Wenn man auf das Gerede der Menschen hört, dann ist jedes Herz, welches sich Alatar verschworen hat, verloren. Wenn man den Blick jedoch hebt und sich auf sich selbst konzentriert, nüchtern reflektiert, wofür man lebt, so hat jeder seine eigene Wahl. Seine Wahl, die für ihn wichtig und richtig ist.
Und dann gibt es noch das Schicksal, welches uns treiben möchte. Und uns immer dann in die Quere kommt, wenn man es so gar nicht gebrauchen kann.
Sie saß - wie jeden Tag - auf ihrem Höckerchen in der Schneiderei und zog es vor, die frische Luft zu meiden. Ehrgeiz, ihr Ziel zu erreichen, fesselten sie förmlich an den Stuhl. Hier und da verließ ein Stöhnen, ein Seufzen oder irgendwelche gemurmelten Wörter ihre Lippen. Sie hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, ob und wer diesen Raum betreten konnte. Daher war sie umso überraschter, als sie zur Abendstunde doch Besuch bekam. Es war selten, dass sie einen seiner Rasse aus der Nähe gesehen hatte. Meistens waren es die Erzählungen von ihren Eltern, von Fremden, von Ketzern und von Märchenerzählern.
Zuerst hatte sie seine Präsenz nur durch seine Bewegungen vernommen. War es die Angst oder pure Einschüchterung, die sie erstmals schwiegen ließen? Oder war es die pure Faszination, dass ein Lethar sich in ihrer unmittelbaren Nähe befand? Was auch immer es war: Sie konzentrierte sich diszipliniert auf ihr Tun und überspielte ihre Verunsicherung. Sie spürte ebenfalls, wie er ihr über die Schultern sah und sie beobachtete. Fühlte sie sich wie Beute? Oder wie ein Objekt, welches zu erforschen galt? Ein Schauder lief ihr über den Rücken hinab.
Recht schnell stellte sich jedoch heraus, dass der Lethar nicht so war, wie die Geschichten dieses Volk schilderten. Sie selbst als Gläubige des Herrn hatte Respekt vor ihnen, teilweise sogar Ehrfurcht und Angst. Immerhin gab es die wildesten Geschichten und Erzählungen. Umso verblüffter war sie, dass dieser Lethar sich förmlich bemühte, respektvoll und richtig mit ihr umzugehen. Er schien geduldig zu sein und es machte den Anschein, als wolle er lernen und verstehen, wie die Menschen waren. Sie gab sich Mühe, ihm alles zu erklären, während sie ihm einige Kleidungsstücke anfertigte. Da sie ihn nicht allzu lange mit Nichtigkeiten belangen wollte, bot sie ihm an, die Sachen zu fertigen, damit er sie dann abholen konnte.
Nachdem er die Schneiderei verlassen hatte, atmete sie erstmals durch. Es war pure Faszination, die sie ihm entgegenbringen konnte und umso länger der Lethar weg war, desto neugieriger wurde sie. Was verbarg sich hinter ihnen? Wie lebten sie? Es gab so viele interessante Dinge, die sie in Erfahrung bringen wollte. Und warum sollte sie ihn das nicht alles fragen? Diese Gedanken trieben sie auch dazu, sich auf die Einladung des Letharen einzulassen, im Wirtshaus noch etwas zu speisen und zu trinken.
Sie war zuvor noch nie wirklich mit jemandem - erst recht nicht mit einem männlichen Geschöpf - etwas trinken oder essen gegangen. Sie hatte sich bisher immer ihrer Arbeit gewidmet. Umso ungewöhnlicher war es, dass sie sich mit einem Letharen auf den Weg dorthin machte. Aber ihr war es recht. Immerhin wollte sie so einiges erfahren.
Immer und immer wieder erwischte sie sich dabei, wie ihre Faszination über diese Wesen wuchs. Sie selbst war nur eine unbedeutende Schneiderin, nichts desto trotz saß ein angehender Krieger dieses Volkes neben ihr, beantwortete ihre Fragen und half ihr zu verstehen. Sie fühlte sich geschmeichelt und geehrt, allein durch sein Verhalten und die Worte, die er ihr entgegen brachte. Und je mehr er erzählte, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie unterschiedlich sie waren. Feuer und Eis, die aufeinandergetroffen waren und versuchten, sich gegenseitig zu verstehen. Verblüfft war sie über seine Aussage, dass es schon Vereinigungen zwischen Lethar und Mensch gegeben hatte. Verblüffende Dinge, die man über Letharen erfahren konnte. Ebenfalls wie interessante und merkwürdige Züge, die sie einem Letharen nie zugetraut hätte.
Als sich der Abend zur Nacht hin neigte und die Müdigkeit ihren Geist ergriff, machte sie sich auf den Weg nach Hause. Sie brauchte die klare, kalte Luft, um den vielen Worten Freiheit zu lassen. Sie musste nachdenken, Worte ordnen, sortieren, filtern. Und dabei blieb dieser eine Satz in ihren Gedanken hängen:
"Ihr solltet eurer Herz mir gegenüber verschließen... hübsche Menschenfrau."