesprochen, hatten bereits von Anfang an Ihre Bedenken bezüglich seiner Lebenseinstellung geäußert. Nur Karawyn, nur sie stand die ganze Zeit hinter Ihm und schenkte Ihm Ihr uneingeschränktes Vertrauen. Aber jetzt, jetzt in diesem Moment war Ihr Blick so dunkel, dass er Ihr Vertrauen regelrecht vor sich bröckeln sah. Ihr stiller Blick, Ihre verständisvolle Art, Ihm diese Fragen zu stellen - das alles war schlimmer, als wenn sie hier und jetzt Ihren Gefühlen freien Lauf gelassen hätte. So war es einfach nur die Stille, die Ihre verzweifelten Fragen an Ihn herantrieb und an seinem Gewissen nagte. Würde er sich tatsächlich grundlegend verändern müssen, um Ihr das zu geben, was sie insgeheim wollte? "Nein, Yan, ich verstehe, dass das Reisen ein Teil von Dir ist. Und ich akzeptiere es.". Wie oft hatten sie dieses Thema bereits besprochen? Und jedes Mal hatte sie Ihm Verständnis entgegen gebracht, nur damit er jetzt sah, dass sie zwar akzeptierte, nicht aber glücklich damit werden würde.

Jeder Muskel in seinem Körper brannte und es schien Ihm, als würden seine Gliedmaßen sich nicht mehr kontrollieren lassen. Kraftlos ließ er also von Ihr ab, um sich auf den nahegelegenen Sessel fallen zu lassen. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, indem er sich das erste Mal auf wahrhaftige Gefühle einließ. Er hatte sich vorgenommen diesen Weg gemeinsam mit Ihr zu bestreiten, schöpfte Kraft aus Ihrem Verständnis und Ihrer Nähe. Seine Hände schloßen sich ineinander, als er nun begann die Finger gedankenverloren zu kneten. War er vielleicht wirklich nicht dafür geschaffen Frauen über einen längeren Zeitraum glücklich zu machen? Er erinnerte sich genau daran, als Lessaja Ihm erklärte, wie sich Liebe anfühlen müsse. Bei einem Kuss, bei einer Umarmung oder in der Zeit einer räumlichen Trennung. War es das, was er fühlte? Oder hatte er sich nur einer weiteren Illusion hingegeben? Abermals ließ er den Blick seiner grauen Augen über Karawyns Gestalt wandern, Ihr Körper war Ihm inzwischen so vertraut wie sein Eigener und trotzdem gelang es Ihm noch nicht gänzlich hinter Ihre Stirn zu blicken. Vertrauen. Hatte sie es noch zu Ihm? Oder hatte die Zeit seiner Abwesenheit bereits so sehr an Ihr genagt, dass sie sich den Verteufelungen Ihrer Freunde hingegeben hatte? Blaue Augen taxierten Ihn, während auch Ihre Haltung mehr und mehr von Verunsicherung sprach. Sag' etwas, Yannick. Du musst etwas sagen. Dröhnte die Stimme hinter seiner Stirn. Sag' etwas zu Ihr.

Und er sagte etwas. Was er sagte, welches Details, das war inzwischen vermutlich nicht mehr von Belang. Das Strahlen kehrte augenblicklich in Ihren Augen zurück und er konnte auch Ihre Wärme wieder spüren, die so voller Ehrlichkeit in sein Bewusstsein drang. Ein Fehler, den er nicht wieder machen wollte. Er würde sich, wenn er sie halten wollte, ändern müssen. Mit seinem alten Leben abschließen, um einen Neuanfang zu wagen. Ein neuer Abschnitt müsste beginnen, in dem Yannick der Sternenfänger, nicht mehr fing, sondern gefangen wurde und Fuß gefasst hatte. Die Gedanken, die sich zu Wort melden wollte, all die Widerworte und Einwände, wurden von Ihm für diesen Moment verbannt. Das Türchen wurde abgeschlossen und der Schlüssel weit, weit in die Ferne geworfen. Er würde sich dagegen wehren müssen, wenn Ihm dieser Wandel gelingen sollte.

Mit diesen kontrollierten Gedanken zog er sich dann auch eine Weile zurück. Er musste seine Welt neu ordnen und einen Platz für Karawyn finden, der Ihr gerecht werden würde. Vermutlich würde er sich auch der Gesellschaft anpassen müssen, um Ihr das zu bieten, was sie verdient hätte. Konjunktive. Überall diese Konjunktive! Er müsste. Er würde. Was wäre? Was würde passieren? Tage vergingen, in denen er sich kein Wort auf Papier brachte, kein Bild auf die Leinwand, geschweige denn auf eine Haut. Selbst sein Körper wollte Ihm nicht so gehorchen, wie er es normalerweise auf der Bühne oder dem Hochseil getan hätte. Er wurde zu einer Marionette, bewegte sich, wie man es von Ihm erwartete und passte sein Handeln den ebenso kontrollierten Gedanken an. Er soll. Er muss. Er kann. Er soll. Er muss. Er kann. Was also muss man einer Frau bieten, um Ihr zu zeigen, dass es einem tatsächlich ernst ist? Ein Haus. Kinder. Einen Baum. Eine Hochzeit. Eine - Hochzeit! Das war das Stichwort. So oft hatten sie schon darüber gesprochen, dass Ihnen diese Zeremonie nicht wichtig war. Dass man auch ohne ein Ehegelübde voller Liebe zusammen leben konnte. Aber vielleicht war es ja doch das, was sie sich wünschte? War es nicht von jedem Mädchen der Traum eimal im Leben mit: "Ja ich will" zu antworten?

Aber war es auch das, was er sich wünschte? Sah sein Leben so aus? Er soll. Er muss. Er kann. Er ...
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Karawyn
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Beitrag von Karawyn »

Die Nacht des fehlenden Mondes

Schmerz…
Angst…
Schreckliche Furcht…

Karawyn zog die Arme fester an den eigenen Kopf, umschlang ihn hilfesuchend, bedeckte die zerschlagene und wie rohes Fleisch schmerzende rechte Gesichtshälfte… klammerte sich um das Bisschen, das von ihr geblieben war. Seine Stimme, das ekelhafte, selbstgefällige und von sich selbst überzeugte Stimmchen hallte auf sie herab, während sein Paar Stiefel gefährlich nah vor ihr zum Halten kam.
„Das macht keine mit mir Püppchen… mich spuckt keine an! Das erlaubt sich niemand!“
Sie konnte die Wut in seinen Worten darüber, abgewiesen worden zu sein schmecken, spürte wieder die sabbernde geifernde Gier seines Blickes, die ihren Körper wie das Fleisch eines Viehs gemessen hatte, abwog, ob er sie für gut genug befand, um ihm ein bisschen Freude zu bereiten.
Sie roch seinen Ärger, der mit jedem Atemzug greifbarer wurde, als sie ihn von sich gestoßen und ihn für den Versuch, seine Hände an ihrem Körper zu laben ins Gesicht gespuckt hatte.
„Nicht mit mir Singvögelchen…!“

Der Schmerz, als er die geballte Faust unvermittelt und mit ganzer Kraft in ihr Gesicht schlug, an Schläfe und Auge entlang schrappte, kroch wie Feuerameisen über ihr Gesicht und sammelte und staute sich oberhalb ihrer Nase, nahm ihr die Luft zu atmen und raubte ihr die Sicht. Ein leises Wimmern löste sich aus ihrer Kehle, erhob sich zur Decke, nach Hilfe suchend, doch zerquetschte eine Hand aus Lachen es wie einen lästigen unnützen Käfer.

„Ich werd wiederkommen, Püppchen… hast du mich verstanden? Ich komm wieder wenn du’s nicht erwartest…“
Karawyn’s Kopf glühte, ihr wurde schwarz vor Augen und nur am Rande ihres Bewusstseins drang das Ratschen und Bersten, das Knallen und Ächzen der Möbel zu ihr durch, als Ludwig Lassard sich ob des ihm entgangenen Spiels mit ihr zumindest an ihrem Keller austobte, liebevoll gehegte Bücher aus den Regalen riss, die Vorhänge ihrer Umkleide zerschlitzte und mit einem letzten Blick zurück ihr Maßband, eine Erinnerung an Meisterin Khyrdra, zertrat.
Selbst als die Stille sich wie beißender Rauch ausbreitete und alles im Keller unter seiner Hülle bedeckte, wagte Karawyn nicht sich zu bewegen. Der Boden wiegte sie auf und ab, nicht sanft wie das Schaukeln einer Mutter sondern wie ein Sturm auf hoher See und zu schnell drehte sich das Zimmer… trügerische Stille, denn sie wusste nicht ob es zu seinem kranken Spiel gehörte, sie zuerst in Sicherheit zu wiegen, bevor er erneut zuschlug.
Nur noch einen Moment hier liegen… flüsterte eine kindliche ängstliche Stimme in ihrem Inneren… nur 5 Atemzüge noch, doch auch diese verstrichen, wurden zu 10, dann zu 20 Herzschlägen eines ängstlich flatternden Vogels, der die zupackende Katzenpranke mehr fürchtet als die Freiheit zu erkennen.
Sie wollte weinen doch keine Träne verließ das blaue Augenmeer…

„Sternenfänger…Sternenfänger… Yan… wo bist du?“ fragte das leise Stimmchen ängstlich, doch die Stille blieb, hockte wie eine fette Spinne lauernd über ihrer Beute um im rechten Moment zuzuschlagen.
„Bitte Sternenfänger… lass mich nicht allein…“
Flehentlich, zu sehr gefangen in ihrer eigenen Angst, klammerte sich Karawyn in den Stoff ihrer Jacke, spürte nichts von den Schmerzen des rechten Armes, auf den Ludwig sie hatte prallen lassen, doch der Kerzenschein enthüllte keinen Funken polierten Metalls.
„Yan…?“ Rau drückte sich der Name aus ihrer Kehle, schwebte nach dem Sternenfänger suchend umher und sank benommen von der Leere des Raumes bedauernd zu Boden, hoffnungslos verglühend als habe man einer Fliege die Flügel angezündet. Wo immer Yannick gerade war, es lag zu weit entfernt, um ihn das Elend Karawyns auch nur bemerken zu lassen.

Wieder und wieder, sich immerwährend wiederholend, klangen seine letzten Worte, bevor er aus der Tür gestürmt war, in ihren Ohren nach, bestürmten sie, bedrängten sie und ließen auch das letzte Bisschen Hoffnung zu einem kaum mehr wahrnehmbaren Funken zusammenschrumpfen.
„Ein Herz kann sich ändern, Kara… ‚ch bin ja selten hier. Mich würd’s nicht wundern, wenn jemand dein Herz für sich gewinnen könnte.“
Da waren sie nun. Tränen, kleine Rinnsale, Tropfen aller Größe fanden den Weg hinaus ins Kerzenlicht, ronnen über ihre Wangen und stauten sich im Augenwinkel, wo sie winzig kleine Seen bildeten.
„Warum bist du nur nicht da wenn ich dich brauche… warum nur…?“
Selbst die Angst trat ob des so an ihr nagenden Gedankens einen Schritt zurück, ließ zu, dass sich ihr Griff um Kara löste und sie sich das erste Mal ein wenig bewegte. Erst nur die Beine, die sich langsam streckten, dann die linke Hand, die sich aus dem Jackenstoff herauswagte… und schließlich auch der Kopf, der unter den zur Verteidigung um ihn herumtanzenden Locken hervor spitze… erkundete, ob Ludwig sie tatsächlich allein gelassen hatte.
Angstvolle Atemzüge, doch nirgends auch nur eine Reaktion, ein Zeichen… Ludwig war tatsächlich verschwunden. Erleichterung hätte über sie hinweg schwappen sollen, doch schmeckte die Einsamkeit zu bitter um den süßen Atemzug der Freiheit genießen zu können.

Nur ein Geräusch durchdrang die Stille, durchbrach selbst das stumme erfolglose Rufen nach Yannick… leise raschelte es aus ihrer Tasche, kaum vernehmbar, da unter dem Gewicht ihres sich gerade erst aufrichtenden Körpers eingeschlossen, flüsterten Worte von der freundlichen Umarmung eines Bergsees, kündeten von lachenden sturmblauen Augen die Hilfe versprachen, schenkten ihr in der dunkelsten Stunde ein kleines Hoffnungslicht.
Yannick, der Sternenfänger war nicht hier…
Yannick würde nicht sicher hier sein, wenn Ludwig wiederkommen würde…
… ihn zu erreichen war erfolglos, wusste sie doch selbst nicht, wo er sich im Moment nach dem letzten Streit befand.
Was würde geschehen wenn Ludwig sie das nächste Mal allein vorfand?
Würde er…
Karawyn schluckte und bitter schmeckte die Erkenntnis, die ihr vorher unbeschwert nie in den Sinn gekommen war.
Yannick war wunderbar wie Sonnenschein auf nackter Haut, wie der nie endende Kuss des Sommertages, doch selten hatte sie ihn in Regenzeiten gesehen… kaum hatte das Leben gefordert, dass er ihr den Rücken stärkte… doch die wenigen Male hatte er nicht an ihrer Seite gestanden
Den ihr drohenden „Wolf“ hatte er auf die leichte Schulter genommen, die Verletzungen der Feuerfliegen hatten Anney, Tulena, Maja und Lucien mit ihr durchgestanden und auch heute ließ er sich vom Wind treiben, um nachzudenken und um sich die Luft unter den schönen Flügeln, die sie schon immer in ihren Bann gezogen hatten, hindurch streichen zu lassen.

Auf der einen Seite war sie froh, erleichtert, dass Ludwig ihn nicht verletzt hatte oder seine Faust gegen ihn hatte legen können, doch wer wusste schon, ob er es in Anwesenheit des Sternenfängers auch gewagt hätte…
Karawyn wusste, dass der Gedanke ungerecht war. Sie konnte nicht verlangen dass er sie niemals aus den Augen ließ, an ihr klebte wie Ameisen an süßem Honig und wollte auch nicht, dass ihm eine solche Bitte die Flügel brach. Sie hatte ihn gewählt, hatte von seinem Drang, die Welt zu erkunden, gewusst, wie also konnte sie ihm dafür Vorwürfe machen?

Doch konnte der Gedanke das Flüstern und Knistern der gläsernen gefühlvollen Zeilen in ihrer Tasche nicht daran hindern, ihr von einer trostvollen Umarmung im Lachen stürmisch blauer Augen zu erzählen… flüsterte ihr von einem Paar musikalisch singender Hände, die nichts mehr vermissten als die gestohlene Laute…
Ruben…

In der Sicherheit ob Ludwigs Abwesenheit drückte sie sich in die Höhe, trottete zu den Kissen vor ihrem Kamin und rollte sich dort trotz der umherfliegenden Buchseiten zusammen. Vielleicht würde Yannick morgen kommen, vielleicht würde er sie umarmen und in seiner sicheren Nähe zum Schlaf betten.
Vielleicht…
Vielleicht…
Vielleicht…

Der Mond erhob sich in der Nacht nicht, ließ den Nachthimmel dunkel brütend allein. Sein Leuchten verlosch, ob aus Kummer über das Geschehene oder in einem Anflug von Selbstmitleid… vielleicht aber wegen beidem und nur das leise Rascheln eines Bergsees gab ihr genug Hoffnung um auf silbergraue polierte Metallseen zu vertrauen.
Zuletzt geändert von Karawyn am Dienstag 25. Dezember 2012, 00:01, insgesamt 2-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Gast

Beitrag von Gast »

  • Eine Vollmondnacht
  • [img]http://666kb.com/i/cdiho63iqnmayn0i5.jpg[/img]


In geduckter Haltung verharrte er nun schon seit Stunden an der Straßenecke des Hafenviertels. Sein Rücken tat Ihm weh und von den Absätzen schmerzten nicht nur die Fußballen. Der Schmerz zog sich inzwischen in die Beine hoch und es würde mit Sicherheit nicht mehr lange dauern, bis er einen Krampf bekommen würde. Ein leises Zischen entkam seinen Lippen, als er auch nur an die Vorstellung dachte und mit der Hand für einen Moment seine Wade befühlte. Der Regen machte die Situation nicht besser, hatte sich die Feuchtigkeit doch bereits unaufhaltsam in seine Kleidung geschlichen, um sie nun schwer und nass an seinen Körper zu binden. Inzwischen stand der Vollmond in seiner ganzen Pracht am Himmel und wurde nur hin und wieder von spärlichen Wolken verdeckt, die in rascher Geschwindigkeit vorüber zogen. Die Straße blieb genauso leer wie die angrenzende Gasse und die Hafenschenke.

Eine Stunde noch. Nur eine Stunde. Dann würde er aus den nassen Gewandungsstücken schlüpfen, sich die Schminke aus dem Gesicht waschen und die Absätze in die Schublade legen können. In einer Stunde würde er Ihren warmen Körper neben sich wissen, Ihren Atem in seinem Nacken spüren. Versonnen hob er bei diesen Gedanken den Blick in Richtung des Vollmondes, um sich einen Moment der Ablenkung zu erlauben. Wenn sie nur wüsste... In Gedanken ließ er seine Finger über Ihre nackte Haut streifen, um Ihr durch die Berührungen von seinen Gefühlen zu berichten. So geschickt er auch mit den Worten war, gelang es Ihm doch oftmals nicht die Emotionen verbal so auszudrücken, wie es Ihnen gerecht geworden wäre. Stattdessen ließ er seine Finger sprechen, seine Blicke. Als sich erneut eine Wolke vor den Mond schob, sah er sich gezwungen seine Aufmerksamkeit erneut auf die düstere Umgebung zu richten.

Der Gestank des Viertels war unausstehlich, er hatte das Gefühl, dass er sich inzwischen in seinen Haaren und auch den Stoffen eingenistet hatte. Oftmals schrubbte er sich noch Stunden nach seinen Ausflügen die Haut, in der Hoffnung, den beißenden Geruch nach Fisch, Dreck und Erbrochenem vollständig ausmerzen zu können. Erst wenn die Haut wund gerieben war und eine rötliche Färbung angenommen hatte, ließ er von der Bürste ab. Es verhielt sich nicht anders mit der dunklen Haarfarbe: Jedes Mal war er besorgt darum, dass er trotz des frischen Wassers Rückstände hinterlassen würde, die sowohl seinen natürlichen Blondton trüben, als aber auch einen Rückschluss auf seine... Aktivitäten zulassen würden. Ein unwilliges Seufzen entkam seinen Lippen, während er unwillkürlich die Schultern ein Stück weit anzog.

Ein Ruck ging durch seinen Körper, als ein knackendes Geräusch in seinem Rücken, die müden Augenlider wieder in die Höhe zwang. Offenbar hatte er sich für einen Moment seiner Erschöpfung ergeben, nachgelassen und die Augen geschlossen. Er konnte nicht abschätzen wie viel Zeit vergangen war, selbst ein knapper Blick in Richtung des Abendhimmels, ließ keinen Rückschluss zu. Als die Ratte, offenbar Quelle des Geräusches, mit einem ätzenden Quieken über seine Füße sprang, um im Anschluss um die Hausecke herum zu verschwinden, richtete er sich langsam wieder auf. Die Glieder schmerzten und zum wiederholten Male lastete die Mühe der vergangenen Nächte schwer auf seinen Schultern. Es machte den Eindruck als wäre jede Stunde, jede Minute pure Zeitverschwendung gewesen. Es würde niemand kommen. Nicht hier. Vielleicht nicht in diesem Viertel, nicht einmal in dieser Stadt oder gar zu dieser Uhrzeit. Möglicherweise war es nur ein Klischee, dass sich das zwielichtige Volk erst zu Abendstunden unter die Bevölkerung mischte. Als schließlich die Kraft ansatzweise zurück in seine Beine kehrte, schob er resignierend die langen, schwarzen Haare nach hinten, korrigierte den Sitz seines Beutelgürtels und machte schließlich einen Schritt auf die Straße. Noch immer brannte lediglich in dem Bordell Licht, welches einen fahlen Schimmer auf die angrenzenden Gassen war. Ansonsten war keine Menschenseele zu sehen, was Ihn dazu veranlasste nun tatsächlich den Rückzug anzutreten. Er hatte noch Zeit, viel Zeit, um seinen Plan zu überdenken und möglicherweise sogar komplett zu überarbeiten.

„Heda. Wir sind da!“, die grollende Stimme des Kutschers riss Ihn unsanft aus einem neuerlichen Halbschlaf. Feuchte Strähnen klebten in seinem Gesicht, und unter seinen schlammigen Stiefeln hatte sich inzwischen eine feuchte Lache auf dem Boden des Innenraumes der Kutsche gebildet. „Macht dann 80 Münzen, aye.“, erinnerte Ihn der Mann noch einmal daran, dass er das Ziel seiner Reise nun erreicht hatte. Wenn er sich nicht irrte, stimmten bereits die ersten Vögel Ihr Lied an, um den anbrechenden Morgen zu begrüßen. Noch immer lag die Dunkelheit über dem Land, wenn gleich sich auch die ersten hellen Streifen am Horizont ausbildeten. Unter einem müden Gähnen griff er an seinen Münzbeutel, um dem Kutscher die entsprechende Zahl an Münzen zu überlassen, dann schleppte er sich völlig erschöpft aus der Kutsche, um die letzten Schritte zum Haus zu gehen. Wie nicht anders zu erwarten war, erkannte man kein Licht mehr in den Fenstern und auch keinen Schatten, der sich hinter den Vorhängen aufhielt, um auf seine Rückkehr zu warten. Es war zu viel Zeit vergangen. Viele Abende, in denen er es nicht mehr bis nach Hause schaffte. Er hätte Briefe schreiben können, Boten informieren – aber was sollte er Ihr sagen? Würde sie akzeptieren, dass er sich um Ihretwillen für einen Weg entschieden hatte, der mehr und mehr in den Abgrund führen würde? Ein träges Schütteln des Kopfes, was erneut einige der dunklen, langen Strähnen in die gebräunten Gesichtszüge lockte. Er war Schauspieler, liebte seine Rollen und das damit verbundene Spiel. Er liebte den Tanz auf dem Drahtseil, die Gefahr, einige Meter ungesichert über dem Boden zu schweben. Aber was er hasste, war der Mangel an Worten, der sich auf Grund dieser neuen Lebensumstände bei Ihm eingestellt hatte. Er war zum Schweigen verdonnert worden, musste wieder und wieder seine eigene Meinung hinunterschlucken, um Ihr nicht zu schaden.

Um sie nicht zu wecken, und vermutlich weil seine Füße Ihn nicht mehr bis in die obere Etage hätten tragen können, nutze er das Spülbecken in der Küche, um sowohl die Schminke von dem Gesicht zu waschen, als auch die Farbe aus dem blonden Haar. Das Plätschern das Wassers hatte eine beruhigende Wirkung, und mit jeder Handbewegung fühlte er wie ein Quäntchen Last von seinen breiten Schultern genommen wurde. Als das Wasser sich nun auch noch schwarz färbte, und der letzte Rest der Haarfarbe davon geschwemmt wurde, entließ er ein Seufzen und sackte direkt vor der Spüle auf den Fußboden. Die feuchten, nun wieder hellen Strähnen, hingen in seinen Gesichtszügen und konnten kaum die nun gut sichtbaren Augenringe, wie auch die ungewöhnlich blasse Hautfarbe verdecken. Er war müde, so unglaublich müde. Wenn er doch nur die Worte hätte, um sie Ihr mitzuteilen. In einer letzten, ungemein lahmen Bewegung streifte er die erhöhten Schuhe von seinen Füßen, stieß sie unter den Tisch, ehe er dann den Kopf nach hinten gegen die Spüle lehnte, um in einen unruhigen Schlaf zu fallen.

Eine, höchstens zwei Stunden mochten vergangen sein, als er auf seinem Schlaf hochschreckte. Er saß noch immer an der Küchenzeile, lediglich der Oberkörper war in eine unnatürliche Position zur Seite gerutscht. Die Konsequenz waren unsägliche Nackenschmerzen, die sich kaum besserten, als er sich bemüht leise in die Höhe drückte. Ein Lauschen. Es war noch still im Haus, die Vorhänge waren zugezogen. Offenbar hatte Karawyn noch das Glück ruhig in Ihrem Bett zu liegen und sich von den Strapazen des letzten Tages zu erholen. Rasch angelte er sich ein Pergament aus dem naheliegenden Schränkchen, um mit möglichst ruhiger Hand ein paar Zeilen für sie da zu lassen. Er würde nicht warten können. Er musste in die nächste Stadt, um dort sein Glück zu versuchen. Ihretwegen. Würde er Ihn finden – hier oder dort -, könnte er Ihr zeigen, dass auch er sie schützen konnte, dass auch er im Stande war, mehr als nur durch persönliche Gesten und Worte für sie da zu sein.

Und so kann Karawyn auf dem Küchentisch ein Schreiben entdecken, was bereits aus der Ferne seine typische Handschrift aufweist. Nicht viele Zeilen finden sich auf dem Pergament und trotzdem scheinen die Buchstaben mit ruhiger, entspannter Hand geschrieben worden zu sein:

  • „Ich liebe Dich, meine Schöne. Der Vollmond gestern Nacht hat mir von Dir erzählt. Wenn Du Ihn heute am Himmel stehen siehst, wisse, ich denke an Dich.
    Yannick
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Beitrag von Karawyn »

Tage um Tage, Wochen um Wochen, endlos lange Stunden des Bangens und Hoffens ließen Sonne und Mond auf ihrem raumgreifenden Tanz über den Nachthimmel einander abwechseln, während die Sterne mit stillem traurigen Blick ihr schwaches fernes Licht auf das kleine Haus vor Bajard strahlten. Wann immer die düstere Wolkendecke sich lang genug öffnete, um außer ihrer sturmverhangenen Pracht die Sternenlichter hindurch spitzen zu lassen, spiegelten sie sich in den unbeleuchteten Fenstern des Obergeschosses, die im dunklen Atem der Nacht wie verwaist wirkten. Ein gieriger Windzug hatte vor einigen Stunden die kleine Kerze im Fenster zum erlöschen gebracht und so starrte das schlafende Haus aus Augen, die wie schwarze düstere Löcher in seinem sonst so freundlichen und von heiterem glucksenden Lachen erfüllten Gesicht hingen, ohne auch nur einmal blinzeln zu müssen.
Beinahe hätte man meinen können, der Vollmond sei ausgeflogen, habe seinen Tanz über den Himmel unterbrochen, um sich brütend und schweigend hinter der bewölkten Nacht zu verbergen, doch schlummerte er einsam tief unter der Erde und ließ sich von den Flammen des kleinen beschaulichen Kamins den Rücken wärmen, als steckte in ihm die übergroße Seele einer Katze.

Seit Yannicks und ihrem letzten Treffen waren einige endlos lang wirkende Stunden inzwischen vergangen, Stunden, die in Tage mündeten bis sie den runden Wochenlauf zu einem Kreis aus sieben Tagen vervollständigten und ihn zu einem ganzen Mondlauf anschwellen ließen.

Unruhig drehte und wendete sich die schmale Frauengestalt, die noch mitten zwischen den ausgerollten und aufgetürmten Stoffballen, umrundet von nachtblauer Wolle, kaiserblauer Seide und feuerrotem Taft, von den sanften Armen des Schlafes überkommen worden war. Mit Sicherheit würde sie am nächsten Tag leise seufzen und die mühselig geglätteten Stoffe erneut mit einem dünnen Film Wasser benetzen, um sie unter dem Gewicht eines am Feuer erhitzten Steines wieder von den Falten zu befreien, doch woben sich zur tiefen Stunde der Geister ihre Finger in das fein gewebte Tuch, ungeachtet aller Folgen.
Ihr Kampf gegen den Schlaf, gegen das Schließen der Lider über den blauen Augen war ein langer Zwist gewesen, seit mehreren Tagen schon hatte sie sich mit Händen und Zähnen dagegen gewehrt einzuschlafen, um nicht zu träumen, denn die Träume waren das Schlimmste. Seit ihrem letzten Gespräch, wenn man die wenigen Worte zwischen ihnen beiden als ein solches bezeichnen wollte, hatte es kein Zusammentreffen mehr gegeben, keinen auch nur einen Wimpernschlag andauernden Blick. Der Sternenfänger hatte sich dem Blick des Vollmonds in die Schatten entzogen, die sie nun in jedem Traum heimsuchten, ob am Tag oder in den langen Nächten.

Es war eine Sache des Vertrauens, eine Sache von Angst und von nie auch nur ausgesprochenen Gefühlen, die Karawyn in jedem wachen Moment gern geleugnet hätte… doch angesichts der Übermacht ihrer Träume fühlte sie sich klein, wie ein Kind in der Hand eines dunklen Riesen, dessen Finger sich ihr unaufhörlich und mit jedem Atemzug näherten.

Um uns beide zu versteh’n,
Braucht es viel und noch mehr Geduld,
Und nie dagewes’ne Fragen,
Wie die Frage nach der Schuld,
Und das Ringen um Verständnis,
… kein Zerbrechen letztenendes… ?


Seit der Moment des letzten Abschieds sich als Vorfreude über das so lieb gewonnene Gesicht gelegt, die Gestalt wie einen zum Flug bereiten Vogel gestrafft hatte und das Leuchten seiner Augen über die bevorstehende Reise zu hell leuchtete um es mit anzusehen, hatte sie den Atem angehalten, bis sich die Tür hinter ihm schloss und die Nacht ihn mit ausgebreiteten Armen verschluckte. Doch fand sie nun, wieder allein im Hallen und Raunen des ihr plötzlich so groß erscheinenden leeren Hauses keinen vernünftigen Gedanken mehr. In ihren Träumen, die sie wie Schattengestalten jagten, sah sie die Augen aus poliertem Silber, folgte immer wieder dem sich abwendenden Rücken über sich windende Wege, vorbei an menschenleeren Stränden, wuchernden Wäldern und über die Ränder tretenden Seen, über Brücken und unter verfallenen Stadttoren hindurch, die ihr fremd und zugleich seltsam vertraut erschienen.
Ihre Füße konnten gerade genug Raum überbrücken um sie an ihn heranzutragen, um die Fingerspitzen nach ihm ausstrecken zu können, doch schaffte sie nie ihn zu fassen, zu erreichen, denn gerade in dem Bruchteil eines Moments, indem sie den Stoff seines Mantels zu fühlen glaubte, erwachte sie, verschwitzt, verdreht und mit eiskalten, steifen, in die Kissens gekrallten Fingern.

Ich hab den Verstand verloren,
Blinde Augen,
Taube Ohren,
Stumme Lieder,
Leere Bücher,
Pfeifen, Flaschen, Taschentücher,
Und wir rennen um unser Leben…
Du davon und ich dagegen,
Ich würd dich gerne morgen seh’n,
wenn’s das gäbe wär das wunderschön…


[URL=http://www.pic-upload.de/view-19345977/rochu_wish_you_were_here_by_snowhaven-d4a3026.jpg.html][img]http://www7.pic-upload.de/16.05.13/hcy85r7tey5.jpg[/img][/URL]

„Yan…“ flüsterte die schlafende Gestalt unter den vielen langen Locken, die ihr Gesicht im Traum wie die Hände einer Mutter liebevoll umfangen hielten als wollten sie selbst ein wenig Trost spenden.
„Yannick…“ Geisterhaft entzog sich die wie ihr eigener Körper vertraute Gestalt und wurde in den Strom des Wirbels gezogen, der sie allein und frierend im Traum zurückließ. Karawyn schreckte hoch, zitternd und bebend und ein letztes Schluchzen tropfte aus ihrem noch mit einem Bein in der Realität der Traumwelt befindlichen Mund….
„Yan… nein… geh nicht…!“

In die folgende Stille, in der sie verzweifelt versuchte, sich in dem kleinen Kellergewölbe zurechtzufinden und zugleich die nagende Angst, Yannick würde irgendwann von seinen Reisen einfach nicht mehr zurückkehren, weil die Fremde um so vieles verlockender war als sie selbst, abzustreifen, klangen die leisen prasselnden Laute des Kaminfeuers und schenkten dem im Inneren eisigen Körper einen hoffnungsvollen Funken Wärme und Zuversicht.
Yannick würde zurückkommen…
Er hatte sich damals für sie entschieden, so wie sie sich für ein Leben mit ihm und gegen alle unkenden Stimmen entschieden hatte, die seine Verantwortungslosigkeit, seinen Drang, lieber die Welt zu durchwandern als an ihrer Seite zu stehen wenn Sturm ihre Welt von innen nach außen kehrte und die Unfähigkeit, das für sie zu sein was ein Mann seiner Liebsten war, als größte Schwachstellen ihres blonden Pfaus ins Feld führten…
Sie hatte den See der Tränen durchschwommen und die freischwingende Brücke des Zweifels überquert, ohne über den tiefen Fall nachzudenken, hatte sich dem vielzahnigen Maul der reißenden Bestie gestellt, die bis in die letzte Pore aus Angst bestand und hatte die Flügel ausgebreitet als auch das letzte bisschen Boden unter ihrem Füßen zusammenbrach.
Was auch immer passieren würde, Yannick würde sicher am nächsten Tag zurückkommen…

Um uns beide zu versteh’n,
Braucht es viel und noch mehr Geduld,
Und nie dagewes’ne Fragen,
Wie die Frage nach der Schuld,
Und das Ringen um Verständnis,
… kein Zerbrechen letztenendes… ?


Aber was wenn nicht… erbarmungslos griff der letzte Funken Zweifel zu und packte sie, erstickte die Hoffnung im Keim.
Der Raum um Karawyn, der kleine stets vertraute Keller, schwoll an bis er sie überragte und sich groß und fremd anfühlte… als wäre dort nichts mehr dass sie an Zuhause erinnerte. Sie sah umher doch nichts gab ihr Halt, das Feuer schien sich mit seinen erlöschenden Flammen nur mehr zurückzuziehen, je näher sie an den Kamin heran kroch. Erst als ein Holzscheit unter protestierendem Knacken in der Mitte auseinanderbrach und eine Hand voll heiß glühender Feuerfunken auf ihren Arm regnen ließ verpuffte das merkwürdige Gefühlt der Fremde, zurück blieb der altvertraute Geruch nach ausgekochten Zwiebelschalenund gebleichtem Linnen, der sich als Mantel um sie legte.

Die Traumwelt in ihrer bunten, sternenübersähten Manigfaltigkeit, ihrer wolkenlosen Unbeschwertheit und ihrer nie enden wollenden Wandelbarkeit, die ihr Zuflucht geboten hatte wann immer Yannick zu weit entfernt arbeiten musste um nach Haus zu kommen, wollte ihr heute Nacht wieder die Pforten nicht öffnen. Wie ein unwillkommener räudiger Straßenköter kratzte sie am wasserblauen Tor, hinter dem sie in einsamen Nächten den Sternenprinz mit dem hellen leuchtenden Haar getroffen hatte, doch gewährte man ihr seit einigen Nächten keinen Einlass mehr.

Ruhelos, im Wissen dass Schlaf ihr nicht die benötigte Befriedigung schenken würde, erhob sie sich und stieg die Treppen hinauf in die Küche, legte zwei frische Holzscheite in die glimmenden Kohlen und schob den Kessel für eine Kanne heißen starken schwarzen Tees über die nach oben leckenden Flammen. Wenn er schon keinen Schlaf spendete so würde er sie bis zum Morgengrauen wach halten… wach genug um sich ein paar Stunden mit etwas zu beschäftigen das sie immer beruhigte.
Sie würde tanzen… tanzen, um den Kopf lang genug freimachen zu können, um an einen klaren Gedanken zu kommen.
Tanzen, bis auch das letzte bisschen störrische Kraft sie verließ und ihr einige gnadenvolle Stunden Schlaf in der schwarzen Traumlosigkeit verschaffte.

„Tanzen ist Freude, Karawyn, meine kleine Blume…“, hatte ihre Lehrmeisterin intoniert, wann immer die Schülerin die sonnigen Strahlen draußen vor dem Fenster und das muntere Zwitschern der Vögel vorgezogen hatte.
„Freude und Arbeit… nirgends liegen die beiden so nah beieinander wie beim Tanz. Wenn du deinen müden Körper aufraffst obwohl du bereits am Ende deiner Kräfte angelangt bist, ihm noch eine Bewegung voller Eleganz entlockst, dann ist es wahre Freude… und nun auf, geh dich ein wenig dehnen. Ich will dich schwitzen und lächeln seh’n…“
Ein heller Tag aus der Vergangenheit, verblassend wie ein der Sonne zu lang ausgesetztes Bild und doch war es die Stimme in ihrem Kopf, die Karawyn sich erheben ließen… hoch in das kleine Zimmer, das den Wolken so nah war und das den Vogel Sternenfänger manchmal seine Flügel dort ausbreiten ließ.

Die ersten Dehnungen zogen feine Fäden aus Schmerz durch ihre Glieder und erinnerten sie an die unbequeme Position, in der sie halbschlafend, halbwachend Stunden verbracht hatte, nicht wissend wo die Grenze zum Traum hin ihren Anfang nahm. Doch mit jedem Fingerbreit, den sie sich tiefer bewegte, mit jedem Wiegen des Oberkörpers zurück gelang es ihr mehr, die alten Fetzen des Traums abzustreifen. Wie von selbst arbeiteten sich ihre Glieder durch die komplexen Bewegungsmuster, die ihren Füßen kaum genug Zeit gaben um den Boden auch nur zu berühren, zauberten Schweißperlen auf die vom hervor lugenden Mond beleuchtete Haut und ersetzten Gedanken und Zweifel irgendwann durch Erschöpfung. Es mochten Stunden vergangen sein, als ihr Körper ihr nicht mehr folgte, als die in ihrem Kopf hallenden Worte zu einem unverständlichen gegenstandslosen Wabern wurden, die verschwammen und ihren Sinn, ihre Antriebskraft verloren. Eine letzte Drehung auf nackten blutigen Zehenspitzen, zu schnell, zu unkoordiniert, sandet sie zu Boden, der sie mit einem dumpfen Knall willkommen hieß.
Zu erschöpft, zu ausgelaugt schloss Karawyn nur für einen Moment die Augen und draußen vertrieben die ersten Sonnenstrahlen das dunkle Blau des Nachthimmels mit seinem gramvollen und von Sorgenfalten gezeichneten Mond… doch während sich der helle Ball majestätisch erhob drehten sich die ersten wieder erwachenden Gedanken ihre gefährlichen ermüdenden Kreise hinter ihren geschlossenen Lidern.

Ich hab den Verstand verloren,
Blinde Augen,
Taube Ohren,
Stumme Lieder,
Leere Bücher,
Pfeifen, Flaschen, Taschentücher,
Und wir rennen um unser Leben…
Du davon und ich dagegen,
Ich würd dich gerne morgen seh’n,
wenn’s das gäbe wär das wunderschön…


Sie musste eingenickt sein… der eben begonnene Tag hatte sich unbemerkt dem Ende zugeneigt und war wieder der Nacht gewichen als die junge Frau aus dem traumlosen Schlaf erwachte. Wieder erwartet sie nur die Stille, gierig nach ihr greifend, umgab sie drückend schwer. Wieder war ein Tag zur Neige gegangen, wieder hatte die Sonne den blauen Himmel geküsst und wieder senkte sich ihr blutig rotes Auge schlafend nieder… doch so sehr sie lauschte und horchte, kein winziges Geräusch drang von den Treppen und dem Raum unter ihr heran…
Ein verlorener Tag…
Ein einsamer Tag…

Ich hätt dich gerne heut geseh’n,
Hätt’s das gegeben, das wär wunderschön…


Karawyn gab auf…
Den kleinen Zettel voller liebender Worte, der auf geheimnisvolle Weise seinen Platz unten in ihrer Küche gefunden hatte spürte sie nicht, als sie sich aufs Bett zog und in der Decken große Leere einrollte.
Hinter ihre sich schließenden Augen stahl sich in dieser Nacht ein Paar sturmblauer Augen, verborgen unter untadeligem schwarzen Haar, welche ihr, wenn auch nur für einen kurzen Moment ein Lächeln ins erschöpfte Gesicht malten.… und löste mit flinken Fingern den ersten Knoten der den Vollmond an den Sternenfänger band…


[URL=http://www.pic-upload.de/view-19348587/two_souls_of_the_universe_by_pearleden-d4y1yns.jpg.html][img]http://www7.pic-upload.de/16.05.13/7e6qmd8duv66.jpg[/img][/URL]
Zuletzt geändert von Karawyn am Donnerstag 16. Mai 2013, 12:32, insgesamt 1-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
Gast

Beitrag von Gast »

Brieffreundschaft


Karawyn wird zwischen Tassen und Tellern auf der Arbeitsplatte der Küchenzeile zwei Seiten grobkörnigen Papieres erkennen können. Eines davon wurde ganz offenbar aus einem Buch herausgerissen, man kann die entsprechenden Risse an der rechten Seite noch erkennen, während das Zweite eben einem ordentlichen, einzelnen Blatt Papier gleicht.

Die herausgerissene Seite muss herumgedreht werden, und sobald man es gewendet hat, offenbart sich dem Betrachter eine Skizze. Die feinen Linien wurden offenbar mit Kohlestift gezogen, und zumindest Karawyn wird an der Art und Weise der Federführung erkennen können, um welchen Künstler es sich hierbei handelt. Die Liebe zum Detail ist genauso ausgeprägt, wie die durch eben jene Details erzeugte Atmosphäre. Im Mittelpunkt des Bildes sieht man schemenhaft eine männliche Gestalt, die dem Betrachter den Rücken zugewendet hat. Die sitzende Haltung ist gerade, die Hände dabei offenbar an die Knie gestemmt, zeichnet sich die Schulter- und Rückenmuskulatur deutlich ab. Die hellblonden Haare sind zerzaust, wirbelnd teilweise herum, als würde gerade ein Windzug durch sie streifen. Bis auf eine zerschlissene Lederhose ist der Mann offenbar unbekleidet, man erkennt lediglich noch schmale, feine Kettenglieder an seinem Hals. Die Gestalt sitzt im Sand, kleine Körnchen stoben durch den Wind in die Höhe, umspielen seine Beine und das Becken. Offenbar ist sein Blick in die Ferne gerichtet, offenbart sich vor Ihm doch ein Meer, das genauso unruhig scheint, wie der Sand zu seinen Beinen. Auch wenn nicht mit Farben gearbeitet wird, wird man die Farben des aufgewühlten Meeres, der Gischt regelrecht erahnen können. Über dem Meer steht ein Vollmond, groß und rund, der sein Licht über die Wellen tanzen lässt. Am rechten, unteren Rand des Bildes lässt sich ein Datum erkennen. Das Bild wurde offenbar vor etwa einem Monat gezeichnet.

So, mit all diesen Komponenten, wird sich die Schneiderin sicher sein können, um wen es sich auf dem Bild handelt, welche Kette er trägt und warum neben dem Meer gerade der Vollmond so in den Mittelpunkt gerückt wurde....

Sobald sie den Blick von dieser Zeichnung löst kann sie auf dem zweiten Stück Papier folgende Zeilen lesen:


_____________________

Karawyn,
ich hoffe es geht Dir gut und Du hast den kleinen Janni noch mit sauberen Tassen zufrieden stellen können. Hat er Dir noch ein wenig Ruhe gegönnt, damit Du Dich auch einmal ausruhen konntest? Wenn ich Dich das nächste Mal besuchen komme, möchte ich keine Augenringe sehen, versprichst Du mir das? Es ist, als wäre der Mond von Wolken verhangen.

Du sollst wissen, dass es mir gut geht. Ich konnte in der Nähe ein Bad nehmen, das Wasser war doch tatsächlich warm und sauber. Zwischenzeitlich habe ich mir ein paar frische Gewandungsstücke aus dem Schrank geholt, ich hoffe das stört Dich nicht? Ich war leise, aber das Bett war leer, genau wie das Haus. Vermutlich hast Du mit den Kleinen etwas unternommen. Ich würde Euch gerne einmal begleiten, Euch, und vor allem Dich. Bald wird es Zeit für unseren Ausflug, Du erinnerst Dich? Ich bin gespannt auf diesen Ort.

Gib' bitte auf Dich Acht!

Yannick

P.s.: Solltest Du das Bedürfnis haben, ein paar Zeilen an mich zu richten, wird der Bankier in Bajard wissen, wo ein Bote mich findet. Ich würde mich freuen von Dir zu lesen.

_____________________
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Karawyn
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Beitrag von Karawyn »

Eine liebe Nachricht

Es mag wohl nur einige wenige Tage dauern in denen Marinnia aus der Bajarder Bank den Sternenfänger mit einem traurigen Kopfschütteln bedenkt, nur wenige Nächte, in denen das kleine Haus in dem Dorf am Hafen unbesucht bleibt. Erst als nach einer weiteren sternenklaren aber kalten Mondnacht der große schlanke blonde Mann wieder an den Tresen tritt winkt sie ihm schon bei seinem Eintreten mit einem sorgsam in ein blaues Stück Stoff eingeschlagenen Briefchen, zusammengerollt und mit einem Band verschlossen.

"Da war ein Mädel für dich hier, ne Hübsche, mit dunklen Haaren die sich in Lock'n bis zur Hüfte zieh'n und sie hatte nen freundlichen Blick. Das seh ich gleich... hatte 'n Kind an der Hand, einen kleinen blonden Kerl, nich' älter als 6 Sommer der ein wenig gelispelt hat. Heut in aller Früh kamen die beiden ganz in so nem wirklich schönen Blau und als ich sie fragte, von wo sie die schönen Sachen hat da sagte sie... sie als Schneiderin des Nachtvolks mache die selbst. Da fiel mir wieder ein dass ich sie ja schonmal beim Tanz gesehen hab. Die hatte einen Hüftschwung...als ich zuhaus‘ erwähnt hab, dass ich sowas auch könn'n will hatt meine Mutter vor Schreck die Kartoffl'n fallen lassen"
Es vergehen sicher noch ein paar Minuten in denen die freundliche Dame hinter dem Tresen sich über den Klatsch und Tratsch im Ort und die Briefeschreiberin und das Kind an ihrer Seite auslässt und ihre Vermutungen wer der Vater des Kindes ist reichen wohl weit und sind phantastischer noch als es so manche Erzählung aus dem Haus der Sterne sein könnte, doch erbarmt sie sich irgendwann und reicht ihm mit geheimnisvoll schimmernden und deutlich neugierigem Blick das Briefchen.

"Wenn die Kleine dir wieder ‘ne Nachricht zukomm'n lass'n will, dann kann sie jederzeit kommen... ich weiß meinen Mund zu hüten. Bin die Verschwiegenste in meiner Familie.* Ein wacher Verstand mag ob des verrenkten Halses, den sie macht als Yannick den Brief aus seinem blauen stoffenen Lager befreit an ihren Worten zweifeln, doch ist es wohl nicht an der Zeit darüber nachzudenken.

Der Zettel selbst, auf dem die geschwungenen, sich leicht nach rechts lehnende Letter finden, ist ein gefaltetes Stück cremefarbenen Briefpapiers, in das beim Schöpfen winzige Sterne eingeprägt wurden wie ein Wasserzeichen. Der Stoff jedoch, der alles umschließt entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein in tiefstem Blau gefärbtes Stück Leder, dunkel wie die Nacht an einem Ende und sich zum anderen Ende hin in eine hellere Nuance wandelnd, gerade so als würde die Sonne auf diesem kleinen, nicht mehr als eine Elle messenden Bild aufgehen. Durch die diese Welt aus Licht und Dunkelheit schlängelt sich ein Weg, verworren und sich sicher so manches Mal überschneidend, an winzigen aufgestickten Bäumen, die an einen Dschungel erinnern, vorbeiführend, einen Hafen mit angedeutetem Schiff streifend. Das Ende des Weges jedoch markiert ein Haus, das sich wie ein kleiner Turm in die Höhe zieht, erleuchtet nur von einer einzelnen im Fenster aufblitzenden Kerze, die in der das Gebäude umringenden Nacht wie ein hell leuchtender Stern erstrahlt... fast als wäre dieser Ort ein Licht der Hoffnung auf den schicksalshaften Lebenspfaden. Ganz unten in der rechten Ecke dreht sich eine kleine Schneckenmuschel ineinander, hell und in einem sehr blassen Blau, die Yannick mehr als nur bekannt vorkommen dürfte.

Löst sich der Blick von dem noch viele kleine Details beherbergenden Leder, die vielleicht erst beim zweiten oder dritten Mal ihr geheimnisvolles Selbst entblättern, finden sich auf dem Brief folgende Zeilen:

Lieber Yannick,

Janni hat noch eine ganze Weile ruhig und friedlich geschlafen und sich beim Erwachen über Tee und ein paar Kekse gefreut und ja, wir waren tatsächlich unterwegs und haben, eingepackt als wäre es bereits tiefster Winter, einen Spaziergang genossen. In der folgenden Nacht konnte ich, nachdem ich ihn gesunden sehe auch genug schlafen um nicht in ein vollkommen übernächtigtes Spiegelbild blicken zu müssen. Ich hoffe also, die Augenringe erschrecken dich bei deinem nächsten Besuch nicht mehr und lassen dich an verhangene bewölkte Nächte denken.

Mit diesem Brief erreicht dich meine Hoffnung dass auch du neben dem Bad auch einen Platz für die Nächte gefunden hast, der dich warm und trocken hält, auch wenn ich weiß dass du ja schon immer ein Kind des Winters warst. Ich erinnere mich an die Erzählungen aus deiner Heimat.

Mein Versprechen für unseren gemeinsamen Ausflug steht weiterhin und ich habe nicht vergessen welchen besonderen Ort ich dir zeigen wollte… lass dir so viel verraten: Im Winter ist es ein wunderschöner Ort auch wenn dir der Sommer dort sicher noch viel besser gefallen könnte. Es ist ein Hafen des ständigen Murmelns der in manchen Nächten ein ganz bezauberndes Glitzern in die Welt entlässt… ich werde, um gegen die neu aufkeimende häusliche Natur ein wenig anzukämpfen, nur einen kleinen Korb mit kaltem Essen mitbringen aber wir sind ja beide nicht allzu wählerisch.

Gib auf dich acht, wenn du in den Städten und Wäldern auf der Suche nach neuen Motiven umherstreifst… man weiß nie welchen zweibeinigen Wölfen man über den Weg laufen kann.


Karawyn

P.S: Ich hoffe die lederne Karte kommt einigermaßen unbeschadet bei dir an und geht nicht vorher verloren.


*… und dann hat sie…* Klingt während die letzten Worte des Briefes wohl noch in seinem Geist nachhallen mögen die Stimme der freundlichen Dame in der Bank in sein Ohr.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
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Karawyn
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Beitrag von Karawyn »

Winterabend am Feuer

Nur das leise Feuerprasseln, dass unermüdliche Lodern der Flammen aus den zerberstenden Holzscheiten, deren rot manchmal hell aufleuchtete und zu einem glimmenden weiß wurde, durchbrach die abendliche fast schon nächtliche Stille im Haus. Die Stimmen des Tages, ein wenig lispelnd und jungenhaft kindlich, still mädchenhaft aber doch immer mit einem Geheimnis um den eigenen Namen versehen, bengelhaft naseweis aber auch keck und immer den rechten Punkt treffend und hell und klar wie fließendes Wasser wenn auch manchmal mit einem warmen schiefen Lächeln in der Stimme, waren vor vielleicht mehr als einer Stunde im kleinen Haus am Rande Schwingensteins verstummt und doch kehrte die Ruhe nicht in die vier Wände aus hellem grauen Stein ein. Etwas ließ das Flackern in die Höhe züngeln, zwei Augen sahen dem Tanz des feurigen Elementes zu wann immer sie sich von der schlafenden Gestalt, deren Körper unter einer leichten Wolldecke begraben am Kamin lag, zu lösen vermochten um dort im Inneren der Hitze Antworten zu finden. Doch obwohl man die Wärme als gnädig gegen die Winterkälte draußen bezeichnen konnte so spendete sie doch keinen Deut Weisheit an den Vollmond der in einigen Schritt zusammengekauert wie ein lauerndes Tier harrte und aus zwei blauen Seen die unter der Decke hervor spitzenden blonden Strähnen betrachtete, die das schlafende Gesicht keck ihrem Blick entzogen, als spielten sie ihr durchtriebenes Spiel mit ihr. „Komm und streich uns zur Seite“, schienen sie fortwährend zu flüstern, „Komm… es ist nur ein kurzer Handgriff und schon wird sich dir ein durchaus ansehnliches Bild bieten…“. Doch die schlanke grazile junge Frau blieb an Ort und Stelle, zog ein wenig energischer als vielleicht notwendig die angewinkelten Beine an die eigene Brust und ließ das Kinn darauf ruhen während ihre Augen angestrengt ins Feuer starrten…. überall nur nicht in Richtung der Decke. Wie genau es gekommen war dass der sternenhaarige Mann dort nun schlief konnte sie nicht mehr genau sagen, es war einer jener Schicksalsmomente, die, so man an die Götter glaubte, jene in Geschichten oft als Hürde, als Prüfung, auf den Weg stellten um den Charakter zu prüfen. Wieso jetzt… wieso gerade in diesem Moment… Karawyn zog die Unterlippe zwischen die beiden Zahnreihen, verschränkte die Finger, die sie um die Knie geschlungen hatte noch ein wenig mehr und wieder schlich sich ihr Augenmerk auf eine besonders ungezügelt abstehende Strähne die nach dem Trocknen niemand zu bändigen gewusst hatte. „Es verlangt nicht viel…streich sie schon aus seiner Stirn…“, flüsterte die Stimme erneut, der Ton verführerisch leise, als wäre nichts weiter dabei, doch Karawyn wusste wie es enden konnte und mit ihrem persönlichen Glück auch würde. Schon einmal hatte sie sich heute von seinem Anblick dazu verleiten lassen das Gespräch in eine ihrem Herz zu nah gehende Unterhaltung driften zu lassen. Zu sehr hatten sie seine Worte getroffen, zu tief hatten sie sich in die Wunde gebohrt und die feine Naht aus Alltag und Leben in der kleinen beschaulichen Familie gedehnt… zu weit hatte er es vielleicht ohne böswillige Absicht getrieben.

Das leise Knacken eines Holzscheites ließ sie aufschrecken und ohne es zu wollen starrte sie durchs gedämpfte Kellerlicht mit dem Kamin als einziger Quelle der Helligkeit, erwartungsvoll und doch angsterfüllt zugleich, ob die Gestalt aus den Fängen des Traumes einer friedvollen Nacht erwacht war. Doch der Brustkorb unter der Decke hob und senkte sich nur weiterhin im gleichen Rhythmus, die helle Haut schimmerte im matten Feuerschein zwischen der dunkelblauen Umrandung und dem blonden Haar hervor… nicht genug um das Gesicht erkennen zu können… und doch gerade so viel um ihr keine Ruhe zu lassen.

[URL=http://www.bilder-hochladen.tv/][img]http://img4.bilder-hochladen.tv/nP7GVEho.jpg[/img][/URL]

„Was bei Zandrus neun Höllen tue ich hier… ich könnte mir mein eigenes Grab auch selbst schaufeln und das leichter als auf diese Weise“ Schmerzhaft gruben sich ihre Fingerspitzen in die nur vom weichen Stoff des Nachthemdes verdeckten Schienbeine und der leichte Schmerz ließ die Frauengestalt zusammenzucken und die Lippen zusammenpressen. Yannick schlief, warum sollte er auch davon erwachen dass sie ihn betrachtete. Hätte sie in diesem Moment jemand so gefunden, sie hätte noch nicht einmal einen klaren rationellen Gedanken dazu gefunden aus welchem Grund sie mitten in der Nacht im Keller ihres Hauses saß, nah an dem Platz der für sie in den letzten Wochenläufen seit sie Janni und Lina ihre Schlafstätte überlassen hatte zum Bett geworden war, und den Sternenfänger betrachtete, seinen Schlaf bewachte wie eine Mutter die Träume ihres Kindes… Aber eine Mutter hätte nicht gezögert und gezaudert, hätte nicht reuevoll immer und immer wieder abgewägt, hätte sich nicht wie ein lauerndes Tier in einiger Entfernung zusammengerollt und abgewartet ohne zu wissen worauf. Ihr Verstand, der in einigen wenigen Momenten durchblitzte, sandte sie wie ein unartiges, ungezogenes Kind nach oben in das kleine aber bequeme Stockbett in Anneys Zimmer, doch das, was sie ausmachte, weigerte sich eine Spur standhafter. Wann immer das leise Zerren in ihr, das aufstampfende Bedürfnis die Strähnen aus dem Gesicht zu streichen, zu stark wurde ertappte sie sich dabei wie sich eine ihrer Hände von dem Platz am Knie davon stahl, sich in seine Richtung reckte, doch niemals verlor der Verstand die Kontrolle so weit und eins ums andere Mal zerrte die verbliebene Hand den forschen Ausreißer zurück. Wäre nicht der verzweifelte und doch stoisch ruhige und nachdenkliche Ausdruck auf ihrem Gesicht, man hätte es fast für einen Moment der Komik halten können.

Irgendwann, der Mond mochte seinen Zenit schon weit überschritten haben, hatte das Ringen und Hadern in ihr ein Ende. Vielleicht der Müdigkeit geschuldet, vielleicht dem dadurch schwächer werdenden Verstand, vielleicht aber auch dem gestundet was in ihr noch immer ruhte und manchmal in dunklen stillen Nächten erwachte… erhob sich die ob der langen Stille in den Gliedern ein bisschen weniger anmutig und geschmeidig bewegende Gestalt Karawyns, überbrückte die noch fehlenden vier Schritte, die in diesem Wimpernschlag an Zeit wie eine Ewigkeit schienen und ließen sie direkt vor dem Schlafenden wieder zu einem Halt kommen. „Ich hoffe du träumst friedlich… von deinen bunten Dschungeln und Wasserfällen, von dem kleinen Jungen und der Schiffsreise und… und von dem dir treuen Mond der auf so vielen deiner Bilder auf dich hinabsieht“, flüsterten die stummen Lippen und ein, das Blau zu einem dem sternenlosen Nachthimmel gleichenden, beinahe schwarzen Farbton nachgedunkelten Augenpaar folgte der sich nun Yannicks Gesicht entgegen reckenden Hand, die sacht wie die Berührung einer Feder die losen Strähnen aus dem gut geschnittenen Gesicht entfernten, die weiche Haut an Schläfe und Stirn dabei streiften und von den kurzen Strähnen an seinem Oberkopf umgarnt wurden. Einen tiefen Atemzug lang der so viel kürzer zu wehren schien als noch die vier Schritte zuvor, verharrte sie ihn betrachtend, dann wandte sie sich ab und schlich leise und den Kopf gesenkt in Richtung der Treppe, keinen Blick zurückwagend. Die Hand aber, die das weiche hell leuchtende Gold berührt hatte hielt sie an sich gepresst und fest umfangen, fast als habe sie sich an dem schmerzvollen Licht des Sternenfängers die Fingerspitzen verbrannt.


[URL=http://www.bilder-hochladen.tv/][img]http://img4.bilder-hochladen.tv/y5bQtoCG.jpg[/img][/URL]
Zuletzt geändert von Karawyn am Freitag 20. Dezember 2013, 02:27, insgesamt 1-mal geändert.
Wir können nicht immer die Musik wählen, die das Leben für uns spielt, aber wir können wählen wie wir dazu tanzen.
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