Frühlingserwachen...
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Hanna Radenbruck
Frühlingserwachen...
Im Mondlicht flatterten die alten Blätter wie silbrige Pappelstücke herab und segelten sanft auf den bleichen Boden der Lichtung. In eine milchige Mischung aus Elfenbeintönen und Mitternachtslilablau wurde das Gras getaucht und in der Mitte stand auf einem erdigen Hügel eine gekrümmte Blume. Die Knospen waren längst vertrocknet und wie verdrehte und wie verkrampfte Finger bogen sich die verstrebten Zweiglein.
Sie, die Blume im Zentrum der Lichtung, war Blickfang, vom Schein des Silbermonds geküsst und regelrecht dem Auge dargeboten und dennoch war sie es auch, die den Zauber des uralten Orts brach und innerhalb des mystischen Flecks eine traurige Kälte ob der zerstörten Blüte mit sich brachte. Dennoch, dennoch schien sie einst dem kleinen Raum im Walde erst die ureigene Magie geschenkt zu haben und so zog sie den Blick der jungen Frau unweigerlich an...
... wieder die Lichtung, wieder der Nebel, doch diesmal beseelte die Furcht Hannas Herz nicht und mit einer seltsamen, inneren Ruhe, die die Brust wärmte und die Bewegungen beinahe besinnlich machte, schritt sie langsam weiter in das Mondlicht hinein, der bizarren Pflanze entgegen.
In einem regelrecht aberwitzigen Moment bemerkte sie, dass der Bodennebel wieder aufzusteigen begann, wie in ihrem letzten Traum, und dass sie barfuß durch jenen glitt. Er fühlte sich angenehm kühl an, doch ansonsten fror sie nicht und die pulsierende Sicherheit tief in ihr verriet wieder einmal, dass der alte Funke heller als zuvor in ihr loderte. Die wenigen Gespräche mit jenen Frauen, die ihr so fremd und doch vertraut waren, hatten ihn genährt, gestärkt und nun war es wohl an ihr sich einzugestehen, dass der neue Pfad der rechte war.
Ja, noch beschritt sie ihn zögernd und schüchtern, fühlte den frischen Erdboden weich und warm an den Zehenspitzen und doch war es ihr Weg.
Der Alptraum hatte sich wie eine alte Nussschale gelöst und brachte ihr nunmehr deutlich die süße Frucht: den klaren, luziden Traum.
Jener war gut, war richtig, doch so deutlich, dass alle Sinne zu erblühen schienen und sie alles, vom zarten Luftschleierhauch an den Beinen, bis hin zum würzigen Duft der aufgeschütteten Erde um die Pflanze herum, alles aufnahm und im Herzen behalten wollte.
Als sie nur noch einen kleinen Schritt von der Pflanze entfernt stand, überkam sie das ungalubliche Sehnen, ja Verlangen, jene zu berühren und zittrig hob sie ihre Hand, die unwirklich blass und fein im Licht des Mondes wirkte, um mit den Fingerspitzen die welken Blätter zu berühren. Für einen Lidschlag fürchtet sie, dass die Knospe unter dem Druck der Finger, wie sanft auch immer jener sein möge, zerbröseln würde, doch hielt jene stand und irritiert registrierte Hanna, dass sie nicht tot war. Weich und geschmeidig fühlten sich die Blättchen an, eine lebendige Spannung drückte sich aus den feinen Ranken ihr entgegen. Sie schlief, versteckte sich vor dem Mondlicht, fürchtete sich und verkroch sich krümmend... eine Rührung regte Hannas Herz und auch die Lippen.
"Wach auf, es ist Zeit. Hab keine Angst, du bist nicht alleine... ich verspreche es dir."
Noch während sie die Worte geflüstert hatte, wusste sie dass es die Wahrheit, die reine und vollkommene Wahrheit, war.
So zuckte sie auch nicht zurück, als sich die Knospe da streckte und durch die feinen Fasern der Pflanze leuchtende, tiefblaue Adern erstreckten. Mit junger Kraft pulsierte der Hauch des Lebens und der Magie durch das dörre Pflänzchen und vollführte die wunderschöne Wandlung. Aufatmend und lebend öffneten sich da auch die Blätter und entfalteten sich blühend und strahlend in Hannas Händen. Übermannt vom Erlebnis begann die junge Frau zu weinen und ließ es still zu, dass ihr die Tränen über die Wangen rannen.
Diesmal zuckte sie auch nicht, als die tiefe Stimme aus dem alten Traume volltönend erklang und eine helle Gestalt sich aus dem Schatten des Waldes langsam zu ihr aufmachte.
"Begreifst du endlich, mein Kind... es ist Zeit zu erwachen."
Sie wusste, dass er nicht mehr die grässlich verdrehte Gestalt des eigens gesponnenem Alptraum ihrer Kinderängste trug und so wagte sie den Blick auf ihn zu lenken und spürte wie sich ein ergriffener Seufzer aus der Brust löste. Sein Gesicht vermittelte Weisheit und Güte, doch hatten sich auch unsägliche Trauer und die Milde einer schlummernden Macht in seine endlosen Züge gemalt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und es galt nur ihr.
"Wage es, meine Tochter..."
"Vater...", ihr Flüstern.
Da hob er die Hand und seine Fingerspitzen berührten, ähnlich sanft wie die ihren noch gerade am Blütenkelch, ihre Stirn, als wolle er eine uralte, segnende Geste vollführen. Der Funke in ihr knisterte laut und die warme, sowie kühle Berührung zugleich ließ ihre Sinne schwinden.
"Wach auf, Hanna, wach auf..."
Und so öffnete sie die Augen, um sich blinzelnd umzusehen...
Sie, die Blume im Zentrum der Lichtung, war Blickfang, vom Schein des Silbermonds geküsst und regelrecht dem Auge dargeboten und dennoch war sie es auch, die den Zauber des uralten Orts brach und innerhalb des mystischen Flecks eine traurige Kälte ob der zerstörten Blüte mit sich brachte. Dennoch, dennoch schien sie einst dem kleinen Raum im Walde erst die ureigene Magie geschenkt zu haben und so zog sie den Blick der jungen Frau unweigerlich an...
... wieder die Lichtung, wieder der Nebel, doch diesmal beseelte die Furcht Hannas Herz nicht und mit einer seltsamen, inneren Ruhe, die die Brust wärmte und die Bewegungen beinahe besinnlich machte, schritt sie langsam weiter in das Mondlicht hinein, der bizarren Pflanze entgegen.
In einem regelrecht aberwitzigen Moment bemerkte sie, dass der Bodennebel wieder aufzusteigen begann, wie in ihrem letzten Traum, und dass sie barfuß durch jenen glitt. Er fühlte sich angenehm kühl an, doch ansonsten fror sie nicht und die pulsierende Sicherheit tief in ihr verriet wieder einmal, dass der alte Funke heller als zuvor in ihr loderte. Die wenigen Gespräche mit jenen Frauen, die ihr so fremd und doch vertraut waren, hatten ihn genährt, gestärkt und nun war es wohl an ihr sich einzugestehen, dass der neue Pfad der rechte war.
Ja, noch beschritt sie ihn zögernd und schüchtern, fühlte den frischen Erdboden weich und warm an den Zehenspitzen und doch war es ihr Weg.
Der Alptraum hatte sich wie eine alte Nussschale gelöst und brachte ihr nunmehr deutlich die süße Frucht: den klaren, luziden Traum.
Jener war gut, war richtig, doch so deutlich, dass alle Sinne zu erblühen schienen und sie alles, vom zarten Luftschleierhauch an den Beinen, bis hin zum würzigen Duft der aufgeschütteten Erde um die Pflanze herum, alles aufnahm und im Herzen behalten wollte.
Als sie nur noch einen kleinen Schritt von der Pflanze entfernt stand, überkam sie das ungalubliche Sehnen, ja Verlangen, jene zu berühren und zittrig hob sie ihre Hand, die unwirklich blass und fein im Licht des Mondes wirkte, um mit den Fingerspitzen die welken Blätter zu berühren. Für einen Lidschlag fürchtet sie, dass die Knospe unter dem Druck der Finger, wie sanft auch immer jener sein möge, zerbröseln würde, doch hielt jene stand und irritiert registrierte Hanna, dass sie nicht tot war. Weich und geschmeidig fühlten sich die Blättchen an, eine lebendige Spannung drückte sich aus den feinen Ranken ihr entgegen. Sie schlief, versteckte sich vor dem Mondlicht, fürchtete sich und verkroch sich krümmend... eine Rührung regte Hannas Herz und auch die Lippen.
"Wach auf, es ist Zeit. Hab keine Angst, du bist nicht alleine... ich verspreche es dir."
Noch während sie die Worte geflüstert hatte, wusste sie dass es die Wahrheit, die reine und vollkommene Wahrheit, war.
So zuckte sie auch nicht zurück, als sich die Knospe da streckte und durch die feinen Fasern der Pflanze leuchtende, tiefblaue Adern erstreckten. Mit junger Kraft pulsierte der Hauch des Lebens und der Magie durch das dörre Pflänzchen und vollführte die wunderschöne Wandlung. Aufatmend und lebend öffneten sich da auch die Blätter und entfalteten sich blühend und strahlend in Hannas Händen. Übermannt vom Erlebnis begann die junge Frau zu weinen und ließ es still zu, dass ihr die Tränen über die Wangen rannen.
Diesmal zuckte sie auch nicht, als die tiefe Stimme aus dem alten Traume volltönend erklang und eine helle Gestalt sich aus dem Schatten des Waldes langsam zu ihr aufmachte.
"Begreifst du endlich, mein Kind... es ist Zeit zu erwachen."
Sie wusste, dass er nicht mehr die grässlich verdrehte Gestalt des eigens gesponnenem Alptraum ihrer Kinderängste trug und so wagte sie den Blick auf ihn zu lenken und spürte wie sich ein ergriffener Seufzer aus der Brust löste. Sein Gesicht vermittelte Weisheit und Güte, doch hatten sich auch unsägliche Trauer und die Milde einer schlummernden Macht in seine endlosen Züge gemalt. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und es galt nur ihr.
"Wage es, meine Tochter..."
"Vater...", ihr Flüstern.
Da hob er die Hand und seine Fingerspitzen berührten, ähnlich sanft wie die ihren noch gerade am Blütenkelch, ihre Stirn, als wolle er eine uralte, segnende Geste vollführen. Der Funke in ihr knisterte laut und die warme, sowie kühle Berührung zugleich ließ ihre Sinne schwinden.
"Wach auf, Hanna, wach auf..."
Und so öffnete sie die Augen, um sich blinzelnd umzusehen...
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Hanna Radenbruck
Siehst du das Lied, Hanna?
Ja, im Lied leben alle Farben in einem ewigen Spektrum, Myriaden an flirrenden Facetten und spiegelnden Lichtern, Intensivität und blasser Hauch. Alle Farben und Formen wabern im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und somit in stetiger Veränderung.
Es treibt mir Tränen der Rührung in die Augen.
Hörst du das Lied, Hanna?
Ja, flatternd wie der Flügelschlag eines Schmetterlings überlappen sich die Melodien in heller Extase. Mal nur Geräusch, dann Tonfolge. Altbekannte Lieder, deren Klang in meinem Herzen mitsingt, Neues und Unbekanntes.
Alle Klänge und Melodien tönen im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und somit schafft es immer neu.
Es haucht mir Küsse des Erwachens an die Ohren.
Riechst du das Lied, Hanna?
Ja, frisch und belebend, modrig und ermüdend. Reich an Gewürzen aller nur erdenklichen Art, intensiv und doch nur ein milder Duft. Die Gerüche der Kindheit vermischt mit dem Bukett der lockenden Zukunft.
Alle Düfte und Gerüche liegen im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und bleibt nicht gleich.
Es lässt mich den Rausch des Lebens atmen.
Schmeckst du das Lied, Hanna?
Ja, süße Erfrischung und herzhafte Nahrung. Es prickelt auf der Zungenspitze und jeder Bissen treibt Frohmut in Adern und Herz. Labend, erquickend, sättigend und doch kann man nicht genug von der lieblichen Süße, dem kitzelnden Salz, der belebenden Schärfe und der bittersauren Besinnung bekommen.
Alle Geschmacksrichtungen und Gewürze bereichern das Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und sieht morgen schon wieder anders aus.
Es nährt mein Herz mit Weisheit.
Spürst du das Lied, Hanna?
Ja, sanfte Berührung und fester Griff. Es streicht mir über den Kopf, spielt, wie der Wind, mit meinem Haar, nur um mich doch im selben Moment voller Kraft gänzlich mit sich zu reissen. Ich lasse mich treiben, fühle seinen Ruf und die Resonanz in meiner Brust.
Alle Arten des Kontakts und der Berührung beben im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und verändert seinen Druck ewig.
Es malt mir eine Gänsehaut der Extase auf die Arme.
Verstehst du das Lied, Hanna?
Ja... und nein, denn es liegt hinter dem, was unsere Sinne begreifen können. Es wohnt im verspielten Charme des Windes, in der temperamentvollen Leidenschaft des Feuers, in der stillen Weisheit des Wassers, in der sicheren Geborgenheit der Erde und allen voran in Liebe und Leben. Es ist stets um uns und doch vergessen wir die Sinne dafür zu schärfen - es ist der sechste Teil, es macht uns zu dem, was wir sind:
Vollkommen für wenige Lidschläge, bis es zu verändern und zu wandeln gilt.
Ja, im Lied leben alle Farben in einem ewigen Spektrum, Myriaden an flirrenden Facetten und spiegelnden Lichtern, Intensivität und blasser Hauch. Alle Farben und Formen wabern im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und somit in stetiger Veränderung.
Es treibt mir Tränen der Rührung in die Augen.
Hörst du das Lied, Hanna?
Ja, flatternd wie der Flügelschlag eines Schmetterlings überlappen sich die Melodien in heller Extase. Mal nur Geräusch, dann Tonfolge. Altbekannte Lieder, deren Klang in meinem Herzen mitsingt, Neues und Unbekanntes.
Alle Klänge und Melodien tönen im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und somit schafft es immer neu.
Es haucht mir Küsse des Erwachens an die Ohren.
Riechst du das Lied, Hanna?
Ja, frisch und belebend, modrig und ermüdend. Reich an Gewürzen aller nur erdenklichen Art, intensiv und doch nur ein milder Duft. Die Gerüche der Kindheit vermischt mit dem Bukett der lockenden Zukunft.
Alle Düfte und Gerüche liegen im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und bleibt nicht gleich.
Es lässt mich den Rausch des Lebens atmen.
Schmeckst du das Lied, Hanna?
Ja, süße Erfrischung und herzhafte Nahrung. Es prickelt auf der Zungenspitze und jeder Bissen treibt Frohmut in Adern und Herz. Labend, erquickend, sättigend und doch kann man nicht genug von der lieblichen Süße, dem kitzelnden Salz, der belebenden Schärfe und der bittersauren Besinnung bekommen.
Alle Geschmacksrichtungen und Gewürze bereichern das Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und sieht morgen schon wieder anders aus.
Es nährt mein Herz mit Weisheit.
Spürst du das Lied, Hanna?
Ja, sanfte Berührung und fester Griff. Es streicht mir über den Kopf, spielt, wie der Wind, mit meinem Haar, nur um mich doch im selben Moment voller Kraft gänzlich mit sich zu reissen. Ich lasse mich treiben, fühle seinen Ruf und die Resonanz in meiner Brust.
Alle Arten des Kontakts und der Berührung beben im Lied, alle und keine - denn es ist das Lied und verändert seinen Druck ewig.
Es malt mir eine Gänsehaut der Extase auf die Arme.
Verstehst du das Lied, Hanna?
Ja... und nein, denn es liegt hinter dem, was unsere Sinne begreifen können. Es wohnt im verspielten Charme des Windes, in der temperamentvollen Leidenschaft des Feuers, in der stillen Weisheit des Wassers, in der sicheren Geborgenheit der Erde und allen voran in Liebe und Leben. Es ist stets um uns und doch vergessen wir die Sinne dafür zu schärfen - es ist der sechste Teil, es macht uns zu dem, was wir sind:
Vollkommen für wenige Lidschläge, bis es zu verändern und zu wandeln gilt.
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Samstag 12. März 2011, 01:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
Als sie erwachte, standen die fahlen Strahlen der Wintersonne schon so hoch und wirkten beinahe so kristallklar wie das Wasser einer Gebirgsquelle, dass sie sich zumindest nicht lange fragen musste, wie spät es war. Es ging auf die Mittagsstunden zu.
Präsenter hingegen dröhnte die Frage nach ihrem Verbleib, denn „wo“ sie sich gerade befand, konnte sie im ersten Moment beim besten Willen nicht sagen. Flackernd und noch reichlich fahrig glitt ihr Blick umher, als sie realisierte, dass sie keineswegs im heimischen Bett, sondern auf einem Berg aus Fellen und feinen Kissen ruhte. Mit ungelenken Bewegungen, die zugleich den schmerzlichen Kater in den Muskeln weckten, versuchte sie sich aufzusetzen und betrachtete die Umgebung mit aufkeimender Unruhe und dem ersten Auflodern der kalten Angst, welche in so manchen Situationen ihr in der Brust und dem Nacken gesessen war. Diesmal allerdings ebbte jene schon mit dem nächsten Lidschlag ab, denn sie erkannte nicht nur ihre Umgebung, das Gemeinschaftshaus der Schwesternschaft, es kamen auch die Erinnerungen an den letzten Abend nach und nach zurück und lösten somit zumindest das Rätsel um den Grund ihrer unfreiwilligen Übernachtung.
Ja, sie hatte noch gemerkt, wie sie aufgrund der Erschöpfung in sich zusammengesunken und gegen Hamingja gesunken war. Undeutlich entsann sie sich daran, dass sie deren auffangenden, kräftigen Arme gespürt hatte, ehe alles im farblosen Schwarz versunken war. Wie es so oft mit der Ironie des Schicksals war, wurde ihr auch kurz vor der Ohnmacht endlich bewusst, was sie falsch gemacht hatte und warum nun nur sie so kraftlos, wie eine Marionette mit zerschnittenen Fäden, in sich gesunken war.
„Hanna, du dummes Huhn!“, schalt sie sich geistig selbst. „Du hättest längst deine Verbindung zum Lied schwächen können und sollen. Kieselbruch und Donnergrollen, hast du sonst irgendjemanden bemerkt, der so angestrengt im Lied gelauert hat? Nein, sie haben sich alle wieder auf das hier und jetzt konzentriert und die Worte des Kessels... Kesselwesen... ach des jungalten Etwas gedeutet.“
Richtig, das hatte sie auch versucht, doch ohne sich wieder aus dem prächtigen Rausch des Liedes zu lösen und so hatte sie den Spagat zwischen zweier Sichten etwas zu lange ausgekostet. Dummes dummes Hannerl.
Vielleicht war es aber auch nur ein unbewusster Schutz gewesen, denn die Angst hatte ihre Seele nach und nach ergriffen und sie grausam gedrückt und gequetscht, als wolle sie jene wie frischen Ton verformen. Sie hatten also mit ihrer letzten, unguten Ahnung Recht behalten:
Der Seelenfresser persönlich oder aber einer seiner Lakaien spielte in dem Spiel eine unheilvolle Partie mit und zog sogar an den Fäden des Vulkangeists wie an denen einer Holzpuppe. Wie waren doch ihre eigenen Worte gewesen?
„Nicht der Geist ist's... sondern der hinter dem Pakt.“
Ja, der Fädenzieher, Raddreher, Schachspieler hinter der Maske und für Hanna schien die ganze Angelegenheit mit dieser Erkenntnis plötzlich unfassbar groß. Panik überkam sie, wenn sie nur daran dachte, war sie doch vor wenigen Wochenläufen nicht mehr als ein flüchtiges, wenngleich ungewöhnlich gut gebildetes, Bauernmädchen, welches der Ehe mit einem angesehenen, reichen Müllscherssohne entronnen war. Jetzt stand sie vor weltbewegenden Ereignissen und hatte einen Blick auf das Rad des Schicksal bekommen, welcher die Druiden, die Thyren, ihre Schwestern – achwas, im Grunde alle Menschen überhaupt beinahe zum Handeln nötigte.
Doch was wurde erwartet?
Was konnte sie denn schon tun?
Wer war sie... Hanna Elise Radenbruck?
Ein Nichts, ein Niemand eine untergehendes Stimmchen, welches nicht wusste, wie es gegen den Sog des Schicksalsrads anschreien konnte.
Mit matter Verzweiflung fiel sie wieder rückwärts in die weichen Felle, als der stützende Arm zittrig nachgab. Selbst die angenehme Kühle des Seidenkissens im Nacken half nicht, um die glühende, schmerzende Panik, die jene hoffnungslose Unsicherheit weckte. Als sie merkte, dass sie sich nur unruhig hin und her warf, erhob sie sich und ging auf wackeligen Beinen die Treppen herab in jenen seltsamen und wunderschönen Raum, der zugleich Versammlungsstätte, Grundmauer und Garten war. Sie spürte das feine Gras unter den nackten Füßen und die Wärme des Hains im Westen und staunte wieder einmal innerlich, da sie genau wusste, dass fernab der Haustüre, im Osten, frischer Schnee und eine Kälte lagen, die den Hain der Schwesternschaft nie berühren würden. Er blühte und grünte immerdar...
Es war eine Eingebung der Mutter, vermochte doch der Gedanke an jene Wärme alleine die Sorgen, zumindest für einige Augenblicke, wie ein frischer, kräftiger Wind fortblasen. Diese innere Brise trug dafür eine Erkenntnis mit sich, die wohler tat, als ein sanfter Sommerregen auf erhitzter Haut:
Sie war nicht alleine!
Niemand erwartete von ihr, dass sie das Schicksalsrad drehte, dass sie unisono gegen den Sog brüllte und als einzelnes Wesen gegen den Strom schwamm. Mit ihr waren allein am gestrigen Abend die Schwestern, die Druiden und auch die stolzen Thyren in jenem Steinkreis gestanden und sie selbst war nur eine der vielen Stimmen gewesen und noch dazu eine Stimme, die gelenkt und gestützt wurde von den Bäumen um sie herum, dem Moos unter den Füßen, dem fruchtbaren Erdboden... Erde. Ein weiteres Mal hörte sie sich leise den Spruch des vergangenen Abends sprechen und wieder kamen die Worte nicht alleine von ihr:
Erde, mein Stand du bist, ein stetig Beben
gleich des Herzen vollkommen' Klopfen
entsprigst dem Grund und küsst mit Leben
empfängst der Süße hauchend Tropfen
aufdass erneut der Mutter Schoß entspringt
das Lied, das auf ewig singt und in uns klingt.
Damit der Ruf gelingen werde,
bitte ich... du mein Leben, oh Erde.
Ergriffen atmete sie flattrig auf und blickte sich suchend im Gemeinschaftsraum um.
Der Duft von Mädesüß, Kamillenblüten und Nanaminze war nach und nach an ihre feine Nase gedrungen und lockte mit der Aussicht auf zarte Erholung.
Man hatte an sie gedacht und ein hübsch verzierter, einzelner Tonbecher stand auffordernd neben dem schwach köchelnden Teekessel. Ein Lächeln hob Hannas Mundwinkel...ja, sie war nicht alleine!
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Quest1.jpg[/img]
Präsenter hingegen dröhnte die Frage nach ihrem Verbleib, denn „wo“ sie sich gerade befand, konnte sie im ersten Moment beim besten Willen nicht sagen. Flackernd und noch reichlich fahrig glitt ihr Blick umher, als sie realisierte, dass sie keineswegs im heimischen Bett, sondern auf einem Berg aus Fellen und feinen Kissen ruhte. Mit ungelenken Bewegungen, die zugleich den schmerzlichen Kater in den Muskeln weckten, versuchte sie sich aufzusetzen und betrachtete die Umgebung mit aufkeimender Unruhe und dem ersten Auflodern der kalten Angst, welche in so manchen Situationen ihr in der Brust und dem Nacken gesessen war. Diesmal allerdings ebbte jene schon mit dem nächsten Lidschlag ab, denn sie erkannte nicht nur ihre Umgebung, das Gemeinschaftshaus der Schwesternschaft, es kamen auch die Erinnerungen an den letzten Abend nach und nach zurück und lösten somit zumindest das Rätsel um den Grund ihrer unfreiwilligen Übernachtung.
Ja, sie hatte noch gemerkt, wie sie aufgrund der Erschöpfung in sich zusammengesunken und gegen Hamingja gesunken war. Undeutlich entsann sie sich daran, dass sie deren auffangenden, kräftigen Arme gespürt hatte, ehe alles im farblosen Schwarz versunken war. Wie es so oft mit der Ironie des Schicksals war, wurde ihr auch kurz vor der Ohnmacht endlich bewusst, was sie falsch gemacht hatte und warum nun nur sie so kraftlos, wie eine Marionette mit zerschnittenen Fäden, in sich gesunken war.
„Hanna, du dummes Huhn!“, schalt sie sich geistig selbst. „Du hättest längst deine Verbindung zum Lied schwächen können und sollen. Kieselbruch und Donnergrollen, hast du sonst irgendjemanden bemerkt, der so angestrengt im Lied gelauert hat? Nein, sie haben sich alle wieder auf das hier und jetzt konzentriert und die Worte des Kessels... Kesselwesen... ach des jungalten Etwas gedeutet.“
Richtig, das hatte sie auch versucht, doch ohne sich wieder aus dem prächtigen Rausch des Liedes zu lösen und so hatte sie den Spagat zwischen zweier Sichten etwas zu lange ausgekostet. Dummes dummes Hannerl.
Vielleicht war es aber auch nur ein unbewusster Schutz gewesen, denn die Angst hatte ihre Seele nach und nach ergriffen und sie grausam gedrückt und gequetscht, als wolle sie jene wie frischen Ton verformen. Sie hatten also mit ihrer letzten, unguten Ahnung Recht behalten:
Der Seelenfresser persönlich oder aber einer seiner Lakaien spielte in dem Spiel eine unheilvolle Partie mit und zog sogar an den Fäden des Vulkangeists wie an denen einer Holzpuppe. Wie waren doch ihre eigenen Worte gewesen?
„Nicht der Geist ist's... sondern der hinter dem Pakt.“
Ja, der Fädenzieher, Raddreher, Schachspieler hinter der Maske und für Hanna schien die ganze Angelegenheit mit dieser Erkenntnis plötzlich unfassbar groß. Panik überkam sie, wenn sie nur daran dachte, war sie doch vor wenigen Wochenläufen nicht mehr als ein flüchtiges, wenngleich ungewöhnlich gut gebildetes, Bauernmädchen, welches der Ehe mit einem angesehenen, reichen Müllscherssohne entronnen war. Jetzt stand sie vor weltbewegenden Ereignissen und hatte einen Blick auf das Rad des Schicksal bekommen, welcher die Druiden, die Thyren, ihre Schwestern – achwas, im Grunde alle Menschen überhaupt beinahe zum Handeln nötigte.
Doch was wurde erwartet?
Was konnte sie denn schon tun?
Wer war sie... Hanna Elise Radenbruck?
Ein Nichts, ein Niemand eine untergehendes Stimmchen, welches nicht wusste, wie es gegen den Sog des Schicksalsrads anschreien konnte.
Mit matter Verzweiflung fiel sie wieder rückwärts in die weichen Felle, als der stützende Arm zittrig nachgab. Selbst die angenehme Kühle des Seidenkissens im Nacken half nicht, um die glühende, schmerzende Panik, die jene hoffnungslose Unsicherheit weckte. Als sie merkte, dass sie sich nur unruhig hin und her warf, erhob sie sich und ging auf wackeligen Beinen die Treppen herab in jenen seltsamen und wunderschönen Raum, der zugleich Versammlungsstätte, Grundmauer und Garten war. Sie spürte das feine Gras unter den nackten Füßen und die Wärme des Hains im Westen und staunte wieder einmal innerlich, da sie genau wusste, dass fernab der Haustüre, im Osten, frischer Schnee und eine Kälte lagen, die den Hain der Schwesternschaft nie berühren würden. Er blühte und grünte immerdar...
Es war eine Eingebung der Mutter, vermochte doch der Gedanke an jene Wärme alleine die Sorgen, zumindest für einige Augenblicke, wie ein frischer, kräftiger Wind fortblasen. Diese innere Brise trug dafür eine Erkenntnis mit sich, die wohler tat, als ein sanfter Sommerregen auf erhitzter Haut:
Sie war nicht alleine!
Niemand erwartete von ihr, dass sie das Schicksalsrad drehte, dass sie unisono gegen den Sog brüllte und als einzelnes Wesen gegen den Strom schwamm. Mit ihr waren allein am gestrigen Abend die Schwestern, die Druiden und auch die stolzen Thyren in jenem Steinkreis gestanden und sie selbst war nur eine der vielen Stimmen gewesen und noch dazu eine Stimme, die gelenkt und gestützt wurde von den Bäumen um sie herum, dem Moos unter den Füßen, dem fruchtbaren Erdboden... Erde. Ein weiteres Mal hörte sie sich leise den Spruch des vergangenen Abends sprechen und wieder kamen die Worte nicht alleine von ihr:
Erde, mein Stand du bist, ein stetig Beben
gleich des Herzen vollkommen' Klopfen
entsprigst dem Grund und küsst mit Leben
empfängst der Süße hauchend Tropfen
aufdass erneut der Mutter Schoß entspringt
das Lied, das auf ewig singt und in uns klingt.
Damit der Ruf gelingen werde,
bitte ich... du mein Leben, oh Erde.
Ergriffen atmete sie flattrig auf und blickte sich suchend im Gemeinschaftsraum um.
Der Duft von Mädesüß, Kamillenblüten und Nanaminze war nach und nach an ihre feine Nase gedrungen und lockte mit der Aussicht auf zarte Erholung.
Man hatte an sie gedacht und ein hübsch verzierter, einzelner Tonbecher stand auffordernd neben dem schwach köchelnden Teekessel. Ein Lächeln hob Hannas Mundwinkel...ja, sie war nicht alleine!
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Quest1.jpg[/img]
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Hanna Radenbruck
„Was fühlst du?“
„Es ist kühl und ganz sachte feucht, doch jedes Körnchen ist eigentlich zu spüren... fast wie runde, winzige Steinchen und alle halten zusammen, durch die Feuchtigkeit verbunden.“
„Riech' daran...“
„Es ist seltsam... der Geruch ist schwer zu beschreiben und man würde wohl einfach 'erdig' sagen aber es ist auch würzig und reich daran, warm und gut.“
„Nimm etwas davon und schmeck' es.“
„Hach, Steinchen zwischen meinen Zähnen.Ich mag den Erdboden, doch meine Leibspeise wird er so gesehen, nicht.“
„Darum geht es auch nicht. Die Erde hat dich erwählt, so wie du sie. Sie ist wie deine Freundin, deine Vertraute, deine Mutter und dein Kind. Du musst sie kennen, um sie zu verstehen. Wir können nicht all ihre Geheimnisse erkunden, nicht in einem Leben. Aber durch unser Verständnis wird auch die Erde für uns zum mächtigen Verbündeten, zur tröstenden Freundin und zu unserem Rückhalt.“
„Aber sie ist noch mehr, nicht? Erde hört nicht auf, da wo die Moosschicht und die kleinen Knötchen der Graswurzeln jene Körnchen ablösen... sie geht weiter.“
„Und ist das nicht beruhigend?“
Oh ja, oh und wie sehr.
Majalin hatte ihr an diesem Tag mehr vermittelt als Wissen, hatte ihr jene Mutter, das Kind, die Freundin auf eine Art und Weise gezeigt, die selbst jetzt noch ihr Herz wärmte. Jene Hingabe, mit der die liebe Schwester im Geiste das behütende Element beschrieb, gab eben just dieses an sie beide zurück und Maja glühte am Nachmittag in dieser Liebe. Eingehüllt, umfangen, liebkost.
Das Schauspiel, welches den Kuss der Erdenmutter auf so besondere Weise begleitete, war nicht nur in der getrübten Realität, sondern der klaren Reinheit des Liedes zu spüren. Gleich einem Rausch, ein einziger Sinnesrausch... und selbst das war noch zu wenig, während alle anderen Worte versagten. Hanna beobachtete all dies mit bebenden Lippen, zittrigen Fingern und vor lauter Ergriffenheit flirrte ihr auch der Atem leicht, während wohlige Schauer den Rücken fast streichelnd entlangstrichen. Sie war so unendlich dankbar für jene Unterweisung und der Erdenwahl, die ihnen beiden auf immerdar galt. Und ja, sie wollte diese Bindung, diese Wurzeln, niemals kappen, sondern sich deren wachsender Stärke bewusst werden.
Doch dies war nur ein Grund dafür, warum sie sich ganz im Westen des Hains, nahe des Feuers, neben welchem das kühle Gras noch frostfrei und der Erdboden offen war, flach auf dem Rücken lag, die Arme ausbreitete und im Geiste tiefer und tiefer in den Boden glitt, um in dessen Wärme Geborgenheit zu finden. Nach jener sehnte sie sich nach den Träumen... jene Träume, die sie seit Kindertagen beschäftigten, mal sanft und lieblich, mal dunkel wie ein Alptraum, umkreisten wie die Schwingen eines großen, majestätischen Vogels.
Zumindest war das Grauen, seit sie eine der Schwestern war, aus jenen Träumen gewichen, wie der diesige Morgennebel den Sonnenstrahlen und dem frischen Wind. Seitdem füllte nur noch süße Wehmut den Gedanken an etwas, was sie nur im Traum hatte: einen Vater, ihren Vater.
Es hatte gestimmt, als sie Selene damals ernst sagte, dass sie nun mehr denn je wusste, wie Recht Jakob Radenbruck hatte, als er ihr und Magda an den Kopf geschleudert hatte, dass sie nicht seine Töchter, sondern die Saat einer Liebesaffäre seitens deren Mutter Tabea waren. Oh und was sie damals noch verletzte, erfüllte sie nun mit gewissem Stolz. Sie beide waren eben nicht aus der Familie des mittleren Radenbruck-Sohns, der seinem älteren Bruder das Wasser nie reichen konnte und seine jüngeren Geschwister nur verhöhnte und quälte, so wie seine Söhne später Hanna und Magda verspotteten.
„Hexenkinder, brennt im Feuer – euer Vater war ein Ungeheuer!“
Eine Art Auszählreim, den ihr Bruder Ewald erfunden hatte. Magda hatte ihn damals geschlagen, obwohl sie ihm nicht einmal bis zur Brust reichte und sie, Hanna, hatte bittere Tränen geweint... wegen einer Lüge, ach, eine Lüge!
Seit sie im Bunde der Schwestern war, wurden die Träume klarer, echter, nach- und reichhaltiger. Sie zehrte noch am Tage von den tröstlichen Gedanken an eine warme, leise und dennoch melodisch erfüllende Stimme, die sie auch im Traumland führte und jene schützenden, behütenden Hände, die sie dennoch nie ergreifen konnte. Lange Roben und doch im Schatten der Kapuze ein weises, gütiges Gesicht, das ihr nach dem Aufwachen nicht mehr recht greifbar sein wollte und wie ein Spiegelbild auf unruhigem Wasser verschwamm.
„Es wäre möglich, dass dein Vater ein Druide war, Hanna.“
Wieder Selene, die ihr auch diesen Floh ins Ohr setzte und ohne es zu wissen verzweifelte Hoffnung in Hannas Herzen weckte. Wenn er nun noch immer lebte...würden die anderen Druiden in Vernementon etwas wissen? Konnten sie denn über solch weltlich-banale und zugleich seelisch-intime Sachen, wie die Liebesaffäre eines entfernten Bruders, bescheid wissen? Wenn ja, wen konnte sie fragen? Viele von ihnen waren zu jung, lag das Ganze doch weit über siebzehn Jahre nun her. Und doch, eine mögliche Quelle gab es. Konnte sie es wagen... IHN zu fragen?
Sie grub sich geistig tiefer in den Boden, suchte Halt um nicht zu fallen, suchte Wurzeln – ihre Wurzeln.
„Es ist kühl und ganz sachte feucht, doch jedes Körnchen ist eigentlich zu spüren... fast wie runde, winzige Steinchen und alle halten zusammen, durch die Feuchtigkeit verbunden.“
„Riech' daran...“
„Es ist seltsam... der Geruch ist schwer zu beschreiben und man würde wohl einfach 'erdig' sagen aber es ist auch würzig und reich daran, warm und gut.“
„Nimm etwas davon und schmeck' es.“
„Hach, Steinchen zwischen meinen Zähnen.Ich mag den Erdboden, doch meine Leibspeise wird er so gesehen, nicht.“
„Darum geht es auch nicht. Die Erde hat dich erwählt, so wie du sie. Sie ist wie deine Freundin, deine Vertraute, deine Mutter und dein Kind. Du musst sie kennen, um sie zu verstehen. Wir können nicht all ihre Geheimnisse erkunden, nicht in einem Leben. Aber durch unser Verständnis wird auch die Erde für uns zum mächtigen Verbündeten, zur tröstenden Freundin und zu unserem Rückhalt.“
„Aber sie ist noch mehr, nicht? Erde hört nicht auf, da wo die Moosschicht und die kleinen Knötchen der Graswurzeln jene Körnchen ablösen... sie geht weiter.“
„Und ist das nicht beruhigend?“
Oh ja, oh und wie sehr.
Majalin hatte ihr an diesem Tag mehr vermittelt als Wissen, hatte ihr jene Mutter, das Kind, die Freundin auf eine Art und Weise gezeigt, die selbst jetzt noch ihr Herz wärmte. Jene Hingabe, mit der die liebe Schwester im Geiste das behütende Element beschrieb, gab eben just dieses an sie beide zurück und Maja glühte am Nachmittag in dieser Liebe. Eingehüllt, umfangen, liebkost.
Das Schauspiel, welches den Kuss der Erdenmutter auf so besondere Weise begleitete, war nicht nur in der getrübten Realität, sondern der klaren Reinheit des Liedes zu spüren. Gleich einem Rausch, ein einziger Sinnesrausch... und selbst das war noch zu wenig, während alle anderen Worte versagten. Hanna beobachtete all dies mit bebenden Lippen, zittrigen Fingern und vor lauter Ergriffenheit flirrte ihr auch der Atem leicht, während wohlige Schauer den Rücken fast streichelnd entlangstrichen. Sie war so unendlich dankbar für jene Unterweisung und der Erdenwahl, die ihnen beiden auf immerdar galt. Und ja, sie wollte diese Bindung, diese Wurzeln, niemals kappen, sondern sich deren wachsender Stärke bewusst werden.
Doch dies war nur ein Grund dafür, warum sie sich ganz im Westen des Hains, nahe des Feuers, neben welchem das kühle Gras noch frostfrei und der Erdboden offen war, flach auf dem Rücken lag, die Arme ausbreitete und im Geiste tiefer und tiefer in den Boden glitt, um in dessen Wärme Geborgenheit zu finden. Nach jener sehnte sie sich nach den Träumen... jene Träume, die sie seit Kindertagen beschäftigten, mal sanft und lieblich, mal dunkel wie ein Alptraum, umkreisten wie die Schwingen eines großen, majestätischen Vogels.
Zumindest war das Grauen, seit sie eine der Schwestern war, aus jenen Träumen gewichen, wie der diesige Morgennebel den Sonnenstrahlen und dem frischen Wind. Seitdem füllte nur noch süße Wehmut den Gedanken an etwas, was sie nur im Traum hatte: einen Vater, ihren Vater.
Es hatte gestimmt, als sie Selene damals ernst sagte, dass sie nun mehr denn je wusste, wie Recht Jakob Radenbruck hatte, als er ihr und Magda an den Kopf geschleudert hatte, dass sie nicht seine Töchter, sondern die Saat einer Liebesaffäre seitens deren Mutter Tabea waren. Oh und was sie damals noch verletzte, erfüllte sie nun mit gewissem Stolz. Sie beide waren eben nicht aus der Familie des mittleren Radenbruck-Sohns, der seinem älteren Bruder das Wasser nie reichen konnte und seine jüngeren Geschwister nur verhöhnte und quälte, so wie seine Söhne später Hanna und Magda verspotteten.
„Hexenkinder, brennt im Feuer – euer Vater war ein Ungeheuer!“
Eine Art Auszählreim, den ihr Bruder Ewald erfunden hatte. Magda hatte ihn damals geschlagen, obwohl sie ihm nicht einmal bis zur Brust reichte und sie, Hanna, hatte bittere Tränen geweint... wegen einer Lüge, ach, eine Lüge!
Seit sie im Bunde der Schwestern war, wurden die Träume klarer, echter, nach- und reichhaltiger. Sie zehrte noch am Tage von den tröstlichen Gedanken an eine warme, leise und dennoch melodisch erfüllende Stimme, die sie auch im Traumland führte und jene schützenden, behütenden Hände, die sie dennoch nie ergreifen konnte. Lange Roben und doch im Schatten der Kapuze ein weises, gütiges Gesicht, das ihr nach dem Aufwachen nicht mehr recht greifbar sein wollte und wie ein Spiegelbild auf unruhigem Wasser verschwamm.
„Es wäre möglich, dass dein Vater ein Druide war, Hanna.“
Wieder Selene, die ihr auch diesen Floh ins Ohr setzte und ohne es zu wissen verzweifelte Hoffnung in Hannas Herzen weckte. Wenn er nun noch immer lebte...würden die anderen Druiden in Vernementon etwas wissen? Konnten sie denn über solch weltlich-banale und zugleich seelisch-intime Sachen, wie die Liebesaffäre eines entfernten Bruders, bescheid wissen? Wenn ja, wen konnte sie fragen? Viele von ihnen waren zu jung, lag das Ganze doch weit über siebzehn Jahre nun her. Und doch, eine mögliche Quelle gab es. Konnte sie es wagen... IHN zu fragen?
Sie grub sich geistig tiefer in den Boden, suchte Halt um nicht zu fallen, suchte Wurzeln – ihre Wurzeln.
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Mittwoch 1. Dezember 2010, 01:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
Feuer und Federn
Wanderungen über Wanderungen...
- mit schwerem Herzen bezüglich der dräuenden Zukunft, die man bestenfalls als feurig bezeichnen konnte;
- mit der Angst und Unsicherheit, die beide unter den Nägeln brannten und ein mattes Zittern der Fingerglieder bewirkten;
- mit dröhnendem Kopf, in welchem sich die Gedanken zu einem Wirbel geballt hatten, in dem alle Fragen mit "Was passiert nur, wenn..." begannen;
- aber auch mit dem Funken Hoffnung
waren die Schwestern seit Tagen unterwegs.
Die Stationen, die es zu "besuchen" gab, waren nicht nur allein aufgrund ihres Glaubens und der politischen Richtung mannigfaltig, sondern auch hinsichtlich ihrer Reaktionen auf die drängende Bitte und Anweisung. Sicherlich, wer ließ sich gerne von simplen Heilerinnen, Weiber die da in ihrem Sumpf saßen und fernab von Konflikten Salben und Tränklein mischten, schon gerne etwas sagen - und schlimmer noch, wer reagierte dann nicht entsetzt und ablehnend, wenn man erfahren musste, dass der Erzfeind ebenfalls mit im Boot sitzen würde.
Ja, sie handelten allesamt, um ihre Welt zu schützen, vor Feuer und Federn und doch war der kleine Satz in besagtes Boot nun für viele ein schier unmenschlicher Sprung über einen klaffenden Abgrund. Doch, so musste Hanna sich mit schwacher Enttäuschung eingestehen, dass sie all die verschiedenen Reaktionen, hätte man sie ihr so vorgelegt, den falschen Parteien zugeteilt... die Wirklichkeit konnte manchmal so völlig anders sein, als die romantisierte und Klischeen verstärkte Vorstellung eines Bauernmädchens.
Rahal
Sie hatte nicht gewagt viel zu sagen und allein der Gang in die Stadt hatte ihr regelrechte Schwindelgefühle beschert, denn man hatte sie im Glauben an die Mutter der Felder und der Schöpfung erzogen. Der dunkle Panther mit all seinen Gräueltaten und Zerstörungswahn wurde ihr somit zur puren Schreckensvision. Wie stellte man sich dann Menschen vor, die unter seiner Pranke dienten? Sicherlich nicht wie Cara - sie war klug, liebevoll, freundlich, höflich, ach... ein Sinnbild von Tugend.
Doch irgendwo, das wusste sie nun, hatte sie Cara immer als ein verirrtes Lämmchen betrachtet, welches blöderweise eben auf den falschen Glauben reingefallen war. Vermutlich einfach vom Elternhaus dazu getrieben, ohne das rechte Wissen, um die lichte und wahre Seite.
Hanna hatte damit gerechnet, dass sie nun in Rahal die wahren Menschenmörder und Kinderfresser, von denen ihre älteren Brüder stets raunend berichteten, um Magda und sie zu ängstigen, sehen würde. Nein, es war ihr wahrlich nicht genehm, diesen Gang zu gehen, doch hoffte sie auf Caras Wissen und Beistand und machte sich innerlich bebend auf alles gefasst. Ja, sie hatte wirklich mit allem möglichen gerechnet, doch nicht damit!
Eine Letharin, eine hohe Clerica des Panthers, hatte mit ihnen gesprochen und selbst wenn die Wut über die Bedingungen, über das Wissen, wer alles mit ihnen im Boot sitzen würde, manchmal in ihren Augen funkelte, so blieb sie eher ruhig. Ja, sie verkündete mehrfach, was ihr alles ganz und gar nicht an dieser Sache behagen würde und wo sie Fehler in dem Vorgehen sah und doch... doch gab sie zuletzt ihre Zustimmung und ließ die beiden jungen Frauen mit einer geglückten Mission und etwas mehr Hoffnung auf ein gutes Ende für alle gehen... gehen aus dieser Stadt, die eigentlich wie jede andere war, ohne Gedärme auf den Wegen, ohne Gebäude in Menschenblut gefärbt, ohne Kinderfresser.
Die Druiden
Nachdem die Stille um die lieben Brüder gekrochen war, hatte Hanna einfach nicht damit gerechnet, dass auch nur irgendwer auf ihren Ruf reagieren würde. Sie saß einfach am alten, ehrwürdigen Baum und streckte suchend, jungen Winderanken und frischen Wurzeln gleich, ihren Klang im Liede aus, suchte nach Resonanz, nach bekannten Farben und einem vertrauten Echo... und sie wurde fündig.
Sowohl Aylen, als auch Medren hatten ihren Ruf vernommen und lauschten alsbald mit geweiteten Augen den schrecklichen Berichten über Feuer und Federn. Ja, sie hatten den Missklang im Lied vernommen, gespürt, dass irgendetwas nicht stimmte und doch war das Grauen nicht bis in die gesegnete Idylle des Druidenhains vorgestoßen und hatte die Gemüter nicht ausreichend angeregt, das milde Frühlingserwachen nicht unterbrochen. Jetzt allerdings war die Unruhe da und beide beteuerten, dass sie sich zur Mitte der Woche auf der Sumpfinsel einfinden und ihren Teil zur Rettung beisteuern wollten. Zudem, so verkündeten sie mit etwas Sorge auf den jungen Zügen, wollten sie versuchen Hannas Vater Arulius, Diomedes, Louan, Gwain und andere Brüder zu erreichen.
Der Funke Hoffnung in Hannas Herz begann zu keimen...
Adoran
... nur um einen herben Schock zu erlangen, als sie die Ablehnung der Partei, welche sie selbst doch stets so ikonisiert hatte, zu spüren und zu hören bekam. Der Besuch im Kloster war wahrlich nicht das, was sie sich ausgemalt und vom lichten Reich erwartet hatte. Gut, mit der Vorsicht und den Nachfragen der beiden Fräulein Savea und Shaya, welche sich zwar zurückhaltend doch nett zeigten, konnte sie nicht nur leben, sondern jene auch verstehen. Sie selber hatte sich einige der Fragen selbst zuallererst gestellt und musste schwach lächeln, als sie nun merkte, dass die Gedankengänge hier ganz ähnlich waren.
Doch mit dem sprühenden Hass der Person Ilbert hatte sie nicht gerechnet und fühlte sich mehr und mehr sowohl denunziert, als auch grundlos attackiert. Sie hatte den jungen Mann erst seit wenigen Momenten kennengelernt und von der Palette höflich bis verbal hässlich und peinlich war plötzlich alles dabei. Was hatte sie ihm denn je getan oder Majalin? War es wirklich die Sorge um Rahal, die ihn so ausrasten ließ? In seinem Zorn benahm er sich in etwa so, wie sie es von den Menschen in der Stadt des Panthers erwartet hatte: er schrie, warf mit Anschuldigungen um sich, das Gesicht von Abscheu entstellt, die Worte vom Hass zerfressen.
"Herr Narus, Hass macht nicht nur seelisch hässlich, sondern ist zudem das liebste Spielzeug des Panthers. Gebt dem nicht so nach, sonst macht Ihr Euch unwissentlich zu seinem Spielball."
Vermutlich hätte sie einfach die Klappe halten sollen, bestimmt spielte ihr der persönliche Eindruck eh nur wieder einen unangenehmen Streich und sie wertete seine Vorsicht fälschlicherweise als Hass und Angriff, doch irgendwo tat ihr der verzweifelte, junge Mann leid.
Es waren wieder die beiden Damen Shaya und Savea, sowie Majalins schier unerschöpfliche Ruhe, die die Situation retteten und man fand tatsächlich eine angenehme Einigung, die beiden Seiten gerecht wurden und dieser letzte Tropfen auf die langsam blühende Hoffnung schmeckte auch nicht schaler, als Herr Narus griesgrämig Vermutungen darüber anstellte, dass sich hinter den Sumpfheilerinnen nur Rahaler Soldaten in Weiberkleidern verbargen. Im Gegenteil, trotz all der düsteren Zukunftsaussichten musste Hanna bizarrerweise schief lächeln, als sie versuchte sich den Alka in Damenkleidern vorzustellen.
Wanderungen über Wanderungen...
- mit schwerem Herzen bezüglich der dräuenden Zukunft, die man bestenfalls als feurig bezeichnen konnte;
- mit der Angst und Unsicherheit, die beide unter den Nägeln brannten und ein mattes Zittern der Fingerglieder bewirkten;
- mit dröhnendem Kopf, in welchem sich die Gedanken zu einem Wirbel geballt hatten, in dem alle Fragen mit "Was passiert nur, wenn..." begannen;
- aber auch mit dem Funken Hoffnung
waren die Schwestern seit Tagen unterwegs.
Die Stationen, die es zu "besuchen" gab, waren nicht nur allein aufgrund ihres Glaubens und der politischen Richtung mannigfaltig, sondern auch hinsichtlich ihrer Reaktionen auf die drängende Bitte und Anweisung. Sicherlich, wer ließ sich gerne von simplen Heilerinnen, Weiber die da in ihrem Sumpf saßen und fernab von Konflikten Salben und Tränklein mischten, schon gerne etwas sagen - und schlimmer noch, wer reagierte dann nicht entsetzt und ablehnend, wenn man erfahren musste, dass der Erzfeind ebenfalls mit im Boot sitzen würde.
Ja, sie handelten allesamt, um ihre Welt zu schützen, vor Feuer und Federn und doch war der kleine Satz in besagtes Boot nun für viele ein schier unmenschlicher Sprung über einen klaffenden Abgrund. Doch, so musste Hanna sich mit schwacher Enttäuschung eingestehen, dass sie all die verschiedenen Reaktionen, hätte man sie ihr so vorgelegt, den falschen Parteien zugeteilt... die Wirklichkeit konnte manchmal so völlig anders sein, als die romantisierte und Klischeen verstärkte Vorstellung eines Bauernmädchens.
Rahal
Sie hatte nicht gewagt viel zu sagen und allein der Gang in die Stadt hatte ihr regelrechte Schwindelgefühle beschert, denn man hatte sie im Glauben an die Mutter der Felder und der Schöpfung erzogen. Der dunkle Panther mit all seinen Gräueltaten und Zerstörungswahn wurde ihr somit zur puren Schreckensvision. Wie stellte man sich dann Menschen vor, die unter seiner Pranke dienten? Sicherlich nicht wie Cara - sie war klug, liebevoll, freundlich, höflich, ach... ein Sinnbild von Tugend.
Doch irgendwo, das wusste sie nun, hatte sie Cara immer als ein verirrtes Lämmchen betrachtet, welches blöderweise eben auf den falschen Glauben reingefallen war. Vermutlich einfach vom Elternhaus dazu getrieben, ohne das rechte Wissen, um die lichte und wahre Seite.
Hanna hatte damit gerechnet, dass sie nun in Rahal die wahren Menschenmörder und Kinderfresser, von denen ihre älteren Brüder stets raunend berichteten, um Magda und sie zu ängstigen, sehen würde. Nein, es war ihr wahrlich nicht genehm, diesen Gang zu gehen, doch hoffte sie auf Caras Wissen und Beistand und machte sich innerlich bebend auf alles gefasst. Ja, sie hatte wirklich mit allem möglichen gerechnet, doch nicht damit!
Eine Letharin, eine hohe Clerica des Panthers, hatte mit ihnen gesprochen und selbst wenn die Wut über die Bedingungen, über das Wissen, wer alles mit ihnen im Boot sitzen würde, manchmal in ihren Augen funkelte, so blieb sie eher ruhig. Ja, sie verkündete mehrfach, was ihr alles ganz und gar nicht an dieser Sache behagen würde und wo sie Fehler in dem Vorgehen sah und doch... doch gab sie zuletzt ihre Zustimmung und ließ die beiden jungen Frauen mit einer geglückten Mission und etwas mehr Hoffnung auf ein gutes Ende für alle gehen... gehen aus dieser Stadt, die eigentlich wie jede andere war, ohne Gedärme auf den Wegen, ohne Gebäude in Menschenblut gefärbt, ohne Kinderfresser.
Die Druiden
Nachdem die Stille um die lieben Brüder gekrochen war, hatte Hanna einfach nicht damit gerechnet, dass auch nur irgendwer auf ihren Ruf reagieren würde. Sie saß einfach am alten, ehrwürdigen Baum und streckte suchend, jungen Winderanken und frischen Wurzeln gleich, ihren Klang im Liede aus, suchte nach Resonanz, nach bekannten Farben und einem vertrauten Echo... und sie wurde fündig.
Sowohl Aylen, als auch Medren hatten ihren Ruf vernommen und lauschten alsbald mit geweiteten Augen den schrecklichen Berichten über Feuer und Federn. Ja, sie hatten den Missklang im Lied vernommen, gespürt, dass irgendetwas nicht stimmte und doch war das Grauen nicht bis in die gesegnete Idylle des Druidenhains vorgestoßen und hatte die Gemüter nicht ausreichend angeregt, das milde Frühlingserwachen nicht unterbrochen. Jetzt allerdings war die Unruhe da und beide beteuerten, dass sie sich zur Mitte der Woche auf der Sumpfinsel einfinden und ihren Teil zur Rettung beisteuern wollten. Zudem, so verkündeten sie mit etwas Sorge auf den jungen Zügen, wollten sie versuchen Hannas Vater Arulius, Diomedes, Louan, Gwain und andere Brüder zu erreichen.
Der Funke Hoffnung in Hannas Herz begann zu keimen...
Adoran
... nur um einen herben Schock zu erlangen, als sie die Ablehnung der Partei, welche sie selbst doch stets so ikonisiert hatte, zu spüren und zu hören bekam. Der Besuch im Kloster war wahrlich nicht das, was sie sich ausgemalt und vom lichten Reich erwartet hatte. Gut, mit der Vorsicht und den Nachfragen der beiden Fräulein Savea und Shaya, welche sich zwar zurückhaltend doch nett zeigten, konnte sie nicht nur leben, sondern jene auch verstehen. Sie selber hatte sich einige der Fragen selbst zuallererst gestellt und musste schwach lächeln, als sie nun merkte, dass die Gedankengänge hier ganz ähnlich waren.
Doch mit dem sprühenden Hass der Person Ilbert hatte sie nicht gerechnet und fühlte sich mehr und mehr sowohl denunziert, als auch grundlos attackiert. Sie hatte den jungen Mann erst seit wenigen Momenten kennengelernt und von der Palette höflich bis verbal hässlich und peinlich war plötzlich alles dabei. Was hatte sie ihm denn je getan oder Majalin? War es wirklich die Sorge um Rahal, die ihn so ausrasten ließ? In seinem Zorn benahm er sich in etwa so, wie sie es von den Menschen in der Stadt des Panthers erwartet hatte: er schrie, warf mit Anschuldigungen um sich, das Gesicht von Abscheu entstellt, die Worte vom Hass zerfressen.
"Herr Narus, Hass macht nicht nur seelisch hässlich, sondern ist zudem das liebste Spielzeug des Panthers. Gebt dem nicht so nach, sonst macht Ihr Euch unwissentlich zu seinem Spielball."
Vermutlich hätte sie einfach die Klappe halten sollen, bestimmt spielte ihr der persönliche Eindruck eh nur wieder einen unangenehmen Streich und sie wertete seine Vorsicht fälschlicherweise als Hass und Angriff, doch irgendwo tat ihr der verzweifelte, junge Mann leid.
Es waren wieder die beiden Damen Shaya und Savea, sowie Majalins schier unerschöpfliche Ruhe, die die Situation retteten und man fand tatsächlich eine angenehme Einigung, die beiden Seiten gerecht wurden und dieser letzte Tropfen auf die langsam blühende Hoffnung schmeckte auch nicht schaler, als Herr Narus griesgrämig Vermutungen darüber anstellte, dass sich hinter den Sumpfheilerinnen nur Rahaler Soldaten in Weiberkleidern verbargen. Im Gegenteil, trotz all der düsteren Zukunftsaussichten musste Hanna bizarrerweise schief lächeln, als sie versuchte sich den Alka in Damenkleidern vorzustellen.
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Sonntag 6. März 2011, 12:02, insgesamt 1-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
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Hanna Radenbruck
Träume wurden greifbar, manifestiert durch die unermüdliche Arbeit, das Herzblut und den Seelenswunsch vieler an vielen verschiedenen Punkten Gerimors...
Doch jene, die nach Träumen griffen und vereint das Rad des Schicksals gedreht hatten, waren nach dem gemeinsamen Wunder auch von Erschöpfung gezeichnet und tauchten nun ein, in die Welt der Ruhe, der Erholung und des unwirklichen Traumes.
Unter ihnen eine Mädchen, kurz vor der achtzehnten Frühjahrswende, welches so selig schlummerte, dass kein Käuzchenruf oder Blätterrascheln sie des Nachts aus ihren Traumreich riss. Behutsam hielt die Allmutter ihre Hand auch über diesem ihrer unzähligen Kinder und somit folgte die junge Frau den Eindrücken des vergangenen Tages, welche der Geist ihr im Schlaf eingab, wie einer bunten Straße eines wundersamen Landes.
- Hanna im Wunderland -
Es war wieder an ihr, die Wachschicht zu übernehmen und nur noch wenige Stunden, bis der Kristall der Sumpfinsel zum Einsatz kommen sollte. Seit der Rabe seine Augen überall zu haben schien und seine Diener nach dem Geheimnis der vielen Kristalle spürten, hatten sie alle, im wahrsten Sinne des Wortes, wenig Seelenfrieden gefunden. Der müden Xunire zuliebe hatte sie, Hanna, zwei Schichten hintereinander übernommen und so kauerte sie, den Rücken an den Stamm gelehnt, unter der alten, schlanken Birke im Hain, deren erste Blätter den grünlich-leuchtenden, klaren Stein schattig überdeckten. Die erste Lenzsonne kitzelte auf der Nase und drückte schmeichelnd, mit süßem Schlummer lockend, immer wieder die Lider herab.
Vielleicht lag es an dieser schläfrigen Trägheit, dass Hanna sich im ersten Moment nicht einmal wunderte, als Efeuranken aus dem Boden brachen und sich, vielen kleinen Schlangen gleich, um sie schlängelten und wie eine Decke bedeckten... keine Gefahr im Lied, sondern die Nähe der Insel, der Wälder, der Erde. Erstaunen kam erst in ihr auf, als sie mit dem uralten Wesen der Insel selbst in Zwiesprache treten konnte und ganz wach wurde sie, als die Erde sie mit sich nahm und sie, wie durch ein Loch im Boden, plötzlich fiel und fiel... und fiel.
Erst als der Fall endlos zu werden schien, fing sie etwas auf, wie ein Mutter, die das lachende Kind wirbelte, nur um es doch nie ganz aus den Händen gleiten zu lassen. Blinzelnd wagte sie die Augen zu öffnen und sah sich andächtig staunend um. Die Erde hatte tief unter der Oberfläche weitere Gesichter, neue Schichten und unbekannte Seiten. Ein dunkler und dennoch warmer Ort voller ausladender Wälder, deren Farben in dunklen Erdtönen rot und braun leuchteten, tat sich vor ihr auf und ein einziger Pfad schien sie voran zu führen.
„Bist du bereit diesem Wege zu folgen?“
Sie bejahte, aber ehe sie gewahr wurde, was sie da noch plapperte, glitt eine weitere Wahrheit über ihre Lippen.
„Ich vermisse das Leben, das Licht, das Grün der Wälder...“
Die Erde verstand und doch war es am Ende, nach dem leisen innigen Gespräch zwischen Hexe und Element, noch immer an Hanna den Weg zu gehen um ganz zu begreifen und innerlich zu reifen. Schritt für Schritt begriff sie, wie sehr ihr Herz sich dem eigenen Wesen, dem Wirken und den Elementen geöffnet hatte. Sie definierte Familie, Zuhause und Einsamkeit neu und jubilierte innerlich, dass gerade Letztere kein Teil ihres Pfades war, denn nicht nur ließ sie die mütterliche Erde nicht alleine, sie gab ihr einen bildlichen Teil ihrer Selbst mit – ein Elementar, welches Hanna sanft und sicher durch die dunklen Gänge führte. Hand in Hand wie zwei Kinder schritten sie voran... und dann wiederum waren sie beide genau das, der Erdenmutter Kinder und Teil ihres Wesens.
„Ich vermag das Leben zu schützen und zu nähren. Aber... alleine... bin ich nur Stein.“
Auch jene Erkenntnis verfehlte ihre Wirkung nicht und die Worte des geliebten Elements keimten in Hannas Herz. Ja, sie alle waren alleine klein und gemeinsam konnten sie großes vollbringen. Dies traf nicht nur auf die Erde und ihre Kinder zu, sondern auch auf das, was sie in wenigen Stunden schaffen wollten. Still kamen das Erdelementar und das Mädchen vor einem Tor zum stehen, welches von Staub dicht bedeckt war.
„Wenn du durch dieses Tor gehst, Kind, dann liegt ein weiterer Weg vor dir. Du wirst weiter lernen müssen, wirst dich mit meinen Geschwistern vertraut machen müssen...“
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/AufstiegzumS2.jpg[/img]
Dies wollte sie gerne versprechen. Nicht nur hatte sie bei Fehltritten und Verirrungen immer einen Ort, eine Heimat, an welche sie zurückkehren konnte um Trost zu finden und neuen Mut zu schöpfen, sie wusste zudem, dass die gleiche Regel der großen Einigkeit auch auf die Elemente zutraf. Als sie ihr Versprechen gab, rankten die gleichen grünen Schlingen am Tor entlang und öffneten es. Lachend gab das Elementar der verklärt lächelnden Hexe einen Schubs und sie schritten gemeinsam hindurch, die Probe war bestanden, es war an der Zeit das Wunderland zu verlassen. Der Aufstieg zur Oberfläche war ein wilder Tanz im Wirbel, welcher sie schütteln und rütteln wollte, doch hielten starke Arme – Die des Erdelementars? Der Erdenmutter selbst? - Hanna sanft umfangen und sorgten dafür, dass sie sich wenige Augenblicke später wohlbehalten neben dem Kristall fand. Ein leises, lachendes Beben der Erde, dann war sie still, doch nie fern und Hanna spürte wie das Lied in ihr lauter, heller, verständlicher und klarer klang. Ja, der Schritt durch die Pforte war getan, nun galt es den Weg bis zur nächsten zu finden.
Doch war sie nicht alleine, sie träumten gemeinsam und das war wunderbar!
- Hannas Tanz auf dem Vulkan -
Der Pilzbrei, bitter und gallig im Mund, entfaltete unglaublich rasch seine Wirkung und schnell wusste sie nicht mehr, ob sie nun die sichtbare Welt oder den bunten Klang des Liedes erblickte. Grenzen verschwammen und zogen sie tiefer in die Liedmelodien hinein, machten sie blind und taub für das Geschehen um ihnen herum. Zu fünft standen sie im Kreise, den Kristall im Fokus und riefen aus tiefstem Seelenfunken die Elemente um Beistand an. Hier, im flirrenden Wirbel, im Ewigkeitsklang gab es nur den Kreis, den Kristall und die fünf Brüder und Schwestern. Medren, welcher die züngelnden Flammen der Erde zu einem Band webte, Vanya, die das klare Wasser zu einem dichten Strang verband, Diomedes, der die wabernden Hauchstreifen der Luft zu einem Seil band und sie, Hanna, welche aus der Erde Wurzeln und des Waldes Lebensranken eine dichte Bordüre knüpfte. All jene Webereien kamen in der Mitte, am Kristallglimmen, zusammen und es war Majalins Aufgabe die starken Bänder recht mit der kristallinen Struktur zu verbinden und jene zu dirigieren. Über und unter ihnen wachte Vefa, mit der Insel fest verbunden.
Sie war so auf das Knüpfwerk im Lied fixiert, dass Hanna die Feuerwesen erst bemerkte, als ein gleißender Schmerz ihren rechten Arm durchzuckte. Haut schrie nach Kühlung, Stoff schmorte und doch kam nicht einmal ein Wimmern über ihre Lippen, als der Geist sich sofort wieder dem Werke zuwandte.
Es war an Lucien und Tristan für einen ungestörten Ablauf des Rituals zu sorgen und doch hätte Hanna entsetzt aufgeschrien, hätte sie gewusst wie verzweifelt und tapfer beide mit dem beißenden Feuer, welches den Atem zuschnürte, die Rüstung aufglühen ließ und Haut wie Haar gleichermaßen malträtierte, zu kämpfen hatten, nur um den Fünfen im Kreis die Konzentration zu erhalten. Doch der Ansturm der feurigen Wesen nahm kein Ende, riss Vanya zu Boden und in den wenigen Augenblicken, in welchen diese trotzend mit dem Bewusstsein kämpfte, ruderten sie gewaltig, strauchelten und taumelten, versuchten nunmehr zu dritt vier Elemente gen Majalin zu lenken. Gerade als Hannas Kraft zu schwinden begann, stand die Schwester wieder und obwohl ihr Klang verzerrt tönte und von Schmerz sprach, nahm sie ihr Wirken wieder auf. Die Zuversicht wuchs, Majas lenkende und leitende Hand machte sich auf die letzten Griffe bereit, als eine ungeheuerliche Präsenz durch den Nebel des Pilzrausches drang und Hanna teilweise in das sichtbare Diesseits zurück katapultierte... der Lavageist war erschienen.
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Feuergeist.jpg[/img]
Mit Engelszungen und sowohl tapferen, als auch aufopfernden Herzen traten ihm die beiden Kämpfer in den Weg, versuchten ihn mit Schlafliedern, Überredungen und schlichter Entschlossenheit zu trotzen, doch gierte grausige Genugtuung aus dem wütenden Geist und schrie regelrecht nach Vergeltung. Die Hitze am Kristall wurde unerträglich und brannte sogar auf den geschlossenen Lidern, riss an der zarten Haut über den Lippen, versengte feine Härchen. Als das glühende Wesen zu Majalin und dem pulsierenden, gleißenden Kristall herabstürzte, ließ diese das Lied frei... ein kurzes Aufbäumen, der Geist brach zusammen und mit einem ohrenbetäubenden Knall und Tosen brach alles auseinander, drückte Hanna gegen den Erdenfels und die Welt wurde schwarz...
Als sie wieder zu sich kam, schlummerte sie im Lied und neben ihr Majalin, deren Funke ein sterbendes, inneres Flackern war, verzehrt, verletzt und ausgelaugt. Von irgendwoher drangen Rufe, Bitten, erklangen andere Melodien. Es dauerte etwas, bis Hanna verstand, dass sie innerhalb des schützenden Erdkokons nichts für Maja tun konnte und schweren Herzens glitt sie hinaus, ließ den Platz ganz der Schwester, nur im stillen Beistand der anderen Brüder und Schwester zu erlangen. Dass Majalin eine geraume Zeit später auch die Augen blinzelnd aufschlug, lag nicht zuletzt am belebenden Kuss der Erdenmutter, doch auch an Majas eisernen Willen und der Kraft jener, die sie nicht aufgaben und sie sowohl im Lied, als auch in der sichtbaren Welt umsorgten.
Mit ihrem Augenaufschlag und dem Wissen, dass sie alle entkräftet, doch keiner verloren war, veränderte sich die Welt. Tränen flossen, der Atem wurde leichter und süß und er kostete ein wenig nach Triumph, Vollkommenheit und wahrem Frühling.
Die Natur bedankte sich, hör- und sichtbar, blühte auf und strahlte in einer Farbenpracht, die trotz der Nachtdunkelheit das Auge glitzernd erreichte. Sie hatten es geschafft, hatten gesiegt und und obwohl Hanna nicht wusste, was der neue Tag oder die kommenden Jahre bringen würden, lachte sie dem erwachenden Leben entgegen,
denn sie war nicht alleine, sie träumten gemeinsam und das war wunderbar!
- Hanna über dem Regenbogen -
Manchmal braucht es vielleicht keine Worte, doch meist mehr als nur eine Geste, um der zitternden Seele Gewissheit zu geben und seltsamerweise ist es oft der kühle Geist, der das Herz, welches laut und verstehend schlägt, immer wieder in seine Schranken weist.
Besonders ungerecht kann er werden, wenn man selbst schon lange genug braucht, um die pochende Melodie des Herzens zu verstehen und dann noch mit sich zaudert und hadert, ehe man sich eingesteht, was die gleichermaßen feurig heißen wie eiskalten Blitze durch den Leib jagt, jene heftigen, kurzen Phänomene, die ein leichtes Schwebegefühl im Bauch hervorrufen.
Ja, das ist der innigen Zuneigung Keim, doch selbst jene, die ihn kennen und somit erkennen müssten, verschließen sich seiner, wenn sie ihn spüren, denn Liebe kann Schmerz bedeuten und es erscheint doch so unendlich leicht sich dann der Gefahr einer innerlichen Qual nicht auszusetzen, oder?
Seltsam, ja wie bereits gesagt, höchst seltsam, dass es auch nach dieser Überwindung dauern kann, bis das sehnsüchtige Herz in schwankender Seenot die leuchtenden Signale in der Ferne versteht.
Ein Lächeln war es zuerst, ein direktes Lächeln, welches die Umgebung abzuschirmen schien und ihr zum unbezahlbaren Geschenk gemacht wurde... doch senkte mit klopfendem Herzen den Kopf.
Es folgten viele warme, stille Blicke, die durch die Haut zu dringen schienen und ihre Seele sanft berührten... doch wandte sie sich errötend ab.
Gesten kamen nicht zu knapp, mal ein galant dargebotener Arm, eine Hand, die sie führte, ein verschmitzt-vertrauliches Zwinkern... doch reagierte sie wahlweise hölzern oder spielte die aufkeimende Flamme nonchalant wieder herab.
Warum, Hanna?
Unglaube? Verwirrung? Angst vor falschen Schritten? Misstrauen in die eigene Wahrnehmung? Unsicherheit? Überforderung?
Alles auf einmal!
Ein Glück jedoch, dass es Momente gibt, in denen der Geist zu müde ist, um zu überlegen und zu grübeln, denn dann schlägt das Herz so innig, dass es den Ton und Rhythmus angibt.
Ein Lächeln, noch von Sorge und Erleichterung sowie Glückseligkeit fein gezeichnet... und sie konnte es strahlend erwidern.
Die dargebotene Hand, bereit sie auf die Beine zu ziehen, zu stützen und zu leiten... und sie nahm sie dankbar an, ohne zu zögern.
Ein sanftes Heranziehen, Nähe spüren, verstohlene Umarmung, erkennende Blicke und obwohl ihr dabei noch immer vor Staunen die Luft weg blieb, war es ihre Hand, die kurz vor dem Eintauchen in die Welt des Schlafes seine suchte und ergriff.
Nah beieinander schlummern zwei Herzen und träumen tief in einer anderen Welt versunken einen zauberhaften Traum...
und in jenem sind sie nicht alleine, denn sie träumen gemeinsam und das ist wunderbar!
Doch jene, die nach Träumen griffen und vereint das Rad des Schicksals gedreht hatten, waren nach dem gemeinsamen Wunder auch von Erschöpfung gezeichnet und tauchten nun ein, in die Welt der Ruhe, der Erholung und des unwirklichen Traumes.
Unter ihnen eine Mädchen, kurz vor der achtzehnten Frühjahrswende, welches so selig schlummerte, dass kein Käuzchenruf oder Blätterrascheln sie des Nachts aus ihren Traumreich riss. Behutsam hielt die Allmutter ihre Hand auch über diesem ihrer unzähligen Kinder und somit folgte die junge Frau den Eindrücken des vergangenen Tages, welche der Geist ihr im Schlaf eingab, wie einer bunten Straße eines wundersamen Landes.
- Hanna im Wunderland -
Es war wieder an ihr, die Wachschicht zu übernehmen und nur noch wenige Stunden, bis der Kristall der Sumpfinsel zum Einsatz kommen sollte. Seit der Rabe seine Augen überall zu haben schien und seine Diener nach dem Geheimnis der vielen Kristalle spürten, hatten sie alle, im wahrsten Sinne des Wortes, wenig Seelenfrieden gefunden. Der müden Xunire zuliebe hatte sie, Hanna, zwei Schichten hintereinander übernommen und so kauerte sie, den Rücken an den Stamm gelehnt, unter der alten, schlanken Birke im Hain, deren erste Blätter den grünlich-leuchtenden, klaren Stein schattig überdeckten. Die erste Lenzsonne kitzelte auf der Nase und drückte schmeichelnd, mit süßem Schlummer lockend, immer wieder die Lider herab.
Vielleicht lag es an dieser schläfrigen Trägheit, dass Hanna sich im ersten Moment nicht einmal wunderte, als Efeuranken aus dem Boden brachen und sich, vielen kleinen Schlangen gleich, um sie schlängelten und wie eine Decke bedeckten... keine Gefahr im Lied, sondern die Nähe der Insel, der Wälder, der Erde. Erstaunen kam erst in ihr auf, als sie mit dem uralten Wesen der Insel selbst in Zwiesprache treten konnte und ganz wach wurde sie, als die Erde sie mit sich nahm und sie, wie durch ein Loch im Boden, plötzlich fiel und fiel... und fiel.
Erst als der Fall endlos zu werden schien, fing sie etwas auf, wie ein Mutter, die das lachende Kind wirbelte, nur um es doch nie ganz aus den Händen gleiten zu lassen. Blinzelnd wagte sie die Augen zu öffnen und sah sich andächtig staunend um. Die Erde hatte tief unter der Oberfläche weitere Gesichter, neue Schichten und unbekannte Seiten. Ein dunkler und dennoch warmer Ort voller ausladender Wälder, deren Farben in dunklen Erdtönen rot und braun leuchteten, tat sich vor ihr auf und ein einziger Pfad schien sie voran zu führen.
„Bist du bereit diesem Wege zu folgen?“
Sie bejahte, aber ehe sie gewahr wurde, was sie da noch plapperte, glitt eine weitere Wahrheit über ihre Lippen.
„Ich vermisse das Leben, das Licht, das Grün der Wälder...“
Die Erde verstand und doch war es am Ende, nach dem leisen innigen Gespräch zwischen Hexe und Element, noch immer an Hanna den Weg zu gehen um ganz zu begreifen und innerlich zu reifen. Schritt für Schritt begriff sie, wie sehr ihr Herz sich dem eigenen Wesen, dem Wirken und den Elementen geöffnet hatte. Sie definierte Familie, Zuhause und Einsamkeit neu und jubilierte innerlich, dass gerade Letztere kein Teil ihres Pfades war, denn nicht nur ließ sie die mütterliche Erde nicht alleine, sie gab ihr einen bildlichen Teil ihrer Selbst mit – ein Elementar, welches Hanna sanft und sicher durch die dunklen Gänge führte. Hand in Hand wie zwei Kinder schritten sie voran... und dann wiederum waren sie beide genau das, der Erdenmutter Kinder und Teil ihres Wesens.
„Ich vermag das Leben zu schützen und zu nähren. Aber... alleine... bin ich nur Stein.“
Auch jene Erkenntnis verfehlte ihre Wirkung nicht und die Worte des geliebten Elements keimten in Hannas Herz. Ja, sie alle waren alleine klein und gemeinsam konnten sie großes vollbringen. Dies traf nicht nur auf die Erde und ihre Kinder zu, sondern auch auf das, was sie in wenigen Stunden schaffen wollten. Still kamen das Erdelementar und das Mädchen vor einem Tor zum stehen, welches von Staub dicht bedeckt war.
„Wenn du durch dieses Tor gehst, Kind, dann liegt ein weiterer Weg vor dir. Du wirst weiter lernen müssen, wirst dich mit meinen Geschwistern vertraut machen müssen...“
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/AufstiegzumS2.jpg[/img]
Dies wollte sie gerne versprechen. Nicht nur hatte sie bei Fehltritten und Verirrungen immer einen Ort, eine Heimat, an welche sie zurückkehren konnte um Trost zu finden und neuen Mut zu schöpfen, sie wusste zudem, dass die gleiche Regel der großen Einigkeit auch auf die Elemente zutraf. Als sie ihr Versprechen gab, rankten die gleichen grünen Schlingen am Tor entlang und öffneten es. Lachend gab das Elementar der verklärt lächelnden Hexe einen Schubs und sie schritten gemeinsam hindurch, die Probe war bestanden, es war an der Zeit das Wunderland zu verlassen. Der Aufstieg zur Oberfläche war ein wilder Tanz im Wirbel, welcher sie schütteln und rütteln wollte, doch hielten starke Arme – Die des Erdelementars? Der Erdenmutter selbst? - Hanna sanft umfangen und sorgten dafür, dass sie sich wenige Augenblicke später wohlbehalten neben dem Kristall fand. Ein leises, lachendes Beben der Erde, dann war sie still, doch nie fern und Hanna spürte wie das Lied in ihr lauter, heller, verständlicher und klarer klang. Ja, der Schritt durch die Pforte war getan, nun galt es den Weg bis zur nächsten zu finden.
Doch war sie nicht alleine, sie träumten gemeinsam und das war wunderbar!
- Hannas Tanz auf dem Vulkan -
Der Pilzbrei, bitter und gallig im Mund, entfaltete unglaublich rasch seine Wirkung und schnell wusste sie nicht mehr, ob sie nun die sichtbare Welt oder den bunten Klang des Liedes erblickte. Grenzen verschwammen und zogen sie tiefer in die Liedmelodien hinein, machten sie blind und taub für das Geschehen um ihnen herum. Zu fünft standen sie im Kreise, den Kristall im Fokus und riefen aus tiefstem Seelenfunken die Elemente um Beistand an. Hier, im flirrenden Wirbel, im Ewigkeitsklang gab es nur den Kreis, den Kristall und die fünf Brüder und Schwestern. Medren, welcher die züngelnden Flammen der Erde zu einem Band webte, Vanya, die das klare Wasser zu einem dichten Strang verband, Diomedes, der die wabernden Hauchstreifen der Luft zu einem Seil band und sie, Hanna, welche aus der Erde Wurzeln und des Waldes Lebensranken eine dichte Bordüre knüpfte. All jene Webereien kamen in der Mitte, am Kristallglimmen, zusammen und es war Majalins Aufgabe die starken Bänder recht mit der kristallinen Struktur zu verbinden und jene zu dirigieren. Über und unter ihnen wachte Vefa, mit der Insel fest verbunden.
Sie war so auf das Knüpfwerk im Lied fixiert, dass Hanna die Feuerwesen erst bemerkte, als ein gleißender Schmerz ihren rechten Arm durchzuckte. Haut schrie nach Kühlung, Stoff schmorte und doch kam nicht einmal ein Wimmern über ihre Lippen, als der Geist sich sofort wieder dem Werke zuwandte.
Es war an Lucien und Tristan für einen ungestörten Ablauf des Rituals zu sorgen und doch hätte Hanna entsetzt aufgeschrien, hätte sie gewusst wie verzweifelt und tapfer beide mit dem beißenden Feuer, welches den Atem zuschnürte, die Rüstung aufglühen ließ und Haut wie Haar gleichermaßen malträtierte, zu kämpfen hatten, nur um den Fünfen im Kreis die Konzentration zu erhalten. Doch der Ansturm der feurigen Wesen nahm kein Ende, riss Vanya zu Boden und in den wenigen Augenblicken, in welchen diese trotzend mit dem Bewusstsein kämpfte, ruderten sie gewaltig, strauchelten und taumelten, versuchten nunmehr zu dritt vier Elemente gen Majalin zu lenken. Gerade als Hannas Kraft zu schwinden begann, stand die Schwester wieder und obwohl ihr Klang verzerrt tönte und von Schmerz sprach, nahm sie ihr Wirken wieder auf. Die Zuversicht wuchs, Majas lenkende und leitende Hand machte sich auf die letzten Griffe bereit, als eine ungeheuerliche Präsenz durch den Nebel des Pilzrausches drang und Hanna teilweise in das sichtbare Diesseits zurück katapultierte... der Lavageist war erschienen.
[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Hannerl/Feuergeist.jpg[/img]
Mit Engelszungen und sowohl tapferen, als auch aufopfernden Herzen traten ihm die beiden Kämpfer in den Weg, versuchten ihn mit Schlafliedern, Überredungen und schlichter Entschlossenheit zu trotzen, doch gierte grausige Genugtuung aus dem wütenden Geist und schrie regelrecht nach Vergeltung. Die Hitze am Kristall wurde unerträglich und brannte sogar auf den geschlossenen Lidern, riss an der zarten Haut über den Lippen, versengte feine Härchen. Als das glühende Wesen zu Majalin und dem pulsierenden, gleißenden Kristall herabstürzte, ließ diese das Lied frei... ein kurzes Aufbäumen, der Geist brach zusammen und mit einem ohrenbetäubenden Knall und Tosen brach alles auseinander, drückte Hanna gegen den Erdenfels und die Welt wurde schwarz...
Als sie wieder zu sich kam, schlummerte sie im Lied und neben ihr Majalin, deren Funke ein sterbendes, inneres Flackern war, verzehrt, verletzt und ausgelaugt. Von irgendwoher drangen Rufe, Bitten, erklangen andere Melodien. Es dauerte etwas, bis Hanna verstand, dass sie innerhalb des schützenden Erdkokons nichts für Maja tun konnte und schweren Herzens glitt sie hinaus, ließ den Platz ganz der Schwester, nur im stillen Beistand der anderen Brüder und Schwester zu erlangen. Dass Majalin eine geraume Zeit später auch die Augen blinzelnd aufschlug, lag nicht zuletzt am belebenden Kuss der Erdenmutter, doch auch an Majas eisernen Willen und der Kraft jener, die sie nicht aufgaben und sie sowohl im Lied, als auch in der sichtbaren Welt umsorgten.
Mit ihrem Augenaufschlag und dem Wissen, dass sie alle entkräftet, doch keiner verloren war, veränderte sich die Welt. Tränen flossen, der Atem wurde leichter und süß und er kostete ein wenig nach Triumph, Vollkommenheit und wahrem Frühling.
Die Natur bedankte sich, hör- und sichtbar, blühte auf und strahlte in einer Farbenpracht, die trotz der Nachtdunkelheit das Auge glitzernd erreichte. Sie hatten es geschafft, hatten gesiegt und und obwohl Hanna nicht wusste, was der neue Tag oder die kommenden Jahre bringen würden, lachte sie dem erwachenden Leben entgegen,
denn sie war nicht alleine, sie träumten gemeinsam und das war wunderbar!
- Hanna über dem Regenbogen -
Manchmal braucht es vielleicht keine Worte, doch meist mehr als nur eine Geste, um der zitternden Seele Gewissheit zu geben und seltsamerweise ist es oft der kühle Geist, der das Herz, welches laut und verstehend schlägt, immer wieder in seine Schranken weist.
Besonders ungerecht kann er werden, wenn man selbst schon lange genug braucht, um die pochende Melodie des Herzens zu verstehen und dann noch mit sich zaudert und hadert, ehe man sich eingesteht, was die gleichermaßen feurig heißen wie eiskalten Blitze durch den Leib jagt, jene heftigen, kurzen Phänomene, die ein leichtes Schwebegefühl im Bauch hervorrufen.
Ja, das ist der innigen Zuneigung Keim, doch selbst jene, die ihn kennen und somit erkennen müssten, verschließen sich seiner, wenn sie ihn spüren, denn Liebe kann Schmerz bedeuten und es erscheint doch so unendlich leicht sich dann der Gefahr einer innerlichen Qual nicht auszusetzen, oder?
Seltsam, ja wie bereits gesagt, höchst seltsam, dass es auch nach dieser Überwindung dauern kann, bis das sehnsüchtige Herz in schwankender Seenot die leuchtenden Signale in der Ferne versteht.
Ein Lächeln war es zuerst, ein direktes Lächeln, welches die Umgebung abzuschirmen schien und ihr zum unbezahlbaren Geschenk gemacht wurde... doch senkte mit klopfendem Herzen den Kopf.
Es folgten viele warme, stille Blicke, die durch die Haut zu dringen schienen und ihre Seele sanft berührten... doch wandte sie sich errötend ab.
Gesten kamen nicht zu knapp, mal ein galant dargebotener Arm, eine Hand, die sie führte, ein verschmitzt-vertrauliches Zwinkern... doch reagierte sie wahlweise hölzern oder spielte die aufkeimende Flamme nonchalant wieder herab.
Warum, Hanna?
Unglaube? Verwirrung? Angst vor falschen Schritten? Misstrauen in die eigene Wahrnehmung? Unsicherheit? Überforderung?
Alles auf einmal!
Ein Glück jedoch, dass es Momente gibt, in denen der Geist zu müde ist, um zu überlegen und zu grübeln, denn dann schlägt das Herz so innig, dass es den Ton und Rhythmus angibt.
Ein Lächeln, noch von Sorge und Erleichterung sowie Glückseligkeit fein gezeichnet... und sie konnte es strahlend erwidern.
Die dargebotene Hand, bereit sie auf die Beine zu ziehen, zu stützen und zu leiten... und sie nahm sie dankbar an, ohne zu zögern.
Ein sanftes Heranziehen, Nähe spüren, verstohlene Umarmung, erkennende Blicke und obwohl ihr dabei noch immer vor Staunen die Luft weg blieb, war es ihre Hand, die kurz vor dem Eintauchen in die Welt des Schlafes seine suchte und ergriff.
Nah beieinander schlummern zwei Herzen und träumen tief in einer anderen Welt versunken einen zauberhaften Traum...
und in jenem sind sie nicht alleine, denn sie träumen gemeinsam und das ist wunderbar!
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Sonntag 20. März 2011, 02:04, insgesamt 1-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
Wie war mein Dasein abgeschlossen,
Als ich im grün umhegten Haus
Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen
Noch träumt in den Azur hinaus.
Ein Weiler auf einer Waldlichtung.
Umringt von einem prächtigen Mischwald, der mit all seinen kleinen Zaubern, seinen versteckten Felsresten, von Moosflechten berührt und den Waldwesen bewohnt, seinen trüben Seen, grünlich-braun, von Fröschen besungen und mit schwimmenden Rosen gekrönt, seinen uralten Baumgruppen, tuschelnde, wispernde Vertraute, den Wundern aus vergangenen Zeiten, dem Übergang zur Anderswelt und Märenebene.
Ein Weiler, drei Haupthäuser, zwei kleinere Bauten. Drei Familien, ein Name: Radenbruck.
So war es schon immer gewesen und sie, die Hanna von damals, war nur ein Teil gewesen.
Als keinen Blick ich noch erkannte,
Als den des Strahles durchs Gezweig,
Die Felsen meine Brüder nannte,
Schwester mein Spiegelbild im Teich.
Ein Teil dieser Hanna begleitete sie immer und war ihr so nahe, so präsent, so greifbar, wie nie zuvor. Es war jener Teil, den sie mit Hingabe „Waldfreund“ nannte und welcher ihr den Spottnamen „Koboldkind“ einbrachte, den sie nie recht als solche Schimpf und Schande wahrhaben konnte. Denn immerhin stimmte er doch. Es war ihrer beide Erbe, Hannas und auch Magdas unsichtbares Band, welches sie auch den geliebten Vater hatte finden lassen: Arulius.
Nicht rede ich von jenen Jahren,
Die dämmernd uns die Kindheit beut;
Nein, so verdämmert und zerfahren
War meine ganze Jugendzeit.
Doch war das Sehnen, die Liebe zur Natur und das leise Flüsterrufen des Waldes nur ein stets herbeigesehntes Spiel, ein Abtauchen in eine andere Welt, die sie sanft aus einem grauen Alltag voller dräuender Schatten hob und das Herz aufgehen ließ. Das Spiel eines Kindes, selbst als sie bereits fünfzehn Sommer zählte noch. Ein kleines Spiel für die begriffsstutzige Hanna, während Magda doch längst begriffen hatte.
Mir war, als habe in den Noten
Sich jeder Ton an mich verwirrt,
Sich jede Hand, die mir geboten,
Im Dunkel wunderlich verirrt.
Als Magda gegangen war, begann die Nacht herein zu brechen. Knapp ein Jahr vor ihrem Verschwinden hatte die Familie erst mit der „Oswald-Sache“ zu kämpfen gehabt. Man sprach nur hinter vorgehaltener Hand darüber und auch wenn sie ihren Vetter bis zum Zeitpunkt seiner Verbannung innig geliebt hatte, zumindest so, wie man einen zehn Jahre älteren Vetter eben liebte, so fürchtete sie diesen nun, nach dem von Schluchzern zerissenen Bekenntnis seiner kleinen Schwester Lotte. Sie hatte es gesehen, mit eigenen Augen gesehen, das worüber man nicht mehr sprach auf dem Weiler. Nun war auch noch Magda fort, Hannas Tage damit unseliger und das Lied, welches sie unbewusst wohl immer vernommen hatte, drang verworren und dumpf verzerrt, wenn überhaupt noch, an sie heran. Zeit sich einzuigeln und eine Entscheidung zu treffen. Bleiben und vergessen oder....
Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen,
Wie nie vor einem Menschenohr,
Und meine Träne ließ ich fallen,
Die heiße, in den Blumenflor.
Ein Schritt war also getan, der Ruf hatte die Lippen verlassen und dennoch gab es so viel mehr zu verstehen, zu begreifen. Sie hatte wirklich viel geweint und die meisten Tränen waren vermutlich unnötig geflossen, denn ihr Wesen war nach dem langen Wandeln in der Dunkelheit verstockt, ängstlich und jämmerlich unterwürfig. Lebe, Hanna, lebe – geh deinen Weg, suche und finde jene, die du für dieses Leben brauchst. Vertraute, verwandte, geliebte Seelen. Aber es ist nicht leicht für ein naives, ungeschliffenes Mädchen Pfade zu finden und diesen dann auch mit Mut im Herzen zu folgen. Wer weiß, wo sie gelandet wäre, hätte sie nicht etwas geführt und wäre der Preis an den jeweiligen Wegabschnittszielen nicht so unendlich kostbar gewesen.
Und alle Pfade mußt' ich fragen:
Kennt Vögel ihr und Strahlen auch?
Doch keinen: wohin magst du tragen?
Von welchem Odem schwillt dein Hauch?
Diese, Seelen, mal menschlich und dann wieder nicht einmal annähernd menschenähnlich, aus welchen sie Kraft schöpfte und deren Herzen ihr zugetan waren, hatten sie zu dem gemacht, was sie nun war und den Pfad hatte man gemeinsam gesucht. Vom Beginn der Pfadsucherei bis zum festen Schritt auf einem steinigen Boden, hinter dessen scharfen Biegungen ungewisse Zukunftstage warteten, hatten sie zwei Stützen getragen.
Eine aus Blut geformt: ihre Familie.. oder zumindest das, was davon hier, weit entfernt von Buchenbühl und dem alten Weiler Radenbruck noch übrig war. Amalia und Wieland, die ihr die großen Geschwister waren und sie als ihr Mündel; Tulena deren frische und fröhliche Art alle Gemüter belebte und dann natürlich Magda, ihr Zwilling, ihr zweiter Seelenteil.
Die Andere aber aus dem Lied gebildet: die Schwesternschaft und damit Namen, die ihr mehr als nur ein Bild waren. Cara, ohne welche sie nicht einmal den ersten Schritt gewagt hätte. Vanya, deren ruhige Besinnung und Weisheit trotz junger Jahre ihr ein güldenes Vorbild waren. Selene, Wind und Wirbel im Ganzen, mal frisch mal nicht zu bremsen, sie lockte selbst Hanna aus ihrem schützenden Nest. Vefa, die sie alle wie eine Mutter beschützte und liebte und dann ihr „anderer“ Zwilling – Majalin, Schwester im Liede, gewählt vom Herzen, Melodie die ihrer glich und doch so verschieden war wie es nur bei Zwillingen, die nicht wie ein Ei dem anderen glichen, der Fall war.
Wie ist das anders nun geworden,
Seit ich ins Auge dir geblickt!
Wie ist nun jeder Welle Borden
Ein Menschenbildnis eingedrückt!
Zugestanden hatte sie sich alles, als sie ihn gefunden hatten... Arulius, Vater.
Der Mensch, welcher ihr bis dahin sowohl Traumgestalt als auch böser Alp gewesen war. Die Verkörperung der beiden Seelen in ihrer Brust, der welcher die Waagschale mit Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Schatten in den Händen hielt. Dabei war es so lange neben ihr gewesen und sie hatten sich beide längst geschätzt und behütet, ohne über das unzertrennliche Band von Vater und Tochter zu wissen, welches sie auf ewig verknüpfte und seit dem Tage ihrer Zeugung bestanden hatte. Nun allerdings schätzte sie ihn nicht mehr, sie liebte ihn, ihren Vater und auch den heimlichen Bruder, welchen er mit sich brachte: Medren.
Wie fühl' ich allen warmen Händen
Nun ihre leisen Pulse nach,
Und jedem Blick sein scheues Wenden,
Und jeder schweren Brust ihr Ach!
Es waren jene, die mit ihr die Pfade immer ein Stück weit gegangen waren, sie begleitet und somit auch geformt hatten, welche ihr genug frischen Mut und Selbstvertrauen eingehaucht hatten, um die Gesichter um sich herum als solche auch wieder wahrzunehmen. Seltsam... dabei wusste sie nicht einmal, wann sie denjenigen, der nun diesen besonderen, bislang unbehaglich leeren Platz im Herzen, gefüllt hatte. Der Platz, der sich nach Blicken sehnte, nach bestimmten Worten still lauschte und nach Berührung geradezu schrie. Nein, sie konnte nicht genau sagen, wann dieser Platz gefüllt wurde, doch wusste sie, dass es wegen genau diesem jetzt in ihr jubilierte und das war doch alles was zählte.
Momentaufnahmen...
Ein Ruck an meiner Hand. Frage nicht, folge nur. Das hat noch nicht einmal etwas mit Vertrauen zu tun, sondern mit stummem Verstehen und, sei ehrlich Hanna, du hast doch beinahe schon in diesem Augenblick gewusst... gehofft was folgen würde.
Es können noch hunderte Umarmungen kommen, doch immer wenn er mich in die Arme schließt, wird er mich auch dann noch überraschen und überrumpeln, weil ich's nicht fassen kann – das Glück, das mir zuteil wurde. Doch hat er diesen Moment der Zweisamkeit gekrönt, gänzlich versüßt und mir von der Seele gewaschen, was noch als dumpfe Erinnerung an vergangene, begrabene „Gefühlsleichen“ irgendwo dort sein Unwesen trieb. Worte reichen nicht aus, um das Lied zu beschreiben, welches meines Herzens Einklang verkündete in jenem Augenblick.
Grausam nur, dass diese Momente zuerst so wirken, als habe man sich an der Sanduhr der Welt zu schaffen gemacht, nur um für zwei Menschen die Zeit anzuhalten, wenn sie dann doch viel, viel... vieeel zu schnell vergehen. Flatternd und davon schwirrend, wie eine Motte dem Licht entgegen. Was wären wir nur ohne die zuckersüße Erinnerung an solche Augenblicke und so ist es auch jetzt, dass, wenn ich meine Augen schließe und in dieser einen Erinnerung verweile, ich die Lippen auf den meinen spüre...
Und alle Pfade möcht' ich fragen:
Wo zieht ihr hin? wo ist das Haus,
In dem lebend'ge Herzen schlagen,
Lebend'ger Odem schwillt hinaus?
Eine alte Weisheit besagt: im Einklang sein heißt trotz der Anfangssilbe „ein“ ganz gewiss nicht alleine sein.
Familie durchs Blute, Schwestern und Brüder im Liede, Freunde und geliebte Seelen die das Herz wählte... was wäre ich ohne euch?
Entzünden möcht' ich alle Kerzen
Und rufen jedem müden Sein:
Auf ist mein Paradies im Herzen,
Zieht alle, alle nun hinein!
(Gedicht: A.v. Droste-Hülshoff)
Als ich im grün umhegten Haus
Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen
Noch träumt in den Azur hinaus.
Ein Weiler auf einer Waldlichtung.
Umringt von einem prächtigen Mischwald, der mit all seinen kleinen Zaubern, seinen versteckten Felsresten, von Moosflechten berührt und den Waldwesen bewohnt, seinen trüben Seen, grünlich-braun, von Fröschen besungen und mit schwimmenden Rosen gekrönt, seinen uralten Baumgruppen, tuschelnde, wispernde Vertraute, den Wundern aus vergangenen Zeiten, dem Übergang zur Anderswelt und Märenebene.
Ein Weiler, drei Haupthäuser, zwei kleinere Bauten. Drei Familien, ein Name: Radenbruck.
So war es schon immer gewesen und sie, die Hanna von damals, war nur ein Teil gewesen.
Als keinen Blick ich noch erkannte,
Als den des Strahles durchs Gezweig,
Die Felsen meine Brüder nannte,
Schwester mein Spiegelbild im Teich.
Ein Teil dieser Hanna begleitete sie immer und war ihr so nahe, so präsent, so greifbar, wie nie zuvor. Es war jener Teil, den sie mit Hingabe „Waldfreund“ nannte und welcher ihr den Spottnamen „Koboldkind“ einbrachte, den sie nie recht als solche Schimpf und Schande wahrhaben konnte. Denn immerhin stimmte er doch. Es war ihrer beide Erbe, Hannas und auch Magdas unsichtbares Band, welches sie auch den geliebten Vater hatte finden lassen: Arulius.
Nicht rede ich von jenen Jahren,
Die dämmernd uns die Kindheit beut;
Nein, so verdämmert und zerfahren
War meine ganze Jugendzeit.
Doch war das Sehnen, die Liebe zur Natur und das leise Flüsterrufen des Waldes nur ein stets herbeigesehntes Spiel, ein Abtauchen in eine andere Welt, die sie sanft aus einem grauen Alltag voller dräuender Schatten hob und das Herz aufgehen ließ. Das Spiel eines Kindes, selbst als sie bereits fünfzehn Sommer zählte noch. Ein kleines Spiel für die begriffsstutzige Hanna, während Magda doch längst begriffen hatte.
Mir war, als habe in den Noten
Sich jeder Ton an mich verwirrt,
Sich jede Hand, die mir geboten,
Im Dunkel wunderlich verirrt.
Als Magda gegangen war, begann die Nacht herein zu brechen. Knapp ein Jahr vor ihrem Verschwinden hatte die Familie erst mit der „Oswald-Sache“ zu kämpfen gehabt. Man sprach nur hinter vorgehaltener Hand darüber und auch wenn sie ihren Vetter bis zum Zeitpunkt seiner Verbannung innig geliebt hatte, zumindest so, wie man einen zehn Jahre älteren Vetter eben liebte, so fürchtete sie diesen nun, nach dem von Schluchzern zerissenen Bekenntnis seiner kleinen Schwester Lotte. Sie hatte es gesehen, mit eigenen Augen gesehen, das worüber man nicht mehr sprach auf dem Weiler. Nun war auch noch Magda fort, Hannas Tage damit unseliger und das Lied, welches sie unbewusst wohl immer vernommen hatte, drang verworren und dumpf verzerrt, wenn überhaupt noch, an sie heran. Zeit sich einzuigeln und eine Entscheidung zu treffen. Bleiben und vergessen oder....
Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen,
Wie nie vor einem Menschenohr,
Und meine Träne ließ ich fallen,
Die heiße, in den Blumenflor.
Ein Schritt war also getan, der Ruf hatte die Lippen verlassen und dennoch gab es so viel mehr zu verstehen, zu begreifen. Sie hatte wirklich viel geweint und die meisten Tränen waren vermutlich unnötig geflossen, denn ihr Wesen war nach dem langen Wandeln in der Dunkelheit verstockt, ängstlich und jämmerlich unterwürfig. Lebe, Hanna, lebe – geh deinen Weg, suche und finde jene, die du für dieses Leben brauchst. Vertraute, verwandte, geliebte Seelen. Aber es ist nicht leicht für ein naives, ungeschliffenes Mädchen Pfade zu finden und diesen dann auch mit Mut im Herzen zu folgen. Wer weiß, wo sie gelandet wäre, hätte sie nicht etwas geführt und wäre der Preis an den jeweiligen Wegabschnittszielen nicht so unendlich kostbar gewesen.
Und alle Pfade mußt' ich fragen:
Kennt Vögel ihr und Strahlen auch?
Doch keinen: wohin magst du tragen?
Von welchem Odem schwillt dein Hauch?
Diese, Seelen, mal menschlich und dann wieder nicht einmal annähernd menschenähnlich, aus welchen sie Kraft schöpfte und deren Herzen ihr zugetan waren, hatten sie zu dem gemacht, was sie nun war und den Pfad hatte man gemeinsam gesucht. Vom Beginn der Pfadsucherei bis zum festen Schritt auf einem steinigen Boden, hinter dessen scharfen Biegungen ungewisse Zukunftstage warteten, hatten sie zwei Stützen getragen.
Eine aus Blut geformt: ihre Familie.. oder zumindest das, was davon hier, weit entfernt von Buchenbühl und dem alten Weiler Radenbruck noch übrig war. Amalia und Wieland, die ihr die großen Geschwister waren und sie als ihr Mündel; Tulena deren frische und fröhliche Art alle Gemüter belebte und dann natürlich Magda, ihr Zwilling, ihr zweiter Seelenteil.
Die Andere aber aus dem Lied gebildet: die Schwesternschaft und damit Namen, die ihr mehr als nur ein Bild waren. Cara, ohne welche sie nicht einmal den ersten Schritt gewagt hätte. Vanya, deren ruhige Besinnung und Weisheit trotz junger Jahre ihr ein güldenes Vorbild waren. Selene, Wind und Wirbel im Ganzen, mal frisch mal nicht zu bremsen, sie lockte selbst Hanna aus ihrem schützenden Nest. Vefa, die sie alle wie eine Mutter beschützte und liebte und dann ihr „anderer“ Zwilling – Majalin, Schwester im Liede, gewählt vom Herzen, Melodie die ihrer glich und doch so verschieden war wie es nur bei Zwillingen, die nicht wie ein Ei dem anderen glichen, der Fall war.
Wie ist das anders nun geworden,
Seit ich ins Auge dir geblickt!
Wie ist nun jeder Welle Borden
Ein Menschenbildnis eingedrückt!
Zugestanden hatte sie sich alles, als sie ihn gefunden hatten... Arulius, Vater.
Der Mensch, welcher ihr bis dahin sowohl Traumgestalt als auch böser Alp gewesen war. Die Verkörperung der beiden Seelen in ihrer Brust, der welcher die Waagschale mit Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Licht und Schatten in den Händen hielt. Dabei war es so lange neben ihr gewesen und sie hatten sich beide längst geschätzt und behütet, ohne über das unzertrennliche Band von Vater und Tochter zu wissen, welches sie auf ewig verknüpfte und seit dem Tage ihrer Zeugung bestanden hatte. Nun allerdings schätzte sie ihn nicht mehr, sie liebte ihn, ihren Vater und auch den heimlichen Bruder, welchen er mit sich brachte: Medren.
Wie fühl' ich allen warmen Händen
Nun ihre leisen Pulse nach,
Und jedem Blick sein scheues Wenden,
Und jeder schweren Brust ihr Ach!
Es waren jene, die mit ihr die Pfade immer ein Stück weit gegangen waren, sie begleitet und somit auch geformt hatten, welche ihr genug frischen Mut und Selbstvertrauen eingehaucht hatten, um die Gesichter um sich herum als solche auch wieder wahrzunehmen. Seltsam... dabei wusste sie nicht einmal, wann sie denjenigen, der nun diesen besonderen, bislang unbehaglich leeren Platz im Herzen, gefüllt hatte. Der Platz, der sich nach Blicken sehnte, nach bestimmten Worten still lauschte und nach Berührung geradezu schrie. Nein, sie konnte nicht genau sagen, wann dieser Platz gefüllt wurde, doch wusste sie, dass es wegen genau diesem jetzt in ihr jubilierte und das war doch alles was zählte.
Momentaufnahmen...
Ein Ruck an meiner Hand. Frage nicht, folge nur. Das hat noch nicht einmal etwas mit Vertrauen zu tun, sondern mit stummem Verstehen und, sei ehrlich Hanna, du hast doch beinahe schon in diesem Augenblick gewusst... gehofft was folgen würde.
Es können noch hunderte Umarmungen kommen, doch immer wenn er mich in die Arme schließt, wird er mich auch dann noch überraschen und überrumpeln, weil ich's nicht fassen kann – das Glück, das mir zuteil wurde. Doch hat er diesen Moment der Zweisamkeit gekrönt, gänzlich versüßt und mir von der Seele gewaschen, was noch als dumpfe Erinnerung an vergangene, begrabene „Gefühlsleichen“ irgendwo dort sein Unwesen trieb. Worte reichen nicht aus, um das Lied zu beschreiben, welches meines Herzens Einklang verkündete in jenem Augenblick.
Grausam nur, dass diese Momente zuerst so wirken, als habe man sich an der Sanduhr der Welt zu schaffen gemacht, nur um für zwei Menschen die Zeit anzuhalten, wenn sie dann doch viel, viel... vieeel zu schnell vergehen. Flatternd und davon schwirrend, wie eine Motte dem Licht entgegen. Was wären wir nur ohne die zuckersüße Erinnerung an solche Augenblicke und so ist es auch jetzt, dass, wenn ich meine Augen schließe und in dieser einen Erinnerung verweile, ich die Lippen auf den meinen spüre...
Und alle Pfade möcht' ich fragen:
Wo zieht ihr hin? wo ist das Haus,
In dem lebend'ge Herzen schlagen,
Lebend'ger Odem schwillt hinaus?
Eine alte Weisheit besagt: im Einklang sein heißt trotz der Anfangssilbe „ein“ ganz gewiss nicht alleine sein.
Familie durchs Blute, Schwestern und Brüder im Liede, Freunde und geliebte Seelen die das Herz wählte... was wäre ich ohne euch?
Entzünden möcht' ich alle Kerzen
Und rufen jedem müden Sein:
Auf ist mein Paradies im Herzen,
Zieht alle, alle nun hinein!
(Gedicht: A.v. Droste-Hülshoff)
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Hanna Radenbruck
Bleiche Gesichter, welche sich um eine stille Gestalt, gewickelt in kalkweiße Leinendecken und blütenreine Bandagen, versammelt hatten. Bleiche Gesichter, deren Augen glasig wirkten und doch und verräterisch tränenfeucht glitzerten. Bleiche Gesichter, die trotz alledem noch lange nicht so käsig und kreidefarben waren, wie das der einen in der Mitte. Jene ruhte schweigend, die Augen fest geschlossen und nur die flache, leise Atmung, mit welcher das Heben und Senken der Brust einherging, verriet, dass die eine noch lebte – und das verdankten sie den wenigen helfenden Händen, die sofort an Ort und Stelle waren. Der Beistand jener guten Seelen, welche die Käsige aus den Pantherklauen, die sie zu zerfetzen drohten, gerettet und danach versorgt hatten, war es, welcher Hoffnung, einer dünnen Linie aus warmen Licht gleich, in die bleichen Gesichter zeichnete... aber auch Vorwürfe tief im Herzen der Bleichen aufwirbelte, wie Kinder es im Herbst zu gerne mit den frischen Laubhaufen machten.
Die erste Bleiche, eine hübsche Frau mit haselnuss-hellbraunen, langen Haaren und Augen wie der junge Sommerhimmel, hörte eine zischelnde, quälende Stimme im Inneren, die ihr aufbinden wollte, dass doch sie mehr auf die junge Schwägerin hätte Acht geben müssen, dass sie sowieso zu viele Geheimnisse für sich derzeit behielt und begrabene Gefahren waren doch meist die Schlimmsten, nicht wahr?
Sie versuchte die Stimmen zu erdrücken, indem sie wie ein gedemütigtes Lasttier schuftete und vom ersten Morgengrauen bis zu den Stunden der späten Sterne auf dem Feld verbrachte.
Der andere Bleiche, ein etwa gleichaltriger Mann, dessen sandige Haarsträhnen nach dem Kummer die ersten schlohfarbenen Haare zeigten, blieb so lange am Bett der Käsigen, bis die anderen beiden Bleichen ihn zwangen ins Freie zu gehen und Luft zu schnappen – er vergalt es ihnen, indem er sich von da an jeden Augenblick der Tagesstunden dem Weilerbau widmete und die Nächte weiterhin nicht vom Krankenbett der Liebsten wich.
Die Dritte im Bunde... nunja, jene schirmte sich mitsamt der Käsigen ab und begann zu arbeiten.
Rührte emsig Wundsalben, wusch klaffende Schnitte frei von frischem Eiter, schmierte Pasten, träufelte Tinkturen und wurde nicht müde frische, kalte Wickel und neuen, heißen Tee zu besorgen.
All das im Diesseits.
Anderswo, dort wo die Farben flirrende, mannigfaltige Melodien und atemraubende Düfte, wilde Berührungen und heftiger Geschmack sein können – in einer Wahrnehmung, die alles und nichts bedeuten konnte, verweilte sie stets an der Seite der Verletzten, schöpfte tief von alledem und webte... knüpfte... verband Zerrissenes und dies für lange, lange Zeit.
Die erste Bleiche, eine hübsche Frau mit haselnuss-hellbraunen, langen Haaren und Augen wie der junge Sommerhimmel, hörte eine zischelnde, quälende Stimme im Inneren, die ihr aufbinden wollte, dass doch sie mehr auf die junge Schwägerin hätte Acht geben müssen, dass sie sowieso zu viele Geheimnisse für sich derzeit behielt und begrabene Gefahren waren doch meist die Schlimmsten, nicht wahr?
Sie versuchte die Stimmen zu erdrücken, indem sie wie ein gedemütigtes Lasttier schuftete und vom ersten Morgengrauen bis zu den Stunden der späten Sterne auf dem Feld verbrachte.
Der andere Bleiche, ein etwa gleichaltriger Mann, dessen sandige Haarsträhnen nach dem Kummer die ersten schlohfarbenen Haare zeigten, blieb so lange am Bett der Käsigen, bis die anderen beiden Bleichen ihn zwangen ins Freie zu gehen und Luft zu schnappen – er vergalt es ihnen, indem er sich von da an jeden Augenblick der Tagesstunden dem Weilerbau widmete und die Nächte weiterhin nicht vom Krankenbett der Liebsten wich.
Die Dritte im Bunde... nunja, jene schirmte sich mitsamt der Käsigen ab und begann zu arbeiten.
Rührte emsig Wundsalben, wusch klaffende Schnitte frei von frischem Eiter, schmierte Pasten, träufelte Tinkturen und wurde nicht müde frische, kalte Wickel und neuen, heißen Tee zu besorgen.
All das im Diesseits.
Anderswo, dort wo die Farben flirrende, mannigfaltige Melodien und atemraubende Düfte, wilde Berührungen und heftiger Geschmack sein können – in einer Wahrnehmung, die alles und nichts bedeuten konnte, verweilte sie stets an der Seite der Verletzten, schöpfte tief von alledem und webte... knüpfte... verband Zerrissenes und dies für lange, lange Zeit.
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Samstag 4. Juni 2011, 22:06, insgesamt 1-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
Er kam nicht, der Schlaf.
Wie ein grollender Geliebter blieb er ihr fern und schickte stattdessen seinen bösen Zwilling, der keinen Namen hatte, sondern nur als Zustand definiert galt: irgendetwas zwischen wach und schlaflos dösen, während sich im Kopf alles mögliche an Gedanken aber auch Empfindungen platzierte und quälend begann alles zu erdrücken oder sich wie ein trostloser, erstickender Ölfilm über die Seele legte.
Es war Letzteres an diesem Tag und sie, die solche Gemüter in ihrem sonnigen Leben nicht kannte, wusste nicht sich zu wehren oder selbst aufzubauen. Hatte keine Ahnung vom tapferen, eigenen „gut zureden“, was das betraf und ruderte schwankend in dem Meer der eigenen Stimmung, welche nie so düster und verzweifelt schien. Es war wohl zu jenem frühen Stadium, dass die Stimmen sich regten. Nicht ihre, oh nein, sie kannte diese Stimmen nicht. Teilweise gehörten sie, so sie das richtig einschätzen konnte, tatsächlich den Funken der Vernunft und dann wieder waren es Vasallen der Hoffnungslosigkeit oder Herolde der Grausamkeit, welche sie eh allzu gerne in dem schwarzen Etwas ertränkt sehen wollten. Qualvoll nach Luft schnappend und zappelnd, bis keine der ölig-teerfarbenen Blasen mehr aus der Tiefe steigen würden.
Ja, sie versuchte sich zu wehren und doch kam sie nicht umhin den Stimmen zu lauschen und nach einer geraumen Weile blieb sie ihnen auch die Antworten nicht mehr schuldig.
„Na schau einer an, wer bläst da denn Trübsal? Es ist das Kind ohne Gesicht, die immer-lachende Frau, die Farblose. Zerfließt nun allein in Selbstmitleid? Wie dumm, wie dumm. Das braucht es nicht, das weißt du doch. Solltest dich freuen, dass auch dir Sorgen zustehen. Musst sie nur im stillen Kämmerchen herausholen und anschauen, doch dann wieder verstecken. Wie ein kleiner Schatz, ein Kummerschatz.“
Wirres Gelächter tief in ihr und im ersten Moment wusste sie selbst nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Stattdessen entschied sie sich eine Antwort zu geben.
„Sollte ich Kummer haben, so weiß ich das wohl zuerst und wenn er zu groß wird, dann kann ich mir diesen von der Seele reden.“
Stille, dann dröhnte das Lachen mit hellem Amüsement und geifernder Süffisanz wieder auf.
„Kannst du? Dann musst du wohl mit dir selbst reden und welch ein Anblick wäre denn das? Passend, passend. Die arme Irre die mit sich selbst und ihren Sorgen im stillen Kämmerchen schwatzt. Oooh, wie passend. Doch Recht hat sie, denn sonst lauscht nicht einmal die Erde.“
„Das ist nicht wahr. Ich habe viele, die mir zuhören würden...“
„Sag an...“
„Meine Schwestern, allen voran, dann die Brüder und meine Familie, all meine Freunde. Ich bin nicht alleine, das habe ich mehrfach festgestellt.“
Diesmal war das Schweigen gespenstisch und ausgedehnt. Für einen bittersüßen Moment glaubte sie mit ihrem Argument gewonnen zu haben, doch setzten sie da plötzlich erneut ein. Langsam nun, leiser, doch jede Silbe troff vor Hass, Sarkasmus und spottendem Hohn.
„Richtig, du hast ja so viele um dich herum, die du betütteln und aufbauen kannst, nicht wahr? Sie alle fragen dich sicher täglich auch, ob es dir schlecht geht, nicht? Jeder weiß von deinem Kummer, jeder rechnet mit und alle alle alle beugen sich herab und wollen deinen Seelenabfall erfahren, wenn du traurig bist, ja.. jaaaa?“
„Nein, ich...“
„NEIN! Dumme Gans! Du hast eine Rolle und du kennst diese. Warum fragen sie nicht? Warum sind die blind, wenn du seit Wochen Schmerz mit dir trägst. Einige davon kennen genau diesen, haben mit ihm gelebt und Rat gesucht bei dir. Warum fragen sie nun nicht nach? Warum sehen sie es nicht, wenn du die Tränen hinunterschluckst? Warum fragt keiner? Stattdessen kommen sie und haben selber neue Probleme, neues Drama, neue Ängste und Sorgen?
Aaah, du kennst die Antwort, Dummchen.
Weil es deine Rolle ist zu hören, zu lauschen, aufzumuntern. Da ist einfach kein Platz für alles andere und für Verständnis gleich dreimal nicht. Wimmer nicht so elendig wie ein verkrüppelter Wurm. Du wolltest es doch auch nicht anders. Nein nein, du hast dich ja in diese Rolle besser eingelebt als eine Schnecke in ihr Haus. Genauso kriechst du herum, schleppst die Sorgen mit und streckst dich den anderen entgegen. Wer kommt nun, wer lauscht? Niemand.
„Das ist nicht wahr, es gibt da jemanden...“, begann sie erstickt und kam auch nicht viel weiter.
„Jaaaa, den gibt es und den stürzt du nun selber in die Verzweiflung. Ignorantes, dämliches Weib! Schneid die Bindung durch. Vergraul' ihn, sag ihm das, was du dir immer wieder vorbetest. Sag ihm, dass du nie sein wirst, weil ein anderer irgendwann mal war, der dich auch längst vergessen hat... vielleicht hast du ihn sogar vertrieben? Ja, das wird es sein! Es war einfach auch kein Platz für Liebe in deiner Rolle und dann wiederum – wer will denn schon mit einer dummen ewig grinsenden Henne, die andere doch nur beglucken kann, Seite an Seite leben? Hah, einer will und den zerstört deine Zucht und Ordnung, dein sauberes Weltbild, deine brave, langweilige Art.
Du kannst nicht auf die Meinung der Welt pfeifen, du kannst nicht egoistisch sein und dir nehmen, was du magst. Du blöde Kuh ertränkst dich innerlich an Schmerz und leidest lieber statt deine eigenen starrsinnigen Konventionen einzureißen und dem Ego nachzugeben. Opfere dich auf, wie du magst, es passt zu deiner Rolle – doch dann halte die Klappe, denn NIEMAND will von deinem Leiden hören, niemand will es verstehen, dazu bleibt weder Zeit noch Muse und andere Egos müssen gepflegt, gehegt und gefüttert werden.
Nun schwieg sie und merkte nur wie sich ihre Gedanken überschlugen. Sie begann hilflos wie ein kleines Mädchen in der eigenen, dunklen Kammer, alleine im großen Haus zu weinen und sie hasste sich für diesen ätzenden Anfall von Selbstmitleid.
„Ohjajaaa, genau, versinke in einem Meer aus Tränen wie das Gör in deiner Lieblingsgeschichte. Flenne, heule, wimmere ganz herzzerreissend – hören will es keiner, nicht einmal du. Wenn du diese Phase überwunden hast, dann wird die Welt klarer sein und du deine Rolle verstehen, wieder leben. Werde zum nickenden Püppchen mit einem Dauergrinsen in der einfältigen Visage! Drücke all die Gefühle tiefer herab, stech sie nieder, bis sie wieder schweigen und dann füge dich dem, was du selber gewählt hast. Inmitten vieler Anderer, die ewige Stütze, Ratgeberin und Tröstetantchen. Mehr geht nicht und andere Probleme werden sich von selbst lösen, wenn sich auch die letzten Fluten an deiner artigen, negierenden Mauer zerschellen und du deinen Pfad zum alten Jungferlein im Wald weitergehen kannst.
DAS ist deine Zukunft, DU hast sie doch selber gewählt...“
Da sank sie tatsächlich wie Blei herab und begann zu zappeln, als das schwarze Öl über ihren Kopf wieder zusammen schwappte und die Decke des Teermeeres nahtlos und stumm erneut vervollständigte. Es war wieder still, nur wenig verriet, dass hier bis eben ein bizarrer Kampf stattgefunden oder wer verloren hatte.
Einzig die wenigen öligen Blubberblasen stiegen noch kurz aus der Tiefe auf und mit ihnen ein innerer Wunsch, der, töricht und albern wie er war, eine zeitliche Umkehr bewirkt hätte.
... und doch war es irgendwo noch da, stimmlos aber vorhanden, das leise Wispern, welches tief im Ölmeer wohnte und nur eines grimmig sprach:
"Hör deiner Eigenantipathie und deinem Selbsthass nicht auch noch zu, sondern mach endlich deinen verdammten Mund auf und REDE! Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!"
Es war an der Zeit zu lauschen und den einzig sinnigen Rat zu befolgen...
Wie ein grollender Geliebter blieb er ihr fern und schickte stattdessen seinen bösen Zwilling, der keinen Namen hatte, sondern nur als Zustand definiert galt: irgendetwas zwischen wach und schlaflos dösen, während sich im Kopf alles mögliche an Gedanken aber auch Empfindungen platzierte und quälend begann alles zu erdrücken oder sich wie ein trostloser, erstickender Ölfilm über die Seele legte.
Es war Letzteres an diesem Tag und sie, die solche Gemüter in ihrem sonnigen Leben nicht kannte, wusste nicht sich zu wehren oder selbst aufzubauen. Hatte keine Ahnung vom tapferen, eigenen „gut zureden“, was das betraf und ruderte schwankend in dem Meer der eigenen Stimmung, welche nie so düster und verzweifelt schien. Es war wohl zu jenem frühen Stadium, dass die Stimmen sich regten. Nicht ihre, oh nein, sie kannte diese Stimmen nicht. Teilweise gehörten sie, so sie das richtig einschätzen konnte, tatsächlich den Funken der Vernunft und dann wieder waren es Vasallen der Hoffnungslosigkeit oder Herolde der Grausamkeit, welche sie eh allzu gerne in dem schwarzen Etwas ertränkt sehen wollten. Qualvoll nach Luft schnappend und zappelnd, bis keine der ölig-teerfarbenen Blasen mehr aus der Tiefe steigen würden.
Ja, sie versuchte sich zu wehren und doch kam sie nicht umhin den Stimmen zu lauschen und nach einer geraumen Weile blieb sie ihnen auch die Antworten nicht mehr schuldig.
„Na schau einer an, wer bläst da denn Trübsal? Es ist das Kind ohne Gesicht, die immer-lachende Frau, die Farblose. Zerfließt nun allein in Selbstmitleid? Wie dumm, wie dumm. Das braucht es nicht, das weißt du doch. Solltest dich freuen, dass auch dir Sorgen zustehen. Musst sie nur im stillen Kämmerchen herausholen und anschauen, doch dann wieder verstecken. Wie ein kleiner Schatz, ein Kummerschatz.“
Wirres Gelächter tief in ihr und im ersten Moment wusste sie selbst nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Stattdessen entschied sie sich eine Antwort zu geben.
„Sollte ich Kummer haben, so weiß ich das wohl zuerst und wenn er zu groß wird, dann kann ich mir diesen von der Seele reden.“
Stille, dann dröhnte das Lachen mit hellem Amüsement und geifernder Süffisanz wieder auf.
„Kannst du? Dann musst du wohl mit dir selbst reden und welch ein Anblick wäre denn das? Passend, passend. Die arme Irre die mit sich selbst und ihren Sorgen im stillen Kämmerchen schwatzt. Oooh, wie passend. Doch Recht hat sie, denn sonst lauscht nicht einmal die Erde.“
„Das ist nicht wahr. Ich habe viele, die mir zuhören würden...“
„Sag an...“
„Meine Schwestern, allen voran, dann die Brüder und meine Familie, all meine Freunde. Ich bin nicht alleine, das habe ich mehrfach festgestellt.“
Diesmal war das Schweigen gespenstisch und ausgedehnt. Für einen bittersüßen Moment glaubte sie mit ihrem Argument gewonnen zu haben, doch setzten sie da plötzlich erneut ein. Langsam nun, leiser, doch jede Silbe troff vor Hass, Sarkasmus und spottendem Hohn.
„Richtig, du hast ja so viele um dich herum, die du betütteln und aufbauen kannst, nicht wahr? Sie alle fragen dich sicher täglich auch, ob es dir schlecht geht, nicht? Jeder weiß von deinem Kummer, jeder rechnet mit und alle alle alle beugen sich herab und wollen deinen Seelenabfall erfahren, wenn du traurig bist, ja.. jaaaa?“
„Nein, ich...“
„NEIN! Dumme Gans! Du hast eine Rolle und du kennst diese. Warum fragen sie nicht? Warum sind die blind, wenn du seit Wochen Schmerz mit dir trägst. Einige davon kennen genau diesen, haben mit ihm gelebt und Rat gesucht bei dir. Warum fragen sie nun nicht nach? Warum sehen sie es nicht, wenn du die Tränen hinunterschluckst? Warum fragt keiner? Stattdessen kommen sie und haben selber neue Probleme, neues Drama, neue Ängste und Sorgen?
Aaah, du kennst die Antwort, Dummchen.
Weil es deine Rolle ist zu hören, zu lauschen, aufzumuntern. Da ist einfach kein Platz für alles andere und für Verständnis gleich dreimal nicht. Wimmer nicht so elendig wie ein verkrüppelter Wurm. Du wolltest es doch auch nicht anders. Nein nein, du hast dich ja in diese Rolle besser eingelebt als eine Schnecke in ihr Haus. Genauso kriechst du herum, schleppst die Sorgen mit und streckst dich den anderen entgegen. Wer kommt nun, wer lauscht? Niemand.
„Das ist nicht wahr, es gibt da jemanden...“, begann sie erstickt und kam auch nicht viel weiter.
„Jaaaa, den gibt es und den stürzt du nun selber in die Verzweiflung. Ignorantes, dämliches Weib! Schneid die Bindung durch. Vergraul' ihn, sag ihm das, was du dir immer wieder vorbetest. Sag ihm, dass du nie sein wirst, weil ein anderer irgendwann mal war, der dich auch längst vergessen hat... vielleicht hast du ihn sogar vertrieben? Ja, das wird es sein! Es war einfach auch kein Platz für Liebe in deiner Rolle und dann wiederum – wer will denn schon mit einer dummen ewig grinsenden Henne, die andere doch nur beglucken kann, Seite an Seite leben? Hah, einer will und den zerstört deine Zucht und Ordnung, dein sauberes Weltbild, deine brave, langweilige Art.
Du kannst nicht auf die Meinung der Welt pfeifen, du kannst nicht egoistisch sein und dir nehmen, was du magst. Du blöde Kuh ertränkst dich innerlich an Schmerz und leidest lieber statt deine eigenen starrsinnigen Konventionen einzureißen und dem Ego nachzugeben. Opfere dich auf, wie du magst, es passt zu deiner Rolle – doch dann halte die Klappe, denn NIEMAND will von deinem Leiden hören, niemand will es verstehen, dazu bleibt weder Zeit noch Muse und andere Egos müssen gepflegt, gehegt und gefüttert werden.
Nun schwieg sie und merkte nur wie sich ihre Gedanken überschlugen. Sie begann hilflos wie ein kleines Mädchen in der eigenen, dunklen Kammer, alleine im großen Haus zu weinen und sie hasste sich für diesen ätzenden Anfall von Selbstmitleid.
„Ohjajaaa, genau, versinke in einem Meer aus Tränen wie das Gör in deiner Lieblingsgeschichte. Flenne, heule, wimmere ganz herzzerreissend – hören will es keiner, nicht einmal du. Wenn du diese Phase überwunden hast, dann wird die Welt klarer sein und du deine Rolle verstehen, wieder leben. Werde zum nickenden Püppchen mit einem Dauergrinsen in der einfältigen Visage! Drücke all die Gefühle tiefer herab, stech sie nieder, bis sie wieder schweigen und dann füge dich dem, was du selber gewählt hast. Inmitten vieler Anderer, die ewige Stütze, Ratgeberin und Tröstetantchen. Mehr geht nicht und andere Probleme werden sich von selbst lösen, wenn sich auch die letzten Fluten an deiner artigen, negierenden Mauer zerschellen und du deinen Pfad zum alten Jungferlein im Wald weitergehen kannst.
DAS ist deine Zukunft, DU hast sie doch selber gewählt...“
Da sank sie tatsächlich wie Blei herab und begann zu zappeln, als das schwarze Öl über ihren Kopf wieder zusammen schwappte und die Decke des Teermeeres nahtlos und stumm erneut vervollständigte. Es war wieder still, nur wenig verriet, dass hier bis eben ein bizarrer Kampf stattgefunden oder wer verloren hatte.
Einzig die wenigen öligen Blubberblasen stiegen noch kurz aus der Tiefe auf und mit ihnen ein innerer Wunsch, der, töricht und albern wie er war, eine zeitliche Umkehr bewirkt hätte.
... und doch war es irgendwo noch da, stimmlos aber vorhanden, das leise Wispern, welches tief im Ölmeer wohnte und nur eines grimmig sprach:
"Hör deiner Eigenantipathie und deinem Selbsthass nicht auch noch zu, sondern mach endlich deinen verdammten Mund auf und REDE! Nur sprechenden Menschen kann geholfen werden!"
Es war an der Zeit zu lauschen und den einzig sinnigen Rat zu befolgen...
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Samstag 1. Oktober 2011, 15:35, insgesamt 4-mal geändert.
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Hanna Radenbruck
Trotz der späten Stunde und der zerstochenen Finger, die der Spindel zum Opfer gefallen waren, waren ihre Schritte locker und von müder Seligkeit gezeichnet. Amalia und sie hatten mehrere Fuhren Wolle zu Garn gesponnen und somit war ein großer Teil der weibischen Goldblattarbeiten am Weiler in einem Schwung erledigt. Sicherlich, es warteten noch Einkoch- und Pökelarbeiten, die Pilzzeit näherte sich dem Höhepunkt und bei der letzten Ernte könnte die Familie keine Hände entbehren, doch dann... dann würde der die güldene Goldblattzeit in die grauen Bereiche des Rabenmonds abschweifen, welche Nebel und den ersten Frost mit sich brachte. Zeit sich einzuigeln, Zeit für besinnliche Stunden in kleinen Kreisen. Winterschlaf für so einige Tiere - und auch Haselmäuse wollten dann eher ruhen.
Ruhen!
Gähnend und gedanklich schon im duftigen Blumenbett öffnete sie kleine Gartentür, hob den Kopf und stockte. Unmittelbar vor dem Fenster der Schlafkammer saß ein Spatz auf dem Sims und starrte sie vorwitzig abwartend an, als wolle er sie ob der späten Heimkehr rügen.
Rasch und behutsam näherte sich Hanna und der Kleine lohnte es ihr indem er keine Mätzchen machte, als sie ihm die Nachricht vom Fuß band. Aufgeregt schirpte er ihr entgegen, ließ seinen Dienst fidel hüpfend in Nussbröseln auszahlen und erhob sich dann auch schon wieder, dem verdienten Feierabend entgegen.
Schmunzelnd noch sah sie ihm nach, entzündete die Laterne im Garten und entrollte dann neugierig die Nachricht... mit jedem der wenigen Worte wurden die grünblauen Augen runder und die Züge entglitten ihr. Dennoch musste sie das Ganze dreimal lesen, ehe sich die Botschaft endlich setzte.
( [url]http://forum.alathair.de/viewtopic.php?t=56809[/url] )
Das Blatt begann seltsam zu zittern oder waren es die eigenen Finger?
Worte verschwammen zur Unkenntlichkeit und als die ersten Tropfen auf das winzige Stück Pergament trafen, glaubte sie im ersten Moment die Nacht hätte einen Mantel aus Regen über sie gebreitet. Als der Schauer ausbliebt, berührte sie fahrig mit der Rechten das eigene, rundliche Gesicht und verstand:
Sie weinte.
Tränen der Freude und ein erleichtertes Lächeln umspielten die Mundwinkel.
ER LEBT!
Von fern mischte sich eine warme, liebevolle Stimme in ihre Gedanken und hauchte Worte, die bereits gesagt worden waren ihrem Bewusstsein zu:
"Es ist auch nicht schön von ihm, kein Wort an dich zu richten. Es sei denn er ist dazu nicht mehr in der Lage, was die Götter verhindern mögen!"
Oh, sie hatten es verhindert! Ihnen gebürte ihr ganzer Dank - er lebte!
Doch da geschah es. Mit den sanften Wellen des Gesprächs schwappte nun die vollenendete Woge ihrer Emotionen, welche damals aus ihr gebrochen waren, über sie hinein und spülten ganz andere Fetzen des Gesagten an.
"... zu langweilig war ich sicher, zu sehr Mimose und tja, die graue Maus, Fräulein Rühr-mich-nicht-an der Keuschheit..."
"... und dann war er weg... weg."
"Es ist meine Schuld..."
Sie ertappte sich dabei, wie sie nun heftig den Kopf schüttelte, um all diese Zweifel erneut herab zu drücken, schmierte sich die warmherzige Antwort, welche sie damals so gierig aufgesogen hatte, wie Balsam auf eine schmerzende, innere Wunde.
"Es kann nicht an dir liegen. Sein Fortbleiben muss einen anderen Grund haben!"
Und nun war der Moment gekommen, an dem sie sich endlich Gewissheit verschaffen und ihn fragen konnte. Jegliche Zweifel endgültig ausmerzen, zu ihm eilen und dann... dann war alles wieder so wie zuvor.
Doch ihre Beine bewegten sich nicht und sie musste sich erneut heftig schütteln, um weitere Teile des Gesprächs aus dem Kopf zu verbannen. Morgen, so sagte sie sich, morgen würde sie so bald wie möglich den Weg zum Hain antreten und nach ihm suchen. Nicht mehr heute, sie wollte mit ihm alleine reden und kein unbehagliches Gefühl heraufbeschwören, wenn man sie beide beim ersten Zusammentreffen beobachten würde.
Und was, wenn er dir dann sagt, dass er doch wegen dir gegangen ist...?
Oder war das überhaupt das Problem?
Der Schlaf mied sie in jener Nacht wie ein erboster Geliebter und irgendwann vor den ersten Morgenstunden fand sie sich selbst, noch immer angekleidet und in die wollene Jacke geschmiegt auf dem Steg kauernd, den Blick auf die schwachen Wellen gerichtet, welche der Wind auf dem alten Mühlenteich zeichnete. Doch obwohl die Nacht noch immer ihre dunkle Decke über das Himmelszelt gepackt hatte, zeigte sich keines der Kinder Horteras dort oben und so blieben die wabernden, silbrigen Lichter in den Fluten aus. Dunkel und kalt erschien das Wasser und obwohl die Worte, welche ihr nicht aus dem Kopf gehen wollten, in Liebe gesprochen waren, so klangen sie nun, nach mehreren Stunden ebenso düster.
Kühl und stechend, wie abertausend kleine Nadeln, erinnerten flüsternd:
"Wie geht es dir dabei? Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben... überlege einfach wie es dir dabei geht!"
Ruhen!
Gähnend und gedanklich schon im duftigen Blumenbett öffnete sie kleine Gartentür, hob den Kopf und stockte. Unmittelbar vor dem Fenster der Schlafkammer saß ein Spatz auf dem Sims und starrte sie vorwitzig abwartend an, als wolle er sie ob der späten Heimkehr rügen.
Rasch und behutsam näherte sich Hanna und der Kleine lohnte es ihr indem er keine Mätzchen machte, als sie ihm die Nachricht vom Fuß band. Aufgeregt schirpte er ihr entgegen, ließ seinen Dienst fidel hüpfend in Nussbröseln auszahlen und erhob sich dann auch schon wieder, dem verdienten Feierabend entgegen.
Schmunzelnd noch sah sie ihm nach, entzündete die Laterne im Garten und entrollte dann neugierig die Nachricht... mit jedem der wenigen Worte wurden die grünblauen Augen runder und die Züge entglitten ihr. Dennoch musste sie das Ganze dreimal lesen, ehe sich die Botschaft endlich setzte.
( [url]http://forum.alathair.de/viewtopic.php?t=56809[/url] )
Das Blatt begann seltsam zu zittern oder waren es die eigenen Finger?
Worte verschwammen zur Unkenntlichkeit und als die ersten Tropfen auf das winzige Stück Pergament trafen, glaubte sie im ersten Moment die Nacht hätte einen Mantel aus Regen über sie gebreitet. Als der Schauer ausbliebt, berührte sie fahrig mit der Rechten das eigene, rundliche Gesicht und verstand:
Sie weinte.
Tränen der Freude und ein erleichtertes Lächeln umspielten die Mundwinkel.
ER LEBT!
Von fern mischte sich eine warme, liebevolle Stimme in ihre Gedanken und hauchte Worte, die bereits gesagt worden waren ihrem Bewusstsein zu:
"Es ist auch nicht schön von ihm, kein Wort an dich zu richten. Es sei denn er ist dazu nicht mehr in der Lage, was die Götter verhindern mögen!"
Oh, sie hatten es verhindert! Ihnen gebürte ihr ganzer Dank - er lebte!
Doch da geschah es. Mit den sanften Wellen des Gesprächs schwappte nun die vollenendete Woge ihrer Emotionen, welche damals aus ihr gebrochen waren, über sie hinein und spülten ganz andere Fetzen des Gesagten an.
"... zu langweilig war ich sicher, zu sehr Mimose und tja, die graue Maus, Fräulein Rühr-mich-nicht-an der Keuschheit..."
"... und dann war er weg... weg."
"Es ist meine Schuld..."
Sie ertappte sich dabei, wie sie nun heftig den Kopf schüttelte, um all diese Zweifel erneut herab zu drücken, schmierte sich die warmherzige Antwort, welche sie damals so gierig aufgesogen hatte, wie Balsam auf eine schmerzende, innere Wunde.
"Es kann nicht an dir liegen. Sein Fortbleiben muss einen anderen Grund haben!"
Und nun war der Moment gekommen, an dem sie sich endlich Gewissheit verschaffen und ihn fragen konnte. Jegliche Zweifel endgültig ausmerzen, zu ihm eilen und dann... dann war alles wieder so wie zuvor.
Doch ihre Beine bewegten sich nicht und sie musste sich erneut heftig schütteln, um weitere Teile des Gesprächs aus dem Kopf zu verbannen. Morgen, so sagte sie sich, morgen würde sie so bald wie möglich den Weg zum Hain antreten und nach ihm suchen. Nicht mehr heute, sie wollte mit ihm alleine reden und kein unbehagliches Gefühl heraufbeschwören, wenn man sie beide beim ersten Zusammentreffen beobachten würde.
Und was, wenn er dir dann sagt, dass er doch wegen dir gegangen ist...?
Oder war das überhaupt das Problem?
Der Schlaf mied sie in jener Nacht wie ein erboster Geliebter und irgendwann vor den ersten Morgenstunden fand sie sich selbst, noch immer angekleidet und in die wollene Jacke geschmiegt auf dem Steg kauernd, den Blick auf die schwachen Wellen gerichtet, welche der Wind auf dem alten Mühlenteich zeichnete. Doch obwohl die Nacht noch immer ihre dunkle Decke über das Himmelszelt gepackt hatte, zeigte sich keines der Kinder Horteras dort oben und so blieben die wabernden, silbrigen Lichter in den Fluten aus. Dunkel und kalt erschien das Wasser und obwohl die Worte, welche ihr nicht aus dem Kopf gehen wollten, in Liebe gesprochen waren, so klangen sie nun, nach mehreren Stunden ebenso düster.
Kühl und stechend, wie abertausend kleine Nadeln, erinnerten flüsternd:
"Wie geht es dir dabei? Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben... überlege einfach wie es dir dabei geht!"
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Freitag 7. Oktober 2011, 16:00, insgesamt 2-mal geändert.