Verzeih mir, Leah, verzeih...
Ich will nicht der Mensch sein, für den du mich hälst...
Wer seine Kinder wirklich liebt,
der muss sie doch auch von Zeit zu Zeit die Härte der väterlichen Hand spüren lassen,
nicht wahr?
So tat es mein Vater...
und dessen Vater...
Ich liebe dich, Kind...
Ich liebe dich wirklich.
Schlagartig ist das Erwachen, als ich mich aufdrücke und die ersten Sinne der Umgebung aufnehme: Ein abklingendes Grollen aus der Ferne, das Knistern der angezündeten Kerzendochte, der Regen, der an die Scheiben des Kirchenschiffes prasselt. Weihrauch steigt in meine Nase, als der Blick weiter wandert, die leeren Steinbänke in den Blick nimmt, nur Momente auf jenen weilt, um letztlich beim Ankh zu verharren.
War das wirklich alles geschehen?
Hatte ich geträumt?
Ich drücke mich auf, spüre unter meinen Händen den Teppich auf dem Boden, auf dem ich eingeschlafen war. Die Erschöpfung hatte mich irgendwann doch zur Erholung gezwungen, hatte erbarmungslos sich über mich geschlichen, sobald ich mich nicht mehr auf die Worte des Gebetes konzentrieren konnte. Die Glieder beschweren sich über die ungewohnte Ruhestätte, als ein metallenes Geräusch mich in meiner Drehung und dem Aufdrücken innehalten lässt. Kühles Metall unter meinen Fingern der Rechten...Und mit dem nächsten Blick wird klar, dass es kein Traum, sondern Wirklichkeit gewesen war.
Es rief nach mir...Ich hatte sofort gespürt, dass es nicht vergessen, nicht liegen gelassen worden war.
Es suchte mich und wir fanden einander. Die erste Berührung, das erste Umgreifen des Schwertgriffs, es glich einem Gefühl der Vereinigung. Noch nie hatte ich so etwas gespürt, hatte ich so etwas vernommen.
Wärme durchfährt mich, als ich die Finger leicht über das Schwertblatt führe und ein sanftes Leuchten geht von der Klinge aus.
Leah... Streite fuer mich...
....
„Paladina von Hohenfels trat an mich heran, da sie der Ansicht war, es wäre an der Zeit Eure Befähigung für den nächsten Schritt Eures Lebens zu prüfen. Wie denkt Ihr selbst darüber? Glaubt Ihr, dass Ihr bereit seid?“
Die Worte ihrer Eminenz hallen in mir nach, während ich mich endlich erhebe und das Schwert wieder zwischen Gürtel und Kleidern klemme. Die Nähe des Schwertes beruhigt mich, gibt mir das Gefühl einer Station, eines Haltes. Mein Halt ist jedoch viel mehr, meine Stütze im Rücken weitaus mächtiger, als ich es noch zu begreifen wage.
„Mein Herz, mein Verstand wurden geformt, geprägt und gebildet. Milady tat den ihren Teil, sowie die Herrin und andere Lehrpfade. Ich will ihr ganz dienen, Eminenz. Ich denke, es ist soweit an der Zeit, für sie auch streiten zu dürfen im eigenen Namen.“
„Seid Ihr den Aufgaben, die vor Euch stehen gewachsen?“
Ich habe mit allem gerechnet. Mit Erörterungen über den Respekt gegenüber Obrigkeiten, mit ernsten Anweisungen und Ordern, die Milady oder Sir Louisan betrafen, einer Aussprache mit Hochwürden oder einer gut gemeinten Bitte, die Beichte abzulegen.
Der Abend war nicht gerade bestens in seinen Anfängen gewesen. Eine regelrechte Diskussion war entbrannt, als ich mit Hochwürden über die Unsinnigkeit einer Wallfahrt sprach, die zum absolut ungünstigstem Zeitpunkt gewählt wurde. Sicher spielte auch Sorge um Marbur mit, sicher auch die weitere Sorge, es könnte ihm und dem Knappen Marquez etwas geschehen. Doch letztlich war es das, was ich aussprach: Eine ungünstige Wahl zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Zwei Diener der Herrin waren in jeweils unterschiedlichen Situationen der Bedrohung und es galt, stets für sie da zu sein und sie zu unterstützen. Ich hatte mich damit abgefunden, zwischen Botendiensten und Wachstunden abzuwechseln und hinterfragte es nicht. Zu sehr drang bereits Routine ein in die Nichtbeachtung und der Entscheidungen, die so oder so getroffen wurden.
Ein leichtes Schmunzeln legt sich über meine Lippen, als ich mir das gestehen muss. Die letzte Zeit war voller Frustration und Ärger angestaut gewesen. Langsam taste ich nach meinen Beutel, greife hinein, um die feinen Kettenglieder zu spüren und das Armkettchen herauszuholen.
"Leah Da'Kaar
Knappin der Paladina Lady
Darna Freiherrin von Elbenau"
Sofort fällt der Blick auf die Gravur, während ein weiterer Donner leise draussen erklingt. Die Wärme des Tages hat einen Streit mit der Kälte der Nacht begonnen und die ersten Donner hervorgerufen. Sachte streiche ich mit dem Daumen über das Medaillon, bleibe mit dem Blick bei der Gravur hängen.
„Mit der nötigen Demut, der Tapferkeit, der Gerechtigkeit willens, meiner aufbringenden Opferbereitschaft, aller Ehre in mir, dem erworbenen Wissen der Geistigkeit, im Mitgefühl meines Herzens werde ich jeder Aufgabe begegnen Eminenz.“
„Knappin Da'Kaar, gibt es etwas, das Euch von Eurem Weg bringen könnte?“
Zweifel? Wieder streicht der Daumen über die Gravur, als ich das Medaillon an den feinen Kettengliedern herumdrehe und mir das Wappen betrachte. Das Hirschwappen wurde fein eingraviert, letztlich sogar eingefärbt in die Farben Miladys. Wir beide...so unterschiedlicher Natur im Innersten und doch von vielen so ähnlich eingeschätzt. Die vielen Diskussionen, die Streitereien, die zu hitzigen Debatten wurden und letztlich in ruhigen Worten endeten. War ich je enttäuscht, je ernsthaft sauer? Ich verstehe vielleicht nicht jedes Handeln, will es gar nicht untergraben oder bis in das letzte Detail ergründen. Jeder Mensch hat seine Gründe, Entscheidungen zu treffen, jeder geht seinen Weg mit dem ihm rechtens erscheinenden Motivationen und Mitteln.
„Nein. Ich werde jede Prüfung bestehen, die jenen Versuchungen anheimfallen könnte. Mein Herz gehört ihr, meine Schwerthand ist die Ihre, mein Wille lebt und verinnerlicht ihre Tugenden.“
„Temora wird Euch prüfen, ob Ihr würdig seid. Und auch danach stets, immerdar auf verschlungenen Pfaden wird sie Euch dennoch ein Licht sein, wenn Ihr all das, was Ihr gesprochen habt, wirklich verinnerlicht habt. Seid Ihr Euch der Gefahr bewusst, in der Ihr immer sein werdet?“
„Ich bin ihrer bewusst Eminenz.“
„Dann...Wird Temora Euch nie in Dunkelheit wandeln lassen, Euer Schild und Schwert sein, Eure Zukunft mit ihrem Strahlen erfüllen, Knappin. Ich denke Ihr seid bereit für die letzte Prüfung.“
Das Kettchen wandert zurück in den Beutel, während andere Bilder auftauchen und ich das Fenster mir gegenüber fixiere. Die Wärme des Ankhs, die des Schwertes machen es nicht besser. Nach und nach schieben sich die Erinnerungen drängend in mein Bewusstsein, um mir zu zeigen:
Es war kein Traum. Du hast es erlebt, hast es am ganzen Körper gespürt und nicht nur geträumt!
Der Schrein der Geistigkeit. Nahe Cyrions Haus und so nahe an der Grenze Rahals. Hochwürden Erken begleitete mich zu dem Schrein, an dem ich die Nacht verbringen sollte laut seiner Auskunft. Ich wusste noch immer nicht Recht, ob er mir die Diskussion übel genommen hatte, nahm jedoch schon bald an, dass er solche Dinge als menschlich ansah. Dualismus...ein Wort, das er mehr als einmal fallen ließ während unseres Weges gen Schrein. Zugegeben konnte ich nicht viel mit seinen Sinnbildern anfangen und erst als wir hinweg von Tränken und deren Zutaten kamen und zum Menschen übergingen, wurde es sichtlicher, erkennbarer, worauf er hinaus wollte.
Man sieht stets nur die äußere Weste....ein Mensch konnte also auch gänzlich anders sein, als er sich darstellte. Das Tiefste eines Menschen, unseres Gegenübers, war nur zu erahnen, und erst wenn er bereit sein wird, sich zu öffnen, werden wir Teilhaber dieser Geheimnisse und des wahren Gesichtes. Menschen tragen Masken und Bürden auf sich, die sie sich selbst meist nicht bewusst sind. Manchmal tragen sie sie ein Leben lang...ohne es zu ahnen.
Geistigkeit... Eine jener Tugenden, die ich wohl vollends begreife und dennoch stets darum weiß, dass man nie ausgelernt hat. Eben jenes und viel mehr ist dessen Inhalt. Die Wärme in dem Raum umfing mich sofort, legte eine Ruhe in mich, wie ich sie gewohnt war durch die Kirche und den Baum des Lichtes. Ich fühlte mich entspannt, ruhig... Jede Bewegung eine Routine, ein Ablauf, den man nur allzu gern durchgeht und sich ganz in ihm entfaltet. Das Ankh leuchtete in gewohntem Maße, meine Worte drangen ruhig durch den Raum. Worte, die ich so oft gesprochen hatte und mittlerweile auch auf meine Weise verstand und mitzuteilen suchte.
Kein Nachahmen, sondern sich selbst treu bleiben.
Kein Kopieren, sondern selbst wählen.
Keinen Druck zulassen, sondern mit eigener Kraft weiterstreben.
„Leah...hier bist du.“
Die Stimme war so vertraut und zugleich erschreckend.
Die Türe war nicht gegangen...oder hatte ich es schlicht überhört in meinem Gebet?
„Groß bist du geworden.“
Er war es...stand so leibhaftig vor mir, wie er vor fünf Jahren auch vor mir gestanden hatte. Doch kein Ausdruck der Wut, der Enttäuschung war abzulesen in der Miene, sondern Erleichterung, Freude und Güte. Ich kannte jenen Ausdruck und doch irritierte er mich. War er zur Vernunft gekommen? Eine solche Reise auf sich zu nehmen, eine solche Distanz zu überwinden,...nur um mich zu suchen, mich in den Arm zu nehmen?
Es musste ein Traum sein, ein gaukelndes Bild, wie es auch ab und an auftrat, wenn ich die Höhlen durchquerte. Und doch...wirkte er so echt, so wahrhaftig. Jede Sorgenfalte, jede Reife in seinem Gesicht war klar erkennbar, während seine blauen Augen mich so fest fixierten, dass ich nicht weiter konnte, als zu glauben, dass er wirklich da war, wirklich vor mir stand: Albrecht Da’Kaar.
Der, der mich weggeschickt hatte und dem ich unterstellt hatte, er würde mir nie verzeihen. Der mich meines Namens beraubt hatte und ich ihn ohne Nachfragen wieder angenommen hatte. Jener, dem ich unterstellte, er würde mich stets hassen und lieber tot sehen als lebendig, wenn ich je heimkehren würde: Mein Vater.
Er bat um Verzeihung, gab sein Fehlen zu.
„Wir haben beide eine Gelegenheit verstreichen lassen, die nicht hätte verstreichen sollen.
Ich möchte, da du wieder nach Hause kommst, Leah. Wir warten alle auf dich.“
Zweifel am eigenen Verstand, an der Wahrnehmung. Ich zweifelte an mir, nicht an den Worten, die ich hörte. Meine Antwort war bereits formuliert und in meinen Gedanken fest verankert, doch brauchte ich Gewissheit, musste einfach wissen, ob ich träumte, fantasierte oder mit Geistern sprach.
Nur wenige Schritte, eine kurze Distanz zwischen uns Beiden, die rasch überwunden war und ich direkt in einer Umarmung gänzlich schwinden ließ. Der vertraute Geruch von Erde, von seiner Haut, stiegt sofort in die Nase, die Statur wie damals kräftig und behütend an guten Tagen, an Schlechten jedoch grausam und angsteinflössend wirkend. Ich spürte seine Hände um mich herum, hörte das Herz in seiner Brust schlagen. Es konnte kein Traum sein. Es war wirklich, war real.
Mein Vater stand vor mir, leibhaftig und bat mich, nach Hause zurückzukehren. Doch...war mein Zuhause dort, wo er und meine Familie lebte?
„Ich kann nicht Vater... Ich fand mich Vater....meinen Weg.“
„Komm mit, nimm meine Hand, und ich kann dir zeigen, wie dein Leben werden könnte: so, wie es sein soll. Du sollst glücklich werden.“
„Vater...Ich bin glücklich. Ich habe hier gefunden, was ich suchte. Du weißt gar nicht, was...was ich hier alles sah, was ich alles fand. Vater...vor dir steht eine Knappin, eine junge Frau, die für die Herrin kämpfen will. Die sich ihr verschrieb. Mit ganzem Herzen.“
„Ich sehe vor mir meine Tochter stehen, der ich ein Leben in Zufriedenheit und als achtbare Frau geben kann. Und ich will es tun. Vertrau mir, Leah.“
Es zerriss mich. Ich spürte die Liebe zu meinem Vater und merkte doch, dass mich nicht mehr Angst und bedingungsloser Gehorsam an ihn band. Es war nur noch die aufrichtige Liebe einer Tochter in mir, die ihren Vater für das liebte, was er war: Ein Vater; der Mann, der das Kind aufzog, leitete, schützte, prägte...und es gehen ließ, wenn es an der Zeit war. Ich spürte, dass ich standhaft bleiben musste, dass ich zu erklären versuchen musste, dass dieser letzte Punkt nun zu erfüllen war.
Ich entging keiner Pflicht. Ich würde für ihn sorgen, würde nun, wo er mir verziehen hatte, ihm Geld zukommen lassen, Kleider, heilende Mittel bei Krankheit. Eine Tochter konnte auch aus der Ferne für ihren Vater sorgen, konnte sich um Menschen mühen, die nahe des Dorfes leben und sie um ein wachsames Auge bitten. Dunkel erinnerte ich mich, dass es zwei Tagesmärsche entfernt sogar einen Heiler gab in einem der Dörfer. Vielleicht könnte jener sich in regelmäßigen Turnus im Dorf einfinden und neben Vater auch die Anderen dort untersuchen? Das Gold dafür aufzutreiben wäre das geringste für mich, mein Sold stand noch aus vom Regiment und einige Ersparnisse hatte ich ebenso in einem der Bankfächer hinterlegen lassen.
Ich wollte es ihm erklären, schonend, ruhig. Ich hatte gelernt, meine Worte achtsam einzusetzen und zu bedenken, meine Sätze vollständig und ohne Furcht auszusprechen. Ich achtete nicht darauf, ob es ihm auffiel, sondern hoffte weiterhin auf seine Einsicht, darauf, dass er wirklich begann, die Welt anders zu sehen als damals. Auf Verständnis, auf Verstehen...im letzten Sinne wohl auch darauf, dass er sich von mir etwas leiten ließe, neue Eindrücke zuließe.
„Du musst auch mich ziehen lassen.“
„Sieh, was dich erwarten kann und dann wähle. Du kannst so ein wundervolles Leben haben. Es steht alles bereit...“
Schmerzhaft wurde der Griff um meine Hand, die ich zuvor so vorsichtig um die seine gelegt hatte. Erinnerungen tauchten auf. Abende, an denen mein Vater wieder wütend geworden war...weil das Essen zu kalt, das Wasser zu warm oder ein anderer Grund ihn dazu zwang, meine Brüder mit dem Gürtel zu verprügeln. Er hatte Kraft, konnte sie einsetzen und tat es ohne ein Zögern. Ich wehrte mich im Inneren, zwang mich, ruhig zu bleiben. Er ist dein Vater, sei respektvoll, ohne dir untreu zu werden!
"Sie ist heimgekehrt!"
Ohne ein Innehalten wurde ich auf einmal gepackt und weiter gezerrt. Momente später erst realisierte ich, dass wir nicht den Schrein einfach verlassen hatten, sondern uns mitten auf einer der umliegenden Wiesen meiner Heimat befanden. Bekannte Gesichter umrangen mich, sahen mich mit erwartungsvollen Augen an. Wie waren wir hier hergekommen? Während ich in dem eisernem Griff meines Vaters stolpernd folgte, wog ich rasch Möglichkeiten ab, verworf sie aber genauso schnell wieder. Magie? Portale? Oder doch ein Traum? Sinnesraubende Mittel, die man mir aufgezwungen hatte? Ich versuchte mich an eine Geste meines Vaters in dieser Richtung zu erinnern, fand aber kein passendes Bild. Einzig der Griff um meine Hand blieb fest und eisern, ließ den unangenehmen Schmerz aufkommen und warf mich in weitere Zweifel. Fühlte sich im Traum jeder Schmerz so real an?
Torben; Sohn des Hufschmiedes. Sein Vater ein grober Kerl mit breiten Schultern und einem vollen Bart. Er hatte neben Torben keinen weiteren Sohn, lediglich zwei Töchter. Seine Frau hatte einige tote Kinder noch zur Welt gebracht, bis beide es aufgegeben hatten. Die Hoffnung lag auf den Jungen und man wollte die beste Partie für ihn erwischen, sodass der Lebensabend des Vaters gesichert sei.
„Leah, meine Gute...Ich sah dich so oft im Dorf und immer dachte ich: Was würde ich geben und diese Frau zur Frau zu haben Alles würde ich geben, mein Herz, mein Land, mein Besitz Alles was ich habe. Ich verspreche dir hier und jetzt, hoch feierlich, unter Zeugen, der guten Dorfgemeinschaft dass wir ein feines Leben haben werden. Ich zahle stetig die Steuer, kaufe ein paar Pferde, die du so gerne hast und wir eröffnen ein Gestüt...“
Es konnte nicht sein, konnte doch einfach nicht sein! Ich stand nicht wirklich dort, war doch nicht wirklich vor der halben Dorfgemeinschaft und meinem Vater, um in eine Ehe gezwungen zu werden, die mir im Ganzen so grotesk anmutete wie diese Szenerie. Es musste ein Traum sein, musste...ein Bild einer alten Erinnerung, eines Alptraumes sein! Doch noch immer fühlte sich alles so nah, so real an. Ich spürte den Boden unter meinen Füßen, roch das Gras, hörte den Wind, der leis uns umschmeichelte. Ich spürte die bohrenden Blicke der Leute im Rücken hinter mir, die wohl mehr auf das Festessen aus waren als auf das wahrhaftige Glück zweier Menschen.
Ich war verwirrt...maßlos verwirrt. Was konnte ich tun, um diesem...was auch immer es war...wieder zu entgehen?
„Nein Torben, es tut mir Leid, es tut mir Leid, dass ich... Du solltest dir ein Mädchen suchen, dessen Herz dir verschrieben ist, Torben. Das Meinige ist ebenso vergeben.“
„Dein Herz ist es mir Verschrieben ich spüre es! Leah, ich bitte dich!“
„Du spürst eher, wie unsere Eltern sich geeinigt haben, dass man einander die Höfe absichert und einen Muntschatz erhält. Wieviel hat er geboten? Wieviel war ich wert?“
Betreten schwang die Stille durch die Reihen der Bänke. Ein verlegenes Husten, ein Räuspern, Gemurmel drang hier und dort auf, während ich mich endlich fasste und entschied, diese Situation umkippen zu lassen. Ich wollte mich nicht von Bildern beherrschen lassen, ließ nicht zu, dass man mir die Entscheidung meiner Selbst nahm. Er sollte sehen, dass seine Tochter eine Andere war, dass sie gereift war zu einem Menschen mit eigenen Gedanken, eigenen Gefühlen und freiem Entscheidungswillen. Es war mein Leben, mein Weg, meine Aufgabe, die ich annehmen und begehen wollte. Bequemlichkeit...es würde einem Weglaufen gleich kommen. Ich hatte genug Lektionen darin erteilt bekommen, was es bedeutete, vor sich selbst und seinen Problemen wegzulaufen...
~ ~ ~
...Alles Leben, was zu ihrer Schöpfung zählt, und damit jeder Mensch, ist in sich erst einmal als dieses wertvoll und unersetzlich. Doch es hat sich bewahrheitet, wovor Horteras gewarnt hat: 'Ala-Thair', die '_freie_ Harmonie'. Der Mensch ist auch frei in seinem Handeln und Entscheiden. Und wo er darin frei ist, da liegt es an ihm, zu wählen, was er tut. Und ob dieses Handeln im Sinne der Tugenden ist, an die Temora uns erinnert, oder nicht. Und... er ist jederzeit frei, einen bereits eingeschlagenen Weg auch wieder zu verlassen. Es stimmt, dass man Vergangenes nicht rückgängig machen kann, doch viel zu viele Menschen nehmen dies als Grund, zu behaupten, sie hätten keine Wahl mehr, und einem Weg, von dem sie _wissen_, da er falsch ist, noch weiter zu folgen. Fehler macht man... Aber es ist Ehre, die uns gemahnt, nach dem Erkennen eines Fehlers sich vorzunehmen, es nicht wieder zu tun - und dann ist gut...
~ ~ ~
Ich spürte den Zorn in meinem Vater, als ich von Torben zurücktrat und fest meine Worte an ihn richtete. Ich sah den Unglauben in Torbens Blick, als ich ablehnte. Wie oft mag es wohl vorgekommen sein, dass eine Tochter seinem Vater widersprach? Hätte es sich ändern können? Mir war bewusst, dass man nicht auf Wunder hoffen konnte. Veränderung trat erst ein, wenn man erkannte, dass etwas falsch lief. Und wer sollte sich in ein so kleines Dorf hinverirren können, um den Leuten die Augen zu öffnen? Viel zu lange hatte ich auf Wunder gehofft, doch nun durchströmte mich nur Mitgefühl und Bedauern über jene, die um mich herum waren.
Tief, ganz tief in mir wusste ich darum, dass auch einst ich so jemand war, dass es bedauernswerte und mitfühlende Blicke auf mich gab. Alles konnte sich ändern,...wenn man sich öffnete und erkannte, wie klein die eigene Weltsicht einer so großen Weite eigentlich war.
„Ich bin Knappin Torben. Willst du eine Frau haben, die besser im Führen des Schwertes ist als du? Die einen Körper voller Narben hat? Die andere Aufgaben hat, als die Felder zu bewirtschaften?“
„Das ist doch Unsinn, Leah. Das hast du angestrebt, weil ich nicht gerecht zu dir war. Ich hab dir doch gesagt, es tut mir leid.“
„Und ich verzeihe dir, Vater. Aber ich tat es nicht aus Trotz, ich tat es, weil ich Temora dienen will. Sie muss entscheiden, ob ich fähig bin. Nicht du, oder ich oder wer anders.“
„Diesen Schwerterunfug hast du vergessen, wenn du deinen ersten kleinen Bub im Arm hast.“
„Du bist schöner als ich es mir erträumt habe, Leah. Narben sollen unserer Liebe nicht im Weg stehen... Unser Kind. Das erste von Vieren!“
„Sie würden in Gefahr leben, wenn ihre Mutter gegen Schergen der Anhänger Alatars in den Kampf ziehen muss. Ich bin euch eher Gefahr als Hilfe. Ihr braucht mich hier nicht. Nicht so, wie ich euch dienen kann.“
„Also ist deine Antwort nein?“
„Es tut mir Leid. Du wirst jemanden finden, der dich aus vollem Herzen lieben wird. Ich wünsch es dir Torben.“
Der Wind wurde grober, zog an den Leinen, fegte durch mein Haar. Anspannung machte sich breit durch die Reihen und eine seltsame Schwüle lag in der Luft. Einem Hochsommer gleich hatte sich die Luft von jetzt auf gleich aufgeladen und ließ bereits erste Blitze zucken aus der Ferne. Als hätte meine Entscheidung das Urteil gefällt, Verderben und Unruhe hereinzubringen, verdüsterte sich der Horizont. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie die ersten Fackeln der Feuerschalen unruhig durch den Wind flackerten und langsam versiegten. Die Tränen in Torbens Augen schmerzten, auch wenn er mir nur noch wie aus einer fernen Erinnerung schien.
„...mein Leben nicht mehr Lebenswert...“ Metall blitzte auf, ließ mich reagieren und wieder Bewegung in meinen Körper bringen. Eine Dummheit! Eine riesengroße Dummheit! Lernte man denn nicht, auch an Rückschlägen zu reifen?! Ich wollte ihn aufhalten...und war zu spät. Die Augen weiteten sich, die Miene wurde rasend schnell todesblass, während mir nichts anderes übrig blieb, die Hände vom Dolch rasch um Torben herum zu legen und ihn langsam gen Boden gleiten zu lassen. Er röchelte, der Blick voller unerfüllter Wünsche und Sehnsüchte, voller zerplatzter Träume und endloser Trauer. Pochend drängte sich ein Schmerz durch mich, als würde ich sämtliches Leiden von ihm mit aufnehmen, es als Teil in mir auftragen müssen. Doch war es meine Schuld? Hatte das alte Spiel wieder begonnen, in dem alte Traditionen sich unaufhörlich in den Vordergrund schoben? Sie hatte jenes Kapitel schon längst beendet, hatte es abgeschlossen, konnte sich nun daran erinnern, ohne davon beherrscht zu werden. Sie akzeptierte die Ereignisse als solche und lernte an jenen, statt sich davon erdrücken zu lassen.
~ ~ ~
...Leah.... Diesen Schatten _nehmt Ihr selber mit_. Ihr tragt ihn mit Euch, Ihr klammert Euch regelrecht daran, denn Ihr scheint ihn nicht loslassen zu können. Glaubt Ihr, Temora würde Euch diesen Schatten 'nach-tragen' im wahrsten Sinne des Wortes?...
~ ~ ~
Ich hatte diese Schatten abgelegt, sie durchfluten lassen vom Licht. Mich selbst diesen Dingen gestellt und damit gefochten. Mit zunächst helfender Hand, nach und nach ohne jedoch jene noch zu benötigen. Es war vorbei...Ich wollte nicht mehr mich davon beherrschen lassen.
„WARUM TUST DU NIE, WAS MAN DIR SAGT?!“
„Weil es falsch ist, Vater.“
Der Gürtel löste sich aus den Schlaufen der Hose, wurde zusammengelegt und in eine Hand genommen. Sein Blick fest, begegnete dem Meinen, als ich mich aufdrückte, nachdem ich Torben die Augen geschlossen hatte. Ich spürte kaum das Wasser, das sich unter meine Sohlen schlich und davon zeugten, wie unwirklich doch alles war. Blitze zuckten um uns herum auf, die Lichter erloschen. Dunkle Schatten überall, der Wind reissend und heftig. Ich hatte das Gefühl, nur noch bestehen zu müssen, mich weiter stellen zu müssen, ruhig, besonnen zu bleiben. Ich hinterfragte nicht mehr, warum die Gestalt meines Vaters sich aufbaute, größer wurde mitsamt des Gürtels. Beherrscht verbot ich mir ein Zurückweichen. Ein altes Bild tauchte auf...Milady und Ich beim Training, ein Probekampf, in dem ich bei einer ihrer Erklärungen zurückgewichen war bei Heben ihrer Waffe. Sie hatte mich gezwungen, stehen zu bleiben, mich angeherrscht deswegen. Meine Angst war damals größer gewesen, ich hatte der Order nicht stand halten können, war zurückgewichen stets. Einer jener ersten Momente, in dem sie mehr von mir erfuhr, als mir damals lieb gewesen war.
Diesmal folgte ich meiner eigenen Order, ich wich nicht zurück, festigte den Blick auf die Miene meines Vaters, der bedrohlich über alle Maßen groß zu sein schien.
Blitze zuckten weiter auf, bedrohlich nahe um uns einschlagend in den Boden, gar in die Anwohner um uns herum. Und doch war kein Laut zu hören, kein Todesschrei zu vernehmen. Doch sah ich nicht, wie sie ebenso zu Wasser zerflossen und aus dieser Szenerie entwichen, still und leise ihren Posten verließen.
„Ich kann dir nicht weh tun Vater...du bist mein Blut, wie ich das Deine bin.“
„DU BIST NICHT MEINE TOCHTER! Und wer nicht hören will...“
Der Knall war betäubend laut, der durch meine Ohren fuhr und mir zuerst den Atem, dann die Sicht verschlug. Ich hatte mich wegzurollen versucht, hatte das Ausweichen mit dem ersten Zucken der Hand bereits vorbereitet und ausführen wollen. Das nächste, was ich spürte, was der kühle Stein an meine Schulter, an den ich prallte. Eine bekannte Wärme durchfuhr mich, ließ mir sagen, dass ich den Ort kannte, den ich noch schwindelnd versuchte zu erfassen. Nach und nach erst begriff ich, dass ich mich wieder im Schrein befand. Zurück... Dort, wo ein Schwert auf mich wartete und ich das erste Mal die Stimme der Herrin in mein Ohr flüsternd vernahm. Und die Stimme meines Vaters, die zu mir sprach:
Verzeih mir, Leah, verzeih...
Ich will nicht der Mensch sein, für den du mich hälst...
Wer seine Kinder wirklich liebt,
der muss sie doch auch von Zeit zu Zeit die Härte der väterlichen Hand spüren lassen,
nicht wahr?
So tat es mein Vater...
und dessen Vater...
Ich liebe dich, Kind...
Ich liebe dich wirklich.
Langsam drehe ich meine Rechte und sehe in die Handinnenfläche. Eine feine Narbe, ein sauberer, gerader Strich, der sich quer über jene erzieht. Der Schnitt war durch das Greifen in die Dolchklinge zustande gekommen, als ich Torben von seinem letzten Schritt abzuhalten versucht hatte.
Es war kein Traum gewesen.
Es war geschehen.
Es war Wirklich gewesen.
Mein Blick wendet sich wieder in Richtung Altar, verharrt jedoch leicht neben jenem. Eine Rüstung, geformt und geschmiedet worden für einen Streiter der Herrin, der Lichtbringerin Temoras.
Langsam sinke ich auf ein Knie, streiche besonnen ein Ankh nahe meines Herzens und lasse meinen Blick weiter zum Ankh wandern.
Leah... Streite fuer mich...
„Mit ganzem Herzen...“