Uhuru - Freiheit, die ich meine...

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Anele Namok
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Uhuru - Freiheit, die ich meine...

Beitrag von Anele Namok »

Uhuru - Freiheit

Ein selbstverständliches Wort, war sie doch immer da gewesen, die 15 Jahre, die sie in ihrem Dorf verbracht hatte. Es bedeutete Familie. Es bedeutete Gemeinschaft. Es bedeutete Regeln. Es bedeutete Aufgaben. Es bedeutete, seinen Platz zu haben.

Uhuru!

Alles hatte sich so jäh verändert an dem Morgen. Das Geschrei, die Männer, der Schlag, dann das Entsetzen, die Ketten, der lange Marsch... die Überfahrt und dann die endlosen Jahre in der Sklaverei. Viel war geschehen. Dinge, an die sie nicht denken mochte. Dinge, die sie verschlossen hatte. Dann die Flucht, bezahlt mit einem hohen Preis.

Uhuru!

Die neu gewonnene Freiheit: Bajard. Doch auch hier fand sie nicht das, was sie unter dem Wort verstand: Keine Familie, keine Gemeinschaft, keine Aufgaben, keine Regeln - kein Platz.

Uhuru!

Die kleine Hütte am Hafen, mit dem Wind, der durch die Ritzen zog. Immerhin ein Platz, der ihr gehörte - ein erster Schritt? Sie wollte sich mit dieser Gemeinschaft auseinander setzen. Sie wollte ihren Platz hier finden. Das Gespräch mit dem Clericus van Gwinheer brachte sie für eine Weile zum Nachdenken. Konnte sie das, was in ihr gut behütet war nutzen, um ihre eigene Stärke zu finden? Gemeinschaft, Regeln, Aufgaben - vielleicht ihr Platz?

Sie bat um weitere Gespräche. Sie bat um die Bürgerschaft. Doch nichts geschah.

Uhuru?

Dann sah sie die Tiefländer. Sie sah Wulfgard. Sie sah was sie, was diese Gemeinschaft ausmachte. Und auf einmal fühlte sie es wieder. Dort war etwas, dort gab es etwas, was sie vor 5 Jahresläufen verloren hatte.

Uhuru!

Und dann das plötzliche Ende. Man wollte sie verhaften, weil sie 'Umgang mit einem Ketzer' hatte. Gemeint war Kanubio, mit dem sie sich um das Wohl von Talii kümmerte. Man hatte sie gemeinsam in Bajard gesehen. Zwei Männer, die sie noch am liebsten in Bajard in Gewahrsam genommen hätten - Unbekannte, der eine gar maskiert. Doch sie lief nicht weg, sie reiste ihnen mit der Kutsche voraus und wartete am Hafen.

"Euch ist von nun an der Aufenthalt im Reich untersagt, die Dinge in eurer Hütte bleiben hier!" der Rothaarige sah von einer sofortigen Verhaftung ab. "Ihr dürft das Reich erst wieder betreten, wenn ihr eine Vorladung bekommt."

So verließ sie Rahal, wie sie es betreten hatte. Mit nur dem wenigen, das sie am Leibe und in ihrer Tasche mit sich trug.

Uhuru

Nur ein Wort. Und doch würde sie weiter danach suchen müssen....
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Mtu ni watu - Ich bin was wir sind

Sie war nun zwar frei, aber was mit der Freiheit anfangen? Niemals hätte sie sich vorgestellt, dass es so schwer sein würde. Sie war gefangen zwischen den Welten. Dieser Welt, der Welt der Sklaverei und jener Welt, die einst ihr Zuhause gewesen war.

Es fiel ihr schwer, es sich selbst einzugestehen, aber sie hatte ihre Wurzeln verloren. Sie wusste nicht mehr, was richtig und was falsch war. Wem sie vertrauen konnte und wem nicht. Wer es gut mit ihr meinte und wer sie nur benutzte, oder sie benutzen wollte.

Die Werte, die in ihrem Dorf galten, mit denen sie aufgewachsen war, sie schienen hier nicht zu gelten.

Nur einmal hatte sie etwas verspürt, das dem sehr nahe kam - die Gemeinschaft der Tiefländer in Wulfgard, aber Kanubio und auch Roghvatr hatten ihr unmissverständlich klar gemacht, dass sie niemals dazu gehören könnte, erst recht nicht nach dem, was mit den Rahaler Landsknechten vorgefallen war.

Sie schloß die Augen und versuchte sich zu erinnern. Leise murmelte sie die altvertrauten Worte vor sich hin: 'Mtu ni watu!' Es war nicht nur der Anruf der Ahnen, es war mehr. Es war das Motto, der Wahlspruch, der Sinn und die Selbstverständlichkeit unter dem ihr Leben in ihrem Dorf gestanden hatte. Und nicht nur ihrs, sondern das der gesamten Gemeinschaft.

Ich bin, was wir sind.

Sie war ein Teil dessen, wie eine kleine Perle auf einer ewig langen Perlenkette, die aus den Weiten der Vergangenheit kam und noch lange in die Zukunft reichen würde.

Sie versuchte sich zu erinnern: Und plötzlich erschien ihr schemenhaft das Gesicht ihrer Großmutter. Doch je mehr sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren, desto mehr verschwamm es und wurde wieder ganz undeutlich. Sie ließ sich treiben, Wortfetzen, Bilder, gleißendes Licht und Wärme schwammen undeutlich durch ihre Gedanken, das Lachen und Kreischen der Kinder, das rhythmische Stampfen mit dem man die Hirse zu Mehl verarbeitete, der große Baum, unter dem man sich traf, die Trommeln, die so vielschichtig sprechen konnten, wie noch das feinste Saiteninstrument.

"Anele!", flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf - leise ganz leise. Und noch einmal: "Anele, mein Kind!"

Je genauer sie versuchte hinzuhören, wer sie da rief, desto leiser wurde es. Und wieder ließ sie sich treiben - ließ los.

"Erinnere dich an das, was wir dich lehrten!", ertönte es wieder, nur ein Raunen.

"Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich."

Sanft erklang dieser Satz. Und sie erinnerte sich, erinnerte sich daran, dass ihre Großmutter ihr dies oft gesagt hatte, wenn sie betrübt oder traurig war.

Das helle Kreischen einer Möwe brachte sie wieder zur Besinnung und sie öffnete blinzelnd die Augen. Und in diesem Moment riss der Himmel auf und sie sah in das strahlende Antlitz der Sonne. Ein Lächeln hellte ihr Züge auf, sie erhob sich und streckte die Arme der Sonne entgegen.

"DANKE!" rief sie.

Und dann erinnerte sie sich an noch ein Sprichwort ihrer Großmutter:

"Wer auf einen Baum klettern will, fängt unten an, nicht oben."

Und genau dies würde sie nun tun. Sie bündelte die Kräuter aus dem Korb, der neben ihr stand und schon lief sie los. Nur kurz stand sie vor den großen Toren, dann stopfte sie die gesammelten Kräuter in einige der Kästen, die dort aufgereiht waren. Und ebenso schnell, wie sie gekommen war, verschwand sie auch wieder, nun etwas zuversichtlicher, was ihren weiteren Weg betraf.
Zuletzt geändert von Anele Namok am Montag 11. Oktober 2010, 14:58, insgesamt 1-mal geändert.
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Rahal - die Strafe

Scheppernd verließ die Gestalt den Gang und sie war allein. Der Augenblick, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Allein in dieser kleinen, engen, dreckigen, miesen Zelle.

"Das sind die Regeln", klangen ihr noch seine Worte in den Ohren.

Wie hatte sie nur so naiv sein können? Sie hatte die Sache klären wollen, doch nun saß sie hier, an einem Ort, an dem sie es nicht lange würde aushalten können.

Sie hatte das Angebot der Frau Hauptmann ausgeschlagen. Das Angebot, sich in die Rahaler Gemeinschaft eingliedern zu lassen.

"Nachdem Ihr mein Angebot nicht annehmen möchtet, verurteile ich Euch, Anele Namok, zu einer Haftstrafe von einem Wochenlauf und zehn Peitschenhieben. Ich hebe Euren Stadtbann auf, erkläre Euch aber durch die Macht meines Amtes als vogelfrei."

So lautete also ihr Urteil. Wie widersinnig, dass sie sich der Vorladung gestellt hatte, denn nun war sie nicht nur vogelfrei - wie es ihr in dem Schrieb bereits angedroht worden war, falls sie zu dem Termin nicht erscheine - sondern hatte auch noch die restliche Strafe zu verbüßen.

Respektlosigkeit? Weil sie sich anfangs sogar bemüht hatte, Rahal, die Stadt, den Glauben zu verstehen, aber auf nichts als Vertröstungen und bloßes Desinteresse gestoßen war? Weil sie nicht zu denen gehören wollte, den der alatarische Gruß nur ein bloßes Lippenbekenntnis war? Weil sie dem Rat Xontors gefolgt war und sich an den Tempel gewandt hatte? Und weil sie es nicht hingenommen hatte, zwei dunklen, ihr vollkommen unbekannten Gestalten des Nachts in Bajard Rede und Antwort stehen zu müssen, es nicht hingenommen hatte, dass sie mit einem Stadtbann belegt worden war, es nicht hingenommen hatte, dass man sie lächerlicher Dinge beschuldigte?

Wurde nun tatsächlich von ihr erwartet, dass sie reumütig das Angebot annehmen würde? Ein System, welches Menschen so willkommen heißt, wie es ihr passiert war, konnte nicht mit ihrer Zustimmung rechnen.

Uhuru!

Stattdessen: Misstrauen, Bespitzelung, Unterdrückung, Furcht, Lügen.

Ja, sie war zweifelsohne naiv gewesen und dumm. Aber es würde hier ebenso laufen, wie sie es anderswo schon kennen gelernt hatte. Die gierigen Hände des Rüstmeisters, als er sie 'durchsuchte' kamen ihr beinahe vertraut vor - es war überall gleich. Davor hatte sie keine Angst, ebenso wenig, wie vor den Peitschenhieben. Immerhin gab es hier niemanden, den sie an ihrer Stelle bestrafen konnten - niemand stand ihr hier so nahe, dass es sie verletzt hätte - mehr verletzt, als die Hiebe es jemals könnten.

Und doch kroch in ihr die Angst vor der kommenden Nacht, den kommenden Tagen immer höher. Die Geister der Vergangenheit, die sie hinter sich gelassen geglaubt hatte... hier hatten sie eine Chance, sie wieder einzuholen.

"Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich."

In einer winzigen Zelle ohne Fenster in der Stadt Rahal...
Zuletzt geändert von Anele Namok am Donnerstag 14. Oktober 2010, 23:47, insgesamt 1-mal geändert.
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Im Kerker - Das 5. Gebot

Nach dieser ersten Nacht meinte sie fast durchzudrehen. Sie war allein. Niemand war erschienen und auch sonst war es in dem Gebäude still. Der Durst zehrte an ihr, sie hatte nur noch einen Gedanken: Ich muss hier raus!

Unruhig tigerte sie durch die kleine Zelle. 2 Schritt vor, 1 Schritt zur Seite, 2 Schritt vor. Immer und immer wieder. Zwischendurch rüttelte sie an den Stäben und schrie sich die Seele aus dem Leib - doch nichts geschah...

Bis... ja bis sie eine Antwort zu vernehmen meinte. Sie hörte genauer hin, es drang von rechts durch den Gang:

"Wer ist denn daaaaa?"

"ANELE NAMOK, ich BRAUCHE WASSER!"

Dann wiederholte jemand laut ihren Namen, danach wurde es ruhig. Es dauerte eine Weile, bis endlich Schritte zu hören waren. Ein Landsknecht, mit Helm auf dem Kopf, trat vor ihre Zelle und fragte sie, ob sie gut geschlafen hatte. "Gut geschlafen?" Wollte er sie verhöhnen? Sie bat ihn um Wasser, er schob ihr einen Krug durch die Stäbe. Von unten drang Gebrülle in den Zellentrakt. Gierig trank sie das Wasser und stellte den Krug beiseite, als der Landsknecht auch schon wieder verschwand.

Lautere Stimmen drangen nach oben, doch waren nur Wortfetzen zu verstehen.

Sie schmetterte den nun leeren Glaskrug an die Wand und suchte sich zwei große Scherbenstücke heraus, die sie unter dem Stroh verbarg. Zur Not wollte sie in der Lage sein, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen.

Wieder tauchte der Landsknecht auf und erkundigte sich nach dem Lärm und drohte ihr an, dass sie NACKT schlafen müsse, wenn das so weiter gehe. Sie war sich nicht ganz schlüssig, ob er auf perfide Art mit ihr spielen wollte, oder einfach nur dumm war. Sie zog die Robe über den Kopf - darunter trug sie nichts. Verschämt drehte er sich weg und bezichtigte sie als 'billiges Weib'.

Doch immerhin kam er etwas später mit der Ruferin zurück, die sich wohl nicht hatte abwimmeln lassen. Jackie! Sie hatte die junge und sympathische Frau einst in Bajard kennen gelernt. Sie redeten eine Weile unter den Augen des Landsknechtes und Anele erzählte, wie sie in diese missliche Lage gekommen war. Als der Soldat das Gespräch schließlich für beendet erklärte, flüsterte sie ihr noch zu, dass sie wiederkommen würde. Ein Hoffnungsschimmer?

Erneut allein mit dem Landsknecht, versuchte sie ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Alles - nur nicht allein in dieser Zelle hocken. Sie fragte ihn nach seinem Glauben und er leierte die Gebote Alatars herunter:

"Das erste Gebot heißt: Alatar zu dienen, heißt Ehrfurcht zu lernen." Sie hörte ihm zu.
"Das zweite Gebot lautet: Gehorsam zu lernen.
Das dritte: Treue zu lernen.
Das vierte: Den Rat der Älteren zu ehren und zu befragen.
Das fünte: Die Jüngeren zu lehren und zu unterstützen."

"Halt!" rief sie und hob eine Hand. "Die Jüngeren zu lehren und zu unterstützen, hm? Habt ihr nicht selbst damit gegen das Gebot verstoßen?"

"Das bedeutet", hob er erneut an, "die die keine Ahnung von diesem Glauben haben oder eher wenig Ahnung haben, werden durch uns oder den Tempel unterstützt. Den Glauben kennen zu lernen und seine Kenntnisse beziehungsweise Wissen auf zu frischen/erweitern."

Was für eine Ironie! Hatte sie sich nicht selbt bemüht, etwas darüber zu lernen? Hatte sie nicht den Tempel aufgesucht und auch sonst jeden gefragt, deren sie habhaft werden konnte?

"Die Jüngeren zu lehren und zu unterstützen!" hämmerte es in ihrem Kopf. Stattdessen wurde sie in Bajard abgefangen, verbannt, vorgeladen und landete schließlich im Kerker.

"Die Jüngeren zu lehren und zu unterstützen!"
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Im Kerker - Die lange Nacht

Es war Ruhe eingekehrt, der Landsknecht gegangen, sie war allein. Mit den Schatten des flackernden Lichtscheines krochen auch wieder die Geister der Vergangenheit aus den dunklen Ritzen und Winkeln ihrer Zelle. Bilder tauchten auf, die sie längst zu verdrängen versucht hatte. Die Angst stieg auf, langsam zunächst - wie die Flut des Meeres - leckte über ihr Füße, die Schenkel hinauf, erreichte ihren Bauch, die Brust - schnürte ihr die Luft ab. Rasch hob und senkte sich ihr Brustkorb. Ihr wurde kalt, sie begann zu zittern. Und nur einen Moment später unerträgliche Hitze. Sie sprang mit weit geöffneten Augen auf, sie begann wieder zu laufen.

2 Schritt - Drehung - 1 Schritt - Drehung - 2 Schritt

Monoton, schlurfend, nur nicht denken müssen.

Plötzlich hielt sie inne. Lauschte. War da nicht etwas? Sie strengte sich an. Kampflärm, Geschrei, leises Klirren. Die Tore waren nicht weit entfernt. Wurde die Stadt angegriffen? Waren es diese Wesen, wie vor Bajard, vor Wulfgard, vor Berchgard? Was geschah dort? Würde die Stadt standhalten? Und was wenn nicht? Sie war allein hier, eingeschlossen, keine Möglichkeit, sich zu wehren. Wieder stieg Panik in ihr auf, doch dieses Mal heißer, direkter. Sie begann zu schreien, an der Tür zu rütteln.

"LASST MICH RAUS! LASST MICH HIER NICHT VERRECKEN!"

Dann hörte sie die Alarmglocken und das Rufen eines Wachmannes, der durch die Straßen lief. Sie hatte sich nicht getäuscht. Und sie wollte nicht hier drinnen sterben - nicht so.

Wieder und wieder, über Stunden, rief, brüllte, bettelte sie. Doch es geschah nichts. Erst als sie schon vollkommen erschöpft und verausgabt war, hörte sie etwas - jemand antwortete. Er schien sie nur schlecht zu verstehen, teilte ihr aber mit, dass die Gefahr gebannt sein. Sie schrie und rief weiter, doch wieder Stille. Sie ließ sich ins Stroh sinken. Sie würde aufgeben, noch eine Nacht in diesem Loch, noch eine Nacht mit ihren Gedanken, Ängsten, ihrer Furcht würde sie nicht durchstehen. Sie wollte frei sein.

Uhuru!

So tastete sie nach der Scherbe. Es gab nur einen Weg, selbst entscheiden zu können, dieses Grauen zu beenden. Sie wusste, es war falsch, es war verboten, sie würde so den Platz in der Perlenkette ihrer Ahnen aufgeben, aber all das war ihr nun schon egal. Sie drückte die Spitze fest auf ihr linkes Handgelenk und schnitt tief hinein. Ein ungeschickter Schnitt und doch begann das Blut zu fließen. Sie kauerte sich in die Ecke, schloß die Augen und wartete leise murmelnd auf die gnädige Dunkelheit, die sie nach einer Weile umfing. Weiter und weiter trieb ihr Geist fort.

Doch auf einmal riss sie etwas brutal zurück. Eine heiße Welle voller Zorn und Hass durchraste ihren Körper, ihren Geist, baute sich auf, wurde größer und größer, zerrte an ihr, verlangte nach mehr, brach über ihr zusammen und holte sie zurück. Als ihr Geist wieder in der Lage war, die Umgebung wahrzunehmen, sah sie zu ihrer Verwunderung die Ahad Lessard und einen Letharen vor der Zelle stehen. Sie redeten... redeten über das was geschehen war und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben konnten.

Und als sie gingen, verfiel Anele in einen Dämmerzustand, der aufgrund ihrer Erschöpfung, des Blutverlustes und des Wassermangels traumlos und tief, wenn auch nicht erholsam war. Für diesen Moment hatten sie die bösen Gedanken der Vergangenheit verlassen.
Jane Jack

Beitrag von Jane Jack »

Jackie versuchte die blutverschmierte , nach billigem Schnaps riechende Anele nicht zu verlieren. Sie würde sie in ihr Badehaus schleppen, hier unter dem Baum in Bajard konnte sie zumindest in diesem Zustand nicht bleiben.
Wie nur war sie aus dem Kerker rausgekommen, hatten sie sie einfach vor die Tür gesetzt ? Anele konnte es ihr nicht sagen, phlegmatisch zuckelte sie hinter Jackie her, stolpernd und wankend. Amnesie ? Sie konnte sich an Nichts mehr erinnern.. nun, vielleicht war es manchmal nicht das Schlechteste, dachte Jackie und eilte zielstrebig dem Haus der Elstern zu. Es befand sich noch im Aufbau, die Handwerker hatten noch die letzten Schliff zu tätigen und die Schneider und Innendekorateure taten ihr Bestes . Doch das Badehaus war nahezu fertig und Anele würde ein Bad aufwecken, zumindest nüchtern kriegen, so zumindest hoffte sie.
Schon seit geraumer Zeit, seit ihrem ersten Treffen, hatte sie Anele fragen wollen, ob sie sich eine Anstellung als Badefrau vorstellen könne.
Sie schien das nötige Feingefühl zu haben, die Kenntniss um Muskeln und Sehnen und wie jene entspannt und gelockert werden konnten.
Aussdem mochte sie Kinder, vielleicht könnte man ihr von Zeit zu Zeit den kleinen Esteban Noa unterjubeln .. Jackie schien recht zufrieden mit ihrer Wahl als sie dann schliesslich die frischgebadete und mit sauberer Kleidung versehene Anele vor sich auf den menekanischen Teppichen und Kissen hocken sah.


[img]http://i187.photobucket.com/albums/x177/GaidaO/neues_badehaus_bunt.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Jane Jack am Sonntag 17. Oktober 2010, 17:48, insgesamt 4-mal geändert.
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Der Drache - ein ereignisreicher Tag

Sie hatte sich wieder ein wenig erholt, von den Strapazen, doch noch immer wusste sie nicht, wie und warum sie eigentlich aus dem Kerker frei gekommen war. Dort klaffte eine Lücke in ihrem Gedächtnis. Sie war auf jeden Fall froh diesem Ort und der Folter noch einmal entkommen zu sein. Noch am Abend hatte man sie gefragt, ob sie dem Bund der Elstern beitreten wolle - und ja, es war an der Zeit, einer Gemeinschaft beizutreten, die vielleicht etwas Schutz bieten könnte, denn sie machte sich keinerlei Illusionen, dass sie weiterhin als vogelfrei für das alatarische Reich galt.

Von einer kurzen Jagd zurück in Bajard fragte sie den unverschämten, jungen Schmied von der Handwerksakademie, ob er ihre Rüstung reparieren können. Er stimmte zu und sie kamen unbehelligt zu dem Gebäude. Es schien alles ruhig zu sein, die Kreaturen aus dem Meer hatten sich etwas zurück gezogen. Als er ihr den Rüstungssack zurück reichte, bebte auf einmal die Erde. Doch nicht so, wie schon so oft davor, sondern direkter, näher. Sie hörten ein Brüllen - etwas stapfte direkt am Haus vorbei. Sie stürmte zum Fenster und sah hinaus:

"WOOHAA!" rief sie unwillkürlich aus.

Ein riesiger Drache in den schillerndsten Grün- und Blautönen stampfte den Weg entlang, Richtung Bajard. Der lange, mit Stacheln bewehrte Schwanz peitschte hin und her. Ein Schlag von diesem würde schon reichen, um jeden Recken zu Boden zu strecken. Trotzdem musste sie hinaus, sehen was dort passierte, helfen, kämpfen, wenn nötig.

Sie liefen zurück nach Bajard, das Ungetüm hörte man im südlichen Waldstück rumoren. Einige Leute standen an der Palisade des Dorfes. Sie berichteten und mehrmals forderte Anele die Leute auf, sich zu rüsten, hinauszugehen und sich dem zu stellen, was dort wartete. Doch sie bekam keine, oder nur ablehnende Antworten. So stülpte sie sich den Helm über, nahm den Schild zur Hand und zog ihr Schwert. Dann stapfte sie hinaus.

Der Drache schien sich vom Dorf abzuwenden und mit seiner Armee aus dem Meer gen Varuna ziehen zu wollen. All ihren Mut zusammen nehmend rief sie ihn an:

"Was wollt ihr?"

Der Drache drehte nur kurz den Kopf zu ihr und erwiderte:

"Sicherheit!" - "Sicherheit wollen wir auch!" rief Anele.

Abfällig schnaubend, wandte der Drachen sich wieder ab.

"Wer bedroht euch? Wir?" noch einmal versuchte sie es. "Ich bin es wohl nicht wert, dass ihr mir eine Antwort gebt, was?" Der Drache hielt inne. Dann drehte er sich noch einmal ganz um und stand nun groß und sehr beeindruckend vor ihr.

"Das Meer ist nicht sicher", ertönte seine grollende, tiefe Stimme wieder, "aber das wird ein Mensch nicht verstehen. Hast du je in kochendem Wasser gebadet? Ein Vulkan, der bald ausbricht, wird das Meer zu einer siedenden Suppe machen. Wir ziehen in das Land hinein, weg vom Wasser, das uns tötet. Erst wenn es wieder abgekühlt ist, wird euer Land wieder euch gehören."

"Ich bin nicht sonderlich stark, Drache." Langsam ließ sie Schild und Schwert sinken, nahm den Helm ab und beugte ein Knie, so dass sie vor ihm auf dem Boden kauerte. Eine Hand legte sie auf den Boden. "Aber ich werde versuchen, euch zu helfen."

"Wie willst du einen Vulkan löschen, der unter Wasser liegt?" grollte er wieder.

"Das weiß ich nicht, dazu bin ich nicht klug genug. Aber ich glaube, dass dies nur mithilfe göttlicher Mächte geschehen kann. Die Erdmutter ist dort unten, sie ist wohl die einzige, die dies bewirken kann."

Der Drache kam auf sie zu, den Kopf etwas vor- direkt über sie gestreckt, strömte ein bestialischer Fischgeruch aus seinem riesigen Maul. 'Ein kurzes Zuschnappen nur und ich bin weg,' dachte sie kurz, versuchte diesen Gedanken aber sogleich wieder zu verbannen und neigte demütig ihr Haupt.

"Findet den Vulkan und bringt ihn zum erlöschen!" ein letztes Mal wandte er sich mit diesen Worten an sie.

"Ich danke dir Drachen und ich werde diese Kunde verbreiten."

Der riesige Meeresbewohner wandte sich nun endgültig ab, seine Gefolgsleute im Schlepptau, stampfte er nach Norden.
Zuletzt geändert von Anele Namok am Montag 18. Oktober 2010, 09:56, insgesamt 1-mal geändert.
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Niederlagen - oder: Je kleiner die Eidechse, umso größer ist ihre Hoffnung, ein Krokodil zu werden

Gestern noch hatte sie Selene von ihrem Ziel erzählt und heute schon bekam sie es deutlich zu spüren, dass dies wahrscheinlich nur ein naiver Traum war. Auch das gestrige Gespräch mit Aldred, welches so jäh unterbrochen wurde, machte es nicht einfacher. Sie blieben bei der Frage stehen, warum sie nicht danach suche - nach ihrer Heimat: Umbango

Sie war wütend, sie war enttäuscht, sie war entmutigt, als sie die Fähre aus Lameriast verließ. Sie musste endlich einen Ort finden, an dem sie selbst Ruhe fand. Doch wo? Sie lief herum, suchte... nur ein kleines, ruhiges Plätzchen irgendwo - einsam möglichst. Ein kleines Blockhaus oder eine Holzhütte. Aber was sie sah waren riesige Villen, Häuser, Bauernhöfe. Nein, dort würde sie sich nicht wohl fühlen. Als sie durch den schmalen Waldweg lief, war sie einen Moment unachtsam. Es raschelte kurz, dann spürte sie einen brennenden Schmerz an der Stirn und fiel wie von einer Axt getroffen zu Boden. Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder aufrappeln konnte. Eines dieser Tentakelwesen brach sich Bahn zurück in den Wald.

Benommen lief sie zurück nach Bajard. Blut lief aus der Stirnwunde, sie ließ sich auf die Treppe der kleinen Hütte am Ortseingang nieder. Am liebsten wäre sie direkt hier sitzen geblieben. Bandic kam, legte einen Arm um sie, versuchte sich als guter Freund zu erweisen - sie zu trösten. Sie lehnte sich an ihn und dann begannen die Tränen zu fließen, ohne dass sie es wollte, oder hätte verhindern können. Es wäre gut, mit ihm zu reden, über den Tod der kleinen Jil, der nun gewiss war, über ihr eigenes Leid, über einen Rat doch...

Stattdessen ging sie in die Taverne, spülte die kleine Wunde mit Schnaps aus und trank reichlich von dem billigen Fusel. Nicht genug, um zu vergessen, nicht genug, um all das hinunter zu spülen, doch genug, um ihr ein wenig von dem Schmerz zu nehmen, der sie plagte. Und genug, um sie ein wenig zu benebeln.

Und dann war da noch diese Aufgabe. Sie lief den Weg nach Varuna hinauf, bog nach Westen ab. Der Wald links und rechts wurde dichter, manchmal konnte sie die Haut eines dieser Wesen durch das bunte Laub erkennen. Also dann: Helm auf, Schild angelegt, Schwert gezogen. Eigentlich war ihr bewusst, dass sie alleine keine Chance hatte, wenn dort eins der großen Viecher lauerte - aber das war ihr nun egal.

Zunächst lockte sie einige dieser Froschwesen heraus - keine wirkliche Herausforderung, nicht einmal für eine Anfängerin wie sie.
Doch dann knackten die Äste und brachen die Zweige, der Boden erbebte leicht und eins dieser großen, blauen Bestien stand ihr gegenüber. Sie schnaufte tief durch, griff Schild und Schwert fester. Und dann kam es zu einem kurzen Kampf. Es brauchte nur 3 Schläge, um die junge Frau in das Reich der Träume zu schicken.

Je kleiner die Eidechse, desto größer ist ihre Hoffnung, ein Krokodil zu werden.
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Beitrag von Anele Namok »

Wenn du einen Ziegenbock betrunken machst, läuft er geradewegs in den Wald, um dem Wolf die Meinung zu sagen.

Ein Mensch hat 656 Muskeln, 206 Knochen und etwa 100 Gelenke.

Als sie wieder zu sich kam, hatte sie das Gefühl, dass jeder/jedes einzelne davon schmerzte. Unter leisem Stöhnen rappelte sie sich auf und zog den Helm vom Kopf. Immerhin hatte die Rüstung sie davor geschützt, nicht direkt gefressen zu werden - falls diese Meeresbewohner überhaupt Menschenfleisch mochten. Sie sammelte Schild und Schwert auf und humpelte mit verkniffenem Gesicht zum nahen Gildengebäude.

"Den Weg von den Kreaturen freihalten", lautete ihre Aufgabe. Die Frage war nur: wie?

An der direkten Lösung des Problems wollte oder konnte man sie nicht beteiligen, auch wenn sie gern Zuschauer oder gar Mitwirkende gewesen wäre, aber das überstieg bei weitem ihr Wissen. Die Kreaturen, die so zahlreich wie Sterne am Firmament waren, direkt zu bekämpfen, war aussichtslos. Dazu war sie nicht stark genug, wie sie in der letzten Nacht schmerzvoll erfahren hatte.

Sie schleppte sich die Stufen hinauf, legte die verdreckte Rüstung ab, zog sich aus und ließ sich mit einem leisen Wimmern in das heiße Badewasser gleiten. Nach und nach wich die Kälte, die Muskeln entspannten sich und die Schwerelosigkeit des Wassers tat ein übriges, ihre Schmerzen zu lindern. Den Kopf auf den Beckenrand gelegt, ließ sie sich treiben.

Ja, wie ein dämlicher Ziegenbock hatte sie sich angestellt. Sie musste mehr auf das vertrauen, was sie gelernt hatte in den Jahren daheim. Und wenn es auch nur Sprichwörter waren, so steckte doch stets viel Wahrheit in ihnen. Also versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen und die vor ihr liegenden Aufgaben klar zu umreißen.

Der erste Punkt lautete:

Den Weg zum Gildengelände sichern. Sie wollte zwar eine Kriegerin werden, aber wer sagte denn, dass nur der Weg des Kampfes in Frage kam? Es musste etwas anderes geben, dies zu erfüllen und sie hatte auch schon eine Idee.

Der zweite Punkt lautete:

Einen Platz finden, an dem sie wohnen konnte. Auf Lameriast konnte sie sich nicht niederlassen, ebenso wenig in der Abgeschiedenheit Nord-Ost-Gerimors. Also würde sie in den saueren Apfel beißen und einen Platz suchen müssen, der all dem nicht entsprach, was sie sich erhofft hatte. Aber die Hauptsache war, dass es überhaupt einen Ort gab, an den sie sich zurück ziehen konnte.

Der dritte Punkt lautete:

Eine Thyren werden. Seitdem die Tiefländer das erste Mal ihren Weg gekreuzt hatten, bewunderte sie sie. Nein, so ganz richtig war das nicht. Sie dachte an das Besäufnis zurück, in der Bajarder Taverne. Ein wilder ausgelassener Haufen, der eine Bank zerlegt hatte und mit den Krügen nur so um sich schmiss. Aber alles was danach kam, hatte sie zutiefst beeindruckt. So fremd - und doch so vertraut. Sie musste noch einmal mit Kanubio reden, vielleicht konnte sie etwas gerade rücken. Die letzten beiden kurzen Treffen hatten ihr gezeigt, dass das Misstrauen ihr gegenüber grenzenlos war.

  • Wer keinen Mut hat zum Träumen,
    der hat auch keine Kraft zum kämpfen!
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Eisnacht

Wie in Seide ein Königskind
schläft die Erde in lauter Schnee,
blauer Mondscheinzauber spinnt
schimmernd über der See.

Aus den Wassern der Raureif steigt,
Büsche und Bäume atmen kaum:
durch die Nacht, die erschauernd schweigt,
schreitet ein glitzernder Traum.

Clara Müller-Jahnke


Knirschende Schritte durch glitzernden Schnee. Weiße Atemwölkchen, die durch leichte Brise von den Lippen fortgeweht werden. Eine dunkle Gestalt in der Einsamkeit der Wälder, an ihrer Seite ein weißes Pferd mit dunkler Mähne.

Sie dachte an den gestrigen Abend, an die Wärme und damit nicht nur an das riesige Feuer in der Mitte der Halle. Noch immer rührte sie der Anblick des Säuglings, der von seinem Vater gewickelt wurde. Ungeschickt vielleicht, aber so voller Liebe. Winziges Bündel in Kriegerpranken. Gut behütet, aufgehoben, beschützt, geliebt...

Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Joshua - 3 Jahre, 4 Monate und 23 Tage. Wo war er? Wie erging es ihm? Er war nicht das Kind einer großartigen, romantischen Liebe gewesen. Kein Kind der Zuneigung. Aber er war ihr Sohn! Und wie gerne hätte sie ihn...

Sie verdrängte die Gedanken wieder, so gut es ihr möglich war, denn sie schnürten ihr die Luft ab.

Eigentlich ging es ihr ganz gut, in der Einsamkeit der Wälder, auch wenn die Umstände härter waren, als sie es sich zuvor vorgestellt hatte. Diese Kälte! Diese allesdurchdringende Kälte machte ihr zu schaffen. An manchen Tagen gelang es ihr nicht einmal, sie des Nachts zu vertreiben, wenn sie unter einem Berg von Decken lag, das Zimmer notdürftig von einer Kohlepfanne geheizt, die der Herbergsvater ihr hineingestellt hatte. Aber dennoch liebte sie das Glitzern des Schnees, die Schönheit der Bäume, wenn sie nach feuchter Nacht von einem weißen Raureif-Gewand überzogen waren. Die Stille und Ruhe, die über allem lag.

Und sie liebte das Pferd, welches sie von den Thyren geschenkt bekommen hatte - Agileifja. Sie mochte das leichte Schnauben an ihrem Hals, das Stuppsen der Nüstern, die Wärme des großen Leibes, wenn sie sich an sie lehnte. Sie redete manchmal mit ihr, wenn es ihr zu einsam wurde, erzählte ihr von Umbango, redete über das, was ihr widerfahren war. Ihr konnte sie vertrauen, sie wusste, dass alles gut bei ihr aufgehoben war. Und es erleichterte sie. Mancher Schatten wurde kleiner, wenn sie darüber gesprochen hatte - und sei es auch nur ein Pferd, das ihr zuhörte.

Aber eines war gewiss: sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Es war gut, die Menschen eine Weile zu meiden, sich aus allem heraus zu halten, dem Tagwerk eines Holzfällers nachzugehen und mit sich selbst ins Reine zu kommen.
  • Schöne Dinge wachsen inmitten der Dornen.
Anele Namok
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Beitrag von Anele Namok »

Schwarzer Sonntag

Mit Wucht durchschlug der Bolzen den Mantel, die Tunika, die dünne Bluse und drang durch die Rückenmuskulatur knapp unterhalb des 12. Rippenbogens ein, blieb mit der Spitze im oberen Drittel der rechten Niere stecken. Ein kurzer stechender Schmerz, ein unschöner, leiser Laut - sie fiel nach vorn, mit dem Gesicht in den Schnee. Sie versuchte noch einige Zentimeter weiter zu robben, dann tat das Lähmungsgift seine Wirkung und gnädige Schwärze umgab sie.

Nur undeutlich erinnerte sie sich am nächsten Morgen an die Nacht. Man hatte sie versorgt, man hatte die Wunde geschlossen, man hatte es genäht und bandagiert und sie war einfach hier liegen geblieben. Auf der immer noch blutigen Matte, vor dem Kamin der Freien Herberge.

Es fiel ihr schwer, die Gedanken zu sammeln, denn ein dumpfer Schmerz strahlte vom Rücken über die Seiten, bis zum Bauch. Ihr war übel. Sie hatte Durst.

Sie musste weg von hier.

Sie schloß die Augen, biss die Zähne zusammen, dass es knirschte, die Kiefernmuskeln spannten sich an, dann versuchte sie sich langsam aufzurichten. Schmerzwellen durchfluteten sie. Sie wartete ab, bis es abebbte, erträglicher wurde. Dann griff sie nach dem Stab. Nach einer Ewigkeit - wie es ihr schien - gelang es ihr endlich, wieder auf die Beine zu kommen. Die Kleidung lag zerschnitten und blutig in einer Ecke, nur eine dünne Bluse, die nicht ihre war, bedeckte den Oberkörper, Hose und Stiefel hatte man ihr angelassen.

Sie musste weg von hier.

Sie konzentrierte sich auf jeden einzelnen Schritt, schwer auf den Stab gestützt. Konzentrierte sich einzig und allein auf das Laufen - schob jeden anderen Gedanken - schob den Schmerz beiseite.

Knie beugen. Fuss anheben. Fuss vorschieben. Fuss absetzen. Gewicht verlagern. Anderes Knie beugen. Fuss anheben. Fuss vorschieben....

Sie spürte die Kälte nicht, als sie endlich die Tür erreicht hatte und vor dem Haus stand. Sie spürte sie nicht, als sie sich den Weg zur Bank entlang schleppte. Sie war konzentriert. Auf jeden einzelnen Schritt. Sie musste zum Kistenlager.

Sie musste weg von hier!

Es gelang ihr die Stufen hinunter zu gehen. Es gelang ihr die Kiste zu öffnen. Es gelang ihr sogar, sich anzuziehen. Doch dann merkte sie, dass sie in diesem Moment nicht viel weiter kommen würde. Sie zerrte einige Felle aus der Truhe, schob sie in die Ecke und ließ sich knieend darauf nieder. Nur eine kleine Pause...

Warum sie? Was hatte sie getan, dass der Lethar ausgerechnet sie ausgesucht hatte? Wo waren die anderen gewesen? Warum hatte ihr niemand geholfen, als sie um Hilfe bat? Warum war niemand eingeschritten, nachdem sie deutlich gesagt hatte, dass sie nicht gehen wollte? Warum hatten alle nur da gestanden und gegafft? Warum ausgerechnet Selene? Warum ausgerechnet Tristan? Was war mit Widogard und Lidwina geschehen?

Die Fragen purzelten wie Bauklötze durch ihren Kopf, durcheinander gewirbelt durch den Schmerz.

Nur eine kleine Pause...

Sie musste weg von hier.
Anele Namok
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Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:41

Beitrag von Anele Namok »

Das Huhn, das eine Katze heiraten will, ist verrückt

Wieder war ein Mond übers Land gegangen, geprägt durch Niederlagen, Ablehnungen und doch auch kleinen Triumphen und der Gewissheit, Menschen kennen gelernt zu haben, die es gut mit ihr meinten.

Dieser furchtbare Streit, der sie an ihre Grenzen brachte, so unerwartet heraufzog, wie ein plözliches Gewitter, mit Blitz und Donner auf sie herab fuhr und doch etwas Neues hervorbrachte. Etwas, das sich zum Guten wendete, das ihr ein Gefühl der Ruhe und des Friedens bescherte durch einen Menschen, den sie kaum kannte. Nun hatte sie einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen konnte, einen Rückzugspunkt. Aber ein Heim, ein Zuhause?

Zumindest würden ihre Tage nun ausgefüllt sein mit Lernen und das war gut. Es gab so vieles, was sie noch zu lernen hatte. Und doch keimte immer wieder die Unsicherheit in ihr auf. Sie war an einem Ort, an dem sie nie sein wollte. Ein großes Haus, ein hoher Herr. Vieles erinnerte sie an die Herrschaft, der sie in den vergangenen Jahren dienen musste, auch wenn er ganz anders war. Doch sie war in ein einfaches Leben geboren worden, an dem andere Werte zählten.

Er wollte ihr helfen herauszufinden, wer sie war und was sie war. Doch was konnte sie schon sein, solange sie nicht sicher war, ob sie das Wohlwollen und den Schutz derer hatte, die ihr am meisten bedeuteten? Ihrer Ahnen. Immer noch abgeschnitten von dem großen Baum, der seine Äste weit schützend über ihr Volk hielt, hatte sie sich an jene gewandt, die ihr vielleicht Gewissheit darüber bringen konnte. Und wieder war sie dort - bei den Thyren.

Zunächst einmal aber hatte sie eine Aufgabe zu erfüllen, eine Suche. Und aye: an das Suchen hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Vielleicht bestand das ganze Leben daraus? Immer wieder neue Erkenntnisse zu suchen und zu finden?

Aber eines war sicher: Zwei Menschen waren in ihr Leben getreten, die ihr viel bedeuteten. Bei dem Gedanken an den einen durchströmte sie ein warmes Gefühl tiefster Dankbarkeit. Die Gedanken an den anderen, den blondgelockten, waren nicht so einfach einzuordnen. Und doch empfand sie nie gekannte tiefe Zuneigung zu ihm, gerade weil er so anders war, so ehrlich, so geduldig, so wenig fordernd, so weise, aber auf seine Art auch kindlich und aufbrausend. Und sie war sich sicher, dass hinter all dem was die anderen zu Gesicht bekamen, der Mensch steckte, der mehr für sie sein würde, als alle anderen.
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