Es tut so weh, bitte nicht!
Flehend blickt sie zu ihren älteren Brüdern und Vater auf.
Du musst!
Es ist deine verdammte Pflicht und der Wunsch von uns allen. Wir haben lange darüber gesprochen, aber wir werden diesen Landstrich, der einst unsere Heimat war, nicht mehr halten können. Deine, unsere Heimat ist verloren.
Ernst waren die Worte Gilians und ernst auch der Ausdruck in seinen Augen. Sie hatte es begriffen, sie wollten ihr Leben retten.
Aber sie wollte nicht, alles was ihr am Herzen lag, war hier. Ihre Familie, ihre Heimat, ihr Leben. Hier und nicht woanders.
Aufmerksam glitt ihr Blick herab über die fremde Stadtmauer. Adoran. Sie war wohlbehalten nach einer endlos langen Reise zu Fuß durch das unwegsame Bergland, den Aufzeichnungen ihrer Brüder folgend bis hin zu der Hafenstadt, wo das Schiff sie weit weg bringen sollte. In eine Stadt, namens Adoran.
Eng zog sie den Umhang um ihre zarte Gestalt nur mit äußerster Konzentration das Knurren ihres Magens unterdrückend. Seit Tagen hatte sie nichts gegessen, nicht essen können, weil es einfach nur schmerzte alleine nun zu sein. Dazu kam noch die Ungewissheit wie Vater und ihre Brüder gestorben waren. Der Feind war unbarmherzig und jenen, die dem Licht treu dienten, stand das Schlimmste bevor. Der stechende Schmerz ihres leeren Magens brachte sie rasch auf andere Gedanken. „Es gibt schlimmeres“, murmelte sie leise zu sich. Die Selbstgespräche wurden zur Angewohnheit. Sie gaben ihr Sicherheit, noch lebte sie, aber ihre Familie… Schnell verdrängte sie den Gedanken. An die Zukunft konnte sie in ihrem jetzigen Zustand auch nicht denken. Warten. So wies man sie an. Das Schiff würde bald ablegen. Sie hätte es geschafft, so die Worte des Kapitäns.
Niowe hatte bereits so einiges in ihrem jungen Leben hinter sich gelassen. Die Brüder, die gegen die Übermacht in ihrer Heimat kämpften und verlieren mussten. Das wusste sie und Gilian und Leon hatten es auch gewusst, und sie gezwungen zu fliehen.
„Einer der Familie muss überleben, und das bist du; Niowe! Heute Nacht bringen wir dich an die Grenze, dort schlage dich durch den Gebirgskamm durch hin zur nördlichen Stadt, wo die Schiffe anlegen. Du musst dich beeilen, wir verlieren den Kampf. Die Heimat ist verloren!
Die sorglose Zeit auf dem väterlichen Landsitz war nun vorbei und immer dann, wenn es ihr schlecht ging, so wie eben jetzt, dachte sie daran, um erneut Mut zu fassen und sich dem Leben zu stellen.
Unruhig blickte sie sich in dem leeren Raum um. Die beiden Schiffskatzen hatten sich auf ihrem Schoss zusammengerollt und schnurrten.
Von Schlaf war wieder keine Rede, ein Sturm kam auf, das Schiff schaukelte und ihre Gedanken wechselten in so rascher Folge wie noch nie. Vater und Brüder tot, dass fühlte sie mit schmerzlicher Gewissheit in diesem Augenblick.
Wie kann man all das ertragen?
Kannst du, Schwester, du bist doch das beste Beispiel dafür, oder? Du lebst!
Und das Licht wird dich behüten, was wir nicht mehr können.
Verunsichere sie nicht Gilian. Sie braucht Zeit!
Würden ihr beide bitte damit aufhören? Ich muss nachdenken!
Was gibt es da noch zu überlegen? Du hast noch so viel vor dir. Beinahe meinte sie das Seufzen ihrer Brüder zu vernehmen, was natürlich nicht möglich war.
Verzweifelt fuhr sie mit den Händen durch das schulterlange schwarze Haar. Wie ihre Familie hatte auch sie ihr Leben stets in die Hände der Lichtbringerin gelegt. Sie vertraute darauf! Alles was sie tat und dachte galt ihr und bei dem Gedanken daran wurde ihr warm ums Herz. Wichtig waren Verpflichtung, Glaube, Ehre und Reinheit Die Vielfalt des Lebens breitete sich vor Niowe in dieser wunderschönen Stadt aus. Ja, sie war nun einige Tage in dieser Stadt und konnte zum ersten Male seit den Wochen ihrer Flucht unbeschwert sein. Wie stolz wären ihre Brüder auf sie gewesen und Vater auch, wobei er hätte das niemals in ihrer Gegenwart zugegeben. Sie hatte ihr Ziel erreicht, lebte und konnte die Linie der Familie treu fortsetzten, dem lichten Weg unbeirrbar folgen.
Und Vater, Temora sei ihm gnädig, er so er noch am Leben wäre, hätte dieser Unbeschwertheit sicherlich einen Riegel vorgeschoben. Wie gerne hätte sie
nun ihn an ihrer Seite gehabt, auch wenn er recht schwierig war und sie jahrelang unter seiner Ignoranz was ihre Person betraf, gelitten hatte.
Pflichten! Niowe, unser oberstes Gebot!
Wir, damit bezog er sich immer auf die Familie, sind es dem Volk und dem Markgrafen schuldig, jeden Tag, mit jedem Atemzug das Beste zu geben. Nicht umsonst vertraut man uns.
Ja Sir, aber ich bin kein Ritter, wie Ihr es seid, hätte sie am liebsten ihm erwidert, aber dann hat sie doch lieber geschwiegen.
Er hätte es einfach nicht verstanden, schon gar nicht, was in seinen Augen verpönt war, wenn sie ihm mit Vater ansprach, was er gar nicht schätzte. Weniger wegen der Tatsache, dass er dies ja eindeutig war und sich offiziell mit Stolz dazu bekannte, sondern weil, und das fühlte Niowe mit jedem Atemzug, sie ihn einfach an ihre Mutter erinnerte, die nach ihrer Geburt verschieden war.
Hast du mir nun zugehört Tochter?
Wieso, nennen Sie mich nicht Niowe Sir, das erste Aufbäumen gegen ihn damals mit knapp fünfzehn Jahren. Und ja, ein wenig musste sie schmunzeln als sie daran dachte, sie hatte es immer wieder versucht. Musste es tun, um sich gegen die älteren Brüder, die in allem ihm mehr ähnelten, sich zu behaupten.
Ja, Niowe hat zugehört Vater.
Da war es ausgesprochen und lag in der Luft wie ein Felsenbrocken. Sie blickte zu ihm auf und er zu ihr herab.
Jetzt nimmst du mich wahr oder? Bei all deinen Pflichten, Ehre, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Opferbereitschaft, Demut und tiefem Glauben. Trotzig funkelten ihre großen Augen ihn an, changierend in einen äußerst hellen mehr silbernen denn blauen Ton nun, was immer dann geschah, wenn sie knapp davor war zu explodieren.
Jetzt sieh mich nicht so an Vater, als wäre ich erst eben in dein Leben getreten.
Es gibt noch anderes als Pflichten! Ich bin auch eine Frau, Vater!
Bei der lichten Göttin, sie hatte ihre Stimme erhoben und was noch schlimmer war, in ihrer Unbeherrschtheit die reichlich verzierte Holztür in seinem Arbeitszimmer wütend zugeschlagen. Ein Geräusch, das wie ein Donnerschlag sich in den Gängen des kleinen Guts ausbreitete und Schluss endlich überall zu vernehmen war.
Während sie sie noch angelehnt an den Türrahmen überlegte, ob nun nicht doch eine Entschuldigung angebracht war, stand er bereits vor ihr.
Ich weiß, Niowe, was du bist...meine Tochter und die deiner Mutter, und mit jedem Jahr, das vergeht, erkenne ich, wie sehr du ihr gleichst. Nur in einem nicht, wir fangen gleich Morgen mit dem Unterricht in Benehmen und so einigem anderen an, was einer jungen Dame nützlich sein kann. Tanz wäre auch nicht schlecht, meinte er nachdenklich.
Aber...ich will nicht anders behandelt werden als meine Brüder.
In diesem Punkt ändern wir die Regel; Tochter, du erhältst zusätzlichen Unterricht, der einer Dame entspricht. Und vorweg gesagt, eine Dame schlägt nicht die Tür wie ein Lanzenknecht zu, auch wenn sie zornig ist! Er hat doch tatsächlich geschmunzelt. Sprachlos hatte sie ihn angeblickt, und noch lange blieb sie dort an dem Türrahmen gelehnt, regungslos stehen.
Ab jenem Tag war das wilde, unbändige Leben vorbei. Unterrichtsstunden, Pflichten, das tägliche Trainieren mit dem Schwert und dem Degen und die damit verbundenen Ausritte mit Vater und Brüdern, formten sie zu dem, was sie nun war.
Heute, hier und jetzt, zusammengerollt in ihrem Umhang auf dem harten Sessel in dem Raum den Herr Warenhar ihr in seiner Güte zugewiesen hatte, war sie ihm für alles dankbar, und tief in ihrem Herzen ahnte sie, dass er, wo immer er nun an der Seite der lichten Göttin verweilte, das wusste.
Genau das war Glück, dieses warme Kribbeln im Bauch und das Rundum zufrieden sein mit sich und der Welt! Mit diesem Gedanken schlief sie dann endlich im Morgengrauen ein, viel zu spät, aber dafür glücklich und zufrieden mit sich und dem Wenigen, was sie hatte.