..so beginnen alle Geschichten, zumindest all jene, die es wert sind, erzählt zu werden.
Und wert, erzählt zu werden, war diese Geschichte allemal, so zumindest empfand der ehrwürdige Greis, als er sich im Kreis seiner Familie nieder ließ, der Wärme des nahen Kamins zugetan.
„Eine Geschichte, Großvater, erzähl uns eine Geschichte!“ begrüßte ihn der helle Klang seiner Enkel , die sich um ihn herum versammelt hatten, um in kalten Wintertagen doch noch ein wenig von der Welt zu erleben, und sei es nur durch die Worte ihres Ahnen.
„Hrmhrm, eine Geschichte wollt ihr? Die sollt ihr haben ... die Geschichte ...“
Um die Spannung noch weiter anzufachen, ließ der Alte sich nun etwas weiter voran, ein angemessen schauriges Antlitz zur Schau tragend, belohnt von offenen Mündern und geweiteten Augen seiner Kleinen.
„Die Geschichte ... der Ratte von Menek'Ur!“
Kollektives Seufzen, nur unterbrochen von dem heiteren Schnauben der Mutter im Hintergrund, auch sie kannte diese Ammenmähr und hatte sie bereits zu oft vernommen.
„Nun, meine Kinder, hört gut zu, denn ich erzähle diese Geschichte nur ein einziges Mal. Sie öfter in den Mund zu nehmen, würde gar schreckliches Unheil verheißen, und wir wollen doch nicht dass uns dergleichen wiederfährt. Also lauscht und seid gespannt.“
Ein Moment der Stille, die Worte sickern zu lassen, dann fuhr der Alte fort, seine Stimme angemessen gedämpft und dennoch tragend.
„Es war einmal, vor langer Zeit, in einem Land sehr sehr fern von hier. Einem heißen Land, einem Land der Wüste , der Hitze und des Salzes, einem Land welches die Mutter Eluive küsste, als sie noch auf Erden wandelte. Ein hartes Land, voller Licht und Schatten, rauh und unbändig.
Und ebenso war auch sein Volk, hart und ebenso wild, von erhitzten Gemütern und rauher Schönheit. In diesem Lande also, da lag die Stadt Menek'Ur, umgeben von hohen Mauern ein Hort des Lebens, erfüllt von Elfen, Menschen und sogar von hühnenhaften Tiefländern. All jene fanden sich dieser Tage zusammen, um gemeinsam ein gewaltiges Übel zu bekämpfen..“
„..die Ratte?!“ Ein Raunen der Kinder, halb erstickt vor Ehrfurcht, halb vor Begeisterung.
„Hrm hrm, ja, auch die Ratte, aber dazu kommen wir gleich. Geduldet euch , Kinder, und hört zu.
Nunmehr also, war Krieg in jenen Tagen, wie so oft in dieser Zeit. Ein gar furchtbarer Krieg, zwischen den Legionen der Mutter und den Gefolgsleuten der Dunkelheit, die heute nicht mehr beim Namen genannt werden darf. Unzählige Recken und Helden beider Seiten fanden sich zusammen, um in die Schlacht zu ziehen. Nicht alle kehrten wieder, aber das ist eine andere Geschichte.
In diesen Tagen also, da begab es sich, dass ein Wesen Einzug hielt in die Stadt Menek'Ur, ein Wesen so grässlich und schauerlich dass noch heute Geschichten darüber erzählt werden, und alle davon sind wahr!“
Der Alte nickte, die Jungen erzitterten, zu nah und unmittelbar erschien diese Vorstellung doch, wenn draußen der scharfe Winterwind an den Fenstern nagte, das Ächzen des Waldes noch hier zu vernehmen war und die Dunkelheit kein Ende fand.
„Ein Wesen also, so schrecklich und fern jeder Beschreibung, dass mir beinahe die Worte fehlen.
Hässlich, grässlich, struppig, pelzig, nahm es die Form einer Ratte an, um Furcht in die Herzen der Menschen zu sähen. Ja, die Form einer Ratte. Einer fetten Ratte, einer schwarzen Ratte, mit kleinen, dunklen Knopfaugen und einem Maul voller spitzer, scharfer Zähne. Und der Schwanz! Ich sage euch, ein hässlicher Schwanz, so unglaublich nackt und dünn, dass ganze Heerscharen edler Haremsdamen durch den bloßen Anblick allein in Panik verfielen.“
Betretendes Schweigen, sah man einmal vom Ächzen des Windes ab, selbst die Mutter hielt darin inne, ihre Näharbeit zu tun, um den Worten des Alten zu lauschen, welcher für den Moment zu fern, zu abwesend schien, um fort zu fahren. Als er es dann dennoch tat, waren seine Augen fern, die Stimme noch gedämpfter.
„In die Stadt war sie gelangt und nichts und niemand konnte sie aufhalten. Wer wusste schon, welche Untaten sie zu tun gedachte, welche Pein, welchen Schrecken sie über das Land bringen wollte, dieses Wesen, kaum größer als meine Hand. Aber lernt daraus, Kinder, das Übel kommt stets in unscheinbarer Gestalt, die geringste aller Ratten mag das Böse in fleischlicher Form sein.
Und das Böse, das war es auch. Doch die Mutter war gnädig, mit ihren Kindern.
Stets aufmerksam, in ihrer Wacht, stets bereit, das eigene Leben in die Waagschale zu werfen, um ein größeres Gut zu verteidigen, waren dort die Männer und Frauen aus den Tieflanden, jene hühnenhaften Recken, denen kein Schrecken, keine Sorge , etwas anhaben konnte.
Gemeinsam, und das allein war unser Glück, mit den Männern der Wüste, viele an der Zahl, ein ganzes Heer muß es wohl gewesen sein, gelang es ihnen, jenes unsägliche Wesen , jene Ratte, in die Ecke zu drängen.
Niemand, der es gesehen hätte, ist heute noch am Leben, und niemand, der es gesehen hat, würde freiwillig davon erzählen wollen. Doch sind sich alle Geschichten einig, dass es ein gar schrecklicher Kampf gewesen sein muss. Manch ein Held fand an diesem verfluchten Tag sein Ende, Blut wurde vergossen, Stahl zerbrochen und ein ganzes Viertel der Stadt in Schutt und Asche gelegt.
Aber am Ende ... am Ende obsiegten unsere Helden, die Ratte, die Ratte lag geschlagen und in ihrem eigenen Blut ertränkt , in ihrer Mitte.
Unbeschreiblich muss der Jubel der Menge gewesen sein, als jene Nachricht durch die Gassen zog.
Jene Nachricht, die Ratte ist tot, die Ratte ist tot.
Teuer erkauft war sie, das allemal, doch gab es in diesen Tagen genug der Sorgen, diese eine war von ihnen genommen, ein Grund um zu Feiern.
Tage um Tage sollten die Festlichkeiten andauern, war die Freude der Menschen grenzenlos, ein Übel aus der Welt geschafft, wie es kaum eines zuvor und danach geben sollte.“
Wieder herrscht stille, während unsichere Blicke bereits zu Fenstern und Türen schlichen, kannten sie alle doch bereits das grausige Ende der Geschichte.
Auch der Alte kannte es, wollte es nicht in Worte fassen doch musste er, war es Teil der Legende, Teil des alten Wissens welches stets an die nächste Generation weiter getragen wurde.
„Aber ... so sagt man ..“
Ein tiefer Atemzug...
„...die Ratte war nicht tot. Nicht ganz. Ja, ihr Leib , blutig geschlagen, wurde gesehen, doch ward er am Ende des Tages verschwunden, ohne jede Spur zu hinterlassen. Manche sagen, sie sei aus eigenem Willen heraus weiter über die Erde gewandelt, andere sagen, ihr dunkler Meister hätte sie zu sich genommen um sie dereinst erneut auf die Welt zu hetzen. Aber eines ist sicher.....
...eines Tages wird sie wieder kehren, um uns alle zu holen. Vielleicht heute, vielleicht morgen, vielleicht erst in hundert Menschenaltern. Aber sie wird kommen, meine Kinder, die Ratte von Menek'Ur, und dann... ja dann droht uns wahrlich eine schreckliche Zeit...............................“