Und die Spiele beginnen

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Senjara Norien

Und die Spiele beginnen

Beitrag von Senjara Norien »

Die letzten paar Tage war es in Adoran nicht großartig anders, als es sonst auch gewesen wäre, aber eben letztendlich nur „nicht großartig“. Es waren gelegentliche kleine Fälle, die einigen Bewohnern der Stadt aufgefallen waren, die Tatsache, dass ihnen nach einem Besuch in der Taverne plötzlich einer ihrer Beutel, welche sie am Gürtel trugen fehlten, oder die seltsame Begebenheit, dass eine junge Frau sie anrempelte, etwas entschuldigendes murmelte, und dann plötzlich der Inhalt der Manteltaschen fehlte. Vier solcher Diebstähle hatten sich ereignet, vier mal wusste aber niemand so recht, wer dafür verantwortlich gewesen sein könnte, und so gaben sich die Betroffenen jeglich dem Ärger hin und meldeten vielleicht die Diebstähle.


Die junge Frau indes hatte ihren Streifzug der letzten zwei Tage am heutigen Abend erledigt. Sie fiel nicht besonders auf, sie sah weder heruntergekommen, noch irgendwie herausgestochen aus, sie war noch ein halbes Kind hätte der aufmerksame Beobachter gesagt. Das einzige was etwas seltsam anmuten konnte war die Tatsache, dass sie stets mit nackten Füßen unterwegs war, aber komische Menschen gab es in Städten ja genug.

An diesem Abend saß die junge Frau, die auf den Namen Senjara, oder kurz einfach nur „Sen“, hörte in einer Taverne in Adoran und sah auf einen Krug Wasser, den sie sich bestellt hatte. Seit Minuten starrte sie nun schon auf das unbewegliche Wasser, der Blick verlor sich förmlich darin und alles um sie herum verlor für diese Zeit an Bedeutung. Ungewöhnlich war das für Senjara nicht, für andere vielleicht schon. Jeder der sie länger kennengelernt hatte, hatte sie immer als sehr schlichten und einfachen Menschen bezeichnet, manche waren da etwas gröber und nannten sie beschränkt, aber das stimmte nicht. Tatsache war, dass Sen ein sehr einfaches Weltbild hatte und sich über wenige Dinge Gedanken machte, die Welt war für sie simpel, sie folgte Regeln und sie lebte zufrieden mit diesen Regeln und Leitbildern.
Nachdem sie das Wasser fast geschlagene fünfzehn Minuten angestarrt hatte, blinzelte sie plötzlich, als ihre Gedankenwelt mit einem Schlag herumgerissen wurde und sich langsam die Erinnerung an den lumpigen Beutel bemerkbar machte, der neben ihren nackten Füßen stand. Behutsam hob sie ihn hoch und, ungeachtet der anderen Gäste in der Taverne, schüttete ihn geräuschvoll auf dem Tisch aus.
Ein Beutel, drei goldene Armreife, ein paar Münzen und eine Brosche fielen auf den Tisch, der Beutel selbst war gefüllt mit den verschiedenst farbigen Edelsteinen. Für so gut wie jeden Menschen auf dieser Welt wäre sofort klar gewesen; dies war Diebesgut, Sens Beute, ihre persönliche Bereicherung als Abschaum der Welt.


Doch für Sen waren diese Dinge nicht ihr Besitz, es war ein Einsatz, ein Einsatz für ein Spiel, dass sie nun mit vier Leuten spielen würde. Es war ein Teil ihres Weltbildes, ein Teil ihres Lebens, mit anderen Menschen zu spielen, und Sens Art und Weise zu spielen war simpel; sie machte den ersten Zug und versuchte den Leuten etwas wegzunehmen. Schaffte sie es, hatte sie die erste Runde gewonnen. Schaffte sie es nicht, hatte der andere gewonnen und sie hatte automatisch verloren.
Oft verband sich die Niederlage mit Gebrüll, manchmal auch Schlägen oder den Aufenthalt in dunklen Räumen, wo man ihr aber freundlicherweise erlaubte zu übernachten und ihr etwas zu Essen brachte, meistens von gerüsteten Leuten. Doch in vielen Fällen gewann Senjara mittlerweile und dann beobachtete sie ihre Mitspieler eine ganze Weile heimlich. Sie folgte ihnen überall hin, fand heraus wo sie lebten, wer sie waren, denn das war wichtig, man musste seinen Spielpartner schließlich kennen.
Sie selbst hatte mittlerweile damit aufgehört nach einem erfolgreichen Spiel sich lächelnd vorzustellen und den Leuten zu erklären, dass es spaßig war mit ihnen gespielt zu haben, die Reaktionen darauf waren oft nicht anders als die, wenn sie die erste Runde verlor. Aber auch diesesmal hatte sie immer die erste Runde gewonnen, die Leute verfolgt und sich gemerkt, wo sie lebten, damit sie die zweite Runde einläuten konnte, denn die war diesmal für die anderen bestimmt, damit es ihnen nicht allzu langweilig werden würde.
Sen sorgte dafür, dass der jeweilige Einsatz irgendwo unterkam, wo man ihn nicht so schnell finden konnte. Danach hatten ihre Mitspieler eine feste Zeit, in der sie, natürlich mit Hinweisen versehen, nach ihrem Einsatz suchen mussten. Schafften sie es, durften sie ihn behalten, schafften sie es nicht, nahm Sen den Einsatz entweder an sich oder ließ ihn dort wo sie ihn versteckt hatte, damit sich jemand anders daran erfreuen konnte; ihr ging es letztendlich darum jemanden eine Freude zu machen, indem sie mit ihm ein Spiel spielte.


Der Ursprung ihrer „Spiele“ lag weit zurück und vielleicht war es Senjaras beschränktem Weltbild zu verdanken, dass sie damals als kleines Kind niemals irgendetwas hinterfragt hatte und auch danach niemals auf die Idee gekommen war, auch nur einen Moment darüber nachzudenken, dass diese Art von spielen nicht die war, die akzeptiert war.
Nachdenklich betrachtete sie den Beutel, er würde der erste Einsatz sein, aber sie musste nun ein gutes Versteck finden.
Oft half ihr der Zufall oder eine flinke Idee schlich sich in ihren Kopf, und so war es auch diesmal, denn an dem anderen Tisch der Taverne wurde es plötzlich laut. Von den ehemals fünf oder sechs Personen saßen nur noch drei am Tisch, eine Frau und zwei Männer, und die Frau schien sich über irgendetwas erschrocken zu haben, denn sie stand plötzlich und war kreidebleich. Die beiden anderen Männer redeten immer wieder hektisch, aber Sen hatte keine Augen für sie, ihre ganze Aufmerksamkeit lag auf der bleichen Frau. Sie sah sehr edel aus, fast wie eine Königin, von denen sie immer erzählt bekommen hatte als Kind und die Tatsache, dass sie plötzlich so betrübt und erschrocken wirkte, gab Senjara den letzten Anstoß ihr eine Freude zu machen. Wenn sie mit ins Spiel einbezogen werden würde, dann würde es sie sicherlich aufmuntern, denn ein Spiel half immer die Laune zu haben, das hatte ihr Onkel Tanelias immer wieder betont wenn er sie mit zu seinen Spielpartien genommen hatte.


Von jetzt an ging alles etwas schneller, aber das war für Sen kein Problem. Die Frau und einer der Männer, wohl ihr Begleiter, standen auf und gingen aus der Taverne; damit war die große Chance gekommen. Sen stand auf, folgte ihnen und draußen passierte sie die beiden, jedoch nicht ohne die Frau einmal kurz anzustoßen und ihr in diesem Moment heimlich den Beutel mit den Edelsteinen in eine ihrer Taschen fallen zu lassen.
Es war eine geübte Bewegung, sie ging fließend von Statten und sie hatte sie oft geübt; jemanden etwas heimlich zu geben war im Endeffekt deutlich einfacher als jemanden etwas wegzunehmen.
Viellicht wäre auch alles weitere ruhig verlaufen, wenn nicht plötzlich wie aus dem Nichts der zweite Mann aus der Taverne gestürmt war. Er musste sie gesehen haben, wie auch immer er das geschafft hatte wusste Sen nicht, und stand nun vor ihr. Er redete auf sie ein, fragte ob sie wüsste wer der Mann bei ihrer Erlaucht gewesen wäre, woraufhin Sen ihn darauf aufmerksam machen musste, dass sie niemanden kannte der „Erlaucht“ hieß, was ja an sich schon ein seltsamer Name war.
Danach sagte er etwas von Verdächtig, und dass er sie einsperren würde weil sie jemanden töten wollte, die Worte ergaben in ihrem Kopf nicht einen Moment Sinn, doch selbst wenn sie das getan hätten, hätten alle Wiederworte nichts gebracht, denn der Mann, der scheinbar ein Rekrut war, hatte sie bereits grob am Arm gepackt und zerrte sie mit sich. Sein Griff wurde mit der Zeit so fest, dass es Sen schon die Tränen in die Augen trieb, und dieser Mistkerl wäre sicher noch gröber geworden, wenn ihre Spielpartnerin nicht eingegriffen hätte. Sie schien wirklich eine wichtige Person zu sein, denn sie sagte etwas davon, dass Adoran „ihre Stadt“ sei, und dass es keinen Grund gäbe, Sen festzuhalten, die Details des Gesprächs wollten ihren Weg wieder nicht so wirklich in den Verstand des jungen Mädchens finden, aber letztendlich war sich frei, die Frau entschuldigte sich und Sen konnte gehen, was auch gut so war, denn sie hatte immerhin noch Dinge vorzubereiten.

Noch in dieser Nacht hatte sie einen ihrer wenigen „Freunde“ aufgesucht und ihn gebeten etwas auf einen Zettel zu schreiben, welchen sie umgehend in den Briefkasten des eigentlichen Besitzers der Juwelen legte. Dieser fand den Zettel auch und einige Stunden später sollte die betrübte, adlige Frau vom Vorabend, die auf den Namen Mariella hörte, Besuch von ihm bekommen auf welchem folgendes geschrieben stand:


Liba Mitspiler. Ich sake dir nu wo du dainen Einsats finden kanst, den du verlorn hast. Dain Beutel ist bei ainen ser grosen und wichtiken Menschen von Adoran, aber so gros wi diser Mensch ist, so zirlich ist er auch. Der Beutel ist da, wo ein Fremda nicht einfach hinschaun darf. Du hast ainen Tak zeit ansonsten ist dain Einsats wek. Ich hofe du hatest auch sofil spas wi ich beim Spil.“


Und im gleichen Zug dürfte er wohl den Beutel zurückfordern, den Mariella mitunter erst jetzt bemerken könnte. Für Sen hingegen war das Spiel vorerst vorbei, sie würde bald nachsehen ob sie gewonnen oder verloren hatte und dann würde sie das nächste Spiel vorbereiten. Denn es gab sicherlich noch viele unglückliche und trübsinnige Menschen in Adoran und den anderen Städten.
Zuletzt geändert von Senjara Norien am Samstag 15. Mai 2010, 14:24, insgesamt 2-mal geändert.
Senjara Norien

Beitrag von Senjara Norien »

Die Spiele waren im vollen Gange und zu Sens persönlicher Freude hatten alle Mitspieler sich auf die Suche nach ihren Einsätzen begeben und noch viel mehr; die meisten hatten Erfolg gehabt und hatten ihre Hinweise richtig gedeutet, womit sie ihre Einsätze wieder zurück gekriegt hatten. Jeglich einer von den ganzen Mitspielern schien keinen Spaß daran zu finden und holte seinen Einsatz, ein paar goldene Ringe, nicht wieder zurück, und somit war die junge Frau um ein paar Ringe reicher, auch wenn sie noch nicht so wirklich wusste, was sie damit anstellen sollte.
Adoran hatte sich bisher als sehr ergiebiges Spielfeld erwiesen und bevor sie nun ein anderes Spielfeld aufsuchen würde, dachte sie immer wieder zurück an die Worte von Onkel Tanelia, wie er sie ihr damals eingebleucht hatte, bevor er mit ihr ein neues Spielfeld aufsuchen musste:

„Wenn du merkst, dass eine Partie gut läuft, dann legst du nochmal zu und versuchst den Höhepunkt zu erreichen, bevor du vom Platz gehst“

Und so hatte er sie nach solchen Worten meistens immer einer größeren Herausforderung gegenübergestellt. In denn allermeisten Fällen handelte es sich dabei nicht um simple Taschendiebstähle, nein, es waren Gebäude. Anfangs sollte sie in kleinen Läden versuchen etwas aus der Kasse zu entnehmen, dann lernte sie, wie man Schlösser möglichst gut und schnell öffnen konnte und am Ende waren es ganze Häuser, die sie in der Nacht heimsuchte. Onkel Tanelia hatte sie damals immer Gold und andere glitzernde Dinge holen lassen, aber seit Senjara alleine unterwegs war, hatte sie eher nach kleineren, hübscheren Dingen gesucht, welche die Mitspieler auch wirklich zum mitspielen bewegten, denn Onkel Tanelia hatte sie sehr oft vertrösten müssen, dass die Leute scheinbar nicht bereit waren nach ihrem Gold zu suchen.
Doch in der heutigen Nacht würde sie dafür sorgen, dass man tatsächlich nach dem eigenen Einsatz suchen würden Den kleine Zettel mit den Anweisungen hatte sie anfertigen lassen, die Dietriche waren verstaut und die nacht war hereingebrochen. Adoran war eine sehr gut bewachte Stadt und so verlangte diese spezielle Herausforderung von Senjara, dass sie ein klein wenig aufmerksamer und ernster an die Sache heranging, als sie es bei den anderen Spielern tat.

Das fahle Mondlicht hüllte die dunklen Straßen in ein bleiches Licht, die Schritte der Patrouille der Stadtwache hallte den Weg entlang und entfernte sich immer mehr von dem kleineren Gebäude im Handelsviertel. Sen hatte sich dieses Haus ausgesucht, weil es nicht direkt auf den Hauptwegen lag, sie wollte ihr Glück nicht herausfordern, denn die Wachen reagierten auf ihre Spielzüge niemals angenehm, ganz egal in welcher Stadt sie war, und die junge Frau nahm es ihnen nicht einmal übel; schließlich hätte Senjara auch eine Diebin mit bösen Zielen sein können. Aber erwischt zu werden würde im gleichen Moment auch bedeuten, die Spielrunde zu verlieren, und sie hatte selten eine Herausforderung wie diese verloren. Sie wartete noch einen Moment, in ihrem Kopf hallte eine vertraute Melodie immer und immer wieder um bei guter Laune zu bleiben, und letztendlich drückte sie sich heraus aus dem Schatten und huschte zur Türe. Sie musste leise sein, denn ihr Mitspieler schlief ebenfalls in dem Haus, sie hatte ihn die letzten vier Tage beobachtet wenn es die Zeit zuließ und wenn er sie hören würde, dann wäre der Sinn des Spiels verloren gegangen, denn keiner ihrer Mitspieler sollte von ihr wissen: Eine Regel die Onkel Tanelia damals aufgestellt hatte und die immer oberste Priorität hatte.
Ihre Augen wanderten nun geübt über das Schloss, während die Finger ihrer rechten Hand den Dietrichbund abtasteten, es war alles eine Frage der Übung, eine Abfolge von Handgriffen und Dingen die sie beachten musste. Die Finger fühlten jeden einzelnen Dietrich schnell ab, ein jeder in seinem Endstück speziell geformt, das Ergebnis jahrelanger Arbeit und eines der wenigen Dinge, die sie noch Onkel Tanelia hatte. Sie zog den erwählten Dietrich hervor und begann ihn langsam in das Schloss zu schieben, ihn sachte zu bewegen, Drehungen zu vollführen. Die ganze Zeit hallte die Melodie weiter durch ihren Kopf, ihre Zähne kauten nervös auf der Unterlippe herum und erst als ein leises Klicken ihr verriet, dass das Schloss aufgegeben hatte, nahm der Druck ihrer Zähne ab und sie schlüpfte ins Innere des kleinen Gebäudes.

Im Inneren war es dunkel, nicht einmal das Licht des Mondes spendete etwas bessere Sicht und so brauchte es eine Weile, bis sich Senjaras Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Langsam und auf nackten Sohlen schlich sie durch die untere Etage, den Blick interessiert und neugierig umherwandernd, sie musste so schnell wie nur möglich einen guten Einsatz finden, denn je mehr Zeit sie in dem Gebäude verbrachte, desto größer war die Gefahr, dass sie Lärm machen, der Besitzer aufwachen oder etwas anderes passieren würde, dass alles in Gefahr bringen konnte.
Wie so oft lachte das Glück Sen direkt ins Gesicht, denn auf einem kleinen Schränkchen in der Ecke des Raumes fand sie, wohl gebettet auf einem roten Kissen, eine Art Ei. Es bestand aus einem Kristall und selbst im Dunkeln schien es dezent zu glänzen. Verzückt und mit großen Augen betrachtete die junge Frau das gute Stück, ihr Mund öffnete sich einen Spalt und sehr, sehr langsam griff sie danach. Es war nicht gerade leicht und sie musste beide Hände zur Hilfe nehmen, aber sie behandelte das gute Stück so vorsichtig wie nur möglich, schließlich sollte es ihr Mitspieler unbeschädigt wieder zurückerhalten. Als es sicher verstaut war, griff sie in die Brusttasche ihres Hemdes, zog den kleinen Zettel mit den Anweisungen hervor, und legte ihn auf das Kissen. Nur wenige Minuten später klackte die Tür leise, als sie zugezogen wurde und Sen in den Schutz der Dunkelheit entschwand.

Und so war am kommenden Morgen ein neuer Tag erwacht, und mit ihm ein verärgerter Händler, dessen seltenes Sammlerstück aus seinem Haus entfernt. Ein Umstand den er melden würde, und zwar so schnell wie nur möglich!
Mariella von Dornwald

Beitrag von Mariella von Dornwald »

Es war nicht ungewöhnlich, dass es spät am Abend noch an der gräflichen Pforte läutete. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass die Bürger von Meerswacht Rat bei ihrer Regentin suchten. Die Kombination allerdings war dann doch nicht der Regelfall. Entsprechend irritiert war Mariella, als Tiia einen Herrn vor der Türe vermeldete, der mit einem doch recht seltsam anmutenden Problem vorsprechen wollte. Ob es Pflichtgefühl, Neugier oder einfach Pflichtbewusstsein war, den Mann trotz der vorgerrückten Stunde vortreten zu lassen, war auch für Mariella später nicht mehr nachvollziehbar.

Der Bürger strahlte mit jeder Faser aus, wie unangenehm ihm seine Anwesenheit war und der Fluchtgedanke war deutlich aus dem geröteten Gesicht herauszulesen. Immer wieder zupfte er an seiner Weste, lockerte den Kragen, richtete seine Jacke. Am Anfang kam auch deutlich mehr Gestammel als zusammenhängende Sätze hervor. Nach gefühlten zwölf Entschuldigungen kamen sie langsam an den Punkt, dass er nicht so recht wusste, wo er mit seiner Suche anfangen sollte. So hatte seine Frau, der Mariella recht zu Beginn ihrer Amtszeit als Vogtin Varunas mal aus der Klemme geholfen hatte, ihn bedrängt, die Hilfe der jungen Gräfin zu suchen. Wieder eine Entschuldigung über die späte Uhrzeit, aber offensichtlich handelte es sich bei den vermissten Edelsteinen um den einzigen Reichtum der Familie.

Mariella las noch einmal die geheimnisvolle Botschaft und ließ dann ihre Hand sinken. Es war wohl eher Zufall, dass sie dabei die kleine Unebenheit auf Höhe ihrer Rocktasche spürte. Wie es der gängigen Mode entsprach war auf das Kleid eine prachtvoll mit Perlen und Goldfäden verzierte Tasche aufgestickt. Zu klein, um wirklich etwas darin verstauen zu können und eigentlich nur zur Zierde gedacht. Gerade zwei Finger und den Daumen konnte Mariella hineinschieben. Kein Wunder, dass sie bei den Unmengen von Stoff zwischen Tasche und Körper nichts gespürt hatte. Sie runzelte die Stirn, befühlte die kleine Wölbung und scherte sich für den Moment nicht um die neugierigen Augen, die sie dabei beobachteten. Ein kleiner Beutel kam zum Vorschein, kaum größer als eine Walnuss. Sie löste das Lederband und schüttete den Inhalt auf ihre Handfläche. Die kleinen Juwelen brachen das Licht der Kerzen und lösten bei dem Mann einen Laut der Erleichterung hervor. Bei Mariella dagegen sorgten sie für nichts als Verwirrung.
Vermutlich war der ihr genau das auch deutlich in ihr Gesicht geschrieben, denn schon beeilte sich der Mann, zu versichern, dass er natürlich nicht glaube, dass die verehrte Gräfin... Er sprach den Satz gar nicht zu Ende, sondern lief puterrot an, als Mariella den Blick hob.

Kurze Zeit später verließ ein überglücklicher Bürger das Anwesen der Gräfin, um zu seiner Frau zu eilen und dieser von der wunderlichen Begebenheit zu berichten.

Mariella dagegen zerbrach sich den Kopf. Wieder und wieder ging sie mit Hilfe ihres Angstellten den Tagesablauf durch und erst bei der dritten Runde fiel Tiia ein, dass dieses Mädchen mit den nackten Füßen die Gräfin angerempelt hatte. Beide kamen zu dem Entschluss, dass sie vermutlich bereits über alle Berge sei, keine große Katastrophe ausgelöst habe und eine Suche sich nicht lohne. Sollte sich die junge Frau noch einmal blicken lassen, wäre immer noch Zeit zur Reaktion...
Senjara Norien

Beitrag von Senjara Norien »

Verloren. Dies war der einzige Gedanke, der durch Senjaras Kopf sauste, als sie hinter sich die Schritte vernommen hatte, als die strenge und laute Stimme einer Frau etwas von Diebesgesindel rief und näher an sie heran trat. Verloren. Missmutig schwang das Wort hin und her, das junge Mädchen verzog die Miene enttäuscht, hatte sie doch dies hier als ihren letzten Spielzug in Adoran geplant und auf dem letzten Schritt hatte sie nicht gut genug gespielt, und nun würde sie die Konsequenzen einer Niederlage über sich ergehen lassen, während abwechselnd Stimmen der Vergangenheit und Gegenwart an ihr Ohr drangen.

„Wenn du mal verlieren solltest Sen, dann versuch trotzdem wegzukommen, verlieren ist keine Schande aber man sollte die Konsequenzen niedrig halten, ich will dich ungern an schlechte Verlierer verlieren“

Damals hatte sie so gehandelt, aber seit Onkel Tanelia nicht mehr bei ihr war hatte sie sich dazu entschieden, dass sie als gute Verliererin auch nicht vor Konsequenzen wegrennen durfte.

„Umdrehen, langsam! …“ es war eine Frau in Rüstung die sie im Endeffekt festnahm „Hände auf dem Rücken ...“ nur einer von vielen Befehlen und sie gehorchte, kooperierte, so wie es sich für eine gute Verliererin gehörte, ehe man sie abführte.


Die Zelle in die man Sen führte unterschied sich nicht sonderlich von den vielen, die sie im Laufe der letzten fünf Jahren immer wieder kennengelernt hatte, mit dem Unterschied, dass hier ein richtiges Bett stand, was schon wirklich schön war, denn viele andere Räume in denen sie verweilen musste hatten oft nicht mehr als eine Holzpritsche zum ausruhen. Sie beantwortete die Fragen der Frau, versuchte ihr zu erklären, wieso sie denn keine Diebin und Verbrecherin war, sondern nur jemand der mit anderen ein Spiel spielte, aber die Reaktion war Sen auch bereits gut genug bekannt. Sie nahm es der Frau nicht übel, wenige Menschen konnten sie verstehen, und wenigen Leuten konnte sie dieses Gefühl der Selbstverständlichkeit wirklich vermitteln. Sie würde einem Richter vorgeführt werden, man würde sie verurteilen und die Wächterin ermahnte sie mehrmals, dass sie sich über den „Ernst ihrer Lage“ klar werden sollte … aber was war denn der Ernst daran eine Niederlage einzugestehen?
Senjara wusste nur zu gut, dass der Aufenthalt in diesem Raum sehr lange andauern konnte und dass es auch schlimmer kommen konnte. Manche Gewinner waren manchmal nicht sehr freundlich gewesen und hatten sie geprügelt um „ihr Gerechtigkeit einzuprügeln“ oder einmal hatte man ihr sogar mit der Peitsche über den Rücken geschlagen. Sie kannte die Leute hier nicht aber die Wächterin war nicht böse zu ihr gewesen, sie hatte ihr nicht gedroht oder dergleichen, also war Senjara guter Dinge, dass alles wieder gut werden würde. Ihr Versuch, den Namen ihrer Wächterin herauszufinden scheiterte jedoch trotz aller Sympathie die sie ihrer Fängerin entgegenbrachte, was aber auch nicht weiter schlimm war, denn auch hier wusste Senjara: Wächter sollen ihre Besucher nicht zu sehr mögen weil die meisten hier ja wirklich böse und kriminelle Menschen waren, Menschen wie Senjara waren hier sicher sehr selten und daher nahm sie es sich vor, ein andermal noch einmal nachzufragen.

Die Zeit verstrich nur sehr langsam, Sen hatte sich auf das Bett gesetzt und hatte über alles mögliche nachgedacht, so wie sie es immer tat wenn sie einmal länger in einem solchen Raum übernachten musste. Ihre Gedanken kreisten wild und ungeordnet umher, sie stellte sich alle möglichen Fragen, wie zum Beispiel ob die große Mutter jetzt böse mit ihr sein würde oder was wohl die Schwertfrau zu ihr sagen würde, wäre sie jetzt bei ihr.
Doch auch banalere Dinge gingen ihr durch den Kopf wie die Tatsache, dass sie ihre Füße einmal wieder waschen musste, sie war schließlich zu Gast bei anderen Menschen und da gehörte es sich nicht, mit dreckigen Füßen herumzulaufen. Und letztendlich fragte sie sich, was wohl Onkel Tanelia nun tat. Sicher war er bei seinen „Kumpels“ die damals alle immer wieder bei den „Erwachsenenspielen“ erwischt worden waren und dann woanders hin mussten und nie wieder kamen. Vielleicht war er auch bei der großen Mutter, denn er war ja immer gerne bei Frauen mit großer Brust, und die große Mutter hatte ganz sicher auch eine große Brust.
Solche Gedanken kreisten ihr fast ununterbrochen durch den Kopf, bis ihr irgendwann die Augen zufielen und sie einschlief.
Zuletzt geändert von Senjara Norien am Dienstag 25. Mai 2010, 12:54, insgesamt 1-mal geändert.
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