Wenn der Frost Einzug hält

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Lucien de Mareaux

Wenn der Frost Einzug hält

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Was brummte mir der Schädel! Elender, dreimal verfluchter Marillenschnaps!
Ich rollte mich zur Seite und fiel mehr aus dem Bett heraus, als dass ich aufstand. Das war nicht die Nixe, soviel stand fest. Als ich mich umsah, fand ich mich in einem der Zimmer der Herberge wieder und fasste mir zugleich an den Kopf. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Bär verprügelt, der immer fein auf meine Schädel draufgehämmert hatte.
Mein Blick fiel auf einen Schopf blauer Haare, die unter der Decke eines anderen Bettes hervorlugten und ich verwünschte den Tag auf ein Neues. Noch mehr die letzte Nacht. Nein, ich hatte nichts vergessen. Einzig und allein die Wahl des Zimmers, daran konnte ich mich nicht erinnern. Hätte ich mich mal von Maria zur Nixe bringen lassen, aber ich musste ja meinen Sturschädel durchsetzen, war – nachdem sie fort war – noch durch das Dorf gezogen, hatte die Schnapsflasche aufgesammelt, die ich auf der Theke in der Schenke zurückgelassen hatte, als Maria mich ins Schlepptau nahm. Danach… tja, danach… ich hatte keine Ahnung, was danach noch passiert war.
Ich vermutete, nichts ereignisreicheres, als der Weg zur Herberge in dieses blöde Bett in diesem blöden Zimmer und der Absturz in irgendeinen schwarzen bilderlosen Traum mit einem üblen Erwachen, dass ich nun hinter mir hatte.
Die Wand in meinem Rücken rutschte ich an ihr hinunter, bis ich saß und starrte zu den Betten hinüber in welchem eines davon noch mit dieser schlafenden Person belegt war. Der kommende Ärger war garantiert und unausweichlich. Das hatte ich schon am Abend feststellen müssen.
Was waren die Temperaturen in dem Keller rapide gesunken! Zweifellos, ich ließ mir nichts anmerken. Es tat nicht Not, dass ich den Kram, den ich mir unwissentlich und wissentlich eingebrockt hatte, allen auf die Nase band.
Eines stand für mich allerdings fest: Es stand ein Gespräch aus und ich rechnete nach wie vor – oder mehr denn je? – damit kräftig was aufs Maul zu bekommen.

Bleibe deinen Grundsätzen treu, und alles läuft nach deinen Wünschen.

Ja, wäre ich das mal geblieben. Dummerweise hatte ich sie in den Wind geschossen, ich Narr. Und was war seither? Nichts, wirklich gar nichts lief mehr so, wie es sollte. Sie war nicht sie. Ich wusste mehr, als mir eigentlich lieb war, aber hielt wenigstens darüber die Klappe, wenn ich sie vorher schon nicht hatte halten können, als es um mich ging.
Wieso auch immer ich erzählte, was mich beschäftigte, ich hatte keine Ahnung. Zugegebenermaßen dachte ich in dem Moment nicht wirklich darüber nach, was das für Konsequenzen nach sich ziehen musste, obschon ich sie im Grunde sogar schon ahnte. So war es schließlich immer. Alles Handeln hatte unweigerlich auch eine Konsequenz, in solcherlei Belangen immer eine äußerst unangenehme.
Also hielt der Winter Einzug, es hätte auch gleich alles gefrieren können – verwundert hätte mich das wirklich nicht.
Was musste sie ihm auch gleich alles auf die Nase binden! Aber ich sollte den Mund halten. Na klar. Das nennt sich nun ausgleichende Gerechtigkeit. Und was mach ich, ich Idiot? Ich halte den Mund. Übel daran ist und war: Ich tat und tue es auch noch gern.

Ich schloss die Augen, mein Schädel dröhnte nach wie vor, als würde eine Horde Gäule hindurchgaloppieren. Mir war speiübel, wobei ich das nicht nur dem Alkoholkonsum zuschrieb.
Mein linker Arm schmerzte darüber hinaus. Diese Seeschlange! Dieser überdimensionierte Lederriemen mit Nägeln am falschen Ende! Dieser Hundsfott von Schuppenflechte! Meine Sachen hatte es gefressen und bei allen Göttern, das würde ich diesem Mistvieh niemals vergessen! Niemals! Irgendwann wird der Tag kommen, das Vieh wird noch einmal auftauchen und dann wird es mit dem Bauch nach oben schwimmen! Und es wird mir eine Freude sein es über dem Feuer zu rösten danach, oh ja!
Ich stieß einen leisen Seufzer aus. Eigentlich sollte ich besser daran denken, wo ich mich gerade befand, und wer noch hier war. Ich sollte gehen, aber ich blieb sitzen. Der Ärger war eh schon da, es konnte kaum schlimmer werden, davon war ich überzeugt. Was machte es also schon hier zu sitzen? Passierte ja nix dabei, außer dass mir der Kopf unter Umständen zersprang.

Tja, und dann dieser Kauz, der eigentlich nicht mal ein Geheimnis draus machte, was oder wer er war. Zweifellos im dunkelsten Zwielicht unterwegs, aber bei ihr sollte mich das an sich nicht wundern, sie war kaum weniger eine lichte Gestalt. Trotzdem fand ich, sie hätte durchweg was Besseres verdient als das…
Diese Ignoranz! Himmel, was für ein Hornochse, dass er sie so behandelte! Und ich hoffe inständig, er kriegt dafür so kräftig auf den Sack, dass ihm mindestens so übel wird, wie ich es mir gerade ist!

Lass dir nichts gefallen, Kleines.

Tja, guter Rat war da wohl teuer. Ich sag’s ja immer: Wo Gefühle im Spiel sind, geh laufen. Das Beste, was du machen kannst.

Und die Kleine? Die war mir eh ein Rätsel. Also die andere Kleine. Nicht die da, sondern... ja genau, die andere. So leicht ein Lächeln zu entlocken, noch leichter es wieder damit zu verderben. Aber was genau dahinter steckte, wollte mir nicht aufgehen.

Fähnlein im Wind…

Ich hätte fast gelacht, als ich die Worte hinter mir gemurmelt hörte in diesem... diesem… Frostkeller.
Und das nur, weil ich Tulena gesagt hatte, sie könnte sich gern bei mir melden, wenn sie sich austoben wollte. Dass das allenfalls auf ein paar kleinere Waffengänge ausgelegt war, schien dem Witzbold ernsthaft entgangen zu sein.
Ihm fehlte es eindeutig an Humor, aber was mich betraf vielleicht nicht weiter verwunderlich. Was kam ich in dem Moment auf blöde Ideen – jede Menge blöde Ideen. Allesamt so blöde Ideen, dass ich sie leider wieder verwerfen musste, denn irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass ich ansonsten den nächsten Morgen nicht mehr begrüßen würde.

Tritt leise auf.

Tja, dafür wurde es allmählich wirklich mal Zeit. Leise auftreten. Bei dem Radau, den ich geschlagen hatte, war es an der Zeit mal wieder die Besonnenheit hervorzukehren und auch danach zu handeln.
Je länger ich mir die vergangenen Tage ansah, desto frustrierender fand ich es. Ich hatte mich benommen, wie der letzte Esel – ich sollte mir wirklich Eselsohren aufsetzen!
Warum? Tja, warum… Eben darum! Aber das hatte ab jetzt ein Ende, genauso wie die elende Sauferei, verdammte Tat! Mein Schädel…

Eine Bewegung ließ mich die Augen öffnen. Der Blick irrte unweigerlich zu dem belegten Bett hinüber. Kleine Blaumeise. Flieg auf zum Himmel, dem hellsten und schönsten Stern. Was nutzte es dagegen anstrahlen zu wollen, wenn all das Leuchten selbst den Tag verdunkelte.
Ich wusste, ich sollte eigentlich gehen und mich nicht umdrehen, möglichst schnell und bald, möglichst sofort.
Aber ich blieb sitzen, wo ich saß.
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Montag 25. Oktober 2010, 18:09, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Kleine feine Gedankenwelt

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Nüchtern. Du meine Güte, war ich dankbar drum nüchtern zu sein, und dass die Kopfschmerzen der Vergangenheit angehörten. Mein Magen rebellierte noch ein wenig, aber es hielt sich im erträglichen Rahmen.
Zeit für mich, das war es, was mir gefehlt hatte. Ich merkte es gerade just in diesem Augenblick, da ich hier saß, in einem sicheren Abstand zum Wasser vor der Nixe und ließ mich von der Morgensonne bescheinen.
Der Besuch in der Stadt Adoran war für mich eine willkommene Abwechslung gewesen. Ich erinnerte mich noch dunkel, dass ich gefragt wurde, woher ich denn kam und eine Antwort schuldig blieb. Zugegebenermaßen war ich mir auch nicht sicher, ob es gut war, damit herauszurücken, aus diesem Nest hier hergereist zu sein.
Bei dem, was sich hier rumtrieb, konnte sehr schnell ein unangenehmer Eindruck entstehen und ich wollte das doch lieber vermeiden, ich mochte meine derzeitige Neutralität viel zu sehr. Es machte alles so... einfach. Nun ja, mehr oder weniger. Es gab da wohl das ein oder andere, dem ich nicht so neutral gegenüberstand, aber das gab sich hoffentlich bald.
Ich nutzte die Zeit viel mehr mir Gedanken darüber zu machen, was in dem Keller auf Tulenas Hof besprochen worden war.
Zwar hatte ich es mir nicht anmerken lassen, aber es überraschte mich. Ich fühlte mich ein wenig überrumpelt, letztlich aber kam es mir eher entgegen, als dass es mich störte und ich musste auch nicht lange darüber nachgrübeln, ob ich mich dem weiterhin anschließen wollte oder nicht. Anders Yannick.
Und ich verstand die Sorge der drei, die sich das Ganze ausgeknobelt hatten – oder der zwei? Ob Will sich da sorgte, wusste ich nicht einmal zu sagen, um ehrlich zu sein, aber die Vermutung lag nahe. Und es waren nicht einmal alle zugegen gewesen. Da gab es noch einen Namen, der mir nichts sagte. Gewiss würde sich das bald ändern, fraglich nur, wie sie auf diese Neuigkeiten reagierte.
Yannick schien zunächst überrascht, dann verärgert. Karawyn war enttäuscht, und so zog es sich durch das Grüppchen, das sich im Keller versammelt hatte hindurch.
Nein, er war keineswegs begeistert, wollte Bedenkzeit und hatte sich danach – wie wir anderen auch – ordentlich mit Tulenas Marillenschnaps zugesoffen. Seither hatte ich ihn auch nicht mehr gesehen, dabei interessierte es mich zum Bersten, was in seinem Kopf vorging.
Vielleicht konnte ich ihn bei Gelegenheit mal am Ärmel packen und mich ein wenig mit ihm darüber unterhalten. Wer wusste schon, ob das nicht sogar zur Entscheidungsfindung – positiv für das Nachtvolk – beitragen konnte?
Für mich selbst stellte ich fest, dass mir die Idee gefiel, die noch hinter all dem steckte, wobei ich mich aber bei einigen Regelungen fragte, ob es nicht etwas Differenzierter ausformuliert gehörte. Bei einer derartig schwammigen Formulierung fanden sich hier und dort so einige Lücken, die man an sich noch stopfen müsste. Aber darüber wollte ich noch ausführlichere Gedanken machen, bevor ich es vorbrachte. Es nutzte ja nichts, so was anzumerken ohne entsprechende konstruktive Vorschläge anzubringen.

Je länger ich hier saß, um so mehr musste ich feststellen, dass es einiges zu bedenken gab, und es mir weit besser gefiel mich damit zu befassen, als mit den eigenen Problemen, die da um der nächsten Ecke lauerten.
Was daraus folgte, wusste ich: Ich würde mich mit Feuereifer genau darauf stürzen, und den eigenen Sermon schön hinten anstellen. Alles war angenehmer, als sich mit sich zu beschäftigen, soviel stand fest. Außerdem war es an der Zeit sich anständig einzubringen. Gefaulenzt hatte ich wahrlich genug. Und von nichts kam bekanntlich auch nichts – auch wenn ich gestehen musste, dass einem auch von nichts sehr viel in den Schoss fallen konnte, ob man nun wollte oder nicht. Beschämend bisweilen, wirklich äußerst beschämend. Nichts desto trotz sollte ich wohl dankbar dafür sein und war es im Grunde auch.
Aber, das schwor ich mir im Stillen. Alles wurde heimgezahlt, wenn das Schlechte, dann auch das Gute, irgendwie und irgendwann. So was vergaß man einfach niemandem.
Lucien de Mareaux

Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Die Dunkelheit war allumfassend und so finster, wie es sonst nur tiefschwarze Tinte hätte sein können. Meine Schritte hörte ich nur sehr dumpf, trotz des Kopfsteinpflasters, von dem ich wusste, dass es zu meinen Füßen lag. Die Häuser in der Nähe waren in der Finsternis nicht auszumachen.
Das Herz schlug mir bis zum Hals. Irgendetwas versetzte mich in Aufregung, ja, machte mir sogar Angst, aber ich konnte nicht zuordnen, was es war. Ich konnte die Gefahr förmlich schmecken, oder war es diese erdrückende Stille, die diesen Eindruck erweckte?
Das war der Augenblick, in dem ich begriff, dass ich völlig allein war. Ich blieb stehen und sah mich um, konnte aber nichts ausmachen, außer die tiefen Schatten und die Dunkelheit und ein klein wenig von dem Kopfsteinpflaster um mich herum. Wo hatte ich hin gewollt?
Ich wusste es nicht. Zu rufen wagte ich mich nicht. Wer wusste schon, was dann aus der Finsternis heraustrat? Vielleicht wollte ich das gar nicht herausfinden.
Also setzte sich mich wieder in Bewegung. Herumstehen brachte mich nicht heraus und auch keine Änderung oder gar Verbesserung.

„Bleibe immer in Bewegung, Bengel. Immer.“

Die Stimme ließ mich frösteln.
Dairon. Der Alte sollte nicht hier sein. Das konnte er nicht. Er war mausetot! Hektisch schaute ich mich um und fuhr erschrocken zusammen, als ihn vor mir stehen sah. Die Dunkelheit schien mit der steigenden Angst noch dichter zu werden.
„Verschwinde ins Totenreich, du elender Bastard!“
„Da hast du mich doch schon hingeschickt, Bengel. Was glaubst du, wo du bist?“
Ich hatte das Gefühl zu ersticken, als hätte er mir von jetzt auf gleich die Luft zum Atmen genommen. In den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass dort noch jemand stand und wandte mich um. Die weißblonden Haare verrieten es mir auf den ersten Blick. Ihre Augen wirkten leer.
„Ich hab sie mir geholt, Bengel. Sie gehört mir. Freust du dich?“
Es berührte mich nicht, nicht so zumindest. Anders. Sie tat mir leid, mehr um ihrer selbst willen, als weil sie offenbar ebenfalls vom Antlitz dieser Welt verschwunden war.
„Und jetzt hol ich dich. Willst ja eh nicht bleiben wo du bist. Wolltest du nie. Hast es nie lang wo ausgehalten.“
Mein Blick heftete sich wieder auf den Alten.
„Du hast etwas in dir, das will ich haben“, hörte ich ihn sagen.
Was er meinte, wusste ich nicht. Ich spürte nur instinktiv, wenn ich ihn ließ, hatte ich verloren, mehr als ich verlieren wollte.
„Feensohn“, flüsterte eine andere Stimme.
„Aberglaube.“ gab ich leise zurück.
Mit einer Plötzlichkeit, die ich nicht erwartet hatte, wich die Dunkelheit, ließ mich einen Blick auf eine weit größere Stadt werfen, als ich mich eigentlich hätte befinden müssen. Dairon war verschwunden, ebenso die, die all die Jahre eine Mutter für mich hätte sein sollen und nie gewesen war.
Am Ende der Straße machte ich ein Funkeln und Strahlen aus, das ich nicht zuordnen konnte. Von Neugier getrieben, die Angst und den Schrecken hinter mich lassend, eilte ich darauf zu. Es wirkte so friedvoll, so Vertrauen erweckend.
„Feensohn“, flüsterte es erneut.
Das Licht war verschwunden. Wieder war niemand da, nur ich, niemand sonst. Als ich in die Seitengasse sah, konnte ich noch einen letzten Blick auf etwas Blaues erhaschen, dann war es fort. Ich wollte hinterher laufen, doch ich bewegte mich nicht von der Stelle, so sehr ich mich auch bemühte…


Ich schlug die Augen auf und sah mich orientierungslos um. Recht schnell erkannte ich, wo ich mich befand. Neben mir hörte ich den regelmäßigen Atem, der stets zu hören war, wenn jemand friedlich schlief.
Mein Herz schlug so heftig, als müsste es in meiner Brust zerspringen. So sehr, dass ich es nicht wagte, mich hinzusetzen oder gar zu rühren.
Verdammt sollte alles sein. Alles.
Als ich mich soweit beruhigt hatte, fühlte ich mich nur noch elend. Als hätte ich zuviel getrunken, allein die Kopfschmerzen fehlten. Nicht viel später stahl ich mich aus dem kleinen Haus hinaus und lief los, ziellos irgendwohin. Was machte es schon, wohin ich ging. Irgendwann kam ich schon irgendwo an.
Lucien de Mareaux

Aufträge ohne Ende

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Fünf ausstehende Aufträge! Fünf verdammte Aufträge!
Ich brauchte ein Notizbuch, damit ich nichts vergaß. Also machte ich mich direkt auf den Weg, schwatze der Händlerin ein Buch und einen Kohlestift ab und verzog mich damit in die Nixe. Ich setzte mich hin, nahm den Verband vom Kopf, der mich ohnehin nur hinderte, und wegen einer Beule war das ohnehin nicht wirklich nötig (fand ich zumindest! Heiler waren manchmal wirklich komisch und sehr überfürsorglich).
Und dann begann ich zu notieren:
  • 1. Theaterstück in Adoran, Auftrag durch ihre Erlaucht, Konzept bereits überlegt, muss nur näher ausgeklügelt werden. Theaterbesichtigung nicht versäumen vorab, damit bekannt ist, wie viel Platz zur Verfügung steht. Dringend drum kümmern, darf nicht mehr allzu lange warten.
  • 2. Die Schatzkammer erwartet heitere Unterhaltung. Kümmert sich schon wer drum, muss auch sehr bald geschehen, soweit ich weiß. Mal nachfragen.
  • 3. Fayana und Adrienne mit Sternenstaub berieseln. Schon vorbereitet und wartet nur auf Ausführung.
  • 4. Überraschungsvorstellung für Zwei, bereits in Vorbereitung. Muss ich gleich noch einmal loslaufen für. Und wehe dem, ich krieg Schwierigkeiten deshalb! Unbedingt bedenken, dass das Fräulein Virr den Kopf in die Schlinge stecken darf, sollte ich Probleme bekommen.
  • 5. Kinderfest in Adoran, Auftrag durch Liliana. Liste anfertigen mit den Dingen, die gebraucht werden. Ideen sind zumindest in meinem Kopf schon reichlich vorhanden, werde aber die Hilfe vieler Hände, Stimmen und Augen brauchen, und nicht nur das. Werde mich aber schon mal an die Liste setzen, damit das nicht auch noch allzu lange dauert. Besprechen kann ich das immer noch. Was bedeutet:
  • 6. Dringend eine Sitzung anberaumen für das Nachtvolk, um mal alles durchzusprechen, wie Schatzkammer, Theaterstück und Kinderfest. Die Kleinaufträge mache ich allein. Dazu braucht’s sonst niemand weiteren. Werbung, Werbung und nochmals Werbung.
Ich riss eine Seite heraus, legte sie auf den Deckel des Büchleins und begann die Liste anzufertigen:
  • Kartoffelsäcke
    Eier
    Löffel
    Steckenpferde
    Kinderbögen und verletzungssichere Pfeile
    Viererlei verschiedene Farben
    Kleine Holzspießchen
    Kastanien
    Bunte Bänder
    Bunte Bälle, groß und handlich klein (viele!)
    Holzringe und einige Kegel passend dazu
Ich tippte mir nachdenklich an die Lippen und seufzte leise. Oh, die Ideen waren so reichhaltig, ich sollte mich etwas im Zaum halten. Aber Tulena wollte ich noch fragen, ob sie etwas beisteuern würde wollen für die Erwachsenen und die Kleinen. Kuchen und Schokolade, oder ähnliches. Und dann war es vielleicht auch nicht verkehrt, die übrigen Händler in und um Adoran zu fragen, ob sie nicht auch noch etwas beisteuern wollten. Viel Arbeit, soviel stand fest. Mehr noch als das Theaterstück bringen würde, aber es brachte mich dennoch zum Grinsen. Was zu tun zu haben war allemal besser als den Tag mit Nichts zu verbringen.

„Auf dass die Aufträge kein Ende nehmen und es weitere regnet!“
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Samstag 6. November 2010, 16:09, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Eiskalter Dämon in Engelsgestalt

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Was war ich wütend!
Da unterstellte mir dieses Früchtchen doch noch immer, dass ich log! Nun, wer mich kannte, wusste, ich verbrachte die Nächte in Bajard in der Nixe. Warum sollte ich auch ein Geheimnis daraus machen. Ich sah nichts Schlechtes darin. Dass man mir das aber derart auslegte, als würde ich mit irgendwelchen Leuten paktieren, die nichts Gutes im Schilde führten, empfand ich als eine ungeheuerliche Frechheit. Es war die erste Dreistigkeit, der noch weitere folgen sollten.
Nicht nur, dass diese Unperson behauptete, die Kinder, die zwischenzeitlich ins Kloster verbracht worden waren, um sie zu schützen, hätten jederzeit vor die Türe gehen können, nein, sie setzte noch oben auf, dass sie erst kürzlich mit einem Mädchen von dort vor die Tore des Klosters gegangen war (es sei erwähnt, es war noch zu der Zeit, wo diese Meeresviecher überall herumliefen und für einigen Unfrieden sorgten und es war auch jetzt noch nicht so sicher, dass man ein Kind allein herumlaufen lassen konnte, wenn es nicht wehrhaft und findig genug war, um sich durchzuschlagen. Bei Straßenkindern mochte es anders aussehen, wenn sie sich schon lange genug mit den widrigen Umständen herumschlugen).
Allein diese Behauptungen, die mit dieser Diskussion einhergegangen waren, trieben mir die Wut wieder bis zur Kehle hoch! Was für eine vermessene dumme Gans!
Die Krönung vom Ganzen war dann einige Tage später gefolgt:

„Nenn den Hund doch Lucien.“

Dieser Vorschlag, direkt vor meiner Nase, war ein offener Affront und das auch noch mitten auf der Straße in Adoran. Und sich dann auch noch bei dem Gespräch, zu dem ich mich hatte von Liliana breitschlagen lassen, zu behaupten, sie hätte dem Hund nur einen Namen geben wollen, mich aber nie als Hund bezeichnet, nur um sich in ein besseres Licht zu stellen, schlug dem Fass zu guter Letzt den letzten Boden raus.
Die größte Peinlichkeit war die laut gebrüllte Entschuldigung unten im Schankraum – was auch immer sie dazu bewegt hatte – und was meinen Ärger noch mehr schürte, war dann die in einem Atemzug genannte Forderung als das wahrgenommen werden zu wollen, was sie war. Man, was musste ich mir auf die Zunge beißen, um nicht loszufauchen, dass sie genau als das wahrgenommen wurde: Nämlich als eiskalter kleiner dreckiger Dämon in Engelsgestalt. Gefühle zeigte sie keine – wahrscheinlich besaß sie nicht mal welche, viel Verstand schien auch nicht vorhanden, und ohnedies: Wehe der Gesellschaft und wehe der Menschheit, wenn sie jemals zur Ritterin ernannt werden sollte und Temora auch noch wohlwollen darauf herabsah. Dann würde zumindest für mich der Tag kommen, an dem mein Glaube in die Streitbare in alle Grundfesten erschüttert werden würde, soviel stand für mich schon heute fest!
Natürlich würde ich mich hüten das laut zu äußern. Wer wusste schon, wo das sonst noch mit mir endete. Bei allem Ärger sorgte ich mich allerdings auch um Liliana. Die hatte sich nach dem neuerlichen Streit so betrunken, dass man sie in der Herberge ins Bett gesteckt hatte und da hockte ich nun und konnte nicht schlafen, wartete darauf, dass sie wach wurde und befasste mich damit mir Gedanken zu machen über etwaige mehr oder weniger blöde Ausreden. Mein Blick wanderte zur Seite, dann wieder zur Decke und ein tiefes Seufzen rutschte mir raus. Wenn mir so eine Misere unter anderen Umständen passierte, würde ich arge Schwierigkeiten bekommen, soviel stand fest. Andererseits brachten die Geschwister mich auch zum Grinsen. Auf was für irre Ideen die zwei kamen, war einfach nicht mehr feierlich. Einerlei, um wen es von beiden ging. Jeder einzelne für sich brachte einen schon an den Rand des Wahnsinns. Zusammen konnten sie nur schlimmer sein.
Es blieb, es nur noch mit Fassung zu tragen.
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Donnerstag 11. November 2010, 17:30, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Wenn Zorn die Schritte lenkt

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Ich kann von mir nicht behaupten sonderlich oft derart aus der Haut zu fahren.
Es gibt wirklich nicht viel, was mich so verärgerte, dass ich die Beherrschung verlor. In letzter Zeit aber häuften sich die wenigen Dinge ungemein an. Das Sahnehäubchen daran war diese Sache mit der Bratpfanne, der Kellertreppe und Neylas Platzwunde am Kopf, die sie nicht ums Verrecken von einem Heiler anschauen lassen wollte.
Die Ohrfeige, die sich Talana dafür von mir eingefangen hatte, war ein Ausdruck meiner mangelnden Selbstbeherrschung. Dass sie noch atmete bewies hingegen die wenigstens noch geringfügig vorhandene Kontrolle über mich selbst. Die Vorwürfe, die mir das einbrachte, schürten die Wut. Es war immerhin keine Kleinigkeit, die sie verbockt hatte, denn die Folgen hätten auch sehr gut tödlich sein können.
Mit welch Leichtfertigkeit das ansonsten hingenommen wurde, war mir unbegreiflich. Man hätte meinen können, es ginge allenfalls um eine kleine harmlose Rangelei, bei der man sich allenfalls auf den Hosenboden wieder fand und einem der Steiß kurzweilig rumorte.
Zur Wut mischte sich entsprechende Sorge, keine gute Mischung, wenn man mich fragte. Zumeist sorgte beides nur für noch mehr Ärger und genauso verhielt es sich letztlich auch. Der Wut konnte ich nicht nachgeben, mir Luft machen auch nicht anständig, denn alles, was ich zur Antwort erhielt, sorgte für nur noch mehr Bauchgrummeln. Es war schlicht und ergreifend zum Erbrechen.

Nichts desto trotz ging das Leben ja nun einmal weiter. Irgendwann in dieser Woche würde mich der Weg noch nach Adoran führen. Es war an der Zeit den Auftritt dort voranzutreiben. Die feinere Gesellschaft wollte unterhalten werden. Jetzt, wo die Zeiten offenbar wenigstens ein bisschen ruhiger wurden – so schien es zumindest auf den ersten Blick – konnte ich dieser Anfrage endlich nachgehen.
Ohnehin würde ich mal dorthin fahren müssen. Ich brauchte etwas von Lili, damit ich mich um Neyla kümmern konnte. Gefiel mir nicht, weil ich ahnte, dass es sie dann nicht mehr ruhig halten würde und sie sich garantiert wieder anfing herumzutreiben, obschon sie sich besser schonte und sogar noch besser liegen blieb, anstatt von hier nach dort zu wandern.
Götter, sollte dieses kleine verzogene Miststück noch einmal so etwas wagen, sie hatte ihren letzten Atemzug getan, das schwor ich mir im Stillen.

Nur mit Mühe schob ich den ganzen Ärger beiseite. Es gab einiges, worum ich mich nun mal kümmern musste. Davon abgesehen konnte ich an den Gegebenheiten derzeit ohnehin nichts ändern.
Das Einzige, was mich derzeit mehr als zufrieden stimmte, war die gesamte Entwicklung, was den Blauschopf (oder auch Rotschopf, das lag nun wirklich am Blickwinkel) betraf. Es gefiel mir außerordentlich gut. Was störte, war das Fernbleiben dessen, mit dem sie noch zu reden hatte. Ich wünschte mir, es wäre schon geschehen. Das Gute daran war, dass sich alles zu meinen Gunsten entwickelt hatte, das Schlechte aber verhieß zunehmende Unruhe auf ihrer Seite.
Ärgerlich. Und wer wusste schon, ob er überhaupt noch mal auftauchte. Damit es ein Ende fand, wäre es natürlich besser, er tauchte wieder auf, aber ein gemeiner kleiner stiller fieser Gedanke nistete sich bei mir ein, ein kleiner böser Wunsch, er mochte fernbleiben und zwar auf immer. Ich war jedoch klug genug, diese gemeine leise Stimme nur zu mir sprechen zu lassen und es nicht laut kund zu tun. Wer wusste schon, was dann wieder für Ärger auf mich wartete.
Ohnehin war es erstaunlich. Ungleicher konnten wir kaum sein, auch wenn da gewiss viele Gemeinsamkeiten waren. Anfangs schien es sogar so, als wären nur Gemeinsamkeiten da. Mittlerweile musste ich erkennen, dass die Unterschiede größer kaum sein konnten.
Da war zum Beispiel die Streitfrage. Streit gab es dann und wann, das gehörte für mich dazu, wie die Luft zum Atmen. Sie hingegen ging Streit aus dem Weg – ihr liebstes Handeln dann, war es fortzulaufen, als könnte das irgendeine Lösung bewirken.
Und ich hasste es, wenn jemand sich davor drückte Unstimmigkeiten aus der Welt zu schaffen.

Einerlei, es war wie es war, was es zu ändern gab, das wollte ich angehen, was nicht, würde warten müssen. Entweder kostete es meine Geduld und Nerven, sowie meine Selbstbeherrschung, oder aber es fand sich ein angenehmerer Weg. Sollte es so sein…
Lucien de Mareaux

Was ich bin

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Da waren sie wieder, die Straßen und Gassen, die endlosen, der Nebel, die Nacht, die Schwärze, die Schatten. Da leuchtete es erneut blau, blitzte kurz auf, ein kleines Licht in all der Dunkelheit.
Etwas hatte sich verändert. Nichts hier fühlte sich bedrohlich an, als hätte irgendwas mit irgendwem Frieden geschlossen. Ich verstand es nicht und es war mir auch nicht wichtig. Meine Schritte brachten mich an jene Ecke, wo ich das Blau gesehen hatte. Endlich. Dieses Mal hielt mich nichts zurück. Doch als ich ankam, war ich allein, fand niemanden. Die Schatten waren fort, die Stimmen, die Dunkelheit. Das Licht, das mich empfing war so gleißend hell, dass es selbst meinen eigenen Schatten schluckte und mir die Tränen in die Augen trieb, auch dann noch, als ich sie schloss und die Hand davor hielt.


Ich schlug die Augen blinzelnd auf und fuhr mir über das Gesicht. Überrascht sah ich auf meine Finger, ohne wirklich viel zu sehen, denn es war mittlerweile stockdunkel, das Feuer im Kamin erloschen. Ich fühlte aber die Feuchtigkeit, die ich mir aus dem Gesicht gewischt hatte.
Hatte ich nun geträumt, oder war ich wach gewesen? Einen Moment lang fehlte mir der Bezug zur Realität, oder zum Traum, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es nun betrachten wollte.
Erst als ich neben mir tastete, wusste ich, wo ich mich befand, dass ich wach war und auch dem regelmäßigen Atem, dem ich lauschen konnte, sprach für sich. Da ich ohnehin nicht mehr würde einschlafen können, stand ich leise auf und brachte den Kamin wieder in Gang. Derweil ließ ich den vergangenen Abend Revue passieren. Wieder fiel mir auf, wie unterschiedlich wir im Grunde waren.

Tatsächlich musste ich feststellen, dass ich mir eine kleine Weltenverbesserin angelacht hatte. Das etwas realitätsferne Bild, das sie sich zu schaffen versuchte, würde sie vermutlich niemals erreichen. Dennoch, ich hatte es nicht übers Herz gebracht, es ihr ausreden zu wollen. Allerdings fragte ich mich, was sie sagen würde, wenn sie erfuhr, wer oder was ich wirklich war.
Ich war nicht der Schelm und Narr, der Gaukler und Spaßvogel – nicht immer zumindest. Bei Licht betrachtet (welch Wortspiel!) war meine Seele bisweilen so dunkel wie die Nacht. Es ging mir nicht nahe, andere um ihr Hab und Gut zu erleichtern, es ging mir nicht nahe, wenn irgendwem ein Leid geschah und es berührte mich nicht im Mindesten eine verirrte Seele den Weg zu den Göttern zu bereiten. Vermutlich würden diese Dinge schwieriger werden mit einer kleinen Weltenretterin an meiner Seite, denn schon jetzt jammerte sie mir die Ohren voll, ich sollte mich von Gewalttätigkeiten lossagen – und das nur wegen der kleinen billigen Ohrfeige, die ich verteilt hatte.

Sing mein Stimmlein, sing allein
dein Lied und du wirst ewig sein.
Tanze Seele fürcht dich nicht,
das Stimmlein singt ein Lied für dich.


Mein Blick wanderte zum Bett hinüber und ich beschloss im Stillen, mich der Wahrheit nur anzunähern und ihr nicht alles zu erzählen. Ich glaubte nicht daran, dass sie es verstehen würde, ich glaubte auch nicht daran, es ihr plausibel machen zu können. Ich glaubte nicht mal daran, dass sie es einfach nur akzeptieren konnte.
Zweifellos würde es zu einer niemals endenden Diskussion führen, weil unsere Einstellungen zu derartigem sich gänzlich unterschieden – genauso wie die Einstellung zum lieben Gold allein schon. Vertrackter Mist.
Da musste ich mir doch mal wieder die Frage stellen, auf was ich mich da nur wieder hatte eingelassen. Bei aller Liebe, allein zu bleiben war die einfachere Wahl. Aber dafür war der Weg bis hierhin schon zu schlammig gewesen, als dass ich diese Wahl noch treffen wollte. Also musste eine andere Lösung her. Und das war nun mal die Halbwahrheit. Mochten die Götter geben, dass sie niemals dahinter kam, welcher Berufung ich tatsächlich nachging.

Es liegt doch einer jeden Stimme
ein einzigartig Klang wohl inne,
jedes Antlitz auf der Welt
verdient dass es als einzig zählt.
Jede Seel allein für sich
ein eignes Körperlein besitzt,
auf dass sie auch in diesem Sinn
ein eignes Leben so beginnt.


Es mochte dem ein oder anderen seltsam vorkommen, aber ich hing an meinen Gewohnheiten, hing an dem Nervenkitzel, den die einen oder anderen Aufträge und Aufgaben so mit sich brachten und brauchte es, wie der Fisch das Wasser, der Vogel den Aufwind und die Katze die Mäuse und Ratten.
Ich war mit Leib und Seele einer von jenen Kerlen, vor denen die Mütter ihre Töchter stets (zu recht) warnten. Ziemlich unverbesserlich bewegte ich mich stets auf dem schmalen Grat und spielte mit dem Risiko, wie andere Leute eine Münze warfen, um eine Entscheidung für oder gegen ihre Gunst herbeizuführen.
Im Grunde waren mir überschaubare und ruhige Tage ein Graus und langweilten mich gerne mal zu Tode. In diesen Tagen sehnte ich mich regelrecht nach irgendwelchen Tätigkeiten die fern jedweder Vernunft lagen, das Gesetz untergruben und mir den Nervenkitzel boten, nach dem es mir über alle Maßen verlangte.
Ja, man konnte sagen, ich war regelrecht süchtig danach, so dann und wann. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen ich derartiges überhaupt nicht brauchte. Aber die waren eher selten und nur dann da, wenn ich anderweitig genug zu tun hatte. Langeweile sollte bestenfalls nicht aufkommen, wer wusste schon, was mir dann für Ideen vom Hintern zu Kopfe stieg.

Sing mein Stimmlein, sing allein
dein Lied und du wirst ewig sein.
Tanze Seele, fürcht dich nicht,
das Stimmlein singt ein Lied für dich.


Wobei mir einfiel, dass ich mich mal mit Burschi (ja, sie hat auch einen Namen, aber die wollten eh nie genannt sein, nicht wahr?) zusammentun sollte, vielleicht auch mit Väterchen (eigentlich ja mehr Brüderchen, glaube ich. So viel Älter kann er einfach nicht sein, dass er für mich ein Vater sein könnte, wohingegen das auf die Küken ja zutraf). Der Drang zum Nervenkitzel nahm bereits wieder zu, der letzte lag nun schon ein paar Tage zurück. Die verdammte Beule den Göttern zum Dank auch.
Was blieb, war der freundliche Narr von Nebenan, der würde ich immer bleiben für alle Welt – mit den kleinsten Ausnahmen darinnen, die auch anderes wussten.

Ins Antlitz tauchen Stimm’ und Seel’,
und einzigartig wird vermählt,
für ein ganzes Leben lang,
dieses eine Dreigespann
zu einem Wesen dieser Welt,
das sich in ihr sehr wohl gefällt,
zu einem Wesen jeder Art,
das sich doch Einzigkeit bewahrt.


Mit einem leisen Seufzen setzte ich mich zurück auf das Bett, als das Feuer den Raum wieder mit seinem warmen Licht erhellte, zog die Decke halb über mich und lehnte mich mit dem Rücken an die dicken Vorhänge in meinem Rücken, wohinter ich die Wand wusste. Mein Blick ruhte auf der Schlafenden, die von all dem nichts ahnte.
Mein Gewissen hatte sich schon sehr lange nicht mehr zu Wort gemeldet, jetzt allerdings regte sich irgendwo im letzten Eckchen meiner Seele etwas.

Vielleicht haben die Götter dich auch nur zu mir geschickt, um meine Seele zu retten.

Die Worte waren nicht daher gesagt. Ich begann zu glauben, dass die Geschicke der Götter bisweilen seltsame Wege gingen und im Grunde waren wir doch alle nur eine kleine Figur auf dem großen Schachbrett der Himmlischen.


(Liedauszüge, Quelle: Letzte Instanz, Das Stimmlein)
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Donnerstag 25. November 2010, 17:41, insgesamt 2-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Das ist mein Leben

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Ja, das ist mein Leben. Und Neyla wusste es. Hoch gespielt, alles verloren, davon war ich überzeugt.
Was mich dazu bewogen hat, es ihr zu erzählen? Ich weiß es nicht. So war es letztlich immer. Sie bekam mich dazu, ohne dass ich so recht wusste, warum oder wie.
Im Nachhinein schalt ich mich einen Narren. So aufgelöst hatte ich sie noch nie gesehen, nicht in all der Zeit, wo sie sich derart herumgetragen hatte mit ihrem Gewissen. Mit nichts, wirklich mit nichts war sie zu beruhigen gewesen und am Ende… war sie gegangen.
Die Worte eines Freundes kamen mir in den Sinn und hinterließen ein bitteres Lächeln.
Ich war nicht in der Lage das Gold bei mir zu behalten. Egal, was sich bot, ich warf es mit vollen Händen zum Fenster hinaus.
Und noch jemand fiel mir ein, die sagte: Wenn sie fort ist, wirst du vor die Hunde gehen.
Ja, sie hatte Recht. So in etwa fühlte es sich an. Nein, im Grunde war das die falsche Beschreibung.

Bleib deinen Prinzipien stets treu.

Nichts war von dieser Regel mehr übrig geblieben. Es hatte schon damit begonnen, dass ich mich auf sie einließ. Es endete mit dem Bruch der größten und wichtigsten Regel:

Halt die Klappe.

Ich hatte geahnt, wohin das führen würde, aber niemals, wirklich niemals, hätte ich geglaubt, dass es so schlimm werden würde. Seit Stunden hockte ich im Wohnraum und sah dem Kater beim Schlafen zu. Das Haus fühlte sich leer und kalt an, es hatte das Gefühl von Zuflucht verloren.
Gestern noch, als ich Luana eine Antwort geschrieben hatte, schien die Welt in Ordnung zu sein. Bis, ja bis sie anfing zu bohren und mehr wissen wollte. Und den Vorsätzen zum Trotz erzählte ich ihr, welche Vergangenheit die meine war.
Was wohl noch viel schwerer wog aber, war die Tatsache, dass ich sie belogen hatte. Als sie davon erfuhr, war sie nicht mehr zu beruhigen gewesen. Im Grunde rechnete ich damit, dass die Türe als bald auffliegen würde und man mich mitschleifte.
Kein Theaterstück mehr, keine Auftritte mehr, keine Kinder, die lachen, keine Sonne, keine Sterne, aber dafür jede Menge Ratten, die Brot und Wasser streitig machten, sofern es das überhaupt gab.
Wollte ich das?
Bei aller Liebe – auch bei der verlorenen – nein, das wollte ich nicht. Also erhob ich mich schwerfällig. Ich öffnete die Tür und setzte den Kater hinaus, sagte leise Adieu zu ihm, dann ging ich hinein, suchte die Fische in einen Eimer zu bekommen und übergab sie wieder dem Meer aus dem sie gekommen waren. Danach begann ich meine Sachen zusammenzusuchen.
Nur das Nötigste. Viel wollte ich nicht mit mir herumtragen. Ich brauchte ohnehin kaum etwas.
Ich verließ das Haus, eine einzige Notiz auf dem Schreibtisch zurücklassend, auf der nur ein Wort stand, mehr brachte ich nicht zuwege, bevor mir die Luft zu eng wurde in dem Haus.

Verzeih.

Warum war es mir so wichtig? Bislang hatte es mich nie gestört, was irgendwer dachte, und nun trieb es mich dazu das zu tun, was ich selbst am meisten hasste, wenn es Streit gab. Ich suchte das Weite. Aber was gab es noch auszutragen? Nichts.
Vielleicht kam ich nach einer Weile wieder, das wusste ich noch nicht. Vielleicht kam jemand anderes. Ich nahm eher an, dass ich meinen Freund hierher schickte, denn wer wusste schon, wie sicher es sein würde in der nächsten Zeit.
Irgendwie hatte ich auf Erleichterung gehoffte, wurde mir bewusst. Sie war nicht eingetreten. Es war eher noch schlimmer geworden.

Die Götter haben dich geschickt, um meine Seele zu retten.


Tja, die war wohl nun endgültig verloren. Sei mir Willkommen Dunkelheit.
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Sonntag 28. November 2010, 11:02, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Die sieben Zeichen

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Da saß ich nun und zerbrach mir den Kopf, was ich mitbringen sollte.
Das Gespräch mit der Schamanin war äußerst interessant gewesen. Darüber hinaus hatte es mich neugierig gemacht und mich zu einer kurzentschlossenen Handlung getrieben. Das wiederum hatte mir eine Aufgabe eingebracht, die mir mittlerweile schon Kopfzerbrechen bereitete. Sieben Zeichen sollte ich zusammensuchen.

Tja, einige Tage waren vergangen. Mittlerweile hatte ich einige zusammen. Und eines war ich nun im Begriff zu holen: Alejandro.
Vielleicht sollte man dazu sagen, dass Alejandro eigentlich der Wegweiser in der Nähe vom Dorfeingang Bajards war, der den Suchenden und auch dem ein oder anderen müden Wanderer den Weg zu der freien Herberge wies. Alejandro hatte sich seinen Namen redlich dadurch verdient, dass er sich armen betrunkenen Leuten „in den Weg stellte“. Natürlich bewegte er sich kein Stück, aber dafür wurde dennoch zielsicher unsanft „geküsst“.
Selbiges war auch ihr mehrfach widerfahren – sehr zu meiner Erheiterung, muss ich zu meiner Schande gestehen (aber letztlich machte genau das einen Teil von ihr aus, diese unsägliche Tollpatschigkeit, und ich konnte mir kein besseres Zeichen als dieses dafür vorstellen).
So hatte ich mir das kleine Beil geschnappt und in einer Nacht und Nebelaktion losgegangen, sah mich gerade auf dem Weg um, ob noch einige Nachteulen umhergeisterten und als ich mich allein wähnte, hieb ich mehrmals in den Pfahl des Wegweisers hinein mit dem Handwerkszeug. Als die Hälfe des Holzes genug gelitten hatte, trat ich Alejandro mit Wonne um und machte mich daran ihn nach Hause zu tragen. Es war wohl mein Glück unbehelligt zu bleiben, zumindest begegnete ich niemandem, und ein weiteres Glück, dass dieser Wegweiser keine Zentner wog, sondern recht handlich über die Schulter zu tragen war, sonst hätten mich die Spuren im Schnee, die der Wegweiser beim Schleifen hinterlassen hätte, sicherlich verraten.

Also stellte ich Alejandro in meine Kammer im Keller ab, direkt hinter der Treppe, damit er niemandem im Weg stehen konnte und er überdies niemanden anspringen konnte.
Die übrigen Dinge hatte ich schon dort gelagert:
Einen Verband – Tollpatschigkeit kannte nun mal einige Ausdrucksweisen, aber gleichzeitig stand es wohl für Sorge und Fürsorge.
Etwas Sternenstaub – im Grunde nichts anderes, als ein bisschen im Licht glitzerndes Pulverzeug, denn wir hatten ja gemeinsam einen Stern für sie gesucht.
Ein Kissen – für die gemeinsamen Nächte.
Eine Orchidee – ich musste sie noch besorgen, aber sie sollte für Bewunderung und Schönheit stehen.
Eine Haarsträhne – weil es eben etwas Persönliches von ihr war und mit diesem so viel zusammen hing und so viel davon ihr Wesen ausmachte.
Süßigkeiten – sie liebte dieses süße Zeug über alles und es war äußerst putzig, wie sie darauf reagierte.

Sämtliche Dinge hatten etwas mit ihr zu tun. Wie ich das alles rüberschaffen sollte – besonders Alejandro – wusste ich noch nicht. Ich hoffte überdies, es war genau das, was mit den sieben Zeichen gemeint gewesen war. Wenn nicht, würde ich weitersuchen müssen.
Lucien de Mareaux

Eine Deutung und die Folgen

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Uruz, Fehu, Thurisaz.
Erde, Feuer, Luft.
Licht und Schatten.
Geister und Ahnen.

Bedenke, was geschehen könnte.
Hüte dich vor überhasteten Entscheidungen.
Harmonie, eins werden. Sechs Monde des Wartens. Handfasten?
Eine Prüfung, schon jetzt oder in naher Zukunft. Vielleicht auch in der nahen Vergangenheit?

Der erste Schluck stets für die Ahnen zur Ehre.
Gastfreundschaft. Fressgelage und genug Met für tausend Mann?
Erster Segen, zweiter Segen, Handfasten.
Was hatte ich noch gelernt?
Skøl!
Die anderen Worte waren zu kompliziert und schwer gewesen und nur zwei Mal gefallen.
Wärme, die mir zu Kopf stieg, nicht allein vom Met, auch von der Hitze in der Halle.
Wohlfühlen.
Kinder.

Meine Antwort hatte ich bekommen. Wie so oft, kamen dadurch noch mehr Fragen auf, deren Antwort ich aber nicht dort finden würde. Die zutreffende Deutung hinterließ kurz einen sehr unheimlichen Eindruck bei mir. Es hatte was von einem offenen Buch, ohne eines zu sein.
Dennoch fühlte ich mich nicht grundsätzlich unwohl damit. Warum hätte ich nicht zu sagen gewusst.
Einmal mehr stellte ich fest, dass ich hätte festwachsen mögen, Wurzeln schlagen, oder welche Worte sich auch sonst noch dafür finden ließen. Hätte ich nicht meine selbstauferlegten Verpflichtungen, meine Freunde, hätte ich nicht sie, ich wäre geblieben und hätte alles in Kauf genommen, womit ich konfrontiert worden wäre dafür. Zwischendurch huschte der Gedanke vorbei, der leise flüsterte, was wäre wenn… zu leise, als dass ich ihn ernsthaft in Erwägung zog oder gar auf die Einflüsterungen hörte.
Dennoch, heimzukehren fiel schwer, andererseits stimmte es mich aber auch ausnehmend fröhlich. Immerhin wartete dort jemand auf mich. Und es sollte ja auch ein Wiedersehen geben. Also lieber darauf freuen, als Trübsal blasen.

Da hatte ich also meine Antwort. Die Frage war nur, was fing ich damit an. Geduld haben. Gut, Geduld, ha, davon hatte ich viel! Dummerweise nicht in dieser Sache, verdammter Mist.
Gut überlegen, was ich tat – schlug direkt am Anfang fehl, als sie fragte, was es nun gegeben hatte. Das war eher ein „mit der Tür ins Haus fallen“ und taktisch gänzlich unklug gewesen von vielen Kindern, heiraten und ähnlichem mehr zu sprechen.
Andere Taktik: Süßkram.
Eine Kutschfahrt, ein Großeinkauf, Heimkehr.
Versammlung – was konnte das anstrengend sein, dazusitzen und nur zuzuhören, mal die Hand zu heben und zuzuhören, nochmal die Hand heben, und so weiter und so fort. Herr Mareaux – ich mochte es einfach nicht so genannt zu werden, aber das allen beizubringen, dauerte mir auch zu lange. Geduld, überlegt handeln. Prüfung. Ha, ich wusste, was meine persönliche Prüfung werden würde: Geduld haben und überlegt handeln! Verflixt und zugenäht.
Irgendwo unterwegs würde ich vor die Hunde gehen, so sah es aus! Also zermarterte ich mir weiter das Hirn, wie ich es anstellen sollte. Sechs Monde, dann sollte es wohl irgendwann einen günstigen Zeitpunkt geben. Warum erst dann? Warum nicht jetzt? Warum, warum warum…
Das stank zum Himmel wie ein überlauter Ogerfurz! Niemand hatte mir gesagt, wie ich es anfangen sollte! Niemand! Warum hatte ich nicht auch noch danach gefragt, ich Ochse! Dafür musste es doch ein Patentrezept geben, verflucht noch eins!
Lucien de Mareaux

Adlerauge sei wachsam

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Da waren sie wieder meine drei Probleme.

Eine tobende Neyla, die einer Talana am liebsten den Hals umgedreht hätte.
Die zwei Gestalten in der Gans, die zweifelsfrei auf der Suche nach mir waren.
Eine verletzte Neyla, weil sie unter geringfügiger Selbstüberschätzung gelitten hatte, und dafür mal wieder eine Platzwunde am Kopf kassierte.

Im Grunde waren es sogar noch drei weitere Probleme:
Ich musste mir etwas überlegen, wie ich untertauchen konnte, die Festplanungen fortsetzen konnte für die hohen Herrschaften, und diese auffällig unauffälligen Tölpel mit ihren hübschen Masken loswurde.

Lösung 1:
Mitbewohner werden. Da war doch letztens noch irgendwo dieses hübsche Wort gefallen.
Nein, natürlich nicht der Weißschopf. Der würde verreisen müssen.
Lösung 2:
Verreisen. Meine arme Familie, die so dringend Hilfe brauchte.
Lösung 3:
Im Auftrag von agieren war zu auffällig. Das war eine Milchmädchenlösung. Wen also schickte ich zu der de Winter? Neyla hatte die Vorbesprechung mitbekommen. Dann musste sie sich tatsächlich kümmern. Ich hoffte, es gelang trotzdem irgendwie zu aller Zufriedenheit das Ganze zu regeln. Eine Möglichkeit es selbst zu übernehmen blieb mir zweifelsfrei noch: Neylas Bleibe.
Lösung 4:
Zuschlagen, bevor es die andern tun. Die Frage war nur noch, wie genau. Schwierig, wenn man nicht wusste, wer unter den Masken steckte, obschon ich das Gefühl hatte, beide schon mal irgendwo gesehen zu haben. Aber wie es stets so war: Allein die Rüstung machte es nicht aus, die gab es vielleicht ein zweites Mal, die Kleidung konnte gewechselt werden und die Statur gab es sicherlich auch zigfach in diesen Landen. Was mich stutzig gemacht hatte, waren die Bewegungen der beiden. Eine wesentlich vertrauter, als die andere.. die andere hatte ich aber schon mal gesehen, konnte mich aber nicht recht erinnern wo. Auch bei der ersten Gestalt tat ich mich mit der Zuordnung schwer.
Niemand also, mit dem ich sehr viel zu tun hatte, aber jemand, der mir gelegentlich über die Füße stolperte. Also hieß es Augen offen halten und beobachten. Herausfinden, zuschlagen.
Ich sollte vielleicht das Wespennest, in das sie gestochen hatten, schon mal wachrütteln.
Lösung 5:
Sei du selbst, aber lass dich nicht erkennen. Bleibe stets nah an der Wahrheit, entferne dich nicht zu weit von ihr und du wirst unerkannt bleiben. Sei nicht verstohlen, sondern offensichtlich.
Lösung 6: Rede nie wieder vom heiraten – sechs Monde lang.

Im Grunde war es recht einfach. Das Prinzip des schneller seins war stets die beste Wahl der Möglichkeiten, die einem blieben. Wenn es Beauftragte waren, stellte sich die Frage, wer der Auftraggeber war. Dass man es aus den beiden herauspressen konnte, wagte ich zu bezweifeln. Wer solcherlei Aufträge annahm, schwatzte nicht oder war nur schwer dazu zu bringen. Es lag ganz daran, wie viel wert einem das eigene Leben war.

Natürlich konnte ich mich meinem Problem auch direkt stellen, aber wer ließ sich schon freiwillig auseinander nehmen? Ich nicht. Abgesehen davon sahen die beiden auch nicht so aus, als wollten sie nur einen Plausch mit mir halten.
Ob das Räblein dahinter steckte? Jemand anderen konnte ich mir kaum vorstellen.
Was dieser Dreck alles erschwerte! Das kam wirklich äußerst unpassend. Die eigenen Aufträge, die Auftritte, verflixt und zugenäht!
Einerlei, ich hoffte, dass die Menschenmenge mich schützte, was blieb mir anderes. Ich konnte mich nicht vor jeden Auftritt drücken, wegen dieser zwei dahergelaufenen Stümper, die nicht richtig mitdachten – was mein Vorteil war, deren Nachteil.

Den Ersten den Ahnen.

Ich vergoss einen guten Schluck vom heißen Gewürzwein ins Feuer und nahm dann einen guten Schluck. Mal sehen. Andre konnte gut noch etwas zu tun gebrauchen. Vielleicht half es ja, vielleicht brachte es uns noch mehr in Schwierigkeiten.
Brachte es das?
Ich legte den Kopf auf die Bettkante und sah kopfüber zum Kamin hinüber. Was würde ich diesen Rückzugsort vermissen, und vor allem den ein oder anderen Abend. Aber wie es so im Leben nun einmal war: Es gab Dinge, die einem keine andere Wahl ließen, als zu tun, was zu tun war.
Mitbewohner. Vielleicht… sollte ich tatsächlich eine Weile verreisen. Vielleicht auf eine hübsche Insel, vielleicht in… ja, das wäre auch eine Möglichkeit. Eine Möglichkeit, die mir sogar weit besser gefiel, als die erste Option. Und Neyla bestimmt auch. Gute Idee. Hervorragende Idee! Nur die Klärung der ganzen Sache würde dadurch verkompliziert. Drauf geschissen!
Das war der beste Einfall des Tages!
Chandra Devadas

Beitrag von Chandra Devadas »

...
Zuletzt geändert von Chandra Devadas am Montag 3. Januar 2011, 17:22, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Wenn Prophezeiungen sich erfüllen

Ich saß am Schreibtisch und studierte zwei erhaltene Briefe. Beide sorgten nicht für unsägliche Freude auf meinen Zügen, bedeuteten sie doch Arbeit. Dabei hatte ich im Grunde genug um die Ohren. Dazu kam, dass diese Arbeit mich vor ungeahnte Probleme stellte, über die ich mir noch Gedanken machen musste. Ausgiebige Gedanken.
Für derlei Gedanken musste ich aber den Kopf frei haben und das hatte ich nicht. Die Dinge überschlugen sich derart rasant, dass ich überhaupt nicht mehr nachkam mir vor Augen zu führen, was nun schon wieder passiert war.

Da war der Wintermarkt gewesen. An sich ein schönes Ereignis und ich konnte wohl sagen: Die Dinge, die nicht so rund gelaufen waren, bekam ich erst im Nachhinein wirklich mit, weil ich alle Hände voll zu tun hatte, die Jungs davon abzuhalten das halbe Zelt in Brand zu stecken mit ihren Zündeleien.
Was mir allerdings dann zugetragen wurde, wollte mir gar nicht gefallen. Um ehrlich zu sein, machte es mich maßlos wütend, was ich auch dorthin trug, wo es meines Erachtens hingehörte. Das, was mir entgegen schlug war ausnahmsloser Egoismus. Tausendfaches „Ich“ und keinerlei, wirklich keinerlei Blick für jene, die verletzt worden waren, die aufgewühlt zurückgelassen wurden, die Hilfe gebraucht hätten, anstatt Chaos.
Auch einige Zeit darauf, als die Versammlung stattfand – keine Besserung. Also gab ich eine Frist bis zum anstehenden Neujahrsmarkt. Keine Besserung – kein Nachtvolk. Sollte Karawyn ihn erwischen, würde er es erfahren – wenn nicht, nun, dann würde er es spätestens bei der nächsten Versammlung merken.
Ich sah – bei allen guten Worten, die Karawyn fand – keinen Grund es länger hinauszuzögern. Gewiss setzte ich mich damit über die beiden Mädchen mehr als hinweg, begründete es ihnen aber wenigstens anständig.
Ja, es mochte sein, dass er Angst vor Nähe hatte – kannte ich.
Ja es mochte sein, dass er deshalb das Weite suchte, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlte – kannte ich auch.
Ja, es mochte auch sein, dass er eine solche Gemeinschaft, wie das Nachtvolk war und sein sollte, nicht kannte – auch das kannte ich selbst nur zu gut.
Fakt war jedoch: Er erwartete und verlangte Vertrauen, welches er selbst nicht bereit war zu geben. Er erwartete und verlangte alles, was diese Gemeinschaft an sich ausmachte, war aber nicht bereit seinen Teil beizutragen. Anstatt zu helfen, wie er es so großartig betonte, hinterließ er Chaos, fasste nicht mit an, ließ samt und sonders alle im Stich und die Arbeit allein erledigen. Aber immerhin – er war ja mit dieser Einstellung nicht allein. Da gab es noch jemanden, dem ich die Ohren lang ziehen wollte. Denn wenn das auf dem Neujahrsfest genauso katastrophal lief, mussten wir uns ernsthaft darüber nachdenken, wie wir das Ganze fortsetzen wollten und sollten. Es konnte kaum angehen, dass es stets an den gleichen Personen hängen blieb und wir letztendlich nur mit vier Leuten die Arbeit aller taten, die mal unterschrieben hatten.

Als wären diese Probleme nicht genug, kamen natürlich die eigenen persönlichen noch hinzu. Neyla ging es gar nicht gut, ich machte mir Sorgen, wieder hieß es „Ich brauch Zeit“. Oh, ich ahnte, wofür sie die Zeit brauchte, ich ahnte auch, was ihr fehlte, ich weigerte mich zunächst nur es wahrzuhaben und ihr ging es wohl nicht viel besser.
Natürlich freute es mich, als ich es denn dann erfuhr, wenn auch sehr gedämpft, denn ihr bereitete es mehr als nur Probleme. Und genauso sicher war auch, dass es arge Schwierigkeiten geben würde für uns beide. Dennoch, da war diese kleine heimliche Freude, die sich still und leise immer weiter ausbreitete. Ich hatte Mühe nicht mit einem Dauergrinsen herumzulaufen, während sie alles anfauchte, was ihr unter die Finger kam.
Problematisch daran war nur, dass ich keinerlei Erklärung abliefern konnte, warum sie so zänkisch gelaunt war. Das hieß, ich hätte schon gekonnt, aber ich vermied es lieber, denn letztlich würde es nicht nur ihr Schwierigkeiten einbringen, mir obendrein und nicht zuletzt…

Ja, ein heidenloses Durcheinander war das alles. Und nun noch die Aufträge. Ich rieb mir die Schläfen und seufzte leise. Es blieb abzuwarten, ob sich das Desaster noch hielt, oder nicht. Bald wurde etwas anderes dafür noch angegangen. Ein Essen stand noch aus. Und… ja und ein paar Lieferungen, dann noch, ja, wie sollte ich das bloß anstellen?
Wüstensand und Echsendreck.
Ich musste irgendwie meinen Verkleidungsschatz erweitern, aber wie? Unvermittelt grinste ich vor mich her. Es gab da doch wen, der gern helfen wollte. Oder vielmehr, die es gern wollte. Dann sollte sie mal zeigen, was sie zuwege brachte. Danach war se nur noch nötig sich ein wenig Zeug ins Gesicht zu schmieren, sich gut vorzubereiten, und beten, dass einen niemand auf der Landessprache anquatschte.
Stumm, stumm war eine Idee. Mochte es bei diesem Volk heißen, was es wollte. Aber damit konnte ich mich wenigstens nicht verplappern. Vielleicht auch ein wenig geistig zurückgeblieben? Nicht gut. Nicht für ein solch stolzes Völkchen. Verflixte Naht. Sie würden mich mit ihren zungenbrecherischen Auswürfen traktieren und ich nichts verstehen. Wieso ich?!
Ich rieb mir die Nasenwurzeln. Letztlich könnte ich es auch mit Bestechung versuchen. Wenn das allerdings heraus kam, dann war ich vermutlich mehr los, als mir lieb war.
Vielleicht sollte ich mich schon einmal umsehen, wenn ich den Salzhändler wieder aufsuchte, wie es dort aussah. Manchmal war die Lösung weit einfacher, als die Pläne, die man vorher schmiedete.
Des Weiteren brachte es mir wenigstens schon mal den Vorteil eines groben Lageplans.
War ja nicht das Einzige, was mir da bevorstand. Auch andernorts musste ich mich umschauen. Fraglich, wie ich es dort anstellen sollte, ohne diesem vermaledeiten Rabendiener in die Arme zu laufen.
Potzblitz und Donnerknispel. Wieso ich?! Einerlei, änderte nichts. Es waren immerhin Aufträge, die nicht zwangsläufig Mord und Totschlag mit sich brachten, im Grunde auf den ersten Blick nichts Böses im Sinn hatten – gut, für die, die die Politik schätzten, würde sich auf den ersten Blick erschließen, dass ich damit verdammt viel Schindluder treiben konnte, aber das war ja was anderes. Aber gewiss waren sie sanfter zu Neylas Gemüt, als die anderen Aufträge vorher.

Mh, erschreckend, wie wahr Prophezeiungen werden konnten. Unheimlich. Faszinierend. Schade nur, dass ich nicht genauer nachfragen konnte, was meinen weiteren Weg anbelangte. Das würden mir die Thyren vermutlich sehr übel nehmen bei ihrem Verständnis für Ehre und Stolz und ihrer Wahrheitsliebe. Mochten die Ahnen mich niemals verpetzen. Ich glaubte mich schon einen Kopf kürzer zu sehen, wenn sie es jemals taten.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Wenn man zu ersticken droht

Ich lehnte an der kühlen Steinwand und sah zum Bett hinüber. Neben mir lag zur Linken der Mantel, rechts stand ein Krug Met auf dem Boden und wartete darauf verköstigt zu werden. Im Grunde tat der Met das schon über zwei Stunden lang. So lange saß ich mittlerweile da, starrte das Bett – oder vielmehr die Schlafende dort – an und versuchte mir einen sinnvollen Plan zurechtzulegen, wie ich alles, was auf mich einstürmte unter einen Hut bringen konnte, ohne irgendwas zu vernachlässigen, etwas zu vergessen oder gar liegen zu lassen.

Mach dir eine Liste und arbeite sie nacheinander ab.

Hübsche Idee, normalerweise auch sicherlich sinnvoll, andererseits waren Listen so Dinge, die gefunden und gegen mich genutzt werden konnten – unter einigen Umständen, aber es war nicht unmöglich. Ich machte mir dennoch eine, allerdings nicht auf dem Papier. Papier war zu geduldig. Trotzdem sollte ich mir langsam überlegen, wie ich das in Zukunft halten wollte. Alles merken war ein Ding der Unmöglichkeit auf Dauer. Es war Zeit für meinen zweiten Unterschlupf zu sorgen, den dritten würde es auch bald geben, sofern ich – verflucht sollte die Gier der Welt sein – das verdammte Gold dafür aufbringen konnte.
Erst der zweite Unterschlupf, dann das Gold, Hehlerware, verflixt und zugenäht, die Säcke! Wieso war ich so durcheinander, dass ich sie Tulle überlassen hatte?

Weil du zuviel um die Ohren hast. Einerlei, frag doch sie, du Idiot.

Danke, Gewissen.
Dann noch die Liste an Leuten, mit denen ich zu sprechen hatte. Oh, und ich brauchte eine verfluchte Absicherung bei dem Handel unter der Ladentheke entlang, verflixt und zugenäht! Jemand, der keine überflüssigen Worte verlor, jemand, der acht gab, jemand, auf den ich mich verlassen konnte – jemand, der mir genauso egal war, wie er verlässlich für mich war.
Ein schmales Lächeln folgte dem Gedankengang. An sich war es einfach. So einfach. Dann verlor sich das Lächeln und ich verzog die Lippen. Oder auch nicht. Manchmal war er zu impulsiv, töricht und so naiv, dass er genauso gut eine Gefahr sein konnte, und zwar für mein eigenes Wohl. Plan verworfen.
Jemand verlässliches. Wieder huscht ein Lächeln über meine Züge. Oh ja, ein Mädchen so zart. Verlässlich in jedem Fall. Ich verzog die Lippen. Auch schlagkräftig genug? Vermutlich nicht. Auch keine Option. Andererseits, vielleicht war die Wahl des Ortes auch genug Verlässlichkeit? Ich musste es wohl darauf ankommen lassen.

Leise erhob ich mich von meinem Platz und verzog mich in dem Nebenraum, wo ich die Vorräte durchstöberte. Ja, es war genug da. Ja, damit ließ sich etwas anfangen. Nein, ich musste sie nicht fragen, liebes Gewissen. Wie schön für mich.
An wen genau nur sollte ich die Anfrage richten? Das hatte mir auch niemand gesagt. Vermaledeiter Auftraggeber, sollte er doch verfaulen.
Über meine Suche stolperte ich über den Fundus an Kleider und schaute nachdenklich auf die Sachen der Gemeinschaft. Ja, der Neujahrsmarkt. Von unserer Seite war alles vorbereitet und es war an der Zeit auch den Rest irgendwie zuwege zu bringen. Eventuell war es möglich die Gräfin ein bisschen zu überrumpeln, damit es voranging. Dazu war an sich nicht viel nötig, nur den Mann finden, der es möglich machen konnte. Leichtigkeit. Hört ihr die Ironie? Ich sollte mir eine Tarnung zulegen, die zu einem Adeligen passte, wenigstens zu einem Edlen, das würde mir wirklich so einige Wege eröffnen.
Bloß, wie anstellen? Ich musste mal unbedingt ein Gespräch mit Väterchen führen. Falsche Papiere waren eine Sache, ein echter Titel eine Bereicherung – an Arbeit vor allem, aber was machte das schon noch. Der käme so oder so gelegen, nicht nur dafür. Aber, wie alles, würde sich das auch als schwieriger gestalten, als mir lieb war und Zeit in Anspruch nehmen. Einerlei, ich sollte sie mir nehmen und mir vor allem überlegen, wer sich in diesen Kreisen bewegen können sollte. Nicht Lucien. Das passte keineswegs. Das war zu riskant. Vielleicht… ja, vielleicht er.

Ich stieß ein resigniertes Seufzen aus. Wieder mal eine Nacht, die mir wenig Schlaf vergönnte. Es gab mal eine Zeit, da machte mir das weniger aus. Wo war sie hin? Ich war viel zu bequem geworden und es war überdies an der Zeit einige Übungen aufzufrischen. Also stahl ich mich hinaus, nachdem ich meine Kleidung gewechselt hatte. Bequem musste sie sein, eng genug dennoch, dass ich nicht mit jeder Stofflage irgendwo hängen blieb. Geschmeidig.
Der verräterisch weiße Schopf wurde unter einem schwarzen Tuch verborgen, peinlich genau darauf achtend jede einzelne Strähne darunter zu schieben. Ein Dolch in die eingelassene Scheide des Stiefelschafts, die Wurfmesser jeweils in die Halterung an den Armen. Ein Messer in die Scheide am Gurt, zwei etwas längere Klingen ebenfalls an dem Gurt, die längste auf dem Rücken, ein sehr leichtes geschwärztes Seil.
Ein kurzer Blick zurück ins Schlafzimmer zum Bett, dann stahl ich mich hinaus. Ich machte einen Bogen um die seltsamen Muscheln, drückte mich im Schutze der Nacht von Schatten zu Schatten. Eine kleine Übung und die Neugier zu sehen, wie fest der Schürzenjäger schlief.
Vielleicht ließ ich mich sogar noch dazu hinreißen, ihn ein bisschen zu erschrecken. Lust hatte ich dazu, allein schon wegen seiner sträflichen Vernachlässigung seiner Freunde.
Weiber…
Mann konnte nicht mit ihnen, ohne sie auch nicht und währenddessen fragte Mann sich immer wieder, wieso eigentlich? Sicher, ich könnte es mir einfach machen und die Hintertüre nutzen, aber das wäre kaum einer Übung wert gewesen. Viel zu einfach, viel zu langweilig, keine Herausforderung.
Am Ziel angekommen, suchte ich mir ein möglichst verborgenes Plätzchen, um meine beschlossene Tat zu begehen.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Das Ziel ist der Weg

Ich stand an der Rückfront des Hauses im Schatten und sah hinauf. Im Grunde war die Fassade keine wirkliche Herausforderung – zumindest nicht bei trockenem Wetter. Da es die letzten Tage wieder geschneit hatte und die Luft recht kalt war, musste ich jedoch davon ausgehen, dass sich in den Ritzen des Mauerwerks Eis gesammelt hatte und einen sicheren Tritt unmöglich machte. Die Nord- und Westseite schien davon mehr betroffen zu sein, als die Süd- oder Ostseite. Das war schnell herausgefunden.
Ein flüchtiger Blick durch eines der Fenster, das mir einen guten Überblick bot über die Räumlichkeiten, zeigte mir, dass bereits alle zu Bett gegangen waren, die hier nächtigten – oder noch außerhalb unterwegs waren und den Weg dorthin noch nicht gefunden hatten, auch das sollte ich in Betracht ziehen bei meinem Vorhaben. Entsprechend fiel die Ostseite aus, genauso wie die Südseite, denn dort war am ehesten damit zu rechnen, auf jemanden zu treffen, der stören könnte. Letztlich aber lag das Gebäude so ungünstig, dass es fast schon gleichgültig war, welche Seite man wählte. Erfahrungsgemäß kamen die Gäste aus allen Himmelsrichtungen hierher, so dass – wenn ich vom Pech verfolgt sein sollte – nur die falsche Seite wählen konnte.
Klug war es also, die zu wählen, bei der es am zügigsten möglich war, hinauf zu gelangen. Natürlich hätte ich mich auch an dem Schloss der Eingangstüre, oder der Hintertüre versuchen können, aber das Risiko, das ein später Heimkehrer bemerkte, dass das Schloss geöffnet war, schien mir doch zu groß.
Ich wickelte das Seil von meiner Taille und befestigte an einem Ende ein Metallstück, das, als ich auf eine bestimmte Stelle drückte, in vier Widerhaken auseinander schnappte. Zufrieden trat ich einen Schritt zurück, sah mich noch mal in alle Richtungen um, und warf. Mit einem leisen Klackern, das mir ohrenbetäubend laut vorkam, landete das Stück auf dem oberen Balkon. Ich zog an dem Seil, bis es sich straffte, prüfte, ob es hielt und begann mit dem Aufstieg.
Dann und wann rutschte ich von der Wand ab, elendes Eis, und die Kälte machte mir überdies an den Händen zu schaffen, mit denen ich das Seil umklammert hielt. Letztlich aber überwand ich das Hindernis und zog mich auf den Balkon hinauf.
Ich verlor keine Zeit und holte zügig das Seil hinauf, um es dort wieder um meine Taille zu schlingen. Ein kurzer, prüfender Blick über die Brüstung. Eilig schob ich etwas Schnee von der Brüstung hinunter, so dass die Spuren sich irgendwo verloren. Mit einiger Befriedigung stellte ich überdies fest, dass es erneut begann zu schneien.
Aus den Augenwinkeln nahm ich unten eine Bewegung war und lenkte meinen Blick darauf. In einiger Entfernung sah ich jemanden durch den Schnee auf das Gebäude zustapfen. Von meinem erhöhten Standpunkt aus konnte ich sehr gut beobachten, welchen Weg die Gestalt dort unten wählte. Ein Nachtschwärmer, als hätte ich es geahnt.
Der Blick wanderte nicht nach oben – zu meinem Glück. Aber zu sehr wollte ich mich auf dieses nicht weiter verlassen und zog mich von der Brüstung zurück und suchte mir eilig den Weg die Treppe hinunter auf den unteren Balkon.
An der Türe blieb ich stehen und lauschte. Still war es. Erneut warf ich einen vorsichtigen Blick über die Brüstung. Die Gestalt zog an der Herberge vorbei und weiter seiner Wege. Wer auch immer es war, sein Weg führte nicht ins Haus, wie es schien. Sehr schön.
Zügig waren die Nachschlüssel hervorgeholt und ich machte mich an das Schloss zu schaffen, das mich am Eintreten hinderte. Im Grunde war es ein genauso leichtes Kinderspiel wie an der Hintertür – keine Herausforderung. Ich seufzte innerlich auf, öffnete leise die Türe und hoffte, dass sie gut geölt war und keine großartigen Geräusche machte. Ebenso leise schloss ich sie wieder hinter mir und stahl mich den Weg die nächste Treppe hinunter.
Es hing noch immer der Geruch von Alkohol und Essen in der Luft. Erkaltet mittlerweile, verbraucht.
In der Küche sah ich mich um, schob mir eilig ein herumliegendes Gebäckstück in den Mund und machte mich schließlich an dem Schloss der Kellertüre zu schaffen. Das war schon etwas mehr Herausforderung. Innerlich lachte ich auf.
Eindeutig, bei der neuen Kellereinrichtung, die ich das letzte Mal dort vorgefunden hatte, konnte ich mir ausmalen, wieso der so gut gesichert war – bestimmt nicht der Reichtümer wegen.
Oben regte sich plötzlich etwas oder jemand, so dass ich von der Kellertüre abließ und mich eilig hinter die Theke verzog, um im Schutz der Schatten ein Versteck zu haben. Jemand hatte sein Bett verlassen und bewegte sich durch die Räumlichkeiten. Das hatte mir gefehlt, dass ausgerechnet jetzt wer auf den Abort musste.
Eine Tür wurde geöffnet, fiel wieder ins Schloss. Schritte auf der Treppe. Kurz darauf hörte ich, wie der Schlüssel in der Haupttüre umgedreht wurde und wieder eine Türe geöffnet und geschlossen wurde.
Ich wartete noch einige Zeit in meinem Versteck, aber nichts rührte sich mehr. Vorsichtig bewegte ich mich zum Torbogen und spähte um die Ecke. Der Raum war leer. Allein die Ahnen wussten, wie lange. Also sputete ich mich, und mühte mich erneut mit der Kellertüre ab. Endlich hörte ich das leise vertraute Klacken, als das Schloss nachgab. Ich schlüpfte gerade hindurch, als die Vordertüre erneut ging. So lautlos wie möglich huschte ich die Stufen hinunter und suchte Zuflucht zwischen den Tuchregalen. Abermals wartete ich still und lauschte. Von oben war nichts zu hören. In dem entfernter liegenden Schlafraum regte sich jemand, drehte sich vielleicht gerade von der einen auf die andere Seite.
Ein Grinsen bildete sich auf meinen Zügen, als ich mich vorwagte und wieder so leise wie möglich über den Flur schlich, der mich an mein Ziel bringen sollte. Ein schwacher Schimmer von dem herab gebrannten Feuer des Kamins empfing mich und bot mir die Möglichkeit der Orientierung, denn ansonsten war es hier unten stockfinster und da mir nun mal keine Feenaugen beschieden waren, auch wenn sie danach aussahen, hatte ich mich zuvor auf Tast- und Hörsinn verlassen müssen.
Auf leisen Sohlen schlich ich mich zum Bett hinüber und warf einen Blick hinein. Eilig suchte ich mir einen Platz in dem Raum, der möglichst außerhalb der Reichweite des Schläfers lag und grinste vor mich hin.
Ich griff in eine meiner Taschen hinein und holte ein paar kleine Steinchen hervor und machte mich daran den Schlummernden, den Nichtsahnenden damit zu bewerfen, um ihn zu wecken.

„Mein guter Freund, deine beschauliche Behausung ist nicht eben die Sicherste. Ich hoffe, du bist dir darüber im Klaren.“
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