Sag mir, wie weit ist weg?

Neliel Lelyn

Sag mir, wie weit ist weg?

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Sie schaffte es nicht. Sie hatte keine Möglichkeit, die Gedanken abzuschütteln, die in ihr immer wieder aufkeimten. Wenn man ihr gesagt hätte, was so alles passieren konnte, wenn man verliebt war, dann hätte sie sich vom ersten Tag an dagegen gewehrt.

Noch bevor sie Thorgan kennengelernt hatte, hatte er sie schon fasziniert. Irgendwas an ihm. Irgendetwas. Aber was brachte ihr das jetzt? Sie fühlte sich so weit weg. Weit weg von allem.

Ihr Herz pochte und sie verdrängte das ernüchternde Gefühl, dass sie zu einer gefühlsdusseligen Ziege geworden war. Alles, was ihr früher wichtig gewesen war, war mittlerweile zweitrangig. Um ihre Ruhe zu haben, um einen klaren Gedanken fassen zu können zog sie es sogar schon vor, ihren Hof und all ihre Tiere alleine zu lassen. War das normal?

Nein. Nein. Wenn sie könnte, dann würde sie so nicht handeln. Sie war ein Sklave ihrerselbst und eine Sklavin der Liebe. Es schmerzte. Jeder weitere Schritt schmerzte ungemein und verdrängte all die schönen und positiven Gefühle, die all das auslösen konnte. Aus Sekunden wurden Stunden und aus Stunden wurden Tage. Wie weit würde das noch gehen?

War es wirklich das, was sie wollte? War sie so, wie es jetzt war, glücklich? Wo kamen sie an und wo hörte es auf? Es zerriss sie innerlich schier und egal, welche Lösung sie in Erwägung zog. Sie wusste eines innerlich ganz genau, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen streubte: Sie wollte nicht mehr ohne ihn sein. Und genau dieser Punkt in ihrem Leben machte sie wahnsinnig...
Neliel Lelyn

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Ihre Schläfe pochte und das Gefühl des Schwindels wollte auch nicht nachlassen. Seit Tagen, nein, gar schon Wochen quälte sie sich damit herum. Heilung? Linderung? Keine Spur.

Doch es musste weitergehen. Wer wäre sie denn, wenn sie sich von so einer Unausgeglichenheit in ihrem Leben zu Boden reißen lassen würde? Mit Stolz sah sie über das, was sie erschaffen hatte. Was aus ihrer Hand entstanden war. Ein Hof, so romantisch verspielt und liebevoll bis ins kleinste Detail geplant und dekoriert. Ja, wohl wahr. Sie liebte ihr neues Heim und war zufrieden mit alldem, was sie erschaffen hatte. Mit alldem, was sie umgab. Sie spürte, wie die Wärme um ihrem Herzen siegte. All die Tiere, all die Arbeit. Das war das, wonach sie sich immer gesehnt hatte.

'Irgendwann wirst du groß und erwachsen sein und dein eigen Hab und Gut besitzen, mein kleiner Schatz.' Die Locken des kleinen Mädchens wirbelten herum, als sie von ihrem Vater in die Luft geworfen und wieder aufgefangen wurde. 'Aber du wirst immer da sein und mir helfen?', fragte das kleine Mädchen, als sie die Arme um den Hals ihres Vaters schlang und ihn umklammerte. Das sanfte Streicheln über ihren Rücken versicherte ihr: Ja, er würde immer da sein. Egal, wohin sie auch gehen würde.

Wie sehr wünschte sie sich, dass ihre Eltern ihr Werk sehen konnten. Ihr Vater wäre stolz auf ihre Pferdezucht und auf diese eleganten und so herrschaftlichen Zuchttiere, die sich in ihrem Gehege tummelten. Sie presste die Lippen zusammen, als sie ein Anflug der Trauer überkam und umschloss ihren Körper mit ihren Oberarmen. Manchmal war die Sehnsucht so stark, dass es sie fast zu zerreissen schien. Aber dann dachte sie daran, dass sie sich aus freien Stücken so entschieden hatte und alles so seinen Sinn hatte. Aber war es wirklich eine Entscheidung aus freien Stücken heraus?

'Neliel, mein Schatz. Worauf wartest du denn?', ihre Mutter setzte sich zu der Halbwüchsigen und legte einen Arm um sie. Sie lächelte nur und erwiderte daraufhin nichts, ihr Lächeln sollte so viel mehr verraten als tausend Worte. Ihre Mutter nickte verstehend und tätschelte ihr die Schulter, das wissende Grinsen verriet, dass auch sie wusste, worauf ihre Tochter wartete. 'Stellt mir keinen Unsinn an, ihr Beiden.', das war ihr einziger Kommentar hierzu. Neliel lächelte und versicherte mit ihrem Nicken, sich an diese kleine, aber feine Regel ihres Elternhauses zu halten. Die Sehnsucht war es, die sie wieder aus dem Fenster starren ließ und ihr Blick tastete, wie so oft, die leeren Straßen ab. Eigentlich war er ihr so fremd, wie niemand sonst. Aber sie fühlte sich ihm verbunden, wie nie jemandem zuvor.

Als die Regentropfen auf ihre Wange perlten, wachte sie aus ihrem Tagtraum auf. Wohl wahr, vielleicht war es besser so gewesen. Ihre Hände hatten sich im Stoff ihres Kleides vergraben und jenes vor lauter Anspannung zerknittert. Sie lies es frei und ging ins Haus zurück. Die Tiere waren versorgt und so konnte sie sich einen Moment der Ruhe gönnen. Das Haus war leer. Niando, ihr Bruder, war vermutlich wieder auf Brautschau, während Janus, ihr Liebster, vermutlich seiner täglichen Arbeit nachging und sich um die Lehren der Magie kümmerte. Wahrlich, sie hatte in ihm das gefunden, was sie lange gesucht hatte. Und allein aus diesem Grund wusste sie, dass es richtig war, hierher zu kommen. Ein sanftes, herzensgutes und wohlig warmes Lächeln legte sich auf ihre Lippen und ein noch viel wärmerer Glanz in ihre Augen. Diesen Zauber der Natur konnte man bei ihr nicht mehr verleugnen und man konnte anhand ihrer Wärme, die sie ausstrahlte, schon längst erahnen, in welchem Zustand sie sich befand.

In den letzten Wochen gab es viele Momente, die sie belasteten. Mal war sie ihm nahe, dann war sie ihm wieder so fern, als habe es ihn nie in ihrem Leben gegeben. Teilweise hatte sie Angst, dass sie keine Kraft mehr aufbringen konnte für all das, was sie so sehr liebte. Aber sie waren stark. Beide. Und all die Hürden nahmen sie mit links. Es war ein schönes Gefühl, durch gute und schlechte Zeiten gemeinsam zu gehen. Die Entführung hatte ihnen gezeigt, dass sie zusammen gehörten und all die schönen Momente, die sie verbracht hatten, bestätigten das nur immer mehr. Egal, was sie auch tat, er fand seine Begeisterung für ihr Tun. Wenn sie auf dem Feld stand und ihre Samen einpflanzte, er saß daneben in der Wiese, sah ihr neckisch entgegen und ärgerte sie. Aber er liebte das, was sie tat. Er teilte zu gewissen Teilen ihre Leidenschaft für Pferde. Immerhin war das der Grund gewesen, warum sie sich kennengelernt hatten und warum er sich dann irgendwann in sie verliebte. Irgendwann war es so, dass sie eben nicht mehr nur Freunde waren. Irgendwann übermannten beide die Gefühle, die sie füreinander hegten. Und warum etwas trennen, was zusammen gehörte? Sie musste lächeln und sah sich abermals im Haus um. Ja, sie hatte mittlerweile wirklich alles, was sie sich in ihrem Leben gewünscht hatte. Ihre Eltern wären so Stolz auf sie gewesen. Abgesehen von dieser einen Sache ...
Neliel Lelyn

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'Ich sehe in deine Augen und erkenne, wie wunderschön und rein du bist. Wie sehr deine Seele strahlt.' Sie lächelte bei den Worten, aber sie verstand nicht genau, was er ihr damit sagen wollte. War es wieder einer seiner Ausflüchte um vor ihr wegzulaufen?
Wenn er hier war fühlte sie sich so vollkommen und so einzigartig wie der seltenste Kristall der Welt. Aber dieses Gefühl hielt nie lange an. Denn so schnell wie er immer bei ihr war, so schnell war er auch wieder fort gewesen. Fort mit Begründungen und Erklärungen, die keine waren. Es gab nicht eine unsittliche Berührung geschweige denn mehr als einen seiner lang gezogenen und eindeutigen Blicke. Aber diese waren ihr mehr Geschenk als alles andere auf der Welt.


Wie konnte sie sich darüber damals nur so gefreut haben? Sie saß auf der Bank vor dem Hof und sah ihren Tieren zu, wie sie sich wohl fühlten. Es gab wenig, was sie nun aus ihrem eigenen, persönlichen Gleichgewicht bringen konnte. Sie blätterte eine Seite weiter in ihrem Buch – und man konnte wirklich sagen, dass es so ein frauenüblicher Roman war – und versank wieder in dieser Welt des Buches, bis sie das Wiehern eines Pferdes wieder aus dieser riss und sie daran erinnerte, dass noch Einiges zu tun war.

Während sie das Tier sattelte und den Sattelgurt immer wieder enger zog betrachtete sie sich Jentilo. Er war wirklich einer ihrer wertvollsten Wegbegleiter mittlerweile. Sein dunkelgraues, fast schwarzes Fell schimmerte im Licht der Sonne und glänzte, wie kein anderes. Ja, man konnte wirklich behaupten, dass dieser Mustang ihr das Herz geraubt hatte. Schon als sie ihm in die Augen gesehen hatte und seinen sturen und eisernen Willen spürte war ihr klar: Ohne ihn würde es nirgendwo mehr hin gehen. Ähnlich ging es ihr mit Julien. Nur schimmerte sein Fell in einem dunklen Rot und die schwarze Mähne hob sich von diesem so edlen Fell deutlich ab. Aber Jentilo war es, der jetzt bewegt werden musste. Mit einem schnellen Griff zog sie sich auf den Sattel und ganz anders als ihres Geschlechtes entsprechend setzte sie sich ordentlich in den Sattel. Wer diesen sinnlosen Damensattel erfunden hatte gehörte bestraft. Sie musste schmunzeln und mit leichtem Druck ihres Schenkels trieb sie das Tier voran. Es war eine große Kunst, ihm Befehle anhand von Geräuschen beizubringen. Zwitschern, Pfeifen, ein Schnalzen mit der Zunge. Alles hatte bestimmte Bewegungsabläufe und Befehle, die das Pferd irgendwann wusste. Sie musste die Zeit noch genießen, in der sie ohne Risiko ausreiten konnte. Irgendwann – und allzu lange würde es nicht mehr dauern – würde das nicht mehr ganz so leicht gehen. Und irgendwann später erstmal gar nicht mehr. Sie musste Niando dazu quälen, dass er ihre Pferde ausritt. Er konnte es ja. Er war nur immer viel zu bequem dazu.
Der Ausritt war befreiend und als sie zurück kam, sattelte sie das Tier ab und kümmerte sich auch um die weitere Verpflegung. Danach musste sie sich erst ein paar Minuten ausruhen und legte sich auf ihr Bett. Es fühlte sich an, als würde es von Tag zu Tag schwerer werden und die Last größer. Dabei war ihr Zustand noch gar nicht so weit fortgeschritten. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ sich von der Stille und dem Plätschern des Wassers aus dem Badebereich mitreißen.


Der Vorhang fiel zurück und sie distanzierte sich von dem Fenster. Schon immer hatte sie einen perfekten Blick auf den Zugang zum Hof und konnte sehen, wer gekommen war und wer wieder ging. Und sie kannte eine Menge Leute hier in diesem kleinen Städtchen. Nachdem der Bürgermeister den Weg zum Hof auf sich genommen hatte, wandte sie sich um und ging zur Türe ihres Zimmers. Eigentlich musste sie längst schlafen, aber die Neugier trieb sie an den Absatz der Treppe. Sie lauschte. Es waren nur wenige Worte, die sie auffassen konnte, es war ihr auch nicht möglich, die Stufen zu betreten. Dies hätte sie und ihr Vorhaben nur verraten. Also musste sie leise sein und weiter lauschen. Sie wagte es nicht einmal im Ansatz zu atmen. Aber es half alles nichts, sie vernahm viel zu wenig, um aus den Worten etwas erahnen zu können. Nachdem sie sich wieder auf den Fenstersims gesetzt hatte und ihr Tagebuch ergriff, kratzte die Feder auch schon über das Pergament.

Sie blinzelte. Hatte sie Schritte vernommen? Ihr Kopf dröhnte von ihrem Traum und sie seufzte. Wie schnell einen die Vergangenheit doch immer wieder einholen konnte. Sie rieb sich die Schläfrigkeit aus den Augen und ging empor. Sie hatte sich nicht getäuscht. Ihr Liebster war nach Hause gekommen und mit ihm all die Ruhe, die ihren Körper nun wieder durchströmte. Am liebsten würde sie ihn keinen Moment mehr von ihr weg lassen, doch dies war schlichtweg unmöglich. Er hatte zu tun und sie ebenso. Für einen Moment sah sie aus dem Fenster in die Ferne und ließ ihre Gedanken schweifen. Für einen Moment viel zu sehr, denn sie schenke seinen Worten keine Aufmerksamkeit, bis sie sich letztendlich aus ihren Gedanken riss.
Er erzählte ihr von Adoran und den versteinerten Tieren und Menschen. Versteinert? Sie konnte sich nicht viel darunter vorstellen, doch in ihr wuchs die Neugier. „Du wirst dort nicht mehr alleine hinfahren.“ - und schon wieder wurde ihre Neugier im Keim erstickt. Sie hasste es, sich nun auch noch fügen zu müssen. Nichts desto trotz überzeugte sie ihn davon, mit ihm nach Adoran zu fahren.

Sie gingen die Straßen entlang, aber alle Spuren waren wohl schon verwischt wurden. Zu schade, sie hätte wirklich gerne ein solches versteinertes Exemplar betrachtet. Wenn man etwas echt vor sich sah, wuchs der Respekt vor dieser Sache deutlicher an. Stattdessen war sie nun gefangen an einem Tisch mit zwei Magiern und einem Thema, bei dem sie nichts beizutragen wusste. Vielleicht wusste sie, aber jeder Beitrag ihrerseits wäre sinnlos gewesen und wäre nur belächelt worden. Also schwieg sie an seiner Seite und begrüßte schlichtweg die immer wieder Eintretenden. Sie besah sich die Taverne, zupfte an ihrem Kleid herum und nahm dann schlicht und ergreifend die Flucht ins Freie. Sie brauchte sowieso Luft und ihr Magen rebellierte nach dem Salat, warum also nicht hinaus und die Beine vertreten? „Bleib in der Nähe, Nel.“ Warum nicht gleich ein Halsband mit einer Leine um den Hals? Sie seufzte und setzte sich auf die Bank vor der Taverne. Die Sonnenstrahlen taten ihr gut und sie fühlte sich wohl hier draußen. Die frische Luft durchströmte ihre Lungen und so beschloss sie, sich doch ein wenig umzusehen.


Sie sah in das gebrochene Gesicht, sah die kaltblütigen Augen und spürte diese Distanz, die schon immer zwischen ihnen beiden gewesen war. Das war also sein bitteres Geheimnis gewesen? Das hatte seine schwarze Seele also wie einen Schatz bewahrt? Dieses Geheimnis? Die blanke Wut und das Entsetzen über sich selbst schoss in ihr empor. Sie war diesem Traum verfallen und er hatte alles dafür getan, um sie in diese Situation zu bringen. Sie stand da und sah, wie er zu der Kutsche geführt wurde. Wie ein Schuldiger auf dem Weg zu seinem Richter. Sie presste die Lippen aufeinander. So jung war sie und doch war das, was hier geschah, etwas, was ihr ganzes Leben prägen würde. Er sah über die Schulter zu ihr zurück und schenkte ihr diesen üblichen Blick, mit dem er sagen wollte: Es tut mir Leid. Sie keuchte. Es war die innere Betäubung durch den Schmerz, der durch ihre Adern raste und ihre Gedanken kreisen ließ. Sie schoben ihn voran, Schritt für Schritt weiter in das nächste Unheil. Wie konnte er nur? Was hatte er sich dabei gedacht? Jetzt war ihr klar, warum er immer und immer wieder fort musste. Sie war so naiv, so blauäugig gewesen. Hatte ihm vertraut. Hatte gehofft, dass aus ihnen mehr werden konnte als dieses Heimliche, dieses Ungewöhnliche. Mehr als nur Blicke. Sie hatte sich nach Zärtlichkeiten von ihm gesehnt. Und ihr wurde übel, als sie den Gedanken, den Satz in ihrem Kopf, zu ende sprach. Sie wandte sich ab.

Ein Schaudern durchzog ihren Körper und sie versuchte, wieder ihren klaren Weg einzuschlagen. Vielmehr irrte sie hilflos durch die Straßen, als das sie koordiniert voran lief. Wohin sollte sie auch gehen? Sie sah an sich herab, an ihrem Antlitz und sie schüttelte den Kopf. Sie musste einen ruhigen Fleck suchen und dann würde sie ihren Eltern schreiben. Sie war fortgegangen, weit fort von ihrem Zuhause und sie wollte auch nie wieder zurück. Die Vergangenheit sollte ruhen und sobald sie alles nochmals durchlebt hatte, würde sie auch mit dieser abschließen. Aber mit dieser neuen, so viel besseren und intensiveren, ehrlichen Liebe kamen all ihre Ängste zurück, die sie aus ihrer Heimat vertrieben hatten.
Es waren nur wenige Schritte, als sie den Pavilion sah und beschloss, sich dort erstmal nieder zu lassen. Es war ein guter Ort, um die Gedanken kreisen zu lassen und richtige Worte zu finden. Aber wie sollte man einem geliebten Menschen schreiben, den man einfach so von heute auf morgen verlassen hatte? Ihre Eltern würden sowohl erfreut über eine Nachricht von ihr sein, aber auch zutiefst enttäuscht. Wollte sie sich dem wirklich stellen? Sie seufzte und klappte das Buch wieder zu. Irgendwann, ja. Aber nicht jetzt. Sie wollte nach Hause. Zurück nach Lameriast. Und so trat sie den Weg nach Hause an ...
Neliel Lelyn

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Tag 1: Die Abreise und Ankunft

Es ging ganz schnell. Nachdem sie ihre Sachen gepackt und in die Kutsche gestiegen war, dauerte es eine ganze Weile, bis sie endlich zuhause angekommen war. Es fühlte sich gut an, als sie von ihren Eltern in die Arme genommen wurde. Sie hätte fast heulen können und als ihre Mutter zu weinen begann, liefen auch bei ihr die Tränen.

Die ganze Kutschfahrt über hatte sie Zeit zum nachdenken. Manchmal konnte das wirklich ein Fluch sein. Zwischenzeitlich war sie immer mal wieder an dem Punkt angelangt, an dem sie umkehren wollte. Wieder zu ihm wollte. Aber dann zügelte sie sich und besann sich darauf, dass es besser so war, wie es jetzt war. Sie brauchten beide ihre Zeit. Und wenn sie zurückkam (im Fall der Fälle, dass sie es tun würde) und er war noch da, dann wusste sie, dass er sie zumindest wirklich liebte.

Nachdem ihre Mutter sie endlich losgelassen hatte gingen sie zum Haus. Als sie ihr Zimmer betrat war alles noch beim alten. Es war noch genau so, wie sie es verlassen hatte. Sogar ihr altes Kuscheltier war noch auf dem Bett und das letzte, gelesene Buch lag noch auf dem Nachtkästchen. Sie setzte sich auf das schmale Bett und strich mit ihrer Handfläche darüber. Sie war zuhause. Und doch fühlte sie sich irgendwie fremd hier. Sie sah zu den Gardinen vor dem Fenster und entschied sich dann dazu, doch wieder hinab zu ihren Eltern zu gehen.

Ihre Mutter hatte längst eine Suppe aufgesetzt. Das war das tolle an Mutter und Tochter. Ihre Mutter verstand ohne Worte, dass ihre Tochter Kummer hatte. Ihr Vater hatte das Haus längst wieder verlassen. Er musste sich um das Vieh auf dem Gehöft kümmern. Also musste sie vorerst mit ihrer Mutter alleine Vorlieb nehmen. Und wenn sie ehrlich war, das war ihr im Moment sogar mehr als Recht. Als ihr die Suppe vorgesetzt wurde nahm sie vorsichtig kleinere Löffel davon. Die innere Wärme tat gut und trieb ihr wieder ein wenig Farbe ins Gesicht.

"Was ist denn los, mein Schatz?"
Es war süss, wie fürsorglich ihre Mutter auf einmal war. Sie freute sich wirklich, ihre Tochter zu sehen. Es dauerte eine Weile, bis Neliel ihr alles erzählt hatte. Die Entführung, der Streit mit Janus, alles. Nur die Schwangerschaft sparte sie im Moment noch aus und verbarg den gewölbten Bauch unterhalb ihrer weiten Jacke.
"Ich liebe ihn wirklich.. aber es tut so weh."
Neliels Mutter schenkte ihr ein Lächeln und streichelte über ihren Rücken. "So ist das mit der Liebe, mein Schatz. Aber du wirst sehen, es wird alles wieder gut..."

Ob alles wieder gut werden würde, da war sie sich noch gar nicht so sicher. Sie war enttäuscht und verletzt und hatte keine Kraft mehr. Die Emotionalität, die sie heute überkommen hatte, war ihr zuviel geworden. Sie tätschelte ihrer Mutter kurz das Knie, dann erhob sie sich. "Danke, Mama. Ich geh nun hoch und werd ein wenig schlafen. Die Fahrt war anstrengend."
Doch diese lächelte nur und erwiderte: "Ja, in deinem Zustand ist das vermutlich gar nicht verkehrt." und schenkte ihrer Tochter noch ein Zwinkern.

[...]

Sie ging die Treppen zu ihrem Zimmer empor und auch wie früher knacksten die Dielen unter ihren Schritten. Sie hatte den Geruch der Wände und der Teppiche vermisst. Und auch ihr eigenes Zimmer. Schnell schob sie die Türe auf und ging ins Innere. Sie brauchte Ruhe und sperrte die Türe ab, legte die Jacke über die Stuhllehne und besah sich im Spiegel. Sie sah so hilflos aus und so verzweifelt. Dunkle Ringe zierten ihre Augen und der Ausdruck dieser war müde. Man sah ihr an, dass sie viel geweint hatte, waren ihre Augen doch gerötet. Und wie sie sich dort im Spiegel sah, begannen wieder einzelne Tränen über ihre Wangen zu rollen. Mit dem Handrücken wischte sie die Tränen weg. Sie fühlte sich schlecht, wie sie hier alleine vor dem Spiegel stand. Sie wollte bei ihm sein, aber sie wusste ebenso, dass es jetzt einfach besser war, nicht bei ihm zu sein.

Nachdem sie ein wenig geschlafen hatte, ein, höchstens zwei Stunden vielleicht, setzte sie sich an den Tisch und begann, einen Brief an ihn zu verfassen. Er sollte sich keine Sorgen machen und sie hoffte, dass ihr dies auch gelingen wollte. Sie musste überzeugend klingen, auch wenn dieses Gefühl innerlich fast nicht zu ertragen war.

Und so würde er an diesem Abend noch, nicht allzu lange nach ihrem Fortgang, den ersten Brief bekommen.

Liebster Janus,

ich bin gut bei meinen Eltern angekommen. Die Fahrt war anstrengend und der Kutscher musste mehrere Pausen einlegen, weil mir schlecht geworden ist. Uns geht es beiden gut. Meine Eltern haben mich mit offenen Armen aufgenommen und sind froh, mich wieder zu sehen.

Ich hoffe, der Hof wird dir nicht zuviel neben all deiner Arbeit, die du sonst noch so machen musst. Morgen werde ich mit meinem Vater auf einen großen Markt fahren. Deswegen muss ich heute bald schlafen gehen, damit ich morgen früh auch wirklich wach bin.

Meine Mutter weiß über meinen Zustand Bescheid, obwohl ich nicht mit ihr geredet habe. Sie war nicht böse. Warten wir ab, was Vater dazu sagt. Ich hoffe, er reagiert ähnlich verständnisvoll. Ein uneheliches Kind ist eigentlich eine Schande.

Ich vermisse dich. Ich hoffe, es geht dir gut.

Grüße aus der Ferne,


Neliel
Neliel Lelyn

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Tag 2: Markttag

Der Regen prasselte auf das Dach über ihr und sie schaffte es nicht, sich nur darauf zu konzentrieren um einzuschlafen. Immer wieder stand sie auf, sah aus dem Fenster und dachte darüber nach, ob das, was sie hier tat, auch wirklich der richtige Weg war. Aber war es nicht so, dass man Abstand brauchte um herauszufinden, was wirklich richtig war und was nicht? Sie sehnte sich nach ihm und die Sehnsucht zerfraß sie halb. Allein an diesem Gefühl spürte sie, dass es richtig wäre, wieder zurück zu fahren. Aber sie streubte sich im gleichen Zuge so sehr. Es war leer ohne ihn und ihr fehlte die Wärme um sie herum. Die starken Arme, die sie hielten und ihr all die Sorgen nahmen. Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wangen, als sich wieder einige Tränen über ihre Wangen stahlen. Es klopfte. Sie blickte über die Schulter zurück. "Herein."
Ihre Mutter betrat das Zimmer und trug eine Kanne mit Tee herein. Der starke Geruch der Kräuter brannte Neliel in der Nase und sie lächelte matt, versuchte ihre Tränen zu verbergen. "Der hilft dir beim einschlafen, mein Kind." Es war schön, dass sie sich trotz allem bei ihren Eltern geborgen fühlte und wieder aufgenommen wurde. Ihre Mutter trat auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. "Egal, was du tust, du wirst für dich das Richtige entscheiden...". Neliel lächelte schwach. Vermutlich würde sie das. Doch was, wenn nicht? Sie nahm einen Schluck von dem Tee und spürte, wie sie innerlich ruhiger wurde. Das letzte Mal, als sie solch einen Schmerz verspürt hatte, hatte sie erfahren, dass der Mensch, den sie über alles geliebt hatte, wahllos Menschen umbrachte, nur, weil es ihn weiterbrachte. Sie hatte sich in einen Mörder verliebt gehabt. Eine Liebe, die nie sein durfte und die ihr doch das Herz gebrochen hatte. Sie starrte noch eine Weile in die Dunkelheit der Straßen, als ihre Mutter sie allein gelassen hatte und begab sich dann zu Bett. Es war kalt und leer und alles andere als das, was sie von ihrem eigenen Heim kannte. Und wieder wurde ihr bewusst, wie sehr Janus ihr fehlte. Das Prasseln des Regens begleitete ihre Gedanken bis tief in die Nacht.

Am nächsten Morgen, als sie geweckt wurde, wollte sie gar nicht so wirklich wach werden. Die Tränen und die Anstrengung ihrer Gedanken über den letzten, vergangenen Tag hatten sie doch noch müde gemacht. Aber sie stand auf, schließlich hatte sie ihrem Vater versprochen mit auf den Markt zu fahren. Sie zog sich ihre Jacke über, ging ins Bad und wusch sich. Sie zog sich vollkommen an und setzte sich zu ihren Eltern an den Küchentisch. Der Tisch war reichlich gedeckt und ihre Mutter meinte es mehr als gut mit ihr. Frische Früchte, Joghurt, Quark, frisches Brot. Alles, was das Herz begehrte und doch war ihr Magen wie zugeschnürt. Sie nahm ein paar Bissen von dem Brot, löffelte den Quark leer und steckte sich einen roten, saftigen Apfel in die Tasche. Dann verließ sie mit ihrem Vater das Haus.
Während der gesamten Kutschfahrt sah sie aus dem Fenster. Besah sich Felder, Wege, Berge und Täler. Die Worte ihres Vaters blendete sie aus, hier und da nickte sie nur oder schenkte ihm ein "Mhm..", aber zuhören? Das tat sie nicht. Ihre Gedanken waren ganz woanders.
"Hier.", sagte ihr Vater, als sie ausgestiegen waren und reichte ihr eine befüllte Kiste mit Obst entgegen. Sie sah zu ihm empor und zögerte für einen Moment, doch dann griff sie danach und stellte sie auf den Boden. Sie hoffte schlicht und ergreifend, dass ihr das nicht zu schwer war. Ihr Vater durfte von ihren Umständen zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts erfahren. Also biss sie die Zähne zusammen und hoffte, dass der Tag bald vorbei war.

[...]

Der Tisch war schon gedeckt und das Essen stand auch auf dem Tisch, als der lange Weg sie wieder nach Hause führte. Neliel taten die Füße weh und ihre Arme schmerzten vom vielen Heben. Sie fühlte sich kaputt, aber der Tag hatte seine Wirkung gezeigt: Sie hatte selten an Janus gedacht und sogar ein paar Mal gelacht. Auch wenn ihr gar nicht zum Lachen zumute war. Und der Hunger blieb auch nicht aus. "War euer Tag schön?", fragte ihre Mutter, während sie jedem etwas Essen auf den Teller lud. Neliel nickte und erzählte von all den Tieren, die sie gesehen hatte und von dem Mustang, der ihr in den Blick gefallen war. Solch dunkles und schönes Fell und von stattlicher Größe. Ihre Mutter lächelte. Allem Anschein nach war auch sie froh, dass Neliel Gefallen an etwas anderem gefunden hatte und so wenigstens für eine Weile abgelenkt war.

Nach dem Essen ging sie zurück in ihr Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Sie sah auf den leeren Pergamentbogen und überlegte, ob sie sich nun ihren Erinnerungen und damit dem Schmerz wieder hingeben sollte. Sie seufzte, stand auf und machte sich fertig für das zu Bett gehen. Morgen war auch noch ein Tag und da hatte sie genügend Zeit, um ihm zu schreiben. Also beschloss sie, sich umgehend ins Bett zu legen. Sie spürte den sanften und kalten Nachtwind und kuschelte sich in die Bettdecke, um einen Punkt über sich zu fixieren. Sie hoffte einfach, dass die Müdigkeit ihrer Knochen sie schnell einschliefen ließ. Ihre Gedanken jedoch ließen sie nicht in Ruhe. Dachte er an sie? Vermisste er sie? Setzte er vielleicht sogar alle Hebel in Bewegung, um sie irgendwie zurückzuholen? Oder hoffte und betete er nur, dass sie wieder zu ihm zurück kam? Würde er dann merken, wie wichtig ihr die ganze Situation war? Oder würde alles beim Alten bleiben? Sie seufzte und stockte im Seufzen, als sich der Schmerz in ihrem Körper ausbreitete. Sie kniff die Augen zusammen und holte immer wieder tief Luft, in der Hoffnung, dass dieser Schmerz nachließ. Aber anstatt nachzulassen wurde er schlimmer. Sie rief laut und panisch nach ihrer Mutter. Es dauerte auch nicht lange, da stürmte sie zur Tür herein. "Nel, was ist los?", sie sah zu ihrer Tochter hin, die gekrümmt in ihrem Bett lag. "Nel, Schatz! Was ist los mit dir?" Neliel sah ihre Mutter flehend an und Tränen liefen über ihre Wangen. Leise flüsterte sie: "Mein Kind...". Mittlerweile war auch ihr Vater in ihrem Zimmer und ihre Mutter schrie ihm hektisch entgegen. "Schnell, ruf die Heilerin des Dorfes." Ihr Vater wollte Fragen stellen, doch ihre Mutter schrie nur hysterischer. "Nun mach schon, hier geht es um dein Enkelkind."

Es dauerte nicht lange, da war die Heilerin auch schon da. Sie schickte Neliels Eltern vor die Türe, um sich um Neliel zu kümmern. Ihr Vater sah zu ihrer Mutter. "Sie ist schwanger?" Eleyna nickte nur. Ihr Vater schlug mit der Faust gegen die Wand. "Von diesem Kerl?" Es erfolgte wieder ein stummes Nicken. "Ein uneheliches Kind? Sie weiss doch, dass das sündhaft ist." - "Hast du keine anderen Sorgen?" Eleyna wandte sich ab und verschwand in der Küche, während die Heilerin noch immer in Neliels Zimmer war.

[...]

Die Sonne kitzelte auf ihrer Nasenspitze und sie erwachte. Sie sah sich um. Ihr Kopf dröhnte und sie erinnerte sich nur schwach an die gestrige Nacht. Sie blinzelte und sah, dass ihre Mutter neben ihr saß. Die müden Augen wollten den Schleier gar nicht loslassen. "Was...", doch ihre Mutter unterbrach sie. "Schht. Es ist alles in Ordnung... aber du brauchst Ruhe."
Alles in Ordnung. Für Neliel fühlte sich alles anders an als "in Ordnung". "Wir haben ihm geschrieben, was passiert ist." Neliel seufzte. Ja, das war die beste Idee gewesen. So würde er sicher ganz beruhigt sein. Sie presste die Lippen aufeinander. Jetzt wäre sie am liebsten bei ihm. Aber in diesem Zustand konnte sie nicht zurückfahren. "Ich hätte die Kisten nicht heben sollen...", hauchte sie leise und ihre Mutter stutzte. "Du hast Kisten gehoben?" Neliel nickte. Und ihre Mutter rauschte wütend aus dem Zimmer.

Währenddessen überbrachte der Bote das Schreiben an Janus.

Lieber Janus, Lebensgefährte Neliels,

ich schreibe aus einem Umstand heraus, der nicht ganz so erfreulich ist. In dieser Nacht plagten Neliel starke Schmerzen im Unterleib. So stark, dass eine Heilerin zurate gezogen wurde. Die Ursache dafür ist mir nicht bekannt, aber vermutlich war die Aufregung für unser kleines Mädchen in der letzten Zeit zu stark. Sie ist bei uns in guten Händen, wir werden alles erdenkliche dafür tun, damit es ihr bald wieder gut geht.

Macht Euch keine Sorgen, ihr wird es bald wieder gut gehen. Sie wollte euch vermutlich selbst schreiben, jedoch habe ich ihr diesen Schritt abgenommen.

Ich übersende meine Grüße,


Eleyna Lelyn
Janus Aethra

Beitrag von Janus Aethra »

Geehrter Herr und Frau Lelyn,


Schweren Herzens überließ ich dem Boten diesen Brief, statt selbst den Weg zu Ihr selbst zu suchen, doch war es ihr Wunsch, allein zu reisen, und diesen möchte ich versuchen zu respektieren.
Ich danke für das Vertrauen, welches ihr mir entgegen brachtet, als ihr mir euer Schreiben zukommen ließt und fühle mich in großer Sorge, aber auch großer Erleichterung, sie in fürsorglichen Händen zu wissen. Ich hoffe sehr, dass die Zeit es ermöglichen wird, die Eltern Neliels selbst kennen zu lernen, auch wenn es die Umstände im Augenblick nicht gebieten. Sollte sich dieser Zustand jedoch ändern, sollte Neliel meine Anwesenheit wünschen, so bin ich in Windeseile in ihrer Nähe - ich bitte euch, ihr dies von mir mitzuteilen.
Leider ließ sie mit ihrer Reise einige Dinge unvollendet zurück, deren Vollendung ich mir nun ersehne. Sehr hoffe ich, sie bald wieder bei mir zu wissen.

In respektvollem Verbleib,

Janus Aethra

Er hatte dem Boten lange nachgesehen, bis er in der Ferne entschwunden war. Es war nicht schwer zu erraten, welche Schmerzen Neliel plagten, und vermutlich war es auch ihren Eltern längst klar. Und doch ehrte es sie, dass sie darüber schwiegen und Ihre Gesundheit in den Vordergrund trugen.
Diese Umstände, die sie fort zu ihren Eltern trieb... er konnte sie zwar verstehen, doch nicht nachvollziehen. Wieso sie Ihm verzieh, nachdem er ihr Leid antat, wieso sie zuließ, dass dieses Ereignis sich zwischen sie beide drängte. Natürlich, Janus wusste sich im Recht - doch begann er zu zweifeln, ob in diesem Fall das Rechte auch das Richtige war. Eine sichere Antwort auf die Frage, ob es klüger wäre, die Augen dieses Mal zu verschließen und zu verdrängen, statt anzuklagen, bekam er nicht.
Wirklich sicher war er sich nur in einer Sache: Er vermisste sie, doch war ihm dies schon in dem Moment klar gewesen, als sie die Stufen empor schritt, kurz nachdem er ihre Zeichnungen erblicken konnte und so Vieles ungeklärt im Raume verblieb.
Gefühl oder Überzeugung ... sie gingen nicht immer Hand in Hand.
Neliel Lelyn

Beitrag von Neliel Lelyn »

Tag 3: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe.

Heiße Brühe und viel Zeit für sich selbst, das hatte Neliel am dritten Tag bei ihren Eltern. Sie fühlte sich selbst noch etwas geschwächt und ihr Körper wie auch das ungeborene Kind zeigten ihr deutlich, dass sie nicht in der Lage war, lange zu stehen oder zu sitzen. Sie musste sich selbst und dem Kind zuliebe schonen und dafür ihre Sturheit ablegen. Immerhin hatte sie nicht mehr nur die Verantwortung für sich selbst.

Immer mal wieder sahen ihre Eltern nach ihr und fragten sie, ob sie etwas benötigen würde. Aber ihr ging es den Umständen entsprechend gut. Und wenn sie alleine war konnte sie wenigstens viel nachdenken. Und abwägen. Ihre Mutter hatte ihr das Antwortschreiben von Janus überbracht. Wie sehr wünschte sie sich, dass er einfach durch die Türe trat und sie in den Arm nahm. Aber der Brief sagte anderes. Er respektierte ihren Wunsch. Das machte er durch diesen Brief deutlich. Es war komisch. Hier konnte er ihren Wunsch respektieren, aber wenn es um andere Dinge ging, war er stur und uneinsichtig. Sie schüttelte den Kopf und legte den Brief beiseite. In ihr wuchs die Enttäuschung wieder und die Zweifel wurden stärker, ob sie wirklich weiterhin mit ihm zusammen sein konnte. Sie hatte gehofft, dass sie nicht einen Moment solche Gedanken bekommen würde, aber die Worte - seine Worte - brannten innerlich. Sie schloss die Augen und gönnte sich ein wenig Ruhe.

Nachdem sie ein paar Stunden geschlafen hatte fühlte sie sich zumindest ein kleines Stück besser. Sie setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster und sah hinaus. Danach griff sie nach einem Pergament und begann zu schreiben.

Janus,

ich bin heute wieder munter genug, um dir selbst einen Brief zu schreiben. Es fällt mir zwar schwer, aber ich möchte es trotzdem selbst tun. Meine Mutter hat mir den Brief von dir übergeben. Dankeschön dafür. Du schriebst, ich hätte unvollendete Dinge zurückgelassen? Wovon sprichst du? Mir geht es auf jeden Fall gut hier. Ich habe viel Zeit zum nachdenken und noch mehr Zeit, um herauszufinden, was richtig für uns zwei drei ist.

Ich hoffe, es geht dir auch gut.


Neliel

Sie faltete das Pergament und versiegelte es mit heißem Wachs. Dann legte sie es auf den Schreibtisch. Ihre Mutter würde es später für sie wegbringen.

[...]

Tag 4: Geschenke

Sie wurde früh wach. Das Vogelgezwitscher und der nahende Sonnenaufgang hatten sie geweckt. Da es ihr an diesem Tag deutlich besser ging, setzte sie sich auch wieder an den Frühstückstisch zu ihren Eltern. Es war die erste Nacht, seit sie hier angekommen war, in der sie wirklich gut geschlafen hatte. Sie hatte keine Schmerzen und verschwendete auch keine Gedanken mehr an Janus. Sie genoss ihre Abwesenheit und die Entfernung zwischen beiden. Zumindest für den Moment. Innerlich wusste sie, dass dieses Grundgerüst bald wieder brechen würde. Und dann würde sie ihn wieder vermissen. Vermutlich mehr denn je.

"Neliel, fühlst du dich denn munter genug, um ein wenig vor die Türe zu gehen?" fragte ihr Vater, während er sich die Butter auf das Brot strich. Neliel sah ihm entgegen und zuckte mit den Schultern. "Wenn ich vorsichtig bin, bestimmt." Ihr Vater lächelte daraufhin. "Es tut dir nicht gut, wenn du immer hier im Haus sitzt. Du musst dir die Berge und die Landschaft ansehen." - und damit hatte er Recht. Auch, wenn sie sich noch schonen musste, sie würde sich mit einem Buch auf die Veranda setzen und zumindest die Natur um sich herum genießen. Den eingewachsenen Teich vor dem Haus und den verwilderten Teil des Gartens ihrer Mutter. Schon als Kind hatte sie den Garten geliebt. Sie schob den Stuhl zurück und wollte den Teller zur Spüle tragen, aber ihre Mutter war schneller und nahm ihr das Geschirr ab. "Geh nur, dein Vater begleitet dich mit hinaus!"
Neliel lächelte und begleitete ihren Vater hinaus. Dieser hatte ihr schon alles hergerichtet, was sie brauchte. Etwas zu lesen, eine Schale mit frischem Obst und frisches Wasser. Sogar eine warme Decke hatte er bereit gelegt. Sie seufzte. Jetzt war sie fast glücklich. Zumindest, wenn sie über all die anderen Probleme hinweg sah. Sie setzte sich auf den Stuhl und begann zu lesen.

Das Scharren des Kieses und die eindeutigen Laute von Hufen auf dem Kies ließen sie wach werden. "Neliel!" hörte sie ihren Vater rufen und sie setzte sich auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und sah über den Innenhof. Sie sah, wie ihr Vater eilig ums Eck bog. Und sie sah auch, was er mit sich führte. Es war der dunkle Mustang, den sie auf dem Großmarkt gesehen hatte. Genau dieser. Und er führte ihn direkt auf sie zu. Ein strahlendes Lächeln legte sich auf ihre Züge. Er hatte ihr nicht wirklich dieses Tier gekauft? Sie stand auf und eilte zu ihm. Zumindest versuchte sie das, was jedoch in kleineren, schonenden Schritten endete. "Du hast ihn gekauft?" Ihr Vater lächelte und nickte. "Ich wollte diesen einen Glanz wieder in deinen Augen sehen, mein Kind!" und er streichelte ihr durchs Haar. Das war ihr Vater. Mit solchen Gesten und solchen Aufmerksamkeiten schaffte er es, dass es ihr gut ging. Und das sie glücklich war. Strahlend sah sie zu dem Mustang hin.

Als sie am Abend dann nach Hause kam war sie geschafft. Sie hatte den Mustang herumgeführt, konnte jedoch noch nicht auf ihm reiten. Sie musste sich noch ein wenig schonen. Aber bald, bald würde sie den ersten Ausritt wagen. Sie lies die hölzerne Tür hinter sich ins Schloss fallen. Jetzt hatte sie das erste Mal an diesem Tag Zeit, über alles weitere nachzudenken. Sie setzte sich an den Tisch und besah sich den Brief von Janus erneut. Stumme Tränen rollten über ihre Wangen. Sie sehnte sich nach ihm, wie sie es vorhergesagt hatte. Aber auf der anderen Seite tat diese Entfernung immer noch gut. Als es klopfte, wischte sie die Tränen oberflächlich weg. "Ja?" Ihre Mutter trat ins Innere und lächelte ihr entgegen.

Benötigst du etwas, Schatz?
Neliel sah von dem leeren Pergament auf, welches sie sich bereit gelegt hatte, um einen erneuten Brief zu schreiben.
Nein... nein., entgegnete sie ruhig darauf und schüttelte den Kopf.
Ihre Mutter kam auf sie zu und setzte sich.
Möchtest du nicht endlich einmal dein Herz ausschütten? Ich sehe doch, wie dich alles quält.
Ihre Mutter sah ihrer Tochter liebevoll und voller Fürsorge entgegen. Neliel hätte erneut in Tränen ausbrechen können. So gern wollte sie mit ihrer Mutter reden, aber sie wusste nicht einmal genau über was. Aber dann, dann sprudelte es irgendwann aus ihr heraus.
Du musst ihn verstehen, Schatz. Er muss wirklich Angst um dich gehabt haben, als du entführt wurdest. Das wäre uns nicht anders ergangen, hätten wir es gewusst. Aber ich verstehe auch dich. Du bist wie ich. Eine gute Seele. Du würdest fast alles verzeihen. Aber nicht alle Menschen sind so...
Neliel nickte. Sie begann zu verstehen. Aber sie konnte es nicht akzeptieren. Sie drückte die Hand ihrer Mutter und sah ihr nach, auch, als sie längst das Zimmer verlassen hatte. Danach machte sie sich daran, einen erneuten Brief zu verfassen.

Janus,

heute hat mein Vater mich mit einem Geschenk überrascht. Wie sollte es auch anders sein: Ein Mustang. Ich hoffe, du bekommst ihn irgendwann zu Gesicht. Ich vermisse die Tiere auf dem Hof. Fütterst du sie regelmäßig?
Ansonsten kann ich heute nicht viel berichten. Es geht uns besser. Ich war heute den ganzen Tag draußen auf der Veranda, habe gelesen, geschlafen, gegessen und getrunken. Morgen werde ich meine Geschwister wiedersehen. Sie waren auf einem Ausflug und kehren morgen zurück. Ich bin gespannt, was sie dazu sagen, wenn sie mich wiedersehen und erfahren, dass sie eine Nichte oder einen Neffen bekommen werden. Sie sind bestimmt selbst wieder um einiges gewachsen. Aber ich freue mich sehr, sie wiederzusehen.
Richte bitte Niando liebe Grüße aus.

Ich muss Schluss machen, es ist schon spät.


Neliel
Zuletzt geändert von Neliel Lelyn am Donnerstag 8. Juli 2010, 20:26, insgesamt 1-mal geändert.
Neliel Lelyn

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Tag 5: Familientreiben

Die Überraschung war groß. Nicht nur ihre Geschwister waren alle zurück, sondern auch ihre Cousine, deren Mann und ihre Tante waren da. Neliel war froh sie alle zu sehen, denn das schenkte ihr Ablenkung. Auch die kleine Tochter ihrer Cousine, oder hauptsächlich diese, bekam alle Aufmerksamkeit von Neliel. Gerade einmal ein knappes Jahr war die Kleine alt und sie plapperte schon die ersten, unverständlichen Worte. Und je mehr sie mit dem kleinen Wesen spielte, desto deutlicher wurde ihr bewusst, dass sie auch bald so ein Wesen um sich herum hatte. Irgendwie machte sie dieser Umstand glücklich ...

Am fünften Tag nach ihrer Abreise von Janus hatte sie kaum noch Zeit, traurig zu sein oder über ihre Situation nachzudenken. Sowohl ihre Schwestern wie auch ihre Eltern und der Rest der Familie lenkten sie sehr ab. Ihre Geschwister nahmen die Nachricht positiv auf, dass sie eine Nichte oder einen Neffen bekommen würden und stellten Neliel so viele Fragen, die sie selbst noch nicht einmal zu beantworten wusste. Über Namen hatte sie sich noch keine sonderlichen Gedanken gemacht, immerhin hatte sie dafür noch ein wenig Zeit.

Den restlichen Tag verbrachten sie damit, Kuchen zu essen, Tee zu trinken und über die Familie zu sprechen. Ihre Cousine war glücklich. Man sah es ihr an, dass sie zufrieden war. Sie liebte ihren Mann sehr und das spürte man auch deutlich. So schnell konnte sich nichts zwischen sie stellen. Dieser Umstand machte sie für einen Moment traurig, doch als dies bemerkt wurde, wurde sie so schnell wieder in ein Gespräch verwickelt, dass nicht viel Zeit blieb, um traurig zu sein. Sie zeigte ihrer Cousine das Geschenk ihres Vaters und sie staunte nicht schlecht. Und ab diesem Zeitpunkt sprachen sie nur noch über Pferde, deren Haltung und das Dressurreiten. Und man spürte deutlich: Neliel war voll in ihrem Element.

Als es Abend wurde saß die ganze Familie am Tisch auf der Veranda. Fackeln wurden angezündet und Neliels Kater setzte sich auf ihren Schoß und ließ sich von dieser kraulen. Es war ein schöner Tag, ein schöner Abend und sie hatte alles um sich herum vergessen, denn ... sie lachte. Aus tiefster Seele heraus und aus reinem Herzen konnte sie lachen. Und so unbeschwert ging sie auch ins Bett.

Es war der erste Tag, an dem der Bote keinen Brief überbrachte.

Tag 6: Unerwarteter Besuch

Als sie am sechsten Tag ihrer Abreise wach wurde ging es ihr deutlich besser. Sie schlüpfte in ihren Morgenmantel und tapste ins Bad. Sie hatte wieder Elan und das gewisse Feuer in sich. Sie wollte sich heute um ihren Mustang kümmern und ihm einige Tricks beibringen. Dafür hatte sie nun Zeit und sie fühlte sich auch munter genug, um diesen Tag damit zu füllen. Sie hatte es geschafft, sich vollkommen abzulenken und es tat gut. Sie verschwendete keinen Gedanken mehr an ihre Situation auf Lameriast und ließ jedes einzelne Stück der Last hinter sich. Es ging ihr gut.

Sie zog ein letztes Mal den Riemen des Sattels enger, ehe sie sich auf das Pferd setzte. Es war ein besonders großes Exemplar und sie hatte selbst schon fast Angst, falls sie fallen sollte. Aber sie würde ihn schon formen, genauso wie jedes andere Pferd zuvor auch. "Na, wen haben wir denn da?", sie hörte die männliche Stimme hinter sich, Freude und Überraschung zugleich spielten in dieser mit. Neliel sah über die Schultern zurück und traute ihren Augen nicht. Chrystian, einer ihrer besten Freunde aus ihrer Kindheit, stand hinter ihr und strahlte sie aus den matten, grauen Augen an. "Chrissy, was tust du denn hier?". Sie stieg von dem Pferd ab und rannte auf ihn zu, um ihn in ihre Arme zu schließen. Er hob sie an und wirbelte sie im Kreis. "Hab gehört, dass du da bist. Da musste ich vorbeisehen.", das schelmische Grinsen auf seinen Zügen hatte er noch immer. Sie lächelte, denn sie war froh, dass er da war. Und das er sie umgehend zu einem langen Ausritt eingeladen hatte.

Nachdem auch dieser Tag damit endete, dass sie glücklich ins Bett fiel und keine weiteren Gedanken an die Situation zuhause, fand sich auch diesen Tag kein weiterer Brief ein.

Tag 7: Siebenschläfer

Der Tag begann damit, dass sie erschrak, als ihre Mutter sie weckte, um zu sagen, dass es Mittagessen gab. Sie hatte wirklich lange geschlafen, aber die letzte Nacht war sie auch noch lange wach gewesen. Sie stand auf und zog ihr Kleid an, band ihre Haare zusammen und eilte die Treppen hinab. Es war ruhig im Haus und sie hatte nun das erste Mal wieder Zeit, um über alles nachzudenken.
Ihre Mutter sah ihr lächelnd entgegen und drückte ihre Hand. "Hab kein schlechtes Gewissen, dass du die letzten Tage nicht weiter über deine Probleme nachgedacht hast. Du warst wieder du selbst.. und das ist das Wichtigste."
Neliel lächelte und aß weiter von dem Essen. Vermutlich hatte ihre Mutter Recht, aber langsam musste sie eine Entscheidung fällen. Nachdem der Teller leer war, räumte sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Küche auf. Danach verschwand sie in ihrem Zimmer und setzte sich auf das Bett. Draußen schien die Sonne, aber das war ihr für den Moment egal.

Fehlte er ihr? Die Frage konnte sie mit "Ja" beantworten. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, nach den Umarmungen.
Konnte sie ihm verzeihen? Bei dieser Frage war sie sich nicht ganz sicher. Die Umstände würden es zeigen.
Liebte sie ihn? Auch hier war sie sich wieder sicher. Ja, sie tat es. Mehr als manch anderen Menschen auf dieser Welt.
Sollte sie zurückkehren? Sie sah von ihren Fingern auf, deren Nägel sie vor lauter Nachdenken abgeknabbert hatte. Sollte sie? Oder sollte sie nicht? Ihr ging es gut hier und die Situation zuhause war belastend. Auf der einen Seite wollte sie sich das nicht weiter antun, auf der anderen Seite vermisste sie ihn so sehr.
Hatte ihre Liebe eine Zukunft? Womöglich.. womöglich nicht. Brauchte sie noch Zeit? Sie wusste es nicht. Seufzend schloss sie die Augen. Sie würde eine Entscheidung treffen. Nur nicht jetzt.
Neliel Lelyn

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Tag 8: Abschied

Der Abschied von ihren Eltern war schwer und tat weh. Aber sie hatte sich entschieden, zurückzukehren. Auch, wenn innerlich alles kribbelte und sie Angst hatte, ihm gegenüber zu treten. Sie stieg in die Kutsche, die sie zur Fähre brachte. Ihre Eltern brachten ihren Mustang dort hin.

Lange hielt sie ihre Mutter wie auch ihren Vater in ihren Armen. Dann verabschiedete sie sich und hoffte, dass ihr Schreiben frühzeitig ankommen würde, dass sie noch an diesem Abend wieder zuhause sein würde.
Neliel Lelyn

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Lameriast.

Die kühle Luft wehte ihr um die Nase, als ihr die Zügel des Mustangs in die Hand gedrückt wurden. Die dunkelbraunen Locken wurden quer durch die Gegend geschleudert, während sie die Augen verengte, um besser sehen zu können. Sie war aufgeregt und nervös zugleich. Sie freute sich so sehr, von ihm begrüßt und in die Arme geschlossen zu werden. Und umso näher sie sich dem Hafen näherten, desto schlimmer wurde dieses Gefühl.

Als sie anlegten konnte sie es kaum erwarten, von Bord zu kommen. Sie führte ihr 'Geschenk' mit sich und sah sich um. Der Hafen war, bis auf ein paar Vögel und sonstiges Viehzeug leer. Ihr Blick sah sich weiter suchend um. "Sucht ihr was, Lady?", wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie schüttelte daraufhin den Kopf und lächelte gequält. War ihr Pergament nicht angekommen?

Sie wartete, zögerte. Sie hatte Angst vor dem, was sie erwarten konnte. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, zu gehen. Aber wenn er nicht da war, obwohl er gesagt hatte, er würde bleiben und auf sie warten, dann wusste sie, was sie davon zu halten hatte. Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging langsam in Richtung ihres Hofes. Von Weitem sah sie die Pferde im Gatter und sie scheute sich nicht, ein Lächeln auf ihre Lippen zeichnen zu lassen. Aber das Lächeln starb recht rasch ab. Das Gefühl, welches sie innerlich hatte sorgte dafür, dass es ihr den Magen umdrehte. Sie ging weiter und band das Tier vor dem Gatter an.

"Janus? Bist du hier? Ich bin zuhause ...", rief sie, in der Hoffnung, dass sie sich täuschte. Er war nicht wirklich fort? Sie flehte innerlich und hoffte, dass das nun nicht passiert war. Der Hof war leer. Ihr Blick huschte über das Anwesen, aber er war definitiv leer. Er erlaubte sich einen Spaß, ganz sicher. "Hör auf damit, das ist nicht komisch..", sprach sie in die Stille. "Ich bin wieder hier.. und wir müssen reden."

Aber es blieb still. Verzweifelt hielt sie sich an dem letzten Strohhalm fest, den sie fand: Er war sicherlich im Haus. Im Keller. Saß über seiner Arbeit und hatte die Zeit vergessen. Sie ging ins Haus und rief erneut: "Liebling, ich bin zuhause.." - und sie steckte ihren Kopf in den Kellerabgang. Ruhe. Der Hof war verlassen. Sie fühlte, wie sie innerlich taub wurde und wie sich alles zu drehen begann. Wie konnte das sein? Er hatte gesagt, er würde hier auf sie warten ... Wie konnte dies nur möglich sein? Innerlich verkrampfte sich alles und sie schnappte nach Luft. Mit der flachen Hand fuhr sie sich durch das Gesicht und setzte sich auf einen der Stühle. Das Feuer im Kamin war erloschen und das Haus fühlte sich leer an. Als wäre lange Zeit kein Leben mehr in diesem gewesen.

Stille. Und dann hörte sie etwas. Und spürte etwas. Ihr Herz zersprang in tausend kleine Stücke. Tränen liefen über ihre Wangen.
Neliel Lelyn

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Sie hob den Blick in die leuchtenden Sonnenstrahlen und genoss das schimmernde Grün der reifenden Bäume. Der Duft der Kirschblüten umspielte ihre Nase und ihre langen Locken wurden vom Wind durch ihr Gesicht geschleudert. Wohl wahr, hier war sie zuhause.

Die Vorbereitungen liefen und sie konnte es gar nicht glauben, an welchem Punkt sie nun stand. Bald hatte sie ihre eigene, kleine Familie und war eine junge Mutter. Zugleich dazu auch noch die Frau des Mannes, den sie über alles liebte. Diese zauberhaften Umstände zauberten ihr wahrlich ein Lächeln auf die jugendlichen Züge.
Auch, wenn ihre Schwangerschaft alles andere als einfach war und ihr viele Träume erstmal zerstörte, irgendwie freute sie sich dennoch darauf. Gerade in der jetzigen Zeit, in welcher der Krieg ausgebrochen war und sie sich jeden Abend sorgen musste um das, was ihr lieb war, sie war tief in ihrem Herzen glücklich und ließ den Krieg kommen. Bisher war er nicht vor ihrer Türe angekommen und sie hatte auch ein gutes Gefühl darin, dass Janus sich wenigstens dieses eine Mal zurückhalten würde. Sie kannte ihn nicht, wie er früher war. Aber sie glaubte fest daran, dass er durch sie ein weiteres Stück ruhiger und besonnener geworden war. Vielleicht lag es daran, dass er sich auch darüber bewusst geworden war, was es bedeutete, Frau und Kind zu haben. Lustig war ja, dass er grundsätzlich davon ausging, dass sie einen kleinen Jungen bekommen würden. Neliel war sich jedoch schon fast sicher, dass es eher ein Mädchen wurde, als ein Junge. Wie auch immer es war, das Wichtigste war immer noch, dass es gesund auf die Welt kam und es ihm weder an Zuneigung, noch Liebe geschweige denn Wohlstand und Lebensfreude fehlte. Sie hatte selbst eine behütete Kindheit gehabt und diese würde sie in jedem einzelnen Moment an ihr eigen Fleisch und Blut weitergeben. Vermutlich war genau das der Punkt, warum es auch besser war, dass sie nur ein Kind bekommen sollte. Es fehlte nicht mehr viel zum vollkommenen Glück.. und sie war auf dem besten Weg dahin. Auch, wenn der Weg einige Hürden beinhaltete. Aber in einem war sie sich wirklich sicher: Sie wollte nicht mehr ohne ihn sein. Niemals. Nie mehr.
Neliel Lelyn

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Die Tage wurden länger. Ob gefühlt oder vom Untergang der Sonne her - es machte keinen Unterschied. Die Stimmungsschwankungen, denen sie ausgeliefert war, setzten ihr mehr zu, als der Bauch, von dem sie manchmal glaubte, ihn nicht einmal mehr tragen zu können. Aber es schien doch immer wieder zu funktionieren. Mit jedem weiteren Tag, an dem sie sich dessen bewusst war, was auf sie zukam, verfiel sie immer mehr und mehr in Panik. War sie wirklich bereit dazu?

Sie hatte keine Wahl mehr. Es würde irgendwann alles einfach auf sie zukommen. Vielleicht war es besser, sich einfach keine Gedanken über das "Was wäre, wenn?" zu machen. Es war kaum zu glauben, was für eine Einschränkung so eine Schwangerschaft war. Hier konnte man nicht mehr liegen, reiten ging so gut wie gar nicht mehr. Die Pferde wurden nur noch ausgeführt. Die Arbeit auf dem Hof ging immer schleppender voran und auf Leitern kletterte sie schon über Monate hinweg nicht mehr. Vorbereitungen für die Hochzeit? Die standen erstmal hinten an. Sie hatte es vorher gesehen. Sie würde erst ihr Kind bekommen. Und dann würden sie heiraten. Wie auch immer: Sie hatte sich damit abgefunden, dass ihr dieser Wunsch nicht erfüllt wurde. All die Hektik um das Kleid und die Ringe, das Essen und die Einladungen war umsonst gewesen.

Nichts desto trotz kamen auch die Momente, in denen sie sich freute. Ihre eigene, kleine Familie. Einen Sohn oder eine Tochter - und Namen hatte sie sich auch schon überlegt. Natürlich würden auch die Namen ihrer Kinder traditionell mit einem "N" beginnen. Ein Lächeln zauberte sich auf ihre Lippen und im nächsten Moment war alles irgendwie vergessen. Bald musste das Zimmer umgebaut werden und sie hoffte, dass er sich wenigstens darum kümmern würde.

Und so schritt die Zeit voran... und mit der Zeit die Angst. Und mit der Angst die Zuversicht. Und mit der Zuversicht die Freude. Und mit der Freude wieder die Angst. Und so drehte sich dieser Kreislauf noch eine ganze Weile weiter.
Neliel Lelyn

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Sie war überrascht und erfreut zugleich, als Janus ihr verkündete, dass er sie in der kommenden Woche begleiten würde. Sie freute sich wirklich, denn so hatte er die Möglichkeit, ihre Eltern einmal kennenzulernen. Die Innere Vorfreude ließ sie euphorisch in den nächsten Morgen starten und sie begann, einige Kleidungsstücke zusammen zu tragen, um diese im Gepäck zu verstauen. Es musste alles vorbereitet werden, immerhin war die Reise lang und im Fall der Fälle viel zu lang für sie in ihrem Zustand. "Du hast es bald geschafft", hatte Janus ihr gestern noch gesagt. Bald, ja. Bald. Und sie war froh über jede weitere Minute, die sie an ihr Ziel führte.

Nachdem sie alles gepackt hatte, sowohl ihre Kleidungsstücke wie auch die von Janus, setzte sie sich an den Tisch und schrieb ihren Eltern einen Brief, um ihr Kommen anzukündigen.



Liebste Mutter, liebster Vater,

ihr werdet euch wundern, warum ich euch schreibe. Ich möchte euch einen Besuch abstatten, da ich dich in dieser schwierigen Zeit an meiner Seite haben möchte. Wir haben uns nun eine Weile nicht mehr gesehen und ich bin erfreut darüber, dass ich euch mitteilen kann, dass ich dieses Mal nicht alleine reisen werde. Ich werde Janus mitbringen, damit ihr ihn endlich kennenlernt. Ich freue mich sehr darauf und hoffe, dass auch ihr eine gewisse Vorfreude hegt. Immerhin ist er der Mann, mit dem ich alt werden möchte.

Unsere Anreise wird voraussichtlich im nächsten Wochenlauf erfolgen. Wir haben hier beide noch ein paar Dinge zu erledigen, danach können wir aufbrechen. Ihr braucht euch keine große Mühe zu machen, um irgendwas auf Vordermann zu bringen - immerhin will ich, dass er mein Zuhause kennenlernt. Und alles, was damit verbunden ist.

Ich hoffe auf baldige Antwort.

In Liebe, eure Tochter Neliel




Sie lächelte, als sie das Pergament zusammenrollte und auf den Weg zu ihren Eltern schickte. Morgen würden sie es in den Händen halten und mit viel Glück würde sie übermorgen eine Antwort erhalten. Bis dahin galt es, Geduld zu zeigen.

Neliel fütterte gerade ihre Katzen, als der Bote nach ihr rief. "Fräulein Lelyn?" Sie sah auf und schritt auf ihn zu. Er übergab ihr das Pergament und sie lächelte dankbar, entlohnte jenen mit ein paar Münzen und frischen Erdbeeren und setzte sich auf die Bank. Schnell entrollte sie das Pergament und verfolgte die dort befindlichen Sätze ausgiebig.



Liebe Neliel,
lieber Janus,

es freut uns sehr, dass ihr beide uns besuchen wollt. Selbstverständlich seid ihr beide hier herzlich willkommen und wir werden alles vorbereiten, um euch eine schöne Zeit bei uns zu bereiten. Fahrt vorsichtig und Janus, passen Sie uns bitte ganz gut auf unsere Tochter und unser baldiges Enkelkind auf. Wir würden sie gerne unbeschädigt in unsere Arme schließen. Nur leider sind deine Geschwister, Neliel, wieder einmal außer Haus und werden erst ein paar Tage nach euch eintreffen. Aber so könnt ihr es euch erstmal ganz ruhig bequem machen.

Macht euch nicht so viele Gedanken über euren Urlaub bei uns, wir geben unser Bestes, dass jener unvergesslich wird.

Die besten Grüße,

Nora und Niell Lelyn




Sie seufzte zufrieden. Auf ihre Eltern konnte sie sich doch immer wieder verlassen. Sie legte das Pergament auf den Tisch, so dass Janus jenes auch lesen konnte, sobald er nach Hause kam. Es würde alles zu seiner Zeit kommen und die Pläne für die Reise waren perfekt. Wenn alles gut ging, dann würden sie zurück kommen und waren eine kleine Familie. Und so blieb das Lächeln auf ihren Zügen und sie ging wieder ins Freie. Immerhin gab es einige Tiere, die versorgt werden mussten.
Neliel Lelyn

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"Kinder kriegen ist doch einfach...!"

Die Fahrt nach Hause war anstrengender als gedacht. Die gepackten Koffer und Rucksäcke wurden auf der Kutsche verstaut und dann ging es auch schon los in Richtung der Heimat. Es fiel ihr schwer, den Hof hinter sich zu lassen. Aber so würde ihr der Abstand ganz sicherlich gut tun und sie hatte wenigstens noch ein paar Momente für sich, in denen sie sich nicht einmal ansatzweise einem Funken an Arbeit hingehen konnte. Denn nun hatte sie sowohl Janus, wie auch bald ihre überfürsorglichen Eltern und Geschwister um sich. Ein müdes Lächeln spiegelte sich auf ihren Lippen wieder, als sie die Schläfe an Janus' Schulter bettete. Fürsorglich legte er einen Arm um sie herum, um sie vor allem Kommenden zu beschützen.

Es dauerte eine ganze Weile und Neliel hatte mindestens ein dreiviertel der Kutschfahrt verschlafen, als sie auf dem Anwesen der Familie Lelyn angekommen waren. Verschlafen rieb sie sich den Schlafsand aus den Augen und ließ sich von Janus aus der Kutsche helfen. Ihre Eltern warteten schon voller Vorfreude und eilten auf ihre hochschwangere Tochter und ihren zukünftigen Schwiegersohn zu. Neliel wurde behutsam in die Arme genommen, erst von ihrer Mutter, dann von ihrem Vater. Und auch Janus wurde herzlich von ihren Eltern begrüßt und beide wurden sogleich umgehend in die gemütliche Stube geschoben. "Setzt euch, ihr hattet bestimmt eine lange Reise hinter euch!". Neliel musste schmunzeln und trat, die Hand zuvor noch in Janus' Hand gebettet, in das Innere des Hauses. Es roch köstlich nach frischem Brot und Bratensaft. Ein flüchtiger Blick zur Seite offenbarte ihr den schmorenden Braten über dem offenen Kaminfeuer. Das Lächeln breitete sich weiter aus und beide nahmen Platz. Schnell fand sich vor Janus ein Krug Bier ein, ob er wollte oder nicht. "Wir müssen auf die guten Nachrichten anstoßen und darauf, dass wir dich endlich kennenlernen. Immerhin gehörst du nun ja auch zur Familie!". Neliels Lächeln verschwand nicht von den Lippen, als sie ihren Vater so herzlich im Umgang mit Janus sah. Ob Janus diese Herzlichkeit etwas ausmachte oder ob es ihn freute, das konnte sie so genau nicht sagen. Im Moment wurde sie nicht schlau aus ihm. Stattdessen beobachtete sie, wie sich die beiden Herren unterhielten und sie tauschte flüchtige, vielsagende Blicke mit ihrer Mutter aus: Sie schien zufrieden mit Neliels Auswahl. Janus schien ihr zu gefallen und sie akzeptierte jenen wohl als ihren Schwiegersohn. "Kann ich dir was helfen?" fragte sie höflich und wollte sich schon erheben, als ihre Mutter ihr die Hand auf die Schulter legte. "Du ruhst dich aus. Schließlich bist du hierfür her gekommen." Neliel wollte noch etwas erwähnen, jedoch wusste sie genau, dass jegliche Diskussion sinnlos war. Sie gab sich geschlagen und sah ihrer Mutter dabei zu, wie sie den Braten anschnitt und auf die Teller verteilte. "Lasst es euch schmecken und fangt an, sonst wirds noch kalt!"

Sie hatte lange nicht mehr so gut gegessen. Und das machte sich auch bald bemerkbar. Ihr Bauch spannte noch mehr und das Kleine in ihrem Bauch trat fröhlich um sich. Als sie sich in das Gästezimmer zurückgezogen hatten befreite sie sich von den engen Hosen und schlüpfte in einen weiteren Rock. Sie setzte sich auf das Bett und es dauerte nicht lange, als sich auch Janus zu ihr setzte. "Fühl mal. Ich glaube, da ist gerade jemand sehr aktiv...", und sie führte seine Hand zu ihrem Bauch hin. Die Tritte waren wieder einmal deutlich zu spüren und sie lächelte für diesen Moment wieder zufrieden. Dies waren diese besonderen Momente, die einem immer im Gedächtnis blieben.

Am nächsten Tag standen beide recht früh auf, immerhin wollten sie viel von dem Tag haben und Neliel wollte Janus einiges von dem Hof zeigen. All die Tiere, die wunderschönen Pferde und vor allem ihren allerersten Hengst, auf den sie noch immer Stolz war. Sie zog sich ein luftiges Kleid über und zog ihn rasch mit sich. Der Frühstückstisch war gedeckt und sie konnten sich zuallererst unbeschwert den Bauch vollschlagen, ehe sie sich nach draußen begaben. Sie sah in seinen Augen, dass er sich wohl fühlte und ganz begeistert von dem war, was Neliel einst ihr Zuhause nannte. Sie schmiegte sich für einen Moment an ihn und zog ihn dann weiter. All die Tiere - und es waren noch viel mehr, als auf Neliels Hof - hatten es Janus wohl ebenso angetan. Sie zeigte ihm alles: Die Koppeln, die Pferde, die Kühe, den Stall, den Heustadel, die Maschinen, die Katzen, die Hunde, die Enten, die Gänse, eben alles, was man auf diesem Hof finden konnte. Ihr Vater ließ es sich nicht einmal nehmen, Janus dazu zu bringen, eine Kuh zu melken. Es dauerte eine Weile, bis er es raus hatte - immerhin durfte er keine Magie verwenden, das hatte sie ihm ausdrücklich verboten. Während Janus sich nun mit ihrem Vater herumschlagen musste, zog ihre Mutter sie beiseite und ging mit ihrer Tochter spazieren. Sie entfernten sich nicht weit vom Hof, aber es tat gut, einmal ein wenig mit ihrer Mutter alleine zu sein. So konnte sie all das fragen, wovor sie Angst hatte. Und was sollte man sagen? Gespräche zwischen Mutter und Tochter bewirkten manchmal wirklich Wunder.

Am darauffolgenden Tag spürte Neliel, dass der letzte Tag für sie zu bewegungsreich war. Ihr taten die Knochen weh und sie bekam häufiger Tritte. Die Nacht hatte sie recht unruhig verbracht, es war recht schwül gewesen und dazu konnte sie kaum ein Auge zu tun. Demnach war sie an diesem neuen Tag auch wie gerädert. Sie wurde von allen auch immer wieder zurück ins Bett geschickt und ihr wurde jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Sei es eine heiße Milch mit Honig oder ein kühlender Lappen für die Stirn. Irgendwann schlief sie dann wieder, die Erschöpfung des vergangenen Tages steckte doch tiefer in ihren Knochen. Janus hatte sie weggeschickt, er musste nicht die ganze Zeit bei ihr am Bett sitzen. Immerhin war schönes Wetter draußen und es gab noch so viel zu entdecken.
Sie wurde nach ein paar Stunden recht unsanft aus dem Schlaf gerissen, als ihre Geschwister nach Hause kamen. Rasch wurde es immer lauter zuhause und sie quälte sich nun doch wieder aus dem Bett. Als ihre Schwestern sie und ihren kugelrunden Babybauch sahen, konnten sie es kaum abwarten, sie zu umarmen und ihre Hände über den Bauch zu verteilen. Tausend Fragen prasselten auf Neliel ein, die einfach nur lächelte. Ihre Mutter ging irgendwann dazwischen. "Nun lasst das Mädchen doch mal und räumt euren Kram beiseite, damit sie sich hinsetzen kann, ihr egoistischen Gänse!" und schon gaben ihre Schwestern den Weg frei und schoben Neliel auf einen der Stühle. Aber nur, um sie dann weiter mit Fragen zu löchern.
Am Abend wurden die Schmerzen schlimmer und sie ging wieder auf ihr Zimmer zurück. Janus war noch immer nicht zurück gekehrt. Sie unterstellte ihm nichts, sie wusste, wie ihr Vater sein konnte. Er würde ihm sicherlich alles ausgiebig zeigen. Sie schloss die Türe hinter sich und lehnte sich dagegen. Was auch immer das jetzt war: Es tat höllisch weh und es krampfte. Und das nicht nur einmal.

"Schnell, hier nach oben!", hörte sie die Anweisungen ihrer Mutter. Die Schweißperlen standen Neliel auf der Stirn. Sie hatte sich das so nicht vorgestellt. Sie wollte immerhin noch ein paar ruhige Tage bei ihren Eltern haben. Stattdessen lag sie nun auf dem Bett, mitten in den Wehen. Die Türe ging auf und die Heilerin betrat den Raum. Ein seeliges Lächeln lag auf ihren Lippen und Neliel hätte schreien können, denn ihr war in diesem Moment nicht nach einem Lächeln zumute. Immer wieder verkrampfte sie sich und schrie, so laut wie sie nur konnte. Sie verfluchte diesen Mann für das, was er ihr hier angetan hatte. Im selbigen Moment ging die Türe wieder auf und genau dieser Mann trat durch die Tür und sah hektisch zu ihr: Janus. Den Mann, den sie im Moment so sehr verteufelte.
Es vergingen mehrere Stunden, in denen sie sich in seinen Armen festkrallte, sein Hemd zerriss oder ihn aufs Schlimmste beschimpfte. Mehrere Stunden, ehe das quäkende Schreien eines kleinen Babys den Raum erfüllte und Neliel erschöpft in das Kissen sank. Ihre Mutter nahm der Heilerin das Kind ab und wickelte es in saubere Laken. "Wir sind Großeltern von einem wunderschönen kleinen Mädchen." und sie ging auf die erschöpfte Neliel zu, um ihr ihre Tochter in die Arme zu legen. "Nilaihah soll ihr Name sein." flüsterte Neliel leise und lächelte geschwächt. Der leuchtende Glanz in ihren Augen, dieses erfüllte Mutterglück riss alle in ihren Bann. Sie spürte den Kuss auf ihrer Stirn und sie sah zu Janus. Sie hatte ihm eine kleine, gesunde und wundervolle Tochter geschenkt.
Zuletzt geändert von Neliel Lelyn am Donnerstag 8. Juli 2010, 20:39, insgesamt 1-mal geändert.
Neliel Lelyn

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Kinderlachen und ewige Sehnsüchte

Wenn man rückblickend auf die letzten Monate zurücksah, konnte Neliel zufrieden mit ihrem Leben sein. Selbstverständlich ging es immer besser, es wäre zum Beispiel zu schön gewesen, wenn sie ihren Liebsten rund um die Uhr bei sich hätte - aber man konnte nicht alles haben. Aber das Wichtigste war, dass er immer wieder nach Hause zurück kam, auch wenn es oftmals länger dauerte.

Sie sah ihn oft gehen und sie sah ihn genauso oft wiederkommen. Manchmal waren seine Reisen länger, dann war ihre Sehnsucht größer. Manchmal schien es ewig zu dauern, aber ihre Liebe und die Gedanken an ihn trösteten sie. Und auch die Tatsache, dass er mit seinen Gedanken auch immer bei ihr und bei seiner Tochter Nilaihah war. Schwer war nur, Nilaihah zu trösten. Ihr zu sagen, dass Papa bald wiederkommen würde und er dann wieder ganz viel mit ihr spielen würde. Es war immer dann schwer, wenn sie das erste Wort sagte und er nicht da war. Es war schwer, als sie anfing zu laufen und er es nicht sehen konnte. Es war schwer, als sie größer und größer wurde und hinterfragte, warum Papa so oft weg war. Und immer wieder erklärte Neliel ihr, dass Papa beschäftigt war und arbeiten musste. “Liebt Papa seine Arbeit mehr als uns?” Manche Fragen waren zeitgleich zuckersüß, aber taten ihr selbst weh. “Nein, aber Papa ist ein wichtiger Mann und hat viel zu tun. Aber er kommt bald wieder.”, versuchte sie dem Mädchen zu erklären. Und dann war Nilaihah wieder zufrieden und löcherte ihre Mama stattdessen tagtäglich mit der Frage, wann Papa wieder kam.

An Tagen, an denen Janus nach Hause kam, durfte Nilaihah auch länger aufbleiben, um mit Neliel gemeinsam auf der kleinen Bank zu warten. Es fühlte sich schön an, wenn die Sehnsucht ein Ende hatte und sie ihren Liebsten endlich wieder in die Arme schließen konnte und ihre Tochter ihren Vater wieder hatte. Dann hatte sie wieder ein Stück vom Glück für sich und war sichtlich zufrieden. Sie machten sich schöne Stunden, wenn Janus zuhause war. Er erzählte von seinen Erlebnissen und seinen Erkenntnissen, die er zusätzlich erlangen konnte und Neliel hörte ihm zu. Auch, wenn er sehr schnell hier sein konnte, ließ es die Zeit nicht immer zu. Dann musste er länger wegbleiben, seine Konzentration auf seine Arbeit legen und konnte nicht an seine Familie denken. Aber Neliel verstand das und sie war froh, wenn er hier war und sie ihm nah sein konnte. Die wenigen Stunden, die ihr mit ihm blieben, konnte sie voll und ganz genießen. Denn genau das war für sie Familie.

Aber all die positiven Momente hatten auch ihre Kehrseiten. Genau dann, wenn die Sehnsucht zu stark wurde und die Erklärungen auch für sie nicht mehr plausibel waren. Wenn die Tränen Gewalt über sie einnahmen und sie ihren Gefühlen, ihrer Sehnsucht freien Lauf ließ. Meist dann, wenn Nilaihah im Bett war. Dann wünschte sie sich, dass diese Zeit bald vorbei ging und sie jeden Tag wieder neben ihm aufwachen konnte. Das sie ihm jeden Tag sagen konnte, dass sie ihn von Herzen liebte und das sie ihm zeigen konnte, dass sie ohne ihn nicht mehr leben wollte. So verblieb ihr nur das, was sie selbst in ihrem Herzen trug: Ihre Gefühle, ihre Erinnerungen und ihre Zuversicht, dass alles gut werden würde.

Mit jedem Abschied ging ein Stück ihres Lebens. Und mit jedem Wiedersehen kehrte ein Stück ihres Lebens zurück. Bei jedem Abschied gab sie ihm einen langen Kuss und umarmte ihn lange. Von Mal zu Mal länger, einfach, weil sie ihn nicht gehen lassen wollte. “Ich liebe dich.”, flüsterte sie ihm zu, als er sich von ihr löste und Nilaihah noch einen Kuss aufdrückte. “Ich liebe euch auch.”

Dann verschwand er wieder - wie so oft. Und Neliel und Nilaihah standen am Zaun und sahen ihm nach, bis sie nichts mehr von ihm sehen konnten. “Mama…?”, schluchzte Nilaihah und drückte sich mit den Ärmchen um Neliels Hals. “Ja mein Schatz?” Sie streichelte dem Mädchen durch die dunkelbraunen Locken. “Kommt Papa bald wieder?”

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Neliel lächelte. “Ja. Aber wenn du auf dein Herz hörst, da ist der Papa immer. Und er denkt auch immer ganz fest an dich.” Nilaihah lächelte und drückte ihre Wange an Neliels Wange. “Und irgendwann bleibt der Papa dann da und geht nicht mehr weg?”

“Ja, mein Engel. Irgendwann…”
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