Ihr rundliches Gesicht, nun schon deutlich von Falten und einigen, wenigen Sonnenflecken gezeichnet, das eigentlich meist mehr zu einer grimmigen Bulldoggen-Miene verzogen war, hatte sich irgendwie etwas verändert. Für einige Augenblicke betrachtete sie ihr Spiegelbild im wabernden Wasser, ehe sie mit Nachdruck die verschmierten Teller und Topfe hineinstopfte und mit der Spülarbeit begann.
Ja, nun war da dieses feine Lächeln auf ihren Lippen und auch die Lachfältchen um die wässrig blauen Augen kamen stärker zur Geltung. Überhaupt hatte sie sich schon lange nicht mehr derart frisch, munter und lebendig gefühlt, wie in den letzten Tagen.
Den Grund für diese plötzliche Wandlung kannte sie nur zu genau:
Zunächst musste man wohl einfach von Gründen, also einem klaren Plural, sprechen, denn ihre Dankbarkeit galt nicht nur einer Tatsache oder einer Person, sondern gleich einer regen Liste an glücklichen Wendungen in ihrem Leben.
Seit ihr Mann eines der unschuldigen Opfer der Besetzung (und anschließender Verwüstung) Varunas geworden war, hatte sie wenig Sinn in ihrem Dasein gefunden, war doch auch die einzige Tochter mit Mann und Kindern übers Meer gefahren, um in einem entfernten Land zu wohnen und zu arbeiten. Bei diesem letzten Gedanken musste sie doch wieder unzufrieden Aufbrummen, denn den Grund für diesen endgültigen Abschied von Eltern und Zuhause, die Arbeit ihres Mannes, dem als "Künstler" Gerimor zu klein erschien, konnte und wollte die alternde Frau nicht verstehen. Schließlich hatte sie selbst am Ende die bittere Suppe auslöffeln müssen und saß Jahr für Jahr allein in der Stube ihres kleinen Hofes oder kümmerte sich, natürlich ebenso im Alleingang, um die beiden Felder und den Garten.
Mollie, das gute Mädchen vom Nachbarhofe der Mallaidhs, hatte nach Erntedank, als sich die alte Köchin und Bäuerin dazu herabließ sich bei den dörflichen Festlichkeiten blicken zu lassen, vorsichtig gefragt, warum sie sich nicht vom Hofe lösen und zu Verwandten in der Stadt ziehen könne.
Verärgert wollte sie dem arglosen Ding zunächst verbal über den Mund wischen, ging das Gör doch nicht an, was sie, Ravea Silbermann, mit ihrem Hof wann zu tun gedenken würde und außerdem war diese Stadtidee reiner Unsinn, hatte sie dort doch weder Freunde noch Angehörige. Dann jedoch schmeckte ihr der Gedanke an ein kleines, kuscheliges Hüttchen, beschützt durch die mächtige Hand der Grafschaft schon etwas mehr. Ja, vielleicht konnte man dort auch erst wieder Freunde finden und überhaupt war sie doch im Grunde gelernte Köchin, wäre also gelacht, haha, wenn sie nicht sogar sehr rasch eine gute Anstellung finden und dann endlich wieder das, was ihr Freude bereitete, machen könne: Kochen für Andere, die sich am guten Essen erfreuten.
Schließlich war sie so begeistert von Mollies Vorschlag, dass sie plötzlich mit dem Mädchen plauderte und ihr zuletzt dankbar die Hand drückte.
Ohja, die Perspektive "Varuna als Heimat" schimmerte rosig, begann rosa und sollte zuletzt in den strahlendsten Faben leuchten, wie Ravea es sich nie vorgestellt hatte.
Rasch fand sie eine Anstellung als Köchin im örtlichen Gasthof "Zur blühenden Weide" und hatte sich ein paar der Hütten im Osten der Stadt angesehen, die meist sofotz zu beziehen gewesen wären. Hier allerdings geriet ihr Plan kurz ins Stocken, als der nette Vermieter einer ihrer Wunschhütten nach dem Bürgerschein fragte.
Bürgerschein?
Diesen würde sie zwar ohne weitere Probleme, sofern sie eine gute und ehrbare Frau, rein dem Lichte zugewandt, sei, von einem Mitglied des hohen Rates ausgestellt bekommen... und schon ging das Ämtergerenne los.
Doch nachdem sie besagte Ratsmitglieder mehrfach verpasst hatte, wurde ihr das Glück hold und der Zufall wollte es, dass gerade die junge Freiin Mariella von Dragenfurt ihren Antrag bearbeitete. Wieder kam man ins Plaudern und diesmal war es wohl das offene, herzerwärmende Gemüt der Adligen, welches Raveas Zunge lockerte und sie von ihrem Leben berichten ließ. Gegen Ende fürchtete sie beinahe schon, dass sie das junge Ding zu Tode gelangweilt und in Grund und Boden geredet hätte, da begann diese forschender Fragen zu stellen.
Ob sie denn schon einmal einen anderen Haushält geführt habe oder bisher immer die eigene Herrin war?
Ob sie sich denn überhaupt zutrauen würde einen fremden Haushalt zu führen?
Ob sie denn auch Kekse backen könne?
... und all dies führte zu einem weiteren Gespräch, diesmal mit Mariellas liebreizender Schwester Constance, die zwar im Grunde die Ältere und Traditionsbewußtere war, doch ebenso noch ein halbes Kind, in die zu großen Schuhe des Bruders gepresst und mit schwerer Verantwortung für das noble Haus belastet, war.
Jetzt stand sie hier am Herd, wusch die Teller vom Vorabend sauber und machte Pläne für das Abendessen, während ihre Gedanken sehr mütterlich um die beiden Damen kreisten.
Wie würde Mariella nun wählen? So eine schwere Entscheidung stand dem jungen Wesen bevor und es rangen nicht nur Herz und Verstand, sondern auch die Worte und Ratschläge der Mitmenschen in ihrer Brust.
Was war da mit diesem jungen Baron, dessen Besuch beide Frauen, insbesondere aber Fräulein Constance, so aufgewirbelt hatte?
Seufzend trocknete sie den letzten Teller und griff dann nach dem neuen Hauhaltsbuch um einen dicken Vermerk einzuzeichnen.
Es war längst an der Zeit einen Bauern aufzusuchen, denn die Vorratskammern brauchten viel... in erster Linie Eier für einen großen Schwung Kekse, zum Naschen und zum Trost.
Aus dem Leben einer Haushälterin
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Ravea Silbermann
Aus dem Leben einer Haushälterin
Zuletzt geändert von Ravea Silbermann am Dienstag 9. Dezember 2008, 12:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Ravea Silbermann
Mit immenser Anstrengung rührte sie wild in der zähen Masse umher, die in dem kleinen Töpfchen klebte und einen angenehmen, fruchtig-süßen Duft verströhmte. So richtig einfach machte es ihr diese dabei wirklich nicht und versuchte wohl auch im hinterletzten Bereich des Kupfertopfes einen Halt zu finden und so wogten die Kräfte gegeneinander auf. Die Zunge halb zwischen die Lippen gepresst, Armmuskeln kräftig angespannt rührte die nicht-mehr-ganz-junge Köchin dagegen an, auch wenn schon die ersten Adern an der Schläfe pochten.
Schließlich galt es doch einen feinen Kuchen zu backen... und Geleetörtchen zu kreiren und Plätzchen, ja einen schönen Teller voll Plätzchen aufzutischen.
Ein Schnauben entwich ihr nun doch etwas belustigt, als sie den Blick während dem Werk über die Arbeitsfläche gleiten ließ:
Es sah aus, als hätte ein kindischer Oger in ihrer Küche mit so ziemlich jedem Werkzeug, Töpfen, Pfannen, Bechern und Tellern bis hin zu Mehl, Salz, Zucker und anderen Zutaten ein Wurfspiel veranstaltet.
Also dehnte sich ihre Tagesaufgabe insofern aus, dass in der Küche nicht nur gebacken und gekocht, sondern eben auch noch kräftig geschrubbt werden musste. Das alles nur für das Wohl der Winterzeit, oder?
Sie schüttelte erheitert den Kopf bei solchen Gedanken und ein zweites Mal wanderte der Blick über die große, geräumige und freundlich-helle Küche, nun aber glänzten dabei die wässrig blauen Augen mit rührseliger Freude.
Nein, der Grund für ihre Hochstimmung lag eher darin, dass die beiden jungen Freiinnen ihr ein unglaublich grandioses Geschenk gemacht hatten, indem sie die ältere Dame nicht nur begierig in die neue Residenz mitgezerrt hatten, sondern ihr hier eine noch größere und nochmals schönere Küche als Arbeitsreich zugeschrieben hatten... ja und damit nicht genug! Es wurde Ravea sehr warm uns Herz, als sie sich nun wieder einmal an Mariellas strahlendes Gesicht erinnerte, als diese ihr das kleine, gemütliche Zimmer zuwies, welches nun Raveas eigene vier Wände bedeuten sollte. Nicht nur diese Geste, sondern auch die glücklichen Züge der jungen Frau, welche deutlich zeigten, dass sie sich selbst ungemein darüber freute der alten Haushälterin ein solches "Geschenk" zu machen, waren Balsam für Raveas Seele und nun wollte sie den Dank gebührend zeigen.
Mit etwas pfiffigem Schwung, den man der älteren und rundlichen Frau kaum hätte ansehen können, wurde die Masse in ein paar winzige, eingefettete Schälchen gegeben und mit einer dicken Prise Zucker großzügig bestreut. Kritisch schnupperte Ravea und nickt dann zufrieden in sich hinein. Sowohl Geleetörtchen, als auch der Apfelkuchen konnten sich sehen lassen.
"Un guad schmeggn douns ollemohl!", komentierte sie und schob das Blech in den Ofen.
Etwas später standen die düftigen Küchlein für die Freiinnen bereit und mit einem kleinen Sonderpaket machte sie sich auf den Weg zu Herrn Lorun, um ein Versprechen einzulösen...
Schließlich galt es doch einen feinen Kuchen zu backen... und Geleetörtchen zu kreiren und Plätzchen, ja einen schönen Teller voll Plätzchen aufzutischen.
Ein Schnauben entwich ihr nun doch etwas belustigt, als sie den Blick während dem Werk über die Arbeitsfläche gleiten ließ:
Es sah aus, als hätte ein kindischer Oger in ihrer Küche mit so ziemlich jedem Werkzeug, Töpfen, Pfannen, Bechern und Tellern bis hin zu Mehl, Salz, Zucker und anderen Zutaten ein Wurfspiel veranstaltet.
Also dehnte sich ihre Tagesaufgabe insofern aus, dass in der Küche nicht nur gebacken und gekocht, sondern eben auch noch kräftig geschrubbt werden musste. Das alles nur für das Wohl der Winterzeit, oder?
Sie schüttelte erheitert den Kopf bei solchen Gedanken und ein zweites Mal wanderte der Blick über die große, geräumige und freundlich-helle Küche, nun aber glänzten dabei die wässrig blauen Augen mit rührseliger Freude.
Nein, der Grund für ihre Hochstimmung lag eher darin, dass die beiden jungen Freiinnen ihr ein unglaublich grandioses Geschenk gemacht hatten, indem sie die ältere Dame nicht nur begierig in die neue Residenz mitgezerrt hatten, sondern ihr hier eine noch größere und nochmals schönere Küche als Arbeitsreich zugeschrieben hatten... ja und damit nicht genug! Es wurde Ravea sehr warm uns Herz, als sie sich nun wieder einmal an Mariellas strahlendes Gesicht erinnerte, als diese ihr das kleine, gemütliche Zimmer zuwies, welches nun Raveas eigene vier Wände bedeuten sollte. Nicht nur diese Geste, sondern auch die glücklichen Züge der jungen Frau, welche deutlich zeigten, dass sie sich selbst ungemein darüber freute der alten Haushälterin ein solches "Geschenk" zu machen, waren Balsam für Raveas Seele und nun wollte sie den Dank gebührend zeigen.
Mit etwas pfiffigem Schwung, den man der älteren und rundlichen Frau kaum hätte ansehen können, wurde die Masse in ein paar winzige, eingefettete Schälchen gegeben und mit einer dicken Prise Zucker großzügig bestreut. Kritisch schnupperte Ravea und nickt dann zufrieden in sich hinein. Sowohl Geleetörtchen, als auch der Apfelkuchen konnten sich sehen lassen.
"Un guad schmeggn douns ollemohl!", komentierte sie und schob das Blech in den Ofen.
Etwas später standen die düftigen Küchlein für die Freiinnen bereit und mit einem kleinen Sonderpaket machte sie sich auf den Weg zu Herrn Lorun, um ein Versprechen einzulösen...
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Ravea Silbermann
Schnaufend, mit roten Wangen und glänzenden Augen, ließ die ältere, rundliche Frau sich auf den samtig bezogenen Stuhl fallen, der ihr bereitgestellt worden war und nun nur protestierend knarrte. Mit einer etwas herrischen Geste wies sie danach ihrem Schwiegesohn den Raum zu verlassen und erst als dieser mit einem belustigen Achselzucken abgetreten war, entspannte sich die alte Dame gänzlich, drehte den Stuhl dem Tischlein entgegen und fischte etwas behäbig nach dem bereitgestellten Federkiel. Mit Schwung wurde dieser dafür tief in das Tintenfass getaucht und mit spitzfindiger Sorgsamkeit am Rande des Fässchens abgetupft, ehe er dem Pergament näher kam. Doch dann hielt das Mütterchen grübelnd inne und die Doggenmimik verzog sich sinnierend.
Herrjeh, sie hatte einfach so viel zu berichten und tat sich in just diesem Moment unglaublich schwer adäquat zu filtern, denn schließlich wollte sie die jungen Damen, an welche dieser Brief gerichtet war, weder langweilen noch kränken. Doch was schrieb man am sinnigsten jungen, gebildeten Frauen des Adels, wenn man selbst eine Unmenge aus dem kleinbürgerlichen und teilweise reichlich albernen Leben zu berichten hatte?
Mariella hatte ihr diesen Urlaub im Kreise der eigenen Familie, vernab von Gerimor vorgeschlagen, als der Brief ihrer Tochter kam, dass diese ein weiteres Mal hochschwanger war und dann vielleicht sogar Zwillinge erwartete. Die Sorge im Gesicht der alten Dame, deren besagte Tochter ein eher zartes Geschöpf - ganz im Gegensatz zur Mutter - war, musste wohl Bände gesprochen haben, denn mit sanftem Nachdruck hatte Mariella auf diesen Urlaub beharrt und lediglich verlangt:
"Schreibt uns, wenn in Eurer Familie alles wieder zum Besten steht. Ach... und kommt auf jeden Fall zurück!"
Mit einem Zwinkern hatte sie den letzten Satz angefügt und konnte vermutlich nicht ahnen, wie sehr sich Ravea nun auf diese "Rückkehr" freute. Zwar war es schön gewesen die Tochter wieder in dem Arm zu sclhließen, die Enkel zu drücken und den Schwiegersohn zu necken, doch hatten ihr diese letzten Mondläufe einmal wieder gezeigt, dass Linnis, ihre Tochter, längst ein eigenes Leben führte und nicht mehr auf Frau Mutter angewiesen war. Zudem war es ein solides, gutes Leben, denn ihr Ehemann verdiente ausreichend... scheinbar war die Malerskunst in diesen Landen mehr als gefragt.
Seufzend drehte sie den Kiel in den Händen und begann schließlich doch gedankenverloren zu schreiben. Jedoch standen letztendlich nur wenige Zeilen auf dem Pergament, als die alte Frau es rasch faltete und in ein adressiertes Kuvert schob. In aller Eile drückte es sie danach dem nächstbesten, umherwuselnden Enkel in die Händchen.
"Bring's zu am Bot'n, Liabale, dey Großmuddi hot noch awos zu duhn!"
So die Worte und auf die verwirrte Frage des Kindes, was Großmutter denn zu tun hätte, kam nur ein Wort:
"Packen!"
Und so kam es, dass ein höchst seltsamer Brief eines Tages im Haushalt von Dragenfurt eintrudelte, welcher an die beiden Herrinen adressiert war und folgende Botschaft enthielt:
Werte Hochgeboren von Dragenfurt,
Lady Mariella und Lady Constance,
ihr meine lieben Mädchen,
zwar hätte ich erst im Hochsommer zurückkehren sollen, doch muss ich gestehen, dass mich eine Art Sehnsucht zu euch zurücktreibt. Zuhause ist ein arg seltsames Wort und scheint immer wieder einen neuen Ort zu beschreiben, wenn ihr versteht, was ich damit sagen möchte.
Erwartet mich zu Beginn des neuen Mondes wieder zurück in Adoran.
Dort will ich euch lieber persönlich von meinem Besuch und den reizenden Zwillingen Marianna und Henrietta berichten.
Mögen die Lichten stets mit euch sein!
Eure

Herrjeh, sie hatte einfach so viel zu berichten und tat sich in just diesem Moment unglaublich schwer adäquat zu filtern, denn schließlich wollte sie die jungen Damen, an welche dieser Brief gerichtet war, weder langweilen noch kränken. Doch was schrieb man am sinnigsten jungen, gebildeten Frauen des Adels, wenn man selbst eine Unmenge aus dem kleinbürgerlichen und teilweise reichlich albernen Leben zu berichten hatte?
Mariella hatte ihr diesen Urlaub im Kreise der eigenen Familie, vernab von Gerimor vorgeschlagen, als der Brief ihrer Tochter kam, dass diese ein weiteres Mal hochschwanger war und dann vielleicht sogar Zwillinge erwartete. Die Sorge im Gesicht der alten Dame, deren besagte Tochter ein eher zartes Geschöpf - ganz im Gegensatz zur Mutter - war, musste wohl Bände gesprochen haben, denn mit sanftem Nachdruck hatte Mariella auf diesen Urlaub beharrt und lediglich verlangt:
"Schreibt uns, wenn in Eurer Familie alles wieder zum Besten steht. Ach... und kommt auf jeden Fall zurück!"
Mit einem Zwinkern hatte sie den letzten Satz angefügt und konnte vermutlich nicht ahnen, wie sehr sich Ravea nun auf diese "Rückkehr" freute. Zwar war es schön gewesen die Tochter wieder in dem Arm zu sclhließen, die Enkel zu drücken und den Schwiegersohn zu necken, doch hatten ihr diese letzten Mondläufe einmal wieder gezeigt, dass Linnis, ihre Tochter, längst ein eigenes Leben führte und nicht mehr auf Frau Mutter angewiesen war. Zudem war es ein solides, gutes Leben, denn ihr Ehemann verdiente ausreichend... scheinbar war die Malerskunst in diesen Landen mehr als gefragt.
Seufzend drehte sie den Kiel in den Händen und begann schließlich doch gedankenverloren zu schreiben. Jedoch standen letztendlich nur wenige Zeilen auf dem Pergament, als die alte Frau es rasch faltete und in ein adressiertes Kuvert schob. In aller Eile drückte es sie danach dem nächstbesten, umherwuselnden Enkel in die Händchen.
"Bring's zu am Bot'n, Liabale, dey Großmuddi hot noch awos zu duhn!"
So die Worte und auf die verwirrte Frage des Kindes, was Großmutter denn zu tun hätte, kam nur ein Wort:
"Packen!"
Und so kam es, dass ein höchst seltsamer Brief eines Tages im Haushalt von Dragenfurt eintrudelte, welcher an die beiden Herrinen adressiert war und folgende Botschaft enthielt:
Werte Hochgeboren von Dragenfurt,
Lady Mariella und Lady Constance,
ihr meine lieben Mädchen,
zwar hätte ich erst im Hochsommer zurückkehren sollen, doch muss ich gestehen, dass mich eine Art Sehnsucht zu euch zurücktreibt. Zuhause ist ein arg seltsames Wort und scheint immer wieder einen neuen Ort zu beschreiben, wenn ihr versteht, was ich damit sagen möchte.
Erwartet mich zu Beginn des neuen Mondes wieder zurück in Adoran.
Dort will ich euch lieber persönlich von meinem Besuch und den reizenden Zwillingen Marianna und Henrietta berichten.
Mögen die Lichten stets mit euch sein!
Eure
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Ravea Silbermann
Die alte Frau ächzte ein wenig unter der Last des Fasses und blickte den Kutscher mehr als "nur" dankbar an, als er danach griff und es sehr galant verfrachtete. Dabei fiel sein Blick auf das breite, in geschwungenen Lettern verfasste Etikett. Die Aufschrift ließ ihn verdutzt blinzeln, dann aber grinste er der alten Dame mit dem Bulldoggengesicht nochmals entgegen.
"Mütterchen... das ist doch Starkbier und ein sehr edles wohl noch obendrein. Was habt Ihr denn mit einem ganzen Fass davon vor?"
Ein empörtes Schnauben war die erste Antwort, dann aber beugte sich die Alte mit hochrotem Kopf zu ihm herüber und raunte mit wichtiger Miene:
"Dös geht Aich nichts oh... dös is mei Sach' un ah wichtiger Aufdrag, so!"
Wieder starrte der Kutscher auf das Fass, ehe er ein paar Seile drum herum wickelte, um es auch während der holprigen Fahrt bis nach Adoran gut zu sichern. Stirnrunzelnd nahm er dann auf dem Kutschbock Platz und wartete bis ein leises Klopfen aus der Kabine ertönte - das Zeichen, dass die alte Frau nun bequem saß und bereit für die Abfahrt war.
"Was zum Henkersbauch...", murmelte er kopfschüttelnd in sich hinein, "macht die Alte oder das hübsche Fräulein von Dragenfurt mit einem ganzen Fass von dem feinen Gesöff? Da muss eine Feier beim Adel anstehen, die sich gewaschen hat..." Er seufzte dann aber gedehnt, als er, so ganz für sich noch bedauernd anfügte, "... zu schade, dass ich da mal wieder nicht eingeladen bin."
Dann lachte er hell auf, ließ die Peitsche einmal knallen und brachte die alte Frau, in geheimem und ungemein wichtigem Auftrag unterwegs, sicher ans Ziel... samt dem Bierfass und einem großen Kuchen.
"Mütterchen... das ist doch Starkbier und ein sehr edles wohl noch obendrein. Was habt Ihr denn mit einem ganzen Fass davon vor?"
Ein empörtes Schnauben war die erste Antwort, dann aber beugte sich die Alte mit hochrotem Kopf zu ihm herüber und raunte mit wichtiger Miene:
"Dös geht Aich nichts oh... dös is mei Sach' un ah wichtiger Aufdrag, so!"
Wieder starrte der Kutscher auf das Fass, ehe er ein paar Seile drum herum wickelte, um es auch während der holprigen Fahrt bis nach Adoran gut zu sichern. Stirnrunzelnd nahm er dann auf dem Kutschbock Platz und wartete bis ein leises Klopfen aus der Kabine ertönte - das Zeichen, dass die alte Frau nun bequem saß und bereit für die Abfahrt war.
"Was zum Henkersbauch...", murmelte er kopfschüttelnd in sich hinein, "macht die Alte oder das hübsche Fräulein von Dragenfurt mit einem ganzen Fass von dem feinen Gesöff? Da muss eine Feier beim Adel anstehen, die sich gewaschen hat..." Er seufzte dann aber gedehnt, als er, so ganz für sich noch bedauernd anfügte, "... zu schade, dass ich da mal wieder nicht eingeladen bin."
Dann lachte er hell auf, ließ die Peitsche einmal knallen und brachte die alte Frau, in geheimem und ungemein wichtigem Auftrag unterwegs, sicher ans Ziel... samt dem Bierfass und einem großen Kuchen.
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Ravea Silbermann
Ein wenig enttäuscht blähte sie die Bulldoggenwangen auf, als ihr die absolute Stille des gesamten, großen Anwesens entgegenwehte. Aufschnaubend ließ sie die prallen Taschen und gefüllten Körbe herab und schlurfte weniger galant durch die Eingangshalle. Erst als sich auch auf ihr mütterlich geflötetes:
"Mar.. ahm.. Hochw.. ahwas Euer Erlaucht... seid's grod douuh?!"
niemand meldete, stemmte sie doch unwillig die schwieligen Hände in die runden Hüften.
"Des derf ned woah sei... dou erzählt's mir wos von am Schreiberbuah un am Madl un un un... un wos find I? Nix!"
Ein schwaches Schmunzeln erhellte die gutmütigen Züge der alten "Bissgurrn", als sie an all die liebevollen Briefe ihrer Herrin dachte, die sie selbst in fernen Ländern, bei ihrer Tochter und den Enkeln, noch so regelmäßig erreicht hatten, als habe die junge Adlige sonst nichts zu tun, als ihre alte Haushälterin auf dem Laufenden zu halten.
Nun und diese war besonders gerührt, weil sie es eben besser wusste.
Mariella erstickte beinahe stets in Arbeit auch wenn sie nun wohl endlich den Schreiber ihres Vertrauens gefunden hatte.... und irgendwie war es der alten Ravea, als habe sich ihre Herrin noch weiter in Verwaltungsangelegenheiten vertieft, als zuvor.
Sicher, dass die prekären, politischen Umstände, die Ravea auch rascher als geplant zur Rückreise gezwungen hatten (denn wer gerät schon gerne zwischen Fronten?!) und Mariellas erfreuliche Erhebung mit all ihrem Stress etwas zu tun hatten, stand außer Frage und doch ahnte das Mütterchen, dass auch die gelöste Verlobung einen bitteren Teil zu all dem 'Verstecken hinter Arbeitsbergen' beigetragen haben musste.
"Mei guads arms Madl..." murmelte sie noch seufzend und machte sich dann daran die mitgebrachten Geschenken - vorwiegend Obst, Gemüse und Schleckereien aus der Heimatstadt ihrer Enkel, in die Küche zu schaffen und zündete danach, schnaufend wie ein alter Dampfkessel, die Feuerstelle an.
Es musste gekocht werden, denn man hatte ihr eine Menge Frischfleich zu betüddeln versprochen und nicht zuletzt galt es eine junge Dame wieder soweit aufzubauen, dass alsbald neue Werber von deren gesund rosigen Wangen angezogen das Haus stürmen mögen! Jawolllll!!!
"Mar.. ahm.. Hochw.. ahwas Euer Erlaucht... seid's grod douuh?!"
niemand meldete, stemmte sie doch unwillig die schwieligen Hände in die runden Hüften.
"Des derf ned woah sei... dou erzählt's mir wos von am Schreiberbuah un am Madl un un un... un wos find I? Nix!"
Ein schwaches Schmunzeln erhellte die gutmütigen Züge der alten "Bissgurrn", als sie an all die liebevollen Briefe ihrer Herrin dachte, die sie selbst in fernen Ländern, bei ihrer Tochter und den Enkeln, noch so regelmäßig erreicht hatten, als habe die junge Adlige sonst nichts zu tun, als ihre alte Haushälterin auf dem Laufenden zu halten.
Nun und diese war besonders gerührt, weil sie es eben besser wusste.
Mariella erstickte beinahe stets in Arbeit auch wenn sie nun wohl endlich den Schreiber ihres Vertrauens gefunden hatte.... und irgendwie war es der alten Ravea, als habe sich ihre Herrin noch weiter in Verwaltungsangelegenheiten vertieft, als zuvor.
Sicher, dass die prekären, politischen Umstände, die Ravea auch rascher als geplant zur Rückreise gezwungen hatten (denn wer gerät schon gerne zwischen Fronten?!) und Mariellas erfreuliche Erhebung mit all ihrem Stress etwas zu tun hatten, stand außer Frage und doch ahnte das Mütterchen, dass auch die gelöste Verlobung einen bitteren Teil zu all dem 'Verstecken hinter Arbeitsbergen' beigetragen haben musste.
"Mei guads arms Madl..." murmelte sie noch seufzend und machte sich dann daran die mitgebrachten Geschenken - vorwiegend Obst, Gemüse und Schleckereien aus der Heimatstadt ihrer Enkel, in die Küche zu schaffen und zündete danach, schnaufend wie ein alter Dampfkessel, die Feuerstelle an.
Es musste gekocht werden, denn man hatte ihr eine Menge Frischfleich zu betüddeln versprochen und nicht zuletzt galt es eine junge Dame wieder soweit aufzubauen, dass alsbald neue Werber von deren gesund rosigen Wangen angezogen das Haus stürmen mögen! Jawolllll!!!
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Ravea Silbermann
Wann immer sie an den Abend am Wegekreuz zurückdachte, glättete die Erinnerung einige runzelige Falten auf dem alten Gesicht, wenn sie zu lächeln begann. Welch schönen, jugendhaften Zauber hatte die Zeit dort doch gebracht und all das, obwohl diese Begegnund doch zunächst unfreiwillig und unglaublich chaotisch begann...
Der Kutscher, das gestand sich Ravea nun auch endlich ein, war ihr doch schon von Anfang an so suspekt gewesen. Zuerst hatte er darauf bestanden, dass es eigentlich schon viel zu spät war, um noch wegen irgendeinem Wein bis ans Wegekreuz zu fahren und kurz darauf, wo man doch schon einmal beim Thema Alkohol war, zog der dreiste Bursche seinen Flachmann aus der Brusttasche des speckigen Ledermantels und genehmigte sich nicht gerade kleine Schlucke. Danach säuselte ihr der Mistkerl freundlich zu, dass er im Übrigen auch nicht gern angetrunken lenken würde, schon gar nicht, wenn man die Strecke durch den Wald nehmen musste.
Als die alte Frau mit der Bulldoggenmiene schon kurz davor war, ihrem 'Gesprächspartner' die Handtasche auf den Suffkopf zu donnern, nahte plötzlich die Rettung in Gestalt eines jungen, spitzbübisch wirkenden Hüpfer, der trotz der Tatsache, dass er vermutlich nur ein Drittel ihres Alters hatte, schneeweiße Haare am Kopf trug.
Es verblüffte sie allerdings nur für wenige Augenblicke, denn nachdem man in Berchgard ja diese Rittersfamilie hatte, die allesamt mit weißem Haar im jungen Alter schon gestraft war, konnte da noch einer mehr oder weniger den Braten auch nicht so viel fetter machen.
Immerhin imponierte der Bengel ihr recht schnell durch seine galante Art und Weise und dem Respekt vor ihrem Alter... na und er sprach derart klare Worte mit dem Kutscher, dass dieser nur wenige Augenblicke später einwilligte Ravea, den jungen Weißhaar - der sich im übrigen Lucien Mareaux nannte - und einen blondgelockten Schönling namens Tylendel, dessen Nachname "Vogelsang" eine Sängerberufung andeutete, zum Wegekreuz zu fahren.
Die Fahrt dorthin war wunderbar, Ravea malte sich Mhairis und Anoras Gesichter aus, die, dank dem wunderbar milden Spätsommertrauben-Wein vom Wegekreuz, am nächsten Mittag das Silbermannsche Wuchtrezept "Huhn in Weinsoße", vorgesetzt bekommen sollten. Sie begann mit den jungen Herren zu plaudern und musste schmunzelnd feststellen, dass Tylendel ein wahrer Süßholzraspler war, doch genoß sie seine Schmeicheleien, als er ihr Alter schätzen wollte und natürlich bewußt weit daneben und zu ihren Gunsten tippte.
Achja, es hätte ein vollkommener, kleiner Abstecher werden können, doch brach all die Freude ein, wie dünnes Eis voller Risse, als Hann, der Wirt am Wegekreuz ihr vorsichtig beibrachte, dass er die letzte Flasche des gesuchten Weins schon vor drei Wochen verkauft hatte und zu allem Übel der dreiste Kutscher geflüchtet war, vermutlich um in irgendeiner Schenke zu feiern, statt die Truppe nochmals durch die Wälder zurück nach Adoran zu bringen.
Ravea spürte, wie der Blutdruck in ungesunde Bereiche schoss und hatte Mühe Luciens ruhige, besonnene Art auf sich wirken zu lassen. Tylendel war wohl selber mit der Gesamtsituation überfordert und so beschloss man, bei den Nachbarhöfen nach dem flüchtigen Kutscher zu suchen. Gleich der erste Hof brachte ihnen aber Überraschungen und einen wunderschönen, gemeinsamen Abend ein.
Naischa nannte sich das kleine Mädchen, welches ihnen fröhlich und souverän die Tore zum Reiterhof öffnete, kannste sie wohl Lucien und wollte nicht, dass er und seine Begleitung in der Kälte stehen sollten.
Nun, man ließ sich aufgrund der klirrenden Eistemperaturen im hohen Norden nicht recht lange bitten und alsbald fand sich Ravea in einer gemütlichen, warmen Stube wieder und staunte nicht schlecht, als die kleine Naischa ganz selbstverständlich dazu überging sie alle zu bewirten.
Der 'Mann' im Hause hörte auf den Namen Torjan und Naischa nannte ihn warmherzig Opa. Doch von besagtem Opa bekam die alte Haushälterin zu Beginn recht wenig mit, werkelte dieser doch verzweifelt daran ein Vögelchen aus einem Mauerriss hervor zu locken und Luciens gut gemeinte Ratschläge und Ideen stießen zunächst auf taube Ohren.
Es kam, wie es kommen musste:
Lucien packte mit an, Torjan wurde überrumpelt und zuguterletzt endete das gemeinsame Gehampel in einer Seifenlaugendusche und einem Schrecken, als Lucien aus Versehen auf Torjans Hut umherstiefelte.
Den angebotene Entschädigung aber trieben dem etwas älteren Herren Tränen in die freundlichen Augen und er klagte, wie unglaublich viel ihm der Hut bedeutete. Ergriffen bot Ravea ihre Hilfe an, denn sie hatte doch früher gerne die Hüte ihres Gatten und der Söhne -Temora habe sie alle selig - mit frischem Stroh geflickt.
Als sie da ein erstauntes Lächeln von Torjan erhielt und dieser jüngere Mann sie mit "Mädchen" anredete, vergaß Ravea plötzlich auch den letzten Hauch ihres Zorns. Jener verrauchte angesichts der Geschichten über die Abenteuer des Huts, des fröhlichen Liedleins seitens Tylendel und des Tanzes, welchem sie tapfer mit Torjan beschritt.
Wie schwer fiel ihr später der Abschied und selbst Naischas wundersam dressiertes Pferd mit all seinen Kunststücken konnte den kleinen, schmerzlichen Klumpen in ihrer Brust nicht ganz auflösen.
Abschiede hatte sie schon so viele in ihrem Leben gehabt...
Doch auch jetzt, Tage nachdem Lucien sie schließlich tapfer und verwegen selbst zurück kutschiert hatte, pflegte sie die seltsame Müdigkeit des Winters und Alters, welche sie von Tag zu Tag mehr heimsuchte, mit den Gedanken an den Abend am Wegekreuz zu verscheuchen und sie wusste, dass ein
"Na, wollen wir gemeinsam wackeln?"
jederzeit ihre steifen Beine wieder in Schwung bringen und sie selbst um Jahre jünger werden lassen würde.
Der Kutscher, das gestand sich Ravea nun auch endlich ein, war ihr doch schon von Anfang an so suspekt gewesen. Zuerst hatte er darauf bestanden, dass es eigentlich schon viel zu spät war, um noch wegen irgendeinem Wein bis ans Wegekreuz zu fahren und kurz darauf, wo man doch schon einmal beim Thema Alkohol war, zog der dreiste Bursche seinen Flachmann aus der Brusttasche des speckigen Ledermantels und genehmigte sich nicht gerade kleine Schlucke. Danach säuselte ihr der Mistkerl freundlich zu, dass er im Übrigen auch nicht gern angetrunken lenken würde, schon gar nicht, wenn man die Strecke durch den Wald nehmen musste.
Als die alte Frau mit der Bulldoggenmiene schon kurz davor war, ihrem 'Gesprächspartner' die Handtasche auf den Suffkopf zu donnern, nahte plötzlich die Rettung in Gestalt eines jungen, spitzbübisch wirkenden Hüpfer, der trotz der Tatsache, dass er vermutlich nur ein Drittel ihres Alters hatte, schneeweiße Haare am Kopf trug.
Es verblüffte sie allerdings nur für wenige Augenblicke, denn nachdem man in Berchgard ja diese Rittersfamilie hatte, die allesamt mit weißem Haar im jungen Alter schon gestraft war, konnte da noch einer mehr oder weniger den Braten auch nicht so viel fetter machen.
Immerhin imponierte der Bengel ihr recht schnell durch seine galante Art und Weise und dem Respekt vor ihrem Alter... na und er sprach derart klare Worte mit dem Kutscher, dass dieser nur wenige Augenblicke später einwilligte Ravea, den jungen Weißhaar - der sich im übrigen Lucien Mareaux nannte - und einen blondgelockten Schönling namens Tylendel, dessen Nachname "Vogelsang" eine Sängerberufung andeutete, zum Wegekreuz zu fahren.
Die Fahrt dorthin war wunderbar, Ravea malte sich Mhairis und Anoras Gesichter aus, die, dank dem wunderbar milden Spätsommertrauben-Wein vom Wegekreuz, am nächsten Mittag das Silbermannsche Wuchtrezept "Huhn in Weinsoße", vorgesetzt bekommen sollten. Sie begann mit den jungen Herren zu plaudern und musste schmunzelnd feststellen, dass Tylendel ein wahrer Süßholzraspler war, doch genoß sie seine Schmeicheleien, als er ihr Alter schätzen wollte und natürlich bewußt weit daneben und zu ihren Gunsten tippte.
Achja, es hätte ein vollkommener, kleiner Abstecher werden können, doch brach all die Freude ein, wie dünnes Eis voller Risse, als Hann, der Wirt am Wegekreuz ihr vorsichtig beibrachte, dass er die letzte Flasche des gesuchten Weins schon vor drei Wochen verkauft hatte und zu allem Übel der dreiste Kutscher geflüchtet war, vermutlich um in irgendeiner Schenke zu feiern, statt die Truppe nochmals durch die Wälder zurück nach Adoran zu bringen.
Ravea spürte, wie der Blutdruck in ungesunde Bereiche schoss und hatte Mühe Luciens ruhige, besonnene Art auf sich wirken zu lassen. Tylendel war wohl selber mit der Gesamtsituation überfordert und so beschloss man, bei den Nachbarhöfen nach dem flüchtigen Kutscher zu suchen. Gleich der erste Hof brachte ihnen aber Überraschungen und einen wunderschönen, gemeinsamen Abend ein.
Naischa nannte sich das kleine Mädchen, welches ihnen fröhlich und souverän die Tore zum Reiterhof öffnete, kannste sie wohl Lucien und wollte nicht, dass er und seine Begleitung in der Kälte stehen sollten.
Nun, man ließ sich aufgrund der klirrenden Eistemperaturen im hohen Norden nicht recht lange bitten und alsbald fand sich Ravea in einer gemütlichen, warmen Stube wieder und staunte nicht schlecht, als die kleine Naischa ganz selbstverständlich dazu überging sie alle zu bewirten.
Der 'Mann' im Hause hörte auf den Namen Torjan und Naischa nannte ihn warmherzig Opa. Doch von besagtem Opa bekam die alte Haushälterin zu Beginn recht wenig mit, werkelte dieser doch verzweifelt daran ein Vögelchen aus einem Mauerriss hervor zu locken und Luciens gut gemeinte Ratschläge und Ideen stießen zunächst auf taube Ohren.
Es kam, wie es kommen musste:
Lucien packte mit an, Torjan wurde überrumpelt und zuguterletzt endete das gemeinsame Gehampel in einer Seifenlaugendusche und einem Schrecken, als Lucien aus Versehen auf Torjans Hut umherstiefelte.
Den angebotene Entschädigung aber trieben dem etwas älteren Herren Tränen in die freundlichen Augen und er klagte, wie unglaublich viel ihm der Hut bedeutete. Ergriffen bot Ravea ihre Hilfe an, denn sie hatte doch früher gerne die Hüte ihres Gatten und der Söhne -Temora habe sie alle selig - mit frischem Stroh geflickt.
Als sie da ein erstauntes Lächeln von Torjan erhielt und dieser jüngere Mann sie mit "Mädchen" anredete, vergaß Ravea plötzlich auch den letzten Hauch ihres Zorns. Jener verrauchte angesichts der Geschichten über die Abenteuer des Huts, des fröhlichen Liedleins seitens Tylendel und des Tanzes, welchem sie tapfer mit Torjan beschritt.
Wie schwer fiel ihr später der Abschied und selbst Naischas wundersam dressiertes Pferd mit all seinen Kunststücken konnte den kleinen, schmerzlichen Klumpen in ihrer Brust nicht ganz auflösen.
Abschiede hatte sie schon so viele in ihrem Leben gehabt...
Doch auch jetzt, Tage nachdem Lucien sie schließlich tapfer und verwegen selbst zurück kutschiert hatte, pflegte sie die seltsame Müdigkeit des Winters und Alters, welche sie von Tag zu Tag mehr heimsuchte, mit den Gedanken an den Abend am Wegekreuz zu verscheuchen und sie wusste, dass ein
"Na, wollen wir gemeinsam wackeln?"
jederzeit ihre steifen Beine wieder in Schwung bringen und sie selbst um Jahre jünger werden lassen würde.
-
Ravea Silbermann
Die Müdigkeit blieb und sie wusste nun, dass es das Alter war.
Jahrelang hatte sie es erfolgreich bekämpft und die Erinnerungen an die Schicksalsschläge damals in Varuna, die ihr Mann und die Söhne nahmen, verdrängt, doch irgendwann kam alles hoch - in diesem Fall eher spät, doch hoffentlich noch nicht zu spät.
Sie sehnte sich nach ihrer Tochter, nach Familie.
Oh, nicht, dass sie ihre geliebte Gräfin, das junge, liebreizende Fräulein Mariella eben und dann noch dazu die beiden Lieblingsnichten, Anora und Mhairi, nicht als eine Familie ansehen konnte. Die beiden Wirbelwinde bescherten ihr die Familienidylle im Haus, wenn sie denn beide Zuhause waren und nicht arbeiteten und der Haushalt von Dornwald... ah nun von Meereswacht war eh eine schillernde Pracht und all die darin verwobenen Personen wie Tiia, Friedolin, Viridian, Jaques und auch einige, die im Laufe der Zeit gekommen und gegangen waren, hatten das Herz der alten Frau gewärmt und gerührt.
Jetzt aber war sie müde und die Sehnsucht trieb sie voran.
Zur eigenen Familie. Zur Hauptstadt, in welcher ihre Tochter lebte.
Vielleicht war es doch auch die Angst, dass sie jene ansonsten nicht mehr sehen würde, ehe ihre Zeit abgelaufen war. Oh, welch grausiger Gedanke, der die Alte regelrecht auf das Schiff in Richtung Königsstadt getrieben hatte. Ja, der Schritt war der Richtige, doch rannen ihr dennoch die Tränen über die Wangen, als sie nun die Ufer Adorans nach und nach in der Ferne entschwinden sah.
Jahrelang hatte sie es erfolgreich bekämpft und die Erinnerungen an die Schicksalsschläge damals in Varuna, die ihr Mann und die Söhne nahmen, verdrängt, doch irgendwann kam alles hoch - in diesem Fall eher spät, doch hoffentlich noch nicht zu spät.
Sie sehnte sich nach ihrer Tochter, nach Familie.
Oh, nicht, dass sie ihre geliebte Gräfin, das junge, liebreizende Fräulein Mariella eben und dann noch dazu die beiden Lieblingsnichten, Anora und Mhairi, nicht als eine Familie ansehen konnte. Die beiden Wirbelwinde bescherten ihr die Familienidylle im Haus, wenn sie denn beide Zuhause waren und nicht arbeiteten und der Haushalt von Dornwald... ah nun von Meereswacht war eh eine schillernde Pracht und all die darin verwobenen Personen wie Tiia, Friedolin, Viridian, Jaques und auch einige, die im Laufe der Zeit gekommen und gegangen waren, hatten das Herz der alten Frau gewärmt und gerührt.
Jetzt aber war sie müde und die Sehnsucht trieb sie voran.
Zur eigenen Familie. Zur Hauptstadt, in welcher ihre Tochter lebte.
Vielleicht war es doch auch die Angst, dass sie jene ansonsten nicht mehr sehen würde, ehe ihre Zeit abgelaufen war. Oh, welch grausiger Gedanke, der die Alte regelrecht auf das Schiff in Richtung Königsstadt getrieben hatte. Ja, der Schritt war der Richtige, doch rannen ihr dennoch die Tränen über die Wangen, als sie nun die Ufer Adorans nach und nach in der Ferne entschwinden sah.