Anney, Königin der (kleinen) Diebe

Mica Mirillian

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Von der kleinen, grauen Maus und Heimweh


-Musst du wirklich gehen?-

Obwohl sie dies nicht laut aussprach, so sagte es ihr Blick und forderte eine Antwort.
"Nee, müss'n nich aber möcht' halt."
-Wegen mir....- Wieder war es leicht den schuldbewussten, traurigen Augenaufschlag zu deuten.
"Sicher nich weil ich dich nich mag, ach so n Bullenmist! Sowas sollste nich denk'n. S'is halt so, dass ich Jo so arg vermisse und 'Cia un eh Bajard irgendwie."
Die sonst so gewohnte Stille wurde für einige Momente bedrückend.
Zwar nickte die Kleine dann, doch schließlich begann sie zu schlucken und die großen Kulleraugen wurden glasig und durch das Rauchblau ihrer Iris zog sich ein wässriger Tränenfilm.
"He, nun flenn mal nich. Du kannst mich ja mal besuch'n oder kommst einfach mit... na wär das was?"
Der goldblonde Lockenkopf schüttelte sich etwas vehementer als erwartet.
Sie beide wussten, dass die Kleinere eigentlich hierher gehörte und noch nicht ganz reif war für die große, weite Welt.
Somit blieb der Älteren nur ein Seufzen und ein Nicken.
"Na, komm her... heut Nacht bin ich ja noch da. Kann ich deine Filzelock'n nochma auskämm'"

Irgendwann war dieses "Gespräch" unausweichlich gewesen, doch als es da war, half auch diese Erkenntnis beiden Kindern nicht, den Abschiedsschmerz völlig zu rationalisieren.
Die Kleinere von beiden, ein herzallerliebst schmutziges und niedlich anzusehendes Wesen von etwa sechs oder sieben Jahren, mit honigfarbenen Locken und rauchblauen Augen, hatte sich die Tränen schon vor dem erlösenden Einschlafen nicht mehr verkneifen können.
Das ältere Mädchen, langsam auf dem Weg der ersten Reife, mit dunklem Haar, grünbrauen Knopfaugen und einer verwegenen Narbe auf der Nasenspitze blinzelte erst jetzt, als sie die Kleine schlafend auf der Pritsche sah, die Abschiedstränen weg.

Sicher, sie könnte bleiben und der kleinen Morisa bei all deren Schandtaten helfen. Zwar war der so unschuldig wirkenden, stumme Wicht eine ausgefuchste, flinke Diebin, die ihr den Namen "Mo, die Maus" einbrachte, doch sie selbst war Anney, Königin der kleinen Diebe und, was den Zufall so besonders amüsant machte, trug sogar ihren alten Titel "Straßenratte" noch mit Stolz.
Doch Mo bedurfte ihrer Hilfe nicht wirklich und auch wenn dies die Gegend war, in der nun Jonas, die einzige "Großbruder"-Figur in Anneys Leben, gezogen war, um sich eben um Waisenkinder und Ausreißer zu kümmern, so zog es sie wieder zurück... nach Bajard, zu Jo und Cia, zu Beldan und Lairja, zu Lilien, zu...
Sie schluckte und schüttelte leicht den Kopf, um aufkeimende Erinnerungen an 'mehr' wieder ins Unterbewusstsein zu drücken.

Mit einem Kloß im Hals brachte sie es fertig der friedlich schlummernden Mo einen Kuss auf die Locken zu drücken und schob eines ihrer eigenen Messerchen als Abschiedsgeschenk unter das behelfsmäßige Strohkissen. Dann machte sie rasch auf dem Absatz kehrt und eilte rasch, doch beinahe lautlos aus demm Hüttchen in die Dunkelheit hinaus.
Gerimor wieder entgegen, in der Hoffnung Bajard und ihre Freunde dort bald zu sehen und in der heimlichen Hoffnung im Unterbewusstsein, dass auch er eines Tages wieder dorthin zurückkehren würde.
Zuletzt geändert von Mica Mirillian am Sonntag 20. Juni 2010, 14:12, insgesamt 1-mal geändert.
Mica Mirillian

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Von den Wurzeln einer Ratte I

(Anneys Suche nach ihrer Herkunft)

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Mica Mirillian

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Von den Wurzeln einer Ratte II

Anney blinzelte verträumt.
Eine bizarre Art Märchen war es.
Schrecklich und schön zugleich.
Gewissheit auf jeden Fall – sie wusste dass man das so nannte: ekelgallig-bittere und zuckerbrezen-süße Gewissheit. Auf der einen Seite das sichere Wissen über den Tod ihrer Eltern... sie waren unwiederbringlich fort, verloren für die Hände des jungen Mädchens, jeder Hoffnungsschimmer erloschen – und auf der anderen Seite war da ein Name:

Sanna... Sanna Emilia Kolmar.

Der Name zauberte ein schwaches Lächeln auf ihre Lippen, denn sie hatte doch nun tatsächlich einen solchen eigenen Namen und damit ein Stückchen mehr Identität. Es war ein stetig drohendes Grauen gewesen, das Leben mit einer unangenehmen Wurzellosigkeit und die Unsicherheit über den eigenen Platz im großen Ganzen. Selbst Will hatte einen Namen, sogar Kara... nun auch endlich sie... und er klang schwungvoll, kess und ein wenig elegant sogar. Man hatte ihr ein unglaublich großes Geschenk gemacht!

Unendliche Dankbarkeit rührte an ihrem jungen Herzen.
Dankbarkeit gegenüber Joanne, die stets nur einen halben Schritt hinter ihr geblieben war um im Zweifelsfall rasch an Anneys Seite zu sein, die ihre Hand auf Anneys Schultern gelegt hatte, als das Mädchen zitternd vor Ungewissheit am schweren Eisentor der Ratskammer Adoran stand.
Ja, Joanne, die, nachdem alles überstanden war und die Spannung von beiden wich, wie Luft aus einem alten Lederball, Anney an sich drückte und das Mädchen allein durch ihre Präsenz wieder beruhigte – dieser „Jo“, war sie unendlich dankbar.

Die andere Hälfte ihres Herzens flog der schönen Gräfin von Dornwald zu, die zu ihrem Wort gestanden, sich die Geschichte des „namenlosen“ Mädchens angehört und zuletzt höchstpersönlich in einem Meer von Akten nach den Daten gespürt hatte – mit Erfolg!
Das Ergebnis war auf dem sauberen, leicht angegilbten Pergament noch deutlich zu lesen:

Marten Bo Kolmar : 25 Sommer
Lotta Inga Kolmar: 24 Sommer

und

Sanna Emilia Kolmar: 2 Sommer

Nach dem Lesen der Buchstaben strömten Bilder durch ihren Kopf.
Sie waren nebelig, alt, unklar-verwaschen oder bruchstückhaft, doch seltsam vertraut:
Ein blasses, fein geschnittenes Frauengesicht beugte sich zu ihr herab. Intensiv grüne Augen, wie saftige Wiesen im Mai, leuchteten warm und ein blonder Zopf glitt über eine zarte Schulter. Anney hörte sich glucksend lachen und sah kleine, runde Händchen nach dem Haarbündel greifen.
„Bald können wir dir auch so ein schönes Zöpfchen binden, meine kleine Sanna...“
„Lolo-Mama...“ Babygeplapper nur, doch Anney wusste, dass es von ihrer eigenen Kehle kam.

Sie flog durch die Luft und jauchzte hell vor Vergnügen, denn starke Männerarme bremsten ihren Fall sicher. Er sah zu ihr, an seinem ausgestreckten Arm entlang, hinauf und auch seine nussfarbenen Augen glommen warm.
„Sanna ist eine Fee – wuuusch, wie sie fliegen kann!“
Das Spiel begann auf's Neue und mit ihrem Gluckselachen brachen auch diese Bilder aus der Vergangenheit ab... um eine dunklere Stunde aufzuwirbeln.
Es war heiß, es brüllte, es tat weh und es war überall – leckte nach ihr, wollte sie schnappen.
Jemand riss sie hoch, starke Arme wie die von Papa aber dieser Mann roch anders, war fremd.
„Kindchen... weg hier, s'brennt lichterloh!...“ Er sagte noch mehr, doch sie hatte es vergessen, es wurde zu einem Gemurmel und konnte doch die Schreie nicht übertönen.
Qualvoll, panisch, schrill, laut und so verzerrt fremd riefen sie in Todesqualen nach ihr.
„Sannaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!! Sannnaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa!!“

Sie fuhr sich heftig über das Gesicht und die Gräfin zog das Pergament aus ihren bebenden Händen, um es vor den kullernden Tränen zu retten. Ruhig begann sie zu reden, ihr noch einmal bewusst zu machen, wer sie nun wirklich war und bei all dem spürte sie auf ihrer Schulter Joannes Hand, die so gut tat, ruhen.

Die Gräfin lächelte da leicht und sprach sinnierend Worte, die Anney nie vergessen sollte.
„Ich werde die Verzeichnisse auf einen neuen Stand bringen lassen.
Sanna ist nicht tot!“
Mica Mirillian

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Von den Schatten der Vergangenheit

Diesmal hatte sie sich wegen der Hitze in den Keller verkrochen.
Vielleicht weil ihr Charlies Worte diesbezüglich noch so gut im Gedächtnis geblieben waren, vielleicht aber auch einfach weil man dort unten unglaublich gut alleine in aller Ruhe nachdenken konnte - ja und nachdenken musste sie gewaltig.

Sie sinnierte darüber, dass eine einfache und freundliche Geste ihr gegenüber zuerst für eine peinliche Situation und nun für so einen garstigen Wirbel in Kopf, Brust und der oberen Magengegend sorgte.
Er hatte doch nur ihre Rechnung im Lamm übernommen und so einfach charmant für vollen Magen und volle Geldkatze in einem gesorgt. Doch der Blick...
Irgendwie hatte sie so viel mit Charlie gealbert und dann neugierig Domarr ausgefragt, dass sie nichts von seiner spendablen Aktion mitbekommen und noch nicht einmal Linnets Ankündigung dazu vernommen hatte - ja, er musste sie für ein ganz schön undankbares Ding halten! - und war vermutlich deshalb so verdutzt gewesen, als sie den längeren, musternden Blick auf sich spüren ruhte.
Als sie den Kopf hob, drehte er sich gerade ab und für nicht einmal den Bruchteil eines Lidschlags trafen sich ihre Blicke.

Heiß, kalt!
Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß und sie so mit den Sommersprossen um die Wette leuchteten. Als käme ihre Stimme von weit weg hörte sie sich fragen, ob man den Herren kennen würde und, um die peinliche Situation zu überspielen, tönte sie noch fachmännisch, dass man ja wohl mal einem gutaussehenden Kerl nachgaffen könne.
Das komische Gefühl in der Brustgegend blieb. Ihr Herz klopfte und das Blut rauschte in ihren Ohren - irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Wieder waren es Charlotta und Domarr, die sie ablenkten und die ganze Szene war schon fast wieder vergessen, als sie später mit Rogan scherzte und schließlich um die Rechnung bat.
Diesmal wich die Farbe aus ihrem Gesicht, als Linnet verkündete, dass eben just dieser Herr mit den dunklen Haaren, in der Rüstung, die er trotz der Hitze trug, als wäre das Metall stetig kühl, und diesem seltsamen Blick, ihre Kosten übernommen hatte.

"Siehst du, Anney...", lachte Rogan auf, der ihr vorangehendes Kommentar über die nicht-wachsen-wollende Brust nun nutzte, um sie aufzuziehen. Wie dümmlich dieses Hühnergeschwätzt ihrerseits doch gewesen war. Als die Röte erneut in ihr aufstieg, war es diesmal rein aus Wut und Scham über sich selbst.
Sie war relativ rasch gegangen, hatte aber dennoch den Namen ihres Gönners herausgefunden: Viridian hieß er und er arbeitete wohl in Adoran. Letztere Erkenntnis erleichterten sie unglaublich und selbst jetzt war sie sich nicht sicher weshalb.
Eigentlich wollte sie doch einen Dankesbrief schreiben und diesmal auch Korrektur lesen lassen, waren ihre Fehler doch rein für Luca bestimmt, aber abgesehen vom Datum und der Anrede blieb das Pergament noch immer leer, während ihr Herz erneut bis zum Hals schlug und das Blut erneut zum Meeresrauschen in ihrem Kopf anschwoll.
Was, was, was, was verdammtnocheins stimmte nicht? Was hatte sie übersehen? Warum packte sie mit einem Mal auch noch Angst, wo man ihr doch nur einen echten Gefallen getan hatte?

Der Blick ihrer dunklen Augen wanderte wirr durch den Kellerraum, striff Kisten, Regale und die Bestuhlung, ehe er an einem unscheinbaren Stück Mauer hängenblieb. Die Kerze, nun doch etwas herabgebrannt, malte flackernde Schatten in wilder Bewegung an die Wand. Anneys Augen weiteten sich. Einer der Schatten hatte dunkles Haar, dunkle Augen und ein Messer in der Hand - rötlich und edel, wie ein feiner Tropfen Wein, glitzerte Blut daran, ihr Blut.
"Damit du dich an mich erinnerst bis wir uns das nächste Mal sehen..."

Zitternd und wackelig fuhren die Finger die schiefe Narbe auf der Nasenspitz nach. Sie hörte ihren Atem. Flach und so rasch, beinahe keuchend. Dann stammelte ihre Stimme los, klein klang sie und war mehr das Wispern eines Kindes.
"Nein, das war er nicht. Der hat mich längst vergess'n, ich bin auch viel zu weit weg un wenn, dann müsst' er doch älter sein, nich? Viel älter..."
Sie schloss die Augen, doch die schemenhafte Fratze war noch immer nicht verschwunden, spukte in ihrem Kopf und ließ sie den Moment ihrer größten Hilflosigkeit, Schmach und Angst nochmals erleben.
Wie dumm war sie auch damals gewesen, wie unendlich dumm!
Als die Tränen sich ihren Weg in die Augen bahnten, versuchte sie gewaltsam diese zu beherrschen, zog die Beine an den Körper und vergrub das Gesicht an den Knien.

Endlose Momente später hatte sie sich beruhigt und war sich nunmehr sicher, dass Herr Viridian nichts für ihre Misere und erst recht nicht für ihre Dummheit konnte. Ein paar Zeilen würden nicht schaden und als sie mit Joanne den Brief nochmals auf Fehler untersuchte und ihr die peinliche Situation im Lamm schilderte, konnte das Mädchen wieder breit grinsen und laut lachen.
Doch die dunklen Erinnerungen waren nach oben gewirbelt worden und warteten nur auf einen neuen Augenblick der Schwäche.
Mica Mirillian

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Von zwei und einem halben Mann

Wenn er nicht kommt, der Schlaf, diese gnädige, dunkle Decke, die über die Macht verfügt mehrere Stunden gänzlich aus dem Bewusstsein zu löschen und sie verschlingt wie ein hungriger Wolf einen mehrlosen Feldhasen...
wenn sie nicht einsetzten mag, die Ruhe, dieser rieselnde, wohlige Schwall, der in die Glieder rinnt und sie in Blei verwandelt, die Lider zudrückt und der Seele träges Wohlgefühl zuwispert...
wenn sie nicht heranpirschen, die Träume, diese mächtigen, verspielten Gedankenzügel, tagsüber flatternd zart wie Schmetterlinge und Wunderweltenzauberer des Nachts...

... wenn die Flucht geistig nicht möglich war, dann eben körperlich.

Sie rannte.
Das zu weite, fast knielange Männerhemd, eine Erinnerung an Jonas, klebte an ihrer eher flachen Brust und flatterte hinten am Rücken wie ein feuchtes Wäschestück im Wind. Ein Teil des dunkelblonden Weizenhaars hing ihr im Gesicht, nass und warm vom Schweiß, während der Rest es dem Hemd gleichtat. Die Kniebundhose war halb auf die Hüften gerutscht und ihr kam die völlig absurde Überlegung, dass sie in den letzten Tagen zu wenig gegessen hatte. Stolpernd beschleunigte sie ihre Bewegungen, ballte die Hände zu Fäusten und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Küstenwind. Die Welt, nunmehr ein wilder Flickenteppich aus nachtfarbenen Nuancen und Lichtklecksen, flog vorbei.
Kaum spürte sie noch das kitzelnde, junge Sommergras an den Zehen, die knirschenden, kratzenden Strandgewächse oder die harten, rundgescheuerten Ufersteinchen. Erst als der Sand unter ihren Füßen das Vorankommen vehement bremste, wurde sie langsamer, stolperte noch ein paar Schritt in Richtung Meer und klappte mit dem Oberkörper ein wenig vornüber.

Als sie so verharrte, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, das Gesicht gen Boden gewandt und sowohl ihren jappsenden, unregelmäßigen Atem, als auch den dröhnend-pulsierenden Schlag ihres eigenen Herzens hören konnte, da wurde ihr bewusst, dass auch diese Flucht gescheitert war, denn die Gedanken kreisen weiter unermüdlich und beschwörten taumelnde Schwindelgefühle hervor.

Mit einem mäßig unterdrücktem Aufschrei trat sie in den Sand und eine feine Wolke wehte in Richtung Wasser. Wut war ein dankbarer Begleiter, denn man konnte ihr Luft machen, doch ohnmächtige Wut, geboren aus Unsicherheit war ihr fremd und ängstigte das Mädchen bis auf die Knochen. Sie hatte beschlossen heute Nacht alle zu hassen!
Yannick, sein charmantes Grinsen und seine dämliche Blinzelei, die sie nicht verstand und nervös machte; Luca, nach dessen Anwesenheit sie sich nun bald ein Jahr gesehnt hatte und den sie sich plötzlich weit weg wünschte; Viridian, der nicht einmal mit den Blicken lachte - achwas, besonders nicht mit diesen... und allen voran sich selbst, weil sie plötzlich durch ihr Leben stolperte und von einem Fettnäpfchen in das nächste sprang. Was? Was, was, was, waaaaaas war geschehen?

Sie bohrte die Zehen in den kühlen Sand und richtete sich wieder auf. Die Luft schmeckte nach Salz und Algen. Es war Zeit sich endlich um einen kühleren Kopf zu bemühen und ihre "Problemfälle" mit stoischer Ruhe zu analysieren.
Yannick, den sie eigentlich nicht kannte, wohl aber mit Erschrecken feststellen musste, dass sie sich dabei ertappte ihn als "hübschen Mann" einzustufen, hatte ihren kindlichen Unmut abbekommen und war ihr dennoch so lange mit federleichtem Charme und schmeichelnder Süffisanz im Blick zu begegnen, dass ihre uralte Strategie der kindlichen Wut nicht mehr griff. Man warf sie aus der Bahn, trieb ihr das Blut in die Wangen und schien sie generell so zu verhexen, dass sie sich nicht wie Anney, sondern wie eine dämliche Pute benahm. Wie all diese dümmlichen, schnatternden Gänschen, über die sie selber sich so gerne lustig gemacht hatte - welch garstiger Zauber war das?

Lag es an ihrem wahren Namen? Hatte "Sanna" sich ihrer nun bemächtigt und vertrieb ihr altes "Anney-Wesen"? Oh, wie hatte sie Luca angefahren, als auch er plötzlich diesen Namen verwendete, auf den sie doch vor wenigen Wochen noch so unendlich stolz gewesen war... aber gerade Luca, gerade an diesem Tag!
Der Wesenszauber musste auch Luca erwischt haben, denn plötzlich legte er den Arm um sie und es war anders als früher, zog sie zu sich und es war anders als früher, umarmte sie und es war VERDAMMTNOCHMAL anders als früher. Es war schwer sich da dann ehrlich einzugestehen, dass dieses "anders" aber nicht unbedingt unangenehm war, nur ungewohnt, doch kribbelnd und spannend und.... und einfach nicht Anney.
Entsetzt hatte sie zuletzt nicht einmal mehr gewusst, ob es gut war, Luca so zu umarmen wie früher und war zurückgewichen. An seinem verwirrten Blick hatte sie erst verstanden, dass auch diese Reaktion falsch war, doch was würde sie verlieren, wenn sie etwas Falsches machte und diese neuen Grenzen irgendwie überschritt? Ihren allerbesten Freund... oder... mehr?

Wild schüttelte sie den Kopf und schritt energisch weiter auf das Wasser zu. Die Wellen begannen mit ihren Füßen zu spielen. Leckten gierig an den Zehen, kitzelten die Fersen und ließen den nassen Sand darunter etwas einsacken, ehe sie sich rasch zurückzogen, um das Spiel aufs Neue zu beginnen.
Ihre Gedanken begannen um das Wort "Mann" zu kreisen. Luca hatte gesagt er wäre nun ein Mann... nunja ein halber... und hatte sich stolz präsentiert, als sie die zarten, blonden Stoppeln an seinem noch rundlichen Kinn bemerkt hatte. Lag es daran, dass er an Mann war, ja lag es an den Männern allgemein? Oder doch an ihr? Luca hatte sie auch mit großen Augen angesehen und bemerkt, dass er ihre schulterfreie Bluse gerne mochte. Später hatte er ihr gesagt, sie müsse sich nun vor Männern in Sicherheit nehmen, weil sie langsam eine Frau wurde.

Ein sehr ernüchterndes Schnauben entwich ihr da.
Frau - von wegen. Immerhin schaffte es der Dritte im Bunde der großen Verwirrungen, dass sie sich vor ihm eher wieder wie ein lächerliches, peinliches Gänschen fühlte. Mittlerweile wusste sie reichlich sicher, dass sie dem "dunklen, stillen Mann" unrecht getan hatte, als sie Viridian mit einer Erinnerung in Verbindung gebracht hatte, die vergessen gehörte. Gerne hätte sie sich dafür entschuldigt oder zumindest ihr eigenes Gewissen ein wenig reiner gewaschen und es fiel ihr wahrlich nichts plumperes ein, als ihn mehr oder minder direkt zum Essen einzuladen. Wieder war es sein Blick, nicht interessiert und nicht gelangweilt, sondern so überaus nüchtern, wie seine Antwort "Ihr seid mir nichts schuldig...", gewesen, der sie aus ihrer Bahn warf. Stammelnd, stolpernd und reinen Blödsinn hervorbringen. Die lächerliche Versteckszene im Kistenlager Bajards und ihr gescheiterter Versuch seine Zeche im "Torkelnden Oger" zu übernehmen, setzten dem ganzen die Krone auf. Als sie Joanne ihre maßlose Wut erklären wollte, war sie aber zu feige gewesen, sich offen einzugestehen, dass sie ausschließlich über die eigene Blödheit so brodelte und hatte behauptet, sie würde Viridian einmal zum lächeln bringen wollen... war das so falsch?
Hatte sie sich nicht gewundert, dass er so breit und deutlich zu Linnet sagte, er würde das Lamm bald wieder aufsuchen, wo er doch wissen musste, dass sie auf der anderen Seite unter dem Tresen kauerte und sich schon wieder mehr als ungeschickt vor ihm versteckt hatte. Wollte er dass diese Peinlichkeit behoben wurde? Wollte er dass sie ihre "Schuld", von der nichts wusste, begleichen konnte? Wollte er, dass sie auch zum Lamm kam? Wollte er eigentlich lächeln?
Oder hatte er sie schlichtweg tatsächlich nicht gesehen, als sie so tölpelhaft hinter den Tresen abtauchte, um einer direkten Konfrontation zu entgehen?

Müde sackten ihre Schultern herab.
All diese Gedanken führten zu nichts, beantworteten keine Frage, allen voran nicht die "was passiert war" und "an wem es denn lag". Sie war gefangen zwischen dem sicheren Strand der Kindheit und den ersten, verspielten Wellen des Meers namens "Erwachsenenwelt" und da war es unglaublich schwer nicht zu straucheln. Sehnsüchtig wanderte der Blick über den Strand und wünschte sich Kindheitsfreunde wie die stille, kluge Karawyn, den quirligen, vorlauten Will, den brüderlichen Jonas und den alten Luca wieder, doch der eigentliche Sog kam von der anderen Seite.

Sie rannte nicht mehr.
Sie stolperte, stackste, trottete und versuchte an die anstehende Bürgerversammlung zu denken.

Eine kleine Ratte trippelte verwirrt am Strand entlang und wünschte sich nichts sehnlicher als ein Rattenloch, in dem man sich auf längere Zeit sicher verkriechen konnte.
Mica Mirillian

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Von der bestohlenen Diebeskönigin

Nun gut, zuerst war da nur die Angst gewesen. Nackt und blank und sowieso einfach nur garstig. Diese Angst war eigentlich ein Wunderkind und Alleskönner. Im ersten Moment hatte sie alles in hellen Alarm versetzt, hatte ihre Fäuste trommeln, die Beine federn und die Schreie hell, einer Sirene gleich, erklingen lassen. Scheiße auch! Das war ein Sittenstrolch und sie hatte sich einlullen lassen... musste an den Dolch rankommen, um ihm sonstwas abzuschneiden.
Als sie die Stimme hörte, dunkel und mit sanftem Sarkasmus versetzt, da schnappte die Angst einen guten Schluck Erinnerung, trank ihn in heftigen Zügen und veranlasste die Glieder sofort zu erstarren. Wie die obligatorische Salzsäule in manchen Mären und Sagen stand sie da, spürte harte Rinde und ein bohrendes Ästchen im Kreuz und musste machtlos feststellen, dass die Angst ihren Kopf mitsamt dem Blick hob, obwohl sie besser gar keine Vergewisserung wollte... keine brauchte!
Aber Tatsache! Da stand er. Wäre das nicht so verdammich realistisch gewesen und hätten nicht doch die Jahre ein zwei Falten mehr in sein Gesicht gezeichnet und einen dunklen, kurzen Bart an sein Kinn gemalt, so hätte sie die ganze Szene mit einem ernüchterten Seufzen in die Kategorie Alpträume gestopft und versucht aufzuwachen. Hier aber gab es diese Option nicht, sie war dem hilflos ausgesetzt was kommen würde, scheiße, SIE WAR SO GUT WIE TOT!
Noch hallten seine Worte in ihren Ohren und spiegelten sich im dialobisch-entrücktem Grinsen seiner Züge, den vorfreudig bebenden Nasenflügeln und vor allem in den düsteren Augen, die in der Nacht nur noch wie polierter Onyx glänzten und das Gefühl vermittelten in ein tiefes, schwarzes Loch zu fallen. So hätte es nicht enden sollen!
Sie atmete aus, schloß die Augen und betete, dass es schnell sein möge, nur dieses eine Mal einfach alles rasch vorbei. Ohne Gegenwehr, denn sie hatte kräftemäßig keine Chance gegen ihn und konnte auf ein schmerzenreiches, blutiges und langsames Ende getrost verzichten.

Da machte die Angst, dass die Zeit stehenblieb und kein Körnchen mehr durch die Uhr der Ewigkeit drang. Sie spürte, wie die Tränen des Selbtmitleids in ihr aufstiegen und ein wenig zogen und brannten.
"Lea, Leon... Maa, Paa... ich komme zu euch."
Und als die erste Träne kullerte widmete sie jene all denen, die sie sie liebte und nimmermehr sehen würde - dann hielt sie die Luft an und wartete.

Doch das Ende kam nicht.
Stattdessen war dieser Sog, ein Riss und erneut verlor sie den Boden unter den Füßen, wurde gegen einen Körper gedrückt, der unter Stoff und Kettengliedern weich und warm war und ein schlagendes Herz besaß. Im selben Augenblick presste sich etwas auf ihre Lippen. Hart, fordernd und unangenehm. Verwirrt schlug sie die Augen auf und meinte beinahe zu spüren, wie sich ihre Pupille zu einem Stecknadelkopf verwandelte, denn der Schock saß tief. Sein Gesicht war so nahe an ihrem, dass sie jede Linie in der Haut, jede Narbe, Muttermal, Unebenheit hätte betrachten können. Nun hatte er die Lider geschlossen und die dunklen Brauen beinahe sehnend in die Höhe gezogen, während er... während er... sie küsste!
Obwohl die Erkenntnis in diesem Moment kam, schien es Jahrhunderte zu dauern, bis ihr Kopf diese Information recht verarbeitete und die Scham in zu brodeln begann. Was erdreistete er sich, was tat er ihr da an? Sie stolperte in ihrer kochenden Wut nicht einmal über die verquere Logik ihrerseits, die sie schwach und hilflos angesichts des möglichen Todes gemacht hatte und nun die Lebens- und Überlebensgeister wie springende Funken weckte. Der Kuss war weicher und beinahe liebevoll geworden, seine Linke hatte den quetschenden Griff am Oberarm gelöst und berührte kosend und sanft streichelnd ihre Wange und das war der Moment, als wirklich alles zu viel wurde und sie mit ohnmächtiger Wut und Hass eben jenen freien Arm hob und die Finger wie Krallen in seine Wange bohrte.

Er ließ mit einem Aufschrei von ihr und rettet sich leider gut genug, dass sie ihm nicht das Knie ins Gemächt, sondern nur in den Magen stoßen konnte. Oh wie gerne hätte sie nachgetreten, mehrfach! Doch hatte sie seine Reflexe geweckt und der Instinkt riet zur Flucht. Noch bevor er sie ein zweites Mal am Mantel packen konnte, löste sie die Fibel mit einem Ruck und dankte im Stillen für deren kläglichen Verschluß. Lieber einen Mantel verloren als ganz andere Sachen. Es hatte gelangt, dass er sie um ihren allerersten Kuss bestohlen hatte und Gedanken an das was noch alles wegen ihrer Dummheit hätte passieren können, beflügelte die Schritte. Bald war da nur noch ihr Atem, gehetzt und hastig, das Knacken der Hölzchen unter ihren Stiefeln und der ein oder andere animalische Laut in den Wäldern zu hören.
Dass sie es geschafft hatte, wurde ihr erst bewusst, als sie die Türe ihrer Hütte hinter sich schloß. Will war nicht da, Charlotta auch nicht und obwohl sie sich gerne in Joannes Armen verkrochen hätte, wankte sie stattdessen tränenblind zum Bett, griff nach Aleas grünem Stoffhund und heulte in ihn hinein wie ein Kleinkind. Erniedrigt, verloren, gedemütigt und bis auf die Knochen beschämt. Wie konnte er es wagen, wie? Oh, vielleicht hatte sie Glück gehabt, war es doch nur ein Kuss gewesen, den man ihr gestohlen hatte aber in ihrer kindlichen Romantik hatte sie selbst diesem so eine große Bedeutung bemessen, sich danach regelrecht gesehnt und ihn dennoch wie einen Schatz gehalten, dem sie einem Anderen hatte schenken wollen. Ach und hätte sie Will geküsst, der ihr wie ein großer Bruder war, so wäre dieser Schatz nicht annähernd so zerstört und besudelt worden, denn dann hätte noch immer sie gegeben und man hätte ihn ihr nicht derart ungerecht genommen, sie bestohlen.

Selbst als es Morgen wurde und das Licht sich durch die Butzenscheiben ihres Hüttchens facettenartig brach, versank sie noch immer in Selbstmitleid und Scham und wusste auch später nicht wie es ihr gelungen war, den Kopf wieder klarer zu bekommen. An Rache wollte sie zwar denken, wollte planen und sich alles Mögliche ausmalen, doch riet der kühne Verstand nun erst einmal zu anderen Maßnahmen und so begann ein etwas bizarres, inneres Zwiegespräch:
- Er kennt dein Gesicht, er weiß um Berchgard. Vielleicht ist es besser zu verbarrikadierst dich hier?!
- Oh nein, in der Hütte fällt mir ja jetzt schon die Decke auf den Kopf. Zweikopfscheiße, roter Henker ich muss RAUS!
- Du dämliche Kuh! Hat dir das Ganze gefallen oder suchst du ein abartiges Abenteuer? Renn ihm doch in die Arme, stolziert mit wehenden Fahnen umher! Wenn er dich in Berchgard nicht findet, ist Adoran das nächste Ziel und niemand außer dir selbst kann dich dauerhaft beschützen, die alte Regel kennst du... schade nur, dass du da so oft versagst. Will hingegen wurde schon damals nie geschnappt, Will hat...

"...zu viele Gesichter.", beendete sie ihren eigenen Satz flüsternd und sprang im nächsten Moment auf, um verstohlen an Wills Tasche zu gehen. Alles was sie brauchte war da drinnen. All die Tiegel, die Flakons und Tuben. Eifrig begann sie zu kramen und beruhigte sich langsam. Es war die beste Lösung für's Erste. Der Kerl suchte sie, Anney... Sanna... wen auch immer und nun war es an ihr dafür zu sorgen, dass die Gesuchte für eine geraume Zeit vollkommen von der Bildfläche verschwand und dann, wenn er in seinen Schritten zu straucheln begann, würde die Rachezeit beginnen, denn Rache war schon immer Blutwurst gewesen!

(Edit: "Andere Seite" zu:
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Zuletzt geändert von Mica Mirillian am Montag 2. August 2010, 11:41, insgesamt 1-mal geändert.
Mica Mirillian

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Von drei Geständnissen für [s]Aschenbrödel[/s] Anney

I."Der Rausch züchtet Wahrheit...
... und leider oftmals die, die man lieber verstecken mag."


Alles was begraben gehörte, aber auch wirklich alles, prudelte hervor.
Als haben man eine Unzahl an kleinen Wunden in ihren Leib gestochen, aus denen die Geheimnisse, die sie erst vor wenigen Stunden tief in sich drin verbuddelt hatte, nun stetig herauskrochen. Sie war beschäftigt das Schluchzen soweit zu unterbinden, dass sie sich nicht noch vollends lächerlich machte. In ihrer ohnmächtigen Wut über sich selbst und über ihrer loses Mundwerk, welches wimmernd und heulend, wie das eines kleinen Kindes, die Geschichte vom gestohlenen Kuss hervorstieß, realisierte sie seine vorsichtigen Berührungen, das sanfte und beruhigende Streicheln an Schulter und Rücken, zu spät.
Was sie recht rasch merkte war die Tatsache, wie überfordert er mit der Situation an sich war und auf eine wirre Art und Weise kränkte sie dies.
Oder störte sie sich eher an der Frage, ob er gerade ein weinendes, junges Mädchen oder doch vielmehr ein heulendes Kind vor sich sah? Dass er in seiner eigenen Unbeholfenheit selber wie ein großer, tapsiger Junge statt einem gestandenen Mann wirkte, merkte sie zumindest nicht...

"II. Der abklingende Rausch offenbart vieles...
... auch Feststellungen, die eigentlich schon lange in einem schlummern."


Was auch immer da über sie gekommen sein mag.
Lag es daran, dass er Schwäche und Sorge gezeigt hat und wieder einmal nicht ganz so unnahbar war? War der Grund eher, dass eben just jene nüchterne Art ihr tatsächlich manchmal den Nerv raubte, sie bis aufs Blut reizte und sie ihn dann am liebsten schütteln wollte? Oder hatte sein unglaublich flapsiges Manöver hinsichtlich eines nächtlichen Kampfftrainings den Stein ins Rollen gebracht? In die Nase stechen... Augen quetschen.. ins Ohr pieken, wenn doch, ach, wenn sie sich innerlich nach Berührungen ganz anderer Art sehnte und sei es nur eine Urmarmung. Da beherrschte sie sich, litt still um das zarte Pflänzchen Freundschaft nicht zu vergiften und er schlug ihr vor, dass sie ihr "Ziehren" überwinden möge und ihm weh tun solle, um Selbstverteidigung zu üben. Ja, sie hätte ihm gerne weh getan, als er dies mit beinahe nüchterner Stimme anbot und hörte die Ohrfeige, die so juckte, schon fast klatschen. Stattdessen beherrschte sie sich zähneknirschend und der Rest des Alkohols sprudelte Worte hervor, die fluchend verkündeten, dass er einer der kompliziertesten Menschen war, mit denen sie zu tun hatte... und der Einzige, der es schafft, dass mir heiß und kalt zugleich wird... dachte sie nur, doch da versagte die Zauberkraft des Alkohols.

III. Jede Wahrheit kommt irgendwann hervor...
... dazu braucht es keinen Suff und auch wenn sie noch so traurig ist, wird einem leichter um's Herz, wenn sie über die Lippen kam.


Wenn der Moment da ist, dann geschieht es.
Dann bist du vielleicht wieder nicht Herr deiner Worte, dann sprechen nicht die Stimmbänder, nicht der Kopf, sondern das Herz... und dann ist es auch egal, wenn der Gegenüber nicht antwortet.

... auch wenn ich weiß, dass es nichts Gegenseitiges ist und ich eben nur ein 'Gör' bin, möchte ich, dass du weißt, dass ich meinen ersten Kuss... wenn ich denn gekonnt hätte... dir hätte schenken wollen..."

Ferne Worte im Morgengrauen und ein Berg an Steinen fiel von ihrer Brust, ließ sie aufatmen und und machte die Schritte wieder leicht und dennoch bewusst. Es blieb nur noch ein rasches "Gute Nacht" und die flehende Hoffnung, dass sein Schweigen keinen Riss in ihrer Freundschaft bedeutete.
Die "Fronten" waren endlich geklärt, der neue Tag konnte beginnen...
Will Rotenfels
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Beitrag von Will Rotenfels »

Von einer bitteren Erkenntnis

Da war er nun, so schmutzig und auch lustig wie eh und je. Doch genauso wie früher war es nicht.
Früher hatte er Vetrauen in die Sache. Heute nur noch eine Ahnung, frei hängend wie ein Bindfaden um eine Münze mit der man versuchte einen gierigen kleinen Jungen anzulocken, um diese im nächsten Moment wegzuziehen und gehässig aufzulachen. Doch da war keine Münze, nein. Jetzt war an dem Bindfaden, den er zu ziehen gedachte ein großes Loch in das er zu fallen drohte.
Der Bindfaden allerdings ließ sich nicht von Loch oder Finger lösen... und so half auch kein davonlaufen.

Will der Taugenichts, ja wahrlich, das würde er bald sein, wenn er nicht eingreifen würde.

Geheimnisse bleiben Geheimnisse verdammich! Und Vertrauen ist besser als Nachsicht! Halt nein, die Vorsicht wars... nicht das Vertrauen.

Und so beschloss er nicht nur in diesem Sprichwort, sondern auch im gegebenem Fall die Vorsicht gegen das Vertrauen einzutauschen. Es wussten einfach schon viel zu viele Leute wer er war oder was er hier suchte und wofür er gut war. Schon bevor er hier angekommen war, so schien es ihm, hatte Anney wohl von ihrem Freund Will erzählt. Und so gern er sie auch mochte, so schwer es ihm auch fiel, fühlte er sich gezwungen ein paar weitere Mauern der Geheimnisse um sich zu bauen, Märchen zu erfinden und Leute zu verwirren.

Schließlich konnte er nicht davon ausgehen von irgendwem verstanden oder beherbergt zu werden... oder gar geschützt.

Naja... bis auf Anney vielleicht.
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Von einem Sommermärchen

Lasst mich euch ein Märchen erzählen, dass die wärmende Brise des Sommers, unschuldig, jung und flattrig verspielt, nicht nur mit sich trägt, sondern in ihr lebt:
Es war einmal, denn so fangen ja bekanntlich alle Märchen an, ein Mädchen, das tatsächlich einfach nur ein Mädchen war. Nicht so strahlend schön wie die Märchenprinzessinnen, nicht so weise wie die alten Könige und Eremiten in euren Büchern und auch bei weitem nicht so heldenhaft mutig, wie die Prinzen dieser Geschichten. Nein, ich rede von einem Mädchen, nicht mehr oder weniger. Sie lebte zufrieden, nicht glücklicher oder trauriger als du oder ich, sondern eben ein Leben wie es sein sollte, mit seinen Tiefen und Höhen, die man dann doch nie alleine erklimmen muss.
Jetzt wäre es aber doch schon um unser schönes Märchen geschehen, wenn ich hier aufhören müsste, denn so einfach gestrickt kann ein wahres Märchen eben nicht bleiben. Nein, natürlich geschah etwas... etwas Wunderbares und hier beginnt eigentlich erst die eigentliche Geschichte.

Als das Mädchen eines Tages, wie so oft, ihren Geschäften nachging, sich fleißig unters Volk mischte und, wie Mädchen nun einmal so sind, jeden Tropfen Freude am Leben laut und fröhlich auskostete, da spürte sie einen Blick auf sich ruhen, der so eindringlich und ernst war, dass man unweigerlich den Kopf heben, diesen suchen und erwidern muss. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es so auch unserem Mädchen ging.
Sie blickte in das Antlitz eines leblosen Zinnsoldaten, der bar jeglicher Emotionen aus seinem Schaufenster zu ihr starrte. Verwirrt versuchte unsere unheldenhafte Heldin diese komische Begebenheit zu vergessen, doch auch im Laufe der nächsten Tage konnte sie den kalten, eisigen Blick des Zinnsoldaten nicht vergessen und wie eine Motte zum Licht, zog es sie doch immer wieder zu ihm ans Schaufenster.
Ihr müsst verstehen, dass ein einfaches Mädchen eben die Weisheit und das Weltverstehen nicht mit dem Haferbrei zum Frühstück zu sich nimmt, sondern dies erst lernen muss und doch wohnt in Menschen, die das innere Kind pflegen und es lieben gelernt haben, stetig die Gabe, die Welt mit anderen Augen zu sehen und so ahnte das Mädchen bald, dass der Zinnsoldat mit der eisernen Miene nicht das war, was er zu sein vorgab. Schein kann trügen und Mauern aus Stahl verbergen meist. Ach, wie oft zog es sie zum Schaufenster und wie oft presste sie Hände und Näschen an die Scheibe und wünschte sich von ganzem Herzen, dass der bleierne Soldat, mit dem sie innerlich eine bizarre Freundschaft verband, zum Leben erwachen würde.
Wünsche sind aber bekanntlich etwas kompliziertes und gehen selten genau dann in Erfüllung, wenn man sie ausspricht und hofft, sondern erst dann, wenn man bereit ist etwas zu tun.

Es geschah in einer Sommernacht wie dieser, so voller Zauber und nunja... Märchen eben.
Unser Mädchen hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, dann, wenn nur noch Sterne und Mond die Straßen in silbernes Licht tauchten, still den Weg zum Schaufenster zu finden und die Magie der Freundin Nacht zu spüren, wenn unter deren geheimnisvoller Decke der Zinnsoldat nicht mehr so kalt und leblos schien, wie bei Tag.
In jener Nacht aber genügte dies dem Mädchen nicht mehr und es schmerzte unerträglich in ihrer Brust, weil sie nun verstanden hatte, dass der Zauber der Nacht ihr immer wieder einen Blick hinter die Schicht aus Kälte und Blei bot und der, der dahinter verschlossen war, hatte mit jedem Besuch ihr Herz berührt und so flog es ihm längst zu. Da presste sie wieder Hände und Nase an die Scheibe und flüsterte dem Soldaten in all ihrem ehrlichen Kummer zu, dass sie ihm so gerne ein besonderes Geschenk machen wollte. Erinnert ihr euch an die Sache mit den Wünschen? Sie mögen zwar auf sich warten lassen und diese Wartezeit ist oft die schmerzlichste, doch geraten sie nicht in Vergessenheit und als unser Mädchen so sehnsüchtig flüsterte und ihre Gefühle wie offene Arme ausbreitete, da begann das Schaufenster wie kaltes Eis unter der Wärme der Berührungen zu schmelzen und gab den Weg zum Zinnsoldaten frei, der beinahe erwartungsvoll zu ihr sah.
Da das Mädchen aber nichts bei sich trug, was sie ihm hätte geben können und längst die Magie, die jedem Märchen innewohnt, ihre Schritte lenkte, das schloss sie die Augen und gab ihm ihren allerersten, wahren Kuss.

Wisst ihr, wie es sich mit Küssen aus reiner Liebe im Märchen verhält?
Richtig, sie verändern, verwandeln und sind so mächtig, dass sie auch einen Fluch brechen können.
Ja und unser Zinnsoldat verwandelte sich und wurde zu einem Jungen, der das Mädchen behutsam in seine Arme schloss und ihr einen warmen Blick, voller Gefühle und diesmal bar jeglicher Kälte, schenkte und mit diesem rettete er auch sie, vertrieb alte Schatten und Kummer.

Wie gerne würde ich nun mit dem berühmten „... und wenn sie nicht gestorben sind“- Satz enden und den beiden so eine glückliche Ewigkeit in den Seiten eurer Bücher schenken, doch ist dieses Märchen noch nicht zu Ende, so wie der Sommer noch in den Straßen unserer Städte seine Brise stolz umherträgt und nicht an den fernen Winter denken mag.
Ich kann euch nicht sagen, wie das Märchen ausgehen wird, doch wünsche ich den beiden nur alles erdenklich Gute und Schöne...
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Von den allerersten Sonnenstrahlen

Der Morgen kitzelte an der Nasenspitze, zupfte an den Augenlidern und pustete Wärme quer über das im Schlaf so selig entspannte Mädchengesicht, bis die ersten Regungen zu verzeichnen waren. Noch rang der Schlaf um seine Eroberung und hauchte die letzten bunten, zauberhaften Traumfetzen in ihre Seele. Doch ein erneuter Kitzelangriff des Morgens besiegelte den Ausgang der Schlacht und als ein Vogel beherzt sein junges Lied an die ersten, noch kraftlosen Strahlen zu jubilieren begann, schlug das Mädchen die Augen auf und blinzelte verträumt und doch nicht recht mit dem Geiste im Diesseits dem Gewinner, namens Morgen, entgegen.

[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Anney%20grown/MicawakeII.jpg[/img]

Allerdings dauerte es nicht besonders lange, ehe der etwas wirre, zufriedene Blick abglitt und die Decke hoch über ihrem Kopf alarmiert fixierte. Tastend glitt die Rechte über die härtere Strohmatratze und dann kurz am eigenen Oberkörper entlang...

Wo? Die Sinne rufen Alarm! Nicht das Fell- Stoffbett von Concia, nicht das Daunenkissen von Laureen, nicht der Duft der Kerzen, die Joanne ihr vermacht hatte und nirgends eine Spur von Aleas Vermächtnis, der grüne Stoffhund, den sie trotz ihres Alters, gerne Nachts noch an sich heranzog und im Schlaf an ihn kuschelte... und WARUM zum dreimal roten Henker trug sie noch ihre Straßengewandung? Lederhose und der ärmellose, weiche Mantel... sie hatte doch beides zuletzt gewählt, um...

Mit einem raschen, doch lautlosen Ruck saß sie aufrecht im Bett und drehte den Kopf eilig, um die Umgebung noch prüfend einzufangen, als sich die offensichtliche These wohl bestätigte und zunächst die übertriebene Spannung im schmalen Körper etwas lockerte und sie dann milde lächeln musste, nur um im nächsten Augenblick die Hände vors Gesicht zu schlagen, um die aufkeimende Schamesröte vor dem jungen Morgen zu verbergen.

" Er hat dich ins Bett gebracht und zugedeckt. Oh und sogar die Stiefel stehen ordentlich nebeneinander am Bett und... MÄUSEDRECK!!! Du bist am Tisch eingeschlafen, du dumme Pute! Ja, klasse... ist gar nicht peinlich, was? Vermutlich hat er dich hertragen müssen und... ja und wo schläft er nun"?

Mit einer leisen, geschmeidigen Bewegung tauchte sie aus dem Bett und schlich auf Zehenspitzen suchend um den Tisch herum. Als sie die Gestalt des Mannes auf den Fellen am Boden, nahe der letzten, sterbenden Glut aus der Feuerstelle, ausmachte, verharrte sie zunächst still. Nur ihre Züge versanken regelrecht im Spiel der Emotionen.
Die Mundwinkel zuckten, die Augen wurden größer und die Brauen zogen sich in stummer Sehnsucht etwas näher aneinander.

"Da also... Vorsicht, Rücksicht... Liebe?
Wann Viridian, wann? Als ich es gesagt habe? Vorher? Sicher nicht im Lamm - aber ich hab's schon damals gemerkt, nur nicht verstanden. Oh, Joanne, da liegt er, der große, stille Mann, der mich bis heute jeden Tag aufs Neue verwirrt aber ich hab mit ihm gesprochen, hab ich... geschehen seltsame Dinge. So unwirklich, wunderbar und doch...doch liegt er da.
Hmmn... sehen alle Männer wie schutzlose, kleine Jungen aus, wenn sie schlafen...?"


Erst als all diese Gefühlsregungen nun doch auf den Rest des Körpers übersprangen und sie sich dabei ertappte, wie sie die Hand hob, als wolle sie ihn berühren, riss sie sich von dem Anblick los und holte leise, wenngleich flattrig Luft.
Binnen weniger Lidschläge hatte sie die Stiefel in den Händen, den Mantel unterm Arm und drehte den Schlüssel mit einem kaum hörbaren Klicken im Schlüsselloch. Draussen erst wollte sie auch das Schuhwerk anziehen und ihm die letzten Schlafmomente noch gönnen. Doch hielt sie noch einmal inne, als die Türe sich öffnen ließ, brachte auf flinken, lautlosen Sohlen den Schlüssel zum Tisch zurück und wisperte ein kaum hörbares "Danke" in Richtung der Felle, ehe sie wieder bei der Türe war und jene sich schloss...das Mädchen und das kühle, nebelige Grau des Adoraner Morgens hinter sich lassend.
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Das Gute daran, wenn man eine Heranwachsende ist und in vielen Augen noch nicht ganz als vollwertig und vollendet erwachsen gilt, ist, dass man sich auch noch ganz der Unvernunft hingeben kann und Emotionen freien Lauf lassen darf. In Anneys Fall wäre es generell egal gewesen, denn Will hatte das kleine Gasthauszimmer längst verlassen, um durch die Stadt zu ziehen und ihr Elan in jener Nacht seinen Rausch zu überwachen, war mehr als gering. Sie ging etwas hölzern in Richtung Bett, achtete nicht darauf, dass der leichtfüßige Gang längst zu einem Geschlurche vom Feinsten verkommen war und sie wirklich die Beine nur noch hob, wenn es nötig war.
Das Bett war leer und sah hinter einem glitzernden Meer aus Tränen, die so hoch in den Augen standen, dass nur ein Blinzeln gelangt hätte, um sie wild fließen zu lassen, so unendlich weit und verlassen aus... einsam eben.

Jungendliche, unausgereifte Wesen neigen manchmal zu übertriebenen Reaktionen und gerade die weibliche Sorte macht da im Punkt Gefühlsduselei oft keine Ausnahme und so dauerte es nicht lange, bis der Herzschmerzkummer die innere Gefasstheit der Göre ganz überwand und sie sich in das frisch bezogene Kissen war und die Schluchzer darin erstickte. Er würde bald fort sein und es konnte wer-weiß-schon-alles geschehen und sie würde hier sitzen und von gar nichts wissen... niemals würde sie wieder schlafen!
... und zwei Stunden später war der Atem ruhig und tief, die Träume glätteten das tränenverschmierte Gesicht friedlich und fromm.

Als sie in den frühen Morgenstunden aufwachte, ahnte sie, dass er längst fort war und statt dem wilden Schmerz in der Brustgegend, fühlte sich nun alles dumpf und leer an. Will war zurückgekehrt und hatte seinen Schlaf sitzend und halb über dem Tisch liegend gefunden. Leise, um ihn nicht zu wecken, schlich sie ins Freie hinaus und wanderte ziellos die grauen Straßen Adorans entlang in Richtung Stadttore und hinaus. Ob er diesen Weg auch erst vor kurzem gemacht hatte? Draußen wurde der Weg matschig und wilder. Als sie eine halbe Stunde gelaufen und der Wald nun fast in greifbarer Nähe war, nahm sie mit dem letzten Schwung auf einem Weidenzaun Platz und wartete auf die ersten, ausgereiften Sonnenstrahlen - in Gedanken wurde der eigentlich Abschied gesprochen und seit langem betete das Mädchen abseits des Grabes ihrer Freundin Alea.

Möge die Lichtbringerin dich leiten,
mit Stolz, Erbarkeit und auch alldenklichem Geschick.
Des Sternenvaters Licht soll dich begleiten,
richte nach vorne stets den Blick.
Des Fuchses Schläue vertreibe deine Sorgen,
des Bären Einfallsreichtum schenke dir Glück.
In Mutters Schoß seist du geborgen,
aufdass du bald kommst heil zurück..... zu mir, hörst du, Viridian?


[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Anney%20grown/Judanney.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Mica Mirillian am Dienstag 17. August 2010, 14:00, insgesamt 1-mal geändert.
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Von Krankenbesuchen, Mantel und einem Brief

1. Kommt es anders...


Sie war an Lucas Bett gesessen, damit hatte der Tag ja schon einmal einen reichlich unschönen Beginn gehabt. Zwar hatte der Herr "Möchtegern-Duelist" nun endlich die Erlaubnis Besuch zu empfangen, doch war er so zerschunden und müde, dass Anney im Endeffekt nur an der Bettkante gesessen war, seine Hand kurz drückte und schon als sie ihm etwas erzählen wollte, mit einem regen Schnarchkonzert belohnt wurde. Danke, oh Luca! Da war der Kerl wieder eingeschlafen und es blieb ihr wenig, als den arg geprügelten Burschen still zu betrachten und fromm zu schweigen, denn Kranke sollte man nicht wecken, ja, nicht einmal um sie für ihr Desinteresse zu schütteln.
Hinzu kam, dass es den Heilern auch nicht recht genehm war, dass das Mädchen noch lange beim ruhenden Kranken sitzen blieb und alsbald wurde sie freundlich, doch unnachgiebig wieder aus der Tür geschoben und konnte einer Dame gerade nur noch auftragen, doch Luca später beim Erwachen nochmals von ihr zu grüßen und schon stand sie vor dem Haus.

Zunächst blieb ihr das ratlose Rasten, dann das ziellose Umherstrolchen...
Es liegt auch in der Natur einer Heranwachsenden erst einmal zu murren, zu jammern und sich grundlos über allen möglichen Mist aufzuregen und so beließ sie es bei einem gemurmelten Fluch, ballte die Fäuste und wünschte den Heilern im Hause und Luca erst einmal eine Menge Warzen - und dann bitte aber die dicken, schwärzlichen Exemplare - an die Nasen.
Abrupt hielt sie inne, als sie vor einigen Stufen zum Stehen kam und ein kleiner Zug krampfte durch ihre Brust, als sie diese grauen Steintreppen erkannte. Sie brauchte den Kopf nicht in den Nacken zu legen, brauchte sich nicht vergewissern, wohin sie ihre forschen Beine und das verräterrische Unterbewusstsein geführt hatten... und doch hob sie den Blick und besah sich stumm das Anwesen, welches sie seit zwei Wochenläufen nun verzweifelt mied, sobald sie in Adoran war.
Es war, wie sie befürchtet hatte.
Das Haus wirkte kalt und düster, selbst am helligten Tage. Fremd erschien es ihr plötzlich und abweisend - seltsam was die An- oder Abwesenheit einer einzigen Seele schon alles ausmachen konnte...
Ehe sie sich in Wünschen verlor, die am Ende noch nichts brachten, machte sie hastig auf dem Absatz kehrt und suchte fieberhaft ein neues Ziel.

Jenes ließ sich zwar finden, doch war es nicht mit weiterem Frohsinn, als noch mehr Wehmut verbunden: Alea sollte Bericht erstattet werden!
So kauerte sie wieder einmal, seit langem, vor dem Grab der geliebten Freundin und flüsterte einen langen Monolog, der von all dem erzählte, was ihr in den letzten Tagen wundersames widerfahren war. Sie wollte nichts auslassen, wollte von Noani erzählen, die zwar Mühe hatte Anneys Sprache zu verstehen, doch so klug war, zauberhaft und von Alea zu wissen schien. Von Will und Karawyn, die nach langer Zeit endlich wieder feste Bestandteile ihres Lebens waren, von der Liebe und dem Mann, nach dem sie sich nun sehnte, von Joanne, die mehr und mehr so nah an sie heranwuchs, dass Anney plötzlich zu wissen glaubte, wie man eine Art Mutter denn lieben müsse und auch von der seltsamen Begegnung mit dem Mann der Steine, dem Mann in schwarz, musste sie Alea berichten. Letzteres gerade, weil sie sich sicher war, dass Lea diesem gefallen hätte, denn sie war gut gewesen in "Sachen besorgen...".

Als es kühl und die Erinnerung an ihre liebe Freundin schmerzlich wurde, erhob sie sich müde und stellte fest, dass die geschundenen Beinmuskeln regelrecht um eine Pause baten. Also würde sie die Postkutsche nach Bajard nehmen müssen und jene fuhr erst bei Einbruch der Dunkelheit, was wohl erst in einem Stundenlauf etwa sein müsste.
Seufzend entschied sie sich, den alten Bankier Melandius zu besuchen und nach Perrin Belmond zu fragen, ja dem alten Schmied vielleicht sogar ein Briefchen zu hinterlegen. Sie konnte nicht ahnen, wie gerade der gute Melandius für einen gehörigen Schrecken sorgen sollte.

2. ...als man denkt!

Wie immer begrüßte er sie fröhlich und scherzend, nannte sie "kleines Fräuleinchen", wie eh und je, nur um sie dann aber plötzlich näher zu winken und mit den Worten "Das wurde schon vor einigen Wochen für Euch abgegeben, kleines Fräuleinchen...", drückte er ihr ein stoffenes, gefaltetes Päckchen in die Hand.
Blinzelnd und etwas überrumpelt, das Lächeln aber noch auf den Mädchenlippen, blickte sie auf den braunen Stoff herab, strich darüber und erbleichte schlagartig, als sie da erkannte um was es sich da handelte.
Sie hatte ihren alten Mantel in der Hand, den Mantel, den sie zurücklassen musste... in jener Nacht. Beinahe hätte sie diesen fallen gelassen, dann aber wurde der Griff eher fester und feindselig traf der Blick Melandius.
"Wer hat'n den abgegeb'n?"
"Huch, schaut mich nicht so bitterböse an, kleines Fräuleinchen, das ist schon einige Zeit her... wartet einmal, es war ein Herr, soweit ich mich recht erinnere. Hmn, dunkles Haar, in etwa bis zum Kinn und auch sehr dunkle Augen. Wirkte im Allgemeinen düster aber das Lächeln war freundlich.." Anney spürte den besorgten Blick, mit dem er sie nun striff.
"Er hat Euch doch nichts getan, oder...?"

Nun war es an ihr den Rückzug anzutreten, hastig abzuwinken und gespielt heiter zu lächeln, zu versichern, dass alles gut war und dann mit Würde zu fliehen. Berchgard schien plötzlich nur aus Augen zu bestehen, die sie verfolgten und bespitzelten. Viel zu früh saß sie, auf die Abfahrt wartend, im sicheren Inneren der Kutsche und umklammerte noch immer den gut verschnürten Mantel. Den Brief darin fand sie rasch, nach kurzem Suchen und dennoch dauerte es lange, bis sie diesen schließlich entfaltete. Als die Kutsche schon auf halbem Weg nach Bajard war, stellte sie sich erst den Worten gänzlich und las.

[url]http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=50492[/url]

Als die Kutsche an Bajard ankam, stieg ein verwirrtes und unsicheres Mädchen aus, welches für sich vorerst nur einen Schluß aus dem Wisch gezogen hatte:
Vertrauen war gut, Kontrolle besser - und nachdem er wohl ihren Namen kannte, würde Sanna wieder einmal ein paar Tage auf Reisen gehen, während Micas Zeit aufs Neue anbrach. Diesmal aber wollte sie reinen Tisch machen und zumindest Joanne von jenem bizarren Versteckspiel ihrerseits berichten.
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Von Herbststimmen und fallenden Blättern

Es war ungewöhnlich ruhig am Steg.
Die neue Schreckensnachricht hatte sich durch Bajard gewühlt, die Einheimischen geplagt aufseufzen lassen und die gewohnte Besucherflut abgeschreckt. Folglich hatte man den Markt am heutigen Tage abgesagt und passend zum Gestank der Tierkadaver umhüllte eine Mauer des Schweigens das Dorf und erinnerte an Mausoleen im Winter. Mit der Grabesstille war der Nebel aufgezogen. Eigentlich keine seltene Erscheinung, da Bajard sich doch so sanft an die Küste schmiegte und gerade der Herbstdunst sich gerne mit der salzigen Meeresfeuchtigkeit paarte. Der Name ihres Kindes lautete eben Nebel und in grauweißen Schwaden zog er besonders gerne am frühen Morgen durch das Fischerdörfchen.
Ihm war sie gefolgt, hatte inbesondere nach dem nächtlichen Tiersterben darauf geachtet, wo sie hintrat und war, nunmehr ein Schemen im morgendlichen Dunstschleier, über den sterbensleeren Markt gewandert, vorbei an Buden und alten Kisten, stetig voran in den Nordwesten Bajards.
Hier lag, abgeschieden von all den Häusern, verdeckt hinter einer kleinen Allee aus Pappeln, Eichen und Walnussbäumen, ein alter Steg, den die alte Fischerin Adawine ab und an nutzte, um in Ruhe ihren Fang zu machen. Doch heute waren die hölzernen Planken, abgesehen vom glitschigen Algenfilm, leer und wirkten bizarrerweise noch einsamer als es sonst schon der Fall war.
Leise klapperten die Absätze ihrer klobigen Stiefel über das Holz und dumpf drang jeder ihrer Schritte durch die weißlichen Schwaden, als habe man selbst die Geräusche am heutigen Tag in Watte gepackt.
Obwohl sie langsam und vorsichtig über die morschen Stegplanken lief, war der Gang dennoch zielstrebig und unweit von Adawines Ruderboot, welches fast so viel Jahre wie die Fischerin selbst auf dem Buckel zu haben schien, kamen ihre Schritte zum stehen. Still und mit einer Mischung aus Ernst und aufkommender Melancholie glitt der Blick der dunklen Augen über eine Stelle, an der das Schilf neckend mit ungelenken, groben Halmen sanft im Küstenwind gegen eine der Plankenseiten schlug. Im Wasser davor schwammen prächtige Seerosen und das zarte Grün ihrer Blätter glitzerte unwirklich durch den kalten Nebel. Dieser Ort lud zum denken, sinnieren oder philosophieren und allen voran zum verweilen ein. Trügerisch in Idylle, so trügerisch.
Vor einigen Jahren hatte dieser Steg, sein Schilf und seine bildschönen Seerosen beobachtet, wie ein kleines Mädchen tapfer ihr Leben gab, um das einer Freundin zu retten und innerhalb weniger Lidschläge hatte sich das Blatt für beider Leben gewendet, als ein giftiger Schlangenzahn sich in gebräunte, zarte Kinderhaut bohrte. Die Eine starb nur wenige Momente später, für die Andere war eine Welt zerbrochen und jeder folgende Tag nicht mehr so wie früher. Das Sonnenlicht war etwas kühler gewesen, die Tage nicht mehr so hell und das Sehnen nach Geborgenheit unerträglich gewesen. Doch jene hatte sie irgendwann, wie durch ein kleines Wunder, stillen können.
Langsam drehte sie, im Geflecht ihrer Gedanken wandelnd, abwesend an einem kleinen Silberring mit grünlichem Jadestein. Die Farbe des Steins erinnerte sie an den Verlust, doch die Gravur, welche sich, unsichtbar für den flüchtigen Betrachter, eng an die Haut ihres Mittelfingers schmiegte, war ein Bekenntnis der Liebe, welche sie fand:

S.E.K.
- ich hatte eine Familie, einen Namen, ein Leben
A.D. - und ich bin nun wieder Teil einer Familie, trage meinen Namen, lebe...

Sie hatte den Steg, den einsamen, gemieden und nun hatte die herbstliche Trauer und der Schwermut ihre Schritte doch so lockend gelenkt, dass sie beschloss zu bleiben und mit Vorsicht ging sie langsam in die Hocke. Vor ihrem inneren Auge spielten zwei lachende, kleine Mädchen im Spätsommer an jener Stelle. Platschend und jauchzend ließen sie die nackten Füße auf die spiegelnde Wasseroberfläche gleiten, baumelten arglos mit den Beinen und schworen sich ewige Freundschaft – jene würden sie wohl beide, auch im Tode nicht brechen.

Ein Windhauch wirbelte einige der Nebelschlieren auf und riss sie in taumelnde Fetzen. Das Boot glitt in ein sanftes Wiegen und die ersten, rotbraun verfärbten Blätter taumelten von den Eichen herab und legten sich sanft auf das Wasser, neben ihre Seerosenschwestern. Das schwere Seufzen hingegen war über die Mädchenlippen gedrungen, ehe sie es recht bemerkt hatte und wehmütig gestand sie sich ein, dass ihr unbestimmter Schmerz nicht nur an der wunderschönen Trostlosigkeit des beginnenden Herbst und an verlorenen Tagen lag. Vielmehr war sie selber in just jenem Moment ein Teil des Herbststerbens geworden, taumelte wie ein Blatt im Wind umher, spürte dass sie fiel und nicht flog und wünschte sich sehnlichst den Sommer zurück, der die kalten Nebel um ihr Herz und Gemüt erwärmen und die schweren Gedanken aus dem Kopfe brennen möge.

Doch nichts dergleichen geschah und Wunsch bleibt manchmal nur einfach Wunsch – so trieb sie im Strom der Jahreszeiten, ward sich schmerzlich bewusst, dass so vieles einfach nicht mehr stimmig war und klammerte sich an das Echo eines längst verklungene Lachen zweier unschuldiger Mädchen.
Mica Mirillian

Beitrag von Mica Mirillian »

Von einem Gespräch

"Du weisst, dass du immer das kleine Mädchen bleiben wirst?"
"Nein, das ist nicht wahr! Ich bin kein kurzweiliger Zeitvertreib und kein amüsantes Abenteuerchen!"

Dem langen, gedehnten und seltsam betrübten Seufzen folgte die ruhige Antwort:

"Du hörst mir wieder mal nicht zu. Das habe ich alles mit keinem Wort gesagt und solche Gedanken niemandem unterstellt. Zudem bin ich mir auch schon dessen bewusst, dass die Haltung von der ich gerade eigentlich sprach nicht beabsichtigt ist, doch bist du eben noch ein junges, unbeschriebenes Blatt, ein Gör, grün hinter den Ohren, aus dem Blickwinkel eines weitaus erfahreneren Menschen und damit wirst du immer naiv, nicht ganz zurechnungsfähig und eben... ein kleines Mädchen... bleiben!"

... mundtot, überwältigt, erschlagen von der stechenden, erschütternden Frage:

WAR DAS DENN WIRKLICH SO?
Sanna Emilia Kolmar

Beitrag von Sanna Emilia Kolmar »

Vom schmerzlichen Klumpen Leere

Tief hatte sie Luft geholt, als sie den Kopf zwang nochmals unter die Wasseroberfläche zu tauchen.
Ein eisiger Kältemantel legte sich wie ein enggewebtes Spinnennetz um die Haut, malträtierte vor allem die gut durchbluteten Wangen und stach wie mit winzigen Nadeln zunächst auf sie ein. Blinzelnd zwang sie sich störrisch die Augen zu öffnen.
Durch den wabernden Wasserschleier wirkte der Steinboden nur wenige handbreit von ihr entfernt seltsam verquollen und verzerrt. Dort wo das wasserfallartige Rinnsal auf diesen winzigen, unterirdischen Teich traf blubberten die wenigen Bläschen im Wasser und doch schien das Geräusch, das feine Trommeln der Tropfen, so unendlich weit fern, als habe sie sich selbst unter eine Decke gepackt. Da das nun künstlich sauber von hellen Steinen und Marmor umfasste Becken nur wenige Schritt umfasste, musste sie die Knie auch unter Wasser an den Körper ziehen und sich etwas zusammenkauern um ganz ins Reich unter der Oberfläche zu tauchen.
Hier in der Schwerelosigkeit griff der geringe Strom nach dem flachsfarbenen Haar, tränkte es mit Wasser und malte es so in deutlich dunkleren Farben, dann ließ er es fliegen, teilweise in sanften Wellen streichen und bewirkte, dass sich die langen Strähnen mal in gespenstischen Fingern und dann wiederum holden Strahlen vom Haupt aus in alle Richtungen streckten.
Die Wangen rund hielt sie die Luft im Inneren und betrachtet durch die verzerrte Wasserlinse hinweg ihre eigenen Hände. Noch immer waren sie alles andere als schön.
Klein, ja doch noch immer nicht schlank genug um als feingliedrig zu gelten. Im Grunde sahen sie auch jetzt noch aus wie Kinderhände, etwas rundlich, keine Spur von der Sorte langen, dramatisch-wirkenden Fingern wie sie die edlen, holden Damen ansonsten hatten. Ausdrucksstarke Hände, wie vielleicht Karawyn ihr eigen nennen konnte. Nein, ihre Hände erinnerten eher an die eines Knaben, eines dörflichen Bengels... ein wenig an Lucas Hände.
Kurz starrte sie auf die blasse Haut und spürte, wie sich schmerzlich der so lange gut herab gedrückte Klumpen in ihrer Brust wieder regte. Von jenem Stich und der Tatsache, dass der Atem in den Lungen langsam knapp wurde, ergriffen, reckte sie den Hals, tauchte auf und kam prustend wieder an die Oberfläche.

Wärmere Luft wurde gierig eingesogen und in neuer Konfrontation mit der recht steten Temperatur des Kellergewölbes wurde sie sich der winterlichen Kälte des klaren Wassers wieder bewusst. Fröstelnd und mit klappernden Zähnen griff das junge Mädchen nach einem nahen Stück Marmor, um dem ersten Impuls nachzugeben und sich aus dem Wasser rasch zu erheben, dem neuen Tag entgegen, neuen Aufgaben zu... nur um dann doch wie benommen im kühlen Nass sitzen zu bleiben. Die Gedankenstreifzüge waren noch nicht beendet, der Klumpen Ungewissheit nagte an ihr.
Bebend bettete sie die Lippen an die kalte, klamme Haut der eigenen Hand, ließ zu dass die dunklen Augen ins Nichts starrten und gab sich kurz dem Durcheinander im Kopf hin...

Lucas Name und all das was sie mit diesem innerlich verband, war ein großer Teil des Klumpen.
Waren Karawyn und Will ihre Herzensgeschwister, so war und blieb Luca ihr bester Freund, der Mensch mit dem man nicht nur Pferde stehlen, sondern so ziemlich jeden Unsinn anstellen konnte, den sie beiden Blondschopfe gemeinsam ausgeheckt hatten.
Sicher, so eine Freundschaft war nicht zu brechen, allein weil der kindlich ernst gesprochene Darmwürgeschwur darüber wachte und Anney hätte sich eher selbst die Zunge abgebissen als jenen je gebrochen. Nun allerdings war er fort, dieser junge Mensch, welcher so einen wichtigen Teil ihres Herzens bewohnte und sie wusste, dass es diesmal keine klare zeitliche Beschränkung gab. Als er in Elbenau zu Besuch war, in Dragenfurt gelernt hatte, die Kaiserstadt ansehen konnte... und war der Abschied auch noch so unangenehm, sie konnte sich stets damit trösten, dass er zurück kommen würde, doch diesmal stand die Rückkehr in den Sternen und so sehr sie den Vater der Lichtpunkte am nächtlichen Firmament verehrte, so sehr fluchte sie nun darüber, dass sie sein Wissen nicht hatte und nicht ahnte, wann Lucas Dreikäsehochgrinsen wieder sehen, sein „Ho!“ in den Ohren tönen und das Kitzeln der blonden Wuschelhaare an den Wangen spüren würde, wenn er sie umarmte.

Panik stieg in ihrem Hals auf, gepaart mit der ätzenden Gewissheit, dass sie in den letzten Mondläufen zu wenig miteinander unternommen hatten, doch damals wusste sie nicht wie rasch ihre gemeinsame, kostbare Zeit im Begriff war durch die Hände zu rinnen, wie der weiße, feine Sand Menek'Ur's.

Ein Wimmern drang gequetscht aus ihrer Kehle, als die Gedanken recht grausam da zu einem ganz ähnlichen Fall sprangen und kurz zwei lächelnde, schöne Gesichter vor ihrem inneren Auge aufflackerten. Concia, die sich stets nur Cia rufen ließ und... Joanne, ihre Jo. Die Person die nach Jonas' Weggang ihr Schwester und Mutter zugleich wurde. Beinahe meinte sie ihre warme, neckende Stimme zu hören und ehe sie es recht realisierte hatte Anney die Hand ausgestreckt, welche doch nur ins Nichts glitt.

Ertappt, beschämt und bedrückt führte sie die Hand hastig wieder zurück an den Marmorblock.
Sie waren nicht da, keiner von ihnen, sie waren fort und ließen nun, wie schon so viele vor ihnen, jene Leere in der Brust zurück, die für einige Zeit von dem schmerzhaften Klumpen gefüllt werden konnte und danach auf ewig einfach leerstehen würde.
Die Erkenntnis traf wie ein Schlag in den Magen und noch während sie innerlich flehte, dass es nicht so weitergehen würde, dass jene, die sie liebte nicht wirklich nach und nach aus ihrem Leben schwinden würden, da flossen doch die ersten Tränen und mischten sich salzig mit dem klaren Felsenquell. Erst da wachte die alte Anney in ihr auf und mit stillem Trotz schwörte sie, dass sie selbst es nie dazu kommen lassen würde. Es galt bald Briefe an jene zu schreiben, die sie vermisste und die Kontakte zu jenen, die ihr hier geblieben waren, wie ein sanftes Pflänzlein zu pflegen und zu hegen. Ja, es war viel zu tun... doch für den Moment ließ sie es noch zu etwas melancholisch in den Erinnerungen vergangener Tage zu schwelgen, aufdass sie nie vergessen werden sollten.


[img]http://i422.photobucket.com/albums/pp305/zimtkaugummi/Anney%20grown/Anneybath.jpg[/img]
Zuletzt geändert von Sanna Emilia Kolmar am Freitag 8. Juni 2012, 01:21, insgesamt 1-mal geändert.
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