Und sie nannte ihn Vincent ... Vandera

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Vincent Vandera

Und sie nannte ihn Vincent ... Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Wie fühlt es sich an, der Sohn eines Mannes zu sein, den die freien Meere gefürchtet haben wie selten jemanden zuvor, jemanden, der sich Kapitän einer Meute von Freibeutern nannte und dessen Name in manchen Kreisen immer noch ein Raunen mit sich zieht?

Bestimmt toll, wenn der Sohn es denn gewusst hätte.



Aber konnte man Vincent, oder auch Vince, wie er von seinen Halbbrüdern genannt wurde, einen Vorwurf deswegen machen? Konnte er etwas dafür, dass sein Vater in seinen jungen Jahren scheinbar mal eine Taverne auf einer kleinen Insel aufsuchte und der Schankmaid nicht nur die beste Liebesnacht ihres Lebens, sondern auch gleich noch ein Kind hinterher schenkte? Nein, eigentlich konnte er rein gar nichts dafür, nur interessiert hatte das nie jemanden. Vincent war sein Name, benannt nach seinem Vater.
„Damit ich jedesmal wenn ich auch nur deinen Namen höre, an diesen Bastard erinnert werde und was er mir aufgedrückt hat!“ hatte seine Mutter immer gekeift, denn Vincent schien seinem Vater sehr ähnlich zu sehen („Manchmal ist es so als wärst du ihm wie aus dem verlogenen Gesicht geschnitten!“) und hätte er geahnt, dass diese Ähnlichkeit immer mehr zunehmen würde und damit auch das Gekeife, hätte er sicher damals schon geseufzt, aber für den jungen Vincent hatte sich das Gekeife immer irgendwie angehört wie „Ich hab dich lieb mein Junge und ich bin stolz auf dich“ … und diese Illusion half ihm über viele Jahre hinweg.

Wann immer Vince seine Mutter in der Zeit seines Heranwachsens auf seinen leiblichen Vater angesprochen hatte, bestand die Reaktion meistens entweder aus mehreren Flüchen, geworfenen Gegenständen oder einer Mischung aus beiden, aber eine wirkliche Auskunft erhielt der ungeliebte Sohn nie. Trotz allem konnte er auf eine recht gute Kindheit zurückblicken und war er Anfangs noch der Bastard der ihr Leben zerstört hatte, war er spätestens nach der Heirat seiner Mutter mit einem schmierigen Fischer wenigstens nur noch „der da“, denn die Heirat brachte Vincent noch ein paar Halbbrüder ein, mit denen er sich recht gut verstand.
In seiner Heimat konnte ihm niemand etwas über den „alten Vincent Vandera“ erzählen, denn außer diesem einen Tavernenbesuch und der folgenden Nacht schien er sich nicht lange auf der Insel aufgehalten zu haben. Das Vince übrigens den gleichen Nachnamen wie sein leiblicher Vater trug hatte nicht etwa den Grund, dass seine Mutter immer Gift und Galle speien wollte wenn sie ihn hörte, nein, sie wollte ganz einfach allen Bewohnern des kleinen Fischerdorfes klarmachen, dass der Bengel nicht von ihr gewollt war, und doch: Vincent wusste, sie liebte ihn doch ... irgendwie.

Die Jahre waren ins Land gezogen, der Junge half seinen Halbbrüdern und deren Vater wann immer es ging bei der Fischerei aber befriedigend war es nie wirklich und die Fragen nach seinem Vater endeten niemals wirklich. Die Fragerei fand schlussendlich ihren Höhepunkt, als Vincent, mittlerweile ein 18 jähriger Bursche, seiner Mutter ein Ultimatum stellte: Entweder sie würde ihm endlich mehr Einzelheiten über seinen Vater erzählen oder er würde ihr das Herz brechen und gehen.
Aus irgendeinem Grund hatte seine Mutter ihm alles gesagt was sie wusste, jedoch hatte sie scheinbar auch gleichzeitig die Alternative dazu genutzt, ihm die Tür vor der Nase zugeknallt und ihm durch das Holz zugebrüllt er „solle doch den Dreckskerl von Vater suchen und sich zukünftig von dem durchfüttern lassen“. Angesichts der Tatsache, dass die dicke Holztür sich den restlichen Tag nicht mehr öffnete, und Vincent nun wenigstens wusste, dass sein Vater ein Seemann gewesen war, der sich öfters in der Nähe eines anderen Fischerdorfes mit Namen „Bajard“ aufhielt, fasste er letztendlich einen Entschluss. Er würde seinen Vater finden, er würde ihn zur Rede stellen und ihn dann bei seinen abenteuerlichen Seefahrten begleiten, sie würden als Vater und Sohn die Meere bereisen, er würde die Welt und all ihre Handelsrouten sehen, denn dies war ja sicher seine Aufgabe: Handeln.

Und damit machte sich Vincent Vandera auf den Weg nach Bajard … „schon wieder“ … irgendwie.
Zuletzt geändert von Vincent Vandera am Dienstag 22. Dezember 2009, 10:58, insgesamt 4-mal geändert.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Bajard, mittlerweile war dieser Name ein Synonym für Frustration geworden für den jungen Vincent. Er hatte das kleine Fischerdorf vor einigen Tagen erreicht, hatte sich vom Bord gemacht und die wenigen Münzen in seinem Besitz, die ihm dieser habgierige Kapitän nicht abgenommen hatte, würden zweifelsohne vielleicht ein paar Tage ausreichen, an eine Rückreise nach Hause war schon einmal gar nicht zu denken. Doch Vincent hatte nicht einmal das Bedürfnis wieder zurück nach Hause zu reisen, er würde mehr über seinen Vater rausfinden und dann … ja dann würde er weitersehen.

Bajard war eigentlich fast wie sein eigenes Heimatdorf, ein kleines, verschlafenes Nest mit einigen Läden und einer Taverne, und letztere erschien Vincent als sehr guter Ort um seine Nachforschungen zu beginnen … aber wie schon erwähnt, seine Frustresistenz sollte noch ein paar mal auf die Probe gestellt werden. Die Frage nach einem Vincent Vandera, wobei Vince bewusst verschwieg dass er der Sohn dieses Mannes war (man wusste ja nie ob er jemanden Gold schuldete …), brachte verschiedene Antworten. Die meisten Leute starrten ihn verständnislos an, erklärten ihm, dass sie erst seit kurzem in Bajard lebten oder dass sie nie etwas von so jemanden gehört hätten. Einige Seebären hingegen hatten Vince bei der Erwähnung des Namens einen bösen Blick zugeworfen und einer hatte ihn nicht gerade freundlich gefragt ob er „denn Lust auf ne ordentliche Tracht Prügel hätte“ weil er den Namen dieses Mannes erwähnte. Wiederum andere sagten aus, dass sie mal einen Mann mit diesem Namen zusammen mit anderen Männern in Bajard gesehen hätte aber etwas Konkretes konnte, oder wollte, ihm niemand sagen und so musste Vincent nach drei Tagen nicht nur frustriert feststellen, dass er eigentlich gar nichts aktuelles über seinen Vater wusste, sondern auch der Tatsache ins Auge sehen, dass sein Gold nun gänzlich zur Neige ging. Er musste nun also auch zusehen, dass er irgendwie an Geld kommen konnte.

Von seinen letzten Reserven hatte er sich eine Flasche billigen Schnaps geholt, sich an die Küste gesetzt und frustriert aufgeseufzt. Die Reise, die Suche nach seinem Vater … all das lief nicht annähernd so gut und geordnet, wie er es sich die ganze Zeit während der Schifffahrt ausgemalt hatte. Stattdessen war er hier in einem fremden Land, ohne Bekanntschaften und dergleichen und nur einige vage Hinweise … aber einer dieser Hinweise begann plötzlich wie mit einer Spitzhacke auf seinen Schädel einzuschlagen und ein Name drang in seine Hirnwindungen.

Varuna

Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass sein Vater bevor er Händler wurde als Gardist in Varuna gearbeitet hatte und Varuna nicht weit weg von Bajard war. Es war ein Anfang und er würde sich auf den Weg nach Varuna machen und dort antworten erhalten, so war jedenfalls der optimistische Gedankengang. Die Ernüchterung folgte direkt auf dem Fuße, als Vince vor einer zerstörten Stadt stand, deren Ruine alles andere als einladend aussah. Varuna existierte nicht mehr und damit schien auch jede Hoffnung wieder zunichte gemacht … doch das Glück hatte auch mal Mitleid mit ihm. Ein fahrender Händler erzählte ihm später, dass es eine zweite Stadt gäbe, wo die Überlebenden Varunas nun lebten … Adoran oder so. Es war ein Anfang, und Vincent benötigte so oder so Gold, wieso also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?

Es konnte nur gut gehen, sein Vater war als Händler sicher gut bekannt gewesen in Varuna und die Tatsache, dass er sein Sohn war, könnte ihm vielleicht noch den einen oder anderen Vorteil bringen. Jedenfalls dachte er das.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Wie fühlt es sich an, der Sohn eines Mannes zu sein, den die freien Meere gefürchtet haben wie selten jemanden zuvor, jemanden, der sich Kapitän einer Meute von Freibeutern nannte und dessen Name in manchen Kreisen immer noch ein Raunen mit sich zieht?

Die Antwort darauf konnte er nicht wirklich geben.




Er saß in der Taverne in Bajard und starrte die Wand an. Vor seiner Nase war eine Flasche mit … was auch immer das Gesöff sein sollte … doch Vince hatte sie bisher nicht einmal angerührt. Sein Blick war leer und klebte an einer unbestimmten Stelle, seine Gedanken überschlugen sich nur so und schuld daran war, was für eine Überraschung, eine Frau. Man musste zu ihrer verteidigung sagen, dass sie eher soweit daran Schuld trug, dass sie Vince nicht den Kopf verdreht hatte, nein, dafür sah er viel zu wenig von ihr so verhüllt wie sie gewesen war, es waren eher die Worte gewesen die sie an ihn gerichtet hatte. Sie war von ihrer Herrin geschickt worden um mehr über ihn rauszufinden, ein angebliches Stellenangebot, aber Vince wurde schnell klar, dass das Interesse nicht ihm direkt galt sondern seinen Namensgeber: Seinem Vater.

An diesem einen Abend hatten sich seine Ziele alle in so kurzer Zeit zerschlagen und nun stand er ohne eine wirkliche Richtung da. War er nicht hergekommen um mehr über seinen Vater herauszufinden? Wollte er nicht mehr erfahren über den Seehändler? War es nicht sein Ziel gewesen, ihn aufzuspüren und ihn dann auf seinen Reisen zu begleiten? Nur ein einziger Punkt hatte sich letztendlich erfüllt: Er wusste mehr über seinen Vater, und vor allem dass er kein Seehändler war.

Pirat

Das Wort kreiste in Vinces Kopf herum und hämmerte auf seinen Geist ein, ein kurzer Blick zur Flasche, aber er ließ es bleiben, er konnte so schon kaum klar denken, mit einer benebelten Birne würde das alles in keinster Weise besser funktionieren. Sein Vater war Pirat, und nicht irgendeiner, nein, er war ein gesuchter Pirat gewesen. 100 Kronen waren auf seinen Kopf ausgesetzt gewesen und wenn er den wenigen Gerüchten, die er nach dem Gespräch mit dieser E.C erfahren hatte, glauben schenken durfte, war die Summe später noch einmal deutlich angestiegen. Sein Vater war ein gesuchter Freibeuter, Mörder, Erpresser … und aus irgendeinem Grund war Vince weder schockiert noch betrübt oder überrascht. Aber wieso sollte er auch? Er hatte seinen Vater nie gekannt, er hatte keinen Bezug zu ihm und so hatte er auch nur geblinzelt, als diese Frau ihm sagte, dass ihr Vater tot sei. Ihn zu finden war nun nicht mehr möglich und als ob diese ganzen Nachrichten nicht schon genug gewesen wären … nein, ganz Nebenbei hatte er noch erfahren dass wahrscheinlich halb Adoran seinen Kopf sehen wollen würde, nur weil er den Namen seines Vaters trug. Diese Frau, diese E.C, hatte ihm ein Angebot im Auftrag ihrer Herrin gemacht … Sicherheit für einen Dienst … Sicherheit, dieses Wort begann irgendwie einen fahlen Beigeschmack zu entwickeln.

Nun saß er hier, die Flasche war mittlerweile halb leer und an klare Gedanken war nicht mehr zu denken. Frustration, Unsicherheit, Wut … alles mischte sich irgendwie und entlud sich daran, dass er die Flasche packte und gegen die Wand schleuderte, ehe er sich schwankend erhob um die Taverne zu verlassen. All seine Ziele mochten zwar nun zerschlagen sein, aber dafür war er nun völlig frei und losgelöst von allem. Er würde nicht nach Hause zurückkehren, wo seine Mutter mit ihrem „ich habs dir doch gesagt“ Blick warten würde und wieder seine Arbeit als Fischer aufnehmen, nein, er würde mehr über seinen Vater herausfinden … aber er würde es von beiden Seiten tun, von der Seite die ihn gehasst und gejagt hatte … und von der Seite, die ihn unterstützt hatte. Dieses Mädchen, E.C, hatte ihm Gold gegeben, es war genug um eine Weile über die Runden zu kommen, genug um sich auf sein Ziel zu konzentrieren … und genug um die gleiche Menge nochmal aufzutreiben, damit er es ihr wieder zurückzahlen konnte.

Und so torkelte Vincent Vandera hinaus in die Nacht. Nur mit einem einzigen, letzten Gedanken.

Das Mädchen war echt süß gewesen, von dem was er erkennen konnte.
Zuletzt geändert von Vincent Vandera am Donnerstag 31. Dezember 2009, 12:32, insgesamt 2-mal geändert.
Mariella von Dornwald

Beitrag von Mariella von Dornwald »

Na, das war ja ein Reinfall gewesen. Leise vor sich hin grummelnd verstaute sie den Rest der Tinktur wieder in dem kleinen Geheimfach ihrer Truhe. Mit Hilfe der kleinen Flasche hatte sie aus Emilias Rotschopf wieder ihre natürliche, dunkle Haarfarbe erscheinen lassen. Die Haare hingen noch feucht in einem lockeren Zopf über ihrem Rücken, während sie die Spuren ihrer "Verwandlung" beseitigte.

Was hatte sie denn erwartet? Mariella ließ sich auf ihr Bett fallen und starrte die Decke an. Vermutlich nicht so einen... Jungen. Auf den ersten Blick hatte er gewirkt wie die Piraten in ihren Abenteuerromanen. Groß, von ansehnlicher Statur - aber dahinter verbarg sich ein unsicherer, unwissender, zu groß geratener Junge.

Er schmückte sich mit einem Namen, der in ihrem Umfeld für erstarrte Mienen, vor kalter Wut stechender Augen oder unterdrückte Furcht sorgte. Die Fantasie der jungen Baronin, beflügelt von den Geschichten ihrer Lieblingsautorin, hatte vor ihrem inneren Auge das Bild eines Mannes entstehen lassen, dessen Dienste ein wirklicher Gewinn hätte werden können. Ein Seefahrer hörte viel, erlebte viel, kannte viele. Doch von all dem hatte Vincent junior nichts. Er hatte ihr fast ein wenig leid getan. Na, was heißt fast? Er hatte ihr so leid getan, dass sie einem Vincent Vandera ein Almosen hatte zukommen lassen. Als er die Münze nahm, war es das erste Mal, dass ein Hauch von dem ihn umhüllte, was seinen Namen eigentlich ausmachte. Die Ernsthaftigkeit, mit der er versprach, diese Schuld zu begleichen, ließ keinen Zweifel aufkommen, dass genau dies geschehen würde. Nicht, dass es Mariella wirklich wichtig war, für sie war die Summe nicht weiter nennenswert. Aber sie hatte den Stolz in seinen Augen aufflammen sehen.

Noch einmal sah sie die Verwirrung in seinen Augen, den Unglauben, als sie ihm die Abschrift jenes Steckbriefes zeigte. Der Steckbrief, mit dem die Gräfin von Arganta hundert Kronen auf seinen Kopf ausgesetzt hatte. Es war der heikelste Moment gewesen und doch war der Effekt beinahe enttäuschend. Wie hätte sie reagiert? Wütend, aufbrausend, geschockt. Er dagegen wirkte einfach wie vom Donner gerührt.

Also war ein letzter Versuch von Nöten. Sie hatte sich schließlich nicht umsonst in diese Maskerade begeben. Kurz lächelte sie auf. Was das betraf, wurde sie immer besser. Sogar der Rekrut, der sie auf ihrem Weg zur Taverne kontrolliert hatte, war nicht stutzig geworden.
Jedenfalls wollte sie diesen Aufwand nicht umsonst betreiben und legte einen Köder aus. Sicherheit. Sie wusste, der Duft dieses Lockmittels wurde erst dann verführerisch, wenn man es in Gefahr sah. Doch nach all dem, was sie gestern beobachten konnte, war es wohl nur eine Frage der Zeit. Mittlerweile hatte sich der Befehl des Oberstleutnants auch bis zu ihr herumgesprochen. Vandera bei Sicht verhaften.
Mal sehen, was er im Gegenzug für ein Angebot hatte. Wenn er denn überhaupt eines hatte. Vermutlich würde irgendwann ein Päckchen für E.C. mit einer Goldsumme auftauchen und das wäre das Letzte, was man von dem Sohn des berüchtigten Vincent Vandera hörte.

Sie drehte sich auf die Seite und zupfte an ihrer Decke. Fraglich, ob er diese Hürde zu nehmen wusste. Er hatte keinen Namen, keinen Kontaktweg, kein Gesicht. Für den Mann, den sie zu treffen erwartet hatte, wäre dies eine Herausforderung gewesen. Die Bewältigung der Beweis, dass ein Spiel sich lohnen könnte. Mittlerweile ging sie eher davon aus, dass er scheitern würde.

War sein Vater ein gefürchteter Hai in den Gewässern um Gerimor gewesen, schien sein Sohn nicht mehr als ein kleiner Fisch.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Es war soweit, ein Schritt war getan, möglicherweise ein Schritt, den er nie wieder würde rückgängig machen können. Ein Schritt, der ihm das gleiche Ende bringen konnte, wie jenes, das sein eigener Vater damals erlitten hatte. Es war der Schritt in ein neues Leben, ein freies Leben. Einen ganzen Moment ging er in sich, dachte darüber nach wie alles begonnen hatte, wie sich alles, was er sich zuerst erhofft und erdacht hatte, zersplitterte wie ein Glas das jemand zu Boden warf. Er hatte nach einem Mann gesucht, der ehrbar war, der ein tüchtiger Händler war und zudem noch sein Vater. Und was hatte er stattdessen erfahren? Der Mann der wie er selbst auf den Namen Vincent Vanderas gehört hatte, war ein Mörder, Erpresser und Pirat … und er war frei.

Nachdem er wusste wer sein Vater war, hatte er nicht mehr weiter gewusst, war sogar soweit, wieder zurück nach Hause zu reisen. Doch er wusste was ihn dort erwarten würde und er wusste auch genauso gut, was mit der Zeit folgen würde, letztendlich würde er auf dieser kleinen Insel, die zwanzig Jahre seine Heimat gewesen war, sein Leben lang als Fischer versauern und sich immer wieder diese eine Frage stellen: Was wäre gewesen wenn?
Er wollte sich diese Frage nicht stellen, er wollte nicht aufgeben und mit hängenden Schultern zurückkehren, aber er wollte sich auch nicht mit dem halben Wissen, welches man ihn über seinen Vater gegeben hatte, zufrieden geben. Die folgenden Tage hatte er Bajard abgeklappert, den hafen Adorans und auch Rahals, aber nirgends konnte oder wollte man ihm etwas genaueres über diese Menschen erzählen, die sich selbst als Piraten bezeichneten. Der anfängliche Eifer wandelte sich in Frustration um, der Gedanke, die Suche vielleicht doch besser aufzugeben und sich einfach eine Arbeit in Adoran zu suchen, wurde immer angenehmer und attraktiver, und doch kam letztendlich alles anders.

Es geschah in Berchgard, in jener kleinen Taverne, die sie das Goldene Lamm nannten. Die Nacht war kalt gewesen und seine Glieder fühlten sich an, als würden sie beim kleinsten Widerstand durchbrechen, als er die warme Schankstube betrat. Er hatte noch genug Gold über und gegen eine Flasche Bier war sicher nichts einzuwenden, doch wie es nun weitergehen sollte, das wusste er nicht. Vielleicht würde er tatsächlich das Angebot jener geheimnisvollen Frau aus Adoran annehmen, vielleicht würde er auch nach Rahal gehen, er wusste es einfach nicht. Und während er darüber sinnierte, öffnete sich die Türe und Sie trat in den Schankraum. Sie hatte etwas Exotisches an sich, ein für diese Jahreszeit sehr interessantes Kleid und eine Ausstrahlung, die ihm sagte, dass sie nicht aus Berchgard stammte. Sie hatte sich zu ihm an den Tisch gesetzt, an welchem all die anderen saßen und sie hatte ihn gemustert … und wiedererkannt … oder besser gesagt; sie hatte die Ähnlichkeit mit einem bereits längst toten Mann erkannt und anhand ihres schockierten Gesichtes wusste Vince eines; er musste handeln und weg. Völlig überstürzt war er aufgebrochen und sie war ihm gefolgt, was auch sonst? Sie hatte ihn eingeholt, hatte ihn aufgefordert stehen zu bleiben und ihn zur Rede gestellt … und er hatte ihr direkt gesagt dass ihre Befürchtung, er wäre der jüngere Geist seines Vaters, unbegründet wären und er „nur“ der Sohnemann wäre … einer Wildfremden, einer Wildfremden die den Namen „Maria“ trug.
„Maria“, Vince bezweifelte stark dass dies ihr richtiger Name war, hatte sich interessiert für Vince gezeigt, jedoch hielt sie sich auch gleichermaßen bedeckt, doch eines war sicher: Sie kannte seinen Vater und sie war nicht aus Adoran oder dem alten Varuna, sie verabscheute ihn nicht für seinen Namen, ganz im Gegenteil, sie war an ihm interessiert und so hatte er ihrem Vorschlag zugestimmt als sie meinte, sie sollten sich woanders wiedersehen und dieser Ort war der, an dem alles begonnen hatte: Bajard

Es war Abend, die Taverne Bajards war trotz allem nur schlecht besucht, und so hatten Maria und er genug Zeit zum reden, und das taten sie auch. Sie fragte ihn aus über seine kerkunft, ob sein Vater überhaupt von ihm wusste und was er sein Leben lang getan hatte und im Gegenzug erhielt er Informationen, Informationen, die er sich nicht genauer hätte wünschen können. Maria kannte seinen Vater persönlich, sie erzählte ihm, dass er ein Kapitän gewesen war, dass er das Kommando über ein Schiff hatte und einiges mehr, was seinen Vater betraf. Doch ein Satz brannte sich ihm ins Hirn:

„Dein Vater war frei“

Frei von allem. An diesem Abend hatte er die gleiche Frage wie Tage zuvor in Adoran gestellt bekommen, nämlich was er nun machen wollte. Er kannte seine Optionen und wenn er darüber nachdachte, so missfiel ihm der Gedanke nach Adoran zurück zu kehren immer mehr. In jener Stadt wollte man ihn einsperren, man wollte ihn mit „Sicherheit“ kaufen … er würde niemals unabhängig sein und vielleicht bis ans Ende aller Tage irgendwem zu Diensten sein, nur damit er wegen seines Namen keinen Ärger wollte. Die Alternative war gewagt … aber verlockend. Er würde keine Bindungen haben … und er würde die Gelegenheit bekommen, etwas fortzusetzen, was vielleicht zu abrupt beendet wurde: Den Ruf seines eigenen Vaters. Die letzte Unsicherheit wurde dann beiseite gewischt, als Maria ihm etwas in die Hand drückte; ein ledernes Buch, das Tagebuch seines Vaters. Er öffnete es, blätterte wahllos umher und stoppte dann an einer Stelle, und es war fast so, als ob die niedergeschriebenen Worte zu Bildern wurden.

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Die Tesoro Negro, der Stolz von Joaquin Perera, Sohn des erst kürzlich verstorbenen Alejandro Perera. Der Mann hinter dem Ruder des Schiffes kannte beide, Vater und Sohne, und nun segelte er nicht mehr unter dem Kommando des Alten, sondern des jungen Pereras. Das dunkle Haar wehte im Wind, die Augen waren leicht zusammengekniffen und richteten sich in die Ferne, Vincent Vandera nahm einen tiefen Atemzug und ging noch einmal alles im Kopf durch. Dies war seine Feuertaufe, nicht ob er als Pirat aufgenommen werden würde, nein, diesen Ritus hatte er schon vor Jahren hinter sich gebracht und bewiesen, dass er mehr als würdig war, sich Pirat zu schimpfen, nein, heute würde er beweisen können, dass er zu den engeren Vertrauten des Kapitän Pereras gehören konnte, und dafür hatte man ihm die Tesoro überlassen. Vincent konnte noch immer die Worte Pereras in seinem Kopf hören „Das ist mein Schiff, claro? Pass gut drauf auf Vincenco … oder soll ich für die nächsten paar Tage sagen Capitano Vincenco?“
Kapitän. Vincent machte sich keine Illusionen dass er diesen Rang niemals erhalten würde, nicht solange Perera lebte und das würde noch nach Vincents eigenem Tod der Fall sein. Aber für diese Fahrt war er der Kapitän, und er genoss es. Der Mund verzog sich zu einer grimmigen Grimasse, ehe er hinauf zum Krähennest starrte als der erwartete Ruf ertönte:

„LAND IN SICHT! Die Halbinsel liegt direkt vor uns!“

Es war soweit, Tage der Vorbereitung und Planung würden nun ihre Ausführung finden. Vincent ließ seinen Blick über das Deck gleiten, die Mannschaft war bereit, Männer und Frauen die er kannte und die er schätzen gelernt hatte, für diese Fahrt wollte er nur jene um sich haben, von denen er wusste, dass sie ihm Erfolg schenken würden.

„Also gut, macht die Kanonen bereit und Beiboote bereit! Wir segeln auf Schussreichweite heran, wenn ich den Befehl gebe, feuert ihr alle Kanonen ab und die Boote werden ins Wasser gelassen. Einmal am Land muss es schnell gehen! Die Alumenische Flotte ist zwar nicht in Reichweite aber ich will keine Zwischenfälle riskieren. Bo, du, Gabriel und Sesanne bleibt auf dem Boot.“ Vincent sah sich um, und alle bis auf Bo, der Schiffsjunge, hatten zustimmend genickt. Es ging los.

Das Schiff kam näher und näher an die Insel heran, Vincent richtete das Schiff quer zum Strand aus, die Kanonen lugten wie hungrige Mäuler aus dem Schiffsrumpf und dann kam der Befehl. „FEUER!“ unter Deck wurde er noch einmal befohlen und dann brach die Hölle über das kleine Fischerdorf ein. Mit lauten Explosionen flogen die Kanonenkugeln ihrem Ziel entgegen, schlugen in Hütten ein und richteten ein unglaubliches Chaos an. Rauch stieg schon in kürzester Zeit auf und wie Vincent es sich gedacht hatte, war nur eine einzige Schussfolge nötig um den Bewohnern klar zu machen, weswegen sie hier waren.
Innerhalb von Minuten wurden die Boote niedergelassen, die Männer und Frauen hatten sich in ihre Lederrüstung gezwängt und die Säbel gezogen, doch Vincent war sich sicher, dass Gewalt nicht von Nöten sein würde, der Beschuss von der Seeseite war Botschaft genug und als die Boote am Strand ankamen und die Piraten ins Wasser sprangen, bestätigte sich Vincents Vermutungen nur. Am Strand selbst waren die Bewohner zusammen gekommen, einige Verwundete lagen stöhnend umher und wurden versorgt, wiederum andere hatten es nicht geschafft und waren entweder von Trümmerstücken oder gar von den Kugeln selbst getötet worden. Seelenruhig griff Vincent in die Tasche seines Mantels, zog seine Pistole und gab einen Schuss in den Himmel ab, die Pistole gab einen lauten Knall von sich, der Geruch von verbrannten Schwarzpulver lag in der Luft und alle bis auf die Crew von Vincent zuckten zusammen.

„Meine Damen, meine Herren. Es tut uns leid, dass wir so unangekündigt hier auftauchen“ er lächelte grimmig bei den Worten „aber wir haben auch nicht vor lange zu bleiben. Wenn ihr also so gut wärt und meine Männer einfach zu euren Habseligkeiten führen würdet? Dann werden wir euch nicht länger belästigen.“

Vincent konnte jedem einzelnen Dorfbewohner ansehen, wie gerne sie ihn für diese Worte die Kehle durchgeschnitten hätten, doch die Angst war zu groß. Die Angst vor ihren Pistolen „Bumm- oder Feuerstöcke“ nannten sie viele einfach nur, und der Tatsache dass da draußen ein feuerbereites Schiff vor Anker lag, überwog und so konnten sie mit ihrer Beute letztendlich abziehen. Die Ausbeute war karg, nur paar Säcke voll mit Gold, Lebensmittel und Schmuck, aber genug um Perera zufrieden zu stellen und das war das Wichtigste an dieser Beutefahrt: Vincent konnte sich beweisen. Und das hatte er … und hätte er damals geahnt, wie weit ihn das Leben noch bringen sollte, hätte er vielleicht noch lauter gelacht als er es eh schon tat.


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Die Augen des jungen Vincents glänzten, dieser eine Bericht, dieser eine einzige Auszug aus dem Leben seines Vaters hatte ihn überzeugt, überzeugt davon, dass dies der richtige Weg sein würde, überzeugt, dass der Name Vincent Vandera wieder gefürchtet werden musste. Und so hatte er Maria seine Entscheidung mitgeteilt und sie hatten darauf einen getrunken … und mehr, und mehr, und mehr … und irgendwann wusste er gar nichts mehr, auch nicht dass „Maria“ ihn abgefüllt hatte und er auf dem Weg war in seine neue Zukunft, nach La Cabeza.
Als Vince die Augen öffnete, glaubte er, sein Schädel würde zerbersten, was immer er alles getrunken hatte, es hatte ihm einen ordentlichen Kater verpasst. Sein Blick fiel direkt auf ein altes Gesicht, dass über ihn zu hängen schien, das Gesicht grinste ihn dreckig an und meinte „Na, endlich wach?!“ und als Vince in der Lage war sich aufzurichten, musste er feststellen, dass er nicht mehr in Bajard war, dieser Raum in dem er saß glich so gar nicht der Schenke auf Gerimor. Neben dem älteren Mann stand eine junge Frau, sie war bildhübsch, aber es schien fast so, als ob der Alte seine Gedanken lesen konnte und warf ihm einen mürrischen Blick zu. „Bleib da sitzen … ich hol Perera“ … Perera … bei dem Namen dämmerte es Vince irgendwie und nur wenige Momente später wurde er von dem Mädchen aufgeklärt wo er eigentlich war. La Cabeza, die geheimnisvolle Insel der Piraten … Maria hatte ihn hergebracht und letztendlich saß er, immer noch verkatert, vor dem Mann, der diesen Ort „führte“: Raul Vincente Perera. Perera schien bereits alles über Vince zu wissen, er musterte den Knaben und grinste amüsiert. „Siehst nicht grade so eindrucksvoll aus wie man deinen Vater so beschrieben hat“ war der erste Kommentar und so stellte Perera ihm einige Fragen, ob er wirklich sicher sei, dass er das hier tun wolle, ob ihm klar sei, dass die Welt ihn jagen würde und, und und. Letztendlich hatte er dann nur eines getan: Vince einen Eimer in die Hand gedrückt und gemeint „Willkommen auf La Cabeza, Matrose.“

Und so war er Auf La Cabeza angekommen. Und die erste ruhmreiche Tat die er vollbrachte …. war die das Deck der Toro de Muerte zu schrubben. Aller Anfang war schwer … das durfte nun auch Vince lernen.
Zuletzt geändert von Vincent Vandera am Freitag 8. Januar 2010, 23:59, insgesamt 1-mal geändert.
Vincent Vandera

Beitrag von Vincent Vandera »

Mit einem Ziel, ließ es sich schon einmal viel, viel leichter leben. Einige Tage waren nun seit seiner Ankunft auf La Cabeza vergangen, ein paar Piraten hatte er angetroffen aber die meiste Zeit hielt er sich bei Maria, oder Gracia, wie ihr wirklicher Name war, auf. Er lernte von ihr die wichtigsten Sachen, stattete sich mit vernünftiger Kleidung auf und begann sich auf der Insel so gut es ging einzuleben. Immer wieder hatte er in dem Tagebuch seines Vaters, welche ihm Gracia gegeben hatte, geblättert, versucht mehr über seine letzten Tage rauszufinden doch gerade dieser Abschnitt im Leben des alten Vincent Vandera war sehr … chaotisch niedergeschrieben. Immer wieder hatte sein Vater nur Synonyme verwendet, sein Liebling dabei war „Der dreckige Alianz Ritter aber auch Worte wie die hochnäsige Dirne und andere Dinge fielen, aber keinerlei Namen. Es schien fast als ob das Tagebuch seines Vaters gegen Ende seiner Tage eher ein Mittel zur Aggressionsbewältigung war, denn eine Möglichkeit seine Erinnerung auf Papier zu bannen. Vince musste also mehr über diesen Kerl rausfinden,d en sein Vater immer und immer wieder verfluchte und dafür würde er Hilfe benötigen … Hilfe von zwei Buchstaben: E.C.

E.C., seine erste Kontaktperson als es darum ging, mehr über seinen Vater zu erfahren. Eine junge Frau die auf den Namen Emilia hörte, eine wunderschöne Stimme hatte und ansonsten auch nicht schlecht auszusehen schien, soweit Vince das beurteilen konnte, denn die ganze Zeit über war sie bei ihrem letzten Treffen verhüllt gewesen.
Ein Treffen mit Emilia zu arrangieren war nicht gänzlich schwer. Er hatte seine ganze poetische Ader hervorgerufen und einen Aushang in Adoran gemacht von welchem er hoffte, dass Emilia ihn sehen und verstehen würde; und sie tat es. Es war Abend als Vincent am Strand von Adoran stand und aufs Meer starrte, er wusste nicht ob sie kommen würde, aber er würde bis zuletzt warten, denn er hatte ihr, nein ihrer Herrin, ein Angebot zu machen. Für einen Moment musste er schmunzeln, denn wenn er darüber nachdachte, wie ihr letztes Aufeinandertreffen gewesen war, so würde sie ihn heute nicht wiedererkennen. Er war besser gekleidet, er hatte eine selbstbewusstere Haltung und sein ganzes Auftreten an sich war … einfach besser, und wie er gehofft hatte: Sie kam.

Mit Emilia zu reden und zu verhandeln war immer etwas Interessantes. Er war nun besser gewappnet ihr gegenüber, kannte einige ihrer Kniffe und konnte besser auf die kleinen Fallen in ihren Worten eingehen. Letztendlich hatten sie verhandelt, und sie hatten nicht gerade über wenig verhandelt. Das Objekt der Begierde für Emilias Herrin: Sicherheit. Vincents: Informationen. Informationen über jenen einen Mann und an diesem einen Abend hatte er sie bekommen und noch mehr; er hatte zum ersten mal in das Gesicht dieser bezaubernden Stimme gesehen. Das rötliche Haar, das schöne Gesicht, es war beinahe als würde man einer Meerjungfrau in die Augen starren, doch Vince wusste auch sehr gut, dass solche Gedanken gefährlich waren; Emilia gehörte hierher, nach Adoran und sie wusste, dass Vince eine Gefahr für Adoran darstellen konnte, früher oder später, doch ließ er sich trotz allem nicht den Genuss des Moments nehmen, bevor beide sich wieder voneinander trennten. Emilia würde zu ihrer Herrin gehen und Vince … Vince würde einer Spur nachjagen. Mit einem mal fühlte er sich so lebendig wie nie zuvor in seinem Leben.


„Graf von Araganta“ der Name ging ihm nachdenklich über die Lippen, während er Stunden später wieder durch Adoran schritt. Es hatte nicht lange gedauert aus den Hinweisen von Emilia einen Namen zu basteln, herauszufinden, dass der Graf Mitglied der Allianz des Lichts war und, seinen Knappen sei Dank den er auf den Weg getroffen hatte, dass er bei einem Graf von Hohenfels residierte oder zu Besuch war. Die Residenz von Hohenfels in Adoran zu finden war ein Kinderspiel und sich eine gute Lüge und Maskerade auszudenken war nicht sehr viel schwerer. Karl war nun sein Name, er war Bote und hatte eine Nachricht für den Grafen und tatsächlich; man kaufte ihm die aufgetischte Lüge ab, man schöpfte keinerlei Verdacht und letztendlich stand er vor ihm: Graf Rafael von Arganta, die Nemesis seines Vaters. Vince musste sich beherrschen, den Mann vor sich nicht anzustarren, er musste in seiner Rolle bleiben, er musste den unsicheren, schüchternen Boten abgeben, der mitten im Gespräch merken würde, dass er seine Botschaft an den Grafen vergessen hatte und auch hier hatten sie ihm die Lüge abgekauft und letztendlich konnte Vince von dannen ziehen.

Er hatte nun alles was er brauchte: Einen Namen, ein Gesicht und einen Ort, an dem er den Grafen finden konnte. Vincent wusste nicht wie weit Arganta mit dem Tod seines Vaters in Zusammenhang stand, er wusste aber sehr wohl, dass er etwas mit dem Kopfgeld auf den Kopf seines Vaters zu tun hatte. Er würde seinem Vater die nachträgliche Rache schenken … auch wenn er ihn nicht kannte, dies war er ihm letztendlich irgendwie schuldig.
Mariella von Dornwald

Beitrag von Mariella von Dornwald »

Es war spät geworden und über Adoran glitzerte der Sternenhimmel. Die Fenster der meisten Häuser waren dunkel und die Menschen erneuerten im Schlaf ihre Kräfte. Doch im Adelsviertel warf noch eine einzelne Kerze schwaches Licht in den Raum der Baronin.
Mariella lag auf ihrem Bett und strich den abgerissenen Aushang glatt. Das Pergament hatte vom Herumtragen in der Rocktasche doch einige Spuren davon getragen.

Eine Ode an diese eine Schönheit, diese wunderbare Gestalt,
gefunden und getroffen an einem Ort, der so Dunkel und Verlassen schien, wie kein zweiter,
so gabst du mir Hoffnung und den Lichtblick in einem Tunnel aus Dunkelheit,
geholfen hast du mir, auf dass die Zeit ich überstehen mochte.
Und doch, wo sollte ich dich finden? Wo sollte ich dich sehen?
So irrte und irrte ich, nur um zu sehen dein bezauberndes Lächeln,
zu hören deine liebliche Stimme, zu bewundern deine anmutige Gestalt.

Und war es nicht gar eine schicksalhafte Begegnung, die mir jenen Fingerzeig schenkte?
In jener einen Nacht, in der die Hoffnung wieder zu mir kehrte!
Und so wandle ich durch die Straßen, so wandle ich durch tag und Nacht.
Auf meinen Lippen nur dieser eine Name: Emilia

So finde mich an jenem Orte, wo der Wind dein wundervolles Haar durchweht,
wo du das Salz schmecken kannst, ohne den Schutz deiner Heimat zu verlassen,
zu jener Zeit, wo die Sonne mir dein wundervolles Antlitz nicht mehr aufzeigen kann,
und nur etwas geheimnisvolles deine Züge umspielt.

In den nächsten drei Sonnenaufgängen werde ich dort auf dich warten, oh du meine Emilia Carolina.

Von; Anonym


Wie jedes Mal, wenn sie sich die Zeilen zu Gemüte führte, musste sie unweigerlich lächeln. Es kam nicht oft vor, dass jemand so poetische Worte wählte, wenn er um ein Treffen bat. Genau genommen hatte sie es zum ersten Mal erlebt. Und natürlich hatte sie so eine höfliche Einladung nicht ausgeschlagen.

Sie ließ ihn einen Abend warten, ehe sie sich auf den Weg machte. Die Wandlung war schon aus der Ferne zu sehen und wäre wohl auch für ein ungeschultes Auge erkennbar gewesen. Seine Haltung war aufrechter, der Rücken war gerade, die Schultern hingen nicht mehr achtlos herab. Auch seine Kleidung war besser gewählt. Zweckmäßig, aber dabei nicht hässlich.

Interessanterweise hatte sich nicht nur sein Äußeres verändert. Auch die innere Entwicklung war spürbar. Das bereits abflauende Interesse an diesem kleinen Jungen bekam neue Nahrung. Mariella ließ sich viel Zeit mit ihrem Urteil. Im Grunde war sie bisher noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Keine Frage, noch war er kein wirklicher Gegenspieler, aber er machte sich. Also kam es jetzt darauf an, Vorkehrungen zu treffen, damit er später nicht zu einer Gefahr für sie selber werden konnte. Den Gedanken, dass er am Ende doch abspringen würde, hatte sie bereits verworfen. Auch wenn er (ziemlich schlecht) versuchte, sein Interesse zu verbergen und so seine Position in der Verhandlung zu verbessern, beobachtete sie mit einem inneren Lächeln, wie er auf die nicht ganz so offensichtlichen kleinen Fallen ansprang. Dennoch, es war unbestreitbar, dass er sich diesmal vorbereitet hatte. Seine Forderungen hatten Hand und Fuß, zwangen sie tatsächlich hier und da ein wenig in die Offensive.

Das Ergebnis war dennoch recht passabel, vorausgesetzt, es entpuppte sich nicht als heiße Luft. Womöglich war sie nun in der Lage, die Bürger Adorans wieder ein klein bisschen besser vor Unheil zu bewahren und das Gesamtbild zu überblicken. Im Gegenzug hatte sie ein paar Informationen gestreut, die er zweifelsohne in den nächsten Tagen selber gefunden hätte. So konnte sie Vandera den Eindruck vermitteln, großzügig einen Vorschuss zu zahlen. "Zwei Ritter, der eine war der Knappe des anderen. Der Herr ist es, den Ihr sucht." Der Gedanke an die Formulierung ließ sie unweigerlich grinsen. Er hatte bereits gewusst, dass es ein Ritter der Allianz war. Zwei, drei Fragen an irgend einen Händler im Reich und er wäre selber drauf gekommen. Ihr Glück, dass er zuerst den Kontakt zu Emilia gesucht hatte. Nun war er wieder in der Bringschuld.

Sie wältze sich auf den Rücken und hielt die Nachricht in das Kerzenlicht. Und war es nicht gar eine schicksalhafte Begegnung, die mir jenen Fingerzeig schenkte?
Schicksal... ein großes Wort für ein kleines Spiel. Ein Spiel, das begann, ihr Spaß zu machen. Vince war am Zug und sie war mehr als gespannt. Wie lange würde er brauchen, welchen Weg würde er diesmal suchen?
Vielleicht hatte Friedolin recht. Ein ganz klein wenig Gefallen fand sie schon. Sie war sich nur zu bewusst, dass die Zeilen eigentlich nicht ihr, der Baronin galten, sondern ihrer "Dienerin", der ungebundenen Emilia. Aber was machte das schon... es war ein Spiel und Spiele sollten ein bisschen Freude bringen.

Sie erhob sich und ließ den Zettel in einer unscheinbaren Briefmappe verschwinden, ehe sie an das Fenster trat, um ein wenig den klaren Himmel zu betrachten. Im Gegensatz zu Vince hatte sie jederzeit die Möglichkeit, einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Wenn sie es nicht wollte, gab es keinerlei Kontakt und Rückschlüsse auf sie waren dem Piratensohn nicht möglich. Sie würde das Ganze noch eine Weile laufen lassen, so lange es gefahrlos schien oder der bis gewünschte Erfolg ausblieb. Entweder, er war auf Dauer eine nützliche Figur in ihrer kleinen Sammlung oder er wurde irgendwann vom Feld genommen. Doch irgendwie ahnte sie, dass aus dem kleinen Hering vielleicht doch etwas größeres werden konnte.
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