Junge Nacht
Silberweiß und kalt spiegelte sich das helle Mondlicht im uralten, stillen Gewässer und tauchte die triste Umgebung in ein bleiches, mythisches Licht. Die Sorte „Licht“, die Meisterin des Verwandelns war und mit ihrem Schimmer und Glanz einen boshaften, trügerischen Schleier über die düstere Sumpflandschaft bei Tirell warf. Mit diesem Gewand der Täuschung und des Grauens wurden alte Weiden, deren Stämme blank und abgenagt waren, zu gelblichen Knochengebilden. Ihre schlanken, trüben Äste, welche sich gen Sumpfmorast neigten und gelegentlich sanft im Wind winkten, glichen nun unzähligen, langfingrigen Klauen, die blind nach Opfern haschten. Mit grausamer Hand verwandelte das Antlitz der Vollmondnacht so modrige Holzstümpfe und moosbewachsene Steine in garstige Koboldwesen, die geduckt im Dunkel lauerten und die letzten Graszungen in haarige Tiefenbiester.
Nur das Sumpfwasser selbst änderte das Mondlicht nicht und täuschte trügerische Stille in den augenscheinlich seichten Pfützen vor. Stille, die nun selbst geduldig wartete…
Patsch, Patsch, Patsch, Patsch, Patsch, Patsch…
Die unheilige Ruhe wurde vom hastenden Schritt schmaler Füße, in viel zu großen und klobigen Stiefeln, jäh durchbrochen. Gehetzt durcheilten diese ein Moorbecken nach dem anderen, warfen Schlick und Matsch hervor und zertraten den Mondspiegel auf der Wasseroberfläche. Als habe der Sumpf nur auf ein solches Zeichen gelauert, sanken die Stiefel plötzlich mit dem nächsten Schritt tiefer in den Morast, welcher sofort in sich zusammensank und das Schuhwerk gleichermaßen tiefer zog sowie sich daran festsaugte.
Ein keuchender, nur mühsam unterdrückter Schreckenslaut entfuhr dem Träger des Stiefelpaares und nachdem ein heftiges Rucken und Zerren an den festgesetzten Beinen nur ein weiteres Einsinken bewirkte, sackte das Wesen etwas in sich zusammen, warf den Kopf in den Nacken und bedachte den Mond mit einem Blick schierer Verzweiflung.
Dieser beleuchtete stumm das Opfer des Sumpfes.
Ein Mädchen, bald schon eine junge Frau, gewöhnlich und weich, doch mit verwahrlost wirkenden Zotteln aus braunblondem Haar, beinahe ebenso käsig wächsern wie das Licht der Nacht selbst.
Weitaufgerissene, grünblaue Augen, umrandet von dunklen Schatten der Übernächtigung und bekränzt von langen, feinen Wimpern, starrten dem Nachtauge entgegen und außer dem jappsenden, unregelmäßigen Atem des Fräuleins, schien für einige Zeit nichts die Stille zu beeinträchtigen. Dann jedoch wurde das rasselnde Zischen, welches aus dem dunklen Klauengewirr der Weiden hindurch gen Morastlichtung hallte, hörbar. Ein schneidender Wisperlaut, welcher nach Gefahr und dem Spüren eines Jägers klang...Echsen! Das Luftschnappen der jungen Frau wurde nun von einem leisen Wimmern begleitet und flehentlich, Tränen in den hellen Augen, traf ein weiterer Blick den Mond, ehe sie erneut mit der Kraft einer Verzweifelten an den Stiefeln zog. Gnädig gab der Morast ein schmatzendes Schlabbergeräusch von sich und behielt zwar seine Stiefelbeute, doch entkamen ihre Füße dem Schlick und ohne lange zu überlegen hastete sie barfuß weiter.
Pitsch, Pitsch, Pitsch, Pitsch, Pitsch…
Nackte Füße, die nun den schleimigen, nassen Untergrund spürten, der sich mit jedem Schritt in die Lücken zwischen den Zehen quetschte. Doch ein kehliges Brüllen, welches ihr versicherte, dass der Verfolger ihre Fluchtgeräusche vernommen hatte und sich nun zielgerichtet auf den Weg machte, ließen das Mädchen noch schneller rennen. Als könne sie über Wasser gehen, beinahe fliegen. Sprünge durch das morsche Unterholz, die kratzenden Klauenhände der Knochenweiden ignorierend, ums Leben eilend.
Bis ein winziger Koboldstumpf, dessen alte Wurzeln sich unter der trüben Sumpfoberfläche bogen und Stolperfallen bildeten, dem Paniklauf ein jähes Ende bereitete.
PWATSCH!!!
Diesmal machte ihr gesamter Körper Bekanntschaft mit dem Moor und noch als erneut der Untergrund ein kaltes Grab bilden wollte, welches nachgab und die eher kleinere Gestalt mit sich herab zog, gellte eine verzweifelte Frage stumm in ihrem Kopf:
Sollte die neue Freiheit für eine der Schwestern tatsächlich jetzt schon enden, wo sie doch eben erst begonnen hatte?
Hanna Elise Radenbruck
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Hanna Radenbruck
Alte Tage
Ich kann mich nicht an meine Mutter erinnern, dabei ist Magda nur knapp eine Stunde älter als ich. Doch sie, meine wunderbare, geliebte Schwester scheint eine Menge Erinnerungen an diese Frau im Gedächtnis behalten zu haben, obwohl Mutter unser beider Geburt nur um knapp einen Wochenlauf noch überlebte. In ihr glühte die Flamme des Lebens also nur so schwach, wie ein flackerndes Zündhölzlein im Herbsthauch und dennoch berichtet sie mir gerne von Mutters Haar, welches meinem geglichen haben soll und ihrem Lächeln, dass sie uns die letzten Stunden vor ihrem Ableben geschenkt hat. Ich stelle mir Mutter wie eine der Feen aus den Geschichten unserer alten Mume Grete vor: Unglaublich schön, mit sanften, federleichten Bewegungen und einem Gesicht, das liebevolle Wärme und ewige Weisheit ausstrahlt. Vielleicht ein wenig so, wie Madga...
Es ist überhaupt seltsam, dass wir Zwillinge sind.
Ich meine, ja, das sind wir, denn wir fühlen es beide in der Brust, tief in uns – bestimmend und wahr, doch wir sehen einander nicht ähnlich, wie zum Beispiel die kleinen Zwillingsmädchen vom Zimmerer oder die Brüder Buchsenbach. Magda ist vielleicht noch nicht weise, doch ihre hellen Augen strahlen gewitzte Klugheit aus und ihr Haar, etwas heller als meines, glänzt stets strahlend und riecht nach duftigem Kiefernholz und herben Waldblumen. Meines ist störrisch, mal strohig, dann wieder speckig und zu allem übel lässt es sich in keine rechte Frisur pferchen. Wieder ist es Magda, mit ihrer schmalen, anmutigen Gestalt und dem geraden Wuchs und den langen, schlanken Beinen, die mir bei solchen Gedanken in mein rundes Vollmondgesicht lacht, und mich „hübsch“ nennt. Das sind die einzigen Momente, in denen ich ihr einmal nicht glaube, denn sie ist der Wanderfalke und ich eine gewöhnliche Haselmaus.
Vielleicht stimmt es also, was Vater, Gerd, Johann und Ewald uns immer erzählten... dass wir so verschieden wären, weil Mutter mit einem Hexenmann das Bett teilte, bevor wir zur Welt kamen. Er soll lange um sie herumgeschlichen sein und hat sie, da sie ja nur ein einfältiges Weibsbild war, mit einem bösen Hexenzauber dann belegt, so dass sie sich zu ihm legte. Seine dunkle Saat hätte uns beide verdorben, dann Magda ist, laut meinen Brüdern und meinem Vater, eine störrische, anmaßende Dirne und ich einfach nur unglaublich einfältig und nicht eben sehr schön geraten.
Das waren noch die einfachsten Erklärungen und Teile dieser Geschichte um unseren „Hexenvater“, doch wenn wir etwas gemacht hatten, was den Männern im Haushalt nicht gefiel, dann wurden sie erfinderisch und die bösen Erzählungen so detailreich, dass sie später auch Ulrich zu glauben begann... ach, Ulrich...
„Deine Mutter war eine dumme Hure, die ihren Rock zu rasch gelupft hat und dein Vater ein widernatürliches Scheusal mit Hörnern auf dem Kopf und einem Aalschwanz und du, du bist nur eine jämmerliche, hässliche, tumbe Nebeldrude!“
Knurrend stieß der junge Mann, gerade dem Jünglingsalter entwachsen, das jüngere, schmuddelige Mädchen in den einfachen Kitteln, herab zu Boden und warf ihr einen stinkenden Putzlumpen auf den Kopf, mitten in das aschenfarbene Struppelhaar hinein. Jenes junge Fräulein schwieg belämmert und machte sich nicht mehr die Mühe ihrem nur etwa ein Jahr älteren Bruder einmal wieder zu erklären, dass ihre Mutter wohl auch die seine gewesen sein musste.
„Nun sieh zu, dass du dich beeilst. Der Stube ist groß, Drude, und wir bringen heute einen Gast der es nicht gewohnt ist, im Dreck und Unrat zu hausen… und all das nur wegen dir.“
Wieder begann er leise in sich hinein zu fluchen und sein eigentlich wohlgeformtes Gesicht wurde hässlich, als ein boshafter, erfreuter Glanz in seine hellblauen Augen trat. Pfeifend schlenderte er dann durch den Raum und steuerte scheinbar zufällig in Richtung Kamin. Ein eiliger Griff nach dem Schürhaken, wildes Rechen und Schlagen mitten in die Aschereste hinein.
Als der feine, grauweiße Staub nun nur so aus dem Kamin in die Stube fegte und alles unter einer schmierigen, dunklen Flockenschicht bedeckte, lachte der junge Mann hart auf, sprang beiseite, ließ den Schürhaken scheppernd zu Boden fallen und schritt dann gemächlich gen Treppenaufgang zu den Schlafräumen. Das junge Mädchen am Boden, wohl kaum siebzehn Winter alt, beobachtete ihn nur stumm, ließ die Gemeinheiten wie ein Wellenspiel still über sich ergehen und flüchtete in reglose Resignation. Erst als der junge Mann die Treppe hinauf brüllte, zuckte sie aufgrund seines Rufes erschrocken zusammen.
„Vaaaaaater. Hannerl hat all die Asche in der Stube verteiiiiiilt!“
Hilflos und dennoch von Wut gezeichnet, traf ein glühender Blick aus grünblauen Augen den Treppenaufgang, bei welchem der Kerl noch immer selbstzufrieden lehnte und höhnend grinste, als er diesen auffing. Genugtuung, absurde Freude und beinahe schon ein wenig Befriedigung spiegelten sich in seinem Lächeln wieder. Langsam nahm das Mädchen den Lappen vom Haupt und wendete sich wortlos ab, um auf den Knien über die Holzplanken des Bodens zu rutschen und den ersten Aschefilm zusammen zu wischen.
Dennoch dauerte es nur wenige Lidschläge, ehe man Schritte über den beiden jungen Menschen, vom oberen Stock, herab poltern hörte. Eine zeternde, wutentbrannte Stimme mischte sich rasch in die Geräuschkulisse und schon bald stapfte der kräftige, rotgesichtige Landwirt des kleinen Radenbruckschen Weilers die Treppenstufen zu seinem Sohn herab. Ein kaltes Blinzeln aus seinen stechenden Augen galt dem Chaos in der Gaststube, dann hatte er das unscheinbare Mädchen, welches ihm den Rücken zugedreht hatte und stumm ihrer Arbeit nachging, erspäht.
„Hannerl?! Bist du wirklich so ein saudummer Klotz oder einfach nur garstig?“, begann er erhitzt und schritt langsam, vor Zorn bebend, auf sein Kind zu.
„Das ist nun das vierte Mal in dieser Woche… das vierte Mal, hörst du?!“
Sie wusste es. Einmal für jeden ihrer drei Brüder und einmal war es Ulrich der Müllscher-sohn gewesen... Ulrich, der so schön lachte und scherzte, wenn er mit ihren Brudern sprach. Ulrich, dessen Haar wie Sonnenlicht glänzte und dessen Augen an die stillen Waldseen erinnerte, die ihr Magda heimlich gezeigt hatte. Ach, Ulrich...
Prankenhände griffen nach dem langen Büschel aus braunblondem Haar, wühlten sich hinein und rissen das Mädchen mit einem brutalen Ruck nach oben und somit aus ihren Tagträumen. Sie unterdrückte den Schmerzlaut, auch wenn die Tränen ihr sofort in die Augen schossen. Mit Gewalt zerrte er sie zu sich auf und machte vom Griff in den Haaren so lange Gebrauch, bis sie gar nicht anders konnte, als ihm direkt in das verschwitzte, rote Gesicht zu blicken.
„Dämliches Weibsbild!“, wetterte er erneut und der süßliche Atem seiner fauligen Zähne, sowie ein paar Tropfen Spucke schlugen dem Mädchen entgegen. Wieder schüttelte er sein hilfloses Opfer und begann dann mit zischelnden Worten:
„Wir haben viel für dich auf uns genommen, Hannerl, für dich und diese liederliche, verschlagene Metze, die deine Schwester ist. Betrogen hat uns diese Hure. Ohne sich auch nur einmal über ihr Glück zu freuen und einen gestandenen Mann zu ehelichen, der für sie hätte sorgen können, verschwindet dieses Miststück in tiefster Nacht in den Wald und hängt dich uns an den Rockzipfel. Mögen die Wölfe sie finden und dieses undankbare Weib reißen!“
Sie blinzelte heftig. Für gewöhnlich erduldete sie alles ängstlich und schweigend, doch wenn die boshaften Worte Magda, ihre geliebte Schwester, trafen, so pochte es dumpf in ihrer Brust und sie hörte das Knistern der auflodernden Wut. Eilig presste sie da jedoch die Lippen fest aufeinander um zu zeigen, dass sie nichts dazu zu sagen hatte. Das ganze Spielchen war ihr schon vertraut und selbst wenn Magdas Verschwinden alle in Aufruhr gebracht hatte, so wusste sie doch mehr davon – ein Geheimnis!
„Ich werde dieses Aas nicht ehelichen und mich erst recht nicht von ihm betten lassen, um seine Saat zu empfangen und seinen Nachwuchs zu gebären. Ich gehe in den Wald – jetzt für immer, Schwesterlein. Hannerl, du kennst die Wege, du weißt wo du mich findest. Versprich mir, dass du nachkommst, wenn du es nicht mehr aushälst. Ich schwöre, dass ich für dich sorgen kann!“
Es brauchte keinen Schwur – sie wusste es!
Aber es hatte an Mut gefehlt...und die Angst vor hässlichen Prügel, vielleicht gar mit der Gerte, ließen ihre Beine jede Nacht noch vor der Küchentüre stocken. Der Waldrand, der lockend im Mondlicht lag und von Magda und der Freiheit flüsterte, wurde nur sehnsüchtig betrachtet.
Auch wenn die alten Tage dunkler und einsamer wurden, so hielt die Furcht vor Vater und Brüdern sie weiterhin am Ort verwurzelt – nicht einmal an ihre gute, alte Mume und deren liebe Töchter wollte sie sich wenden... schon alleine deshalb weil deren ältester Sohn, Hannas Vetter Oswald, ihr Gänsehaut und Grauen bereitete. Es galt einfach zu überdauern, zu überstehen und das zornige Feuer in nackter Angst und kalter Scham zu ersticken.
Oh, sicher, ihre Brüder konnten auch nicht behaupten, dass ihr Vater sie vergötterte. Wohl kamen die Kinder glücklicherweise stark nach der verstorbenen Mutter und waren somit, ganz im Gegensatz zum stiernackenartigen Landwirt Jakob Radenbruck, recht hübsch anzusehen mit ihren blonden Löckchen, geraden Nasen und hellblauen Augen, wie der liebe Sommerhimmel. Allerdings schlug sowohl in der Brust der Älteren, Gerd und Johann und in dem Inneren des wenig jüngeren, feisteren Ewald ein grausames Herz, welches rasch Gefallen daran fand, den weiblichen Mitgliedern des Haushalts das Leben schwer zu machen. Hanna hatte irgendwann den Fehler gemacht und wimmernd der Geschichte ihrer angeblich so unseligen Herkunft gelauscht, nur um am Ende in helles Schluchzen und Greinen auszubrechen, vor lauter Entsetzen und seither war es ihnen ein Genuss den Finger in diese offene Wunde zu drücken und allerlei Schimpfgerede über den vermeintlichen „Hexenvater“ der beiden Mädchen zu verbreiten. Jakob zeigte auch nach wenigen Jahren sein wahres Gesicht und als feststand, dass Magda nun ihrer arrangierten Ehe entflohen und der Bräutigam, der ihnen dafür freie Nutzung seiner Mühle und zwanzig Sack Mehl versprochen hatte, sehr erbost über diese Wendung der Ereignisse war, ließ Jakob seine Wut darüber, dass er dieses Geschäft zu eilig verloren hatte, an der verbliebenen Tochter aus. Schnell redete er sich ein, dass Magda ihn betrogen und mit dem dummen, unauffälligem Wesen nur ein weiteres, hungriges Maul aufgehalst hatte. Doch hatte sich erst gestern der Groschen gewendet und plötzlich konnte Hannerl das Zünglein an der Wage werden und das scheinbar geplatzte Geschäft noch retten. Zudem wäre sie dann aus dem Hause und das war so auch höchste Zeit. Alt genug war sie ja und eine Hilfe, in seinen Augen, nicht wirklich - einen Schmarotzer würde er nicht dulden!
So kam es, dass Hanna Radenbruck, der zweite Zwilling, unter dem Namen ‚Nebeldrude' bekannt, einer Zukunft als Eheweib entgegenblickte, ohne davon zu wissen.
Hätte man sich die Mühe gemacht und ihr einmal gesagt, dass eben jener Müllscher-sohn Ulrich, den sie heimlich in den Himmel lobte und jedes noch so kleine Wort aus seiner Kehle wie einen Segensspruch wertete, ihr zukünftiger Mann werden sollte, so hätte sie sich sicherlich zuerst gefreut und ihr Glück tatsächlich kaum fassen gekonnte... bis ihr Magdas Entsetzen wieder eingefallen wären, als jener Kelch beinahe die schöne, junge Frau getroffen hätte.
Selbst die strahlendste Münze hat stets zwei Seiten und zudem ist tatsächlich nicht alles gleich Gold, was glänzt.
Es gab einen gewaltigen Haken an dem jungen Manne namens Ulrich...
„Hörst du mir überhaupt zu, Hannerl? Oder bist du nun zu taub, achwas zu tumb zum hören?“ Er lockerte den Griff in ihrem Haargestrüpp und fegt sie mit einer klatschenden Backpfeife wieder von sich. Murrend drehte er dann den massigen Körper von ihr ab.
„Sieh zu, dass du diese Sauerei und auch dich rasch wieder in Ordnung bringst, Hannerl, in wenigen Stunden wird es dunkel und dann muss der Tisch gedeckt und die Stube gefegt sein, damit der Ulrich wohl fühlt. Ach und zieh Magdas grünes Linnenkleid an. Wird etwas eng sitzen aber immerhin ist es fesch!“
„Weshalb...?“
Sie wusste später nicht, wie es der Verwunderung gelungen war, die Angst zu überwinden, doch war die einsiblige Frage über ihre Lippen gekommen und zumindest laut genug gewesen, um an die Ohren ihres Vaters zu dringen.
„Hannerl... Hannerl... weshalb? Weil's Leben es endlich gut mit mir meint und mir eine Sorge mehr nimmt.“ Als sie nun noch verwirrter die Brauen hob, war es mit seiner Geduld auch schon wieder vorbei und der Zorn färbte sein Gesicht wieder in der Farbe von frischen Ziegeln.
„Wenn du wenigstens nur halb so hübsch wie das Luder Magda wärst“, zischte er da, so dass seine Tochter wie auch sein Sohn ihn gut vernehmen konnten, „hätte ich dich längst an ein Hurenhaus verkauft!“
Damit zog er schnaufend und stapfend von dannen.
Ewald, unterdes, wollte blicklich vorerst nicht von ihr lassen und als er hörte wie sein Vater oben mit den Türen der Gasträume klapperte, da schlich er sich langsam, wie eine heranpirschende Schlange näher. Der jungen Frau war es gelungen den dicken Aschenstaub endgültig zu beseitigen und nun kauerte sie am Kamin, stapelte klappernd die Holzscheite aufeinander und griff zuletzt nach Zunderkästchen und Span. Längst hatte sie die Schritte des Bruders vernommen, doch nach kurzem Abwägen der Situation beschlossen, dass es sinniger war ihn weiterhin zu ignorieren. Meist wurde er den grausamen Spielchen dann überdrüssig und ließ sie arbeiten.
Diesmal jedoch war es ein wenig anders, denn Ewald hatte noch genug Spucke übrig, um ihr einige wenige Worte wie ranzige Eier vor die Füße zu werfen:
„Glaub also ja nicht, dass Ulrich so verzaubert von dir ist, Hannerl. Der braucht nur wen, der ihm's Bett wärmt. Der einzige Unterschied zum Hurenhaus ist also, dass du nur einen Kerl bedienen musst...“
Da erst verstand sie.
Ulrich würde sie ehelichen, er kam, um sich sein zukünftiges Weib noch einmal anzusehen und, wie es dann der alte Brauch so wollte, würde man zum nächsten, neuen Mondlauf das junge Paar mit dem Segen der Allmutter vereinen. Sie sollte bekommen, was sie sich nicht einmal in ihren sehnsüchtigsten Träumen ausgemalt hatte... warum also quoll ihr Herz nicht über vor Glück? Warum wurde der dünne Nebel aus Misstrauen und aufkeimender Panik immer dichter?
Lag es an den grausamen Worten ihres jüngsten Bruders oder an der Tatsache, dass Ulrich die ganze Zeit, die er als hoher Gast zum Abendmahl der Familie Jakob Radenbruck verbrachte, kein Wort mit ihr wechselte und ihr kaum einen Blick schenkte?
Erst als er längst gegangen und sowohl ihre Brüder als auch der Vater das Bett aufgesucht hatten, um den morgigen Tag dann schon früh zu nutzen, verzogen sich die Nebelschwaden um ihren Geist und um das letzte Grauen und die bösen Vorahnungen noch ganz von sich zu schütteln, öffnete sie wieder einmal die Haustüre, atmete die klare Nachtluft, sah sehnsüchtig zum Waldrand und beschloss ein letztes Mal das Stallgatter zu prüfen, aufdass der Fuchs kein leichtes Spiel mit den Hühnern haben sollte. Doch war sie noch nicht ganz beim Hühnerverschlag angekommen, als eine hochgewachsene Gestalt ihr den Weg vertrat, doch Hanna zuckte nicht einmal, hatte sie ihn in just diesem Moment auch schon erkannt – überall würde sie ihn erkennen. Auch in einer Nacht, die weitaus finsterer als diese war.
„Ich wollte dich nicht anschweigen, Hannerl aber dein Vater hatte mir vor einem Mondlauf noch Magda versprochen...“
Es klang seltsam trotzig, kühl und so enttäuscht, dass Hanna im ersten Moment nicht wusste was und ob sie darauf antworten sollte.
„Dabei hätte ich nicht einmal sie richtig gewollt, verstehst du? Ich bin es nur leid, mein gutes Geld gegen Dirnen zu tauschen, die am Ende noch irgendwelche Krankheiten verteilen.“
Aus Trotz wurde Zorn, aus dem kühlen Hauch kaltes Eis und die Enttäuschung verschmolz zu Abscheu und sarkastischem Hohn. Hanna sah allein anhand der Bewegung seiner schönen Lippen, dass noch sehr viel verletzendere Worte folgen würden und da fiel sie ihm rascher ins Wort, als sie denken konnte.
„Es tut mir leid, dass ich nicht deinen Ansprüchen genüge und wohl selbst Magda es dir nicht hätte Recht machen können, doch sei versichert, dass auch keine von uns beiden sich diese Ehe gewünscht haben...“ LÜGNERIN! Was war nur in sie gefahren?
Irgendetwas im Tonfall der jungen Frau hatte den Jüngling verwirrt und ein unbändiges Verlangen nach schmerzlicher Berührung geschaffen. War es die Erwähnung des Schwester? Oder eher der freche, vorlaute Inhalt ihrer sachlich übermittelten Antwort? Hannerl war nur ein einfaches, unscheinbares Mädchen ohne auch nur den Hauch von Vermögen und bar jeglicher Talente. Wer sollte sie schon wollen? Wen konnte eine wie sie sich denn aussuchen? Welcher Mann würde sich mit einem solch blassen, einfältigen Wesen begnügen, dessen Augen ihm gerade dreist Löcher in die Brust bohrten, wo sie da überhaupt einmal durch das Gestrüpp aus Haar blickten.
Ja, wer war so dumm sich eine wie sie anschwatzen zu lassen? Wer, außer er….
Er verspürte plötzlich Wut und mit schnellem Griff tat er es ihrem Vater unbewusst gleich und riss sie am Schopf hoch. Es ging so leicht… als wäre sie eine Marionette. Ohne Widerstand konnte er sie mit einer einzigen, kräftigen Geste zu sich ziehen und erkannte diesmal neue Regungen in ihrem wächsernen Gesicht: Schreck und Erstaunen, Verwirrung und den Anflug von Angst. Von ihm war Hanna dies nicht gewöhnt und für wenige Lidschläge blinzelte sie ihm wirr entgegen, um wohl die verräterischen Emotionen, die sie als verletzlich auswiesen, erneut zu verstecken.
Ulrichs Herz machte einen seltsamen Sprung vor Glück über diesen Erfolg – die erste Züchtigung seines widerspenstigen Weibs!- und ehe er überhaupt realisierte was er da tat, hatte er seine feuchten Lippen auf die ihren, gedrückt.
Die hellen Augen der jungen Frau sprangen regelrecht vor Entsetzen auf und mit ihnen begann die alte Wut zischend aufzuflammen. Blitzschnell bohrten sich scharfe Fingernägel mit aller Kraft in die Wange des Mannes, der schon beim ersten Anflug des stechenden Schmerzes, als dünne Fetzchen Haut von Fleisch getrennt wurden, sie von sich stieß. Taumelnd fiel sie beinahe in die Wiesen.
Keuchend blickten sie aneinander an.
Er hielt sich die spärlich blutende und pochende Wange, sie hatte den eigenen Handrücken auf die geschändeten Lippen gepresst. Wie ein Tier in Bedrängnis starrte sie plötzlich voller glühnder Kampfeswut zu ihm hoch und er begann mit dem aufkeimenden Angstgefühl zu kämpfen. Das Blickduell war rasch zu Ende und noch während er das Augenmerk senkte, die Schultern abwehrend hochzog und sich abdrehte, packte ihn der Zorn über seine Niederlage. Ihre Brüder hatten Recht behalten! Eine Dirne, ein Miststück war sie, eine Hure und das Kind eines faulen Zaubers. Ihre Bohrblicke spürte er im Rücken, als er hölzern doch rasch fort vom Radenbruckscher Anwesen marschierte. Keinen Moment ließen sie ihn los und ein weiterer Funken Wut spitzte die Zunge des jungen Mannes, welcher nun seinerseits boshaft leise nachsetzte und seine Gedanken ihr gegenüber offenbarte:
„Dein Vater hatte Recht. Du bist eine Hure aber das liegt im Blute, nicht? Vermutlich war deine Mutter auch so eine. Hat sich dann den Kopf von einem Dämonendiener verdrehen lassen und ist mit ihm ausgebüchst. Deshalb seid ihr beide, du und deine Schlampe von einer Schwester, solche Schandflecken in einer anständigen Familie… Hach, ich hoffe das Miststück holt sich sonstwas, wenn sie in ihrem geliebten Wald rumstreunert wie ein räudiger Köter. So gehört es ihr recht, weil sie eine verdammte Hu…AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Schmerzensschrei gellte durch den gesamten, nächtlichen Weiler und bald glommen die ersten Lichter in den vier größeren Häusern auf und die ersten Einwohner hasteten, Nachthauben noch am Kopf, Hemden am Leib und Kerzlein in den Händen, herbei. Allen bot sich das gleiche, seltsame Bild:
Ulrich, der Sohn des Müllers, wälzte sich auf dem Boden wimmernd hin und her, ein rauchiger Geruch, wie angeschmortes Fleisch lag in der Luft und im Hemd des Jünglings war ein drei Finger breites Brandloch, in der Haut dahinter bildeten sich die ersten Blasen über der angesengten Haut.
Der junge Mann greinte und schrie immer wieder einen Namen:
„Hexenhanna!“
Einzig von der benannten Übeltäterin fehlte jede Spur...
Ich kann mich nicht an meine Mutter erinnern, dabei ist Magda nur knapp eine Stunde älter als ich. Doch sie, meine wunderbare, geliebte Schwester scheint eine Menge Erinnerungen an diese Frau im Gedächtnis behalten zu haben, obwohl Mutter unser beider Geburt nur um knapp einen Wochenlauf noch überlebte. In ihr glühte die Flamme des Lebens also nur so schwach, wie ein flackerndes Zündhölzlein im Herbsthauch und dennoch berichtet sie mir gerne von Mutters Haar, welches meinem geglichen haben soll und ihrem Lächeln, dass sie uns die letzten Stunden vor ihrem Ableben geschenkt hat. Ich stelle mir Mutter wie eine der Feen aus den Geschichten unserer alten Mume Grete vor: Unglaublich schön, mit sanften, federleichten Bewegungen und einem Gesicht, das liebevolle Wärme und ewige Weisheit ausstrahlt. Vielleicht ein wenig so, wie Madga...
Es ist überhaupt seltsam, dass wir Zwillinge sind.
Ich meine, ja, das sind wir, denn wir fühlen es beide in der Brust, tief in uns – bestimmend und wahr, doch wir sehen einander nicht ähnlich, wie zum Beispiel die kleinen Zwillingsmädchen vom Zimmerer oder die Brüder Buchsenbach. Magda ist vielleicht noch nicht weise, doch ihre hellen Augen strahlen gewitzte Klugheit aus und ihr Haar, etwas heller als meines, glänzt stets strahlend und riecht nach duftigem Kiefernholz und herben Waldblumen. Meines ist störrisch, mal strohig, dann wieder speckig und zu allem übel lässt es sich in keine rechte Frisur pferchen. Wieder ist es Magda, mit ihrer schmalen, anmutigen Gestalt und dem geraden Wuchs und den langen, schlanken Beinen, die mir bei solchen Gedanken in mein rundes Vollmondgesicht lacht, und mich „hübsch“ nennt. Das sind die einzigen Momente, in denen ich ihr einmal nicht glaube, denn sie ist der Wanderfalke und ich eine gewöhnliche Haselmaus.
Vielleicht stimmt es also, was Vater, Gerd, Johann und Ewald uns immer erzählten... dass wir so verschieden wären, weil Mutter mit einem Hexenmann das Bett teilte, bevor wir zur Welt kamen. Er soll lange um sie herumgeschlichen sein und hat sie, da sie ja nur ein einfältiges Weibsbild war, mit einem bösen Hexenzauber dann belegt, so dass sie sich zu ihm legte. Seine dunkle Saat hätte uns beide verdorben, dann Magda ist, laut meinen Brüdern und meinem Vater, eine störrische, anmaßende Dirne und ich einfach nur unglaublich einfältig und nicht eben sehr schön geraten.
Das waren noch die einfachsten Erklärungen und Teile dieser Geschichte um unseren „Hexenvater“, doch wenn wir etwas gemacht hatten, was den Männern im Haushalt nicht gefiel, dann wurden sie erfinderisch und die bösen Erzählungen so detailreich, dass sie später auch Ulrich zu glauben begann... ach, Ulrich...
„Deine Mutter war eine dumme Hure, die ihren Rock zu rasch gelupft hat und dein Vater ein widernatürliches Scheusal mit Hörnern auf dem Kopf und einem Aalschwanz und du, du bist nur eine jämmerliche, hässliche, tumbe Nebeldrude!“
Knurrend stieß der junge Mann, gerade dem Jünglingsalter entwachsen, das jüngere, schmuddelige Mädchen in den einfachen Kitteln, herab zu Boden und warf ihr einen stinkenden Putzlumpen auf den Kopf, mitten in das aschenfarbene Struppelhaar hinein. Jenes junge Fräulein schwieg belämmert und machte sich nicht mehr die Mühe ihrem nur etwa ein Jahr älteren Bruder einmal wieder zu erklären, dass ihre Mutter wohl auch die seine gewesen sein musste.
„Nun sieh zu, dass du dich beeilst. Der Stube ist groß, Drude, und wir bringen heute einen Gast der es nicht gewohnt ist, im Dreck und Unrat zu hausen… und all das nur wegen dir.“
Wieder begann er leise in sich hinein zu fluchen und sein eigentlich wohlgeformtes Gesicht wurde hässlich, als ein boshafter, erfreuter Glanz in seine hellblauen Augen trat. Pfeifend schlenderte er dann durch den Raum und steuerte scheinbar zufällig in Richtung Kamin. Ein eiliger Griff nach dem Schürhaken, wildes Rechen und Schlagen mitten in die Aschereste hinein.
Als der feine, grauweiße Staub nun nur so aus dem Kamin in die Stube fegte und alles unter einer schmierigen, dunklen Flockenschicht bedeckte, lachte der junge Mann hart auf, sprang beiseite, ließ den Schürhaken scheppernd zu Boden fallen und schritt dann gemächlich gen Treppenaufgang zu den Schlafräumen. Das junge Mädchen am Boden, wohl kaum siebzehn Winter alt, beobachtete ihn nur stumm, ließ die Gemeinheiten wie ein Wellenspiel still über sich ergehen und flüchtete in reglose Resignation. Erst als der junge Mann die Treppe hinauf brüllte, zuckte sie aufgrund seines Rufes erschrocken zusammen.
„Vaaaaaater. Hannerl hat all die Asche in der Stube verteiiiiiilt!“
Hilflos und dennoch von Wut gezeichnet, traf ein glühender Blick aus grünblauen Augen den Treppenaufgang, bei welchem der Kerl noch immer selbstzufrieden lehnte und höhnend grinste, als er diesen auffing. Genugtuung, absurde Freude und beinahe schon ein wenig Befriedigung spiegelten sich in seinem Lächeln wieder. Langsam nahm das Mädchen den Lappen vom Haupt und wendete sich wortlos ab, um auf den Knien über die Holzplanken des Bodens zu rutschen und den ersten Aschefilm zusammen zu wischen.
Dennoch dauerte es nur wenige Lidschläge, ehe man Schritte über den beiden jungen Menschen, vom oberen Stock, herab poltern hörte. Eine zeternde, wutentbrannte Stimme mischte sich rasch in die Geräuschkulisse und schon bald stapfte der kräftige, rotgesichtige Landwirt des kleinen Radenbruckschen Weilers die Treppenstufen zu seinem Sohn herab. Ein kaltes Blinzeln aus seinen stechenden Augen galt dem Chaos in der Gaststube, dann hatte er das unscheinbare Mädchen, welches ihm den Rücken zugedreht hatte und stumm ihrer Arbeit nachging, erspäht.
„Hannerl?! Bist du wirklich so ein saudummer Klotz oder einfach nur garstig?“, begann er erhitzt und schritt langsam, vor Zorn bebend, auf sein Kind zu.
„Das ist nun das vierte Mal in dieser Woche… das vierte Mal, hörst du?!“
Sie wusste es. Einmal für jeden ihrer drei Brüder und einmal war es Ulrich der Müllscher-sohn gewesen... Ulrich, der so schön lachte und scherzte, wenn er mit ihren Brudern sprach. Ulrich, dessen Haar wie Sonnenlicht glänzte und dessen Augen an die stillen Waldseen erinnerte, die ihr Magda heimlich gezeigt hatte. Ach, Ulrich...
Prankenhände griffen nach dem langen Büschel aus braunblondem Haar, wühlten sich hinein und rissen das Mädchen mit einem brutalen Ruck nach oben und somit aus ihren Tagträumen. Sie unterdrückte den Schmerzlaut, auch wenn die Tränen ihr sofort in die Augen schossen. Mit Gewalt zerrte er sie zu sich auf und machte vom Griff in den Haaren so lange Gebrauch, bis sie gar nicht anders konnte, als ihm direkt in das verschwitzte, rote Gesicht zu blicken.
„Dämliches Weibsbild!“, wetterte er erneut und der süßliche Atem seiner fauligen Zähne, sowie ein paar Tropfen Spucke schlugen dem Mädchen entgegen. Wieder schüttelte er sein hilfloses Opfer und begann dann mit zischelnden Worten:
„Wir haben viel für dich auf uns genommen, Hannerl, für dich und diese liederliche, verschlagene Metze, die deine Schwester ist. Betrogen hat uns diese Hure. Ohne sich auch nur einmal über ihr Glück zu freuen und einen gestandenen Mann zu ehelichen, der für sie hätte sorgen können, verschwindet dieses Miststück in tiefster Nacht in den Wald und hängt dich uns an den Rockzipfel. Mögen die Wölfe sie finden und dieses undankbare Weib reißen!“
Sie blinzelte heftig. Für gewöhnlich erduldete sie alles ängstlich und schweigend, doch wenn die boshaften Worte Magda, ihre geliebte Schwester, trafen, so pochte es dumpf in ihrer Brust und sie hörte das Knistern der auflodernden Wut. Eilig presste sie da jedoch die Lippen fest aufeinander um zu zeigen, dass sie nichts dazu zu sagen hatte. Das ganze Spielchen war ihr schon vertraut und selbst wenn Magdas Verschwinden alle in Aufruhr gebracht hatte, so wusste sie doch mehr davon – ein Geheimnis!
„Ich werde dieses Aas nicht ehelichen und mich erst recht nicht von ihm betten lassen, um seine Saat zu empfangen und seinen Nachwuchs zu gebären. Ich gehe in den Wald – jetzt für immer, Schwesterlein. Hannerl, du kennst die Wege, du weißt wo du mich findest. Versprich mir, dass du nachkommst, wenn du es nicht mehr aushälst. Ich schwöre, dass ich für dich sorgen kann!“
Es brauchte keinen Schwur – sie wusste es!
Aber es hatte an Mut gefehlt...und die Angst vor hässlichen Prügel, vielleicht gar mit der Gerte, ließen ihre Beine jede Nacht noch vor der Küchentüre stocken. Der Waldrand, der lockend im Mondlicht lag und von Magda und der Freiheit flüsterte, wurde nur sehnsüchtig betrachtet.
Auch wenn die alten Tage dunkler und einsamer wurden, so hielt die Furcht vor Vater und Brüdern sie weiterhin am Ort verwurzelt – nicht einmal an ihre gute, alte Mume und deren liebe Töchter wollte sie sich wenden... schon alleine deshalb weil deren ältester Sohn, Hannas Vetter Oswald, ihr Gänsehaut und Grauen bereitete. Es galt einfach zu überdauern, zu überstehen und das zornige Feuer in nackter Angst und kalter Scham zu ersticken.
Oh, sicher, ihre Brüder konnten auch nicht behaupten, dass ihr Vater sie vergötterte. Wohl kamen die Kinder glücklicherweise stark nach der verstorbenen Mutter und waren somit, ganz im Gegensatz zum stiernackenartigen Landwirt Jakob Radenbruck, recht hübsch anzusehen mit ihren blonden Löckchen, geraden Nasen und hellblauen Augen, wie der liebe Sommerhimmel. Allerdings schlug sowohl in der Brust der Älteren, Gerd und Johann und in dem Inneren des wenig jüngeren, feisteren Ewald ein grausames Herz, welches rasch Gefallen daran fand, den weiblichen Mitgliedern des Haushalts das Leben schwer zu machen. Hanna hatte irgendwann den Fehler gemacht und wimmernd der Geschichte ihrer angeblich so unseligen Herkunft gelauscht, nur um am Ende in helles Schluchzen und Greinen auszubrechen, vor lauter Entsetzen und seither war es ihnen ein Genuss den Finger in diese offene Wunde zu drücken und allerlei Schimpfgerede über den vermeintlichen „Hexenvater“ der beiden Mädchen zu verbreiten. Jakob zeigte auch nach wenigen Jahren sein wahres Gesicht und als feststand, dass Magda nun ihrer arrangierten Ehe entflohen und der Bräutigam, der ihnen dafür freie Nutzung seiner Mühle und zwanzig Sack Mehl versprochen hatte, sehr erbost über diese Wendung der Ereignisse war, ließ Jakob seine Wut darüber, dass er dieses Geschäft zu eilig verloren hatte, an der verbliebenen Tochter aus. Schnell redete er sich ein, dass Magda ihn betrogen und mit dem dummen, unauffälligem Wesen nur ein weiteres, hungriges Maul aufgehalst hatte. Doch hatte sich erst gestern der Groschen gewendet und plötzlich konnte Hannerl das Zünglein an der Wage werden und das scheinbar geplatzte Geschäft noch retten. Zudem wäre sie dann aus dem Hause und das war so auch höchste Zeit. Alt genug war sie ja und eine Hilfe, in seinen Augen, nicht wirklich - einen Schmarotzer würde er nicht dulden!
So kam es, dass Hanna Radenbruck, der zweite Zwilling, unter dem Namen ‚Nebeldrude' bekannt, einer Zukunft als Eheweib entgegenblickte, ohne davon zu wissen.
Hätte man sich die Mühe gemacht und ihr einmal gesagt, dass eben jener Müllscher-sohn Ulrich, den sie heimlich in den Himmel lobte und jedes noch so kleine Wort aus seiner Kehle wie einen Segensspruch wertete, ihr zukünftiger Mann werden sollte, so hätte sie sich sicherlich zuerst gefreut und ihr Glück tatsächlich kaum fassen gekonnte... bis ihr Magdas Entsetzen wieder eingefallen wären, als jener Kelch beinahe die schöne, junge Frau getroffen hätte.
Selbst die strahlendste Münze hat stets zwei Seiten und zudem ist tatsächlich nicht alles gleich Gold, was glänzt.
Es gab einen gewaltigen Haken an dem jungen Manne namens Ulrich...
„Hörst du mir überhaupt zu, Hannerl? Oder bist du nun zu taub, achwas zu tumb zum hören?“ Er lockerte den Griff in ihrem Haargestrüpp und fegt sie mit einer klatschenden Backpfeife wieder von sich. Murrend drehte er dann den massigen Körper von ihr ab.
„Sieh zu, dass du diese Sauerei und auch dich rasch wieder in Ordnung bringst, Hannerl, in wenigen Stunden wird es dunkel und dann muss der Tisch gedeckt und die Stube gefegt sein, damit der Ulrich wohl fühlt. Ach und zieh Magdas grünes Linnenkleid an. Wird etwas eng sitzen aber immerhin ist es fesch!“
„Weshalb...?“
Sie wusste später nicht, wie es der Verwunderung gelungen war, die Angst zu überwinden, doch war die einsiblige Frage über ihre Lippen gekommen und zumindest laut genug gewesen, um an die Ohren ihres Vaters zu dringen.
„Hannerl... Hannerl... weshalb? Weil's Leben es endlich gut mit mir meint und mir eine Sorge mehr nimmt.“ Als sie nun noch verwirrter die Brauen hob, war es mit seiner Geduld auch schon wieder vorbei und der Zorn färbte sein Gesicht wieder in der Farbe von frischen Ziegeln.
„Wenn du wenigstens nur halb so hübsch wie das Luder Magda wärst“, zischte er da, so dass seine Tochter wie auch sein Sohn ihn gut vernehmen konnten, „hätte ich dich längst an ein Hurenhaus verkauft!“
Damit zog er schnaufend und stapfend von dannen.
Ewald, unterdes, wollte blicklich vorerst nicht von ihr lassen und als er hörte wie sein Vater oben mit den Türen der Gasträume klapperte, da schlich er sich langsam, wie eine heranpirschende Schlange näher. Der jungen Frau war es gelungen den dicken Aschenstaub endgültig zu beseitigen und nun kauerte sie am Kamin, stapelte klappernd die Holzscheite aufeinander und griff zuletzt nach Zunderkästchen und Span. Längst hatte sie die Schritte des Bruders vernommen, doch nach kurzem Abwägen der Situation beschlossen, dass es sinniger war ihn weiterhin zu ignorieren. Meist wurde er den grausamen Spielchen dann überdrüssig und ließ sie arbeiten.
Diesmal jedoch war es ein wenig anders, denn Ewald hatte noch genug Spucke übrig, um ihr einige wenige Worte wie ranzige Eier vor die Füße zu werfen:
„Glaub also ja nicht, dass Ulrich so verzaubert von dir ist, Hannerl. Der braucht nur wen, der ihm's Bett wärmt. Der einzige Unterschied zum Hurenhaus ist also, dass du nur einen Kerl bedienen musst...“
Da erst verstand sie.
Ulrich würde sie ehelichen, er kam, um sich sein zukünftiges Weib noch einmal anzusehen und, wie es dann der alte Brauch so wollte, würde man zum nächsten, neuen Mondlauf das junge Paar mit dem Segen der Allmutter vereinen. Sie sollte bekommen, was sie sich nicht einmal in ihren sehnsüchtigsten Träumen ausgemalt hatte... warum also quoll ihr Herz nicht über vor Glück? Warum wurde der dünne Nebel aus Misstrauen und aufkeimender Panik immer dichter?
Lag es an den grausamen Worten ihres jüngsten Bruders oder an der Tatsache, dass Ulrich die ganze Zeit, die er als hoher Gast zum Abendmahl der Familie Jakob Radenbruck verbrachte, kein Wort mit ihr wechselte und ihr kaum einen Blick schenkte?
Erst als er längst gegangen und sowohl ihre Brüder als auch der Vater das Bett aufgesucht hatten, um den morgigen Tag dann schon früh zu nutzen, verzogen sich die Nebelschwaden um ihren Geist und um das letzte Grauen und die bösen Vorahnungen noch ganz von sich zu schütteln, öffnete sie wieder einmal die Haustüre, atmete die klare Nachtluft, sah sehnsüchtig zum Waldrand und beschloss ein letztes Mal das Stallgatter zu prüfen, aufdass der Fuchs kein leichtes Spiel mit den Hühnern haben sollte. Doch war sie noch nicht ganz beim Hühnerverschlag angekommen, als eine hochgewachsene Gestalt ihr den Weg vertrat, doch Hanna zuckte nicht einmal, hatte sie ihn in just diesem Moment auch schon erkannt – überall würde sie ihn erkennen. Auch in einer Nacht, die weitaus finsterer als diese war.
„Ich wollte dich nicht anschweigen, Hannerl aber dein Vater hatte mir vor einem Mondlauf noch Magda versprochen...“
Es klang seltsam trotzig, kühl und so enttäuscht, dass Hanna im ersten Moment nicht wusste was und ob sie darauf antworten sollte.
„Dabei hätte ich nicht einmal sie richtig gewollt, verstehst du? Ich bin es nur leid, mein gutes Geld gegen Dirnen zu tauschen, die am Ende noch irgendwelche Krankheiten verteilen.“
Aus Trotz wurde Zorn, aus dem kühlen Hauch kaltes Eis und die Enttäuschung verschmolz zu Abscheu und sarkastischem Hohn. Hanna sah allein anhand der Bewegung seiner schönen Lippen, dass noch sehr viel verletzendere Worte folgen würden und da fiel sie ihm rascher ins Wort, als sie denken konnte.
„Es tut mir leid, dass ich nicht deinen Ansprüchen genüge und wohl selbst Magda es dir nicht hätte Recht machen können, doch sei versichert, dass auch keine von uns beiden sich diese Ehe gewünscht haben...“ LÜGNERIN! Was war nur in sie gefahren?
Irgendetwas im Tonfall der jungen Frau hatte den Jüngling verwirrt und ein unbändiges Verlangen nach schmerzlicher Berührung geschaffen. War es die Erwähnung des Schwester? Oder eher der freche, vorlaute Inhalt ihrer sachlich übermittelten Antwort? Hannerl war nur ein einfaches, unscheinbares Mädchen ohne auch nur den Hauch von Vermögen und bar jeglicher Talente. Wer sollte sie schon wollen? Wen konnte eine wie sie sich denn aussuchen? Welcher Mann würde sich mit einem solch blassen, einfältigen Wesen begnügen, dessen Augen ihm gerade dreist Löcher in die Brust bohrten, wo sie da überhaupt einmal durch das Gestrüpp aus Haar blickten.
Ja, wer war so dumm sich eine wie sie anschwatzen zu lassen? Wer, außer er….
Er verspürte plötzlich Wut und mit schnellem Griff tat er es ihrem Vater unbewusst gleich und riss sie am Schopf hoch. Es ging so leicht… als wäre sie eine Marionette. Ohne Widerstand konnte er sie mit einer einzigen, kräftigen Geste zu sich ziehen und erkannte diesmal neue Regungen in ihrem wächsernen Gesicht: Schreck und Erstaunen, Verwirrung und den Anflug von Angst. Von ihm war Hanna dies nicht gewöhnt und für wenige Lidschläge blinzelte sie ihm wirr entgegen, um wohl die verräterischen Emotionen, die sie als verletzlich auswiesen, erneut zu verstecken.
Ulrichs Herz machte einen seltsamen Sprung vor Glück über diesen Erfolg – die erste Züchtigung seines widerspenstigen Weibs!- und ehe er überhaupt realisierte was er da tat, hatte er seine feuchten Lippen auf die ihren, gedrückt.
Die hellen Augen der jungen Frau sprangen regelrecht vor Entsetzen auf und mit ihnen begann die alte Wut zischend aufzuflammen. Blitzschnell bohrten sich scharfe Fingernägel mit aller Kraft in die Wange des Mannes, der schon beim ersten Anflug des stechenden Schmerzes, als dünne Fetzchen Haut von Fleisch getrennt wurden, sie von sich stieß. Taumelnd fiel sie beinahe in die Wiesen.
Keuchend blickten sie aneinander an.
Er hielt sich die spärlich blutende und pochende Wange, sie hatte den eigenen Handrücken auf die geschändeten Lippen gepresst. Wie ein Tier in Bedrängnis starrte sie plötzlich voller glühnder Kampfeswut zu ihm hoch und er begann mit dem aufkeimenden Angstgefühl zu kämpfen. Das Blickduell war rasch zu Ende und noch während er das Augenmerk senkte, die Schultern abwehrend hochzog und sich abdrehte, packte ihn der Zorn über seine Niederlage. Ihre Brüder hatten Recht behalten! Eine Dirne, ein Miststück war sie, eine Hure und das Kind eines faulen Zaubers. Ihre Bohrblicke spürte er im Rücken, als er hölzern doch rasch fort vom Radenbruckscher Anwesen marschierte. Keinen Moment ließen sie ihn los und ein weiterer Funken Wut spitzte die Zunge des jungen Mannes, welcher nun seinerseits boshaft leise nachsetzte und seine Gedanken ihr gegenüber offenbarte:
„Dein Vater hatte Recht. Du bist eine Hure aber das liegt im Blute, nicht? Vermutlich war deine Mutter auch so eine. Hat sich dann den Kopf von einem Dämonendiener verdrehen lassen und ist mit ihm ausgebüchst. Deshalb seid ihr beide, du und deine Schlampe von einer Schwester, solche Schandflecken in einer anständigen Familie… Hach, ich hoffe das Miststück holt sich sonstwas, wenn sie in ihrem geliebten Wald rumstreunert wie ein räudiger Köter. So gehört es ihr recht, weil sie eine verdammte Hu…AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“
Der Schmerzensschrei gellte durch den gesamten, nächtlichen Weiler und bald glommen die ersten Lichter in den vier größeren Häusern auf und die ersten Einwohner hasteten, Nachthauben noch am Kopf, Hemden am Leib und Kerzlein in den Händen, herbei. Allen bot sich das gleiche, seltsame Bild:
Ulrich, der Sohn des Müllers, wälzte sich auf dem Boden wimmernd hin und her, ein rauchiger Geruch, wie angeschmortes Fleisch lag in der Luft und im Hemd des Jünglings war ein drei Finger breites Brandloch, in der Haut dahinter bildeten sich die ersten Blasen über der angesengten Haut.
Der junge Mann greinte und schrie immer wieder einen Namen:
„Hexenhanna!“
Einzig von der benannten Übeltäterin fehlte jede Spur...
-
Hanna Radenbruck
Neuer Morgen
Der Schlick schien sich um ihre Füße zu schmiegen und den langsam erschlaffenden Körper tiefer zu sich herab zu zerren. Also war es tatsächlich das Ende, denn von Freiheit in der Umarmung der geliebten Zwillingsschwester konnte wohl nicht die Rede sein. Nun, so war dies wohl wirklich eine Art Vorherbestimmung? Das Ende eines „Problems“?
Ein im Selbstmitleid und Dramatik zerfließender Teil ihres Selbst säuselte Hanna wimmernd ins Ohr, dass es definitiv alles keinen Sinn mehr hatte. Ja, sie hatte die brennende Hitze in der Tiefe ihrer Brust gespürt, hatte beinahe ohnmächtig vor Wut geschehen lassen, dass der Zorn jeden Funken Besonnenheit in ihr verzehrte und zu schneeweißer Asche verbrannte... und oh Mutter, es war ein erhabendes, jubelnd-jauchzendes Gefühl gewesen, als sich diese Wut geballt gegen den Rufmörder entlud. Doch all das schien plötzlich so weit weg zu sein, so fern, so lange, lange her, wie ein bizarrer Traum. Aber war es nicht nur glaubwürdig, dass es genau das gewesen war? Ein alberner Kindertraum! In Wahrheit war sie doch einfach kopflos, aus Angst vor der Ablehnung des künftigen Gatten, in den Wald gerannt, hatte sich im Sumpf verlaufen, Magda nie gefunden und nun blühte ihr eben das sang- und klanglose Ende. Wozu noch kämpfen, wenn man auf verlorenem Grund stand… halt, nein, im verlorenen Grund versank. Wozu tapfer bleiben, wenn doch nur Gewalt und Ungerechtigkeit auf einen warteten? Wozu leben? Das Einfachste wäre es nun den Mund zu öffnen, sich nicht weiter zu sträuben und zu spüren, wie das eisige, trübe Sumpfwasser geduldig den Weg durch Rachen und Nase die Luftröhre herab bis in die Lunge fand und dann würde es schon fast vorbei sein. Vorbei, endlich Ruhe!
Doch ein Funke Feuer brannte noch immer!
NEIN! Mit einem grimmigen, gurgelnden Aufschrei, begann die junge Frau wieder hilflos zu zappeln. Ihre Hände konnten die Oberfläche noch spüren, noch war da eine Chance auf Luft, auf Leben. Obwohl der Morast seine Beute nicht wieder weglassen wollte, suchten ihre Fingerspitzen planschend und hastig patschend nach einem Halt, an dem man sich hochziehen konnte. Irgendeiner?!
Der Halt jedoch fand sie und nicht andersherum. Etwas packte ihre Hände und riss sie mit solch einer Kraft nach oben, dass sogar der Tiefenschlick seufzend nachgab und sein Opfer in die Freiheit entließ. Hustend rang sie nach Luft und ließ jene wie flüssiges Feuer brennend in ihre gebeutelte Lunge dringen. Kräftige, doch schlanke Arme zogen sie aus dem Matsch und jene Arme lösten sich auch danach nicht von ihr, sondern drückten sie fest an einen schmalen, weichen Leib. Da begann eine sanfte Stimme erstickt zu hauchen.
„Schwesterchen, ich hab dich, ganz ruhig... es wird alles gut. Ich hab dich und ich lasse dich nicht mehr los...“
Erst da schwieg das Feuer wieder und ließ zu, dass Tränen an seine Stelle traten.
… und Hanna weinte vor Dankbarkeit über das Geschenk der „Schwesternschaft“.
Der Schlick schien sich um ihre Füße zu schmiegen und den langsam erschlaffenden Körper tiefer zu sich herab zu zerren. Also war es tatsächlich das Ende, denn von Freiheit in der Umarmung der geliebten Zwillingsschwester konnte wohl nicht die Rede sein. Nun, so war dies wohl wirklich eine Art Vorherbestimmung? Das Ende eines „Problems“?
Ein im Selbstmitleid und Dramatik zerfließender Teil ihres Selbst säuselte Hanna wimmernd ins Ohr, dass es definitiv alles keinen Sinn mehr hatte. Ja, sie hatte die brennende Hitze in der Tiefe ihrer Brust gespürt, hatte beinahe ohnmächtig vor Wut geschehen lassen, dass der Zorn jeden Funken Besonnenheit in ihr verzehrte und zu schneeweißer Asche verbrannte... und oh Mutter, es war ein erhabendes, jubelnd-jauchzendes Gefühl gewesen, als sich diese Wut geballt gegen den Rufmörder entlud. Doch all das schien plötzlich so weit weg zu sein, so fern, so lange, lange her, wie ein bizarrer Traum. Aber war es nicht nur glaubwürdig, dass es genau das gewesen war? Ein alberner Kindertraum! In Wahrheit war sie doch einfach kopflos, aus Angst vor der Ablehnung des künftigen Gatten, in den Wald gerannt, hatte sich im Sumpf verlaufen, Magda nie gefunden und nun blühte ihr eben das sang- und klanglose Ende. Wozu noch kämpfen, wenn man auf verlorenem Grund stand… halt, nein, im verlorenen Grund versank. Wozu tapfer bleiben, wenn doch nur Gewalt und Ungerechtigkeit auf einen warteten? Wozu leben? Das Einfachste wäre es nun den Mund zu öffnen, sich nicht weiter zu sträuben und zu spüren, wie das eisige, trübe Sumpfwasser geduldig den Weg durch Rachen und Nase die Luftröhre herab bis in die Lunge fand und dann würde es schon fast vorbei sein. Vorbei, endlich Ruhe!
Doch ein Funke Feuer brannte noch immer!
NEIN! Mit einem grimmigen, gurgelnden Aufschrei, begann die junge Frau wieder hilflos zu zappeln. Ihre Hände konnten die Oberfläche noch spüren, noch war da eine Chance auf Luft, auf Leben. Obwohl der Morast seine Beute nicht wieder weglassen wollte, suchten ihre Fingerspitzen planschend und hastig patschend nach einem Halt, an dem man sich hochziehen konnte. Irgendeiner?!
Der Halt jedoch fand sie und nicht andersherum. Etwas packte ihre Hände und riss sie mit solch einer Kraft nach oben, dass sogar der Tiefenschlick seufzend nachgab und sein Opfer in die Freiheit entließ. Hustend rang sie nach Luft und ließ jene wie flüssiges Feuer brennend in ihre gebeutelte Lunge dringen. Kräftige, doch schlanke Arme zogen sie aus dem Matsch und jene Arme lösten sich auch danach nicht von ihr, sondern drückten sie fest an einen schmalen, weichen Leib. Da begann eine sanfte Stimme erstickt zu hauchen.
„Schwesterchen, ich hab dich, ganz ruhig... es wird alles gut. Ich hab dich und ich lasse dich nicht mehr los...“
Erst da schwieg das Feuer wieder und ließ zu, dass Tränen an seine Stelle traten.
… und Hanna weinte vor Dankbarkeit über das Geschenk der „Schwesternschaft“.