Eiszeit

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Tarja Thyrmon

Eiszeit

Beitrag von Tarja Thyrmon »

Dein letzter Blick straft mich. Ich lass dich los, die Einsamkeit ruft dich, sucht mich. Es liegt an dir, vielleicht führt dein Weg zurück zu mir. Wenn du jetzt gehst, gehst du den Weg für dich allein. Wenn du jetzt gehst bleibt ein Teil von dir für immer bei mir. Geh deinen Weg für dich allein, lauf deiner Sehnsucht hinterher. Dreh dich nicht um,schau nicht zurück und geh weiter, immer weiter.

Die schmalen Finger umschlossen den Saum ihrer Kapuze, sie wurde zurückgeschoben und die blasse Haut entblößt. Die ungewöhnlichen, hellen blauen Augen suchten sich ihren Weg durch den Nebel und fanden endlich ihr Ziel. Der Weg war mühsam gewesen, die Wesen um Rahal nahmen deutlich an Stärke zu. Sie wiegte sich in Sicherheit, sobald sie einen Fuß auf die Insel setzte. Dort war ihr Zuhause. Hier schlug ihr Herz, wenn man es als schlagen bezeichnen konnte.
Sie schritt langsam auf die Burg zu, der Nebel umspielte ihre schwarzen, hüftlangen Haare, die sich wie eine zweite Haut um ihren Körper schmiegten. Eine schwungvolle Zeichnung und die Tür gab unter dieser nach, um ihr den Einlass zu gewähren. Eilige Schritte führten sie nun ins Innere der Burg, die Robe schleifte hinter ihr her, der Mantel wehte wild hinter ihr. Nachts war es meist ruhig auf der Burg – Zeit genug, um finstere Pläne auszuhecken oder sich schlichtweg Ruhe zu gönnen.

Die vergangenen Wochen waren ereignisreich gewesen und schneller vorbei, als sie gekommen waren. Es gab viele Neuzugänge und jeder von ihnen unterschied sich wie die Nacht vom Tage. Andere wiederum glichen in den Wesenszügen alt eingesessenen Mitgliedern, die bereits gelernt hatten. Und eines ihrer liebsten Neuzugänge war nach wie vor Niala.
Niala, wie mochte man sie beschreiben? Sie entkleidete sich aus ihren Hüllen, während ihre Gedanken um die Studiosa kreisten. Sie war jung, gebildet und dennoch naiv und teilweise noch dumm, wie ein kleines Mädchen. Vermutlich hatte sie sich nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, was es heißen würde, ein Teil des Schattenordens zu sein. Hier musste alles abgelegt werden, was einen verletzlich machen konnte. Träume waren hier Fehl am Platz. Es gab keine Träume. Es gab Pflichten, die einen jeden Arkorither weiterbringen würden. Es gab Regeln, die das vorankommen antreiben sollten. Es gab Richter und Henker, die ihre Augen über den Angeklagten hatten und diese in eine Richtung drängten. Ob sie wollten oder nicht – sie würden alle nach und nach in ihre Rolle finden. Nur bei Niala war sie sich nicht sicher, wie lange sie brauchen würde, um zu akzeptieren, dass mehr in ihr steckte als diese verweichlichte Hülle. Ihre Reaktionen waren beeindruckend. Sie konnte flehen und schmollen wie ein kleines Mädchen, welchem gerade das schönste Spielzeug weggenommen wurde. Auf der anderen Seite konnte sie schon teilweise die übliche Distanz weitergeben, die jedem Arkorither irgendwann zuteil wurde. Es war mit Sicherheit ein Spiel mit dem Feuer für Niala. Die Zeit würde es zeigen.

Sag warum quälst Du Dich. Sag mir warum Du Dich zerfrisst. Warum erkennst Du nicht: Du bist noch nicht am Ende. Erst wenn das leben Dich vergisst. Erst wenn Du Deinen Schmerz vermisst. Erst wenn das Dunkel Dich entführt, sich Deine Spur im Nichts verliert. Spürst Du die Sehnsucht? Fühlst Du die Hoffnung brennen? Verloren in Leid und Dunkelheit. Geboren aus Blut und Tränen. Spürst Du die Sehnsucht? Fühlst Du das Fieber brennen? Gefangen in Angst und Einsamkeit. Geboren aus Blut und Tränen. Warum zerstörst Du Dich? Sag mir warum Du Dich entstellst? Sag warum kämpfst Du nicht? Es ist noch nicht zuende. Erst wenn das Leben Dich verlässt, hältst Du Dich ängstlich an ihm fest. Erst wenn das letzte Licht erlischt. Der Wind der Zeit die Spur verwischt.

Prolog: Sie lächelte, als er ihr den Ring an den Finger steckte. Er erwiderte ihr Lächeln und sie spürte seine Lippen auf den ihren. Dieses innerliche Gefühl der Vollkommenheit zerriss sie schier. Der Ring an ihrem Finger zierte von nun an ihr Leben, er war ein Teil von ihr geworden. Niemals mehr wollte sie ohne ihn sein. Niemals wieder. Sie hatte das gefunden, wonach sie gesucht hatte. Er war es, der ihr all die Kraft gab, um all das durchzustehen. All die Qual, all die Härte, jegliche Bestrafung. Selbst hierfür würde sie riskieren, die Striemen wieder auf ihrem Rücken zu spüren. Aber sie wusste, dass es sich hierfür mehr als nur lohnen würde.

….

Ihr Blick wanderte zu dem Ring auf ihrem Tisch. Sie hatte ihn lange nicht mehr getragen. Sie hatte ihn verbannt. Genauso, wie sie alles aus ihrem Herzen verbannt hatte. Für sie gab es nichts mehr, was eine solche Gefühlsdusselei zulassen konnte. Es war nicht unbedingt die Angst, dass man ihr zu nahe kommen könnte. Sie war es vielmehr nicht mehr gewohnt, mit Gefühlsregungen umzugehen. Freude, Leid, Trauer, Hoffnung – all das war ihr im Laufe der Zeit fremd geworden. Ein bedauerlicher Zustand für eine solche Dame, die sich selbst zur Einsamkeit zwingen wollte. Gefühle konnten einen zu sehr beeinflussen. Sie konnten einen ablenken und man konnte dadurch schwerwiegende Fehler begehen. Sie griff nach dem Ring und versuchte sich für einen Moment an eine Zeit zu erinnern, in der es anders gewesen war. Irgendwann musste sie ja etwas für diesen Mann empfunden haben, ansonsten hätte sie sich niemals auf diesen Pakt eingelassen. Aber so sehr sie auch in ihren Erinnerungen suchte, sie fand nichts. Sie sah einzig allein seine Macht und das hatte sie immer fasziniert. Aber Gefühle? Sie drehte den Ring in ihren Händen und legte all ihre Konzentration auf diesen. Vielleicht konnte sie ja nur ein ganz klein wenig herausfinden. Sie schloss die Augen – als würde dies helfen, voranzukommen. Sie öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. Es war eine reine Zweckgemeinschaft, aus der sie ihren Nutzen lang genug ziehen konnte. Sie drehte den Ring nochmals und besah sich die Inschrift, dann wurde er wieder auf den Tisch gelegt. Aus irgend einem Grund konnte sie diesen nicht wegwerfen. Ihre Mundwinkel hebten sich schwach an. Sie konnte sich das Gesicht von Niala schon bildlich vorstellen, sollte diese jemals erfahren, dass dieses eiskalte Biest von Elegida tatsächlich einmal den Bund der Ehe eingegangen war. Tarja hatte gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren. So sehr zu kontrollieren, dass ihr nicht einmal mehr bewusst war, was jene waren.
Tarja Thyrmon

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Gefühle mussten kontrolliert werden, nur dann war es möglich, sie mit der Magie in Verbindung zu bringen. Eine Lektion, die schon so viele am Orden lernen mussten und auch den Schülern würde diese Lektion nicht erspart bleiben. Tarja war eisern und hart. Manchmal wuchs sie über sich selbst hinaus und war überrascht von sich selbst, wie distanziert und kalt sie geworden war. Es gab nichts, was sie derzeit weiter am Leben hielt als diesen Orden und die Magie. Und sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich diese Tatsache so schnell ändern würde. Sein Fortgang hatte ihr mehr zugesetzt, als sie gedacht hatte. Als er weggegangen war, hielt sie es kaum eine Sekunde lang alleine in ihrem Schlafgemach aus. Es war, als wäre ein großer Teil ihres Lebens von ihr gegangen. War das der Auslöser gewesen? Sie wusste es nicht. Sie hatte eine Ahnung, aber insgeheim wollte sie nicht einmal diese wahrhaben.

Sie spürte seine Anwesenheit im Lied. Sie blinzelte, um die Verblüffung zu überspielen und konzentrierte sich nochmals. Es war wirklich wahr? War er wirklich zurückgekehrt? Sie drehte sich um und sah in vertraute Augen. Und irgendetwas in ihrem Herzen fing wieder Feuer. Irgendetwas in ihr ließ die Kälte aus ihrem Körper weichen. Es war so, als wäre sie aus diesem Albtraum aufgewacht. Die Studiosi schickte sie hinfort, sie mussten ihre Aufgabe erledigen. Sie brauchte Ruhe. Sie wollte ihn sich ansehen, ob er unversehrt war. Sie wollte in seiner Nähe sein und doch sträubte sich etwas in ihr genau gegen das.

Die warme, vertraute Hand an ihrer Wange war ungewöhnlich. Sie erschauderte, zugleich positiv wie auch negativ. Dieses Hin und Her zwischen der Vertrautheit und dem Ungewöhnlichen verwirrte ihre Sinne. Sie konnte erstmal nicht so reagieren, wie sie vielleicht reagieren wollte. "Wo bist du so lang gewesen?", sie musste sich zusammenreißen, dass sie nicht vorwurfsvoll klang. Er hatte sie hier zurückgelassen, einfach so. Dieses Gefühl war kein angenehmes Gefühl gewesen. Seinen Wissensstand wollte er weiterbilden, so sagte er zumindest. "Und wirst du mich nun wieder verlassen?", er lächelte und schüttelte den Kopf. Beruhigte sie das tatsächlich? Es schien, als würde eine Last von ihren Schultern fallen. Es schien fast so, als würden ihre Seele und ihr Herz lächeln. Ebenso, wie der verbitterte Ausdruck ihrem Gesicht wich. Der Glanz kehrte in ihre Augen zurück, das Leben in die nur noch von funktionierendem Handeln lebendig gehaltene Hülle eines Körpers. Er legte seine Lippen auf ihre. Sie brannten. Sie kribbelten. Sie pulsierten. Sie spürte das Leben durch ihren Körper rasen. Es schien, als würde sie ein neues Leben beginnen. Die Adern pumpten das Adrenalin durch ihren Körper und setzten die nötigen Endorphine frei, so dass sie jenen Kuss erwiderte. Sanft und zögerlich, als wäre es der erste Kuss eines jungen Mädchens. Innerlich zitterte sie. War es wirklich möglich?

Am nächsten Morgen schlug sie ihre Augen auf. Sie hasste es, wenn sie Träume hatte, die sich so echt anfühlten. Es dauerte eine ganze Weile, als ihr bewusst wurde, dass das Bett neben ihr nicht leer war. Es dauerte noch eine Weile länger, bis sie sich darüber im Klaren wurde, dass das neben ihr nicht irgendein daher gelaufener Kerl war sondern ihr Ehemann. Der Mann, mit dem sie sich das Bett seit eh und je hätte teilen sollen. Ein Lächeln überkam ihre Züge, der Tag hatte mit Sonnenschein begonnen. Was würde sich dadurch nun ändern? War sie wieder die Alte? Sie ging zur Türe. Es hatte sich etwas verändert. Jedoch war Tarja viel zu gut darin, ein wildes Spiel zu treiben. So würden die Schüler erstmal so gut wie nichts bemerken. Die harte Miene war geblieben. Nur ihr Herz? Das schlug wieder.
Tarja Thyrmon

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Die Elegida war am vergangenen Tag nicht aus ihrem Zimmer getreten. Kaum einer hatte sie an diesem Tag zu Gesicht bekommen, für jegliche Anfragen war sie nicht bereit, die Türen zu öffnen. Es war still in dem Zimmer, man konnte unterhalb des Türrahmens lediglich den Schein der Wandkerzen sehen, die ruhig vor sich hinflackerten. Todessstille. Keine Regung auf ein Pochen an die Tür. Und das, obwohl die Elegida ihre Ohren immer gespitzt hatte und jenes sonst immer wahr nahm.

Ihre Aufmerksamkeit am heutigen Tage jedoch lag auf dem verlorenen Kind. Auf ihrem Ehemann, dem einzigen Begleiter an ihrer Seite, dem sie etwas Gefühl entgegenbringen konnte. Stück für Stück kam zumindest die Erinnerung an die Ehe zu ihm zurück, wenngleich der Rest noch immer schwammig hinter ihr lag. Tarja ging im Zimmer auf und ab, beobachtete die Schneeflocken, wie sie vom Himmel fielen und sich auf dem Gras festsetzten. Erst war es eine, dann wurden es immer mehr. So viel mehr, dass letztendlich der ganze Boden weiss wurde. Sie war sich unschlüssig darüber, ob sie einfach nur froh sein sollte, dass er wieder hier war oder ob sie ihm das Herz eigenhändig aus der Brust reißen sollte. Dafür, was er ihr angetan hatte. Dafür, was in dieser Zeit seiner Abwesenheit aus ihr wurde. Ein eiskaltes, unberechenbares Stück. Mensch wäre die falsche Bezeichnung gewesen, denn sie hatte nur noch funktioniert. So gehandelt, wie ihr Verstand ihr gesagt hatte, dass es richtig war. Aber sie wollte ihn in ganzen Stücken an ihrer Seite haben. Sie wollte Antworten auf ihre Fragen. Und die bekam sie auch. Essen und Trinken war gleichgültig, die Magie kannte nach wie vor Mittel und Wege, den Hunger zu lindern und den Durst zu stillen.

Der Ring hatte längst wieder Platz an ihrem Finger gefunden. Auch die Kette lag wieder um ihren Hals, der rubinrote Stein hatte wieder Feuer gefangen und flackerte im Inneren des Kerns vor sich her. Sie schenkte seinen Worten Gehör, versuchte sich zu erinnern. Versuchte, zu verstehen. Ließ sich immer wieder von Gedanken und fallenden Schneeflocken ablenken. Sie betrachtete den Nebel, wie er sich um die Insel windete und diese durch die weiße Schneedecke fast gänzlich verschwinden ließ. Für einen Moment schien es, als wäre sie mit ihren Gedanken weit fort, in einem ganz anderen Land, zu einer anderen Zeit. Sie blinzelte kurz, ehe sie ihm das Gehör wieder schenkte. Wenngleich er sie fragend ansah. Sie lächelte entschuldigend und gab ihm zu verstehen, dass sie überfordert war mit allem. Ja, selbst die Elegida konnte einmal mit etwas überfordert sein.

[img]http://fc05.deviantart.net/fs70/f/2010/036/d/f/Mist_by_arthika.jpg[/img]

Er legte ihr den Mantel um die Schultern und sie verließen klammheimlich die Ordensburg. Auf normalem Wege. „Zeig mir die Spuren meiner Vergangenheit, Lucan.“ Es kostete sie einiges an Mut, mit ihm auf diese Reise zu gehen, um ihre Lücken in ihrer Erinnerung zu schließen. Aber nur so konnte sie wieder vollkommen sein. So konnte sie wieder die Tarja sein, die sie einmal war. Eine Tarja, die nicht an ihrem Verstand zweifeln musste, weil ihre Erinnerung nichts mehr hergab. Der Arm wurde schützend um die zerbrechliche, kleine Gestalt gelegt, die doch mit einem Hieb so leicht zu zerbersten war und dennoch so standhaft war wie die steinernen Mauern der schwarzen Burg.

- „Womit fangen wir an?!“ fragte sie, neugierig wie ein kleines Mädchen, leichtfüssig wie ein solches.
- „Am besten damit, wie du hier her gekommen bist und wie wir uns kennengelernt haben...“, seine Mundwinkel rückten etwas empor.
- „Das könnte interessant werden.“
- „Da könntest du durchaus recht haben, du meine verehrte Elegida.“ Ein übertrieben höfliches Verneigen des Körpers wurde ihr zuteil samt der dazugehörigen Geste der Hand.
- „Du spinnst, zuviel gute Luft tut dir nicht gut.“ kommentierte sie jenes lachend, wie eine frisch verliebte junge Frau und trottete von dannen. Die Zeitreise begann also damit, wie sie zum Orden gekommen war.
Tarja Thyrmon

Beitrag von Tarja Thyrmon »

Den Weg zurück zur Ordensburg musste sie alleine meistern. Es war ein seltsames und doch wunderschön anmutendes Bild, wie sich diese dunkle, zierliche Gestalt durch die schneebedeckten Bäume schlich und feine Fußspuren im Schnee hinterließ, die im nächsten Moment jedoch gleich durch feine Schneeverwehungen wieder verschwunden waren. Leichtfüßig glitt sie durch die Wälder, schlängelte sich von Baum zu Baum. Es war, als würde sich diese schwarze Person der Natur so nahe wie noch nie fühlen. Ein verwirrendes Schauspiel, wenn man wusste, wen man hier vor sich hatte - eine Arkoritherin, eine Schwarzmagierin, eine Todesbringerin. Cordan musste für den Moment noch etwas erledigen. Sie hatten sich auf die Reise durch ihre Vergangenheit gemacht und sie hatte einiges über sich und ihn erfahren. "Ich bin nicht derjenige, der sich davor sträubt, Grenzen zu überschreiten... zu überschreiten... zu überschreiten...!" Die Worte hallten in ihren Gedanken und sie versuchte die einzelnen Bausteine zusammenzusetzen. "Bleib hier ... bitte." Tausend Wortfetzen, die sie in ihren Gedanken hörte und die sie halb wahnsinnig machten. Sie durfte sich nicht zu rasch an zu viel erinnern wollen, ansonsten würden sie ihre Erinnerungen in die Knie zwingen.

Wahrlich, in ihrem Schrank herrschte Unordnung. Sie fand nicht das, was sie finden wollte. Sie hörte die Tür zu ihrem Zimmer quietschen. "Bist du in Aufbruchstimmung?"
Natürlich war sie das nicht. Sie wollte sich für die weitere Geschichte ihres Lebens besonders kleiden. Aber wozu? Ihre Robe schien sie schon eine ganze Weile ihres Lebens begleiten. In einem Kleid wäre sie nicht sie selbst gewesen. Er trat auf sie zu und legte seine Hände um ihre Hüften. Es war nach wie vor ein ungewohntes, fast schon fremdes Gefühl für sie. Und dennoch, irgendwoher kannte sie es doch. Ihre Fragen an Cordan waren gezielt und sie erhielt auf jede Frage eine Antwort. Entweder eine direkte oder einen Tipp, so dass sie sich selbst anstrengen musste. Sie schien wirklich seit ihrem Eintritt in den Orden der Arkorither eine ganz spezielle Persönlichkeit gewesen zu sein. Mit einem gewissen Hang zum Makabren und Merkwürdigen. Als es zur Frage kam, warum sie einiges nicht mehr wusste, hatte sie mit vielem gerechnet, nur nicht mit dieser einen Antwort. "Du warst tot, Tarja..."

Innerlich entglitt ihr in diesem Moment alles. Sie war tot gewesen? Wie konnte das sein? Sie stand doch hier, lebendig. Sie. Tarja Thyrmon. Innerlich drehte sich alles. Drehte und drehte sich, sie hatte Angst, nicht mehr aus diesem Karusell aussteigen zu können. Wie konnte das passieren? Wie? Sie verstand nicht. Aber Cordan war bereit, ihr auch das zu erklären. Er erklärte ihr, dass sie entführt und gefoltert worden war. Dass die einst so starke Magistra des Ordens in einem Moment der Unachtsamkeit wohl Opfer ihres stärksten Feindes wurde. Er hatte sie befreit und nach Hause gebracht, im Keller aufgebahrt und sie nicht gehen lassen. Er hatte ihren Körper bei sich behalten, um die Erinnerung an sie zu haben. Ihre Schläfen schmerzten, es war zu viel für sie. Danielle hätte es vermutlich genießen können, die Elegida in solch einem labilen Zustand zu sehen. Aber das war das Glück der Räumlichkeiten der Elegida. Keiner wagte sich in diese ungefragt vorzudringen. "Komm, wir gehen schlafen..". Sie nickte und zog ihn langsam mit sich ins Bett. "War ich früher anders?" Er schüttelte den Kopf. "Nein, nicht viel anders."

Endlich, nach langem Schweigen hörte sie Schritte. Schritte, die sich ihr und den Räumlichkeiten näherten. Schweigend wurde eine schwere Eisentür aufgeschoben und der grelle Lichteinfall tat ihr in den Augen weh. “Wer seid ihr?“ ertönte ihre raue, angeschlagene Stimme, die förmlich nach Wasser flehte. Aber sie erntete nichts weiter als Schweigen und dem Klirren von Ketten, die ihr um die Gelenke gelegt wurden. Mit einem Ruck wurde sie aufgezogen, die ledernen Fesseln wurden gelöst. Unmittelbar vor ihr stand etwas zu essen und auch etwas zu trinken, aber sie hatte keine Chance daran zu kommen. Wieder hörte sie Schritte. Sie zog an den Ketten, die um ihre Gelenke lagen und erntete dafür den ersten Schlag in ihr Gesicht. Der Hunger und der Durst hatten ihren Körper innerlich schon vertrocknen lassen, als das sie noch etwas an Kraft besaß, um dem Stand zu halten. Ein Schatten schob sich durch die Tür des Verließ und sie sah erneut zu dem Fremden auf. Versuchte, etwas von seinem Gesicht zu erkennen. Aber sie sah nur düstere Schatten. “Du wirst uns die Geheimnisse des Ordens der Arkorither anvertrauen...“ dröhnte die dunkle, männliche Stimme. Tarjas Leib zitterte, sie war nahe daran sich zu übergeben. Im Grunde hatte sie keine Wahl. Würde sie das Geheimnis der Arkorither erzählen würde sie hier überleben, aber anderweitig des Todes sein. Würde sie hier schweigen würde sie den Tod finden. Und darauf hoffen, dass ein edler Prinz auf einem weißen Schimmel vorbei kam konnte sie nicht. Sie selbst hatte die Verbindung zu Lucan gelöst als das er sie retten konnte. Auch wenn man sagte, dass Liebende immer wussten, was mit dem Anderen war. Hatte sie Hoffnung?

In dieser Nacht schlief sie unruhig in ihrem Bett. In ihren Träumen fügte sie die fehlenden Teilchen zu ihrer Geschichte zusammen. So gut, wie es ging. Es schien, als wäre sie in diesen Momenten in ihren Träumen gefangen und nicht einmal eine brennende Burg hätte sie aus diesen entreissen können.

Wie viele Tage es letztendlich immer so fort ging und ihr das Essen sowie das Trinken nur ein paar Fingerbreit von ihr aufgestellt wurden und sie die grausamsten Foltereien über sich ergehen ließ konnte Tarja letzten Endes nicht mehr sagen. Sie war noch nie die Ernährteste gewesen, aber ihr Körper bestand nach etwa fünf bis sieben Tagen nur noch aus Haut und Knochen. Ihren Geist konnte sie kaum noch zum klaren Denken bewegen und sie nahm nur soviel Nahrung und Flüssigkeit zu sich, als das sie sich bei Bewusstsein halten konnte. Ein hervorragender Plan, wenn man sich einen anderen Menschen gefügig machen wollte. Sie selbst hätte es nicht anders gemacht. Sie versuchte immer wieder, all ihre Konzentration zu bündeln, um irgendwie entkommen zu können, aber ihr Körper zeigte ihr recht schnell, dass sie keine Kraft mehr hatte. Keiner der Knochenbrüche in ihren Armen und Beinen, keine der Wunden an ihrer Schläfe, an ihrer Hüfte, über ihre Brust hinweg wurden versorgt. Ihr linkes Auge war nach dem Schlag mit dem Schürhaken des Ofens auch deutlich in Mitleidenschaft gezogen worden und von den restlichen Blessuren ihres Körpers wollte sie gar nicht erst sprechen, selbst wenn sie noch fähig gewesen wäre zu sprechen.

Sie fieberte ihren Träumen nach. Sie wälzte sich unruhig hin und her, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, sie keuchte. Ja, sogar Tränen liefen über ihre Wangen hinab, die auf den Kissen verschwanden. Sie fühlte jeden einzelnen Schmerz erneut, der ihr angetan wurde.

Das kühle Wasser auf ihrer Stirn lies sie aufwachen. Sie blinzelte kurz mit dem rechten Auge und sah schwaches Licht von Kerzen. Sie blinzelte ein paar Mal und versuchte ihren Blick zu klären und erhaschte einen Blick auf lange, blaue Haarsträhnen. Sie wollte ihren Arm heben, was aber beim Versuch scheiterte. Sie blickte an sich herab und sah die vielen Bandagen, blutige Bandagen, die um ihren Körper gelegt waren.

Sie schreckte auf. Hier war ihr Traum also zuende. Sie wischte den Schweiß von ihrer Stirn und versuchte sich zu orientieren. Cordan schlief ruhig neben ihr. Sie strich mit der flachen Hand abermals über ihr Gesicht und schüttelte sich. Sie verstand langsam, wie und warum sie zu dem geworden wurde, was sie nun war. Sie hatte Teile von sich selbst verloren, die sie gerade wieder gefunden hatte. Und nun saß sie hier - wach. Und die Welt brach über ihr zusammen.
Tarja Thyrmon

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Sie hatte sichtliche Mühe, sich zu beherrschen. Manchmal wusste sie nicht, ob sie es nicht doch verfluchen sollte, dass Cordan wieder zurückgekehrt war. Sie hatte mit ihrer starken, unannahbaren Art und Weise so gut leben können. Und jetzt? Jetzt stand sie mit leeren Händen vor ihrem halb ruinierten Leben und hatte keinerlei Ahnung, wie sie weitermachen sollte.

Jeder Ton, jeder Atemzug, jeder Herzschlag, der allein von ihren Schülern ausging, machten ihr das Leben gerade zur Hölle. Am liebsten würde sie sich zurückziehen, einsperren. Aber sie musste sich zusammenreißen. Und das sollte ihr auch gelingen.

Die Worte, die über ihre Lippen kamen, klangen wie die, die sie immer zu sagen hatte. Sie war geübt in den Konzepten, konnte sie im Schlaf erklären. Es war ein einfaches, dem Schüler die Informationen zu geben, die er über die Elemente benötigte. Fragen konnte sie ebenfalls aus dem FF beantworten. Selbst, wenn es sie vielleicht einiges an Konzentration kosstete, dass sie ihre Hülle vor dem Schülern nicht fallen ließ, sie schaffte es.

Nachdem der Unterricht vorbei war, eilte sie auf ihre Räumlichkeiten zurück. Sie würde die Kraft sparen, die Wut steigern lassen.. und der nächste Tag würde ihr als Ventil dienen.
Tarja Thyrmon

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Hatte sich mal jemand gefragt, welches Los sie gezogen hatte? Konnte jemand nachvollziehen, was mit der so starken jungen Frau passieren konnte, wenn man ihr von dem erzählt, was nicht auszudenken war?

Sie saß an ihrem Schreibtisch, an dem sie so oft saß und Schreiben beantwortete, Lehren vorantrieb und finstere Pläne ausheckte. Es war Nacht, tief in der Nacht und eigentlich sollte sie schlafen. Die Gedanken jedoch hielten sie wach. „Was ist nur aus dir geworden, Tarja Thyrmon?“, flüsterte sie leise, während sie in einem Buch blätterte. Ganz gegensätzlich zu dem, was man von ihr erwartete, nämlich in einem Lehrbuch zu stöbern, saß sie über privaten Aufzeichnungen, die sie in den tiefen Weiten ihres Schrankes gefunden hatte. Die blassen, dürren Finger strichen über die Seiten, die vollgeschriebenen Seiten und sie blätterte um. Das alles hatte sie geschrieben? Ihr Blick wanderte über die Schultern zurück zum Bett. Sie hatte ihn wirklich aus tiefstem Herzen geliebt. Mehr als alles andere auf dieser Welt. Eine Weile sah sie sich ihn an, wie er dort schlief. So hilflos und jeder Zeit bereit zu sterben. Es wäre nur ein Handwink gewesen und er hätte tot sein können. Er setzte sich dieser Gefahr willenlos aus ohne Rücksicht auf Verluste. Warum? Weil er bei ihr sein wollte. Er war zurückgekommen zu ihr, um ihr nah zu sein. Um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Sie ließ von ihm ab und schloss das Buch. Stattdessen tasteten ihre Finger über den Einband. Ledern war er mit eingebrannten Buchstaben. Was war aus ihr geworden? Wie konnte sie zu dem werden, was sie war? Und, war sie tatsächlich so schlimm, wie sie annahm?

Als sie an den Orden gekommen war, bekam sie nichts weiter zu spüren außer Hohn und Spott. Lanaya von Shevanor hatte es bestens verstanden, ihre Laune an der Schülerin auszulassen, ganz gleich, wie sehr sie sich angestrengt hatte. War es eine Falte in ihrer Robe, die der Höchstgelehrten nicht gepasst hatte, so musste sie den Boden wischen. Solange, bis ihre Hände blutig waren. Dann konnte sie sich aber noch glücklich schätzen. Denn das war eine der leichteren Aufgaben gewesen. Aber der Schülerin war es egal gewesen. Sie hatte es von Zuhause nie anders erlebt. Ein Zuhause, welches ein anderes Kind sich niemals als zuhause gewünscht hätte. Liebe und Zuneigung gab es dort nicht. Vielmehr purer Hass, Wut, Enttäuschung, Verletzungen und den Tod. Alles, was mit Gefühlen zu tun hatte, endete letztendlich immer in einer Enttäuschung. Aber war es tatsächlich so? Ihr Blick fiel wieder über die Schulter zurück, die schwarzen, hüftlangen Haare rutschten über ihre Schulter zurück auf den Rücken. War es tatsächlich so gewesen, dass Gefühle immer mit der Enttäuschung Hand in Hand gingen?
Die Leere in ihre Augen kehrte zurück, als sie über ihre Vergangenheit nachdachte. Sie war noch immer lückenhaft und es war noch viel schlimmer für sie, dass sie nun wusste, sie war tot. Was genau war geschehen? Wer hatte es geschafft, sie in die Knie zu zwingen? War mit ihrem Tod sämtliches Leben, sämtliches Gefühl aus ihr gewichen? Sie schloss die Augen. Sie verbarg ihr Innerstes vor dem grausamen Leben außen. Sie spürte ihre Adern, jeden einzelne Vene und das Blut, welches von ihrem Herzen hindurch gepumpt wurde. Sie hatte also tatsächlich noch eines, auch wenn es irgendwo zwischen all den Erfahrungen verschwunden war. Sich versteckt hielt hinter einer hohen, steinernen und unüberwindbaren Mauer.

Sie erinnerte sich an ein Leben, welches aus zwei Gesichtern bestand. Einmal diese unabdingbare Liebe, die sie zu ihm empfand. Auf der anderen Seite eine kaltblütige Arkoritherin, die sehr wohl Grenzen überschritt. Grenzen, die sie sich selbst auferlegt hatte. Aber lohnte es sich wirklich, Grenzen weiter zu überschreiten? Sie versuchte bestmögliches, um den Schülern von Anfang an beizubringen, was es bedeutete, ein solches Leben zu führen. Aber wollte sie die Schüler für das sühnen lassen, was sie selbst erleben musste? War es nicht die Entscheidung jedes einzelnen, von was sie sich leiten lassen wollten? Nein, das war nicht möglich. Sie musste doch dafür sorgen, dass sie überlebten. Das aus ihnen stolze Magier wurden, die mit diesem Stolz in den Augen in den Krieg zogen. Die sich nicht von Herzschmerz und Kummer leiten lassen würden und verweichlichen würden, nur weil es einen Mann oder eine Frau gab, der oder die sich des Herzens des Magiers mächtig gemacht hatte. Sie wollte doch nur verhindern, dass sich die Trauer über ihre Herzen schlich. Und sie so verkümmern ließen.

Und sie selbst? Dachte Tarja einmal an sich selbst? Nein, sie hatte mittlerweile verlernt, an sich zu denken. Hinter ihr lag ein Mann in ihrem Bett. Ein mächtiger Mann, den sie offensichtlich einmal mehr geliebt hatte als ihr eigenes Leben und zu dem es allem Anschein nach eine tiefere Verbindung gab als nur ein Bettgefährte zu sein.

„Und ich, ich bin verzweifelt für Dich. Und ich, ich bin verloren ohne Dich.“
Sie spürte, wie an jeder Seite ihrerselbst gezogen wurde. Die eine Seite sagte ihr, sie müsse so sein, wie man es erwartete: Hart, herzlos, kühl, unberechenbar, unbarmherzig und grausam. Sie wusste, dass sich dieses Bild von ihr in den Köpfen fast aller Arkorither eingeprägt hatte. Sie selbst hatte dieses Bild erschaffen. Ein Schutz vor sich selbst und vor allem davor, angreifbar zu werden. Die andere Seite war eine ganz andere: Eine zerbrechliche Frau, herzensgut, bestimmt, siegessicher und tapfer, verletzlich, gebrechlich und schwach. Es war schwierig für sie, über ihren eigenen Schatten zu springen. Sie veränderte sich, das spürte sie deutlich. Sie wurde wieder mehr zu dem Menschen, der sie einst gewesen war. Sie spürte die Sehnsucht wieder in sich und den Drang danach, einen Menschen dauerhaft an ihrer Seite zu haben. Wieder sah sie ihm entgegen. Doch diesmal blieb sie nicht auf ihrem Stuhl sitzen, sondern erhob sich. Der innere Kampf würde vermutlich nie enden, aber sie war dabei zu kapitulieren. Kapitulieren vor dem, was sich Gefühle nannten. Sie ließ jene wieder zu, ließ ihr Herz von dem Feind einnehmen, der sich Gefühl taufte. Und sie lächelte. Aus tiefstem Herzen. Sie war verloren gewesen ohne ihn, wohl wahr. Das schwarze, hauchdünne Kleid umschloss ihren Körper wie eine zweite Haut, als sie sich auf die Bettkante setzte. Einige der Haarsträhnen, die sich in seinem Gesicht verirrt hatten, strich sie ihm aus diesem. Er lag vor ihr, so unschuldig und rein. Ein liebliches Geschöpf und so einzigartig wie ein jeder, der sich in dieser Burg befand. Sie schloss ihre Augen und lauschte seinem Herzschlag, wie er regelmäßig pochte. Ja, sie glaubte wirklich, dass sie diesen Menschen liebte. Die rinnenden Tränen über ihre Wangen ließen sie beben, erwachen, zurückkehren aus diesem Albtraum. Sie war zurück. Zurückgekommen aus dem Reich des Todes und auch das letzte Stück Tarja sollte zu ihr zurückfinden. Irgendwann – und am besten so bald wie möglich.
Zuletzt geändert von Tarja Thyrmon am Samstag 11. Dezember 2010, 21:19, insgesamt 1-mal geändert.
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