Es war gerade zwei Mondläufe her, dass ich das Licht der Welt erblickt hatte. Es gab an diesem Abend ein großes Fest, um den Welpen willkommen zu heißen:
„Thilobrand, Sohn des Rodgar, Kind der Wikrah, aus dem edlen Blute derer des Thrail“
dass ist mein Name. …
Die Schlacht tobte gar grausam in der engen Felspassage, die zu Gunnlöds Haus führte. Die, die dazu auserkoren waren neue Ufer zu suchen, versuchten das wenige Hab und Gut auf die Schiffe zu bringen.
Ein Reiter näherte sich in vollem Galopp Gunnlöds Haus und von weitem schallte sein Horn durch die Passage.
Es wurde still … nur für eine Sekunde … Alle blickten in seine Richtung …
„SIE KOMMEN, … sie kommen!“
Hektik breitete sich aus, das letzte Hab und Gut wurde mehr geworfen als getragen.
Das Treiben endete für ein oder zwei Wimpernschläge, als die letzten Verteidiger entschlossen in die Schlacht zogen –auf, um den Schergen des Panters und Alatars sowie dessen Balrons und ihren Dämonen die Stirn zu bieten und den anderen Clanern die Flucht zu ermöglichen.
Als das Schiff ablegte, das meine Mutter und mich zu fernen Ufern bringen sollte, war der Schlachtlärm noch leise über dem Land zu vernehmen. Alle standen schweigend an Deck und blickten in die Ferne. Ihr Blick reichte weiter, als normale Augen zu sehen vermögen.
Doch kaum war unsere Heimat hinter dem Horizont verschwunden, holte uns das Grauen ein und riss dass Schiff entzwei. Schreie durchzucken den blutroten Himmel wie Blitze, und genau so abrupt endeten sie. Man mochte fast meinen, dass selbst die Sonne ihre Blicke vor so grauenvollem Treiben abwandte.
Die Ahnen hielten in diesen furchtbaren Momenten schützend die Hand über mich sowie kaum zwei Hand voll meines Volkes vor der Abscheulichkeit Raugaroths Rachen. Sie klammerten sich an Überreste des Schiffes und einer der „Alten“ rettete mich, hievte mich auf ein Stück Treibholz, auf das ich leben sollte.
Es gelang ihnen, aus dem Treibgut ein Floß zu bauen und so uns die Dame im Wind und die Eisige Jungfer wohl gesonnen waren, würden wir leben und neue Ufer erreichen. ...
Ich vermag es nicht zu sagen wie lange wir unterwegs waren, als endlich Land in Sicht kam.
Wir waren zu siebent, die die Reise auf dem notdürftig zusammengebundenen Floß antraten, aber nur zu viert, als wir festen Boden erreichten.
Geschwächt und mehr tot als am Leben fanden uns Fischer aus einem nahen Dorf, mich als schreiendes Bündel. Ich wurde sodann zu einer Frau ins Dorf gebracht, die gerade Mutter geworden war, um mich zu stillen.
Bis ich das Dorf verließ wurde immer wieder erzählt, ich hätte alles ausgespuckt, bis ich endlich Metmilch bekommen hätte.
Hier fanden wir unsere neue Heimat, ich und mein Retter Adalwolf Baldwinson. Er war Einherjer der Bunjam (+46 Winter alt). Er war es auch, der mich später auf den Weg des Schwertes vorbereitet und mir den Umgang mit dem Schwert und der Axt bei bringen würde.
Ragin, Sohn des Thorlof, (43 Winter alt) unser Holzwurm. Ich durfte immer bei ihm schnitzen, doch mehr als brüchige Holzschwerter brachte ich dabei nie zustande. Außerdem war er es, der mir einige Gemeinheiten im Umgang mit der Axt vermittelte. Und dann war da noch …
Gismara, Tochter des Wigmar, (39 Winter alt) unsere Wolfsheulerin und gute Seele, sie wollte versuchen, mir das Bogenschissen bei zu bringen, nur ...naja... lassen wir das mal.
Wir wurden in das Dorf aufgenommen, siedelten in dessen Nähe und so verstrichen die Winter. Es stellte sich bald heraus, dass ich mich für Waffen und Kampf mehr als für alles andere interessierte. Deshalb begann eines Tages Adalwolf, mich auf den Weg eines Schwertes zu führen.
Zu Anfang noch spielerisch, doch mit der Zeit immer intensiver werdend, tägliche Unterweisungen im Umgang mit den Waffen, erklärte er mir auch was die Dualität bedeutet und wie man die Ahnen ehrt.
Krafttraining mit Ragin, indem er mich mit in den Wald mitnahm, um Holz zu schlagen, wobei wir immer Gaben und Setzlinge für die Geister des Waldes mitnahmen.
Sie versuchen so gut es ging mir zu zeigen wie es ist, in einem Clan zu leben, auch wenn ich bemerkte, dass es ihnen schwer fiel, da wir nur wenige waren. Sie zeigten mir die Sitten, Gebräuche und Traditionen, wie man sich als ein guter Gast sowie Gastgeber benimmt, den Faustschlag sowie den ersten und letzten Schluck für die Ahnen und Geyster. Schmerzhaft lerne ich die Lektion, dass ein Mann in der Küche nichts zu suchen hat und so verstrich die Zeit wie das Wasser einen Fluss hinabläuft.
Dann jener verhängnisvolle kalte Wintermorgen. Ich war gerade 16 Sommer geworden. Adalwolf und ich standen im Ring und trainierten, als ein Schrei die Morgenluft zerriss, der so abrupt verstummte wie es nur der Tod vermag.
Adalwolf reagierte sofort, während mir einen Moment ein eisiger Schauer über den Rücken kroch. Der Einherjer griff nach seiner Ahnenklinge und rannte in die Richtung des Städterdorfes, aus dem der furchtbare Schrei gekommen schien. Ich folgte ihm in kaum zehn Schritt Entfernung, konnte gerade noch ein Schwert und eine Axt ergreifen, bevor meine Füße sich selbstständig machen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, die wir für die hundert Schritt ins Dorf brauchten. Kaum bogen wir um das Haus, das uns die Sicht auf den Dorfplatz versperrte, schrillte uns der nächste Todesschrei entgegen.
Auf den Marktplatz wimmelte es. Dorfbewohner, die versuchen, mit allerlei Unrat, Dreschflegeln, Bretter und Bratpfannen ihr Leben zu schützen, boten sich als ein entsetzlicher Anblick dar. Ich hatte schon so manchen Toten gesehen, auch solche, die von Tieren zerfleischt wurden - aber das! … ich konnte es nicht in Worte fassen!
Laut schrie ich auf und stürmte Seite an Seite mit Adalwolf der Brut entgegen. Die ersten bemerken uns und versuchten, sich uns entgegenzustellen, doch sie sollten bald merken, dass es besser gewesen wäre zu fliehen.
Adalwolf holte mit seiner Ahnenklinge aus und die Klinge beschrieb kraftvoll eine todbringende Kurve. Gleich zwei Gegner steckte er mit diesem Hieb nieder, während ich in Reichweite des ersten Bastards kam. Ich stieß mit meiner Klinge gerade nach vorne. Mein Gegner parierte diese geschickt, doch er war zu langsam, denn in dem Augenblick sauste auch schon die Axt herab und spaltete ihm den Schädel. Warmes Blut spritzte mir ins Gesicht und auf den Oberkörper. Für einen Wimpernschlag lang stand ich regungslos da. Ich zitterte vor Wut am ganzen Körper, als ich hinter mir einen Angreifer hörte. Ich fuhr herum und schon lag er in meinen Armen. In seinen Augen sah ich den kommenden Tod und in seinen Rücken einen Pfeil. Gismara! Wir sahen uns kurz an, während Ragin ihr in Reichweite seiner Axt die Mistkerle vom Leib hielt.
Ich fuhr herum um, mir den nächsten Unhold vorzuknöpfen und der Trollkopp lief mir genau ins Schwert. Ich verpasste ihm einen Tritt, um meine Klinge wieder frei zu bekommen. Ich rannte los Richtung Platzmitte. Auf dem Weg konnte ich noch zwei weitere Gesellen niederstrecken. Im Vorbeilaufen schlitze ich ihnen die Rücken auf.
Doch noch bevor ich die Dorfmitte erreichte, sah ich an einem nahen Haus, wie einer dieser Schlächter Wolfgang, meinen besten Freund unter den Dörflern, den Wanst mit seiner Axt aufriss.
Ich war wie erstarrt. Meine Augen brannten, mein Griff um die Waffen wurde eisern. Ein Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper und mein Herz stand mit einem Mal in Flammen. Ich konnte es nicht genau beschreiben. Ich sah mich noch einige Augenblicke, als wäre ich nicht in mir. Ich sah mich selbst. Ein „Urschrei“ steigt tief aus meiner Kehle empor. Ich sah, wie ich den ersten der da kam um die Hüfte fast entzweite, den nächsten der meine Bahn kreuzte, um eine Hand und einen Fuß erleichtere, immer direkt auf den zugehend, der Wolfgang getötet hatte. Er versuchte zu flüchten, doch war er nicht so schnell wie die Axt aus meiner Hand, die als sein Verfolger durch die Luft pfiff. Als ich ihn erreiche, prügelte ich mit bloßen Händen auf ihn ein, bis von seinem Gesicht nichts Erkennbares überblieb.
Ich konnte mich danach an nichts mehr erinnern. Das erste, was ich mitbekam, war ein stechender Schmerz im Gesicht und in der Brust sowie in meiner Linken. Ich öffnete die Augen. Gismara beugte sich über mich und sagte: „Ruh dey aus, dey hat einen schweren Kampf hinter dey.“
Ich: “Ney, alles in Ordnung tut nicht mal stark weh. Was ist passiert?“
Gismara: „Eine Gruppe von Banditen haben das Dorf überfallen, viele getötet und noch mehr verwundet!“
Ich schreckte hoch: „Wolfgang?“
Gismara: „Er hatte einen schnellen Tod.“
Ich ballte meine Fäuste. „Was ist mit mey geschehen? Mey weiß nur noch, das ich dachte ich bin ney mehr ich!“
Gismara: „Dey ist in Raserei verfallen, das kann in der Hitze des Kampfes schon mal passieren.“
Ich: „Adalwolf? Wir sind Seite an Seite vorgestürmt. Wo ist er?“
Gismara senkte schweigend Ihren Kopf.
Ich: „Gis, was ist mit ihm? Sag es mir!“
Gismara: „Als die letzten Angreyfer die Flucht ergriffen, ist er ihnen eyn Stück nachgestürmt. Als er umdrehte, um zurück zu kehren, schoss ihm eyner dieser feygen Köter eynen Pfeyl der ihn in den Rücken.“ Ihre Stimme klang verbittert und traurig zugleich.
Ich: „Ist er…?“
Gismara: „Ney, er ist ney tot, aber sehr stark verletzt. Es sieht ney gut aus für ihn.“
Ich sprang auf. „Wo ist ...“ und brach sofort wieder zusammen. Ich brauchte ein paar Minuten, um mich wieder zu fangen. „Wo ist er? Mey will zu Ihm.“
Gismara: „Mey bringt dey zu ihm.“
Als ich mich langsam von meinem Lager erhob, sah ich, dass ich mich zusammen mit gut zwanzig anderen Verwundeten und Sterbenden in der Dorfhalle befand. Wir gingen zu unserem Haus, wo Adalwolf in seiner Schlafmulde lag. Er war am rechten Arm und um die Brust verbunden. Der Medizinmann kniete über ihn gebeugt neben ihm. Als er uns hereinkommen sah, stand er auf. Sein Blick sagte alles, was ich gar nicht wissen wollte.
Adalwolf: „Thil.“ Er hustete schwach „Komm zu mey.“
Ich näherte mich langsam meinen Lehrmeister, kniete mich zu ihm, blickte auf ihn herab und wünschte, ich könnte etwas für ihn tun, doch schon unterbrach er meine Gedanken.
Adalwolf: „Thil du hast dich gut geschlagen, du musst aber noch lernen deine Wut zu kontrollieren das ist sehr wichtig.“
Ich konnte nur nicken, weil nicht ein Ton über meine Lippen kommen wollte.
Adalwolf: „Du bist jetzt ein Mann Thil.“ Er holte tief Luft und es rasselte dabei in seiner Lunge. „Du hast tapfer gekämpft und nun ist es Zeit, dass du losziehst.“ Das Sprechen fiel ihm immer schwerer.
Ich unterbrach ihn. „Ruh dich aus. Das kannst du mir noch sagen, wenn es dir besser geht.“
Adalwolf: „Ney“, fuhr er mich an. „Mey geh nach Anudaraf noch bevor die Nacht hereinbricht. Also sei ruhig und hör gut zu. Der Schamane …“, er nickte in Richtung einer Ecke, in der ich den Schamanen erblickte, „sagte, er vernahm die Stimmen der Ahnen und du sollst dich auf den Weg zu den Unsrigen machen, nach Wulfgard. Nimm meinen Kilt dort aus der Kiste, du hast ihn dir verdient. Nimm dir die Waffen, die du brauchst, und mach dich auf den Weg. Lass dich von der Dame im Wind leiten und sie wird dich führen, vertraue auf die Ahnen und gedenke ihrer stets. Mein Weg endet hier doch, deiner beginnt erst.“
Ich ergriff seinen Unterarm und er den meinen. „Adalwolf, Sohn des Baldwin, Einhe....“ Mir stockt der Atem, als die Flammen in seinen Augen erloschen, und der Griff sich löste.
Ich nahm seine Ahnenklinge, und legte sie in seine Hände, so dass die Klinge bis runter zu den Füßen ging, die Finger um das Heft geschlossen.
In Gedanken sprach ich zu ihm: „Dank dey Adalwolf, Sohn des Baldwin, Einherjer der Bunjam, Dank dey mein Lehrmeister ... für alles ... Mey hätte es früher schon sagen sollen.“
Ich stand auf, atmete tief durch und wandte mich an Gismara: „Lasst uns die Toten bestatten!“ brachte ich gerade noch heraus. Und so machten wir uns an die Arbeit.
Wir trauerten drei Tage um unsere Freunde. Dann machte ich mich fertig für den Weg, der mir angedacht war.
Ich packte nur wenig: den Kilt, eine Klinge und ein wenig zu essen, denn ich wollte schnell sein, sehr schnell, um die Schergen einzuholen um die Welt von diesem Übel zu befreien. Ich verabschiedete mich von Gismara und Ragin sowie den Dorfbewohnern und verließ den Ort des Grauens in jene Richtung, in die die Brut geflüchtet war. Ich folgte ihrer Spur, von Dorf zu Dorf, das sie geplündert hatten, bis ich eines Nachts, gut zwei Mondläufe waren vergangen, auf eine Gruppe von ihnen traf. Ich zögerte nicht mal einen Wimpernschlag und schlachtete sie, wie sie es mit anderen getan hatten.
Mit dem letzten Atemzug eines der Schergen brachte ich noch in Erfahrung, dass sie sich aufgespalten hatten. Doch ich gab nicht auf, zu nahe war die Wut und der Schmerz. Ich folgte den Gerüchten und dem Flüstern der Leute auf der Suche nach dieser Brut und so verging ein Winter nach dem anderen, ohne dass ich einen von ihnen finden konnte.
Ich zog durch die Lande, lebte nun schon den achten Winter im Wald, als die Dame im Wind zu mir spricht, ich soll mein Versprechen einlösen und die Unsrigen suchen. Und so machte ich mich auf nach Lameriast, um Wulfgard zu finden.
Angekommen in dem neuen Land, stehe ich nun an den Docks von Adoran und blicke in eine ungewisse Zukunft.