Wohin der Weg auch führt...

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Samira Nailah

Wohin der Weg auch führt...

Beitrag von Samira Nailah »

Gedankenverloren starrte Samira auf die kleine nackte Ratte in ihrer Behausung. Ein hölzerner Käfig, ähnlich einer Reuse der Fischersmannen, hielt den Nager umschlossen. Sie schob Zarg, so hatte sie die am längsten bisher verweilende Ratte getauft, ein Stück Käse zu. Hungrig machte sich das Tier darüber her. Sie sah ihm dabei mit einem milden Lächeln, wenn auch einsam anmutend, zu.

Ihr Mjeshter war bereits sehr lange fort. Auch früher schon verreiste er, doch bisher nie so lange und ohne sie mitzunehmen. Die Dame Rowan war auch fort. Wahrscheinlich waren sie zusammen gegangen, dachte Samira und legte mit leisem Seufzen die Hände in den Schoss um Zarg weiter beim futtern zuzusehen. Manchmal gestattete sie sich zu glauben, dass er nicht zurückkehren würde. Was würde dann aus ihr? Jedes Mal wieder spührte sie dann die Verzweiflung emporkriechen und versicherte sich selbst, er würde kommen. Immerhin hatte er sie gekauft, nai? War sie nicht sein wichtigster Besitz bisher gewesen? - 'Ja, aber nur bis er die Dame Rowan traf. Ab da warst du nicht mehr wichtig...' , murmelte eine leise Stimme in ihren Gedanken, welcher sie nicht zuhören wollte. Würde der Herr der Eisenwart sie noch lange beherbergen? Wahrscheinlich nicht. Immerhin verspeiste sie auch etwas von seinen Vorräten und wer wollte schon eine nutzlose Sklavin in seinem Haus. Oder hatte Tivadar hier vorgesorgt, ehe er fortzog...? Sie wusste es nicht. Fragen traute sie sich jedoch auch nicht. Vielleicht würde dann erst auffallen, dass sie länger als zuvor zum Kräutersuchen auszog, manchmal des Nachts gar nicht wiederkehrte. Vielleicht würde er es ihr dann verbieten.

Es hatte auch seine Vorteile, dass ihr Mjesther nicht mehr bei ihr verweilte. Die Nächte waren ruhiger und sie konnte sich ihren Forschungen widmen, anstatt sich um seine Freuden zu kümmern. Auch hatte sie schon lange kein Mittel des Glücks mehr genommen, was ihrem Körper nur gut zu tun schien. Sie fühlte sich weniger schwächlich als sonst und erschöpfte nicht mehr so schnell. Erst kürzlich hatte ihr sparsames Einkommen, dass sie sich im Hafenviertel von Rahal erarbeitete, das Entdecken einer neuen Rezeptur erlaubt. Mit den hier ansäßigen Seerosenblättern und den erstandenden Kaktusohren hatte sie Zarg leider die Haare ausfallen lassen. Etwas schuldbewusst legte sie der Ratte ein Tuch um den Leib. Mittlerweile war das Tier handzahm. Seit den Tagen der großen Seuche in Rahal lebte er nun mit ihr zusammen und teilte die kleine Hütte, tief in den letzten Winkeln des Viertels verborgen. Er hatte als einziger auf das Heilmittel reagiert, dass sie unter Anweisung der damaligen Statthalterin entwickelt hatte.

Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie an den Barbaren aus der Apotheke dachte. Freundlich war er gewesen, ja. Sie hatte Steine eintauschen können, was vielleicht nicht jeder entgegengenommen hätte, und zu später Stunde als sie zu schnell das Pflaster entlangeilte, sich den Fuss verdrehte, hatte er ihr Einlass gewährt. Älter war er, fast so alt wie Tivadar, schien es ihr, wenn sie sich sein Bild in Erinnerung rief. Seine Hände waren sanft gewesen, als er sich sehr fürsorglich um ihre Blessuren kümmerte. Könnte sie es wagen ihm zu danken? Was wäre seiner angemessen? Oder sollte sie lieber darauf achten, ihm nicht mehr zu begegnen, damit er sie nicht zurück zur Burg jagte?

"Zarg, was sagst du dazu? Sprich, weiser Freund, was kann ich tun?", murmelte sie zur Ratte hin, sich absichtlich auf die hiesige Zunge verschlagend. Zwar sprach sie auch gern in ihrer Muttersprache zu ihm, doch sie brauchte die Übung. Sonst würde sie bald kein Wort mehr hervorbringen, und was würde erst dann aus ihr werden? Wahrscheinlich würde der Burgherr sie in ein Hurenhaus stecken, nur um sie loszuwerden. Noch immer hatte sie die Hände tatenlos im Schoss zusammengelegt, keine Antworten von dem kleinen Nager erhaltend. Sie schloss die Augen und dachte noch einmal an die Behandlung zurück. Irgendwie, auf eine besondere Art und Weise, war es wirklich angenehm gewesen. Wie konnte sie das erwiedern? Wie sich revanchieren? Es war klar, zumindest dafür musste sie eine Entschädigung finden. Vorsichtig drehte sie den verstauchten Knöchel und lachte leise, als kaum mehr Schmerzen vorhanden waren.

Ja... irgendwie...
Samira Nailah

Beitrag von Samira Nailah »

Es dauerte nicht lange und kurz darauf fand sich ein kleines Paket in dem Briefkasten des Besitzers der Apotheke.

Beigefügt war ein kleiner Zettel...

[img]http://img694.imageshack.us/img694/883/dankesamira.jpg[/img]
Stranamorius
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Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Stranamorius »

Der Apotheker saß in seiner Stube bei einer Tasse Tee. Er hatte seinen roten Hausrock an. Die Kleider hingen noch zum Trocknen am Haken. Es war ein nasses Frühjahr. Zu mild schon für Schnee, doch stattdessen Regen. Kein einladendes Wetter für eine Reise nach Düstersee, in den Süden des Reiches.

Und doch hatte er sie heute angetreten. Die Plage der vergangenen Wochen, die Brut der Blutkönigin, hatte sein Ross auf dem Gewissen. Auf einem Ausritt durch den Wald ward er von ihnen attackiert worden. Sein eigenes Leben konnte von einigen Kriegern beschützt werden, doch für das Reittier kam die Rettung zu spät. Und so ergab sich die Notwendigkeit, jetzt, wo die Bedrohung gebannt, ein neues zu beschaffen. Das Gehöft der befreundeten Familie Del’Mur in Düstersee sollte einen adäquates Tier bereitstellen.

Nun war er wieder heim gekommen. Die Teeblätter aufgekocht, jenes neu restaurierte Buch aus seinem Archiv der Werke aus der Krypta Rahals - eine alte Enzyklopädie - zur Hand genommen. Es sollte ein ruhiger Tagesausklang werden. Die Seiten wurden mit mehr oder weniger Interesse durchgelesen. Ein Nachschlagewerk, nichts was man gewöhnlich von vorne bis hinten durchliest. Doch des Arztes Interessen schlossen altes Wissen und das Okkulte stets ein. Vielleicht mochte man ja noch etwas lernen?
Doch nicht jeder der aufgeführten und erläuterten Begriffe konnte seine Aufmerksamkeit zur Gänze fesseln. So schweiften seine Gedanken immer wieder ab. Und langsam ließen seine Erinnerungen den Besuch am Hofe Del’Mur Revue passieren...

Ein hoch gewachsener Hengst war es, der ihm präsentiert wurde. Mit schwärzlich schimmerndem Fell, wie sein letztes Tier. Er zog sich in den Sattel, wollte sehen, wie die Welt von dort oben aussah und sah.. sie.
Sie kannte er doch, ihre dunkle Haut, das Haar - der Blick. Der unterwürfige, scheue Blick. Vor den Toren des Hofes stand sie nun. Ein Zufall? Er zog kurz und trocken am Zügel und ließ den Hengst ein paar Schritte vorwärts machen. Obstbäume passierten das Blickfeld. Und als die Sicht auf das Tor wieder frei war, war sie verschwunden.

"Mandragora quintennialum: fünfjährig treibende Pflanze der Gattung Alraune. Fruchtkörper: Violett." Dies riss ihn aus seinen Gedanken. Das hatte er doch schon einmal gelesen. Ja, Scartyz Blutfaust kam einst zu ihm, als jener nach dieser Pflanze suchte, die er für den Ritus zu seiner Erhebung in den Stand des Ahads benötigte.
Doch schon wurden Stranamorius' Sinne erneut abgelenkt. Ein Geräusch vor der Apothekentür. War das nicht das leise Singen des Briefkastendeckels, der sich quietschend hob und wieder senkte. Die Neugier war geweckt. Ein Lesezeichen in das Buch, aus dem Stuhle hoch gedrückt, und er begab sich zur Türe.
Auf der Gasse war niemand mehr zu sehen. Still lag sie da, dämmrig beleuchtet im Schein der Laterne. Doch seine Sinne hatten ihn nicht getrogen. Im Postkasten befand sich ein Paket nebst einem kleinen Zettel.

"Danke
Samira".
Zuletzt geändert von Stranamorius am Freitag 23. April 2010, 01:48, insgesamt 2-mal geändert.
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