EINS
Diesmal war er geflüchtet.
Besser so!
Er wollte nicht, dass sie ihn ansah, wollte es nicht erleben, wenn sich dann ihre Brauen heben und ein Ausdruck von Abscheu und Ablehnung in die sonst so fröhlichen Züge schleichen würde.
Oh, er kannte diese Blicke, kannte diese Haltung, die man ihm täglich mehrfach schenkte... vorausgesetzt er wurde überhaupt bemerkt.
Früher, als man ihn aus dem Heim geholt hatte, war er eine Weile noch enttäuscht gewesen und reagierte irritiert, wenn er gänzlich übersehen wurde. Auf sein naives Fragen diesbezüglich hin erhielt er dann des Öfteren Maulschellen und erfuhr vermehrt, dass er einfach ein "hässlicher, dürrer und unscheinbarer Hänfling" sei, "den man nur übersehen konnte. Also war er folglich nicht nur charakterlich eine Verfehlung, sondern auch optisch reizlos bis unansehnlich.
Zuerst hatte er geweint bei dieser Erkenntnis, hatte diese Ungerechtigkeit verteufelt und verflucht - doch heute war er unglaublich dankbar für seine unscheinbare Gestalt.
Den schmalen, stillen Knaben mit dem mausgrau-blonden Haar, der den Blick stets gesenkt hielt übersah man gerne und das, so verstand er eines Tages, war eigentlich ein Segen. Dies brachte ihm nämlich nicht nur deutlich weniger Schläge ein, als manch anderen Lehrbuben in seinem Alter, er lernte zudem auch langsam seine Unauffälligkeit gezielt einzusetzen und tauchte unbemerkt auf, nahm sich dann manchmal, was er brauchte oder wonach ihm gierte - von Marktständen, Gärten, Tavernengedränge - und verschwand ungesehen.
Diese seltsame Zusatzbeschäftigung begann ihm Spaß zu machen, war es doch seine stumme, kleine Rache an seinen ungerechten Lehrherren, an den Kunden, die den Müllersburschen auch nur weiter zur Arbeit antrieben und nie ein nettes Wort für ihn übrig hatten, wenn er unter den schweren Mehlsäcken vor Anstrengung zitterte, an den Herrschaften am Markt, die ihn nicht sahen, wohl aber lautstark schimpfen konnten, wenn sie ihn dann umrannten... und ganz besonders rächte er sich dann und wann an anderen Burschen und Mädchen in seinem Alter, von denen er stets ausgegrenzt wurde und nie ein Teil der Gemeinschaft war.
Er hasste sie, hatte sie schon gehasst, als sie sich alle noch "Kinderchen" nannten. Sie alle, bis auf... sie.
Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Ein kühler Wintertag, noch ohne Schnee doch dafür mit beissendem Wind und eisgrauer Luft. Man hatte ihn geschickt, um in aller Frühe einige Mehlsäcke in die kleine Taverne inmitten der Bercharder Hügellandschaft zu schleppen und nachdem man ihm die Bezahlung, bis auf das letzte Kupferstück genau, in die geöffnete Hand gedrückt hatte, wurde er auch wieder vor die Türe gesetzt, wo er Kälte und das ewige Grau einatmete. Es drohte ihn in jenem Moment zu erdrücken und während im langsam schummrig im Kopfe wurde, drang das Lachen an sein Ohr. Hell, frei und fröhlich... so leicht.
Auf Zehenspitzen war er ihm gefolgt, dem labenden Geräusch, welches ihn wie ein tiefer Schluck aus einer glasklaren Bergquelle erquickte und hatte sie bei der großen Schmiede gesehen. Sie sprang unermüdlich, wie ein Welpe, um einen alten Mann herum, welcher im Spiel versucht nach ihrem Kapuzenzipfel zu haschen und beide lachten, doch war es der Laut an ihrer Kehle und das lebenslustige Strahlen in einem nicht einmal unbedingt schönem Gesicht, welches die Kälte aus seiner Brust vertrieb und den schweren Nebel zu lösen vermochte.
Die folgenden Wochen, nein Monde, versuchte er immer, wenn sein Lehrmeister ihn auf einen Gang nach Berchgard schickte, die Schmiede zu besuchen und sie für wenige Momente heimlich zu beobachten. In solchen Momenten fand er heraus, dass sie nicht bei dem alten Mann, sondern einem jüngeren Kerl und einem Schmied namens "Malagar" wohnte, dass sie stets ärmliche, abgewetzte Kleidung trug, scheußlich schief pfeifen und ganz gut schnitzen konnte und ihre Augen dunkel waren und aus der Ferne wie warme Braunkohlestücke glänzten.
Ach, er wollte noch so viel mehr über sie erfahren, doch war sie ihm eines Tages entglitten und schien verschwunden. Der junge Mann war ebenso wie vom Erdboden verschluckt und der Schmied Malagar ließ sein Haus kurz darauf abreissen.
Die Sehnsucht schmerzte, doch die Erinnerungen an ihr Lachen wärmten ihn die beiden folgenden Jahre sogar im Schneesturm und solchen Nächten, die seine Lippen blau-lila verfärbten.
Vermutlich saß deshalb der Schreck so tief, als er sien unerwartet, an einem ganz anderen Ort wiedersah, erneut heimlich bespitzeln konnte und kein Lachen an seine Ohren, sondern stille, kummervolle Tränen an seine Augen drangen. Unwirklich, wie ein Feenwesen im Nebelwald und doch so menschlich, unvollkommen, tröstend.
An jenem Tag endlich verstand er sein Herz.
Deshalb, genau aus jenem Grund hastete er nun am Tavernengarten vorbei, hatte auf die Zurufe der Feiernden nicht reagiert und das Gesicht abgewandt, als er sah, dass sie den Kopf drehte. Gleich würde sie zu ihm blicken und die alte Abscheu konnte er in jedem Blick dulden, nur nicht in ihrem. Beinahe glaubte er auch jene Blicke in seinem Rücken zu spüren und strauchelnd stolperte er weiter.
Hätte er den Kopf jedoch gedreht, so hätte er gesehen, dass sie ihm tatsächlich nachsah, doch statt Abscheu erhellte ein warmherziges Lächeln das Gesicht des einen Mädchens.
"Die Leiden des jungen Michal"
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Michal
"Die Leiden des jungen Michal"
Zuletzt geändert von Michal am Freitag 1. Oktober 2010, 14:16, insgesamt 2-mal geändert.