Weine ruhig mein kleines Herz,
doch weine leis, trotz all dem Schmerz,
niemand soll die Schwäche sehen,
sonst werden wir zu Grunde gehen,
sein Anblick darf uns nicht verzücken,
dies müssen wir nun unterdrücken,
heis die Kälte nun willkommen,
bevor uns alles wird genommen,
verschließe dich vor ihren Blicken,
bevor sie uns mit Nadeln spicken,
werd zu Stein für lange Zeit,
bis ein Lächeln dich befreit.
Der Kohlestift wurde nach dem letzten Punkt achtlos ans Kopfende des Bettes geworfen, auf welchem Danielle bäuchlings lag. Die Knie waren angewinkelt, so dass die nackten Füße in der Luft schaukeln konnten. Nachdenklich und schwermütig las sie ihre eigenen Zeilen noch mal, bevor das Notizbuch geschlossen wurde.
Neben den ordentlichen Zeilen der Unterrichtsvorbereitung und den entsprechenden Ergänzungen und Erweiterung während des Unterrichts, verbarg sich nun auch etwas Persönliches darin. Zeilen entsprungen aus ihren Gedanken, die ihr für den Moment erlaubt hatten, alles andere beiseite zu schieben.
Sie war es langsam leid, leid zu zweifeln, sich den Kopf zu zerbrechen und mit dem Verlauf ihres Lebens zu hadern. Genug des Selbstmitleides und genug der naiven Träumerei. Ohne zetern, hadern und murren würde sie die Herausforderungen angehen. Wie sollten andere sie auch akzeptieren, wenn sie sich selbst zeitweise nicht mal mehr leiden konnte?
„Sei wie du bist, Danielle!“ rief sie sich selbst zu. „… und lebe ...“ „... mit den Konsequenzen!“
ergänzten die körperlosen Stimmen wispernd.
Dann umschloss sie ihr Geschenk mit den Armen, presste es an sich, genau wie ein Kind es mit dem Kuscheltier getan hätte. Gleich nach dem aufstehen würde sie sein Geschenk in Sicherheit bringen, weg vom Orden und weg von sich selbst.
Sie hatte sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert und spürte die Unruhen um sich herum. Es war nicht zu leugnen, dass sie als Cousine der Maestra näher stand. Sie spürte den bekannten Eingriff ins Lied und das Rumoren darin und es beunruhigte sie deutlich. Auch sie hatte das Schriftstück des Magisters gelesen und auch in ihr keimte die Wut. Die blanke Zerstörungsarie hätte sie vollziehen können, würde sie diese Wut freilassen.
Stattdessen besann sie sich auf das, was blieb. Nachdem die Maestra fertig war, war sie es, die das Buch zu sich orderte und Seele für Seele durchblätterte, sie ansah, verfolgte, überlegte. Es gab keine Möglichkeit, dass jemand einen solchen Verrat getätigt hatte. Und wenn doch, würde sie alles daran setzen, um denjenigen zurückzuholen, um ihn erneut zu Tode zu foltern. Für das, was derjenige dem Orden angetan hatte.
Während sie jedoch stöberte blieb sie an dieser kleinen, neuen Seele hängen. Sie war so rein und unschuldig, so voller Zuversicht und Hoffnung. Es hätte jedem im Herzen weh getan, diese Seele hier zu sehen. Es machte den Anschein, als hätte sich dieser herzensgute Mensch hierher verirrt. Aber es war ihre Entscheidung gewesen. Mit all den Konsequenzen, die auf sie zukommen würden. Sie fuhr mit den langen Fingernägeln den Namen nach und schloss die Augen, konzentrierte sich vollends auf die Seele dieses blühenden Astes. Und was sie sah, entzückte sie zugleich. Nicht, weil sie durch und durch zufrieden war mit dem, was sie sah. Sondern weil in ihr diese dunkle, fiese Stimme wieder kicherte. Ein hysterisches Lachen, welche sich in ihrem Inneren ausbreitete und sie komplett einnahm. Sie öffnete die Augen und verengte diese. Die Fingerspitzen kratzten weiter über das Buch, ehe sie tat, was getan werden musste.
Gerade, als Danielle ihren letzten Gedanken zuende gesponnen hatte, das Buch gedanklich schon in Sicherheit gebracht und die darin geschriebenen Gedanken wegsperren wollte, bis es an der Zeit war, diese wieder hervorzuholen, setzte sich ein kokelnder Geruch in ihre Nase. Es dauerte nicht einmal zwei Lidschläge, ehe das Buch - und nur dieses - wie aus dem Nichts zu brennen anfing. Fort mit den Gedanken, die darin gefangen waren. Einfach weg. Zurück blieb ein Häufchen Asche, jeglichem Versuch, das Feuer zu löschen, strotzte jenes nur mit weiter aufkeimenden Flammen.
"Erinnere dich Tag für Tag daran, wo du bist und wer du bist." - wie ein leises, kaum vernehmbares Wispern huschten die Worte durch den Raum, von einer Ecke zur nächsten, ehe sie wieder verschwunden waren. Einzig allein das Häufchen Asche blieb als Erinnerung.
Tarja selbst schob den Stuhl zurück und schickte das Buch wieder fort. Sie musste lernen, Stück für Stück. Auch, wenn es ein harter Weg war. Aber Danielle würde zu einer stolzen Arkoritherin werden.
Mit geweiteten Augen sah Danielle ihr Notizbuch in Flammen aufgehen. Unweigerlich rückte sie an die andere Seite des Bettes. Das Kuscheltier noch immer fest an sich gedrückt. Auch als das Fußende schon erreicht und die Holzplatte im Rücken war, versuchten die nackten Füße sie weiter weg zu drücken.
Als schlussendlich nur noch Asche übrig geblieben war, von all ihren Aufzeichnungen und dem kleinen Gedankenspiel, saß sie immer noch am Bettende und starrte Fassungslos vor sich hin. Es gärte in ihr. Etwas baute sich auf, brodelte immer höher, drohte überzukochen. “Es reicht Elegida! Das Maß ist voll!“
Als sei Kra’thor persönlich hinter ihrer Seele her, sprang die junge Frau aus dem Bett. Das Spielzeug wurde auf dem Bett zurückgelassen. Wie ein frisch gefangenes Wildtier, tiegerte sie in den Unterkünften der weiblichen Ordensmitglieder auf und ab. Das ängstliche Zischen der Stimmen in ihrem Kopf überhörte sie einfach. Sie fürchteten wohl ihr neues und noch so formbares Spielzeug zu verlieren. Ihr war es egal, es musste raus. Es gab Grenzen was ein einzelner Geist verkraften konnte ohne überzuschäumen.
“Die Haare sollen euch vom Kopf fallen und wo sie landen neu Anwachsen! Beulenpest soll euch un eure Kinder befallen! Eure Knochen sollen den Straßenkötern ein Festmahl werden!“
Nein sie vergaß sicher nicht wo sie war und wer sie sein sollte. Typisch für die Elegida. Blind wie sie war, erkannte sie die Wahrheit nicht. Die wenigen Zeilen die Danielles Gedanken entsprungen waren zeigten doch wie sie sich bemühte. Nein, es war wieder nicht genug, nicht das was die Elegida verlangte. Dieser kaltherzige Mensch sah nie die Erfolge, nur was ihr missfiel. “Möge Alatar geben euer Leib nie wieder Früchte trägt! Das Fleisch soll von euch runterfaulen! Die Erde soll euch verschlingen!“
Unaufhörlich streifte die Studiosa im Raum auf und ab, ziellos und Gift und Galle spuckend. Nebenbei verfluchte sie noch ihr eigenes Elternhaus, in dem so gut wie nie geflucht wurde. Der aufgeschnappte bescheidene Vorrat eigener Flüche und Verwünschungen erschöpfte sich schnell. Zu schnell um ihr die ersehnte Erleichterung bereits jetzt zu gewähren.
“Möget ihr für immer alleine euer Leben fristen, damit nichts die Kälte vertreibt, die Einsamkeit euch eure Taten vor Augen führt und euch damit strafen!“
Unweigerlich löst sich ein hämisches Lachen aus dem zierlichen Körper, der nun doch für einige Herzschläge lang im ständigen auf und ab innehielt. Wenn nicht Kra’thor selbst wer würde es lange genug in ihrer Nähe aushalten? Also war die Einsamekit wohl ohnehin gegeben und vermulich auch von Dauer. Kra’thor als Gefährte schied eigentlich ebenfalls aus, schließlich schien sich der Seelenfresser in der Elegida eine weltliche Gestalt gesucht zu haben, mit denen er die Menschen schon bei Lebzeiten quälen konnte. Da konnte er schlecht gleichzeitig mit ihr das Bett teilen.
Nein, die Wahrscheinlichkeit das Cecile sich von jemand erweichen ließ, war noch geringer als das sich auf Fuchatero spontan ein Feuerelementar selbst bildete. Wie auch bei den anderen Arkorithern kannte Danielle kaum die Person hinter dem Ordensmitglied. Gerade Tarja bildete da keine Ausnahme. Ja vielleicht gab es hinter der Maske aus Eis tatsächlich eine fröhliche, vergnügte und auf irgendeine Art und Weise liebenswerte Frau.
Zur Sicherheit wünschte Danielle jeglichem armen Tropf allerdings ein paar sehr warme Socken und eine dicke Decke. Nicht das er mit der Elegida an seiner Seite noch im Bett erfror.
Das schelmische Grinsen auf den Zügen erstarb wieder etwas, als sich die mittlerweile wohlvertrauten Stimmen endlich wieder Gehör verschafften. „Unverschämtes …“ „… Miststück!“
Was nun doch Verwunderung bei der jungen Arkoritherin hervorrief. Gut, die Elegida gehörte sicher nicht zu den Personen die zu einer Hochzeit einladen würde, aber dieser Aspekt der Stimmen war neu. Nicht unerwünscht, aber unerwartet.
Dann dämmerte es ihr schließlich doch noch, sie selbst war gemeint. Selbstredend würde niemand diese Worte offen gegenüber der Stellvertreterin der Maestra aussprechen, allerdings waren die Gedanken und Gefühle nicht zu verheimlichen. So es für missfallen sorgen würde, wäre es ohnehin dazu gekommen und so hatte sie den inneren Druck wenigstens für den Moment nachgegeben.
Außerdem, vielleicht gab es ja die Chance, dass die Elegida dankbar annahm so leicht einen Grund für die nächste Maßregelung finden konnte und nicht erst mühsam danach suchen musste.
Zuletzt geändert von Danielle Lassart am Mittwoch 15. Dezember 2010, 09:03, insgesamt 2-mal geändert.