Es war schon später Abend, als Miryawen ihr Tagwerk beendete und ihre Werkbank aufräumte. Eigentlich wollte sie schon ihren Arbeitsplatz verlassen, als ihr Blick auf die Silberbarren fiel, die Isdaniel ihr vor einigen Tagen überreicht hatte. "Ich möchte Ringe, Gwathel. Schlicht sollen sie sein, und doch überlasse ich ihre Ausgestaltung dir." Nachdenklich ergriff Miryawen einen der Silberbarren und strich mit den Fingern über das kühle, glänzende Metall. Sicher, das Metall zu schmelzen und in die Form eines Ringes zu gießen, war nicht die Schwierigkeit bei diesem Wunsch. Die Schwierigkeit lag viel mehr darin, ein angemessenes Muster zu finden, das schlicht aber doch auch schön Isdaniels Finger schmücken würde. Sie hatte sich schon mit Yonai und Galath darüber unterhalten, und hatte schon den ganzen Tag im heiligen Tal zugebracht auf der Suche nach einer Inspiration. Aber bisher war ihre Suche vergebens gewesen, erschienen ihr doch Blümchen oder Ranken einfach unangemessen und schon viel zu oft gefertigt.
Sie erhob sich vom Tisch, ging zur Esse hinüber und fachte diese noch einmal an. Selbst wenn sie heute kein Muster finden würde, so konnte sie die Ringe zumindest schon einmal in ihre Rohform gießen. Das Glühen der Glut spiegelte sich in ihren bernsteinfarbenen Augen wieder, als sie diese mit dem Blasebalg noch weiter anfachte. Als die Glut die richtige Farbe hatte, nahm Miryawen den großen Schmelztigel herbei und stellte ihn auf die Esse. Mit einer Zange legte sie dann nach und nach die zierlichen Silberbarren hinein und betrachtete, wie sie langsam zerflossen und sich ihre Form auflöste, bis ein silberner Sud entstand. Sie wußte, dass sie hier den richtigen Moment abpassen musste und das Silber nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz auf dem Feuer lassen durfte. Schließlich ergriff sie abermals die Zange, hob den Schmelztigel vom Feuer und goß das geschmolzene Silber langsam in die vorbereiteten Rohformen. Wie ein kleiner Miniaturstrom rann das Silber dabei zähflüssig von der Nase des Schmelztigels, um schließlich die Gußformen eine nach der anderen kreisrund aufzufüllen. Miryawen stellte den Schmelztigel beiseite und betrachtete die nun ausgefüllten Ringformen zufriedenen Blickes. Nunmehr war ihr Tagwerk vollendet.
Am nächsten Morgen weckte sie das Zwitschern eines Blaukehlchens, das gar vertrauensvoll auf ihre Fensterbank gesprungen war und dort eifrig vor sich hinmusizierte. Mit einem Lächeln erhob sie sich von ihrem Lager und stellte sich ans Fenster, um von dort hinauszublicken, während sie ihre Bürste zur Hand nahm und mit langen Strichen ihr Haar ausbürstete. Im Gedanken versunken begannen ihre Finger schließlich geschickt und schnell damit, die goldblonde Masse in einen Zopf zu bannen. Sie hielt inne und sah dann noch einmal auf ihre Haare hinab. Natürlich, warum war ihr dieser Einfall nicht bereits vorher gekommen? Rasch schlüpfte sie in ihre Kleider und eilte ohne Frühstück hinunter in die Werkstatt, ergriff sich eine feine Meißtel und einen Hammer und legte den ersten der Ringe vor sich. Den ganzen Tag lang waren aus ihrer Werkstatt die gedämpften Geräusche von Hämmern, Klopfen und Feilen zu hören, und die Edhel erhob sich nicht von ihrem Platz, bevor das Bild, das sie in ihren Gedanken gesehen hatte, nicht vollständig auf den Ring übertragen hatte. Zufrieden streckte sie sich schließlich am späten Abend, kaum den Hunger wahrnehmend, der bereits seit Stunden an ihr nagte. Und mit einem Lächeln betrachtete sie den ersten der Ringe für Isdaniel.
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