Da war sie nun.
Der Trubel in der Taverne zog unbeachtet an ihr vorbei, während sie auf einem Stuhl in der hintersten Ecke saß, den Becher Weinschorle vor sich auf dem Tisch. Die Sandalen lagen unter dem Stuhl, die Füße hatte sie hochgezogen und den Rock stramm über die Knie gezogen. Die Arme hielten den Stoff fest, so dass jeder noch so anzügliche Blick keinerlei Befriedigung fand. Nicht, dass sie hier viele davon erntete, was für sie schon ungewohnt genug war.
Gerade mal den dritten Tag befand sie sich nun in Adoran und die Ereignisse hatten sich mehr als überschlagen. Für eine Zigeunerin, die nur unter dem einfachen Volk unterwegs gewesen war – und mit einer nicht gerade rühmlichen Vergangenheit – war diese Stadt, ja, gerade diese hier, etwas völlig anderes, als sie kannte und je kennen gelernt hatte.
Zu allererst war da Valentin.
Viel Schein, wenig Sein, trotz allem jemand, mit einem gewissen Ehrgefühl, auf die man sich getrost verlassen konnte. Gewiss nicht dieser Art Ehre, von dem die Mehrheit der Bewohner dieser Stadt sonst so sprach. Trotzdem. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie wenigstens ein Dach über den Kopf hatte, wenngleich auch nur vorübergehend. Vermutlich machte er dieses Spielchen nicht lange mit und war dankbar, wenn er seine Ruhe vor ihr zurück hatte. Wie oft sie ihm den Gefallen noch abschwatzen konnte, wusste sie nicht. Und wohin dann, auch nicht.
Die Zelle, die der Rekrut so freundlich angeboten hatte, gewiss nicht. Wer wusste schon, ob er die Türe wirklich davon offen ließe? Und einem Kerl trauen, der schon solch sonderbare Angebote aussprach, lag außerhalb des gesunden Menschenverstandes.
Natürlich, unfreundlich war er nicht gewesen, aber das wollte nichts heißen. Männer waren eben Männer. Männer wollten nur zu oft nur das eine, und wenn sie sich auf solche Sachen einließ, dann nach ihren Spielregeln.
Dann war da noch der Elvre.
Sie hatte keine Ahnung, was sie von diesem Kerl halten sollte. Einerseits schien er ihr nicht über den Weg zu trauen – und wenn dann nur so weit, wie man einen Oger schmeißen konnte (also zugegebenermaßen nicht sehr weit, bis gar nicht). Berechtigt, musste sie sich eingestehen, und eigentlich ärgerte sie das alleine nicht einmal so sehr. Die Begleitumstände, die das mit sich brachte, hingegen schon.
Zwar ging das Fräulein mit der Laute davon aus, dass er sie durchaus mochte, aber so recht wollte die Zigeunerin das noch nicht glauben.
Oh ja, die Dame mit der Laute. Wie war ihr Name noch gleich? An ihren Vornamen konnte sie sich erinnern. Mayra lautete er, glaubte sie. So war das eben beim fahrenden Volk. Da stellte man sich mit Vornamen vor, so wie sie es selbst auch hielt, und der wurde sich auch gemerkt.
Etwas von ihr über die Menschen, die in dieser Stadt lebten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber sie verstand es gut andere zum Plaudern zu bringen. Fast wäre es ihr sogar gelungen, dass Chandra mehr verraten hätte, als sie eigentlich wollte. Eine einfache Frau. Mit Sicherheit war sie alles andere als das, was man allgemein hin unter einer einfachen Frau verstand. Es war also angeraten etwas vorsichtiger und leiser aufzutreten – nur etwas, damit es nicht allzu auffällig war.
Und dann? Ja, dann war da Smeralda, diese elende alte Schnapsdrossel. Sie hatte am zweiten Tag für verdammt viel Aufregung gesorgt. Erst wollte sie Münzen haben, dann wollte sie Schnaps haben, dann nannte sie die Zigeunerin Eera (wer auch immer diese Frau gewesen sein mochte, sie ruhte wohl am Grund des Meeres als Aschehäufchen, als das Schiff auf dem die beiden Frauen unterwegs waren, abgebrannt und abgesoffen war), und ihre Helferin (also Chandras) noch viel schlimmer: Josef.
Nach langem hin und her, hatten sie die Trunkenboldin zum Heilerhaus geschafft, mit der freundlichen Hilfe des Herrn Arthur, der eine erstaunliche Engelsgeduld und Höflichkeit am Leibe trug, dass es Chandra schaudern wollte – andererseits fand sie es aber auch sehr bemerkenswert und erstaunlich.
Über Smeralda hatte sie nun auch Arihbeth kennen gelernt. Eine sehr nette und überaus hilfsbereite junge Frau, wie Chandra fand. Ihr hatte sie die neue Kleidung zu verdanken, mit der sie auch vor die Tore der hohen Herrschaften treten konnte. Also waren sie gemeinsam dorthin gegangen, Chandra ihre Botschaft abgegeben und einen Blick auf den Herr Katuri werfen können. Nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt für sie von großem Interesse gewesen wäre, das ergab sich erst später im Gespräch mit der Lautenspielerin.
Den restlichen Tag verbrachten die beiden Frauen damit, sich um die völlig betrunkene und verwirrte alte Frau zu kümmern. Woher sie die Selbstlosigkeit in dieser Zeit nahm, hätte die Zigeunerin nicht zu sagen gewusst. Irgendwann verließ sie sogar die Geduld, aber das bekam nur Smeralda zu spüren – kurzweilig.
Tja, und schließlich war da noch Luca.
Sein Zossen hatte einen viel zu gesegneten Appetit, der Bursche die Augen definitiv auf alles andere gerichtet, als Augenhöhe (vermutlich wusste er nicht einmal, das ihre grün waren), und war dennoch jemand, den sie auf Anhieb mochte.
Vielleicht lag das an dem sehr einfachen Wesen, dass er zeigte, vielleicht auch an der Hilfsbereitschaft, die er gezeigt hatte. Vielleicht auch daran, dass es ihr ungemein schmeichelte, wie er ihr gegenübertrat. Verdammt viele vielleicht, dachte sie bei sich.
Sie mochte dieses Grinsen und die Unbedarftheit, die er bisweilen an den Tag legte, auch wenn er ziemlich naiv zu sein schien in dem einen oder anderen Belang. Aber was machte das schon? Jetzt hatte er ja sie, die ein Auge darauf haben würde, dass ihn niemand über den Tisch zöge bei seiner Taverne, die er bald eröffnen würde (sich selbst nahm sie freilich dabei raus, aber dem Valentin müsste sie schon böse auf die Finger schauen, oh ja!).
Jetzt allerdings saß sie hier in der Schenke, die sich etwas weiter nördlich auf der gleichen Straße befand, wo auch die Schatzkammer bald sein sollte, Lucas Taverne eben, und machte sich Gedanken.
Am gestrigen Abend hatte sie den Aufruhr mitbekommen. Irgendwas stimmte in Berchgard nicht. Später hörte sie eine Frau nach Lu rufen. Sicher, Lu… das konnte sonst wer sein. Luisella, Luitgard oder Luitgardis.. oder eben Luca.
Seither fand sie keine Ruhe mehr – und das nicht nur, weil sie ihre Arbeit davonschwimmen sah, sondern weil sie sich – wenn sie ehrlich zu sich selber war (und das kam selten genug vor!) – tatsächlich sorgte. Was, wenn dem jungen Soldaten irgendwas zugestoßen war? (Irgendwie konnte sie diese Tatsache noch immer nicht so recht glauben, aber was nutzte es? Die Sorge war trotzdem da, ganz und gar hartnäckig und nervtötend.)
Bestimmt schon zwanzig Mal war sie den Weg zwischen der zukünftigen Schatzkammer und dieser Schenke, in der sie nun saß, hin und hergelaufen. Aber sie hatte weder etwas gehört, noch etwas gesehen, noch fand sie Ruhe. Ständig versuchte sie sich einzureden, dass sie eine elende Schwarzmalerin wäre, die noch an ihrem Pessimismus erstickte.
Im Stillen schwor sie sich die Schulbank zu drücken, um lesen und schreiben zu lernen, um die Etikette zu lernen, um sonst was zu lernen, damit sie dem Rotzlöffel keine Schande machte in seiner Schenke, wenn er nur heil geblieben war; ja, schwor es sogar sämtlichen Göttern, die ihr so einfielen (und die es interessieren könnte - es konnte ja nicht schaden!).
„Du bist wirklich nicht ganz richtig im Kopf, Chandra“, murmelte sie ganz leise zu sich selbst. „Bist bis jetzt nicht verhungert, wirst es auch in Zukunft nicht.“
Schöne neue Welt - die reinste Katastrophe
-
Chandra Devadas
Allez hopp!
Die Ereignisse überschlugen sich.
Dies ist der, das ist die, und es gibt’s auch noch!
Da gab’s Sturheit, dort Gemeinheit, drüben Hilfsbereitschaft, links davon ein Bein zum Stolpern… und dann war da noch der Stadtschreiber.
Es gab Tumult, es gab Ruhe, wieder Tumult, keinen Heiler, der gut genug war, oder eben keine Zeit sie aufzusuchen. Es gab Ausreden, es gab Ehrlichkeiten, es gab Nettigkeiten und Komplimente, Neckereien, einen großen Schrecken.
Dann waren da noch blaue schleimige Froschlingsflügelmonster. Wäre etwas für Gruselgeschichten! Und… der Stadtschreiber.
Es war viel zu warm und gemütlich, um die Augen aufzumachen und Pilze suchen zu gehen. Nur eines störte. Irgendwas sabberte in ihrem Gesicht herum. Also doch! Wieder geschwindelt und voll erwischt!
Widerstrebend wurden die grünen Augen geöffnet und eine feuchte schwarze Hundenase streckte sich ihrem Gesicht entgegen.
„Verflucht!“
Sie drehte sich um, vergrub das Gesicht in des Nachbars Hemd und brammelte kurz leise vor sich hin. „Nur noch ein bisschen…“
Die Lakritznase gab keine Ruhe. Da musste wer mal dringend vor die Tür. Aber es war so warm! So schön kuschelig warm! „Lern halt die Tür aufmachen, verdammt. Warum denn jetzt? Und warum ich.. ich hasse Hunde“, flüsterte sie kaum verständlich vor sich hin, stahl sich unter dem Fell hervor und zog die Jacke eng um sich, die sie noch immer trug. Sie fröstelte.
Das rotbraune Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab. Wäre da ein Spiegel gewesen, sie hätte sich selbst als garstige Hexe beschimpft, so zerzaust sah es auf ihrem Kopf aus.
Vorsichtig tastete sie sich den Weg durchs Halbdunkel, bedacht darauf keinen Lärm zu machen, damit die lebendige „Wärmflasche“ nicht geweckt wurde. Als sie mit dem bloßen Fuß gegen den Schild stieß – sie hatte es ja noch am Abend besungen! – fluchte sie unterdrückt auf und wankte in Richtung Haustür.
Unter leisem Gähnen öffnete sie die Tür, ließ den Hund hinaus, damit der sein Geschäft verrichten konnte und zog die Jacke noch mal enger um sich. Nun fror sie. Frösteln konnte man das beim besten Willen nicht mehr nennen. Herbst.
Ihr Blick irrte sehnsüchtig und prüfend zugleich zu den Fellen hinüber. Ein kleines heimliches Lächeln stahl sich auf ihre Züge. Es dämmerte gerade erst und ganz allmählich konnte sie mehr erkennen. Ihr Verstand weigerte sich hartnäckig über alles ausführlich nachzudenken. Vielleicht war das auch besser so. Vielleicht lag es nur an der Müdigkeit, die selbst die Kälte nicht vertrieb. Früh aufstehen hatte gewiss etwas für sich, aber nicht an diesem Tag. Nein, ganz gewiss nicht.
Der Vierbeiner drängelte sich an ihren mittlerweile kalten Beinen vorbei und sie schob die Tür leise zu, verriegelte sie wieder und tastete sich zurück zu den Fellen. Kaum dort angekommen, setzte sie sich hin und rieb sich die geschundenen Zehen, die noch immer vom Zusammenstoß mit dem Schild schmerzten. Irgendwann kribbelte es nur noch leicht und sie rutschte unter das Fell, kalt wie sie war dank des kleinen Ausflugs, um sich frierend anzukuscheln.
Völlig egal, alles, was sie sich für den Tag vorgenommen hatte, durfte gern noch ein bisschen länger warten. Mhm…
Dies ist der, das ist die, und es gibt’s auch noch!
Da gab’s Sturheit, dort Gemeinheit, drüben Hilfsbereitschaft, links davon ein Bein zum Stolpern… und dann war da noch der Stadtschreiber.
Es gab Tumult, es gab Ruhe, wieder Tumult, keinen Heiler, der gut genug war, oder eben keine Zeit sie aufzusuchen. Es gab Ausreden, es gab Ehrlichkeiten, es gab Nettigkeiten und Komplimente, Neckereien, einen großen Schrecken.
Dann waren da noch blaue schleimige Froschlingsflügelmonster. Wäre etwas für Gruselgeschichten! Und… der Stadtschreiber.
Es war viel zu warm und gemütlich, um die Augen aufzumachen und Pilze suchen zu gehen. Nur eines störte. Irgendwas sabberte in ihrem Gesicht herum. Also doch! Wieder geschwindelt und voll erwischt!
Widerstrebend wurden die grünen Augen geöffnet und eine feuchte schwarze Hundenase streckte sich ihrem Gesicht entgegen.
„Verflucht!“
Sie drehte sich um, vergrub das Gesicht in des Nachbars Hemd und brammelte kurz leise vor sich hin. „Nur noch ein bisschen…“
Die Lakritznase gab keine Ruhe. Da musste wer mal dringend vor die Tür. Aber es war so warm! So schön kuschelig warm! „Lern halt die Tür aufmachen, verdammt. Warum denn jetzt? Und warum ich.. ich hasse Hunde“, flüsterte sie kaum verständlich vor sich hin, stahl sich unter dem Fell hervor und zog die Jacke eng um sich, die sie noch immer trug. Sie fröstelte.
Das rotbraune Haar stand in alle Himmelsrichtungen ab. Wäre da ein Spiegel gewesen, sie hätte sich selbst als garstige Hexe beschimpft, so zerzaust sah es auf ihrem Kopf aus.
Vorsichtig tastete sie sich den Weg durchs Halbdunkel, bedacht darauf keinen Lärm zu machen, damit die lebendige „Wärmflasche“ nicht geweckt wurde. Als sie mit dem bloßen Fuß gegen den Schild stieß – sie hatte es ja noch am Abend besungen! – fluchte sie unterdrückt auf und wankte in Richtung Haustür.
Unter leisem Gähnen öffnete sie die Tür, ließ den Hund hinaus, damit der sein Geschäft verrichten konnte und zog die Jacke noch mal enger um sich. Nun fror sie. Frösteln konnte man das beim besten Willen nicht mehr nennen. Herbst.
Ihr Blick irrte sehnsüchtig und prüfend zugleich zu den Fellen hinüber. Ein kleines heimliches Lächeln stahl sich auf ihre Züge. Es dämmerte gerade erst und ganz allmählich konnte sie mehr erkennen. Ihr Verstand weigerte sich hartnäckig über alles ausführlich nachzudenken. Vielleicht war das auch besser so. Vielleicht lag es nur an der Müdigkeit, die selbst die Kälte nicht vertrieb. Früh aufstehen hatte gewiss etwas für sich, aber nicht an diesem Tag. Nein, ganz gewiss nicht.
Der Vierbeiner drängelte sich an ihren mittlerweile kalten Beinen vorbei und sie schob die Tür leise zu, verriegelte sie wieder und tastete sich zurück zu den Fellen. Kaum dort angekommen, setzte sie sich hin und rieb sich die geschundenen Zehen, die noch immer vom Zusammenstoß mit dem Schild schmerzten. Irgendwann kribbelte es nur noch leicht und sie rutschte unter das Fell, kalt wie sie war dank des kleinen Ausflugs, um sich frierend anzukuscheln.
Völlig egal, alles, was sie sich für den Tag vorgenommen hatte, durfte gern noch ein bisschen länger warten. Mhm…
-
Chandra Devadas
Ein Weg in ein neues Leben
Was hatte sich nicht alles verändert.
Da war sie mit nichts nach Adoran gekommen. Mit nichts als dem, was sie am Leib trug. Und jetzt? Jetzt besaß sie so schöne Kleider, dazu hatte sie noch einige Freundschaften geschlossen und hatte ein Dach über den Kopf, bald würde die Schatzkammer hoffentlich eröffnen und sie konnte endlich etwas tun, um wenigstens ein bisschen von dem zurückzugeben, was man ihr selbst Gutes getan hatte.
Es war alles so anders, als sie es kannte. Jeder half hier jedem irgendwie. Und damals? Im Wagenrund? Tja, da versucht jedem dem nächsten nur ein Auge auszuhacken. Letztlich hatte sie dort mehr Prügel bezogen, als man es ertrug, sie hatte Dinge tun müssen, die sie verabscheute und letztlich zu dem einzigen Ausweg gegriffen, der ihr noch eingefallen war. Die Bilder davon verfolgten sie noch immer und würden sie ihr Leben lang vermutlich nicht mehr loslassen.
Hätten die Leute, die sie so herzlich aufnahmen in der Stadt, in ihrem Heim, in ihrem Kreis, nicht derart reagiert, sie hätte versucht sich genauso durchzuschlagen, wie sie es einst von ihrem Vater und ihrer Mutter lernte: Mit Betrug, Diebereien, Gaunereien, vermutlich sogar noch für sie persönlich viel Schlimmeres, als das alles.
Und bald, ja bald würde sie so viel zu tun haben, dass sie gar keinen Gedanken mehr daran verschwenden konnte irgendeinen Unsinn anzustellen.
Das Einzige, wovor sie sich noch immer fürchtete, war das ausstehende Gespräch. Es machte sie nervös, ließ sie kaum noch schlafen und wenn es nicht bald mal stattfand, dann würde sie ganz gewiss sterben!
Schon zwei Mal war sie umsonst hingegangen. Zweimal wurde ihr gesagt, sie müsse zu einem anderen Tag wiederkommen. Langsam war sie am Rande der Verzweiflung. Das würde so in die Hose gehen!
„Du hast schlimmeres überstanden“, murmelte sie leise vor sich her, um sich selber zu beruhigen, aber es wollte nicht gelingen.
Da war sie mit nichts nach Adoran gekommen. Mit nichts als dem, was sie am Leib trug. Und jetzt? Jetzt besaß sie so schöne Kleider, dazu hatte sie noch einige Freundschaften geschlossen und hatte ein Dach über den Kopf, bald würde die Schatzkammer hoffentlich eröffnen und sie konnte endlich etwas tun, um wenigstens ein bisschen von dem zurückzugeben, was man ihr selbst Gutes getan hatte.
Es war alles so anders, als sie es kannte. Jeder half hier jedem irgendwie. Und damals? Im Wagenrund? Tja, da versucht jedem dem nächsten nur ein Auge auszuhacken. Letztlich hatte sie dort mehr Prügel bezogen, als man es ertrug, sie hatte Dinge tun müssen, die sie verabscheute und letztlich zu dem einzigen Ausweg gegriffen, der ihr noch eingefallen war. Die Bilder davon verfolgten sie noch immer und würden sie ihr Leben lang vermutlich nicht mehr loslassen.
Hätten die Leute, die sie so herzlich aufnahmen in der Stadt, in ihrem Heim, in ihrem Kreis, nicht derart reagiert, sie hätte versucht sich genauso durchzuschlagen, wie sie es einst von ihrem Vater und ihrer Mutter lernte: Mit Betrug, Diebereien, Gaunereien, vermutlich sogar noch für sie persönlich viel Schlimmeres, als das alles.
Und bald, ja bald würde sie so viel zu tun haben, dass sie gar keinen Gedanken mehr daran verschwenden konnte irgendeinen Unsinn anzustellen.
Das Einzige, wovor sie sich noch immer fürchtete, war das ausstehende Gespräch. Es machte sie nervös, ließ sie kaum noch schlafen und wenn es nicht bald mal stattfand, dann würde sie ganz gewiss sterben!
Schon zwei Mal war sie umsonst hingegangen. Zweimal wurde ihr gesagt, sie müsse zu einem anderen Tag wiederkommen. Langsam war sie am Rande der Verzweiflung. Das würde so in die Hose gehen!
„Du hast schlimmeres überstanden“, murmelte sie leise vor sich her, um sich selber zu beruhigen, aber es wollte nicht gelingen.
-
Chandra Devadas
Es war keine Sache des Nachdenkens, sondern des Handelns gewesen.
Nun saß sie auf der Bettkante und starrte den Vorhang an, als könnte sie ihn mit dem Blick ankokeln. So recht wollte sie noch nicht aufstehen. Die ganze Aufregung hatte immerhin dafür gesorgt, dass sie geschlafen hatte wie ein Stein. Tatsächlich hatte sie nicht mal gemerkt, dass er irgendwann verschwunden war.
Sie wusste aber, wer sich garantiert fragte, wo sie die ganze Zeit gesteckt hatte. Was sollte es schon, sie war alt genug, um auf sich aufzupassen.
Viel mehr Gedanken machte sie sich darum, was da überhaupt alles passiert war am vergangenen Abend. Was ein hin und her! Und so ein großes durcheinander! Die Ereignisse hatten sich derart überschlagen, das sie nicht mal Zeit hatte in Ruhe darüber nachzudenken. Da war die ganze Aufregung – keine schlechte Aufregung, eher eine, die sie ganz und gar kribblig machte – und die eigentlich doch so nette Bäuerin, der sie mal die Pilze verkauft hatte. Eigentlich wollte sie gar nicht so gemein sein, aber es war schneller passiert, als sie hatte gucken können. Da konnte sie doch nie wieder vorbeigehen, um Pilze zu verkaufen!
In einem Anflug aus plötzlichem Schamgefühl schlug sie die flachen Hände an die glühenden Wangen und nur eine Augenblick später suchte sie eilig ihre Sachen zusammen, zog sich an, lief zum Becken rüber, warf sich Wasser ins Gesicht, band die Haare zusammen und lief die Stufen hinauf.
Frische Luft! Oh ja, sie brauchte dringend ganz viel frische Luft!
Ich lauf nicht einfach weg.
Ach, verdammt!
Sie blieb auf der obersten Treppestufe stehen und besah sich die Türe, die hinausführte in die Küche. Was bei allen guten und schlechten Geistern tat sie hier eigentlich? Die rechte Hand fand sich kaum einen Moment später auf Augenhöhe ein und sie betrachtete eingehend ihre Linien.
Viele Kinder.
Fast hätte sie gelacht und ließ die Hand einfach wieder an ihrer Seite herabbaumeln.
Das ist lächerlich, das weißt du auch! Stell dich nicht so an wie ein kleines Mädchen, das ist eh schon lange dahin, Chandra Faray Rafaela Devadas. So naiv bist du nicht, dass du glaubst, dass es das gewesen ist, wenn du jetzt hinausstürmst, wie ein Sandteufel durch die Wüste tobt. Erklär denen das mal! Das gibt nur Ärger! Und außerdem, eigentlich willst du doch gar nicht hinaus laufen…
Also holte sie tief Luft, öffnete die Tür und schloss sie ganz leise wieder. Da war sie also, in der Küche, und nebenan der Schankraum.
Nun saß sie auf der Bettkante und starrte den Vorhang an, als könnte sie ihn mit dem Blick ankokeln. So recht wollte sie noch nicht aufstehen. Die ganze Aufregung hatte immerhin dafür gesorgt, dass sie geschlafen hatte wie ein Stein. Tatsächlich hatte sie nicht mal gemerkt, dass er irgendwann verschwunden war.
Sie wusste aber, wer sich garantiert fragte, wo sie die ganze Zeit gesteckt hatte. Was sollte es schon, sie war alt genug, um auf sich aufzupassen.
Viel mehr Gedanken machte sie sich darum, was da überhaupt alles passiert war am vergangenen Abend. Was ein hin und her! Und so ein großes durcheinander! Die Ereignisse hatten sich derart überschlagen, das sie nicht mal Zeit hatte in Ruhe darüber nachzudenken. Da war die ganze Aufregung – keine schlechte Aufregung, eher eine, die sie ganz und gar kribblig machte – und die eigentlich doch so nette Bäuerin, der sie mal die Pilze verkauft hatte. Eigentlich wollte sie gar nicht so gemein sein, aber es war schneller passiert, als sie hatte gucken können. Da konnte sie doch nie wieder vorbeigehen, um Pilze zu verkaufen!
In einem Anflug aus plötzlichem Schamgefühl schlug sie die flachen Hände an die glühenden Wangen und nur eine Augenblick später suchte sie eilig ihre Sachen zusammen, zog sich an, lief zum Becken rüber, warf sich Wasser ins Gesicht, band die Haare zusammen und lief die Stufen hinauf.
Frische Luft! Oh ja, sie brauchte dringend ganz viel frische Luft!
Ich lauf nicht einfach weg.
Ach, verdammt!
Sie blieb auf der obersten Treppestufe stehen und besah sich die Türe, die hinausführte in die Küche. Was bei allen guten und schlechten Geistern tat sie hier eigentlich? Die rechte Hand fand sich kaum einen Moment später auf Augenhöhe ein und sie betrachtete eingehend ihre Linien.
Viele Kinder.
Fast hätte sie gelacht und ließ die Hand einfach wieder an ihrer Seite herabbaumeln.
Das ist lächerlich, das weißt du auch! Stell dich nicht so an wie ein kleines Mädchen, das ist eh schon lange dahin, Chandra Faray Rafaela Devadas. So naiv bist du nicht, dass du glaubst, dass es das gewesen ist, wenn du jetzt hinausstürmst, wie ein Sandteufel durch die Wüste tobt. Erklär denen das mal! Das gibt nur Ärger! Und außerdem, eigentlich willst du doch gar nicht hinaus laufen…
Also holte sie tief Luft, öffnete die Tür und schloss sie ganz leise wieder. Da war sie also, in der Küche, und nebenan der Schankraum.
-
Chandra Devadas
Dem Himmel sei Dank
Sie war schon wieder da.
Aber eigentlich war es ja ganz gut so. Sie war auch nicht sauer gewesen und nahm die Entschuldigung an. Eine Erleichterung war das, den Stein hatte man bestimmt runter rumpeln hören, der ihr da auf dem Herzen gelegen hatte.
Natürlich war sie dann nach Adoran zurück. Immerhin wusste ja niemand, wo sie steckte. Wenigstens Bescheid sagen musste sie doch, bevor alle umkamen vor Sorge, zumal diese Ungeheuer wieder unterwegs gewesen waren, und dann auch noch so viele.
Auch da gab es viel Erleichterung darüber, dass es ihr gut ging. Und später viel Ärger, aber mit dem hatte sie nichts zu tun. Leid tat es ihr trotzdem drum. Das hätte sie lieber nicht mitbekommen, das stand schon mal fest. Ständig hatte Luca Ärger wegen dieser dummen Kuh. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie mochte sie einfach nicht.
Nun war sie wohl weg und so gemein es auch war, im Stillen für sich hoffte sie, sie blieb es auch. War besser so, vor allem für Luca. Aber das behielt sie lieber für sich. Also war sie damit beschäftigt gewesen ihn zu beruhigen. Sauer war er bestimmt zurecht. Auf offener Straße eine Ohrfeige für... ja, wofür wusste sie nicht so genau. Es ging um irgendeine Ehre, und um irgendein nicht erwachsenes Verhalten – und dabei fand sie, dass diese Ritterin auch nicht gerade sehr erwachsen aufgetreten war, ein Glück nur, das sie so mit Luca beschäftigt war, dass sie ihren Einwurf nicht gehört hatte.
Am liebsten wäre sie dazwischen gegangen, traute sich aber nicht so recht und sie war sich außerdem sicher, dass das Luca bestimmt nicht so recht gewesen wäre, wenn sie es getan hätte.
Irgendwann saß sie dann in der Kutsche, noch völlig durcheinander von den Ereignissen und Gesprächen, noch immer brachte sie die Frage, ob sie heiraten wollte, fast zum Lachen. Das war wirklich das Letzte, woran sie dachte, geschweige denn, was sie plante. Wie er darauf gekommen war, blieb ihr ein Rätsel. Nur das unbestimmte Gefühl, dass er eifersüchtig war, ließ sie nicht los, aber so recht heraus wollte er damit nicht, sagte nichts weiter zu dem, was sie ihm erzählt hatte, und schien dennoch enttäuscht über irgendwas zu sein.
Nun, enttäuscht war sie auch, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Aber wer nicht wollte, der hatte vermutlich schon. Und bei dem ganzen Ärger der später folgte, ahnte sie auch schon so genug, wie und was er hatte.
Als sie bei der Erntegans eintraf, war sie von ihren eigenen Gedanken völlig versunken und das Szenario, dass sich ihr darbot, konnte sie nicht wirklich erfassen. Und ihn, ihn hätte sie treten können für seine Taktlosigkeit! Oh ja! Sie war extra hinauf gegangen, wohl mehr um ihre eigenen Gedanken zu ordnen, und der Trottel rannte ihr hinterher.
Dabei war sie doch noch da. Das ging so nicht. Wirklich nicht. Der Versuch ihm zu erklären, dass das nicht das gelungenste Kunststück war, scheiterte irgendwie. Wieso waren Kerle eigentlich so begriffsstutzig bisweilen?
Trotzdem, das was das nachfolgende Gespräch erbrachte, sorgte für ein enorm flaues Gefühl in ihrem Magen und Schlaf fand sie nicht so recht, obschon sie sich reichlich erschlagen fühlte, als sie sich endlich schlafen legte.
Also setzte sie sich irgendwann auf, sah sich in dem schwachen Licht in dem Raum um, guckte letztlich neben sich und betrachtete den Schlafenden nachdenklich. Wohin diese Reise ging, wusste sie beim besten Willen nicht zu sagen.
Eigentlich fühlte sich gerade von allem maßlos überfordert. Wenn sie ganz ehrlich war, machte ihr das Ganze sogar ein bisschen Angst, wobei die eher darauf beruhte, dass sie nicht wusste, was sie erwartete und alles eben so neu und so rasant verlief, dass sie mit Denken und Fühlen schon gar nicht mehr hinterher kam.
Erst die Ankunft in der Stadt, dann die ganze Aufregung wegen dem Bürgerbrief, die Schatzkammer, der Hof, die Freunde, dieses Ungeziefer aus dem Meer und jetzt das. Da sollte sich noch jemand auskennen!
Dazu die Sorge vom Luca, der glaubte, sie würde bald ganz verschwinden. Bestimmt glaubte die Yette das auch, wenn Luca mit ihr darüber sprechen sollte, und.. ja.. das absolut zum Herzzerreißen traurige Fräulein Yldin. Sie wusste nur von einer Seite, was vorgefallen sein musste und ahnte auch da, dass es nur ein vages Bild abgab, dem die zweite Seite fehlte und dadurch Lücken aufwies, die nur sie hätte füllen können. Aber sie wollte nicht nachfragen.
Im Grunde ging es sie ja doch nichts an.
Irgendwann aber übermannte sie die Müdigkeit doch und sie schlief ein, eingekuschelt unter der Decke, die sie bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte, nur der rotbraune Schopf schaute wenig später noch hervor.
Aber eigentlich war es ja ganz gut so. Sie war auch nicht sauer gewesen und nahm die Entschuldigung an. Eine Erleichterung war das, den Stein hatte man bestimmt runter rumpeln hören, der ihr da auf dem Herzen gelegen hatte.
Natürlich war sie dann nach Adoran zurück. Immerhin wusste ja niemand, wo sie steckte. Wenigstens Bescheid sagen musste sie doch, bevor alle umkamen vor Sorge, zumal diese Ungeheuer wieder unterwegs gewesen waren, und dann auch noch so viele.
Auch da gab es viel Erleichterung darüber, dass es ihr gut ging. Und später viel Ärger, aber mit dem hatte sie nichts zu tun. Leid tat es ihr trotzdem drum. Das hätte sie lieber nicht mitbekommen, das stand schon mal fest. Ständig hatte Luca Ärger wegen dieser dummen Kuh. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie mochte sie einfach nicht.
Nun war sie wohl weg und so gemein es auch war, im Stillen für sich hoffte sie, sie blieb es auch. War besser so, vor allem für Luca. Aber das behielt sie lieber für sich. Also war sie damit beschäftigt gewesen ihn zu beruhigen. Sauer war er bestimmt zurecht. Auf offener Straße eine Ohrfeige für... ja, wofür wusste sie nicht so genau. Es ging um irgendeine Ehre, und um irgendein nicht erwachsenes Verhalten – und dabei fand sie, dass diese Ritterin auch nicht gerade sehr erwachsen aufgetreten war, ein Glück nur, das sie so mit Luca beschäftigt war, dass sie ihren Einwurf nicht gehört hatte.
Am liebsten wäre sie dazwischen gegangen, traute sich aber nicht so recht und sie war sich außerdem sicher, dass das Luca bestimmt nicht so recht gewesen wäre, wenn sie es getan hätte.
Irgendwann saß sie dann in der Kutsche, noch völlig durcheinander von den Ereignissen und Gesprächen, noch immer brachte sie die Frage, ob sie heiraten wollte, fast zum Lachen. Das war wirklich das Letzte, woran sie dachte, geschweige denn, was sie plante. Wie er darauf gekommen war, blieb ihr ein Rätsel. Nur das unbestimmte Gefühl, dass er eifersüchtig war, ließ sie nicht los, aber so recht heraus wollte er damit nicht, sagte nichts weiter zu dem, was sie ihm erzählt hatte, und schien dennoch enttäuscht über irgendwas zu sein.
Nun, enttäuscht war sie auch, wenn sie ehrlich zu sich selbst war. Aber wer nicht wollte, der hatte vermutlich schon. Und bei dem ganzen Ärger der später folgte, ahnte sie auch schon so genug, wie und was er hatte.
Als sie bei der Erntegans eintraf, war sie von ihren eigenen Gedanken völlig versunken und das Szenario, dass sich ihr darbot, konnte sie nicht wirklich erfassen. Und ihn, ihn hätte sie treten können für seine Taktlosigkeit! Oh ja! Sie war extra hinauf gegangen, wohl mehr um ihre eigenen Gedanken zu ordnen, und der Trottel rannte ihr hinterher.
Dabei war sie doch noch da. Das ging so nicht. Wirklich nicht. Der Versuch ihm zu erklären, dass das nicht das gelungenste Kunststück war, scheiterte irgendwie. Wieso waren Kerle eigentlich so begriffsstutzig bisweilen?
Trotzdem, das was das nachfolgende Gespräch erbrachte, sorgte für ein enorm flaues Gefühl in ihrem Magen und Schlaf fand sie nicht so recht, obschon sie sich reichlich erschlagen fühlte, als sie sich endlich schlafen legte.
Also setzte sie sich irgendwann auf, sah sich in dem schwachen Licht in dem Raum um, guckte letztlich neben sich und betrachtete den Schlafenden nachdenklich. Wohin diese Reise ging, wusste sie beim besten Willen nicht zu sagen.
Eigentlich fühlte sich gerade von allem maßlos überfordert. Wenn sie ganz ehrlich war, machte ihr das Ganze sogar ein bisschen Angst, wobei die eher darauf beruhte, dass sie nicht wusste, was sie erwartete und alles eben so neu und so rasant verlief, dass sie mit Denken und Fühlen schon gar nicht mehr hinterher kam.
Erst die Ankunft in der Stadt, dann die ganze Aufregung wegen dem Bürgerbrief, die Schatzkammer, der Hof, die Freunde, dieses Ungeziefer aus dem Meer und jetzt das. Da sollte sich noch jemand auskennen!
Dazu die Sorge vom Luca, der glaubte, sie würde bald ganz verschwinden. Bestimmt glaubte die Yette das auch, wenn Luca mit ihr darüber sprechen sollte, und.. ja.. das absolut zum Herzzerreißen traurige Fräulein Yldin. Sie wusste nur von einer Seite, was vorgefallen sein musste und ahnte auch da, dass es nur ein vages Bild abgab, dem die zweite Seite fehlte und dadurch Lücken aufwies, die nur sie hätte füllen können. Aber sie wollte nicht nachfragen.
Im Grunde ging es sie ja doch nichts an.
Irgendwann aber übermannte sie die Müdigkeit doch und sie schlief ein, eingekuschelt unter der Decke, die sie bis zur Nasenspitze hochgezogen hatte, nur der rotbraune Schopf schaute wenig später noch hervor.
-
Chandra Devadas
Weltuntergangsstimmung
Sie hätte heulen mögen, aber sie tat es nicht.
Sie hätte schreien mögen, aber sie tat es nicht.
Sie hätte das Weite suchen wollen, aber sie tat es nicht.
An sich hatte der Tag so schön angefangen, es war nett gewesen auf dem Schlachtfest, auch wenn sie nur kurz dort verweilten, es war noch schöner gewesen danach, bis...
Was auch immer in sie gefahren war, sie konnte es sich beim besten Willen nicht erklären. Zu Anfang hatte sie die Aufregung eher erheitert, als dass sie es ernst nehmen konnte, so wie Talana da mit der Bratpfanne stand und herumschimpfte.
Als sie dann Neyla sah, und ihre Platzwunde, danach das heulende und völlig apathische Kind, da verließ sie die Belustigung schlagartig. Was um alles in der Welt, war in diese Frau gefahren, dass sie sich so vergaß?
Die Antwort musste sie nicht lange suchen. Die Antwort hatte einen Namen und es fing an ihr derbe zu stinken, das Ganze. Natürlich hätte sie auch einfach kampflos das Weite suchen können, stattdessen aber blieb sie.
Während die Geschwister redeten nach einigem hin und her und noch mehr Gebrüll, kehrte Miranda mit dem Kind wieder ein und verzog sich mit ihr in die Küche. Sie heulte noch immer hemmungslos, die Kleine, die Hände auf die Ohren gepresst und war ganz und gar verängstigt. Mit einiger Bitternis erkannte sie darin das Verhalten ihres kleinen Bruders, so dass sie das tat, was sie bei ihm schon immer getan hatte, als er sich so verhielt. Sie fing an zu singen. Es war ein altes Lied aus dem Wagenrund, ruhig und getragen, sehr dienlich dazu kleine aufgewühlte Gemüter (und auch genauso die großen) zu beruhigen und selber ein wenig Kraft zu sammeln für das Kommende.
Das Lied erfüllte sie mit Wehmut, immerhin barg es viele Erinnerungen in sich. Es verfehlte auch seine Wirkung nicht. Das Kind beruhigte sich, zumindest vorübergehend.
In all diesen Tumult platzte dann letztlich auch Luca hinein. Es tat ihr Leid für ihn. Letztlich wollte er doch nur sehen, wo sie sich herumtrieb, und kam ausgerechnet an einem Abend wie diesem hier rein. Was er sich dabei dachte, wollte sie sich gar nicht erst ausmalen. Ohnehin blieb ihr keine Zeit sich damit herumzuschlagen.
Als sie wieder hineinging, bekam sie mit, dass gar nichts geklärt schien. Vermutlich, weil das Gespräch nicht nach dem Willen der jungen Frau verlaufen war, und sie nicht dazu bereit war irgendwelche Zugeständnisse zu machen, ein Einsehen zu haben oder wenigstens den Versuch zu unternehmen zu verstehen.
Selbst, als sie versuchte noch mal mit ihr zu reden, brachte es keine Besserung. Vielleicht, wenn sie alle geschlafen und etwas zur Ruhe gekommen waren. Sie hoffte es zumindest doch sehr.
Zu allem Überfluss kehrten Miranda und das kleine Mädchen zurück, beide verletzt, so dass ohnehin kaum noch irgendetwas anderes geklärt hätte werden können. Sie kümmerte sich um die Kleine, so gut sie es vermochte. Eine Heilerin war sie nun einmal nicht, aber wenigstens das Nötigste konnte sie tun. Während das Haus zur Ruhe kam danach, verblieb sie bei dem Kind, falls es wach werden sollte.
Und selbst jetzt, wo sie im Grunde für sich war, denn die Kleine schlief tief und fest, war nicht einmal aus der Bewusstlosigkeit erwacht, schaffte sie es nicht, sich endlich gehen zu lassen. Als gälte es darum, dass wenigstens irgendwer hier die Fassung bewahrte, klammerte sie sich genau daran fest.
Da hatte sie doch gedacht, es hätte sich alles zum Besseren gewendet, und nun das. Im Grunde wurde gar nichts besser. Vielleicht lag es eben nur daran, was man aus allem machte.
Sie hätte schreien mögen, aber sie tat es nicht.
Sie hätte das Weite suchen wollen, aber sie tat es nicht.
An sich hatte der Tag so schön angefangen, es war nett gewesen auf dem Schlachtfest, auch wenn sie nur kurz dort verweilten, es war noch schöner gewesen danach, bis...
Was auch immer in sie gefahren war, sie konnte es sich beim besten Willen nicht erklären. Zu Anfang hatte sie die Aufregung eher erheitert, als dass sie es ernst nehmen konnte, so wie Talana da mit der Bratpfanne stand und herumschimpfte.
Als sie dann Neyla sah, und ihre Platzwunde, danach das heulende und völlig apathische Kind, da verließ sie die Belustigung schlagartig. Was um alles in der Welt, war in diese Frau gefahren, dass sie sich so vergaß?
Die Antwort musste sie nicht lange suchen. Die Antwort hatte einen Namen und es fing an ihr derbe zu stinken, das Ganze. Natürlich hätte sie auch einfach kampflos das Weite suchen können, stattdessen aber blieb sie.
Während die Geschwister redeten nach einigem hin und her und noch mehr Gebrüll, kehrte Miranda mit dem Kind wieder ein und verzog sich mit ihr in die Küche. Sie heulte noch immer hemmungslos, die Kleine, die Hände auf die Ohren gepresst und war ganz und gar verängstigt. Mit einiger Bitternis erkannte sie darin das Verhalten ihres kleinen Bruders, so dass sie das tat, was sie bei ihm schon immer getan hatte, als er sich so verhielt. Sie fing an zu singen. Es war ein altes Lied aus dem Wagenrund, ruhig und getragen, sehr dienlich dazu kleine aufgewühlte Gemüter (und auch genauso die großen) zu beruhigen und selber ein wenig Kraft zu sammeln für das Kommende.
Das Lied erfüllte sie mit Wehmut, immerhin barg es viele Erinnerungen in sich. Es verfehlte auch seine Wirkung nicht. Das Kind beruhigte sich, zumindest vorübergehend.
In all diesen Tumult platzte dann letztlich auch Luca hinein. Es tat ihr Leid für ihn. Letztlich wollte er doch nur sehen, wo sie sich herumtrieb, und kam ausgerechnet an einem Abend wie diesem hier rein. Was er sich dabei dachte, wollte sie sich gar nicht erst ausmalen. Ohnehin blieb ihr keine Zeit sich damit herumzuschlagen.
Als sie wieder hineinging, bekam sie mit, dass gar nichts geklärt schien. Vermutlich, weil das Gespräch nicht nach dem Willen der jungen Frau verlaufen war, und sie nicht dazu bereit war irgendwelche Zugeständnisse zu machen, ein Einsehen zu haben oder wenigstens den Versuch zu unternehmen zu verstehen.
Selbst, als sie versuchte noch mal mit ihr zu reden, brachte es keine Besserung. Vielleicht, wenn sie alle geschlafen und etwas zur Ruhe gekommen waren. Sie hoffte es zumindest doch sehr.
Zu allem Überfluss kehrten Miranda und das kleine Mädchen zurück, beide verletzt, so dass ohnehin kaum noch irgendetwas anderes geklärt hätte werden können. Sie kümmerte sich um die Kleine, so gut sie es vermochte. Eine Heilerin war sie nun einmal nicht, aber wenigstens das Nötigste konnte sie tun. Während das Haus zur Ruhe kam danach, verblieb sie bei dem Kind, falls es wach werden sollte.
Und selbst jetzt, wo sie im Grunde für sich war, denn die Kleine schlief tief und fest, war nicht einmal aus der Bewusstlosigkeit erwacht, schaffte sie es nicht, sich endlich gehen zu lassen. Als gälte es darum, dass wenigstens irgendwer hier die Fassung bewahrte, klammerte sie sich genau daran fest.
Da hatte sie doch gedacht, es hätte sich alles zum Besseren gewendet, und nun das. Im Grunde wurde gar nichts besser. Vielleicht lag es eben nur daran, was man aus allem machte.
-
Chandra Devadas
Wenn man einen kalten Keller haben will
Eifrig bereitete sie alles vor. Heu für den Schutz vor Hitze, womit sie die Satteltaschen ausstopfte und für eine gewisse Isolierung sorgte. Dann nahm sie die Zügel von den zwei treuen Begleitern, Zottelchen und Pummelchen. Beide Pferde waren kräftig gebaut, wenn auch etwas klein geraten, Pummelchen dazu noch sehr rundlich, aber sie hatten gut Kraft und konnten einiges tragen.
Mit ihnen machte sie sich letztlich auf den Weg zum Hafen Berchgards. Sollte doch gelacht sein, wenn sie nicht etwas von dem kalten Element heim schaffen konnte, um einen kühlen Kellerraum zu schaffen, in dem sich Fisch und Fleisch besser hielten! Wäre das erste Mal, dass sie ihren Sturkopf nicht durchsetzte.
Auf dem Schiff angekommen, brachte sie die Tiere sicher unter Deck und kümmerte sich während der Überfahrt um sie. Ihnen gefiel es nicht sonderlich, wenn es schwankte und wankte. Es machte sie unruhig und nur mit Mühe brachte sie die beiden dazu, still zu halten. Dazu bedurfte es viel guten Zuredens und einige Leckereien, aber bloß nicht zu viele, davon wurden die beiden nur träge und faul!
Die Überfahrt brauchte seine Zeit, die ihr auch beträchtlich lang wurde. Mit etwas Sorge nahm sie die Länge der Fahrt zur Kenntnis. Aber als sie endlich ankam, machte sie sich direkt ans Werk. Sie suchte sich eine Stelle, aus der sie noch etwas kalte Erde heraushob und unter das Heu mischte, um die Dämmung noch etwas bessre in den Satteltaschen hinzubekommen und wenig später zog sie auch schon weiter, um die Tiere in den Schnee und in das Eis zu führen.
Ein Tag voller Arbeit stand ihr bevor, immerhin wollte sie Eis nach Hause schaffen. Dazu kam, dass Schnee bestimmt nicht so lange hielt.
Als sie ihr Ziel erreichte, griff sie zu der Picke, die sie am Sattelgurt befestigt hatte und machte sich an die harte Arbeit einige große Brocken Eis auszuschlagen. Mit viel Mühe brachte sie eine gute Menge zusammen, die sie sorgsam in Heu und Erde verpackte – in den Satteltaschen versteht sich.
Sie gönnte sich keine Pause. Erst auf dem Rückweg, mit schmerzenden Händen und wehem Rücken, ließ sie sich ein bisschen mehr Zeit mit allem. Auf dem Schiff, dass die Rückfahrt nach Berchgard versprach, gönnte sie sich endlich etwas Ruhe und Pause, nachdem die Tiere soweit ruhig gestellt waren, dass sie nicht gleich Gefahr lief, dass die beiden durchgingen aufgrund des Seegangs.
Zuhause würde der Keller warten, mit Stroh ausgelegt, wo sie das Eis dann unterbringen wollte, bevor sie das Fleisch hineinbrachte. Fässer und Kübel standen dort schon, einige Vorratskisten, aber auch Haken waren schon an der Wand angebracht, um dort das Fleisch abhängen zu können vom Schlachten.
Ja, sie konnte zufrieden sein, wenn die Arbeit erst einmal getan war. Sehr zufrieden!
Kaum, dass das Schiff anlegte, brachte sie die erleichterten Tiere zurück auf festem Boden und in Richtung trautes Heim. Für die beiden gab es kaum ein Halten mehr, denn sie wussten, auf sie würde frischer Hafer warten als Belohnung. Chandra kam selber kaum noch hinterher und musste lachen, auch wenn sie die Aussicht auf die ganze Arbeit, die noch wartete, für den Augenblick nicht sonderlich erfreute. Es gab noch so viel zu tun!
Immerhin stellte sie einige Stunden später, es war schon stockfinster draußen geworden, fest, dass das Eis nicht geschmolzen war, dank der guten Vorbereitung. Es war sicher in den Keller verbracht, der ohnehin schon kühl war, allein weil er ja unterirdisch angelegt war. Das Stroh, das sie auslegte, hielt die Kälte von dem Eis überdies noch sehr gut im Raum.
Mit Glück musste sie erst in einem Mond wieder losgehen und neues Eis besorgen. Aber das würde sich zeigen. Müde und völlig geschafft von der Arbeit, ließ sie sich draußen auf den Schemel fallen und tätschelte Bolle. Der Gute hatte sie offenbar vermisst und suchte seine Schmuseeinheiten. Und so etwas nannte sich Wachhund!
Eifrig bereitete sie alles vor. Heu für den Schutz vor Hitze, womit sie die Satteltaschen ausstopfte und für eine gewisse Isolierung sorgte. Dann nahm sie die Zügel von den zwei treuen Begleitern, Zottelchen und Pummelchen. Beide Pferde waren kräftig gebaut, wenn auch etwas klein geraten, Pummelchen dazu noch sehr rundlich, aber sie hatten gut Kraft und konnten einiges tragen.
Mit ihnen machte sie sich letztlich auf den Weg zum Hafen Berchgards. Sollte doch gelacht sein, wenn sie nicht etwas von dem kalten Element heim schaffen konnte, um einen kühlen Kellerraum zu schaffen, in dem sich Fisch und Fleisch besser hielten! Wäre das erste Mal, dass sie ihren Sturkopf nicht durchsetzte.
Auf dem Schiff angekommen, brachte sie die Tiere sicher unter Deck und kümmerte sich während der Überfahrt um sie. Ihnen gefiel es nicht sonderlich, wenn es schwankte und wankte. Es machte sie unruhig und nur mit Mühe brachte sie die beiden dazu, still zu halten. Dazu bedurfte es viel guten Zuredens und einige Leckereien, aber bloß nicht zu viele, davon wurden die beiden nur träge und faul!
Die Überfahrt brauchte seine Zeit, die ihr auch beträchtlich lang wurde. Mit etwas Sorge nahm sie die Länge der Fahrt zur Kenntnis. Aber als sie endlich ankam, machte sie sich direkt ans Werk. Sie suchte sich eine Stelle, aus der sie noch etwas kalte Erde heraushob und unter das Heu mischte, um die Dämmung noch etwas bessre in den Satteltaschen hinzubekommen und wenig später zog sie auch schon weiter, um die Tiere in den Schnee und in das Eis zu führen.
Ein Tag voller Arbeit stand ihr bevor, immerhin wollte sie Eis nach Hause schaffen. Dazu kam, dass Schnee bestimmt nicht so lange hielt.
Als sie ihr Ziel erreichte, griff sie zu der Picke, die sie am Sattelgurt befestigt hatte und machte sich an die harte Arbeit einige große Brocken Eis auszuschlagen. Mit viel Mühe brachte sie eine gute Menge zusammen, die sie sorgsam in Heu und Erde verpackte – in den Satteltaschen versteht sich.
Sie gönnte sich keine Pause. Erst auf dem Rückweg, mit schmerzenden Händen und wehem Rücken, ließ sie sich ein bisschen mehr Zeit mit allem. Auf dem Schiff, dass die Rückfahrt nach Berchgard versprach, gönnte sie sich endlich etwas Ruhe und Pause, nachdem die Tiere soweit ruhig gestellt waren, dass sie nicht gleich Gefahr lief, dass die beiden durchgingen aufgrund des Seegangs.
Zuhause würde der Keller warten, mit Stroh ausgelegt, wo sie das Eis dann unterbringen wollte, bevor sie das Fleisch hineinbrachte. Fässer und Kübel standen dort schon, einige Vorratskisten, aber auch Haken waren schon an der Wand angebracht, um dort das Fleisch abhängen zu können vom Schlachten.
Ja, sie konnte zufrieden sein, wenn die Arbeit erst einmal getan war. Sehr zufrieden!
Kaum, dass das Schiff anlegte, brachte sie die erleichterten Tiere zurück auf festem Boden und in Richtung trautes Heim. Für die beiden gab es kaum ein Halten mehr, denn sie wussten, auf sie würde frischer Hafer warten als Belohnung. Chandra kam selber kaum noch hinterher und musste lachen, auch wenn sie die Aussicht auf die ganze Arbeit, die noch wartete, für den Augenblick nicht sonderlich erfreute. Es gab noch so viel zu tun!
Immerhin stellte sie einige Stunden später, es war schon stockfinster draußen geworden, fest, dass das Eis nicht geschmolzen war, dank der guten Vorbereitung. Es war sicher in den Keller verbracht, der ohnehin schon kühl war, allein weil er ja unterirdisch angelegt war. Das Stroh, das sie auslegte, hielt die Kälte von dem Eis überdies noch sehr gut im Raum.
Mit Glück musste sie erst in einem Mond wieder losgehen und neues Eis besorgen. Aber das würde sich zeigen. Müde und völlig geschafft von der Arbeit, ließ sie sich draußen auf den Schemel fallen und tätschelte Bolle. Der Gute hatte sie offenbar vermisst und suchte seine Schmuseeinheiten. Und so etwas nannte sich Wachhund!