Verfluchte Freundschaft

Darna von Hohenfels

Verfluchte Freundschaft

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Himmel, was war nur wieder mit Rafael los? Ihr Blick ruhte auf ihm, als hätte er den Verstand verloren, es wies alles darauf hin: auf offener Straße, ein Gardist an der nächsten Ecke stehend, saß der Sire auf seinem Pferd und bölkte durch die Gegend, wann "der Gnom Arenvir" wieder da sei. Trauerfall in der Familie - interessierte ihn nicht.
"Ich werde ihn anzeigen! Er hat mich vor Monden mit Kastanien beworfen!!!"
Darna rutschte alles aus dem Gesicht. "W... was?"
"Und jetzt schickt er mir eine Torte! eine TORTE!!!"

...

Nein, das war nicht Rafael. Fatal fühlte sie sich an zwei Situationen vor Jahren erinnert, in denen er sich ähnlich fremdartig gebärdete, nachdem er sich an einem Arkoritherdolch geschnitten hatte. Sie hatte ihn nun von der Straße weg gelotst, in die adoranische Kommandantur der Allianz - Hauptsache, an einen Ort, wo er sich wie von Sinnen gebärdend nicht weiter zum Gespött zu machen drohte. Warum immer Rafael? Sie seufzte innerlich und versuchte, der Sache durch gezielte Fragen auf den Grund zu gehen. Rafael erwähnte etwas von einer seltsamen Nachricht, die bei der Torte gelegen hatte, irgend etwas von Feindschaft lesen ließ, er könne sich aber kaum daran erinnern... und danach zu Staub zerfiel.
Staub?! Darna krauste die Stirn. Ja, das klang nach einem magischen Effekt, aber hielt es für ausgeschlossen, daß der Gno.. äh, Arenvir dahinter steckte.
Mit welchem Magier hätte Rafael vor Kurzem Ärger gehabt?
Ihre Mimik sackte nach unten, als ihr der Letharenmagier in den Sinn kam, der zwei Kinder ermordet hatte, nur um Rafael zu quälen. Eine vernunftbegabte Bestie. Wurde Rafael, ausgelöst durch die Nachricht, magisch beeinflusst? Es schien ganz so.

Entsprechend lotste sie ihn auch unter dem Vorwand, daß er sich dort über Arenvir beschweren könne, zum Konzil, vorsichtig geworden... damals, unter Einfluß des Arkoritherdolches, hatte Rafael sie mit seinem Schwert aufgespießt, als er Adrian attackieren wollte und sie sich dazwischen warf. Später kam es dann nochmals zu einem Kampf am Schrein der Ehre, als sie ihn auf Befehl Adrians zurückholen sollte, wenn nötig mit Gewalt - und zunächst unterlag. Nein, derlei nochmals zu erleben, war wirklich nicht etwas, wonach sie begehrte. Und Rafael war auch noch gerüstet.
"Was war das denn für ein Bote?"
"Eine Frau, sie konnte Arenvir auch recht gut beschreiben."
"Naja, dazu gehört nicht viel..." Sie räusperte sich innerlich. Die Formulierung "Ein laufender Meter mit Augenklappe und Magierrobe" war verlockend, aber nicht sonderlich schmeichelhaft.
Es gab jedoch ein Problem - es schien niemand im Konzil anwesend, der die Tür hätte öffnen können. Himmel, was machte sie nur mit dem armen Rafael? So konnte man ihn doch nicht durch die Gegend laufen lassen. Aber es sah eine Weile so aus, als bliebe ihr nicht viel anderes über.

"Pass auf dich auf, ja?", meinte sie besorgt und hob zum Abschied die Hand. "Gütige, was ist nur los mit ihm? Schütze ihn bitte", bat sie still und konzentrierte sich auf die helfend in ihr verankerte Kraft, wollte ihrem Freund Trost und Ruhe schenken... als ein hauchdünner silbriger Schimmer seine Rüstung umspielte und am Körper versickernd verblasste, keuchte Rafael jedoch stattdessen auf, als hätte sie ihm Schmerzen zugefügt. Sie erschrak selber darüber.
"Verdammt, was machts du!!!"
Die Überraschung legte sich schnell: "Mir nun gewiß sein, daß, was immer dich da beeinflusst, nicht von Arenvir ist."
"Steckst du etwa mit ihm im Bunde?!"
Innerliches Seufzen. Nein, das war nicht Rafael. In Gedanken sah sie sich bereits von ihrem Freund und Kronritter attackiert, und angstähnliche Sorge durchflutete sie. Sie musste ihm irgendwie helfen - nur, wie jemandem helfen, der sich durch fremden Zwang nicht helfen lassen wollte? Sie kannte eine der wenigen möglichen Antworten, und sie schmeckte ihr nicht. Eine schmale Brücke hatte hierher geführt, und sie sah sich diese schon versperren, um Rafael aufzuhalten, ehe er sich selber und andere nur noch mehr in Schwierigkeiten brachte... Ein bitterer Kloß bildete sich in ihrem Hals.

"Rafael... Hattest du je Grund, mir nicht zu vertrauen?"
"Nein ... nein ... hatte ich bis jetzt nicht... Aber bisher hattest du mir auch noch nie körperlich Schaden zugefügt!"
"Den habe nicht ich dir zugefügt, etwas Dunkles in dir wehrt sich offenbar gegen Temoras Gunst", erwiderte sie ruhig, bedacht. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren und ihn weiter reizen. "Bist du noch in der Lage, zu begreifen, da du mit mir zum Kloster solltest?", fragte sie vorsichtig.
"Kloster? Was soll ich da?"
"Am Baum deiner Wut gewahr werden... Hilfe finden."
Sie hatte es geahnt. Er sträubte sich dagegen, das Kloster aufzusuchen, obwohl er sonst den Aufenthalt dort schätzte, noch immer den Baum des Lichtes verehrte. Ihre Sorge wuchs ständig, auch der Entschluß, ihn so nicht einfach ziehen zu lassen, und Rafael sah mit leichtem Entsetzen, wie sich ihre Rüstung bildete, es geschah fast ohne ihr bewusstes Zutun.
"Ich will dir doch nur helfen."
"Bleib mir vom Leibe!"
Er stieß sie zurück, als sie zu nahe kam, sie packte sein Handgelenk im Zurücktaumeln, sah ihn mit weiten Augen an. Sie musste diesen Wahnsinn durchbrechen! "Im Lichte deiner Gerechtigkeit erheben wir unser Antlitz", intonierte sie Zeilen ihres Gebetes verkündender Stimme, gänzlich auf Rafaels Zustand konzentriert, "um unsere Augen zu öffnen für alles, was wah..." - abrupt wurde sie unterbrochen, als Refaels freie linke Hand zu einer Ohrfeige mit dem Handrücken ausholte und sein Ring schmerzlich eine kurze dünne Schramme hinterlassend über ihr Gesicht zog; einen Sekundenbruchteil später glitt die zweite Hälfte des Schlages an ihrem Helm ab. Sie ließ ihn los, trat einen Schritt zurück, hatte die Klinge nun ebenso in der Hand. "Es reicht. Rafael."
"Ich sag doch, du steckt mit ihm unter einer Decke" - er ging einfach auf sie zu. Sie ruckte den linken Arm nach unten und wie Silberregen aus ihrer Armpanzerung ergoß sich ihr Schild und wölbte sich zu ihrem Schutz beitragend.
"Was wird das hier?!!!"
Ja, was wurde das hier? Er hatte keinen Helm auf, keinen Schild, sein Schwert ruhte in seinem Futteral. "Du könntest ihn diesmal in Stücke hacken, du bist ihm über. ... Das will ich doch gar nicht."

Sie hörte ihn und sich selber kaum noch sprechen, doch er kam noch näher, verspottete sie fast. Alles, was sie wollte, war... ihn aufhalten.
Unvermittelt ließ sie das Schwert los, daß jede andere Waffe scheppernd zu Boden gefallen wäre und holte aus, die Augen geweitet, und auch Rafaels Augen weiteten sich völlig überrumpelt, als nicht die Waffe sich auf ihn richtete, sondern schneller als erwartet ihre gepanzerte Faust auf sein Kinn zuraste... und er taumelnd nach hinten torkelte, dann benommen umkippte.
Ähnlich wie Arenvir in Bajard. "Ich schaff's auch immer wieder...", dachte sie mit bekümmerter Belustigung und trat rasch auf Rafael zu, stellte den Schild schräg über ihn, daß das silbrige Metall seinen Brustkorb überragte wie ein schimmerndes halbes Dach. Die Rechte legte sie ihm flach auf den Harnisch. Rafael fasste kaum bei Sinnen an sein Kinn und krümmte sie wie vor weiteren Schmerzen, als die Paladina und ihre von Temora gewährte Rüstung ihm viel zu nahe kamen und umgaben, doch diesmal drückte sie ihn mit sachter Gewalt zu Boden, hielt ihn fest. Diesmal käme er ihr nicht davon und würde sie unterbrechen!

"Die du Mutter Schöpfung bist... alles Leid und Schmerzen stillest...", intonierte sie bedächtig, sanft, doch kraftvoll und ignorierte Rafaels zunehmendes Gebrülle, sie solle aufhören,
"den, der doppelt elend ist, doppelt mit Erquickung füllest,
Sieh, er sei des Treibens müde,
was soll all der Haß und Frust?
Eluives Friede... Komm, ach komm in diese Brust!"

"NEEEEEEEEEEEEIN !!! GEH WEEEEEEEEG!!!"
So energisch er brüllte, so fühlte sie auch, wie er danach erschlaffte. War es geschafft? Das wäre fast zu einfach. Besorgt und suchend beugte sie sich über ihn, halb in ihrem Rücken entging ihrer Aufmerksamkeit, wie sich über Rafael ein Schatten gebildet hatte, der nach wenigen Augenblicken versuchte, zurück in den Körper des Ritters zu gelangen - sie war im Weg... aber dann suchte sich die ungelenkte Kraft eben in der Paladina zu versenken.

(woanders, in dunkleren Gewölben...)
...mochte die Wirkerin des Fluches spüren, daß etwas ihres Werkes nicht mehr stimmte. Spüren, daß die Kraft des Fluches geschwächt noch aktiviert war, jedoch nicht mehr dort, wo sie hätte sein sollen. Etwas am Zusammenklang veränderte sich.


Darna befiel ein leichtes Gefühl von Übelkeit, doch sie schob es auf die gerade geschehene Beschäftigung mit etwas, das nicht ihr Metier war. Mehr als einen Anker für Temoras Kraft in der Welt, eine Art Leuchtsignal: "Hier wird deine Hilfe gebraucht!", konnte sie in solchen Momenten nicht bieten, vermochte nicht zu kontrollieren, was geschehen sollte. Sie war kein Priester. Kein Magier.
Wobei dies hier keine reine magische Kraft sein konnte - sonst hätte Rafael nicht auf die Kraft der Segnung derart reagiert. Soviel der Theorie beherrschte sie dann doch. Klerikale Kraft des Panthers oder des Raben. Streitlust war gefördert worden... Alatar lag nahe.
"Du machst aber auch immer nur Ärger, Rafael", dachte sie leicht frustriert und löste sich von ihm, als er mit deutlicher Verwirrung zu erfassen versuchte, wo er war und was geschehen war. Dies schienen typische Symptome zu sein, wenn eine derartige Fremdeinwirkung beendet war. Nur wurde sie das ungute Gefühl nicht los, daß irgend etwas noch immer nicht stimmte. Ihre Verärgerung über das alles wuchs.

"Schön, daß du dich nicht erinnerst...", meinte sie unterschwellig vorwurfsvoll und zynisch, "aber ich erklär's dir gerne." Sie begann, ihm eine Art Standpauke zu halten über das, was geschehen war, wobei er grübelnd sich nun an den Inhalt der Nachricht besser zu erinnern schien:
"Ich werde einen Knoten binden... eure Freundschaft wird verschwinden. Nur noch Zwietracht werdet ihr säh'n und wütend auseinander gehen."
"Hör gefälligst zu, wenn ich dir was erkläre!", fuhr sie ihm harsch dazwischen, "Du hast dich aufgeführt wie der letzte Idiot!"
Sie begann, sich vom Konzil zu entfernen, Rafael folgte ihr etwas orientierungslos und weiter verwirrt.
"Was immer es war - es scheint, als ließ es sich vertreiben." Sie wollte mit diesen Worten den Schild loslassen; es bestand keine Gefahr mehr, nicht wahr? Mit gekrauster Stirn beobachtete sie, wie sich das Metall nur widerwillig löste, zäh zu Staub zerfiel. "Ich bin sicher, nicht wahr? Nein... wie kann man das auch sein mit Rafael in der Nähe!" Sie ließ den Versuch auf sich beruhen.
Wollte es zumindest.
"Du solltest... die Rüstung! Darna...", hielt Rafael sie auf.
"Was ist damit?"
"Es herrscht doch keine Gefahr! Lass sie verschwinden, sonst ist gleich Großalarm."
"Ja doch..."
Es ging nicht. Oder sie wollte auch nicht, daß es gehe. Sie vermochte sich kaum auf den Quell innerer Ruhe in sich zu konzentrieren, den Kern von Licht, nach dem sie zu greifen gelernt hatte... irgendwas lenkte sie ständig ab wie eine Mücke, die einem ums Ohr summte. Darna stapfte weiter und blieb unvermittelt stehen, als ihr an ihrem Anwesen das draußen aufgestellte Temorakreuz ins Auge sprang.
Sie blieb stehen, sah es an. Irgend etwas von ihr konnte sich damit nicht identifizieren, und es war ein Moment, in dem ihr bewusst wurde, daß etwas schief hing. Nur wollten die vernebelten Gedanken nicht recht begreifen, was.
"Darna? Was ist los?"
Was los war, wusste sie nicht... doch, ein Zipfel ihres Verstandes, Instinktes, ahnte was los war und daß sie sich in Gefahr befand. Eben hatte sie Rafael noch selber geraten, was dann zu tun war, nicht wahr? Was immer zu tun war, wenn sie verletzt oder in Gefahr war.
"Muß zum Kloster", murmelte sie abwesend und setzte sich mit stur schräg vor sich gerichtetem Blick und kaum wirklich auf den Weg konzentriert und stetig wie eine Maschine in Bewegung.

Rafael eilte ihr hinterher und schien für mehrere Minuten die Welt kaum mehr zu begreifen. "Darna, was ist los?"
"Weiß nicht."
"Und was genau heißt: weiß nicht?"
"Das habe ich dir gerade gesagt!"
"Sprich mit mir!"
"Dann stell nicht so dumme Fragen!"
Ihre Wut stieg, und wie sich selbst entfremdet begriff sie dabei, ohne viel dagegen tun zu können, daß es nicht ihre war. Ihr Schritt beschleunigte sich, bis die Mauern des Klosters in Sichtweite kamen. Die zerstörten Dächer vorne...
"Dafür wisch ich noch mit Arenvir den Boden, daß er das kaputt gemacht hat!" Sie schrak zurück, im ersten Moment sich einredend, daß sie diesen fremden Zorn nicht in die Mauern des Klosters tragen wollte, doch das war sicher nur der Widerwille des Dunklen in ihr, nicht? Sie musste da rein.

Rafael bemerkte die Unschlüssigkeit, fing nun selber an, zu begreifen, was los war, und das Spiel kehrte sich um: Sich hinter ihr postierend schob er sie jedes Mal mit sachtem Nachdruck weiter, wenn sie auf dem Weg zögerte.
"Die Kirche reicht bestimmt...", versuchte sie drinnen auszuweichen.
"Nein, mir reicht es nicht. Und dir würde es auch nicht reichen." Er schob sie weiter zur Wiese. Die letzten Meter legte sie Schritt für Schritt und zu jedem davon kraftspendende Gebetsverse zitierend zurück, bis sie sich dicht vor dem Baum einfach auf beide Knie fallen ließ.
"Herrin, hilf mir...", wisperte sie und suchte das Gefühl der Übelkeit und des Widerstrebens in sich zu fokussieren, zu greifen, dem Licht zu präsentieren. Was immer es war, es suchte Freundschaft zu unterhöhlen. Rafael... er stand dicht hinter ihr.
Entschlossen trat sie mit der Macht des Guten dieser fremden Feindseligkeit entgegen und begann erneut zu beten.

(woanders, in dunkleren Gewölben...)
...mochte die Wirkerin des Fluches spüren, daß es zu ende ging. Ein widerlicher Eindruck von Licht und Wärme, Worte, die fahl durch den Geist klangen, eine weibliche Stimme:

"Der Mensch hat nichts so eigen,
so wohl steht ihm nichts an,
als daß er Treu erzeigen
und Freundschaft halten kann.
Wann er mit seinesgleichen
soll treten in ein Band,
verspricht sich, nicht zu weichen
mit Herzen, Mund und Hand.

Ich hab, ich habe Herzen,
so treue, wie gebührt,
die Heuchelei und Scherzen
nie wissentlich berührt.
Ich bin auch ihnen wieder
von Grund der Seelen hold;
ich lieb euch mehr, ihr Brüder,
denn aller Erden Gold!"

Eine Frau, in einer silbernen Rüstung und mit dem Symbol des Adlers war es, die ihr Werk mit göttlicher Hilfe kaputt machte! Eine Freundin des Kronritters mit einem scharf geschnittenen, von Narben gezeichneten Gesicht, mit braunen Haaren und braunen Augen. Irgendwo musste sie ihr auch schon einmal begegnet sein. Dann verblassten die Eindrücke.
Rafael von Arganta

Beitrag von Rafael von Arganta »

Rafael machte sich überhaupt keine Gedanken darüber woher diese Wut kam.
Sie war einfach da, und er wollte sich einfach Luft verschaffen.
Die Botin nannte den Namen Arenvir, also fokussierte sich sein Zorn auf jenen.
So ritt er nach Adoran, von dem einzigsten Wunsch beseelt es diesem Oberst zu zeigen.
Er dachte gar nicht daran das er falsch liegen könnte das er im Ernstfall gegen die Magie kaum wirklich eine Chance hatte so ausser sich wie er im Moment war.
Als er dann Darna traf, fand sein Zorn ein erstes Opfer, und ohne nachzudenken beschwerte er sich bei ihr, ließ sich gar fast ein wenig von ihr beruhigen, mit Hoffnung Arenvir im Konzil gar an zu treffen folgte er doch dort war niemand.
Für den Moment fühlte er sich verraten, wollte sie gar angehen, aber Darna schaffte es erneut ihn zu beruhigen, schlug ihm vor zum Kastell zu gehen, was natürlich sehr schlüssig schien.
Sie wollten sich gerade trennen als Darna aus Gewohnheit wohl einen Segen auf ihn Sprach ...
Einen Segen? NEIN! Ein Spruch der ihn fast zusammenbrechen ließ.
Ein Schmerz fuhr ihm durch den Körper wie er ihn sonst noch nie gespürt hatte.
Seit wann vermochten Paladine so zu verletzen?

Sein Zorn auf Arenvir verrauchte, fokussierte sich nun gänzlich auf die Frau vor sich und so trat er auf sie zu. Die Worte verschwanden in einem roten Nebel. Für und Widerworte, Hass und Besänftigung.
Nur schwach drang der Gedanke des Irrsinns dieser Situation zu ihm durch.
Das war Darna!
„Seine“ Darna der er niemals etwas zuleide tun würde... und doch ... ertappte er sich dabei das er nach ihr Schlug.
Eine Ohrfeige, eine einfache Ohrfeige, bei jedem andren hätte er längst das Schwert gezogen doch auf jenen Schlag folgte der ihre!
Die gepanzerte Faust traf ihn hart am Kinn, ließ ihn nach hinten taumeln und straucheln, und noch eher er begriff, erfasste was geschah drückte sie ihn mit ihrem Schild zu Boden.
Ihre Worte verstand er nicht, nur das irgendetwas in seinem Inneren begann sich zusammen zu ziehen, dann fühlte er sich auf einmal wie Leer.
Leer aber auch ruhig... zufrieden.
Er atmete auf. Fast wie der erste Atemzug wenn man vorher eingesperrt im stickigem Zimmer gewesen war.
Fast unverstehend sah er Darna an die ihn nun langsam aufstehen ließ.
Noch immer begriff er nicht wirklich was geschehen war, nur das wohl irgendetwas mit der Paladina nicht stimmte.
Noch immer trug sie ihre Rüstung, es musste also Gefahr bestehen.
Doch wovor?
Sie konnte es ihm nicht sagen, und ihre Gereiztheit verwirrte ihn um so mehr.
So blieb ihm nichts übrig als ihr zu folgen, auf dem Weg heraus zu finden was nun wirklich Geschehen war.

Schritt für Schritt ... nachdem er begriff das sie auf dem Wege ins Kloster waren, begriff er .
Mit dem langsam zurückkehrenden Gedächnis an dieses Buch, an dem was vor dem Konvent passiert war, Darnas Flüchen, kam die Erkenntnis wie ein eiskalter Kübel Wasser den man über ihn ergoss.
Der Fluch ... lastete nun auf ihr.
Je langsamer sie wurde, desto entschlossener schob er sie.
Er blieb dicht hinter ihr. War es damit sie seine Nähe spürte, er ihr damit Zuversicht geben wollte, sei es damit es für sie kein Zurück gab.
Ihre Gebete seine Worte und die nähe Temoras führte sie um am Ende am Baum des Lichtes,
zu gelangen.
Rafael wusste nicht einmal wie lange sie wirklich dort verblieben, aber am Ende schien der Fluch wahrlich gebrochen.
Noch immer hatte er die Hände auf ihren Schultern liegen, zog sie nun langsam zurück und half ihr beim Aufstehen.
Wie verrückt diese Welt auch war. Wie machtvoll auch die Gegner des Lichtes, des Reiches.
Eines jedoch ließ die Hoffnung niemals schwinden, und das hatte sich hier und jetzt wieder bewiesen.
Temora.
Joanna

Beitrag von Joanna »

Hämmernde Kopfschmerzen waren also geblieben und ein ekeliges Gefühl, das die Rabendienerin nicht näher definieren konnte. Ein Gefühl, das Andere womöglich als angenehm, oder ersterbenswert empfanden. Für Joanna war es als würden sich die Eigenweide auf krampfhafte Weise zusammen ziehen.
Der kurze Blick, den sie auf diese Frau erhaschen konnte, bevor die Verbindung abriss, war beunruhigend und herausfordernd zugleich. Etwas an der Frau kam ihr bekannt vor, doch konnte sie nicht zuordnen, wann und wo sie sie einst gesehen hatte. Die silberne Rüstung, der Adler darauf gaben jedoch genügend Hinweise, wo sie zu suchen hatte.
Zwar war ihr Vorhaben dank dieser Frau gescheitert, was zum Einen ärgerlich war, auf der anderen Seite legte das Eingreifen der Frau neue Wege und Möglichkeiten offen. Den Seelendieb würde es gewiss erfreuen, würde seine Dienerin weiteren Schaden unter den Anbetern des Lichtes anrichten. Und womöglich fiel ihr doch die ein oder andere Seele dabei in die Hände.

Nur in einer grauen Robe bekleidet, verließ die Dienerin schließlich die düsteren Gewölbe, um barfuß in den Schnee zu treten.
Mittlerweile war es Nacht geworden, kaum ein Stern war am Himmel zu sehen und selbst der Mond schien sich heute hinter dicken Wolken zu verstecken.

Den Kopf senkend, raunte die Rabendienerin folgende Worte in die Dunkelheit:



In geflügelter Gestalt,
des Rabens Schrei in die Dunkelheit hallt.
Das Schicksal macht vor keinem Halt,
der Dieb nach deiner Seele krallt.
und dein Schmerzensschrei ungehört verschallt.



Wenig später erhob sich ein schwarzer Rabe in die Lüfte, um sich mit gleichmäßigem Flügelschlag und im Schutze der Nacht Richtung Adoran aufzumachen. Zurück blieb nur die zerfetzte Robe und ein paar Federn, die schließlich vom Wind vertragen wurden...
Zuletzt geändert von Joanna am Sonntag 14. März 2010, 13:54, insgesamt 1-mal geändert.
Joanna

Beitrag von Joanna »

Der Fluch war also gebrochen... und dennoch war etwas davon übrig geblieben. Eine Art unsichtbares Band, welches noch zwischen der Wirkerin und derjenigen, die den Fluch von dem Kronritter abschütteln konnte, bestand. Ein Rest des Rückhalls, der die Rabendienerin erreicht hatte, als der Fluch gebrochen wurde. Und an jenem schlich sich des Nachts möglicherweise folgender Traum in die Gemüter der Betroffenen...
...


Grünes Gras voll blühender Blumen und in Mitten dessen steht ein großer stämmiger Baum.
Der Baum reich an vielen Blättern wiegt sich sanft und leise knarzend im Wind. Es ist ein alter Baum, stark im Erdreich verwurzelt hat er sicher schon einige hundert Jahre auf dem Buckel und bestimmt viel gesehen und erlebt.
Seitlich dem Baum zugewandt steht eine junge Frau. Gekleidet in einem einfachen schlichten dunkelblauen Kleid, sieht sie auf den ersten Blick eher unscheinbar aus. Keine Schönheit, aber auch nicht gerade hässlich. Eine Brise umstreicht das dunkle braune Haar der Frau und lässt einen Blick auf die vielen Blumen, die sie sorgsam ins Haar geflochten trägt, zu.
Den Blick gen Boden gesenkt, steht sie beinahe reglos da. Lediglich ein leises Summen dringt von den Lippen. Sachte lächelt sie dabei. Eine Melodie die ein Gefühl von Schwere und Lethargie vermittelt. Kein unangenehmes Gefühl, eher so als könnte man sich endlich fallen lassen, so als wäre man von allen Sorgen und Lasten befreit.

Zu stark die Seele, zu hell und rein
Wenn der Körper stirbt, ist sie nicht mein.
Doch bald soll sie mein Eigentum sein,
drum schließ die Seele in Dunkelheit ein..



Das Lied, das auf das Summen folgt, klingt beinahe wie ein Kinderlied. Nur der Text will nicht so ganz dazu passen. Und als die Strophe vollendet war, sollte sie wieder dem Summen Platz machen.
Langsam, wie in Zeitlupe hebt das Mädchen den Kopf und dreht ihn zur Seite. Bis auf das Summen und der Wind der in den Blättern rauscht, ist kein Geräusch zu hören. Und dann blickt sie dich direkt an.
Als die Augen einander treffen, verlischt das Lächeln, verstummt das Summen und erst jetzt vermagst du ihre Augen zu erblicken. Weder Hass, noch Liebe, weder Zorn, noch Freude, weder Angst, noch sonst irgendein Ausdruck ist in den dunkelgrünen Augen zu erkennen. Leblos und leer blicken sie dich an. Und dennoch, die junge Frau wirkt verwundert über deine Anwesenheit, so als hätte sie dich nicht erwartet. So etwas wie Neugierde kannst du verspüren, gemischt mit einer Spur Angst, Abscheu und ...Vorfreude? Schwer zu definieren, es scheint die verschiedensten Gefühle würden sich vermischen und zu einem großen chaotischen Wirrwarr werden. Der Wind wird stärker. Wieder unendlich langsam streckt sie die rechte Hand aus, die Handfläche nach oben, als biete sie dir an sie zu ergreifen.
Doch im nächsten Moment fährt ein kalter Windstoß durch die Blätter, die Wiese fängt an zu verdorren, die Blätter des Baumes werden braun, fallen vom Baum und wehen dir entgegen, um sich dann aufzulösen. Alles um dich herum scheint zu vergehen. Selbst die Blumen im Haar der Frau welken rasend schnell. Und als du erneut in ihr Gesicht blickst, lächelt sie ausdruckslos. Doch da wo einst ein nicht unhübsches Gesicht war, sind zur linken Hälfte nur noch blanke Knochen zu sehen.
In einer kahlen, toten Welt findest du dich wieder, als eine leise Stimme an dein Ohr dringt und du folgende Worte vernehmen kannst:

„Willkommen in meiner Welt“

Kaum waren die Worte ausgesprochen, zerfiel die Gestalt der Frau zu Staub...und war ebenfalls dahin gegangen...

Als die Person, die der Traum ereilt hatte aufwacht, fühlt sie sich möglicherweise so als wäre sie aus einem tiefen, langen Schlaf erwacht. Dennoch müde und erschöpft, dürfte kaum das Gefühl aufkommen, der Schlaf hätte wahre Erholung gebracht. Die nächsten Stunden mag die Träumerin sich womöglich kraftlos und ausgelaugt fühlen, beinahe so als hätte jemand oder etwas die Lebensenergie aufgesaugt..
Zuletzt geändert von Joanna am Mittwoch 17. März 2010, 13:54, insgesamt 2-mal geändert.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Schwert und Schild erhoben

Der Baum? Nein, es war nicht der Baum des Lichtes. Überhaupt kam ihr die ganze Umgebung fremd vor. Zu fremd. Die Frau dort kannte sie nicht, es schien eine völlig unbekannte Person zu sein. Irgend eine. Und etwas in ihr war... zu wach. Sie kannte diese Art von Traum, die nicht ganz zu einem selber zu gehören schien und ihr Blick schweifte wachsam über jedes Detail, versuchte alles zu erfassen.
Das Summen wie auch die Strophe bescherte ihr eine Gänsehaut. Es hatte etwas Verführerisches an sich... vergessen, sich fallen lassen... und etwas in ihr stemmte sich mit aller Gewalt dagegen. "Ihr kriegt mich nicht, Rabenpack!" Die dunkelgrünen Augen blickten in braune, von Narben umrahmt, lebendig, wachsam, strikt, kampfbereit.

Die Fremde streckte ihr die Hand entgegen, doch nicht mal im Traum gedachte sie daran, jene zu ergreifen. Stattdessen ging ihre Rechte zielsicher an den Platz an ihrer linken Hüfte, wo ihr Schwert ruhte, ob sichtbar oder nicht. Ihr Atem ging tiefer, innerlich bereitete sie sich auf einen Kampf vor, sehnte sich ihre Rüstung herbei. "Es ist nicht dein Traum. Wo zur Hölle bin ich hier? Adrian?" Würde sie in Rüstung gleich neben ihm im Bett zuhause erwachen? Geschah überhaupt irgend etwas? Sie sah, wie die Welt zu Staub zerfiel, hörte die Worte: "Willkommen in meinem Reich" und begehrte dagegen auf, bis in den tiefsten Winkel ihres Seins. "Du kannst mich nicht festhalten!"
Abrupt richtete sie sich auf, ehe sie sich ächzend zurück sinken ließ. Ungerüstet, und doch kribbelte ihr ganzer Körper, sie fühlte sich hohl, ausgezehrt. Was war das für ein Traum gewesen?

Kein normaler, soviel stand fest. Das jüngste Geschehnis, mit dem sie sich wohl Feinde gemacht hatte, war die Hilfe an Rafael. Sie hatte Pantherdiener dahinter vermutet, aber "eine Botin brachte den Kuchen" und nun diese Frau, die überrascht schien, Darna dort zu sehen, das lag zu dicht beieinander. Rache? Auch eine sehr alatarische Anwandlung, aber naheliegend. Wobei, dieser Blick... wieder ein Schaudern. "Einfach Aufmerksamkeit auf mich gelenkt", vermutete sie. Die Gedanken flossen träge. Aber was war los? War von dem Fluch doch noch etwas übrig geblieben? Warum die Überraschung, als die Frau sie im Traum sah? Eine Warnung der Herrin, daß gegen sie etwas geplant wurde?
Sie hatte im Traum zum Schwert gegriffen. Und auch jetzt, als sie wach war, nutzte sie die Zeit, sich zu wappnen.

Nein, sie wehrte sich nicht, als Shaya und Leah darauf bestanden, sie ins Kloster zu verfrachten, um sicherzugehen, daß nichts vom Fluch übrig geblieben war - im Gegenteil, sie handelten richtig, sollte es zu einem Ernstfall kommen. Und Darna war selber nicht wenig erleichtert, als sie beim Baum wie gewohnt alle Ruhe und inneren Frieden fand.
"Herrin, ich bitte dich um Stärke... bitte dich um dein Licht, wo mit Dunkelheit gedroht wird... Unseren Feinden will ich gegenübertreten, ohne Furcht, wie ohne Leichtsinn, wissend um deinen Schutz und in Demut vor Überheblichkeit gewappnet. Wo mit Dunkelheit gedroht wird, will ich Licht hinbringen und sie das Leben erkennen lassen, was sie so sehr verachten, daß sie sich im Leben dem Tode preis geben...
Wissend, daß nichts, womit sie drohen, Bestand haben wird, denn so lehren Worte, die in deinem Geiste gesprochen sind: 'Jedwedes blutgefügte Reich sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich. Jedwedes lichtgeborne Wort wirkt durch das Dunkel fort und fort.'
Herrin, in deinem Lichte bitte und verkünde ich: sie sollen sehen! Denn wir wissen es: Dein Licht scheint in der Nacht."

Es war eine eher pragmatische Anweisung und nur vorübergehend, daß angesichts der Lage nun doch in den nächsten Tagen jeder Rabe, der das Anwesen ausspionieren könnte, abgeschossen werden sollte. Sie wussten um die Tierwandlung der Dämonendiener, und man würde es ihnen nicht leicht machen.
Sie erzählte Adrian von dem Traum und abends im Kloster auch Rafael:
"Ich... erzähle dir vor allem davon, weil ich weiß... sollte mir dennoch was passieren, werdet ihr mir helfen. Und ihr wisst dann schon vorher, was los ist."
Rafael nickte: "Du kannst dich auf uns verlassen."
Dankbar legte sie ihre Hand über seine, welche er mit der zweiten sodann umschloß. "Das Dreiergespann funktioniert schließlich noch", flüsterte sie leise und hielt sich die alte Stärke vor Augen, die Adrian, Rafael und sie zusammengeschmiedet hatte. Ging es einem schlecht, sprangen die anderen beiden ein. Und mehr noch... sie wusste um Leah, um Shaya, um jeden im Haus. Was immer die Rabendiener vor hatten, sie hatten nicht ein Opfer, sie hatten einen verschworenen Block an Feinden. "Sollen sie kommen."
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Donnerstag 18. März 2010, 17:56, insgesamt 1-mal geändert.
Joanna

Beitrag von Joanna »

Begleitet von einem krächzenden Schrei, der mehr einem schadenfrohen Kichern glich, entfernten sich die beiden Raben vom Kloster der Temora, bis nur noch zwei kleine schwarze Punkte am Himmel zu sehen waren. Und auch diese verschwanden schließlich. Ein dritter Rabe lag im Gras, tot.
Einige der Rabenbrüder waren sehr unvorsichtig mit der Verwandlung in einen Raben umgegangen, so dass man mittlerweile vom Verfolgungswahn geprägt, nach allem mit Pfeil und Bogen schoss, was nur im entferntesten nach einem Raben aussah. Ärgerlich war es, aber nicht zu ändern.

Mitten im Wald landeten die beiden gefiederten Todesboten, nur um kurz darauf menschliche Gestalt anzunehmen. Als die Hand des Mannes sich öffnete, offenbarten sich etwas in Mitleidenschaft gezogene, braune Haare.
Das Haar wurde übergeben, Joanna nahm es behutsam an sich, als handle es sich um ein sehr kostbares Pfand. In einer silbernen Dose wurden die Haare sicher verstaut.

Die Gelegenheit, es der Paladina zu entwenden war einfach günstig gewesen.
Abgelenkt durch den dritten Raben, der törrichterweise viel zu niedrig flog und den kommenden Pfeil nicht sah, hatten die anderen Beiden derweil die Paladine ausgemacht, als sie vor den Toren des Klosters heran geritten kam. Ohne Helm - welch glücklicher Zufall.
Während der eine Rabe zusätzlich zur Ablenkung beitrug, stürzte sich der Andere auf die Paladina. Die scharfen Krallen vergruben sich ins Haar und als er wieder an Höhe gewann, hatten einige ihrer Haarsträhnen den Besitzer gewechselt.

Die versammelten Menschen vor den Toten des Klosters aber, mussten erkennen, dass nicht ein jeder Rabe ein Diener Krathors war. Manchmal war ein Rabe einfach nur ein Rabe - und dieser Eine lag nun tot am Boden. Ein totes Tier - ein geringer Preis, für solch kostbares Pfand...
Savea Falkenlohe
Beiträge: 1
Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42

Beitrag von Savea Falkenlohe »

Gerade wurde noch der Angriff der Wurm befallenen Zweiköpfe, Oger und anderen Kreaturen auf das Kloster erfolgreich abgewehrt, schien es, als hätten sich Raben ein Stelldichein gegeben.
Shayas und mein Bogen rutschten uns reflexartig zurück in die Hände nebst der ersten Pfeile, als sich der erste Rabe auf dem Hausdach gegenüber des Klosters niederließ.
Zu denken gab, dass er nach den ersten beiden Pfeilen nicht davon flog und sämtliche inneren Alarmglocken begannen zu läuten.
Im Hintergrund die Worte des grünschnäbligen Marburs.
„Es ist doch nur ein Rabe...“ „Für was haltet ihr es denn sonst?“
Für den Moment überließen wir die Erklärungen Fräulein Leah, während wir uns auf den Raben konzentrierten, der gewitzter Weise hinter dem Schornstein herum hüpfte und nur ab und an seinen schwarzgefiederten Kopf sehen ließ, bis Marbur uns erneut ansprach.

„Dann sollte man versuchen ihn von dort oben herunter zu holen. Und ich glaube nicht, dass er noch von Nutzen sein wird, wenn ihr ihm einen Pfeil durch den Kopf schießt oder?"
Nutzen? Hatte er tatsächlich Nutzen gesagt?
„Ein toter Rabendiener ist ein guter Rabendiener... ich hatte nicht vor ihn zum Tee zu laden Herr Ecthaliat.“
„Vielleicht ließe sich dadurch in Erfahrung bringen, was er hier vor dem Kloster treibt. Oder ist es nur normal, dass sich die Rabendiener hier herumtreiben?“
„Ihr könnt ihn gern befragen Herr Ecthaliat... klettert aufs Dach und ich ziele nicht auf Euch.“
„Ich habe Eure Schießkünste mit eigenem Auge gesehen…“

Die Nachfrage was er damit wohl meinen würde blieb unausgesprochen, da sich just ein zweiter Rabe hinzugesellte. Um Haares… nein Federchenbreite verfehlten sämtliche Pfeile die anvisierten Ziele und weil zwei noch nicht genug waren kam auch noch ein dritter Rabe zum Stelldichein.
Hoben sich in die Lüfte, zogen außerhalb der Schußreichweite ihre Kreise, als wollten sie uns verhöhnen. Mit Rabenfrechheit setzte der Dritte einen Schiss auf Shayas Schulter ab und Marburs spöttisch anmutende Stimme im Hintergrund:
„Ziemlich viele Rabendiener auf einem Haufen…“
War es der Stolz auf seinen Treffer oder schlichte Unvorsichtigkeit, zog der Rabe den nächsten seiner Kreise zu niedrig und kassierte selbst einen tödlichen Schiss… Schuss und taumelte samt Pfeil wie Spießbraten zu Boden.
Damit stand dann aber auch sehr schnell fest: Dieser war kein Rabendiener gewesen.

Milady näherte sich zu Pferde und dann ging alles recht schnell, die beiden verbliebenen Raben senkten sich im Sturzflug herab und während ich den zur Zielscheibe nahm der sich mir näherte, nutzte der zweite die Möglichkeit sich an Miladys Haaren zu bedienen.
Ehe ich den Pfeil von der Sehne lassen konnte, schraubte sich der Rabe vor mir wieder in die Lüfte, sein Ablenkungsmanöver war erfolgreich.

Die Wut entlockte Shaya und mir den ein oder anderen Fluch… doch dann war da nur noch Sorge um Milady.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Jäger und Gejagte

Was für ein Abend! Leise ächzend versuchte sie, zur Ruhe zu kommen, aber es dauerte eine Weile. "Das nächste Mal erschlägst du ihn gleich", ging ihr ein weiteres Mal durch die Gedanken. Die Dreistigkeit dieses Rabendieners war wirklich unerhört. Nach allem, was mit dem Erbeuten der Haarsträhne passiert war und allem, was man mit den Dämonenpaktierern in früheren Jahren erlebt hatte, hatte dieser es tatsächlich gewagt, sich mitten vor dem Klostertor als Rabe auf das gegenüberliegende Strohdach zu setzen und durch einen lauten Schrei auf sich aufmerksam zu machen. Der Laut hatte so verzerrt geklungen, daß sie ihn zuerst noch für von der Dämonin stammend halten konnte, und so hatte es eine Weile gedauert, bis sie das Vogelvieh da oben bemerkt hatte. Aber hatte er erwartet, daß sie alleine raus käme? Hatte er erwartet, daß sie keine Gegenmaßnahmen seither getroffen hatte, um sich zu schützen?
Nein, direkt nach dem Übergriff hatte ihre Eminenz vom Greifenhain selber, unterstützt durch den Eluivepriester, vor dem Baum des Lichts Darna Geist "betreten", hatte offen stehende Türen frisch bewusster Erinnerungen, die damit zu leicht zugänglich waren, geschlossen und über alle Türen Segen gesprochen, hatte danach die Herrin selber angefleht, Darnas Geist vor fremdem Eindringen zu schützen. Seit diesem Abend war die "Festung" von Darnas innerem Ich von einem spiegelnden Wall umgeben, der sich bis schier unendlich in den Himmel erstreckte, selbst geschützt gegen die Angriffe "von oben", die die Paladin seitens der Raben fürchtete.

Drakhon hatte es gemerkt: Als er Darna seine Stimme nur in Gedanken hören lassen wollte, hatte er das Gefühl, selbst mit diesem nicht schadenswirkenden Zauber kaum durchzukommen, und irritiert verstand die Empfängerin von dem, was er sprach, kein Wort... ein unverständliches leises Gurgeln, als hätte sie den Kopf tief unter Wasser, während oben jemand sprach.

Was hatte er erwartet? Daß er bloß sagen brauche: "Ich bin nicht hier, um zu ernten" und dann entgegnet bekommen würde: "Ach, dann ist ja alles in Ordnung, lass uns reden, magst auf einen Tee mit rein kommen"?
Nein, Pfeile waren ihm um die Ohren geflogen und Federn hatte er lassen müssen, als Darna unauffällig Savea und Shaya zu verstehen gegeben hatte, wo das Ziel war. Nur dem sofortigen Schießen konnte es Drakhon verdanken, daß er nicht wie die Zielscheibe, als die er da hockte, auch getroffen wurde. Das Gleichgewicht verlor er aber und rauschte in einem Häuflein Heu Richtung Erde... und hatte sofort Adrian und Darna vor sich, die sich auf ihn stürzten. Die Lähmung reichte nur für Adrian, dann hatte die Paladin den Vogel geriffen und stieß ihn gegen die Hauswand, als hätte sie einen Menschen am Kragen gepackt. Mistvieh!
Es war gut, daß keine übereifrigen und ahnungslosen Naturliebhaber gerade in der Nähe waren... es wäre sicher als Tierquälerei erachtet worden, wie der Rabe in einem Umhang landete, der zum Beutel verschnürt und immer wieder kräftig durchgeschüttelt wurde, damit er nicht mehr zum zaubern käme. Im Kloster ging Darnas Blick, das Bündel Rabe im Griff, gar sehnsuchtsvoll zum Mülleimer. Ach wäre es doch so leicht, sich lästiger Gesellen zu entledigen...

Vielleicht mochte auch jemand anders mit Drakhon noch Mitleid haben: erst in der Kirche des Klosters verhört und ständig Darnas Klingenspitze dicht an der Kehle, wurde er seiner Habseligkeiten bei einer Durchsuchung beraubt. Das Gespräch und die Verhandlung, die er suchte, blieb mehr oder minder fruchtlos - man vertraute ihm nicht. Und ohne Vertrauen hatte er nichts anzubieten, das von genügendem Wert gewesen wäre, um auf die Gelegenheit zu verzichten, endlich einen der verhassten Kra'thordiener endgültig zur Strecke zu bringen. Dann sollte er mit der Aussicht auf den Scheiterhaufen oder ähnliche Tode in eine Zelle verbracht werden. Ein "ordentliches" Urteil wollte die Paladin... es sollte ihm mehr oder minder das Leben retten. Es schien im ganzen Gebiet, das vom lichten Reich beansprucht wurde, keine einzige Zelle zu geben, die dafür geeignet war, Magiekundige in sicherem Gewahrsam zu halten, es war zum Haare raufen. Zumindest für seine Gegner.
Auf dem Weg zurück vom Orden ins Kloster, verschaffte es ihm die wenigen kostbaren Momente, die er brauchte, um eine der Nähte des Stoffes durch einen winzigen Feuerzauber aufzubrennen und sich zu Boden fallen zu lassen.

"Das nächste Mal, wenn ich sage, schlag ihn, dann schlägst du ihn und schüttelst nicht nur!", mahnte Shalaryl sie später. Ja, sie hatte Recht. Das nächste Mal würde sie den Raben auch nicht einfach nur lose in einen Sack stopfen, sondern das Tier auch direkt fesseln. Und draufschlagen, ja - träfe schließlich den Richtigen.
Doch allein das Entkommen aus seinem im wahrsten Sinne des Wortes stofflichen Gefängnis war erst ein winziger Sieg auf einer langen und federsträubenden Durststrecke... blindlinks rannte er zwischen die nächstbesten Bäume und musste am Boden bleiben, denn es war abzusehen, daß die Dämmerung den beiden Schützinnen noch reichen würde, ihn abzuschießen, sobald er über die Baumwipfel käme.

Ein Rabe, der zu Fuß flüchten musste... ein Unbeteiligter hätte über die sich ergebenden Bilder sicher gelacht. Der Rabe rannte, so schnell ihn seine Vogelfüße trugen, ins Unterholz und ergab sich nicht lange der Illusion, mit den ihn fluchend verfolgenden Menschen Schritt halten zu können. In einer kleinen Erdhöhle verkrochen, musste er bangen, während gepanzerte Füße viel zu dicht an seinem Versteck vorbei gingen und lose Erde auf ihn herab rieselte. Die Waldelfenmagierin verfolgte seine Spur, der Eluivepriester schleuderte wie ein Irrsinniger Blitze, einer davon eine arme Blaumeise das Leben kostend... es gab eben Momente, da war man zur falschen Zeit am falschen Ort. Drakhon auch. Und er kam kaum weg. Darnas Schwert teilte mit einem Hieb das Gebüsch, in dem er keine Sekunde zuvor noch gehockt hatte, dann kam gar Alindra und ihm drohte, von einem Höllenhund gesucht zu werden. Selbst in der Luft ging der Kampf weiter, ein ihn jagender Adleroberstleutnant de Feruin, eine ihn hartnäckig verfolgende Shalarylschwalbe.

Und wofür das alles? Hatte das irgendwas gebracht? Wer mochte das schon wissen, der Zufall hatte oft sehr seltsame Formen... nicht sein Verdienst, sondern das zufällige in die Szenerie Stolpern einer maskierten Letharin mit den Insignien der Vogelfreien verursachte einen Durchbruch. Einen Durchbruch der ganz eigenen Art. Hatte Drakhon es bemerkt, registriert, begriffen? Als er ein drittes und letztes Mal versuchte, Darnas Gedanken zu erreichen, war es leichter. Der spiegelnde Wall hatte einen Riss bekommen, und kantig verzerrt konnte die Paladin diesmal hören, was er sagte: "Meine Sachen... ich werde sie mir wiederholen."

Seine Sachen, ja...
Es barg ein gewisses Risiko, wenn der Gegner wusste, daß man eine Haarsträhne erbeutet hatte. Mehrere Ideen waren zwischen Darna und Shalaryl ausgetauscht und besprochen worden, und vielleicht gab es einen Weg, die Haarsträhne zu vernichten. Was als Verbindung von der Haarsträhne zur Trägerin genutzt werden konnte, war auch eine Verbindung von der Trägerin zur Strähne. Wenn auch... eine deutlich kompliziertere. Oder, wie Shala es erklärte: "Dich, Darna zu finden, wenn ich etwas von dir habe, ist leicht. Stell dir vor, ich fordere von dir, diesen Baum zu finden und dich auf ihn zu konzentrieren. Aber eine Haarsträhne - wie viele Haare verlierst du täglich? Jetzt versuche, die Blätter des Baumes zu finden und dich darauf zu konzentrieren. Auf jedes einzelne... auch eines, das vom Wind über die Mauer geweht wurde."
Ja, Darna verstand das Problem.
Aber jetzt hatten sie Sachen von diesem Rabendiener. Sehr persönliche Sachen. Knochenschild, Rapier und Messer schienen noch die harmloseren Dinge, und Darna brannte darauf, diese Sachen blitzblank reinigend geweiht zu sehen, bevor sie sie genüßlich und sorgfältig vernichten würde. Aber was bot dieses eigentümliche Tarotkartenspiel, das so gefährlich verführerisch schien, für Möglichkeiten? Shalaryl hatte sich in der Magie auf Geistreisen und Mentalmagie spezialisiert und schien somit ein lichter Gegenpart zu den mentalen Flüchen, die man von den Rabendienern kannte, und so hörte man von Darna nur ein grollig leises:

"Was die können, können wir auch..."
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Drakhon Sokarth
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Registriert: Donnerstag 13. März 2008, 03:43

Beitrag von Drakhon Sokarth »

Das Feuer im Kamin war längst ausgebrannt, lediglich die letzten, kläglichen Reste glommen und zischten unter der Asche, kämpften einen aussichtslosen Kampf ums Überleben. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht sic umzuziehen, bei jeder Bewegung rasselten die feinen Kettenglieder unter der schweren Stoffrobe. Sein Blick verlor sich irgendwo an einem Punkt auf der ihm gegenüberliegenden Wand.
Auf dem kleinen, runden Tisch zu seiner Rechten stand eine entkorkte Weinflasche, das halb gefülltes Glas ruhte still zwischen seinen Fingern.
Das Spiel welches er spielte war gefährlich doch notwendig. Sicher hätte es einen leichteren Weg gegeben, sich über die Geschehnisse im Kloster zu informieren doch keinen bei dem er so viele Informationen sammeln konnte. Sie hatten ihm mehr gezeigt als sie sich vielleicht im klaren waren. Das Kloster, ein Ort an dem “Seine “Präsenz so schmerzlich fern war, dass selbst die einfachsten Dinge immense Anstrengungen erforderten.

“Von Hohenfels…” Der Name floss zäh über seine Lippen, er hatte einen merkwürdig schalen Beigeschmack. Schon einmal war sie ihm viel zu nahe gewesen, damals während seiner Zeit in der Allianz. Und nun, kreuzten sich ihre Wege aufs neue. Doch warum, ließ der Richter ihn den Weg dieser Frau schneiden, abermals. Und nicht nur er, wie es aussah hatte Darna sich die Aufmerksamkeit noch anderer Rabendiener zugezogen. Was hatte sie getan, was könnte sie noch tun, das der Seelenfresser die Wege seiner treuesten Jünger so lenkte, das sie jenen dieser Frau überschnitten.
Unzählige solcher Gedanken rauschten durch seinen Geist, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, ganz abgesehen von den schmerzenden Gliedern, welche die kleine Schnitzeljagt im Wald nach sich zog.

Eigentlich hatte er nicht vor, sich in das Treiben seiner Glaubensschwester einzumischen, doch hatte der Rabe mit ihm andere Pläne, alles was geschah führte am Ende nur zu einem Ergebnis, zu einer primären Schlussfolgerung welcher er sich nicht erwehren konnte.
Wie ein feines Mosaik fügte sich nach und nach alles ineinander. Dieser Wall, er hätte jeden direkten Angriff gegen ihren Geist ins leere laufen lassen, diese Elfe, ein weiteres Mosaikstein der nun berücksichtigt werden musste. Was immer seine Schwester getan hätte es währe an diesen Faktoren zerschellt wie ein Schiff auf einem Scharfkantigen Korallenriff, welches sich unter der Meeresoberfläche verborgen hält.
Beide Puzzelteile waren nun enthüllt, lagen vor ihm und mussten nun noch eingefügt werden. Die Frage war nur…. Wie.
Behutsam strecken sich seine schmerzenden Glieder, die Augen schließen sich und die Leere, welche der Verlust seines Eigentums in ihm hinterließ schmerzte ihn fast mehr als alles andere.
Doch es würde seinen Zweck erfüllen, er richtete seinen Blick auf das haus von Hohenfels, und das haus richtete seinen Blick auf die reiche Beute… Beute?
Joanna

Beitrag von Joanna »

Endlich. Die Vorbereitungen waren beendet. Die Schüssel in der die kostbare Haarsträhne lag, stand bereit. Daneben lag der runenbesetzte Dolch, der schon so viele Leben nahm. Inmitten des blutigen Pentagramms, tief unten in der Grabkammer der Diener Kra’thors, hing ein Mann in Ketten an einem hölzernen Pfahl. Er schien noch immer nicht begriffen zu haben, warum er hier war. Dass dies das Letzte sein sollte, das er in seinem Leben zu Gesicht bekommen würde, wusste er nicht. Doch bald schon würde Kra’thors Macht ihm die Augen öffnen. Doch dann würde es zu spät sein. Der Mann war sorgfältig ausgewählt worden. Nicht irgendjemand sollte dem Seelenherrn als Opfergabe dargebracht werden. Es war eine unentschlossene Seele. Niemand, der sich einem Gott zugewandt hatte. Die Unentschlossenen waren ein köstliches Mahl für den Seelenfresser.
Rings um das Pentagramm tauchten unzählige Kerzen, manche schon fast bis auf den Stumpf herab gebrannt, andere frisch platziert, in ein unheimliches Licht. Dunkle Schatten tanzten an den Wänden, sobald ein Lufthauch die Kerzen zum flackern brachte. Der Geruch nach Moder, Erde und Fäulnis drang tief in die Nase und verursachte bei Joanna dumpfe Lethargie. Die Szenerie war perfekt. Das Unausweichliche musste geschehen. Bald schon würde hier unten jemand sein Leben lassen und anderswo eine Frau seine Macht zu spüren bekommen.
Schließlich war es auch in seinem Sinne, dessen war sich Joanna sicher. Es würde die, die sich dem Licht zugewandt fühlten, schwächen, Chaos verbreiten und am Ende seinem Werk dienlich sein.


[img]http://img171.imageshack.us/img171/1877/36713083.png[/img]
Joanna

Beitrag von Joanna »

Trügerischer Schein..
im Nu' stehst du allein.
Kannst dich winden und schreien..
fühlst dich schwach, fühlst dich klein.
Und nichts wird so wie früher sein.


Vereint im Glauben an Kra’thor, trudelten nach und nach Joannas Brüder und Schwestern in der Gruft ein. Rings um das Blutpentagramm sammelten sie sich, um ihrer Schwester in ihren Bemühungen behilflich zu sein. Beinahe alle ihr bekannten Anhänger Kra’thors waren erschienen, um jener Paladina zu schaden. Obgleich einige sie nicht einmal näher kannten, oder keinen besonderen Bezug zu ihr hatten. Aber es gab Situationen in denen die Anhänger Kra'thors Zusammenhalt zeigten. Und das war eine davon. Joanna kannte diese Paladina ja selbst nicht genauer. Aber sie hatte sich eingemischt und ihre Pläne gekreuzt. Dafür sollte sie nun büßen.
Als sich Joanna schließlich der Aufmerksamkeit aller sicher war, erhobt sie gedämpft, aber deutlich verständlich das Wort:

"Krathor, erhabener Meister,
Sammler der verlorenen Seelen,
Bewahrer der Toten, Herrscher des Untodes,
Dir in Demut ergeben, haben wir uns heut hier versammelt.
Erhöre unsere Worte, erhöre unser Flehen,

Todbringender Seelenreißer,
deine Diener knien nieder, in Anerkennung deiner Macht,
und um zu erbitten deinen Beistand.
Stärke uns mit deiner Macht,
auf dass wir dein Werk hier auf der Irdischen voran treiben.

Meine Brüder und Schwestern,
Versammelt hier in der Gruft, wollen wir unser Kraft bündeln,
um der Paladina Darna von Elbenau Krathor’s Macht vor Augen zu führen.
Sie die sich erdreistet hat, sein Werk zu behindern, soll seine Kraft am eigenen Leib verspüren.
Möge sie es nie wieder wagen, uns in unserem Handeln zu behindern.
Lasst uns nun unsere Macht bündeln, auf dass der Seelenherr uns erhören möge."


[img]http://img175.imageshack.us/img175/4148/28680895.png[/img]

Als die Diener Kra’thors ihre Kräfte vereinten, jeder auf seine ganz eigene Weise, fingen die Kerzen rings um das Blutpentagramm plötzlich zu flackern an. Beinah als würde etwas oder jemand ihnen die Lebenskraft entziehen, wurde das Flackern allmählich kläglicher und kleiner, bis sie gänzlich erloschen waren. Kra’thor war aufmerksam geworden. Ob er sie erhören, oder alle in den Abgrund reißen würde, musste sich noch heraus stellen. Das Opfer, das mittig im Pentagramm angekettet war, erkannte allmählich, dass hier nichts auf ihn warten würde, außer der sichere Tod. Panik und Furcht schlich sich in seine Miene, doch es gab kein Entrinnen mehr.

[img]http://img34.imageshack.us/img34/9494/97175683.png[/img]

Leise, ehrfürchtig sprach Joanna weiter, um Kra’thor wohlgesonnen zu stimmen:

"Seelenherr, der du uns führst,
Sende uns ein Zeichen deiner Stärke,
und lenkt unser Handeln in die richtigen Bahnen.
Denn dir zu dienen ist unser höchstes Begehr.

Krath’or,
Sieh diese reine Seele, die noch keinem der hochtrabenden Götter zum Opfer gefallen ist.
Unschuldig und unverbraucht, wollen wir sie dir zur Opfergabe darbringen.
Möge seine Seele in Finsternis ertrinken und auf ewig in Krathors Reich gefangen sein. Möge ewige Qual und Folter auf ihn warten. Denn am Ende, wird es einem jeden so ergehen, der sich nicht seinem Willen unterwirft.“


Ein kühles Lächeln wurde jenem Mann in der Mitte zuteil, dann folgte ein Nicken gen Amon, einer der jüngsten Diener des Seelenherren. Erst vor kurzem war er erwacht und sollte sich nun beweisen. Amon trat hervor, nahm die Schüssel mit der Haarsträhne und auch den runenbesetzten Dolch an sich. Doch bervor er zur unumgänglichen Tat schritt, sprach er:

"Möge der Herr seine Seele als angemessene Opfergabe annehmen... Mögen wir..
Wir.. die ihm dienen und für ihn handeln durch dich in seinen Gunsten stehen.."


Der Mann erkannte sein Schicksal, er flehte um sein Leben, Tränen rannen über seine Wange. Beinahe hätte man Mitleid mit ihm haben können, wenn jemand in diesen Hallen dazu fähig gewesen wäre. Doch all dies half nichts. Amon zeigte, oder kannte kein Mitleid, als er die Spitze des Dolches an seinen Brustkorb ansetzte. Langsam, so als würde er es gar genießen, stieß er den Dolch mit einiger Kraftanwendung in den Brustkorb des Mannes, der als Opfergabe sein Leben lassen musste. Joanna selbst verfolgte das mit ausdrucksloser Miene. Morden war noch nie etwas gewesen, das sie sonderlich gerne tat. Es war eben ein notwendiges Übel, um seine Sache voran zu treiben. Aber nichts, das sie genoss. Erste Blutstropfen verließen den Körper des Mannes und wurden von der Schale, die Amon hielt, aufgefangen. Die Haarsträhne färbte sich rot und im nächsten Moment wurden plötzlich alle Diener von einer Art Sog umströhmt. Es war als würde etwas kurz, aber schmerzhaft an ihrer Seele zerren. Im nächsten Moment aber stürzte sich diese unheilige Macht auf das dargebrachte Opfer. Dessen Kopf war mittlerweile leblos auf die Brust gesackt. Was immer in ihm wohnte, war verschwunden und zurück war nur diese leblose Hülle geblieben. Das Blut in der Schüssel vertrocknete rasend schnell, der Blutdurst war noch nicht gestillt. Und so geschah es, dass ein jeder der Diener den runenbesetzten Dolch überreicht bekam. Jeder auf seine ganz eigene Art und Weise, fügte sich einen Schnitt zu und ließ Blut in die Schüssel träufeln. Ein jeder setzte damit ein Zeichen, dass Kra’thor auch weiterhin die Treue gehalten wird und sie ihm zu Diensten waren. Joanna, die mittlerweile die Schüssel übernommen hatte, spürte, wie sie unter den Blutstropfen schwerer und unangenehm kälter wurde. Als die ersten Tropfen sich mit der Haarsträhne und dem Blut des Unschuldigen vermischten, ertönte ein fernes Grollen und die Halle wurde von einem Beben erschüttert. Dreck und Steine rieselten von der Decke und Joanna zweifelte einen Moment daran, ob sie alles richtig gemacht hatte, oder sich soeben gar den Zorn Kra’thors zugezogen hatte. Aber nun war es zu spät. Und ein gewisses Risiko gehörte eben dazu. Doch als zuletzt auch Joanna etwas von ihrem Blut gab, strömte plötzlich ein betörendes, erhabendes Gefühl in die Leiber der Anwesenden. Auch der geopferte Mann wurde von dieser Macht erfüllt und kurz schien Leben in den Körper zu kommen. Der Kopf hob sich, schwarze Augen blickten leblos umher.


[img]http://img695.imageshack.us/img695/1195/44253185.png[/img]

"Lenke deinen Blick auf die Huldigerin des Lichts, die sich Darna von Elbenau nennt.
Lass Schatten ihren Blick vernebeln.
Wirf dein Netz der Zerstörung aus, auf dass das Band das sie mit Temora verbindet, gestört werde.
Krathor, Seelenherr
Erhöre unser Flehen!
Nimm unser Blut, als Zeichen unserer Treue und Ergebenheit.
Unsere Seelen sind dein."


Ein gewaltiges Beben erschütterte erneut die Halle, die Schüssel zersprang mit einem lauten Knall und die darin befindliche Haarsträhne von einem gräulichen Stichflamme erfasst. Das Haar verbrannte völlig in der Stichflammen, als ein Windstoß durch die Kammer fegte, sich schließlich in der Mitte bündelte und dann einer Explosion gleich in alle Himmelsrichtungen entwich. Die gesamte gebündelte Macht der Diener wurde auf unangenehme Art und Weise aus ihren Leibern gezerrt und riss alle von den Füßen. Zurück blieb in Joanna eine seltsame Leere und Ausgelaugtheit, aber auch die Gewissheit, dass etwas in Bewegung gesetzt wurde.
Ein Blick in die Gesichter der Anderen verriet, dass es ihren Brüdern und Schwestern genauso ging. Es hatte also begonnen...
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

25. Eluviar 253

Ich hätte es eher bemerken sollen, die Vorzeichen, mit denen es sich ankündigte, waren denkbar schlecht: Im Hof meines eigenen Hauses erwartete mich ein fauchender Panther, ein gewaltiges Tier, das mich ansprang und das nur mit Mühe von Savea und Shaya beseitigt werden konnte, auch wenn ich sicher bin, daß ich ihn sicher noch unter Lumenons Hufen niedergetrampelt und erschlagen bekommen hätte, das Mistvieh.
Ein unwohles Gefühl beschlich mich, als ich mich umsah, mich hier nicht sicher fühlte und prompt bestätigt wurde: Die Segenszeichen, die weithin sichtbar das Wohlwollen der Herrin Temora mit unserem Haus verkünden, rannen als zähflüssiges Blut die Wand hinab, und als Savea die Fackel daran hielt, brannten sie in hellen Flammen. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, das sich in meiner Brust festsetzte; eine Beklemmung, wie ich sie noch nie gespürt hatte - wobei... doch, das erste Mal fühlte ich ähnliches vor zwei oder drei Tagen, als diese Dunkelheit das Kloster plötzlich einhüllte, als gehe die Welt unter, und doch waren es dann nur ein paar lumpige Untote, die das Kloster angriffen. Irgendein Rabenaas in menschlicher Form hatte mir dabei aufgelauert und wohl einen Halluzinationszauber auf mich gesprochen, daß ich die Statuen der Göttin plötzlich wie groteske rahalische Wasserspeier als Pantherbildnisse sah, doch das war alles nichts Ernstes gewesen.

Dreckige Rahaler, hinterlistige.
Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, aber sie haben mich! Wo sind Savea, Shaya?! Eben waren sie noch da, nun höre ich nur noch das Geklirre feindlicher Rüstungen und es ist dunkel, sie haben mir die Augen verbunden und ich werde auf einem Pferd sitzend abgeführt. Sie haben das Kloster angegriffen, rufen sich irgendwas zu, sie hätten Leah... Leah? Nein! Himmel, was ist da los?! Oder sind das nur Falschmeldungen, um mir Angst zu machen? Verdammte Lügenbande, ihr habt Adrian, ihr werdet mich nicht auch noch kriegen!
Rückwärts rutsche ich blindlinks vom Pferd und reiße mir die Augenbinde herunter... Narren sind sie, zu glauben, das würde bei mir reichen! Es sind bloß zwei... glaube ich. Irgendwie erwecken sie den Anschein, sie wären mehr. Zauberei? Aber es sind nur zwei rahaler Gardistinnen, die daran interessiert scheinen, mich lebend wieder einzufangen, sie ziehen keine Waffen. Wo aber ist meine?! Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt nicht, und doch birgt es elendiges Entsetzen, zu fühlen, wie ich im Geiste die Hand nach dem Schwert ausstrecke, meine Waffe erbitte, und es passiert einfach nichts. Sie wird mir vorenthalten, aber Göttin, warum? Eben hatte ich meine Rüstung noch an, inzwischen ist sie fort und ich sehe mich alleine meinen beiden Feinden gegenüber. Bloße Fäuste helfen schlecht, wenn sie Kette tragen und sie kämpfen linkisch, schlecht vorhersehbar, aber beherzt, versuchen mich umzureißen. Ich hätte mich mehr im waffenlosen Kampf üben sollen. Aber es war erst recht zu spät, als einer dieser elenden Verräteranguren auftauchte und auf mich einschlug.
Ich muß benommen gewesen sein... sie haben es geschafft, mich zu fesseln, und als ich endlich wieder halbwegs klare Gedanken fassen kann, finde ich mich eine Treppe hoch geführt und in einem Raum eines Holzhauses stehend, hinter mir Fackelschein...

Wieder dieses namenlose Entsetzen, als sich mir Bilder aufdrängen von irgend einem Kerl mit einer Fackel, der was davon faselt, mich in diesem Haus mit lauter Holz verbrennen zu lassen. Wo zum Dämon bin ich hier? Wieder bei diesem vogelfreien Gesindel? Es scheint eine Art Kaserne zu sein, hier sind lauter Betten - an eines soll ich gefesselt werden und kann mich, bereits an Händen und Füßen gebunden, kaum dagegen wehren, auch wenn ich dieser widerlichen Spießgesellin gerne einen Tritt durch die nächste Wand gegeben hätte.
Als ein zügiges Freikommen unmöglich gemacht ist, lassen sie mich liegen und wollen zum Kloster. Wollen das Kloster angreifen und ich liege hier! Verdammt! Hilfe! Wo sind unsere ganzen Leute, wenn man sie mal braucht, verflucht?!

Ira! Oh Herrin, ich danke dir, aber wieso schickst du ausgerechnet Ira? Muß mir endlich der Wert dieses wieselartigen stets irgendwo unerwartet auftauchenden Geschöpfes klar werden? Ist sie wirklich loyal? Es scheint so - sie stellt nicht mal Fragen, als sie auch schon die Fesseln durchschneidet, auch wenn sie danach doch noch fragt, wer das war. "Rahaler."
Die knappe Information scheint ihr zu reichen. Oder? Wieso hetzt sie plötzlich ihre Katze auf mich? "Wie lange seid Ihr schon hier?", fragt sie und zieht die Maske herunter... das gleiche Dunkel legt sich um sie, wie in dem Moment vor einigen Tagen, als sie mich... mit... irgendwas im Tee... vergiften wollte. Ich suche Abstand zu ihr und sehe an ihr runter, als sähe ich sie zum ersten Mal. Sie trägt die Embleme des Feindes, und mir sackt das Herz als kalter Klumpen nach unten. Verräter. Sie ist es doch, sie gehört zu den Verrätern. Wieso hintergehen mich alle? "Ich wusste es doch, ich hätte Euch gleich töten sollen!", brülle ich ihr zornig, nein, voller Hass entgegen. Miststück! Noch Lügen aus ihrem Mund spuckend, als könne sie gar kein wahres Wort sprechen, sucht sie mich weiter zu umgarnen und hält mich fest, bis ihre Verstärkung eintrifft. Poltern auf der Treppe, entsetzte Rufe, als die rahaler Schergen begreifen, daß ich mich befreien konnte.
Sie stehen zwischen mir und der Treppe, aber ich werde hier heraus kommen, Adrian, ich schwör's dir! Und wenn ich einen von denen dafür umbringen muß!

Es ist nicht meine Art, jemanden als Geisel zu nehmen, aber ich habe keine Wahl. In dumpfen Gedanken höre ich noch die Worte der Templerin von damals, das Leben eines Gardisten sei vor dem Herrn wertlos, und das neben einer Gardistin stehend, die das still hinzunehmen schien, selbst obwohl es um ihren Hauptmann Sarel ging, der so gut wie tot vor mir auf dem Pferd hing... aber dieser Kamerad, den ich mir gerade gegriffen habe, scheint ihnen mehr wert zu sein. Sie heben die Hände in beschwichtigender offener Geste und weichen zurück. Sehr gut. Zum Glück ist der Rahaler, den ich überrumpeln konnte, nicht allzu groß und ziemlich leicht - ich habe meinen Arm um seinen Hals gelegt und schubse ihn ein Stückchen vor, es ist mir egal, ob er röchelt, ich werde ihn nicht los lassen, ich muß nur an diesen Dolch, der hier links von mir im Boden steckt, ich brauch eine Waffe...
Ja, sehr gut. Das läuft, wenn auch zäh, aber ich werde hier raus kommen! Als wenn ich wie mit einer Fackel und Gebrüll wilde hungrige Tiere Stück für Stück zurück treiben müsste, zwing ich sie, zurück zu weichen, den Weg zur Treppe frei zu geben. Sie wollen nicht - nein, natürlich wollen sie nicht. Ich werde diesem Hänfling hier die Kehle durchschneiden, wenn ihr es nicht tut!
Für blöd wollen sie mich verkaufen, ich sollte hier einfach ein Blutbad mit diesem Gesocks anrichten und mit ihnen den Boden wischen! Die eine entzieht sich erst meinem Sichtfeld, um unten irgend eine Falle vorzubereiten oder sich heimlich zu bewaffnen, die andere heuchelt Erstickungsnot und kippt um... als würd es mich einen feuchten Kehricht scheren, wenn einer von denen drauf geht! "Verreckt dran, aber seid Euch sicher, ich stech zur Sicherheit nach, wenn ich bei Euch bin" - DAS halte ich davon! Aber der Rahaler will sein Possenspiel nicht aufgeben, stellt sich hartnäckig weiter tot. Mitleid, ja klar, sie wollen einen wieder für völlig naiv halten, als sollte es mir plötzlich leid tun, was ich hier tue... muß ich noch deutlicher werden?! Ich umgreif den Dolch statt wie zum Schneiden nun zum Zustoßen und drücke die Spitze gegen den Lederschutz meiner Geisel, genau auf Herzhöhe. Muss ich erst zustoßen oder pariert ihr endlich?!

Sie kennen keine Gnade... Götter, sie lassen mich sehen, wie Savea da tot auf dem Boden liegt... sie haben sie umgebracht... sie ist tot? Nein, sie ist nicht tot, oder? "Was habt ihr mit Savea gemacht?! Wenn ihr ihr ein Haar gekrümmt habt, reiß ich euch dafür den Kopf ab!"
"Das ist doch nicht unsere Schuld Milady, seid Ihr nicht zufrieden? Ihr wolltet sie doch schon immer los werden!"
Götter, nein...! Sie gaukeln mir hier irgendwas vor...
Und diese verdammte schmächtige Geisel nutzt meine Verwirrtheit, um mir ein Bein zu stellen und mich nach hinten zu stoßen, mich zu Fall zu bringen. Jahrelanger Instinkt führt mir die rechte Hand schützend beiseite, statt sie dafür verrecken zu lassen. Ich hätte zustoßen sollen! Plötzlich sind sie alle wieder da, wie die Aasgeier, wie dreckige Hyänen, sie drohen mir den Arm zu brechen, als sie sich auf mich stürzen und zu zweit, zu dritt mich mit ihrem ganzen Gewicht nach unten drücken... wenigstens habt ihr Angst vor mir und seid zu feige, um hier mit weniger anzukommen! Ich dreh euch allen den Hals um! Ein Tuch presst sich auf meine Nase und meinen Mund und ich drohe, irgend einen seltsam scharfen Geruch einzuatmen... NEIN!
Es ist eine wirklich beschissene Sache, sich wehren zu wollen und dabei auf das Atmen zu verzichten. Sie lassen nicht locker und ich atme immer mehr von dem Dreckszeug ein, die Welt verschwindet...

...und taucht irgendwann wie in dickem roten Nebel wieder auf. Wo bin ich hier? Sie haben irgendwen hinzugeholt, ich kenne das Gesicht irgendwoher, eine junge Frau... Heilerhaus? Nein, Unfug... die hatte keine blaue Haut... wo verflixt noch eins bin ich hier? Kahle Steinwände. Sie haben mir lederne Gurte umgeschnürt, mir die Hände nach hinten gebunden. Ich lieg hier wie ein verdammter Rollbraten, und da ist diese jung wirkende Menschenfrau mit letharenblauer Haut, es wirkt völlig skurril. Savea? Doch, da ist Savea...
Sie wollen mir weismachen, ich wäre nur gefesselt, weil ich mich sonst selbst verletzen würde. Ja klar. Und Adrian ist nicht hier - er wäre da, wenn es mir schlecht ginge. Für wie blöd halten die mich? Ich sehe genauer hin und sehe, wie Saveas Gesicht "flackert", verschwimmt, sich zu einer Fratze verzieht, das wahre Gesicht eines Feindes zu offenbaren droht, es ist nur eine billige Illusion, um mich ruhig zu stellen. So wie sie Adrian damals vorgegaukelt haben, sie hätten Anara. Mit mir nicht! Ich werde euch gar nichts verraten, dreckiges Letharenpack!
"Ich glaub euch kein Wort, egal was ihr mir vorgaukelt!"
Sie versuchen immernoch, mich vollzulügen, faseln irgendwas davon, daß ihre Eminenz kommen solle... "Das heißt Erzlethyr." - glaubt ihr, ich durchschaue eure fadenscheinigen Wortverdrehungen nicht? Mistkerl! Ich hätte ihn in Stücke hacken müssen, als er sich in die Kirche gewagt hat! Vermutlich will er sich jetzt rächen - soll er nur kommen! "Und richtet ihm einen schönen Gruß aus, das nächste Mal helfen ihm keine Flügel der Welt!"
Wieder mustert mich dieses abscheuliche Geschöpf, das sich Mühe gibt, sich wie eine harmlose Heilerin zu geben. Was für Abschaum. "Nehmt eure dreckigen Illusionen aus mir und tötet mich wenigstens anständig."
"Nehmt es nicht persönlich", sagen sie auch noch zu diesem Weib...
"Oh, das sollt Ihr ruhig persönlich nehmen: Wenn ich raus kriege, wie Ihr tatsächlich ausseht, zieh ich Euch die blaue Haut vom Gesicht."
Wenigstens scheinen sie die Warnung verstanden zu haben, und daß ich wirklich sauer bin.

Aber vielleicht hätte ich den Mund halten sollen?
Sie haben mich gepackt und tragen mich nach draußen, es ist dunkel, ab und zu brennen irgendwo Fackeln, die kaum Licht spenden. Es geht hinunter, noch weiter in die dunkle Tiefe, und sie schleppen mich über eine freie Fläche, einen Opferplatz... ich spüre es, wie sich in mir alles zusammenzieht, abschottet, als lauere etwas. Ich drehe den Kopf, um zu sehen, wo sie mich hin tragen und wünschte, ich hätte es nicht getan:
Da ist ihr Heiligtum, eine Bluteiche, gewaltig groß, vielfach so entsetzlich wie sein billiges Pendant in Khorags Labyrinth, wo ein Dämon haust. Das hier ist der Ursprung, das ist ein Baum, der Blut trinkt, Menschenblut, es tropft von jedem unheilig schimmernden Blatt und in gesättigtem Rot schimmert jede Faser, dahinter gähnende Leere, Finsternis, ein Schlund, der in ihren Tempel führt, ihr Allerheiligstes und der Hort blanker Bosheit, sie tragen mich da rein...
Irgend etwas nimmt mir die Sinne und ich wünschte, mich nicht an diese Todesangst erinnern zu müssen, die mit der Frage verbunden ist, ob die Welt zum letzten Mal schwarz wird, und das ausgerechnet hier.
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Mittwoch 9. Juni 2010, 07:46, insgesamt 1-mal geändert.
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Shaya Nyrloth
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Beitrag von Shaya Nyrloth »

25. Eluviar 253


„Gestern Statuen, heute Statuen. Aufpassen… wenn sie durchdreht...“
Ich schaffe es gerade noch Saveas Worte abzunicken, als Milady auch schon auf den Hund losgeht. Wenn sie durchdreht … das war dann wohl jetzt. Savea rettet den Hund und zieht ihn ins Haus, ich versuche Darna irgendwie dazu zu bewegen vom Pferd zu steigen.
„Herrscht mich nicht so an.“ Ich herrsche sie nicht an, wie könnte ich auch. „Dann reißt Euch zusammen!“ Ich herrsche sie doch an. Durchatmen. Durchatmen. Geschafft. Gemeinsam bekommen wir sie vom Pferd. Wir behalten sie im Auge und sind uns einig: Was auch immer nicht mit ihr stimmt, es gefällt uns nicht. Erst einmal ins Haus.
Was ist jetzt schon wieder? Blut? Wo ist Blut? Ich sehe kein verdammtes Blut! Meine Augen folgen dem Fackelschein Saveas zu den Segenszeichen über der Küchentür. Da ist... nichts. Alles wie immer und so wie es sein soll. Klaren Kopf behalten, ganz ruhig und geordnet, das wird schon wieder. „Milady... setzen! Shaya... holst du Wäsche?“ Danke Savea. Reicht ja auch, wenn einer noch klar denken und sortieren kann. Ich renne ins Haus, die Stufen hinauf, reiße die Türen auf. Der Kleidersack ist schnell gegriffen, ebenso die Kleidung aus dem Schrank. Ich stopfe ihn bis obenhin voll, sicher ist sicher, und haste zurück. Ein besorgter Blick auf die beiden, als ich sie draußen vor der Kastanie sitzen sehe. Wir verbinden ihr die Augen. Was man nicht sieht, kann man nicht falsch sehen. Wir bringen sie zum Kloster, ihre Eminenz weiß bestimmt zu helfen und am Baum des Lichts wird sie sicher sein. Wo auch sonst wenn nicht dort?!

Ist das Raindri da an der Kutsche?
Das kann alles nicht wahr sein! Seine Hoheit gerade erst zurück, nun Raindri schwer verletzt und Leah entführt?! Und eine irre Lady im Schlepp! Das ist zu viel. Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit dem Wahnsinn. So können wir Milady unmöglich zum Kloster schaffen. Wir müssen erst nach dem Rechten sehen. Meine Hände klammern sich fester um die Zügel, als Darnas Rüstung zerfällt. Ich habe sie schon so oft zerfallen sehen, aber dieses Mal... sicher kein gutes Zeichen, nicht hier, nicht jetzt auf dem Weg zum Kloster, das vielleicht noch belagert ist.
„Savea!“ Es wirft mich fast vom Pferd, als Darna plötzlich an den Zügeln zerrt. „Halt fest!“ Mach ich doch! Verflucht noch eins. Wo ist Milady hin, eben saß sie doch noch...? Verdammt. Runter von den Pferden, der flüchtenden Lady hinterher. „Zurück! Oder ich schwöre, ich breche Euch alle Knochen!“
Das ist doch... jetzt reicht es aber. Ich reiße mir den Köcher vom Rücken, während Savea in einem Bogen um Darna herumschleicht. Die taktisch gebrüllten Anweisungen Saveas erreichen mich kaum, ich höre nur Miladys Warnung. „Wehe..“
Ich habe die Nase gestrichen voll: „Nur Sprüche oder auch Taten Milady?“ Was rede ich denn da? Als könnte ich sie schlagen. Mir wird schon schlecht, wenn ich an die Ohrfeige denke, die ich ihr vor einigen Tagen geben musste, als seine Hoheit entführt war.
„Drei!“ Drei? Drei was? Und was verdammt ist aus eins und zwei geworden? Kannst Du nicht zählen Savea?! Dreck!
Ein ungleicher Kampf. Eine wütende Paladina, die sich mit Händen und Füßen wehrt, auf der einen Seite und wir auf der anderen, die es nicht wagen würden sie zu schlagen. Aber irgendwie hat Savea es doch geschafft sie zu Boden zu ringen. „Seil!“ Ja, Seil, gute Idee Savea. Aber das reicht nicht, wir müssen...nachdenken. Nachdenken. Klare Anweisungen geben. „Herr Katuri … Schlüssel … Ihr Heiler … und Verständigung!“ Geht doch, wenn das nicht präzise und verständlich war, dann liegt das ganz sicher nicht an mir. Ein ungezielter Fußfeger lässt mich auf dem Weg zum Seil dumpfe Bekanntschaft mit dem Boden machen und presst mir kurz die Luft aus den Lungen. Und wie ich die Nase voll habe. „Schlag sie bewusstlos!“
Wo kommt denn jetzt der Menekaner her? Und was verdammt tut er da?! Das war doch nur so dahergeredet, er sollte doch nicht wirklich! Nein! NEIN! Dreck! Aber er scheint abgerutscht zu sein, Temora sei Dank. Sie lebt noch. Wir verschnüren sie und schaffen sie zu Raindris Haus. Ich wage kaum eine erste Erleichterung zuzulassen.

Oben finden wir einige Betten, eine Notlösung bis wir wissen, dass wir sicher zum Kloster kommen. Das Fesseln ans Bett liefert den nächsten ungleichen Kampf. Wenn sie doch nur mal stillhalten würde. Mit dem Unterarm drücke ich ihr die Luft ab. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid. Mir wird schlecht, ich kann das nicht. Haltet doch bitte endlich still!
Ich unterdrücke das Zittern mühsam, als sie endlich ans Bett gebunden ist und ich von ihr ablassen und auf Abstand gehen kann. Ich frage mich wo Savea jetzt noch die Ruhe her nimmt klare Gebete an Temora zu sprechen. Ich würde keinen ganzen Satz zustande bringen. Egal. Es hilft. Sie scheint klarer zu werden und uns zu erkennen. Keine Zeit verschwenden. Auf zum Kloster.

Da reitet man einmal kurz zum Kloster und was sieht man, wenn man zurückkommt? Ira! Manchmal habe ich das Gefühl, sie zieht Katastrophen an, wie das Licht die Motten. Dafür hätte sie vielleicht durchaus einmal verdient über das Knie gelegt, aber ganz sicher nicht gleich erstochen zu werden. Der erste Anflug von Panik ist schließlich doch eingetroffen. Das Wissen, dass das hier doch noch einen blutigen Ausgang nehmen könnte schnürt mir die Kehle zu. Darna droht. Ira röchelt. Savea versucht Milady zu beruhigen, abzulenken, auf sie einzureden. Und ich... ich hoffe inständig dies alles mag nur ein Alptraum sein und eile die Stufen hinab, um irgendetwas zu finden, womit wir Darna außer Gefecht setzen könnten, bevor doch noch Schlimmeres passiert. Alles was ich sehe sind ein Schürhaken, Stühle, Kerzenständer und der treuherzige Hund von Ira. Keine Hilfe und keine Zeit, die angehende mordende Paladina brüllt mich zurück nach oben. Ich greife den Schürhaken, schiebe ihn unter dem Umhang unter den Gürtel, hake das gebogene Ende am ledernen Halsschutz ein. Großartige Idee, vielleicht schaffe ich es ja so mich selbst zu erstechen. Ich gehe zurück die Stufen hinauf. Ich hätte eines der Stuhlkissen nehmen sollen, das ist das Einzige mit dem ich überhaupt gewagt hätte Milady zu nahe zu kommen. Stattdessen drückt mir dieses metallene Mordinstrument unangenehm in den Rücken und ruht lauernd Spitze voran in meinem Nacken, als könnte es kaum erwarten zu sehen, ob schon eine unachtsame Bewegung für ein schnelles Ende sorgen könnte. Wirklich großartige Idee!

Was macht Savea jetzt?! Sie will doch nicht, sie kann doch nicht? Doch sie kann, sie spielt Ersticken. Ja sind denn jetzt alle verrückt geworden?! Hilflos stehe ich da und sehe zu. Verzweiflung mischt sich ein, hält Zwiegespräch mit den flatternden Nerven. Ich brauche nichts zu spielen, ich kann nicht mehr. Das ist zu viel. Ich bekomme kaum mit wie die ersten Tränen fließen.
Halt, zusammenreißen, umlenken. Saveas Schauspiel scheint Wirkung zu zeigen. Ist das Unsicherheit da in Miladys Blick? Ich sehe kaum was, alles ist verschwommen, aber ich kann sie anschreien. Und ich schreie sie an, spiele doch mit. Sie zögert tatsächlich, oder bilde ich mir das nur ein? Ira schafft es sie zu Fall zu bringen. Gut gemacht. Ich will vorhechten und besinne mich noch rechtzeitig des erwartungsvollen Schürhakens an meinem Hals. Hastig löse ich das Ungetüm und werfe es in die Ecke, dann greife ich mir Ira, zerre sie weg, während Savea sich wieder mal auf Milady wirft.
Geschafft. Ah nein! Der Dolch. Ich werfe mich dem dolchhaltenden Arm entgegen. Bitte Temora lass sie jetzt nicht die Hand drehen. Ich flehe dich an, lass sie nicht...
Heute haben wir mehr Glück als Verstand auf unserer Seite. Ich schaffe es ihr den Dolch abzunehmen, ehe sie den Arm ruckartig zur Seite zieht und ich das Gleichgewicht verlierend auf sie falle. Da liegen wir nun auf dem zu Bruch gegangenen Bücherregal und verschnaufen keuchend gemeinsam, untermalt von Miladys Flüchen. Ira holt irgendetwas, das ihr schließlich die Sinne raubt und in die Bewusstlosigkeit treibt. Und dennoch spüre ich wieder keine Erleichterung. Ira verschnürt sie mit Gürteln, die Seile hat sie ja leider zerschnitten.

Wir schaffen sie auf eine Matratze und raus aus dem Haus, binden sie auf eines der Pferde und bringen sie endlich ins Kloster. Eine junge Heilerin erwartet uns dort, wir kennen sie aus dem Heilerhaus in Adoran. Sie hilft uns Milady ins Zimmer zu tragen und auf dem Bett abzulegen. Erledigt. Ich bin es auch. Ich sinke auf die Knie, die Schultern sacken hinunter und ich streiche Milady behutsam die Strähnen aus dem Gesicht. Für mehr habe ich einfach keine Kraft mehr. Ich verstehe nicht was ich da von mir gebe, einzelne Worte, ergeben sie überhaupt Sinn?
Die Heilerin tut irgendetwas... ich nehme nur den Geruch wahr, es scheint einen einzulullen und irgendwie wird Darna trotzdem davon wach. Mehr als ein Seufzen bringe ich nicht hervor, ich kann mich nicht bewegen, nicht aufatmen. Der flüchtige klare Moment, der sich durch ihren verwirrten Geist schiebt, ist so schnell wieder verflogen, wie er gekommen ist. Wir müssen sie zum Baum bringen, es ist das Einzige, das wir im Moment noch versuchen können, für sie tun können.

Wir haben Mühe sie zum Baum zu tragen, sie wehrt sich mit aller noch zur Verfügung stehenden Kraft. Sie schreit so verzweifelt. Bitte hört doch auf zu schreien, wir wollen nur helfen. Bitte, hört auf. Es gibt keinen Grund zu schreien, hier seid Ihr sicher. Ich halte die Tränen zurück, die sich erneut ihren Weg zu bahnen suchen. Flehend ruht mein Blick auf der ausladenden Krone. „Wir könnten hier ein wenig Hilfe brauchen.“
Selbst in der Nacht scheinen die Blätter silbrig zu glänzen, Licht zu reflektieren, wo eigentlich keines sein dürfte. Einige Lichtpunkte legen sich auf Miladys Gesicht, in die panisch geweiteten Augen und sie öffnet die Lippen, die Mimik gequält verzogen, zu einem letzten Schrei. Ich bin so dankbar, dass er stumm verklingt. Milady scheint bewusstlos. Wir sinken auf die Knie, Savea wischt sich hilflos durchs Gesicht, ich fahre mir selber Geste durchs Haar. Wir sind am Ende, aber wir werden über sie wachen, so gut es uns möglich ist.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

26. Eluviar 253

Als ich den nächsten Morgen erwache, hätte ich glauben mögen, der Schrecken sei vorbei: Da waren Adrian, Savea, Shaya, sogar Rafael glaubte ich zu sehen. Ich lag unter dem Baum des Lichtes und sie gaukelten mir eine nahezu perfekte Szenerie vor. Ich wäre fast auf sie reingefallen, aber sie haben sich verraten... Stück für Stück.
Denn was von den Absurditäten sollte ich glauben, die sie mir erzählten? Sie schienen mich mit simplen Gürteln gefesselten zu haben, auch wenn sie straff genug saßen und wollten mir erklären, ich sei gefährlich. Sie wollten mir erklären, mein Schwertgurt sei leer, weil ich Savea und Shaya sonst töten würde. Ich... Savea und Shaya töten? Ja, alles klar, Lügenbande. Sie wollten mir erzählen, ich sei kaum zwei Tage weg gewesen, doch gewissermaßen hat mir der Baum des Lichtes geholfen, selbst wenn es nicht der Baum des Lichtes war: Sie konnten die Illusion nicht aufrecht erhalten, und ein Blick in die Krone offenbarte mir trockene Blätter, kahle Zweige... ich hielt es für Spätherbst. Wir hatten aber Frühsommer. Sie faselten irgendwas davon, ich würde die Dinge falsch sehen, aber es gibt ein paar Sachen, die sind Gesetz:
Der Baum des Lichtes zeigt sich nicht falsch.
Ich töte keine Menschen, die mir am Herzen liegen.
Und ich habe immer mein Schwert, das kann mir keiner wegnehmen.
Wo bei allen gehörnten Dämonen war ich also?!

Der Schrecken saß umso tiefer, als ich begriff, in welcher Gefahr ich schweben musste: Es war nicht Adrian, der da auf mich einzureden versuchte, aber er sah genau so aus. Schlimmer noch: Er wusste mir Dinge zuzuflüstern, die wir erst vor wenigen Tagen uns im Vertrauen gesagt hatten.
Diese scheiß Letharen mussten mir mit dem Wasser vorhin wirklich effektive Drogen gegeben haben und waren bereits in meinem Kopf, kramten in meinen Erinnerungen!
Hass schlug über mir zusammen wie eine Welle und riß mich mit. Diese Bastarde wagten es, an den mir allerheiligsten Dingen herumzupfuschen! "Dafür reiß ich euch selber das Hirn aus dem Schädel, ihr anstandslosen... - dafür hab ich kein Wort!"
Ich höre mich, wie ich schrill und vor Hass zerfressen kreische, mich gegen die Fesseln auflehne, und doch hilft es alles nichts. Dieses widerliche Adrianduplikat lässt seine Maske fallen und redet wütend, daß sein Plan nicht aufging, nochmal auf mich ein: "Wenn das so ist, gibt es wohl wenigstens noch eines, was mir hilft, solang der Erzlethyr noch nicht da ist" - dann verpasst er mir einen Schlag ins Gesicht, daß ich kurz fürchten muß, mir wär der Kiefer gebrochen. Die anderen reden noch hektisch auf ihn ein, ich bekomme es nicht mehr wirklich mit, doch er lässt weiter seinen Zorn an mir aus und schlägt mich bewusstlos.
Für einen Moment habe ich das Gefühl, ich falle nicht in Schwärze, sondern in Blut. Ein Meer aus Blut, das zu feinstaubigem Treibsand wird, ich stürze, sinke, er schlägt über mir zusammen und ich beginne verzweifelt, zu husten und nach Luft zu schnappen. Doch es hilft nichts... ich gehe unter, bis ich das Gefühl habe, irgendwo in der Tiefe zum Tode verdammt auf den Grund zu sinken, das Fallen endet für den Moment, doch ich werde erwartet:

Da steht ein Mann, ein mir unbekanntes Gesicht in einfacher Kleidung, von den Schatten des Todes umwoben und starrt mich aus Augen an, in denen nichts menschliches mehr ist, nur matt glänzende Schwärze. Er sagt kein Wort und doch begreife ich die Anklage, die in seinem "Blick" geschrieben steht... er sieht mich an, als wär ich sein Mörder.
Es fällt mir schwer, meinen Blick von seinen Augen loszureißen, doch sein Körper offenbart mitten auf der Brust, in Herzhöhe, ein klaffendes Loch. Blut strömt daraus, langsam, doch eine unendliche stetige Menge, es bildet das, was mich nach hier unten riß. Ich habe einen Menschen erstochen? Wann?
Der Versuch der Flucht aus den Händen der Rahaler kommt mir vage wieder in Erinnerung. Ja, da habe ich einem Menschen einen Dolch genau dort hin gehalten. Aber hab ich zugestochen? War das dieser Mann? Ich erinnere mich einfach nicht mehr, aber es muß so gewesen sein, es wäre das einzige, was passt. Ich sehe ihn nochmal an, wie er mich die ganze Zeit anstarrt... er sieht so abstoßend und doch auch so harmlos aus.
Ich habe einen Unschuldigen ermordet.

Als mir das klar wird, scheint das Blut plötzlich fort, kurz wird es heller, ich atme wieder, glaub ich, und auch der Mann scheint gerade weg, aber es ergibt alles keinen Sinn und hinterlässt nichts als Verwirrung.
Nein, das Blut ist leider nicht weg, wie ich nach einer Weile feststelle. Es hat nur strukturiertere Form angenommen: wie ein von Kinderhand gezeichneter Stern, wie ein Spinnennetz ohne Ringfäden laufen neun Ströme aus Blut aufeinander zu und treffen sich in der Mitte. Sie sind teils unterschiedlich dick, doch jeder von ihnen verströmt eine unheilige Macht, und sie wird in der Mitte gebündelt. Wie ein Wasserfall aus Blut stürzt es nach unten, die neun Flüsse erstrecken sich über mir, unter mir, sie bilden ein Käfig, ich bin darin gefangen. Ich empfinde kein Gefühl für Zeit, doch der Käfig wird immer enger. Irgendwann wird er mich zerquetschen. Und der Tote ist nicht weg. Er starrt mich immernoch an.
Er scheint das einzige Wesen hier außer mir... oder? Ich höre wie aus unendlicher Ferne Gewisper und Schreie vertrauter Menschen. Was ist hier bloß los? Irgendwo dort müssen Savea und Shaya sein, ich fühle es, hoffe es... helft mir! Irgendwelcher Tumult ist da draußen - ich höre etwas, ohne wirklich zu verstehen, aber Adrian schwebt in Gefahr. Holt mich hier raus, ich muß Adrian helfen! Rafael... ich höre sein verzweifeltes Brüllen, und eiskalte Angst schnürt mir die Kehle zu: "Warum musstet ihr ihn umbringen", brüllt er und ich... Göttin, es klingt so echt...
Adrian.
Wir sind verloren, beide.
Der Käfig rückt näher und ich habe keine Kraft, nicht mal den Willen, ihn aufzuhalten. Es wird dunkler, es wird Nacht. Ich höre ein Rauschen und sehe wieder diese Welle aus grenzenlosem Zorn, die auf mich zurast, fühle mich mir selber fremd, als ich mich mittragen lasse, vielleicht bewirkt es ja noch irgend etwas. Ich habe keine Kraft mehr, aber sie haben Adrian getötet...
"Das werdet ihr büßen. Ihr hättet die Finger von ihm lassen sollen."

"Wenn es Euch hilft, Milady", höhnen sie, "er hat sich schön gewehrt."
Diese verdammten Dreckskerle haben ihn leiden lassen! Oh wenn diese Fesseln fort sind, werde ich sie an den Füßen packen und sie von unten nach oben in zwei Stücke reißen! "Hört auf, Euch zu wehren, das hat gar keinen Sinn." Ich brauch mehr Kraft! Aber ich fühle nichts, kriege nichts, ich strecke im Geist die Hand nach der Herrin aus und fasse ins Leere. Nur das Gefühl von Blut, das an meinen Händen klebt. Versagt. Ich habe auf ganzer Linie versagt und verloren. Leerer, sinnloser Hass treibt weiter hohle Drohungen aus mir.
Ich höre, wie der Erzlethyr näher kommt und erklärt, er hätte eine gute und eine schlechte Nachricht: Die schlechte sei, er könne mir heute nicht mehr helfen, aber sie hätten Adrian mithilfe ihrer Magier und Rafaels retten können und er ruhe nun. Mir dreht sich der Magen um, als ich die Bedeutung der Worte erahne: sie wollen unsere Seelen auf des Panthers Seite ziehen und glauben, es bei Adrian geschafft zu haben.
"Das ist niemals wahr! NIEMALS!"
Zurück bleibt nichts als Angst. Ich weiß um Adrians Haß, seine Schwächen, gerade was Letharen angeht, weiß daß Rafael seine Stärke, aber auch ein wunder Punkt ist, genau wie ich. Ich erinnere mich an Rafaels Gebrüll... nein, nein, es darf nicht wahr sein!
"Steckt euch das 'retten' wo hin, wo keine Sonne scheint, Adrian wird euch NIEMALS! folgen!"
"Die temorische Macht war stark, sehr stark sogar. Aber ich konnte diesen Parasiten entfernen", brüstet sich der Erzlethyr unbeeindruckt weiter.

"Und WAS für Parasiten ihr seid! Die sind noch NÜTZLICH gegen euch!", ich brülle verzweifelt gegen an und lasse allem freien Lauf, was ich sonst nie in den Mund genommen hätte, aber dieses Gesocks verdient keine Zurückhaltung.
"Auch Ihr werdet zu uns zurückkehren, Ihr seid stark, Ihr wart eine Paladina der Hure Temora. Doch ich werde Euch von diesem Makel befreien, das verspreche ich." Der Erzlethyr klingt entsetzlich überzeugt, und was werde ich dem entgegen setzen können? Sie haben hier alle Trümpfe in der Hand. Das also ist ihre Absicht. Sie wollen mich nicht einfach nur töten... "Ich werde NIEMALS zum Panther konvertieren! Gebt mir ein Schwert und ich bring es zuende, aber einen von euch Auswürfen an PEST nehme ich noch mit!", brülle ich herausfordernd den Letharen entgegen mit der schwachen Hoffnung, sie reizen zu können. Wenn es einfach nur in einem Kampf endet, habe ich vielleicht Chancen. "Immer mit der Ruhe...", bekomme ich nur zu hören. Gütige, was haben die noch alles mit mir vor? Diese Bande von Bastarden.
"Ich ersäuf Euch! Und kurz bevor ihr tot seid, rette ich euch und ersäuf euch nochmal! Ihr habt euch nicht umsonst an Adrian vergriffen!"

Ich weiß hinterher kaum mehr, was ich ihnen noch alles entgegen speie, mir fehlen teils gar die Worte, so viel Abscheu überhaupt zum Ausdruck bringen zu können, aber die verbale Folter hält noch eine Weile an, bis der Erzlethyr einem der bluahäutigen Handlanger, die hier ständig wachen, eine Phiole gibt und dabei irgendwas murmelt - weiteres Gift, weitere Drogen, weiß der Geier, was sie mir verabreichen sollen... "Lasst die Finger von mir", warne ich grollend, "Ich füll euch eure widerlichen Tinkturen an Orte, wo ihr sie nicht haben wollt!"
Doch der Erzlethyr ist immer noch nicht fertig: er beschwört etwas, ein annähernd rundes Gebilde aus blanker Dunkelheit, und ohne zu wissen, was das ist, schreckt mich doch die Gewissheit, daß es meinen Verstand kosten würde, wenn es diesem Ding gelingt, meinen Kopf zu umhüllen. Der Lethyr scheint es den Wachen dazulassen, wohl für den Fall, daß ich Schwierigkeiten mache... Herrin, ich will hier weg.
Sie tauschen eine der Wachen aus, was nicht viel hilft... aber ich muß hier weg. Sie scheinen mich mit mehreren Riemen gebunden zu haben, aber ich liege sonst frei, nirgendwo weiter festgebunden, unter sowas wie einem Laken. Käme ich etwa an einige der Schnallen, wenn ich mich unter dem Tuch vorsichtig bewege?

Ja, komme ich! Da ist eine Schnalle bei den Beinen, und ich kann sie öffnen, leider bemerkt so ein schmierig wieselartiger kleiner Lethar das und warnt die anderen. Egal. Ich kann wohl ewig warten, bis die mich unbewacht ließen, ich muß hier weg! Als einer der Handlanger nachsehen will, drehe ich meinen Körper, um mit beiden Füßen zuzutreten und darf einen kurzen Moment triumphieren, als ich ihn erwische! Der zweite steht gerade hinter mir, was ich nutze, um meinen Oberkörper nach hinten zu werfen und den nächsten Letharen damit umzureißen.
Leider hält die Überraschung nicht lange. Der kleinere Lethar stottert kurz ahnungslos, wirft sich dann aber auf mich, als ich gerade weitere Schnallen der Gurte öffnen will und schlägt mir mit seinem metallbeschlagenen Lederschutz den Ellbogen ins Gesicht, diese mistige Blauhaut. Ich krieg sie nicht richtig gegriffen, aber höre, wie unter den Anstrengungen eine weitere der Gurtschnallen an den Armen nachgibt und aus dem Leder reißt.
Ich will diese Wieselblauhaut von mir stoßen, muß mit Erschrecken jedoch feststellen, wie kraftlos sich die meisten meiner Bewegungen anfühlen. Ich spüre weiteres Gewicht auf mir und meine Hände werden gegriffen. Irgendwo höre ich hinter meinem Kopf, wie eine Phiole entkorkt wird, vermutlich die, die der Erzlethyr da ließ, und weitere Hände versuchen, meinen Kopf festzuhalten, meinen Kiefer zu packen. Nein! Sie wollen mir dieses Zeug einflößen!
Die Panik entringt mir schrille Laute, doch ich werde ihnen nicht den Gefallen tun, meinen Mund zu einem Schrei zu öffnen! Sie genießen ihre Überlegenheit, versuchen, ihren Hohn und Spott gütlich klingen zu lassen: "Milady.. ganz ruhig... bei uns seid Ihr doch sicher. Also wehrt Euch nicht länger. Wir haben seine Hoheit zum Alleinen gehen lassen... wir lassen auch Euch gehen... Aber Ihr müsst schon tun, was wir sagen."
Einen Dämon werd ich!

Sie versuchen, mich mit banalen Rufen wie "Schaut, ein Adler" abzulenken, die kleine Blauhaut soll mich durchkitzeln, halten die mich für ein blödes Kind?! Dennoch scheuen sie sich letztlich auch nicht, blanke Gewalt anzuwenden: Meine Kiefer werden aufgepresst, der Trank hastig rein geschüttet, einen Teil kann ich ausprusten, bevor sie mir Mund und Nase zuhalten.
Himmel, ich will nicht!
Ich kneife die Augen zu, als das Gefühl, zu ersticken, immer mächtiger wird. Ich will nicht! Selbst über meinen Hals reiben sie, damit ich das Zeug endlich runterschlucke, es muß wichtig sein, ich will gar nicht wissen, was es auslöst... aber letztlich muß ich doch spüren, wie die Muskulatur irgendwann reagiert und dieser Dreck mir die Kehle runter rinnt. Endlich krieg ich wieder Luft, mir tanzen dunkle Sterne vor den Augen.
Ich will nicht...
Sie lassen endlich von mir ab und ich bleibe liegen, es lohnt nicht mehr, sie werden wissen, warum sie loslassen können und ich fühle auch bereits, wie bleierne Schwere meine Glieder taub werden lässt. Schlafmittel... sicher nicht nur das. Neue Drogen? Werden sie über Träume versuchen, mir das Gehirn umzukrempeln?
Savea Falkenlohe
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Beitrag von Savea Falkenlohe »

26. Eluviar 253

Irgendwann hatte uns die Aufregung, die Sorge, die Erschöpfung in die Tiefen des Schlafes gerissen an Ort und Stelle neben Milady und als der Schlaf mich aus seinen Fängen wieder entlässt, fällt mein Blick als erstes auf… seine Hoheit, wie auch immer er es fertig gebracht hat zum Baum zu kommen.
Schon will der Schrecken sich in mir breit machen und vertreibt mit einem Schlag den Rest an Verschlafenheit. Moment… ruhig, Situation betrachten: Seine Hoheit sitzt dort, nicht gerade glücklichen Ausdrucks aber offensichtlich unverletzt. Weiter gucken. In seinem Schoß der Kopf Miladys ruhend… sie ist also noch da und schläft.
Fesseln, sieh nach den Fesseln! Auch sie sind noch da, er hat sie nicht gelöst. Aufatmen.
Herr Katuri stößt hinzu und schnell bringen wir uns gegenseitig auf den aktuellen Wissensstand, bis auch Shaya das Land der Träume verlässt.
Was haben wir also? Bei Milady verkehrt sich das Gute zum Schlechten, der jungen Heilerin Fräulein Filija war es in der Nacht gelungen seiner Hoheit Bilder von dem zu zeigen, welche Bilder Milady vorgegaukelt werden… und ach ja… eine entführte Lady Leah!
Jeder kleine einzelne Schrecken schmolz zusammen zu einem riesigen, was bei allen verdammten Kreaturen käme denn noch alles? Ruhig bleiben, ihre Eminenz ist bereits unterrichtet, seine Hochwürden weiß ebenfalls Bescheid… Milady wacht auf. Ihr erster Versuch etwas zu sagen geht in einem trockenen Krächzen unter, ich hole Wasser und flöße es ihr mit Hilfe seiner Hoheit ein, sie leert den halben Schlauch… so ist‘s gut. Gut? Das wird sich gleich zeigen.
Aber der Herrin sei Dank, sie scheint noch orientierungslos aber geistig klar, spricht mit uns, fragt was passiert sei, zeigt sich wenig begeistert darüber, dass ihre Hände und Füße mit Gürteln gebunden sind. Natürlich, wem würde das gefallen?

„Warum habt ihr mir den Gurt nicht abgenommen – wo ist mein Schwert?“
Schön, sie mag es nicht, wenn man um den heißen Brei herumredet, sie einem alles aus der Nase ziehen muss, also die schonungslose Variante. Luft holen und raus damit.
„Euer Schwert ist vermutlich nicht da, weil Euch hier keine Gefahr droht Milady und die Gurte tragt Ihr noch, weil Ihr eine Gefahr seid.“
„Das ist doch Quatsch…“ Sie glaubt es nicht, selbstredend nicht.
Wir ergehen uns in Erklärungsversuchen, seine Hoheit berichtet von dem was er durch Fräulein Filija zu sehen bekam und was aus Shaya und mir geworden wäre, hätte die Herrin Milady nicht Rüstung und Schwert vorenthalten.
Es hilft alles nichts und als Milady zum Baum des Lichts sieht und glaubt, er zeige sich im Herbstkleid, da wabert das Unheil heran und sie entgleitet uns geistig ohne, dass wir es irgendwie aufhalten können. Sie bäumt sich auf, will sich von den Gurten befreien, seine Hoheit drückt sie auf den Boden. „Vertrau bitte denen, die dich am meisten auf der Welt lieben.“
„Werde ich… tue ich… und ihr fangt gerade an, eure Maskerade bedauerlich falsch zu gestalten.“
Sie beginnt zu toben. Festhalten. Ruhig halten. Bitte Milady, hier tut Euch niemand etwas, verdammt. Inzwischen liegen wir irgendwie alle auf ihr, in der Hoffnung, sie beruhigt sich gleich wieder, aber ihre Stimme steigert sich in ein hasserfülltes, schrilles Kreischen. Ich verspüre den Wunsch meine Hände an meine Ohren zu pressen, Shaya und seiner Hoheit geht es nicht anders.
Durchhalten… das gibt sich gleich, ganz bestimmt!
Seine Hoheit holt aus und… halt! Habe ich eben noch gedacht, ihr tut hier niemand etwas? Ein satter Kinnhaken, der nur vage trifft, weil Milady noch tobend den Kopf hin und her wirft, seine Hoheit setzt nochmal nach und trifft diesmal besser, auch wenn Shaya versucht in zur Seite zu schubsen. Zu spät. Männer… Holzköpfe!

Miladys Kopf sackt zur Seite und aus dem Mundwinkel rinnt Blut, die ganze Mundhöhle scheint voll davon. Verflucht, wagt Euch nicht zu ersticken Milady! „Hoheit, holt den Dreck da raus!“
Sie spuckt Blut, ein Reflex. Die Konsistenz trocken, fast staubig, als wäre ihm jegliche Lebensessenz entzogen. Seine Hoheit wirkt panisch. Verdammt Hoheit, nicht die Nerven verlieren! Ich muss ihn beschäftigen!
„Ruhig Hoheit! Ist alles raus? Seht nach!“
„Temora, lass sie nicht auch noch… sie kann doch nichts dafür.“ Seine Stimme zittert.
„Hoheit reißt Euch zusammen!“
Da öffnet Milady die Augen. Gut, sie wird wach! Augen? Wo bei allen verdammten Kreaturen ist die braune Iris, die sonst die schwarze Pupille umgibt? Schwarze Kugeln starren uns aus den Augenhöhlen entgegen. Das sind keine Augen!
Seine Hoheit springt auf, kreischend „Mörder, ich bin nur ein Alatar verfluchter Mörder!“, flüchtet vom Baum, während ein fast zorniges Rauschen durch die Baumkrone geht, das Licht sich verstärkt, auf Miladys Gesicht fällt und sie, wie am Abend zuvor, gnädig in eine weitere Bewusstlosigkeit schickt. Das seltsam getrocknete Blut im Gras verschwindet im gleichen Moment.

Hätte mir der Baum doch die gleiche Gnade angedeihen lassen und mich gleich daneben sinken lassen. Verzweiflung macht sich in mir breit, droht mich zu überschwemmen, aber da war doch noch was… Hoheit! Dreck, wo ist er hin? Klarer Befehl an meine Beine: Hochkämpfen, bewegen, Schritt für Schritt, los! Befehl an meine Augen: Suchen!
Noch ehe ich ihn sehe, höre ich ihn.
„Ich bin ein Mörder… Mörder!“ Nein Hoheit, aber nicht weniger bei Verstand als Milady.
„Kommt bitte mit Euer Hoheit.“ „Nein, NEIN! Ich habe sie ermordet…“
Das ist jetzt wirklich nicht die Zeit hier alle Kontrolle zu verlieren, das Kloster scheint Tag der offenen Tür zu haben: Seine Hochwürden, der den jungen Emir mit einer menekanischen Delegation herumführt, die Zwerge, die wegen der Dachschäden gerade ankommen!
Um letztere bitte ich Herrn Ecthaliat sich zu kümmern, während ich seine Hoheit in die Kirche lotse.
Sein Körper gleicht dem einer Puppe, willenlos, sein Blick starrt ins Leere, seine gemurmelten Worte wiederholen sich, gleich einem Gebet. „Mörder, Temora, ich wollte es doch nicht.“
Der Gang in die Kirche erweist sich als nicht hilfreich, ich zerre seine Hoheit wieder hinaus und steuere direkt den Brunnen an. Ein kurzes Zögern noch, als ich den gefüllten Eimer in Händen halte. Komm schon Savea, es ist nur Wasser, nur kaltes Wasser, vielleicht hilft’s!
Also hersehen Hoheit! Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und leere den Inhalt des ganzen Kübels über ihm aus, starre ihn an. Da! Er prustet und… wird sein Blick nicht klarer? Hurra, Sieg!
„Temora, was habe ich getan?“ Er presst die Hände vor die Augen. Verflucht! Ich knalle den Eimer auf den Brunnenrand. Bis auf ein Zucken, keine Reaktion von seiner Hoheit.
Dreck! Wir schaffen das doch nicht alleine, er muss verdammt nochmal zur Besinnung kommen!
Shaya… können wir tauschen? Ich wache bei unserer bewusstlosen Milady und du kümmerst dich um seine Hoheit? Wäre zu schön, aber das tue ich ihr nicht an.

Eine Ohrfeige. Aber ich kann doch nicht… es ist seine Hoheit! Aber die Zwerge können!
Ich drehe um, lasse seine Hoheit einfach am Brunnen stehen, er rührt sich ohnehin nicht.
„Ich brauche jemanden der gezielt eine Ohrfeige erteilen kann und den Mut aufbringt diese an seine Hoheit zu geben!“ Ich muss selbst von allen guten Geistern verlassen sein.
„Ich mach das.“ War das seine Hochwürden? Habe ich nicht deutlich genug zu den Zwergen gesehen? „Hochwürden, nicht Ihr!“ Das fehlte noch.
„Oh ich mach das!“ Ich atme durch, eine Khaz-Aduir. „Ohne Bier mach ich nix!“ Ein Khaz-Aduir.
„Such dir einen aus von uns.“ Ein anderer Wächter des Berges. Ich starre alle an, ich brauch doch nur einen verdammt! Seine Hochwürden indes bietet sich an, für das Bier zu sorgen. Gut!
Ich führe die sehr klein gewachsene aber zähe Khaz-Aduir Kunna zu seiner Hoheit, schaffe es gerade noch, ihm die Arme herunter zu zwingen, meinen eigenen Kopf außer Reichweite zu bringen, da sitzt auch schon der erste Schlag und seine Hoheit taumelt zurück.
„Was zum…“ Das sieht gut aus. „Nu sach mal was Gescheites.“, fordert Kunna ihn auf.
Genau Hoheit, was richtig Gescheites! Er ist zu langsam, sein Blick wandert verwirrt zwischen Kunna und mir hin und her, was sie zum Anlass nimmt ihm noch ein paar mitzugeben.
Da kommt Bewegung in seine Hoheit… er wird doch nicht… doch er wird! Er holt aus, um Kunna nun ebenfalls einen Schlag zu verpassen. Das darf doch alles nicht wahr sein! „Halt!“

Ich zerre an seiner Weste, während Kunna ihn angrinst und ihm erklärt, dass man eben manchmal ein paar Schläge einstecken muss. „Was soll das hier verdammt nochmal werden?“ Oh, er scheint zumindest wieder bei Verstand. Aufatmen.
„Habt Dank, Euer Bier ist wohlverdient, seine Hochwürden hat es glaube ich schon bereit gestellt.“
Das hätte ich besser nicht gesagt. „Ihr habt Bier geboten, damit…?“ Den Ton kenne ich und mache mich schon mal fluchtbereit. „Hoheit, es war zu Eurem…“ Weiter komme ich nicht, er hat meinen Arm gepackt und auf den Rücken gedreht, was mir für den Moment sämtliche Luft nimmt, seine andere Hand landet in meinem Nacken und beginnt mich zu schütteln. „Was sollte das?“
Ich würde es Euch erklären Hoheit, wenn Ihr mich einen Moment losließet. Aber Gnade oder Erbarmen steht heute nicht auf dem Programm, zumal ich das ohnehin nur denken kann.
Also flach Luft holen und raus damit: „Hilfe!“ Herrin, lass es jemanden hören, bitte!
„Weg da!“ Die Stimme meines Retters? „Ich denk nicht dran! Sie bietet den Zwergen Bier, damit sie mich schlagen, sie soll es erklären!“ Die Stimme meines Peinigers und er denkt tatsächlich nicht daran mich loszulassen. Seine Hochgeboren von Goldenfall setzt zum Sprung an und katapultiert sich mit seiner Schulter gegen seine Hoheit. Er wird zur Seite gerammt, aber leider hängt mein Arm noch mit dran. Eine Welle von Schmerz durchflutet meine Schulter, bestimmt ausgekugelt.
Endlich lässt er mich los, als seine Hochgeboren von Goldenfall ihn nun mit Schlägen eindeckt und er sich dagegen zur Wehr setzen will.
Da kommt Shaya, offenbar hatte auch sie meinen Hilferuf vernommen und sie schickt mich zu Milady. „Alles in Ordnung? Geh zu Milady… sie braucht… sie hat eben… geh einfach zu ihr, gib Acht.“ Acht geben, ja. Zumindest kann Milady mir nicht den Arm verdrehen.

Kaum habe ich mich neben ihr ins Gras sinken lassen, höre ich ihre leise Stimme. „Savea? Helft mir.“ Ich kann nicht mehr, Tränen schießen mir in die Augen, vernebeln den Blick. „Wie Milady?“
Sie will antworten, flüstert, aber ihre Worte gehen unter in dem Gebrüll der anderen, die sich gerade wieder nähern. Da sind seine Hoheit, seine Hochgeboren und Sir Rafael.
Können sie nicht alle ruhig sein? Was Milady? Was wolltet Ihr sagen? Ich konnte es nicht verstehen! Verdammt, sie sollen ruhig sein! Nichts mehr. Milady scheint in eine erneute Bewusstlosigkeit gefallen, während seine Hoheit noch tobt und alle anderen versuchen ihn zu beruhigen.
Und da ist sie! Ihre Eminenz! Niemanden hätte ich gerade lieber gesehen als vielleicht die Herrin höchstselbst. Endlich! Nun wird bestimmt alles gut!
Ein Blick genügt ihr zu erkennen. „Es ist also passiert.“ Ja, es ist passiert. Was genau? Weder Shaya noch ich sind gerade in der Lage zu verstehen.
„Beide benötigen Eure Hilfe Eure Eminenz… seine Hoheit und Lady Darna.“
„Die Paladina steht in einem Orkan. Scheinbar zerrt er bereits an ihr. Ich werde später sehen, ob ich ihr bei ihrem Kampf beistehen kann.“ Ja, ja, das ist gut, sehr gut!
„Die Zeit ist gegen uns.“ Äh, halt! Was ist mit: Es wird alles gut, wir werden siegen gegen das, was auch immer da ist?
„Ich werde nach seiner Hoheit sehen.“
Eminenz! Ihr könnt doch jetzt nicht. Doch, sie kann und muss und tut es.
„Danke Eure Eminenz.“

Während sich alle im Klostergemach seiner Hoheit versammeln, um zu sehen ob und wie ihm zu helfen ist, bleiben Shaya und ich bei Milady, am Rande unserer Kräfte… wie wir glauben.
Da! Ist das ein Zucken in Milady Gesicht? Wird sie wach? „Helft mir…“ Ein Wispern nur und wir beugen uns schlagartig vor, um nur keines ihre Worte zu überhören. Wir sind hier Milady!
„Sie haben mich… gefangen…“ Gut, sie redet, wir müssen sie am Reden halten, jeder kleinste Hinweis kann hilfreich sein. „Wer… wo?“
„Blut… neun…“ So angestrengt Milady ihre Worte haucht, so angestrengt lauschen wir, den Atem anhaltend, als könne er auch nur eines davon wegwehen.
„Ker… Käfig… neun…“ Was Ker…? Kerker? Kerzen? Kerben? Kein Kerker… Käfige? Wir verlegen uns aufs Raten, um ihr die Anstrengung zu ersparen, hoffen auf ein Nicken oder Kopfschütteln.
Erschöpft, traurig und verzweifelt wiederholt Milady „Blut.“, dann schließen sich ihre Lippen wieder.
Kommt schon Milady, wir brauchen mehr! So sagt doch noch etwas!
Nein, es ist vorbei, sie schläft oder ist wieder bewusstlos.

Herr Ecthaliat tritt hinzu und fordert mit Milady zu sprechen. Nein, das geht nicht, aber er begreift nicht. Wir versuchen uns in Erklärungen, aber er will nicht verstehen. Er will die Karten. Nun sind wir es die nichts verstehen. Was für Karten? Oh… _diese_ Karten. Die unheiligen Karten des Rabendieners. Niemals!
„Was ist euch wichtiger… Leahs Leben oder diese Karten?“ Ihr habt Glück Herr Ecthaliat, dass wir gerade nicht in der Verfassung sind, Euch dafür die einzig passende Antwort zu geben: Eine Ohrfeige! „Das ist keine Entscheidung die hier und jetzt getroffen werden wird, Herr Ecthaliat.“
„Wir… haben… keine… Zeit!“ Ach was! Zumindest damit hat er mal recht. Dann macht er sich aus dem Staube, mit dem Versprechen: „Wenn ich auf eure Hilfe nicht zählen kann, dann mache ich es alleine.“
Fräulein Ira, Herr Finrias und Knappe Marquez gesellen sich hinzu und der Herrin sei Dank nimmt sich Fräulein Ira nun der beiden Herren an, vor allem aber des Knappen, der genauere Informationen verlangt, weil er als Knappe darauf einen Anspruch hätte. Himmel, sie sollen gehen, alle!
Es gelingt Fräulein Ira die beiden Herren zum Gehen zu bewegen, indem sie rundheraus log.
„Milady befindet sich in einer einfachen aber sehr tiefen Meditation. Es besteht kein Grund zur Sorge.“

Es bleibt nur kurz die Zeit, um Fräulein Ira auf den aktuellen Stand zu bringen, da ruckt Milady in den Gurten. „Adrian… lauf!“ Shayas hektische Beschwörung „Ihre Eminenz ist bei ihm, es geht ihm gut.“, quittiert Milady mit einem: „Lasst ihn gehen!“ „Er ist in Sicherheit Milady.“
Eine Weile ist es ruhig, dann Miladys Bitte: „Ira… holt mich hier raus… schneidet sie durch.“
Die nächsten Worte können wir wieder nicht hören, da das Gebrüll aus dem Klostergemach seiner Hoheit durch die geöffnete Tür an Lautstärke gewinnt und alles übertönt.
Was wir aber durch den Lärm dringt sind die Worte seiner Hochwürden, der ihrer Eminenz mitteilt, dass sich vor dem Kloster das Rabenvolk tummelt.

Der Lärm nimmt nochmals zu, sodass auch Milady wieder erwacht und uns zu verstehen gibt,
dass sie es gehört habe und wir dafür büßen werden. Ja Milady, wir büßen bereits. Sie versichert uns grollend, dass wir es noch nicht genug täten. Ja, Milady, dafür werdet Ihr sicher noch sorgen.
„Ihr hättet die Finger von ihm lassen sollen.“ Na schön, vielleicht ist dies der Moment wo man etwas anderes versuchen muss und wir gehen drauf ein, statt zu widersprechen.
„Ja Milady, das war ein Fehler, das sehen wir ein.“
„Egal, wie ihr ihn habt leiden lassen, ich garantiere, ihr werdet es doppelt.“
Wir pressen die Lippen zusammen und bemühen uns weiter zu spielen.
„Das ist nur gerecht, schätze ich.“, stimmt Shaya ihr zu und ich füge ein „Wenn es hilft Milady, er hat sich schon gewehrt.“, an.
Nun beginnt auch sie sich wieder zu wehren, unter einer Schimpftirade, mit dem Versprechen, dass wir das alles noch teuer bezahlen werden. Ja Milady, wir zahlen bereits.
Ihre Eminenz unterbricht das Intermezzo und wir atmen in unserer Hilflosigkeit auf.
Jetzt wird sie helfen! Endlich!
„Ich habe eine gute und schlechte Nachricht…“ Nein, nein bitte, keine Schlechte, nein!
„Die schlechte Nachricht ist, ich kann Paladina von Hohenfels heute nicht mehr helfen, meine Kräfte sind zu erschöpft. Die gute Nachricht ist, dass wir seine Hoheit von Hohenfels retten konnten und er nun ruht.“ Ehe die Nachrichten so richtig verdaut sind, brüllt Milady auch schon los.
„Das ist niemals wahr“ Steckt euch das Retten wo hin, wo keine Sonne scheint! Adrian wird euch niemals folgen!“
Noch während Milady uns allen weiter erläutert, was sie alles gedenkt mit uns anstellen zu wollen, lauscht ihr ihre Eminenz schon fast mit dem Interesse einer Forscherin und drückt Shaya dann eine kleine Phiole in die Hand. „Es ist besser, sie schläft gegen ihren Willen, als sich ewig zu quälen.“
Dann beschwört sie eine kleine Lichtkugel, die uns den Rücken wärmen soll, allerdings mit gebührendem Abstand zu Milady, die mit Entsetzen diese Lichtgestalt anstarrt.
Ihre Eminenz verspricht noch etwas warme Suppe und Brot für uns bringen zu lassen und entfernt sich. Ich gehe mit ihr, um ihr noch kurz von der Forderung der Rabendiener für Leahs Befreiung zu berichten.

Als ich zurückkehre zum Baum sind auch Fräulein Ira und Herr Katuri dort und sprechen mit Shaya, bis Fräulein Ira auf den Milady bedeckenden Umhang deutet und sich erkundigt, „ob das da so sein müsse“. Ich weiß nicht was sie meint, sehe aber nach. Als ich den Umhang an ihren Beinen lüfte, fliegen mir auch schon ihre Füße entgegen. Sie hat es tatsächlich geschafft den Gurt zu lösen und ich kann dem gut platzierten Tritt nicht ausweichen, falle rücklings ins Gras, während der Schmerz in meinem Kopf explodiert.
Ich sehe gerade noch, wie Milady sich mit dem Oberkörper zurückwirft gegen Shaya, sie aus dem Gleichgewicht bringt, dann springt Fräulein Ira auch schon auf Milady und versetzt ihr einen Hieb mit dem Ellenbogen.
Milady wehrt sich weiter und versucht sich auch vom letzten Gurt zu befreien und das ist der Moment wo uns allen klar ist, dass nun nur noch der erzwungene Schlaf helfen kann.
Während Fräulein Ira auf Milady liegt, fixiere ich deren Arme und Shaya versucht Milady den Schlaftrunk einzuflößen. Es dauert gefühlte Stunden sie zum Öffnen des Mundes zu bringen und am Ende hilft nur rohe Gewalt.
Alle drei sitzen wir keuchend um Milady herum, die sich nach dem Schlucken des Trunkes ihrem Schicksal ergeben und beruhigt hat und starren sie mitfühlend an. Ich taste derweil mein Gesicht ab, ob die Nase noch an ihrem Platz ist, beuge mich dann vor und schicke ein erschöpftes „Gut gekämpft Löwin.“, an Miladys Ohr.

Wir sind fix und fertig aber können sie so auch nicht liegen lassen, müssen sie neu binden.
Keiner von uns möchte eins über den Schädel bekommen von Milady, wenn sie wach wird, während wir bei ihr schlafen. Wir entscheiden uns für Bandagen und lassen beim Binden nicht viel Spielraum.
Lange nachdem Milady bereits schläft, obsiegt auch bei Shaya und mir die Erschöpfung und lässt uns in tiefen Schlaf fallen.
Unser letzter hilfloser Gedanke in dieser Nacht: Es tut uns so leid Milady.
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