Kanubio - die Stationen seines Weges
-
Kanubio Bunjam
AUF DER SUCHE NACH DEN RUNEN
Der erste Tag
Der Geyst von Grimwould hatte Kanubio ausgeschickt, um vier Runen zu suchen, immer am Abend, wenn der Mond in den Himmel stieg. Zu dieser Jahreszeit war es nicht einfach, den Mond aufgehen zu sehen, denn oft war der Nachthimmel von dichten, schneeträchtigen Wolken verhangen.
Es war ihm wichtig, diese Runen zu finden und so entschloss sich der junge Krieger, so lange von Wulfgard fort zu bleiben, bis er sie gefunden hätte.
Die Tage in den thyrischen Wäldern taten Kanubio gut. Lange war er nicht mehr auf diese Art unterwegs gewesen. Nur seine Waffen mit sich führend, kaum Proviant, aber auch keine dringenden belastenden Besorgungen im Genick, die noch ausstanden erledigt zu werden und erfüllt von tiefster Zuversicht ließen eine innere Ruhe in ihm einziehen, die es ihm erlaubte, auf seiner Suche auch die Natur in sich aufzunehmen. Sosehr er Wulfgard liebte, hatte ihn die Halle in der letzten Zeit erdrückt, hatten ihm die bullig lodernden Feuer den Atem geraubt und die ständige und auch gegenseitige Beobachtung der Claner ihn zeitweise zermürbt und um einiges reifen lassen. Er spürte, dass die Welpenjahre seines Lebens endgültig vorbei waren und er sich bereits eine gute Strecke auf seinem Weg als Wolf vorwärts gearbeitet hatte.
Mit dem Rauschen der Baumwipfel über ihn ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Bilder, die längst vergessen erschienen, tauchten in ihm auf. So viel war geschehen, was eingehender Überlegung bedurft hätte. Wie die Wogen einer stürmischen Brandung hatten sich die Dinge überschlagen und viel Met war die Kehle hinabgeflossen, ohne die Muße zu finden, die Geschehnisse in Ruhe zu überdenken. Dementsprechend haltlos waren seine Gefühle und Reaktionen bei somanchem aufgewallt oder er hatte sie unterdrückt und die Dinge wie ein unbeteiligter Beobachter hingenommen, zu erschöpft, um steuernd einzugreifen.
Systra, Runa und Trystjarn hatten den Clan verlassen und kaum dass man ihr Fortgehen verdaut hatte, schickte die Dame im Wind gleich rudelweis Frischfleisch, mit ihnen auch einen Thain, der sich offener zeigte und vieles im Sinne Kanubios und der Claner regelte.
Kanubio war ihm treu ergeben, nachdem er sich, Vernunft, Offenheit und Traditionsbewusstein zeigend, eingeführt hatte. Manche seiner Entscheidungen verstand Kanubio allerdings nicht und ließen ihn zweifeln – an Bernulf, an sich selbst und an allem, was rund um ihm geschah. Dann ließ er resignierend die Dinge ihren Lauf nehmen, in der Hoffnung verbleibend, dass sich doch alles zum Guten wenden würde und ein Thain seine Entscheidungen wohl gründlich abgewogen hätte. Und dennoch trieb das Bewusstsein, dass ein Thain ein Thyre und nicht der allwissende Hirsch wäre, Zweifel in sein Denken, welche ihn unsicher den nächsten Schritt auf seinem Weg gehen ließen.
Auf seiner Suche nach den Runen schweiften Kanubios Gedanken zurück zu den Geschehnissen der letzten Mondläufe. Björn hatte seinen Traum verwirklicht und den Handelsladen in Adoran eröffnet, ein Ort, den Kanubio ungern aufsuchte, erinnerte ihn dieses Gebäude doch stets an sein Fehlverhalten, begründet in seiner Loyalität zum Jarl. Ein Zwiespalt in seinem Inneren hatte ihn die Hände in den Schoß legen lassen, obwohl er die richtige Entscheidung in seinem Herzen getragen hatte. Er kam immer noch nicht darüber hinweg, obgleich dieses Ereignis schon lange in seiner Vergangenheit lag.
Wieder aufgerichtet und neuen Mut fassen lassen hatte Kanubio die Ernennung zum Obersten Schwert. Dies als große Ehre empfindend, hatte er die neue Aufgabe angenommen. Er war fest entschlossen, sich der Herausforderung des Thains mit allem, was ihm zur Verfügung stand, zu stellen. Eine ganze Weile lang beschritt er diesen Weg, ohne einen Zweifel an der Fairniss des Wettstreits zu haben, denn auch noch zwei andere wurden auserkoren. Während Argos sich kaum blicken ließ, zeigte auch Roghvatr durchaus gute Bemühungen. Doch als dieser von Bernulf auserkoren ward, den Weg des Einherjers zu beschreiten, stürzte für Kanubio sein Glaube, dass ihn sein Schicksal gerecht behandeln würde, zusammen. Gegen einen Einherjer wäre er chancenlos. Entscheidungen zu treffen im Gegensatz zu einem, der mit Wolf selbst tief verbunden wäre und auf dessen Hilfe vertrauen konnte, würde Kanubio stets hintan hinken lassen. Zu einem Einherjer erhoben die Claner ehrfurchtsvoll die Blicke und sein Wort würde immer tausendmal mehr zählen, als das eines Städters und gewöhnlichen Schwertes. Aye, immer noch bekam Kanubio in wohlgezielten Seitenhieben von somanch einem zu spüren, dass er kein Thyre und damit etwas Minderwertiges wäre und es würde wohl auch nie aufhören. Aber auch das zu bewältigen war einer der Steine, die auf Kanubios Weg lagen. So Roghvatr seine Ausbildung abschließen würde, bräuchte Kanubio auch keinen Gedanken mehr darauf verschwenden, ihn in einem Kampf zu besiegen.
Als er mit Wina darüber gesprochen hatte, verlief die Unterhaltung höchst unbefriedigend. Vielleicht lag es jedoch daran, dass sie in ihrem Wesen eher dem Wald und den Wölfen zugetan war, denn dem Denken eines Kriegers, vielleicht aber auch daran, weil sie den Kopf voll mit Stimmen die seinige gar nicht mehr richtig vernahm. Kanubio schob die Erinnerung an dieses Gespräch in den tiefsten Keller seines Gedächtnisses. Es ließ großen Missmut in ihm aufkommen, noch weiter darüber nachzusinnen.
Der Zweite Segen war fällig gewesen. Die Ahnen hatten ihn zu einer Aufgabe auserkoren – eine, die er nachträglich als sehr ehrenvoll empfand, da gerade er, dem kein thyrisches Blut durch die Adern floss, dies zugetraut wurde. Der Ahnenbaum in Grimwould hatte durch die Vernichtung des Forts durch die Rote Hexe zu kränkeln begonnen und nur indem er die Blüte der Liebe fand und zu ihm brachte, konnte dem heiligen Gewächs neue Kraft gegeben werden. Auf seinem Weg hatte sich ihm ein weißer Wolf angeschlossen, der ihn bis heim nach Wulfgard begleitete und auch weiterhin nicht von seiner Seite wich. Es war ein schon älteres Tier und immer, wenn Kanubio in seine bernsteinfarbenen Augen blickte, spürte er den Wolf in sich, der sich in den letzten Mondläufen immer deutlicher bemerkbar gemacht hatte. Diese stärkere Verbundenheit zu einem Tier in ihm – oder war es gar Wolf selbst? – erschreckte ihn, bot ihm aber im Gegenzug eine noch lang nicht ausgeschöpfte Kraft an, die Kanubio eine bislang ungewohnte Sicherheit verlieh, welche ihn auf eine Weise stärkte, als käme sie nicht von ihm selbst … und doch aus ihm selbst heraus.
Lidwina war von den Ahnen und Geystern auserkoren worden, den Weg der Ahnenruferin zu gehen. Zum einen bedeutet dies für sie, für ihn, den Clan, ja das gesamte Volk eine große Ehre, doch merkte Kanubio schon bald, dass er kaum noch etwas von ihr hatte. Oft wünschte er sich jenen Zustand zurück, als sie noch ein ganz normaler Bogen war, unbehelligt von all dem, worum sie sich jetzt kümmern musste. Ihr Unterricht hielt sie oft im Hain fest und so sie einmal in Wulfgard zugegen war, schwirrten die Claner um sie herum und nahmen sie mit ihren Problemen in Anspruch. Doch Kanubio wusste aus eigener Erfahrung, wie es ist, einen neuen Weg zu gehen, der einen zwang, sich vorerst von jenen abzuwenden, mit denen man einst viel Zeit verbracht hatte. Er vergab ihr und würde auf sie warten, denn seine Liebe zu ihr war unerschütterlich.
Auch er selbst hatte einen Großteil der Zeit mit anderen Dingen zugebracht, die unaufschiebbar waren. Das Frischfleisch musste ausgerüstet und im Umgang mit der Waffe geübt werden, das Lager musste befüllt und in Ordnung gehalten werden und Umbauten waren nötig, um die Flut neuer Claner in Wulfgard aufzunehmen. Als sie bald einen Mondlauf nach ihrem zweiten Segen noch immer nicht gemeinsam in die Felle gekrochen waren, reichte es Kanubio. Das Weyb wurd kurzerhand über die Schulter geworfen und entführt. Über drei Jahresläufe ohne ein Weib zu beglücken hatte Kanubio davor zugebracht. Das Feuer ihrer Liebe ließ Wulfgards Grundfeste in jener Nacht erzittern. Mit einem zufriedenen und glücklichen Lächeln gedachte Kanubio jener Nacht, während er weiter durch die Wälder streifte.
Nachdem Systra und Trystjarn fort waren, konnte auch Falks Name wieder frei in Wulfgards Halle ausgesprochen werden, ohne dass man befürchten musste, daran erinnert zu werden, wie unehrenhaft er doch gehandelt hätte, indem er seinen Clan im Stich gelassen hatte. Die Botschaft über seinen heldenhaften Tod überlagerte wohltuend die Worte der bösen Zungen, löschte in Kanubio aber auch den letzten Funken seiner Hoffnung, den großen Krieger in dieser Welt wiederzusehen. Doch stärker als zuvor lebte Falk in Kanubios Herzen weiter. Er war felsenfest davon überzeugt, dass er als Ahn in seiner Nähe wäre und ihn beobachtete, mehr noch, als ihm dies zu seinen Lebzeiten möglich gewesen war.
Was diesbezüglich alles in Kanubio vorging, verbarg er vor jedem. Es waren schwerwiegende Gedanken und Gefühle, von denen er annahm, dass sie kein anderer verstehen würde, denn kaum einer war noch von den Clanern, der Falk persönlich gekannt hatte. Also schwieg Kanubio, tief erfüllt von einer Kraft, die sich mit der des Wolfes in ihm auf unsagbar harmonische und mystische Weise verwob. Fühlte er in sie hinein, glaubte er, in weiter Ferne nebelverhangen sein Ziel, seine Lebensaufgabe, vor sich zu erkennen. Doch um es zu erreichen, genügte es nicht, seine Hand danach auszustrecken. Noch viele Schritte über ungewisses Gebiet wären nötig, um es zu erreichen.
Der erste Tag
Der Geyst von Grimwould hatte Kanubio ausgeschickt, um vier Runen zu suchen, immer am Abend, wenn der Mond in den Himmel stieg. Zu dieser Jahreszeit war es nicht einfach, den Mond aufgehen zu sehen, denn oft war der Nachthimmel von dichten, schneeträchtigen Wolken verhangen.
Es war ihm wichtig, diese Runen zu finden und so entschloss sich der junge Krieger, so lange von Wulfgard fort zu bleiben, bis er sie gefunden hätte.
Die Tage in den thyrischen Wäldern taten Kanubio gut. Lange war er nicht mehr auf diese Art unterwegs gewesen. Nur seine Waffen mit sich führend, kaum Proviant, aber auch keine dringenden belastenden Besorgungen im Genick, die noch ausstanden erledigt zu werden und erfüllt von tiefster Zuversicht ließen eine innere Ruhe in ihm einziehen, die es ihm erlaubte, auf seiner Suche auch die Natur in sich aufzunehmen. Sosehr er Wulfgard liebte, hatte ihn die Halle in der letzten Zeit erdrückt, hatten ihm die bullig lodernden Feuer den Atem geraubt und die ständige und auch gegenseitige Beobachtung der Claner ihn zeitweise zermürbt und um einiges reifen lassen. Er spürte, dass die Welpenjahre seines Lebens endgültig vorbei waren und er sich bereits eine gute Strecke auf seinem Weg als Wolf vorwärts gearbeitet hatte.
Mit dem Rauschen der Baumwipfel über ihn ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Bilder, die längst vergessen erschienen, tauchten in ihm auf. So viel war geschehen, was eingehender Überlegung bedurft hätte. Wie die Wogen einer stürmischen Brandung hatten sich die Dinge überschlagen und viel Met war die Kehle hinabgeflossen, ohne die Muße zu finden, die Geschehnisse in Ruhe zu überdenken. Dementsprechend haltlos waren seine Gefühle und Reaktionen bei somanchem aufgewallt oder er hatte sie unterdrückt und die Dinge wie ein unbeteiligter Beobachter hingenommen, zu erschöpft, um steuernd einzugreifen.
Systra, Runa und Trystjarn hatten den Clan verlassen und kaum dass man ihr Fortgehen verdaut hatte, schickte die Dame im Wind gleich rudelweis Frischfleisch, mit ihnen auch einen Thain, der sich offener zeigte und vieles im Sinne Kanubios und der Claner regelte.
Kanubio war ihm treu ergeben, nachdem er sich, Vernunft, Offenheit und Traditionsbewusstein zeigend, eingeführt hatte. Manche seiner Entscheidungen verstand Kanubio allerdings nicht und ließen ihn zweifeln – an Bernulf, an sich selbst und an allem, was rund um ihm geschah. Dann ließ er resignierend die Dinge ihren Lauf nehmen, in der Hoffnung verbleibend, dass sich doch alles zum Guten wenden würde und ein Thain seine Entscheidungen wohl gründlich abgewogen hätte. Und dennoch trieb das Bewusstsein, dass ein Thain ein Thyre und nicht der allwissende Hirsch wäre, Zweifel in sein Denken, welche ihn unsicher den nächsten Schritt auf seinem Weg gehen ließen.
Auf seiner Suche nach den Runen schweiften Kanubios Gedanken zurück zu den Geschehnissen der letzten Mondläufe. Björn hatte seinen Traum verwirklicht und den Handelsladen in Adoran eröffnet, ein Ort, den Kanubio ungern aufsuchte, erinnerte ihn dieses Gebäude doch stets an sein Fehlverhalten, begründet in seiner Loyalität zum Jarl. Ein Zwiespalt in seinem Inneren hatte ihn die Hände in den Schoß legen lassen, obwohl er die richtige Entscheidung in seinem Herzen getragen hatte. Er kam immer noch nicht darüber hinweg, obgleich dieses Ereignis schon lange in seiner Vergangenheit lag.
Wieder aufgerichtet und neuen Mut fassen lassen hatte Kanubio die Ernennung zum Obersten Schwert. Dies als große Ehre empfindend, hatte er die neue Aufgabe angenommen. Er war fest entschlossen, sich der Herausforderung des Thains mit allem, was ihm zur Verfügung stand, zu stellen. Eine ganze Weile lang beschritt er diesen Weg, ohne einen Zweifel an der Fairniss des Wettstreits zu haben, denn auch noch zwei andere wurden auserkoren. Während Argos sich kaum blicken ließ, zeigte auch Roghvatr durchaus gute Bemühungen. Doch als dieser von Bernulf auserkoren ward, den Weg des Einherjers zu beschreiten, stürzte für Kanubio sein Glaube, dass ihn sein Schicksal gerecht behandeln würde, zusammen. Gegen einen Einherjer wäre er chancenlos. Entscheidungen zu treffen im Gegensatz zu einem, der mit Wolf selbst tief verbunden wäre und auf dessen Hilfe vertrauen konnte, würde Kanubio stets hintan hinken lassen. Zu einem Einherjer erhoben die Claner ehrfurchtsvoll die Blicke und sein Wort würde immer tausendmal mehr zählen, als das eines Städters und gewöhnlichen Schwertes. Aye, immer noch bekam Kanubio in wohlgezielten Seitenhieben von somanch einem zu spüren, dass er kein Thyre und damit etwas Minderwertiges wäre und es würde wohl auch nie aufhören. Aber auch das zu bewältigen war einer der Steine, die auf Kanubios Weg lagen. So Roghvatr seine Ausbildung abschließen würde, bräuchte Kanubio auch keinen Gedanken mehr darauf verschwenden, ihn in einem Kampf zu besiegen.
Als er mit Wina darüber gesprochen hatte, verlief die Unterhaltung höchst unbefriedigend. Vielleicht lag es jedoch daran, dass sie in ihrem Wesen eher dem Wald und den Wölfen zugetan war, denn dem Denken eines Kriegers, vielleicht aber auch daran, weil sie den Kopf voll mit Stimmen die seinige gar nicht mehr richtig vernahm. Kanubio schob die Erinnerung an dieses Gespräch in den tiefsten Keller seines Gedächtnisses. Es ließ großen Missmut in ihm aufkommen, noch weiter darüber nachzusinnen.
Der Zweite Segen war fällig gewesen. Die Ahnen hatten ihn zu einer Aufgabe auserkoren – eine, die er nachträglich als sehr ehrenvoll empfand, da gerade er, dem kein thyrisches Blut durch die Adern floss, dies zugetraut wurde. Der Ahnenbaum in Grimwould hatte durch die Vernichtung des Forts durch die Rote Hexe zu kränkeln begonnen und nur indem er die Blüte der Liebe fand und zu ihm brachte, konnte dem heiligen Gewächs neue Kraft gegeben werden. Auf seinem Weg hatte sich ihm ein weißer Wolf angeschlossen, der ihn bis heim nach Wulfgard begleitete und auch weiterhin nicht von seiner Seite wich. Es war ein schon älteres Tier und immer, wenn Kanubio in seine bernsteinfarbenen Augen blickte, spürte er den Wolf in sich, der sich in den letzten Mondläufen immer deutlicher bemerkbar gemacht hatte. Diese stärkere Verbundenheit zu einem Tier in ihm – oder war es gar Wolf selbst? – erschreckte ihn, bot ihm aber im Gegenzug eine noch lang nicht ausgeschöpfte Kraft an, die Kanubio eine bislang ungewohnte Sicherheit verlieh, welche ihn auf eine Weise stärkte, als käme sie nicht von ihm selbst … und doch aus ihm selbst heraus.
Lidwina war von den Ahnen und Geystern auserkoren worden, den Weg der Ahnenruferin zu gehen. Zum einen bedeutet dies für sie, für ihn, den Clan, ja das gesamte Volk eine große Ehre, doch merkte Kanubio schon bald, dass er kaum noch etwas von ihr hatte. Oft wünschte er sich jenen Zustand zurück, als sie noch ein ganz normaler Bogen war, unbehelligt von all dem, worum sie sich jetzt kümmern musste. Ihr Unterricht hielt sie oft im Hain fest und so sie einmal in Wulfgard zugegen war, schwirrten die Claner um sie herum und nahmen sie mit ihren Problemen in Anspruch. Doch Kanubio wusste aus eigener Erfahrung, wie es ist, einen neuen Weg zu gehen, der einen zwang, sich vorerst von jenen abzuwenden, mit denen man einst viel Zeit verbracht hatte. Er vergab ihr und würde auf sie warten, denn seine Liebe zu ihr war unerschütterlich.
Auch er selbst hatte einen Großteil der Zeit mit anderen Dingen zugebracht, die unaufschiebbar waren. Das Frischfleisch musste ausgerüstet und im Umgang mit der Waffe geübt werden, das Lager musste befüllt und in Ordnung gehalten werden und Umbauten waren nötig, um die Flut neuer Claner in Wulfgard aufzunehmen. Als sie bald einen Mondlauf nach ihrem zweiten Segen noch immer nicht gemeinsam in die Felle gekrochen waren, reichte es Kanubio. Das Weyb wurd kurzerhand über die Schulter geworfen und entführt. Über drei Jahresläufe ohne ein Weib zu beglücken hatte Kanubio davor zugebracht. Das Feuer ihrer Liebe ließ Wulfgards Grundfeste in jener Nacht erzittern. Mit einem zufriedenen und glücklichen Lächeln gedachte Kanubio jener Nacht, während er weiter durch die Wälder streifte.
Nachdem Systra und Trystjarn fort waren, konnte auch Falks Name wieder frei in Wulfgards Halle ausgesprochen werden, ohne dass man befürchten musste, daran erinnert zu werden, wie unehrenhaft er doch gehandelt hätte, indem er seinen Clan im Stich gelassen hatte. Die Botschaft über seinen heldenhaften Tod überlagerte wohltuend die Worte der bösen Zungen, löschte in Kanubio aber auch den letzten Funken seiner Hoffnung, den großen Krieger in dieser Welt wiederzusehen. Doch stärker als zuvor lebte Falk in Kanubios Herzen weiter. Er war felsenfest davon überzeugt, dass er als Ahn in seiner Nähe wäre und ihn beobachtete, mehr noch, als ihm dies zu seinen Lebzeiten möglich gewesen war.
Was diesbezüglich alles in Kanubio vorging, verbarg er vor jedem. Es waren schwerwiegende Gedanken und Gefühle, von denen er annahm, dass sie kein anderer verstehen würde, denn kaum einer war noch von den Clanern, der Falk persönlich gekannt hatte. Also schwieg Kanubio, tief erfüllt von einer Kraft, die sich mit der des Wolfes in ihm auf unsagbar harmonische und mystische Weise verwob. Fühlte er in sie hinein, glaubte er, in weiter Ferne nebelverhangen sein Ziel, seine Lebensaufgabe, vor sich zu erkennen. Doch um es zu erreichen, genügte es nicht, seine Hand danach auszustrecken. Noch viele Schritte über ungewisses Gebiet wären nötig, um es zu erreichen.
-
Kanubio Bunjam
Der zweite Tag
Das Schwert, das Hrefna dem Kanubio geschmiedet hatte, war schon vor einiger Zeit in dessen Hände zurückgelegt worden.
„Du hast die Aufgabe versucht und das Diamant für diese Klinge besorgt, du hast sie geführt und mir dann gegeben … aber diese Klinge ist für dich geschmiedet worden, also ist es auch an dir, ihr einen Namen zu geben, nicht an mir.“
Kanubio sah seinen Jarl völlig verblüfft an.
„Wer weiß“, sprach Trystjarn weiter, „welchen Weg diese Klinge noch nehmen wird? Vielleicht kehrt sie eines Tages in deine Ahnenreihe zurück. Und genau darum sollst du ihr einen Namen geben. Wenn du willst, dass dieses Schwert mehr als ein seelenloses Werkzeug ist, dann wirst du ihr einen Namen geben müssen. Die Ahnenklingen der Einherja bekommen diesen, noch bevor sie geschmiedet werden, denn der Schmied muss jenen in die Klinge selbst verewigen. Sie werden in den heißen Feuern nicht nur hergestellt, sie werden dort geboren.“
Bis zur Unkenntlichkeit waren die Runen, die in die Klinge eingearbeitet waren, in der Zwischenzeit verblasst, nun eher wie Fehlschläge eines trunkenen Schmiedes anmutend. Die Seele des Schwertes war beinahe gänzlich aus ihm geflohen. Bis zum Jahreswechsel wäre wohl gar nichts mehr von ihr übrig.
Kanubio nutzte eine ruhige Stunde, um Lidwina sein Problem vorzutragen. Sie erinnerte sich daran, dass er ihr schon einmal davon berichtet hätte, erkannte aber auch, wie dringlich die Angelegenheit inzwischen geworden war. Da nur zwei den Namen dieses Schwertes wissen konnten, machten sie sich auf, hinüber in die Ruinen Grimwoulds, um zu versuchen, mit einem der beiden, mit Grimwould selbst, in Kontakt zu treten.
Einige der Runen waren Kanubio bekannt. Kenaz, Wunjo, Ehwaz, Laguz und Dagaz … Kveld … doch noch sieben weitere hatten das Schwert geziert. Mit der Hilfe Grimwoulds hoffte Kanubio, sie zu erfahren.
Bevor Lidwina sich auf das Ritual einstimmte, goss Kanubio den Ahnenbaum und hielt den Met bereit, der Grimwould ob seines wohligen Geruchs anlocken sollte. Sie warnte Kanubio auch, dass er sich darauf einstellen solle, Grimwould nicht in bester Laune anzutreffen, so er sich ihnen zeigen sollte.
Lidwina ließ sich zu den Wurzeln des Ahnenbaumes nieder, Kanubio tat es ihr gleich. Sie legte die Hände an seine Rinde und begann mit gedämpfter Stimme:
„Versuch dey zu erynnern ... an den Glanz vergangener Tage … an das Lachen das durch dey Halle dröhnte … an dey Thyren dey hyr lebten und arbeyteten … versuch dey zu erynnern an das Leben, an dey Tage da hyr ney Asche und Dunkelheyt war, sondern Feuer und Wärme.“
Wie gut und auch gerne erinnerte sich Kanubio an jene Tage, besonders an den einen, als er sein Schwert bekam. Es war der 17. Cirmiasum des Jahres 251. Es herrschte reges Treiben in Grimwould. Hrefna hatte ihm zuerst das Schwert aus dem edelsten Material, das man zur Herstellung von Waffen und Rüstungen als Tiefländer verwenden kann, gefertigt. Es gelang. Doch bei den Handschuhen war ihr das Diamant zerschmolzen und verpuffte. Kanubios Blick schweifte hinüber zur Schmiede, wo aus den verkohlten Holztrümmern noch der Amboss ragte. Doch das Bild, das sich seinem Auge zeigte, war bunt, Grimwould unversehrt und Hrefna – eher ein Scheme, denn ein greifbares Wesen – feuerte eine leere Trankflasche gegen die Wand. Falks über irgendwas aufgebrachte Stimme drang an Kanubios Ohr und andere in rotbraune Kilte gehüllte Schemen schwirrten durch das Fort.
Als Lidwinas monotoner Singsang sich erhob und sie Kanubios Hand ergriff, spürte er ein Prickeln, welches sich zu einem Sog steigerte, als würde etwas aus ihm herausgezogen und durch seine Hand in die ihre fließen. Gleichzeitig schwand die Wärme in seinem Körper, die ihn ob der angenehmen Erinnerungen an jenen Tag durchströmt hatte, und die bunten Schatten, die eben noch ein unzerstörtes Fort belebt hatten, lösten sich auf, verkohlte Trümmer, Ruß und Asche gepaart mit bestialischem Gestank zurücklassend. Kälte breitete sich in Kanubio aus, als ihm Lidwina seine Erinnerungen entzog, um ihr Ritual damit zu nähren.
Plötzlich riss sie die Augen auf. Sie glühte. Ihre Hand fühlte sich brennheiß an. Ihre Stirn bedeckten kleine Schweißtropfen und ihre Wangen waren gerötet, wie von starkem Fieber, während Kanubio mehr und mehr von einem starken Schüttelfrost gebeutelt wurde.
Dann sprach sie mit fremder, dunkler Stimme: „Grimwould, Geyst der eynst so stolzen Feste! Syh, das Gedenken yst ney verblasst. Dey Erynnerung yst stark, so wy Grimwould eynst stark war. Komm zu uns Geyst, wey bytten um deyne Hylfe yn dyser Stund! Grimwould, mey ruft dey herbey!“
Immer wieder rief sie den letzten Satz, wobei ihre Stimme lauter, fordernder wurde. Wie in Trance bewegte sie dabei den Oberkörper vor und zurück. Als ihr Ruf durch das ganze, in Trümmer liegende Fort hallte, kam Wind auf, der die Blätter des Ahnenbaums geheimnisvoll rascheln ließ. Noch kälter wurde Kanubio, als sich das Rascheln zum Rauschen steigerte. Fester zog er die Felle um seinen schlotternden Körper. Weiß wölkte sich der Atem der beiden in der eisigen Nachtluft. Weit waren Kanubios Augen aufgerissen, als er bedächtig den Kopf in den Nacken legte, um seinen Blick in die rauschende Baumkrone zu heben, während sein Körper unter der Kälte vibrierte. Dann glaubte er, ein Zischeln aus dem Rauschen zu vernehmen, das flüsternd Worte formte:
„Was yst es das yhr begehrt - warum ruft yhr nach mey nach so langer Zeyt?“
Grimwould! Kanubio fuhr hoch. Es gab ihn noch! Er hatte Lidwina erhört! Doch wie kalt fühlte er sich an – kälter als tief gefrorene Erde im Fimbulwinter, in der jegliches Leben erstarrt ist. Zusätzlich zu dieser alles durchdringenden Kälte, die Kanubio erfasst hatte, kroch nun, da der Geyst sich ihnen bemerkbar gemacht hatte, auch noch heftige Nervosität in ihm hoch. Um die Hand Lidwinas, die sie an den Ahnenbaum gelegt hatte, bildete sich Raureif, die Farbe wich aus ihrem Gesicht, so als würde etwas oder jemand die Wärme, die sich in ihr gesammelt hatte, aus ihr heraussaugen. In stiller Zwiesprache stand sie mit Grimwould, bevor sie herrisch sagte: „Stell deyne Frage, Kanubio, Sohn des Tithus!“
Erschrocken zuckte er zusammen, dann richtete er sich stolz auf, soweit es sein unruhig zitternder Körper zuließ.
„Mei ... mein .. meine Frage .... aye ...
Lidwinas Lippen nahmen langsam eine bläuliche Färbung an, ihr Blick war immer noch leer und starr, jetzt auf Kanubio gerichtet.
„W.. w... wie ist der Name m... mmm... mei .. meines Schwertes, das ... mi.. miiii... mir Hrefna eynst hier schmm... mmmi ... midete?“ brachte er bibbernd unter unkontrolliert scheppernden Kieferbewegungen zustande.
Der Wind rauschte kräftig auf im Astwerk des Ahnenbaums. Ein Blatt löste sich und schwebte hinab zu den beiden, dann verebbte der Wind und es wurde wieder still in den hölzernen Ruinen des riesigen Forts.
Lidwina schien noch einen Moment zu lauschen, bevor sie die Hand von der Rinde des Baumes nahm. Zurück blieb der Umriss ihrer Finger aus Raureifkristallen, die langsam schmolzen. Auch das Blatt, das zwischen ihnen gelandet war, war von feinem Reif überzogen. Etwas größere Kristalle hatten sich zum Umriss einer Rune formiert.
Kanubio löste die in seine Felle verkrallte Linke und griff nach dem Blatt, das sich mit der klaren Reinheit der glitzernden Kristalle vom rußdurchwobenen Boden in krassem Gegensatz abzeichnete, dreht es etwas und erkannte die Rune.
„Uruz“, keuchte er andächtig, erschöpft von der Kälte, die ihn noch immer gefangen hielt.
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, schmolzen die Reifkristalle.
„Schau auf das Schwert!“ rief er aufgeregt Lidwina zu.
Sie reichte ihm die edle Waffe, die sie bislang auf ihrem Schoß unter dem Umhang verborgen gehabt hatte.
Tatsächlich hatten sich die ersten der verblassten, ihm aber bereits bekannten Runen wieder belebt, waren reliefartig hervorgetreten und die eine – Uruz – hatte sich hinzugefügt.
„KWEL-DU… KVEL-DU ...“ formt er mit belegter Stimme, die sich aufgeregt brach, als er den Namensteil las. „Kveldu ... Kweldu ... aber da ist noch mehr! Ich kenne kein Wort in Thyst, das so heißt ... du?“
Lidwina schüttelte den Kopf. „Aber …Grimwould hat mey verraten, dass dey vyr der Runen suchen musst, ymmer am Abend, wenn der Mond aufgeht, kannst dey sey fynden“, rezitierte sie aus dem Gedächtnis. „Eyne yst verborgen ym Osten, eyne wyrst dey ym Süden fynden, eyne soll sey dey ym Westen zeygen und eyne yst verborgen ym Norden.
Kanubio nickte nur, wobei ihm gar nicht wohl zu Mute war. Der Gedanke an den Osten machte ihm Sorge. Dort lag das Meer und er konnte doch nicht schwimmen!
Lidwina beendete den orakelartigen Spruch und zuckte dann leicht mit den Schultern. „Mehr hat er ney gesagt ... nur dass dey letzten zwey ymmer bey dey synd.“
Kanubio überlegte, was das sein könnte und zählte alles mögliche auf, was er in seinen Taschen so mit sich rumschleppte, doch Lidwina schien etwas zu ahnen, denn sie war nicht recht zufrieden damit.
„Und meinen Stolz und meine Ehre schlepp mey auch immer mit mey rum“, schloss Kanubio. Da blitzten Winas Augen auf. „Aye, das könnt es seyn! Das klyngt mey eher nach den Worten der Geyster als all dey anderen Dynge.“
Lidwina, für die die Angelegenheit damit zu Ende war, da sie sich zum einen selbst wie die Eysige Wina fühlte, zum anderen wohl spürte, dass sich Grimwould wieder zurückgezogen hatte, wollte heim an die wärmenden Feuer Wulfgards, doch Kanubio hielt es noch an diesem unwirtlichen Ort.
„Wey wollen ney gehen, ohne dem Geyst zu danken“, meinte er, griff in seinen Umhängebeutel und legte einen Trinkschlauch prall gefüllt mit Met zwischen die starken Wurzeln des alten Baumes.
„Aye da hast dey recht“, sagte Wina, während sie nochmals die Hand an die Rinde des Baumes legte, für einen Moment die Augen schloss und leise Worte des Dankes murmelte.
Kanubio hingegen sprach mit starker Stimme gen die Krone des Baumes: „Mey dank dey Grimwould, dass dey mey geholfen hast. Mögest dey deynen Frieden finden, auch wenn die guten Zeyten dieses einst so stolzen Forts vorüber sind.“ Und leiser, tief in seinem Inneren berührt, fügte er hinzu: „Mey werd dey und die anderen und dieses Fort nie vergessen.“
Wieder nickte Lidwina tief und löste die Hand von der Rinde. „Na komm .... lass uns gehen“, meinte sie sanft.
Kanubio drückte noch einmal ihre Hand, bevor er sie losließ, erhob sich etwas erschöpft ob der ihn immer noch durchziehenden Kälte, neigte respektvoll sein Haupt vor dem Baum, bevor er sich abwandte und immer noch zutiefst beeindruckt von dem eben Erlebten zum Tor schritt.
Immer wieder kam Kanubio das Ritual und die Begegnung mit dem Hausgeyst der Hinrah in den Sinn, während er einsam seine Schritte weiter durch die dichten Wälder der Thyren lenkte. Er suchte nicht nur nach jenen Runen, die irgendwo, in jeder Windrichtung eine, verborgen sein sollten, sondern auch nach den letzten beiden, die bei ihm sein sollten.
Jetzt, da er kaum etwas von seinen materiellen Gütern mit sich führte, und darüber nachdachte, was er trotzdem alles mit sich trug, erkannte er, wie reich er doch war. Ein Reichtum, den ihm kein Dieb stehlen könnte, und von dem nur er entschied, mit wem er ihn teilte. All das, was er erlebt und erfahren hatte … das, was er in jenen Augenblicken als gut oder schlecht empfunden hatte … sein ganzes Dasein … seine Gefühle, die er wieder leben durfte … seine Liebe zu Lidwina … sein geradezu sturköpfiges Streben, ein guter Krieger, vielleicht sogar ein großer Held zu werden. … Er trug all jene im Herzen, die ihn, den Clan oder das Volk verlassen hatten, und damit auch ihr Vermächtnis – das eine oder andere, was er von ihnen lernen durfte, aber auch, was sie ihm Gutes oder Übles widerfahren ließen und was ihn klüger oder härter gemacht hatte. … Er trug den Wolf in sich und seine Kraft, aber auch die Entschlossenheit zu töten, sollte es nötig werden. … Er trug alles in sich, was er jemals erreicht hatte und ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er erkannte, was dies alles war. … Und dennoch führte er auch ständig seine Unzufriedenheit mit sich, die ihn antrieb immer weiter an sich zu arbeiten, die ihn maßregelnd zu den ihm anvertrauten Clanern sprechen ließ, die ihn immer wieder dazu trieb, Ordnung im Fort zu schaffen.
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Auch die Hoffnung trug er in sich, einen schier unerschütterlichen Glauben daran, das er trotz der Niederlagen und Rückschläge, die sein Schicksal immer wieder für ihn bereit hielt, sein Ziel erreichen würde.
Noch viel mehr fiel ihm dazu ein und er wunderte sich immer mehr, wie leicht all das war, was er so mit sich rumschleppte … doch was davon war es, was Grimwould meinte? Noch blieb ihm die Antwort auf diese Frage genauso verborgen wie jene vier Runen, die es zu finden galt.
Das Schwert, das Hrefna dem Kanubio geschmiedet hatte, war schon vor einiger Zeit in dessen Hände zurückgelegt worden.
„Du hast die Aufgabe versucht und das Diamant für diese Klinge besorgt, du hast sie geführt und mir dann gegeben … aber diese Klinge ist für dich geschmiedet worden, also ist es auch an dir, ihr einen Namen zu geben, nicht an mir.“
Kanubio sah seinen Jarl völlig verblüfft an.
„Wer weiß“, sprach Trystjarn weiter, „welchen Weg diese Klinge noch nehmen wird? Vielleicht kehrt sie eines Tages in deine Ahnenreihe zurück. Und genau darum sollst du ihr einen Namen geben. Wenn du willst, dass dieses Schwert mehr als ein seelenloses Werkzeug ist, dann wirst du ihr einen Namen geben müssen. Die Ahnenklingen der Einherja bekommen diesen, noch bevor sie geschmiedet werden, denn der Schmied muss jenen in die Klinge selbst verewigen. Sie werden in den heißen Feuern nicht nur hergestellt, sie werden dort geboren.“
Bis zur Unkenntlichkeit waren die Runen, die in die Klinge eingearbeitet waren, in der Zwischenzeit verblasst, nun eher wie Fehlschläge eines trunkenen Schmiedes anmutend. Die Seele des Schwertes war beinahe gänzlich aus ihm geflohen. Bis zum Jahreswechsel wäre wohl gar nichts mehr von ihr übrig.
Kanubio nutzte eine ruhige Stunde, um Lidwina sein Problem vorzutragen. Sie erinnerte sich daran, dass er ihr schon einmal davon berichtet hätte, erkannte aber auch, wie dringlich die Angelegenheit inzwischen geworden war. Da nur zwei den Namen dieses Schwertes wissen konnten, machten sie sich auf, hinüber in die Ruinen Grimwoulds, um zu versuchen, mit einem der beiden, mit Grimwould selbst, in Kontakt zu treten.
Einige der Runen waren Kanubio bekannt. Kenaz, Wunjo, Ehwaz, Laguz und Dagaz … Kveld … doch noch sieben weitere hatten das Schwert geziert. Mit der Hilfe Grimwoulds hoffte Kanubio, sie zu erfahren.
Bevor Lidwina sich auf das Ritual einstimmte, goss Kanubio den Ahnenbaum und hielt den Met bereit, der Grimwould ob seines wohligen Geruchs anlocken sollte. Sie warnte Kanubio auch, dass er sich darauf einstellen solle, Grimwould nicht in bester Laune anzutreffen, so er sich ihnen zeigen sollte.
Lidwina ließ sich zu den Wurzeln des Ahnenbaumes nieder, Kanubio tat es ihr gleich. Sie legte die Hände an seine Rinde und begann mit gedämpfter Stimme:
„Versuch dey zu erynnern ... an den Glanz vergangener Tage … an das Lachen das durch dey Halle dröhnte … an dey Thyren dey hyr lebten und arbeyteten … versuch dey zu erynnern an das Leben, an dey Tage da hyr ney Asche und Dunkelheyt war, sondern Feuer und Wärme.“
Wie gut und auch gerne erinnerte sich Kanubio an jene Tage, besonders an den einen, als er sein Schwert bekam. Es war der 17. Cirmiasum des Jahres 251. Es herrschte reges Treiben in Grimwould. Hrefna hatte ihm zuerst das Schwert aus dem edelsten Material, das man zur Herstellung von Waffen und Rüstungen als Tiefländer verwenden kann, gefertigt. Es gelang. Doch bei den Handschuhen war ihr das Diamant zerschmolzen und verpuffte. Kanubios Blick schweifte hinüber zur Schmiede, wo aus den verkohlten Holztrümmern noch der Amboss ragte. Doch das Bild, das sich seinem Auge zeigte, war bunt, Grimwould unversehrt und Hrefna – eher ein Scheme, denn ein greifbares Wesen – feuerte eine leere Trankflasche gegen die Wand. Falks über irgendwas aufgebrachte Stimme drang an Kanubios Ohr und andere in rotbraune Kilte gehüllte Schemen schwirrten durch das Fort.
Als Lidwinas monotoner Singsang sich erhob und sie Kanubios Hand ergriff, spürte er ein Prickeln, welches sich zu einem Sog steigerte, als würde etwas aus ihm herausgezogen und durch seine Hand in die ihre fließen. Gleichzeitig schwand die Wärme in seinem Körper, die ihn ob der angenehmen Erinnerungen an jenen Tag durchströmt hatte, und die bunten Schatten, die eben noch ein unzerstörtes Fort belebt hatten, lösten sich auf, verkohlte Trümmer, Ruß und Asche gepaart mit bestialischem Gestank zurücklassend. Kälte breitete sich in Kanubio aus, als ihm Lidwina seine Erinnerungen entzog, um ihr Ritual damit zu nähren.
Plötzlich riss sie die Augen auf. Sie glühte. Ihre Hand fühlte sich brennheiß an. Ihre Stirn bedeckten kleine Schweißtropfen und ihre Wangen waren gerötet, wie von starkem Fieber, während Kanubio mehr und mehr von einem starken Schüttelfrost gebeutelt wurde.
Dann sprach sie mit fremder, dunkler Stimme: „Grimwould, Geyst der eynst so stolzen Feste! Syh, das Gedenken yst ney verblasst. Dey Erynnerung yst stark, so wy Grimwould eynst stark war. Komm zu uns Geyst, wey bytten um deyne Hylfe yn dyser Stund! Grimwould, mey ruft dey herbey!“
Immer wieder rief sie den letzten Satz, wobei ihre Stimme lauter, fordernder wurde. Wie in Trance bewegte sie dabei den Oberkörper vor und zurück. Als ihr Ruf durch das ganze, in Trümmer liegende Fort hallte, kam Wind auf, der die Blätter des Ahnenbaums geheimnisvoll rascheln ließ. Noch kälter wurde Kanubio, als sich das Rascheln zum Rauschen steigerte. Fester zog er die Felle um seinen schlotternden Körper. Weiß wölkte sich der Atem der beiden in der eisigen Nachtluft. Weit waren Kanubios Augen aufgerissen, als er bedächtig den Kopf in den Nacken legte, um seinen Blick in die rauschende Baumkrone zu heben, während sein Körper unter der Kälte vibrierte. Dann glaubte er, ein Zischeln aus dem Rauschen zu vernehmen, das flüsternd Worte formte:
„Was yst es das yhr begehrt - warum ruft yhr nach mey nach so langer Zeyt?“
Grimwould! Kanubio fuhr hoch. Es gab ihn noch! Er hatte Lidwina erhört! Doch wie kalt fühlte er sich an – kälter als tief gefrorene Erde im Fimbulwinter, in der jegliches Leben erstarrt ist. Zusätzlich zu dieser alles durchdringenden Kälte, die Kanubio erfasst hatte, kroch nun, da der Geyst sich ihnen bemerkbar gemacht hatte, auch noch heftige Nervosität in ihm hoch. Um die Hand Lidwinas, die sie an den Ahnenbaum gelegt hatte, bildete sich Raureif, die Farbe wich aus ihrem Gesicht, so als würde etwas oder jemand die Wärme, die sich in ihr gesammelt hatte, aus ihr heraussaugen. In stiller Zwiesprache stand sie mit Grimwould, bevor sie herrisch sagte: „Stell deyne Frage, Kanubio, Sohn des Tithus!“
Erschrocken zuckte er zusammen, dann richtete er sich stolz auf, soweit es sein unruhig zitternder Körper zuließ.
„Mei ... mein .. meine Frage .... aye ...
Lidwinas Lippen nahmen langsam eine bläuliche Färbung an, ihr Blick war immer noch leer und starr, jetzt auf Kanubio gerichtet.
„W.. w... wie ist der Name m... mmm... mei .. meines Schwertes, das ... mi.. miiii... mir Hrefna eynst hier schmm... mmmi ... midete?“ brachte er bibbernd unter unkontrolliert scheppernden Kieferbewegungen zustande.
Der Wind rauschte kräftig auf im Astwerk des Ahnenbaums. Ein Blatt löste sich und schwebte hinab zu den beiden, dann verebbte der Wind und es wurde wieder still in den hölzernen Ruinen des riesigen Forts.
Lidwina schien noch einen Moment zu lauschen, bevor sie die Hand von der Rinde des Baumes nahm. Zurück blieb der Umriss ihrer Finger aus Raureifkristallen, die langsam schmolzen. Auch das Blatt, das zwischen ihnen gelandet war, war von feinem Reif überzogen. Etwas größere Kristalle hatten sich zum Umriss einer Rune formiert.
Kanubio löste die in seine Felle verkrallte Linke und griff nach dem Blatt, das sich mit der klaren Reinheit der glitzernden Kristalle vom rußdurchwobenen Boden in krassem Gegensatz abzeichnete, dreht es etwas und erkannte die Rune.
„Uruz“, keuchte er andächtig, erschöpft von der Kälte, die ihn noch immer gefangen hielt.
Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, schmolzen die Reifkristalle.
„Schau auf das Schwert!“ rief er aufgeregt Lidwina zu.
Sie reichte ihm die edle Waffe, die sie bislang auf ihrem Schoß unter dem Umhang verborgen gehabt hatte.
Tatsächlich hatten sich die ersten der verblassten, ihm aber bereits bekannten Runen wieder belebt, waren reliefartig hervorgetreten und die eine – Uruz – hatte sich hinzugefügt.
„KWEL-DU… KVEL-DU ...“ formt er mit belegter Stimme, die sich aufgeregt brach, als er den Namensteil las. „Kveldu ... Kweldu ... aber da ist noch mehr! Ich kenne kein Wort in Thyst, das so heißt ... du?“
Lidwina schüttelte den Kopf. „Aber …Grimwould hat mey verraten, dass dey vyr der Runen suchen musst, ymmer am Abend, wenn der Mond aufgeht, kannst dey sey fynden“, rezitierte sie aus dem Gedächtnis. „Eyne yst verborgen ym Osten, eyne wyrst dey ym Süden fynden, eyne soll sey dey ym Westen zeygen und eyne yst verborgen ym Norden.
Kanubio nickte nur, wobei ihm gar nicht wohl zu Mute war. Der Gedanke an den Osten machte ihm Sorge. Dort lag das Meer und er konnte doch nicht schwimmen!
Lidwina beendete den orakelartigen Spruch und zuckte dann leicht mit den Schultern. „Mehr hat er ney gesagt ... nur dass dey letzten zwey ymmer bey dey synd.“
Kanubio überlegte, was das sein könnte und zählte alles mögliche auf, was er in seinen Taschen so mit sich rumschleppte, doch Lidwina schien etwas zu ahnen, denn sie war nicht recht zufrieden damit.
„Und meinen Stolz und meine Ehre schlepp mey auch immer mit mey rum“, schloss Kanubio. Da blitzten Winas Augen auf. „Aye, das könnt es seyn! Das klyngt mey eher nach den Worten der Geyster als all dey anderen Dynge.“
Lidwina, für die die Angelegenheit damit zu Ende war, da sie sich zum einen selbst wie die Eysige Wina fühlte, zum anderen wohl spürte, dass sich Grimwould wieder zurückgezogen hatte, wollte heim an die wärmenden Feuer Wulfgards, doch Kanubio hielt es noch an diesem unwirtlichen Ort.
„Wey wollen ney gehen, ohne dem Geyst zu danken“, meinte er, griff in seinen Umhängebeutel und legte einen Trinkschlauch prall gefüllt mit Met zwischen die starken Wurzeln des alten Baumes.
„Aye da hast dey recht“, sagte Wina, während sie nochmals die Hand an die Rinde des Baumes legte, für einen Moment die Augen schloss und leise Worte des Dankes murmelte.
Kanubio hingegen sprach mit starker Stimme gen die Krone des Baumes: „Mey dank dey Grimwould, dass dey mey geholfen hast. Mögest dey deynen Frieden finden, auch wenn die guten Zeyten dieses einst so stolzen Forts vorüber sind.“ Und leiser, tief in seinem Inneren berührt, fügte er hinzu: „Mey werd dey und die anderen und dieses Fort nie vergessen.“
Wieder nickte Lidwina tief und löste die Hand von der Rinde. „Na komm .... lass uns gehen“, meinte sie sanft.
Kanubio drückte noch einmal ihre Hand, bevor er sie losließ, erhob sich etwas erschöpft ob der ihn immer noch durchziehenden Kälte, neigte respektvoll sein Haupt vor dem Baum, bevor er sich abwandte und immer noch zutiefst beeindruckt von dem eben Erlebten zum Tor schritt.
Immer wieder kam Kanubio das Ritual und die Begegnung mit dem Hausgeyst der Hinrah in den Sinn, während er einsam seine Schritte weiter durch die dichten Wälder der Thyren lenkte. Er suchte nicht nur nach jenen Runen, die irgendwo, in jeder Windrichtung eine, verborgen sein sollten, sondern auch nach den letzten beiden, die bei ihm sein sollten.
Jetzt, da er kaum etwas von seinen materiellen Gütern mit sich führte, und darüber nachdachte, was er trotzdem alles mit sich trug, erkannte er, wie reich er doch war. Ein Reichtum, den ihm kein Dieb stehlen könnte, und von dem nur er entschied, mit wem er ihn teilte. All das, was er erlebt und erfahren hatte … das, was er in jenen Augenblicken als gut oder schlecht empfunden hatte … sein ganzes Dasein … seine Gefühle, die er wieder leben durfte … seine Liebe zu Lidwina … sein geradezu sturköpfiges Streben, ein guter Krieger, vielleicht sogar ein großer Held zu werden. … Er trug all jene im Herzen, die ihn, den Clan oder das Volk verlassen hatten, und damit auch ihr Vermächtnis – das eine oder andere, was er von ihnen lernen durfte, aber auch, was sie ihm Gutes oder Übles widerfahren ließen und was ihn klüger oder härter gemacht hatte. … Er trug den Wolf in sich und seine Kraft, aber auch die Entschlossenheit zu töten, sollte es nötig werden. … Er trug alles in sich, was er jemals erreicht hatte und ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er erkannte, was dies alles war. … Und dennoch führte er auch ständig seine Unzufriedenheit mit sich, die ihn antrieb immer weiter an sich zu arbeiten, die ihn maßregelnd zu den ihm anvertrauten Clanern sprechen ließ, die ihn immer wieder dazu trieb, Ordnung im Fort zu schaffen.
„Was für ein Mann ist ein Mann, der nicht versuchte, die Welt zu verbessern?“
Auch die Hoffnung trug er in sich, einen schier unerschütterlichen Glauben daran, das er trotz der Niederlagen und Rückschläge, die sein Schicksal immer wieder für ihn bereit hielt, sein Ziel erreichen würde.
Noch viel mehr fiel ihm dazu ein und er wunderte sich immer mehr, wie leicht all das war, was er so mit sich rumschleppte … doch was davon war es, was Grimwould meinte? Noch blieb ihm die Antwort auf diese Frage genauso verborgen wie jene vier Runen, die es zu finden galt.
-
Kanubio Bunjam
Der dritte Tag
Kanubio irrte weiter, suchte jeden Zweig, jeden Stamm und jeden Stein ab, in der Hoffnung, die Runen zu finden, doch keine zeigte sich ihm. Ans Aufgeben dachte er keinen Lidschlag lang. Grimwould hatte ihm die Runen zugesagt. Das Wort des Hausgeystes der Hinrah sollte doch Gültigkeit haben!
Nachdem er – wie jeden Abend – den Ahnenbaum gegossen hatte, überlegte er, wohin noch er seine Schritte lenken könnte. Die Schlucht fiel ihm ein, die in einen Hochkessel führte. Zuerst tat er sich leicht, dem Trampelpfad zu folgen, denn der milde Winter hatte noch wenig Schnee liegen lassen. Unter dem Gipfel wurde es unwirtlich. Eisig pfiff ihm der scharfe Wind ins Gesicht, als wolle er es mit scharfen Klingen zerschneiden. Beißend kroch ihm die Kälte in seine Knochen und ließ den Schweiß und seinen Atem auf Haut und Bart zu feinen Kristallen gefrieren.
Erschöpft ließ sich Kanubio am Eingang jener Höhle nieder, die den Thyren damals, während der großen Dunkelheit, Schutz geboten hatte. Zuerst schloss er die Augen und versuchte, seinen vom harten Aufstieg unruhig gehenden Atem zu beruhigen, dann ließ er den Blick über die Landschaft unter sich schweifen, die im winterlichen Dämmerlicht vor ihm lag.
Schier unendlich war seine Liebe zu diesem Land, das sich sanfthügelig in seiner rauen Unberührtheit vor ihm ausbreitete. Glücklich und dankbar, hier leben zu dürfen, sog er den seltenen Anblick in sich auf und merkte gar nicht, wie dunkel es inzwischen geworden war, nachdem sich die schwache Wintersonne hinter den Horizont gesenkt hatte. Die Landschaft mit den schnell dahin treibenden Wolkengebilden über ihr blieb vor seinen Augen. Sogar wenn er die Lider senkte, konnte er sie noch sehen.
„Schlafen, träumen“, wünschte er sich, die müden Glieder ausstreckend, und versuchte, sich wenigstens innerlich mit einigen Schlucken Korn zu erwärmen. Auch Falk und Leif hatten einen gemeinsamen Traum gehabt … „Essthyrn“ … was immer dies auch gewesen wäre. Ein wenig wärmte der Korn auf leeren Magen, benebelte auch, ließ Kanubios Gedanken freier schweifen.
Aus den grauweißen Winterwolken lösten sich Fetzen, die neue Gestalt annahmen. Stolze Krieger in glänzenden Rüstungen, schwer bewaffnet mit Schwertern und Äxten, dichte langhaarige Felle um die Schultern, verwegen und von Narben zerfurcht ihre Gesichter, aus denen strahlend blaue Augen blitzten. Groß und kräftig ihre hellhäutigen Körper. Wild wehend die blonden, langen Mähnen. Zu einem Wesen verschmolzen schienen Reiter und Pferd. In atemberaubender Geschwindigkeit stoben die Kerle auf ihren Kampfrössern dahin und ließen die Hufe wirbeln, wenn sie spontan die Richtung änderten.
Ihr Kampfruf zerschnitt die winterliche Abendstille. „Blut und Ehre!“ – so laut, dass ihn nicht einmal das Stampfen der riesigen Hufe ihrer Kaltblüter überdröhnen konnte.
Ob sie in die Schlacht ritten? Nur zu gerne hätte sich Kanubio ihnen angeschlossen, doch wagte er es nicht sich zu bewegen, aus Angst, er könnte die wilden Schemen damit vertreiben.
Flammen – riesige Flammen sah er plötzlich vor sich, aus denen knisternd unzählige Funken hochstoben, um sich im Nachthimmel zu verlieren. Die wilden Schreie der Krieger verklangen. Lachen wurde laut und lauter, fröhliches vielkehliges Lachen und munteres Geschnatter, sowohl von Kerlen aus auch von Weybern. Die Schemen der Krieger lösten sich von ihren Tieren und sammelten sich ausgelassen um das Feuer, ihre Methörner in den Händen schwenkend.
Dann … eine Melodie, ganz leise. Fröhliches Stampfen begleitet sie, überdröhnt sie vorab. Sie löst sich aus dem Stimmengewirr und dringt klarer an Kanubios Ohr. Eine Flöte? Nein, doch ähnlich, vielstimmig, die Melodie in Monotonie untermalt von anderen, ähnlichen instrumentalen Stimmen. Dazu das sanfte rhythmische Klingen von Schellenkränzen, weit weg noch eine Trommel. Schwermütig mutet das Lied an und doch spürt man eine immense Kraft in der Harmonie der unruhig springenden Töne, aufgebaut auf einem starken Fundament der stampfenden Füße, die nun die Erde erzittern lassen.
Eine klare weibliche Stimme erklingt und die jugendliche Kraft in ihr lässt sie alles übertönen, während die Krieger der Wolkenformationen weiterfeiern.
Meine Träume so groß,
doch mein Leben so kurz.
Zeig mir den Weg.
Wohin soll ich geh’n?
Deine Liebe ist stark
und dein Herz ist so groß.
Ich folg deinem Weg
schon seit langer Zeit.
Und du kämpfst, du tanzt, du fliegst
mit dem Wind,
fliegst über den Himmel
und über das Meer.
Meine Hoffnung ist groß
und mein Leben so kurz.
Gib mir die Kraft
zu folgen dem Ruf.
Und du kämpfst, du tanzt, du fliegst
mit dem Wind,
fliegst über den Himmel
und über das Meer.
Meine Zweifel sind stark,
mein Leben wie Glas.
Stärk meinen Glauben
und der Sieg gehört uns.
Lass uns dem Volk
das Wissen der Alten geben.
Lass uns dem Volk
die Kraft der Liebe geben.
Jeder kann kämpfen.
Jeder kann tanzen.
Lass unsere Träume
Wirklichkeit werden.
Die Frauenstimme verklang. Das seltsame Flöteninstrument übernahm ihren Part, eindringlich, als wolle es ihre Worte wiederholen.
Kanubio konnte den Blick nicht von den Wolken abwenden. Wer waren diese Schemen? Seine Augen leuchteten immer noch, als die Luftgebilde schon längst verblasst und verschwunden waren.
Als Kanubio merkte, dass er in den leeren nachtschwarzen Himmel starrte, riss es ihn von seinem Platz hoch. Er torkelte vorwärts, atmete schwer, suchte verzweifelt das Firmament nach den Schemen ab. Er nahm festen Stand, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken, holte tief Luft und stieß ein verzweifeltes Heulen aus, wie ein einsamer Wolf, der nach den seinigen ruft, so lange, bis auch der letzte Rest an Luft aus seinen Lungen gepumpt war. Dann lauschte er. Doch es blieb still – unheimlich still. Sogar der raue Winterwind hatte sich völlig gelegt.
Schwer atmend stolperte Kanubio den Trampelpfad hinab ins Tal … betrunken? … verwirrt? … verstört durch das, was er zu sehen geglaubt hatte?
Zu gerne hätte er sich den wilden Kerlen und den edlen Weybern angeschlossen, um mit ihnen zu kämpfen, zu reiten und zu feiern, doch wohin waren sie verschwunden?
Erst, als er seine Schritte über die große Wiese nördlich Grimwoulds lenkte, kam ihm wieder in den Sinn, weshalb er eigentlich hier war … die Runen zu suchen. Und das tat er, begleitet von der leisen Melodie eines seltsamen Flöteninstruments in seinem Ohr.
Kanubio irrte weiter, suchte jeden Zweig, jeden Stamm und jeden Stein ab, in der Hoffnung, die Runen zu finden, doch keine zeigte sich ihm. Ans Aufgeben dachte er keinen Lidschlag lang. Grimwould hatte ihm die Runen zugesagt. Das Wort des Hausgeystes der Hinrah sollte doch Gültigkeit haben!
Nachdem er – wie jeden Abend – den Ahnenbaum gegossen hatte, überlegte er, wohin noch er seine Schritte lenken könnte. Die Schlucht fiel ihm ein, die in einen Hochkessel führte. Zuerst tat er sich leicht, dem Trampelpfad zu folgen, denn der milde Winter hatte noch wenig Schnee liegen lassen. Unter dem Gipfel wurde es unwirtlich. Eisig pfiff ihm der scharfe Wind ins Gesicht, als wolle er es mit scharfen Klingen zerschneiden. Beißend kroch ihm die Kälte in seine Knochen und ließ den Schweiß und seinen Atem auf Haut und Bart zu feinen Kristallen gefrieren.
Erschöpft ließ sich Kanubio am Eingang jener Höhle nieder, die den Thyren damals, während der großen Dunkelheit, Schutz geboten hatte. Zuerst schloss er die Augen und versuchte, seinen vom harten Aufstieg unruhig gehenden Atem zu beruhigen, dann ließ er den Blick über die Landschaft unter sich schweifen, die im winterlichen Dämmerlicht vor ihm lag.
Schier unendlich war seine Liebe zu diesem Land, das sich sanfthügelig in seiner rauen Unberührtheit vor ihm ausbreitete. Glücklich und dankbar, hier leben zu dürfen, sog er den seltenen Anblick in sich auf und merkte gar nicht, wie dunkel es inzwischen geworden war, nachdem sich die schwache Wintersonne hinter den Horizont gesenkt hatte. Die Landschaft mit den schnell dahin treibenden Wolkengebilden über ihr blieb vor seinen Augen. Sogar wenn er die Lider senkte, konnte er sie noch sehen.
„Schlafen, träumen“, wünschte er sich, die müden Glieder ausstreckend, und versuchte, sich wenigstens innerlich mit einigen Schlucken Korn zu erwärmen. Auch Falk und Leif hatten einen gemeinsamen Traum gehabt … „Essthyrn“ … was immer dies auch gewesen wäre. Ein wenig wärmte der Korn auf leeren Magen, benebelte auch, ließ Kanubios Gedanken freier schweifen.
Aus den grauweißen Winterwolken lösten sich Fetzen, die neue Gestalt annahmen. Stolze Krieger in glänzenden Rüstungen, schwer bewaffnet mit Schwertern und Äxten, dichte langhaarige Felle um die Schultern, verwegen und von Narben zerfurcht ihre Gesichter, aus denen strahlend blaue Augen blitzten. Groß und kräftig ihre hellhäutigen Körper. Wild wehend die blonden, langen Mähnen. Zu einem Wesen verschmolzen schienen Reiter und Pferd. In atemberaubender Geschwindigkeit stoben die Kerle auf ihren Kampfrössern dahin und ließen die Hufe wirbeln, wenn sie spontan die Richtung änderten.
Ihr Kampfruf zerschnitt die winterliche Abendstille. „Blut und Ehre!“ – so laut, dass ihn nicht einmal das Stampfen der riesigen Hufe ihrer Kaltblüter überdröhnen konnte.
Ob sie in die Schlacht ritten? Nur zu gerne hätte sich Kanubio ihnen angeschlossen, doch wagte er es nicht sich zu bewegen, aus Angst, er könnte die wilden Schemen damit vertreiben.
Flammen – riesige Flammen sah er plötzlich vor sich, aus denen knisternd unzählige Funken hochstoben, um sich im Nachthimmel zu verlieren. Die wilden Schreie der Krieger verklangen. Lachen wurde laut und lauter, fröhliches vielkehliges Lachen und munteres Geschnatter, sowohl von Kerlen aus auch von Weybern. Die Schemen der Krieger lösten sich von ihren Tieren und sammelten sich ausgelassen um das Feuer, ihre Methörner in den Händen schwenkend.
Dann … eine Melodie, ganz leise. Fröhliches Stampfen begleitet sie, überdröhnt sie vorab. Sie löst sich aus dem Stimmengewirr und dringt klarer an Kanubios Ohr. Eine Flöte? Nein, doch ähnlich, vielstimmig, die Melodie in Monotonie untermalt von anderen, ähnlichen instrumentalen Stimmen. Dazu das sanfte rhythmische Klingen von Schellenkränzen, weit weg noch eine Trommel. Schwermütig mutet das Lied an und doch spürt man eine immense Kraft in der Harmonie der unruhig springenden Töne, aufgebaut auf einem starken Fundament der stampfenden Füße, die nun die Erde erzittern lassen.
Eine klare weibliche Stimme erklingt und die jugendliche Kraft in ihr lässt sie alles übertönen, während die Krieger der Wolkenformationen weiterfeiern.
Meine Träume so groß,
doch mein Leben so kurz.
Zeig mir den Weg.
Wohin soll ich geh’n?
Deine Liebe ist stark
und dein Herz ist so groß.
Ich folg deinem Weg
schon seit langer Zeit.
Und du kämpfst, du tanzt, du fliegst
mit dem Wind,
fliegst über den Himmel
und über das Meer.
Meine Hoffnung ist groß
und mein Leben so kurz.
Gib mir die Kraft
zu folgen dem Ruf.
Und du kämpfst, du tanzt, du fliegst
mit dem Wind,
fliegst über den Himmel
und über das Meer.
Meine Zweifel sind stark,
mein Leben wie Glas.
Stärk meinen Glauben
und der Sieg gehört uns.
Lass uns dem Volk
das Wissen der Alten geben.
Lass uns dem Volk
die Kraft der Liebe geben.
Jeder kann kämpfen.
Jeder kann tanzen.
Lass unsere Träume
Wirklichkeit werden.
Die Frauenstimme verklang. Das seltsame Flöteninstrument übernahm ihren Part, eindringlich, als wolle es ihre Worte wiederholen.
Kanubio konnte den Blick nicht von den Wolken abwenden. Wer waren diese Schemen? Seine Augen leuchteten immer noch, als die Luftgebilde schon längst verblasst und verschwunden waren.
Als Kanubio merkte, dass er in den leeren nachtschwarzen Himmel starrte, riss es ihn von seinem Platz hoch. Er torkelte vorwärts, atmete schwer, suchte verzweifelt das Firmament nach den Schemen ab. Er nahm festen Stand, breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken, holte tief Luft und stieß ein verzweifeltes Heulen aus, wie ein einsamer Wolf, der nach den seinigen ruft, so lange, bis auch der letzte Rest an Luft aus seinen Lungen gepumpt war. Dann lauschte er. Doch es blieb still – unheimlich still. Sogar der raue Winterwind hatte sich völlig gelegt.
Schwer atmend stolperte Kanubio den Trampelpfad hinab ins Tal … betrunken? … verwirrt? … verstört durch das, was er zu sehen geglaubt hatte?
Zu gerne hätte er sich den wilden Kerlen und den edlen Weybern angeschlossen, um mit ihnen zu kämpfen, zu reiten und zu feiern, doch wohin waren sie verschwunden?
Erst, als er seine Schritte über die große Wiese nördlich Grimwoulds lenkte, kam ihm wieder in den Sinn, weshalb er eigentlich hier war … die Runen zu suchen. Und das tat er, begleitet von der leisen Melodie eines seltsamen Flöteninstruments in seinem Ohr.
-
Kanubio Bunjam
Der vierte Tag
Als die Dämmerung anbrach, stieg Kanubio abermals den Trampelpfad hinauf. Seine Sehnsucht, die Schemen wiederzusehen, war so immens groß, dass er den Gedanken an die Runen vorerst beiseite schob.
Oben bei der Höhle angekommen, bemerkte er sofort die frischen Spuren in der sonst unberührten Schneedecke. Er kniete nieder und betrachtete sie genauer. Sie stammten eindeutig von einem Bären, der die Höhle vermutlich für seinen Winterschlaf auserkoren hatte. Kanubio war gar nicht wohl bei dem Gedanken, den zotteligen Kerl so nahe zu wissen, führten die Spuren doch in die Höhle, aber nicht mehr aus ihr heraus.
Kanubios Drang, die wunderbaren Bilder des Vorabends noch einmal zu erleben, war größer als seine Vernunft. Im Vertrauen auf den Schutz der Geyster und Ahnen bezog er kauernd Stellung, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, den Höhleneingang in den Augenwinkeln, doch den Blick hauptsächlich in den tiefschwarzen, wie mit grauweißem Rauch durchzogenen Nachthimmel gerichtet.
Ahnen und Geyster mögen bei Tiefländern viel bewirken, doch Dummheit unterstützen sie nicht. Zu dieser Erkenntnis gelangte Kanubio, als er schon bald missmutiges Gebrumm aus der Höhle vernahm.
Immer noch maß Kanubio dem keine besondere Bedeutung zu. Er hatte schon viele Bären erlegt. Dieser würde ein weiterer sein, so er ihn angriff. Lauernd zog er leise das Schwert aus der Scheide und stellte sich auf den üblichen Kampf ein.
Als der Bär aus der Höhle trat, erstarrte der junge Krieger und seine Faust krallte sich um den Griff seiner Waffe. Das Tier hob den riesigen Kopf, um noch etwas desorientiert Witterung aufzunehmen. Der Wind stand ihm günstig. Es entdeckte den erblassten Menschen, der verzweifelt nach einem Fluchtweg oder Versteck Ausschau hielt, sofort. Sich zu verbergen war nicht möglich, der Fluchtweg zu eisig und abschüssig, um einem so schnellen Tier wie einem Bären zu entkommen. Kanubio wich etwas zurück, hinaus aus dem Hochkessel, hin zum Trampelpfad, doch er musste sich dem Bären stellen. Angst schnürte ihm die Kehle zu, brachte sein Herz zum Rasen und ließ ihn zweifeln, ob er gegen dieses gewaltige, um die gut 700 Stein schwere Tier bestehen würde, als es sich brummend aufrichtete und sich damit sein Schädel fast drei Schritt über dem Boden befand.
Als er zu dem riesigen Tier aufsah, kroch die Panik in Kanubio hoch. Es war nicht so wie sonst, wenn er einen Bären jagte. Dieser war anders. Zornig funkelten seine Augen aus der starren Maske des Bärengesichts. Kalte Mordlust stand in ihnen, die Kanubio einen eisigen Schauer über den Rücken trieben, da sie nun ausschließlich ihn erfasst hatten. Als der Bär ein ohrenbetäubendes Gebrüll ausstieß, eklig aus dem Maul sabberte, ihm seinen heißen, stinkende Atem entgegenröchelte und ihn mit blutunterlaufenen Augen anstierte, war es Kanubio, als würde der leibhaftige Berserker vor ihm stehen. Dieser Bär war nicht bei Sinnen!
Von Entsetzen gelähmt, wich Kanubio nur wenig zurück, als die mächtige Pranke mit den fünf riesigen Krallen auf ihn herab fuhr. Eiskalt durchzuckte es ihn, als er eine davon über sein Gesicht, knapp vorbei am rechten Auge und über die Wange fahren spürte. Heiß schoss das Blut aus der tiefen Wund und raubte ihm für einige Momente die Sicht. Diese Unsicherheit nutzte der Bär, um ein zweites Mal zuzuschlagen. Ein Hieb mit sagenhafter Kraft, der zwar nur die Brustplatte traf, doch dem jungen Krieger die Atemluft raubte und ihn über den Abhang schleuderte.
Das Schicksal meinte es gut mit Kanubio, ihn an einer Stelle abstürzen zu lassen, an der sich hoher, pulverartiger Schnee angesammelt hatte, der alle Felsen mit einer weichen Decke überzogen hatte. Dennoch blieb sein Körper lange regungslos im Schnee liegen, während sich hoch über ihm der Bär mit zufriedenem Gebrummel in seine Höhle zum Winterschlaf zurückzog.
Ein heißer, fieberhafter Schauer nach dem anderen jagte durch Kanubios Körper, welche er noch intensiver wahr nahm ob der frostigen Kälte, die ihn umgab.
„Na, bist du nun zufrieden?“ höhnte eine Stimme in seinem Rücken.
Kanubio röchelte gequält auf. Wie lange war es her, dass er sie nicht mehr vernommen hatte? Es mussten gut zweieinhalb Jahresläufe sein. Ohne hinzusehen wusste Kanubio, dass „er“ es war, der ihn bereits zwei Mal heimgesucht hatte.
Trotzig fauchte er zurück: „Aye, das bin mey.“
Flach auf dem Bauch liegend öffnete er die Augen und versuchte, seine Umgebung wahrzunehmen. Doch schien es ihm, als hätte man einen blutroten Vorhang um ihn gezogen.
Erschrocken fuhr er zusammen, als die Stimme knapp an seinem Ohr hämisch auflachte. Kanubio wendete benommen den Kopf und blickte in dieses entstellte Gesicht, das ihm wohl bekannt war: Es ähnelte dem seinigen, doch erschien es viel älter. Tiefe Narben durchzogen die ernsten Züge und ließen es hart und brutal erscheinen. Eine ganz besonders auffällige zog sich beginnend über der rechten Augenbraue am äußeren Augenwinkel entlang bis zur Wange hinab.
„Was willst du hier?“ knurrte Kanubio.
Die Stimme entfernte sich ein wenig, als sie wie mit einem desinteressierten Schulterzucken gelassen meinte: „Ein wenig plaudern. Wir taten es lang nicht mehr!“
„Plaudern“, gab Kanubio abfällig zurück, während er versuchte, sich aufzustemmen, aber sofort wieder kraftlos ins nebelige Rot fiel. „Ich glaub, ich hab im Moment anderes … wichtigeres zu tun, als gemütlich zu plaudern“, kotzte er ihm entgegen.
„Aye“, meinte sein Gegenüber kühl. wieder sehr nahe an seinem Ohr, wobei er nachdenklich am Eckzahn saugte. „Du solltest ein paar Runen suchen und …“ – er stockt etwas, wie einer, der sich etwas genauer betrachtet – „… deine Wunde versorgen.“
„Die Runen …“, stammelte Kanubio resignierend, als er spürte, wie die Kraft aus seinen durch den großen Blutverlust geschwächten Körper schwand.
„Die Runen, die sich zum Namen deines Schwertes formieren werden“, sagte die Stimme ernst und eindringlicher. „Erinnere dich … gab ich dir nicht ein Schwert … damals … vor langer Zeit?“
Gequält stöhnt Kanubio auf: „Ein Schwert, eine weiße Feder, ein rotes Band und ein Buch“, zählte er ihm auf, ohne ihn anzusehen, denn es ekelte ihm vor dem Anblick der zerfurchten Visage.
„Ein Schwert“, wiederholt die Stimme und es schien, als würde sie dabei lächeln. „Und was bist …“ – bei diesen Worten entfernt sie sich – „… du?“
Keuchend gierte Kanubios Lunge nach Luft. Das also war des Rätsels erste Lösung!
„Aye“, erklang es aus weiter Ferne.
Kälte und Hitze gleichzeitig schüttelten Kanubios zermürbten Körper durch, bevor er in tiefe Ohnmacht fiel.
Ungewiss, wie viel Zeit vergangen war, als er abermals die Augen aufschlug. Wieder sah er nur Rot vor seinen Augen. Es war Blut. Viel Blut. Sein Blut. Es zog sich über sein Gesicht, verklebte seine Haare. Ein stechender Schmerz an seinem Auge, brandheiß, ließ ihn aufstöhnen. Seine Hand fuhr in den Schnee und drückte das kühlende Eis gegen seine rechte Gesichtshälfte.
„Die Runen!“ erinnerte ihn eine kaum hörbare Stimme.
Mühsam rappelte sich Kanubio hoch, immer noch die Verletzung mit Schnee kühlend. Mit schweren Schritten schleppte er sich talwärts, taumelnd und jeden Baumstamm oder Fels auf seinem Weg als willkommene Stütze nutzend.
Als die Dämmerung anbrach, stieg Kanubio abermals den Trampelpfad hinauf. Seine Sehnsucht, die Schemen wiederzusehen, war so immens groß, dass er den Gedanken an die Runen vorerst beiseite schob.
Oben bei der Höhle angekommen, bemerkte er sofort die frischen Spuren in der sonst unberührten Schneedecke. Er kniete nieder und betrachtete sie genauer. Sie stammten eindeutig von einem Bären, der die Höhle vermutlich für seinen Winterschlaf auserkoren hatte. Kanubio war gar nicht wohl bei dem Gedanken, den zotteligen Kerl so nahe zu wissen, führten die Spuren doch in die Höhle, aber nicht mehr aus ihr heraus.
Kanubios Drang, die wunderbaren Bilder des Vorabends noch einmal zu erleben, war größer als seine Vernunft. Im Vertrauen auf den Schutz der Geyster und Ahnen bezog er kauernd Stellung, mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, den Höhleneingang in den Augenwinkeln, doch den Blick hauptsächlich in den tiefschwarzen, wie mit grauweißem Rauch durchzogenen Nachthimmel gerichtet.
Ahnen und Geyster mögen bei Tiefländern viel bewirken, doch Dummheit unterstützen sie nicht. Zu dieser Erkenntnis gelangte Kanubio, als er schon bald missmutiges Gebrumm aus der Höhle vernahm.
Immer noch maß Kanubio dem keine besondere Bedeutung zu. Er hatte schon viele Bären erlegt. Dieser würde ein weiterer sein, so er ihn angriff. Lauernd zog er leise das Schwert aus der Scheide und stellte sich auf den üblichen Kampf ein.
Als der Bär aus der Höhle trat, erstarrte der junge Krieger und seine Faust krallte sich um den Griff seiner Waffe. Das Tier hob den riesigen Kopf, um noch etwas desorientiert Witterung aufzunehmen. Der Wind stand ihm günstig. Es entdeckte den erblassten Menschen, der verzweifelt nach einem Fluchtweg oder Versteck Ausschau hielt, sofort. Sich zu verbergen war nicht möglich, der Fluchtweg zu eisig und abschüssig, um einem so schnellen Tier wie einem Bären zu entkommen. Kanubio wich etwas zurück, hinaus aus dem Hochkessel, hin zum Trampelpfad, doch er musste sich dem Bären stellen. Angst schnürte ihm die Kehle zu, brachte sein Herz zum Rasen und ließ ihn zweifeln, ob er gegen dieses gewaltige, um die gut 700 Stein schwere Tier bestehen würde, als es sich brummend aufrichtete und sich damit sein Schädel fast drei Schritt über dem Boden befand.
Als er zu dem riesigen Tier aufsah, kroch die Panik in Kanubio hoch. Es war nicht so wie sonst, wenn er einen Bären jagte. Dieser war anders. Zornig funkelten seine Augen aus der starren Maske des Bärengesichts. Kalte Mordlust stand in ihnen, die Kanubio einen eisigen Schauer über den Rücken trieben, da sie nun ausschließlich ihn erfasst hatten. Als der Bär ein ohrenbetäubendes Gebrüll ausstieß, eklig aus dem Maul sabberte, ihm seinen heißen, stinkende Atem entgegenröchelte und ihn mit blutunterlaufenen Augen anstierte, war es Kanubio, als würde der leibhaftige Berserker vor ihm stehen. Dieser Bär war nicht bei Sinnen!
Von Entsetzen gelähmt, wich Kanubio nur wenig zurück, als die mächtige Pranke mit den fünf riesigen Krallen auf ihn herab fuhr. Eiskalt durchzuckte es ihn, als er eine davon über sein Gesicht, knapp vorbei am rechten Auge und über die Wange fahren spürte. Heiß schoss das Blut aus der tiefen Wund und raubte ihm für einige Momente die Sicht. Diese Unsicherheit nutzte der Bär, um ein zweites Mal zuzuschlagen. Ein Hieb mit sagenhafter Kraft, der zwar nur die Brustplatte traf, doch dem jungen Krieger die Atemluft raubte und ihn über den Abhang schleuderte.
Das Schicksal meinte es gut mit Kanubio, ihn an einer Stelle abstürzen zu lassen, an der sich hoher, pulverartiger Schnee angesammelt hatte, der alle Felsen mit einer weichen Decke überzogen hatte. Dennoch blieb sein Körper lange regungslos im Schnee liegen, während sich hoch über ihm der Bär mit zufriedenem Gebrummel in seine Höhle zum Winterschlaf zurückzog.
Ein heißer, fieberhafter Schauer nach dem anderen jagte durch Kanubios Körper, welche er noch intensiver wahr nahm ob der frostigen Kälte, die ihn umgab.
„Na, bist du nun zufrieden?“ höhnte eine Stimme in seinem Rücken.
Kanubio röchelte gequält auf. Wie lange war es her, dass er sie nicht mehr vernommen hatte? Es mussten gut zweieinhalb Jahresläufe sein. Ohne hinzusehen wusste Kanubio, dass „er“ es war, der ihn bereits zwei Mal heimgesucht hatte.
Trotzig fauchte er zurück: „Aye, das bin mey.“
Flach auf dem Bauch liegend öffnete er die Augen und versuchte, seine Umgebung wahrzunehmen. Doch schien es ihm, als hätte man einen blutroten Vorhang um ihn gezogen.
Erschrocken fuhr er zusammen, als die Stimme knapp an seinem Ohr hämisch auflachte. Kanubio wendete benommen den Kopf und blickte in dieses entstellte Gesicht, das ihm wohl bekannt war: Es ähnelte dem seinigen, doch erschien es viel älter. Tiefe Narben durchzogen die ernsten Züge und ließen es hart und brutal erscheinen. Eine ganz besonders auffällige zog sich beginnend über der rechten Augenbraue am äußeren Augenwinkel entlang bis zur Wange hinab.
„Was willst du hier?“ knurrte Kanubio.
Die Stimme entfernte sich ein wenig, als sie wie mit einem desinteressierten Schulterzucken gelassen meinte: „Ein wenig plaudern. Wir taten es lang nicht mehr!“
„Plaudern“, gab Kanubio abfällig zurück, während er versuchte, sich aufzustemmen, aber sofort wieder kraftlos ins nebelige Rot fiel. „Ich glaub, ich hab im Moment anderes … wichtigeres zu tun, als gemütlich zu plaudern“, kotzte er ihm entgegen.
„Aye“, meinte sein Gegenüber kühl. wieder sehr nahe an seinem Ohr, wobei er nachdenklich am Eckzahn saugte. „Du solltest ein paar Runen suchen und …“ – er stockt etwas, wie einer, der sich etwas genauer betrachtet – „… deine Wunde versorgen.“
„Die Runen …“, stammelte Kanubio resignierend, als er spürte, wie die Kraft aus seinen durch den großen Blutverlust geschwächten Körper schwand.
„Die Runen, die sich zum Namen deines Schwertes formieren werden“, sagte die Stimme ernst und eindringlicher. „Erinnere dich … gab ich dir nicht ein Schwert … damals … vor langer Zeit?“
Gequält stöhnt Kanubio auf: „Ein Schwert, eine weiße Feder, ein rotes Band und ein Buch“, zählte er ihm auf, ohne ihn anzusehen, denn es ekelte ihm vor dem Anblick der zerfurchten Visage.
„Ein Schwert“, wiederholt die Stimme und es schien, als würde sie dabei lächeln. „Und was bist …“ – bei diesen Worten entfernt sie sich – „… du?“
Keuchend gierte Kanubios Lunge nach Luft. Das also war des Rätsels erste Lösung!
„Aye“, erklang es aus weiter Ferne.
Kälte und Hitze gleichzeitig schüttelten Kanubios zermürbten Körper durch, bevor er in tiefe Ohnmacht fiel.
Ungewiss, wie viel Zeit vergangen war, als er abermals die Augen aufschlug. Wieder sah er nur Rot vor seinen Augen. Es war Blut. Viel Blut. Sein Blut. Es zog sich über sein Gesicht, verklebte seine Haare. Ein stechender Schmerz an seinem Auge, brandheiß, ließ ihn aufstöhnen. Seine Hand fuhr in den Schnee und drückte das kühlende Eis gegen seine rechte Gesichtshälfte.
„Die Runen!“ erinnerte ihn eine kaum hörbare Stimme.
Mühsam rappelte sich Kanubio hoch, immer noch die Verletzung mit Schnee kühlend. Mit schweren Schritten schleppte er sich talwärts, taumelnd und jeden Baumstamm oder Fels auf seinem Weg als willkommene Stütze nutzend.
-
Kanubio Bunjam
Der fünfte Tag
Hart und heiß fühlte sich die tiefe Wunde an, die sich, von einer dicken Blutkruste verklebt, über Kanubios Gesicht zog. Sie schmerzte nicht, doch lähmte sie in ihrer Starre einen Teil seiner Muskulatur. Sein Blickfeld war durch Schwellung etwas eingeschränkt und sein Körper war durch den großen Blutverlust immer noch arg geschwächt. Er fühlte sich wie ein verletztes Tier und verspürte den heftigen Drang, sich zu verkriechen und die Augen zu schließen, um bei ihnen zu sein, jenen Schemen, die er gesehen hatte, und den Ahnen.
Orientierungslos stolperte er weiter durch den dichten thyrischen Wald, bis er einen Unterschlupf in einer Felsformation fand, dessen Boden kalt, aber trocken war. In seine Felle gewickelt, streckte er sich lang aus, zu erschöpft, um noch ein wärmendes Feuer zu entfachen.
„Falk … Leif …“, stöhnte er im Wundfieber auf. „… Skallagrim … Trystjarn …“ hauchte er weiter. Jene, die seine Lehrer gewesen waren, waren von ihm gegangen. Er, der gekommen war, um zu lernen, ward allein gelassen … führungslos … und doch sollte er selbst andere führen.
Thrail … wie hatte dieser sich gefühlt, als er die Thyren in stete Streitigkeiten verwickelt sah und dies zu ändern suchte? Sein Leben – sein gesamtes Leben – hatte er dieser Aufgabe gewidmet. Durchbohrt von sieben Speeren, seinem Ende nahe, dachte er an nichts anderes, als das Volk zu einen und sein Ziel zu erreichen.
„Tragt Stolz im Herzen und hohen Mut,
denn ihr seid das Volk des Sturmheulers.“
Mit diesen Worten einte Thrail das Volk.
Müde drehte Kanubio den Kopf, drückte die glühende Stirn gegen den kalten Erdboden und schloss die Augen. Er gierte danach, mehr über Thrails Lehre zu erfahren, doch war ihm dies nicht vergönnt.
Worte drangen ihm in den Sinn … Worte, die er vor langer Zeit vernommen hatte: „Solange dein Wille Verantwortung zu übernehmen für deine Taten, für jene, die du beschützt und für die ganze Welt, stark bleibt, bist du auf dem Weg des Kriegers.“
Aye, das tat er und wolle es auch weiterhin tun.
„Hirsch ist der Jarl des Waldes und Wolf sein Jäger. Wolf liest die Schwachen aus, damit sich die Starken weiterhin vermehren.“
Stärke – Wille – Verantwortung … die Worte drehten sich in wilder Jagd in Kanubios Kopf. Alle drei fühlten sich an, als würden sie schwer auf den Schultern eines Mannes lasten. Kanubio versuchte, an das andere Ende des Wirbels zu blicken, wo etwas sein musste, was dafür stand, um all das auf sich zu nehmen. War es Ruhm und Ehre? Waren es die respektvollen Blicke der Claner? War es ein wohlwollendes Wort des Thains oder Jarls?
NEIN!
Es brüllte geradezu aus ihm hinaus. All das war nichts gegen die innere Sicherheit, mit gutem Gewissen Rechtfertigung vor den Ahnen ablegen zu können, an jenem Tag, an dem es so weit sein würde und er Anundraf betreten würde. Doch dies zu leben erforderte wahrlich Stärke, denn das Wohlwollen und der Respekt derjnigen, die einen umgaben, war wie Wasser auf die Wurzeln einer ausgedörrten Pflanze.
Und dennoch gab es Pflanzen, die fast ohne Wasser auskamen: die Kakteen. Kanubio hatte ihnen nie besondere Beachtung geschenkt. Abweisend zeigten sie sich mit ihren Stacheln, oft ausgedorrt in sich zusammengefallen und runzlig – aber doch Blüten treibend und gesättigt, so sie dem Boden auch nur wenig Wasser entziehen konnten.
Ein erstes Lächeln nach langer Zeit umspielte Kanubios Lippen, obwohl er seiner Sinne kaum mächtig immer noch erschöpft in jenem Unterschlupf verharrte. Sturköppe waren diese Kakteen – Sturköppe wie die Thyren und wie er selbst.
Sturheit … ein geradezu typsicher Charakterzug eines Thyren. Stur wurden sie von all jenen genannt, die nicht damit zurecht kamen. Ein gesundes Maß an Sturheit beinhaltete Konsequenz im Denken und Handeln sowie in der Akzeptanz der Höhen und Tiefen, die das Schicksal für einen bereit hielt. Und – resultierte denn aus dieser Akzeptanz wiederum heraus nicht, sich seinem Schicksal zu stellen und im Bestreben, sein eigenes Sein und das der anderen zu verbessern, nach einem Niederschlag aufzustehen, seinen Weg – wenn auch mit unsicherem Schritt, aber doch! – mit einem Leuchten in den Augen und einem Glühen im Herzen fortzusetzen, um das für sich gesteckte Ziel zu erreichen?
Kanubios Hände verkrampften sich in die harte Erde, auf der er lag. „Aufstehen … weitergehen“, befahl er sich selbst.
All seine Kräfte sammelnd, zog er sich hoch, an dem, was um ihn greifbar war, den fiebrigen Blick auf ein visionäres Ziel gerichtet, welches sich nun, als er die Augen in den Nachthimmel hob, hinter düsteren Schneewolken verbarg.
Hart und heiß fühlte sich die tiefe Wunde an, die sich, von einer dicken Blutkruste verklebt, über Kanubios Gesicht zog. Sie schmerzte nicht, doch lähmte sie in ihrer Starre einen Teil seiner Muskulatur. Sein Blickfeld war durch Schwellung etwas eingeschränkt und sein Körper war durch den großen Blutverlust immer noch arg geschwächt. Er fühlte sich wie ein verletztes Tier und verspürte den heftigen Drang, sich zu verkriechen und die Augen zu schließen, um bei ihnen zu sein, jenen Schemen, die er gesehen hatte, und den Ahnen.
Orientierungslos stolperte er weiter durch den dichten thyrischen Wald, bis er einen Unterschlupf in einer Felsformation fand, dessen Boden kalt, aber trocken war. In seine Felle gewickelt, streckte er sich lang aus, zu erschöpft, um noch ein wärmendes Feuer zu entfachen.
„Falk … Leif …“, stöhnte er im Wundfieber auf. „… Skallagrim … Trystjarn …“ hauchte er weiter. Jene, die seine Lehrer gewesen waren, waren von ihm gegangen. Er, der gekommen war, um zu lernen, ward allein gelassen … führungslos … und doch sollte er selbst andere führen.
Thrail … wie hatte dieser sich gefühlt, als er die Thyren in stete Streitigkeiten verwickelt sah und dies zu ändern suchte? Sein Leben – sein gesamtes Leben – hatte er dieser Aufgabe gewidmet. Durchbohrt von sieben Speeren, seinem Ende nahe, dachte er an nichts anderes, als das Volk zu einen und sein Ziel zu erreichen.
„Tragt Stolz im Herzen und hohen Mut,
denn ihr seid das Volk des Sturmheulers.“
Mit diesen Worten einte Thrail das Volk.
Müde drehte Kanubio den Kopf, drückte die glühende Stirn gegen den kalten Erdboden und schloss die Augen. Er gierte danach, mehr über Thrails Lehre zu erfahren, doch war ihm dies nicht vergönnt.
Worte drangen ihm in den Sinn … Worte, die er vor langer Zeit vernommen hatte: „Solange dein Wille Verantwortung zu übernehmen für deine Taten, für jene, die du beschützt und für die ganze Welt, stark bleibt, bist du auf dem Weg des Kriegers.“
Aye, das tat er und wolle es auch weiterhin tun.
„Hirsch ist der Jarl des Waldes und Wolf sein Jäger. Wolf liest die Schwachen aus, damit sich die Starken weiterhin vermehren.“
Stärke – Wille – Verantwortung … die Worte drehten sich in wilder Jagd in Kanubios Kopf. Alle drei fühlten sich an, als würden sie schwer auf den Schultern eines Mannes lasten. Kanubio versuchte, an das andere Ende des Wirbels zu blicken, wo etwas sein musste, was dafür stand, um all das auf sich zu nehmen. War es Ruhm und Ehre? Waren es die respektvollen Blicke der Claner? War es ein wohlwollendes Wort des Thains oder Jarls?
NEIN!
Es brüllte geradezu aus ihm hinaus. All das war nichts gegen die innere Sicherheit, mit gutem Gewissen Rechtfertigung vor den Ahnen ablegen zu können, an jenem Tag, an dem es so weit sein würde und er Anundraf betreten würde. Doch dies zu leben erforderte wahrlich Stärke, denn das Wohlwollen und der Respekt derjnigen, die einen umgaben, war wie Wasser auf die Wurzeln einer ausgedörrten Pflanze.
Und dennoch gab es Pflanzen, die fast ohne Wasser auskamen: die Kakteen. Kanubio hatte ihnen nie besondere Beachtung geschenkt. Abweisend zeigten sie sich mit ihren Stacheln, oft ausgedorrt in sich zusammengefallen und runzlig – aber doch Blüten treibend und gesättigt, so sie dem Boden auch nur wenig Wasser entziehen konnten.
Ein erstes Lächeln nach langer Zeit umspielte Kanubios Lippen, obwohl er seiner Sinne kaum mächtig immer noch erschöpft in jenem Unterschlupf verharrte. Sturköppe waren diese Kakteen – Sturköppe wie die Thyren und wie er selbst.
Sturheit … ein geradezu typsicher Charakterzug eines Thyren. Stur wurden sie von all jenen genannt, die nicht damit zurecht kamen. Ein gesundes Maß an Sturheit beinhaltete Konsequenz im Denken und Handeln sowie in der Akzeptanz der Höhen und Tiefen, die das Schicksal für einen bereit hielt. Und – resultierte denn aus dieser Akzeptanz wiederum heraus nicht, sich seinem Schicksal zu stellen und im Bestreben, sein eigenes Sein und das der anderen zu verbessern, nach einem Niederschlag aufzustehen, seinen Weg – wenn auch mit unsicherem Schritt, aber doch! – mit einem Leuchten in den Augen und einem Glühen im Herzen fortzusetzen, um das für sich gesteckte Ziel zu erreichen?
Kanubios Hände verkrampften sich in die harte Erde, auf der er lag. „Aufstehen … weitergehen“, befahl er sich selbst.
All seine Kräfte sammelnd, zog er sich hoch, an dem, was um ihn greifbar war, den fiebrigen Blick auf ein visionäres Ziel gerichtet, welches sich nun, als er die Augen in den Nachthimmel hob, hinter düsteren Schneewolken verbarg.
-
Kanubio Bunjam
Der sechste bis neunte Tag
Jeden Abend, jede Nacht dasselbe. Die Runen hielten sich vor Kanubio verborgen. Seine Wunde heilte gut. Die blutige Kruste bröckelte langsam ab, doch schnitt ihm der eisige Winterwind mit jedem Tag schärfer in die Glieder, was den jungen Kämpen zermürbte und seine Laune nicht gerade hob. Die Schemen der wilden Krieger zeigten sich ihm nicht mehr, was er einerseits bedauerte, ihn aber andererseits nicht von seiner Suche oder von wilden Tieren ablenkte.
Die Ruhe der dichten thyrischen Wälder, die ihm anfangs so willkommen gewesen war und sein angespanntes Gemüt erholsam besänftigt hatte, wandelte sich zur Qual, Er vermisste das reichhaltige Fressen und Saufen in der heiteren Gesellschaft der Claner, gemütliches Geplauder, die Nähe des Begleiters und ganz besonders die von Lidwina.
Von Tag zu Tag musste er sich mehr überwinden, sich erneut auf die Suche zu machen nach etwas, was es nicht zu geben schien, weiter herumzuirren und jeden Stein, jeden Ast, jede Baumrinde abermals auf einen markanten Riss, eine Narbe oder eine Lage zu untersuchen, die einer Rune ähnlich kam. Jeder Schritt fiel ihm schwerer, je länger die Suche dauerte, doch schleppte er sich weiter in tiefstem Vertrauen auf Grimwould, dem Hausgeist des ehemaligen Forts der Hinrah. Wenn Menschen, ja sogar Claner übles Spiel mit ihm treiben konnten – doch niemals ein Geyst, dem er bereits zwei Mal bewiesen hatte, dass er das, worüber dieser wachte, unter Einsatz seines Lebens zu erhalten suchte.
Kanubios Nächte wurden zum Tag, sein Heim war der Wald und jene, mit denen er sprach, waren die Tiere oder er selbst. Unermüdlich setzte er die Suche fort, mit der Hoffnung auf Erfolg und seinen unerschütterlichen Glauben an den Beistand der Ahnen, Geyster und Elemente, während die Runen auf seinem Schwert von Tag zu Tag mehr und schneller verblassten.
Der zehnte Tag
Nebel glitt über die tiefschwarze Weite der See an der Ostküste des Thyrenlandes. Dichter zogen sich die Schwaden zusammen, die eine eisige Brise gegen jenen Ort trieb, wo Grimwould in Trümmern lag. Nebel war nichts Seltenes an den tiefländischen Küsten, doch noch nie hatte Kanubio ihn so dicht erlebt. Er folgte den aufwallenden Schwaden, durchgefroren seine Felle fest um sich gezogen, noch mehr, als der eisige Wind auffrischte und noch schärfer biss und ein Wolf seine Stimme mit der des Windes vereinte.
Alsbald hatte Kanubio den Wolf gefunden, dessen gelbe Augen starr auf die Nebelbank, die sich hoch über der See auftürmte, gerichtet waren. Unstet zogen von ihr abgerissene Nebelfetzen umher, stoben auseinander und drifteten mit anderen zusammen. Es schien Kanubio, als würden die Schemen in ihnen ihre wilde Jagd fortsetzen und ihn aus diesem Gewabber mal da, dann wieder dort, ein ihm vertrautes Gesicht anblicken. Fasziniert ging Kanubio auf sie zu, bis die Kante der Klippe seinem Schritt Einhalt gebot, wollte er nicht in den eisigen Fluten den Tod finden.
Der Wind legte sich. Die Schemen verblassten und stattdessen entwickelte sich ein seltsames Lichtspiel, als über der Nebelbank der Mond aufging und sein silbriges Licht vom Himmel sandte. Für einen Moment schienen seine Strahlen vom Nebel verschluckt, doch gleich darauf begann es in den unzähligen Nebeltröpfen zu schimmern und zu glitzern, als der silbrige Schein tausendfach von der Nebelwand reflektiert wurde.
Mit großen Augen verfolgte Kanubio das ungewöhnliche Naturschauspiel, fasziniert den Blick gebannt hinaus auf die See gerichtet. Regungslos verharrte er, die dichten Felle fest um sich gezogen. Knapp am Abhang stehend, beugte er sich vorsichtig vor, als sich in den schimmernden Nebelschwaden eine kleine Form bildete, zarter umhüllt vom restlichen Nebel: eine senkrechte Linie, von deren Spitze eine deutlich kürzere nach rechts hin abfiel.
Überrascht und zugleich verblüfft weiteten sich Kanubios Augen, was einen heftigen Stich in seiner Wunde verursachte, der ihn in die Realität zurückriss.
„Laguz“, stammelte er fassungslos. „Da! Schau!“ rief er dem Wolf überschwänglich zu. Der waffte kurz auf und drückte seine kalte Schnauze gegen Kanubios Hand.
Kaum hatte Kanubio de Namen der Rune ausgesprochen, erhob sich der eisige Wind von neuem und zerfaserte die Nebelbank in unzählige kleine Wölkchen, so als würde eine Horde Thyren dort stehen und schwer ihren Atem in die kalte Luft entweichen lassen.
„Mey dank euch!“ rief Kanubio glücklich aufs Meer hinaus, griff an seinen Gürtel, löste den größeren seiner beiden Trinkschläuche und schüttete seinen Inhalt in die Wellen, die ans Ufer brandeten.
Wieder bildeten sich Schemen aus den letzten Fetzen des Nebels – so schien es Kanubio – und ihm war, als würden sie stolz die Arme mit den Klingen und Äxten in den Fäusten heben, ehe sie sich im Spiel der frostigen Brise auflösten.
Kanubio schmetterte die Faust an die Brust und sah ihnen sehnsüchtig nach. Auf seine Geste hin heulte der Wolf an seiner Seite auf und kurz darauf war eine Antwort aus dem Norden der Insel zu vernehmen. Kanubio heulte mit ihnen, langgezogen, suchend, fragend, so wie einsame Wölfe ihresgleichen rufen.
Kanubios innere Stimme sagte ihm, dass er dem Ruf aus dem Norden folgen sollte. Bevor er sich auf den Weg machte, dankte er dem Wolf und versprach, mit einem schönen Stück Fleisch wiederzukehren.
„Aber zuerst“, Kanubio deutete nach Norden, „muss ich dorthin.“
Er folgte dem Ruf des Wolfes, der ihn bis ans Nordkap führte, jene Landzunge, wo Trolle und Oger ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sofort griff ihn einer der Zweiköpfe an, der sich in seiner abendlichen Ruhe gestört fühlte, und ein Troll stellte sich ihm unwirsch grollend an die Seite. Beide gingen in jener Nacht zu ihren Ahnen. Ihr Blut tränkte den Schnee, als Kanubio die feinen Wangenstücke von ihren leblosen Köpfen schlug. Die Wärme des Blutes ließ den Schnee schmelzen, bis sich ein wenig des gefrorenen Bodens zeigte. Das Rinnsal schien eine Spur auf der Erde bilden zu wollen, doch kam es Kanubio vor, als ob die Menge nicht ausreiche, um sie zu vollenden. Es bildete sich lediglich eine gerade Linie mit zwei kleinen Ausbuchtungen. Langsam erstarrte die rote Flüssigkeit auf dem tief gefrorenen Boden.
Kanubio kniete nieder und betrachtete die blutige Spur. Sie mutete an, als hätte jemand begonnen, etwas zu schreiben, wobei ihm jedoch die Tinte ausgegangen war. Kurz entschlossen griff er zum Dolch, ritzte sich den Unterarm und ließ Blut auf das Zeichen tropfen. Sonderbarer Weise wollte sich sein Blut nicht mit dem der Bestien vermischen. Die ersten Tropfen zogen eine kleine Spur auf dem Erdboden, eine schräg ansteigende Linie von der senkrechten weg, und kaum, dass die Linie vollendet war, gefror das Blut ebenfalls. Der zweite Schwall Blut aus Kanubios Arm vereinte sich zu einer weiteren Linie, etwas unterhalb der anderen.
Nun begann es im Hirn des Kriegers zu arbeiten.
„K-V-E-L-D-U… und dazu Laguz … und Fehu, wenn mey’s richtig deut … Kveldulf – das klingt schon nach was!“
Kaum dass er ausgesprochen hatte, erzitterte die Erde zu seinen Füßen. Erschrocken stützte er sich mit der Hand ab und blickte sich um. Als er wieder auf das Blut sah, hatte der Schnee die Rune bedeckt.
Verunsichert, die Geyster verärgert zu haben, ließ er den Blick in die Umgebung schweifen. „Stimmt, mey hab ja was vergessen!“ Er scheidete den Dolch und zog einen weiteren Metschlauch aus seinem Proviantbeutel, dessen Inhalt er über die Stelle goss, an der ihm die Rune erschienen war. Der Met überzog den Schnee mit goldenen Perlen und als der letzte Tropfen den Boden berührt hatte, drang Kanubio ein silbriges Flüstern ans Ohr, ein Raunen, ein Knirschen, aus den kahlen Zweigen der Bäume nahe dem Kampfplatz.
Er erhob sich und trat neugierig, aber auch auf alles gefasst, näher. Da war ein Schimmer zwischen den Bäumen, ein unstetes Glitzern, ein Huschen und Flirren. Sanft und beruhigend wirkte es auf ihn und doch von einer Unrast getrieben, strebte es voraus, als wolle es ihn von jenem Platz weglocken. Kanubio folgte ihm, in kindlicher Freude sein Augenmerk auf das Glitzern gerichtet, bis zur südlichen Seite der Akademie am westlichen Ufer Lameriasts, wo Kanubio inne hielt und das Meer betrachtete.
„Und nun? Soll mey schwimmen?“ überlegte er halblaut gesprochen zu sich selbst. „Mey kann doch ney! Wird wahrlich Zeyt, dass mey Wina das beybringt.“
Es klang wie ein Kichern, was da aus dem glitzernden Gestöber an sein Ohr drang, bevor es sich auflöste.
„Aye, lach mey nur aus!“ brummte Kanubio. „Aber hast ja recht. Ein Kerl sollt schwimmen können.“
Vorsichtig näherte er sich dem Element, das er so fürchtete, sowohl im Trinkschlauch als auch in größeren Mengen um ihn. Der kalte Winterwind kräuselte die See zu sanften Wellen, die leise in der Dunkelheit rauschten. Eine tiefe Ruhe ergriff den einstigen Seemann. Nur zu gern versenkte er sich nach dem anstrengenden Fußmarsch in das gleichmäßige Geräusch, ließ sich auf seinen Fellen an einem schneefreien Platz an der Küste nieder und blickte entspannt auf die Tide hinaus. Sein Blick vertiefte sich in das Glitzern der Wogen und in den Mond, der in freier Sicht über ihm stand. Eine ganze Weile lang saß er so, ruhig in sich und die Natur vertieft, vom Rauschen der Wellen umfangen, als er aus den schimmernden Wogen ein Flüstern vernahm, ein wisperndes Gewirr vieler Stimmen, die sich undeutlich vom Rauschen des Wassers abhoben.
Kanubio schreckte zusammen, riss die Augen auf und sah sich um. Panik ergriff ihn – hatte ihm Lidwina doch von den vielen Stimmen in ihrem Kopf erzählt, die sie zeitweis recht quälten. „Ney, mey will keyn Ahnenrufer werden! Mey bin ein Schwert!“ rief er angsterfüllt aus und die Stimmen verstummten.
Wieder um einiges ruhiger, da es still ward in seinem Kopf, ließ er das Auge über die vom Mondlicht silbrig beleuchteten Wogen gleiten. Für ihn, der seit neun Tagen alles und jedes nach Runen abgesucht hatte, war es nun nicht verwunderlich, als sich eine weitere Form in diesem Funkeln bildete. Mal erschien sie hier, mal dort auf den Wellen, umhergetrieben auf den Strömungen des Wassers. Leicht angespannt neigte sich Kanubio vor, ganz darauf vergessend, dass viel, sehr viel Wasser vor ihm war.
Ganz ähnlich jener Rune aus Blut erschien auch hier das Zeichen, das flirrend über die Wellen tanzte.
Tief ergriffen von dem Schauspiel hauchte er fasziniert auf die Meeresoberfläche hinausblickend „Fehu“ – und abermals verblasste die Erscheinung, kaum dass sich der junge Krieger ihrer Bedeutung bewusst geworden war, indem sich eine Wolke vor den Mond schob.
Entsetzt blickte er noch oben, dann wieder aufs Wasser, presste die Lippen aufeinander und suchte, sich immer weiter vorbeugend, verzweifelt nach dem Glitzern. Doch die Rune blieb verschwunden. Ein kaltes Schaudern lief ihm über den Rücken, als er nun gewahr wurde, wie nahe er dem Meer gekommen war. Im Bewusstsein des Gewichts seiner Rüstung sah er sich nach einem sicheren Fleck um, während die Wellen an der Küste höher und höher brandeten. Kanubio hetzte den Abhang hinauf so schnell es ihm nur möglich war. Gerade so, als wolle ihm das Wasser noch einen kalten Guss mit auf den Weg geben, brandete eine letzte, noch höhere Welle heran und schäumte, als sie gegen das Ufer schlug, gewaltig zu ihm auf.
In Panik wich Kanubio zurück, kletterte das Ufer vollends hoch, mit weit aufgerissenen Augen, als würde er alles um sich herum nicht wirklich wahr nehmen.
„Kvel … Kveldulff …“, murmelte er immer wieder und je mehr sich dieses Wort in ihm festigte, umso mehr nahm er auch wieder seine Umgebung wahr.
Da stand doch tatsächlich ein Weyb und beobachtete ihn. Sie regte sich furchtbar darüber auf, dass er Felle um die Schultern trug und bezeichnete die kleinen Köpfe, Pfoten und Schwänze als Trophäen. Sie fragte ihn allen Ernstes, warum er auch das Kleingetier erlegt hätte.
„Warum?“ wiederholte er, noch ganz in Gedanken mit dem eben Erlebten befasst. „Weil ich der Stärkere war.“
Er hatte vergessen den Geystern zu danken, schoss es ihm durch den Kopf. Er deutete der Frau, kurz zu warten und holte das Versäumte nach, indem er einige Kräuter auf die Wasseroberfläche verteilte.
Das Weyb schien mit seinen Erklärungen nicht zufrieden zu sein und wagte es tatsächlich, einen Pfeil aus dem Köcher zu nehmen, ihn an den Bogen zu legen, die Sehne zu spannen und diesen auf ihn zu richten. Unsensibel für alles, was um sie geschah, bedrohte sie ihn weiter. Noch nie zuvor hatte Kanubio sich allerdings so sicher gefühlt, als er spürte, dass die Schemen, aufgeweht durch eisigen Wind in Form von pulvrigem Schnee um ihn tanzten. Worte fielen auf beiden Seiten, während er die Ahnen um sich spürte, selbst bis auf die Knochen durchgefroren, kaum zu einer Bewegung fähig – und doch in der unerschütterlichen Gewissheit ihres Schutzes.
Dem erhobenen Bogen löste sich kein Pfeil. Sie schieden in Frieden. Thrail selbst hatte Kanubio in jenen Momenten wohl geführt, seine Gedanken leitend und ihn die richtigen Worte aussprechen lassend.
Als der Wolf im Südosten heulte, machte sich Kanubio wieder auf den Weg und sie ging den ihren.
Erschöpft ließ er sich an der Palisade auf einem Baumstamm nieder und fütterte die Wölfe Wulfgards mit einem Teil des frischen Trollwangenfleisches, als sich ein weißer Wolf, der nicht zum Rudel gehörte, zeigte. Kanubio folgte ihm weiter in den Süden des Thyrenlandes, fast bis zum Hain. Dort machte ihn das Tier auf einige Stücke Treibholz aufmerksam, die gestern noch nicht da gelegen waren. Sofort suchte er nach dem Wrack, doch da war keines.
Der eiskalte Wild hatte ihn bis hierher begleitet. Nun umspielte er ihn, wirbelte den Schnee um ihn auf und ließ beißend die Kälte in seinen Körper fahren. Met hatte Kanubio keinen mehr, doch erinnerte er sich der beiden Schnapsflaschen, die er noch mit sich schleppte. Er nahm einen kräftigen Schluck. Seine Finger waren so klamm, dass er den Korken nicht mehr in den Hals der Flasche treiben konnte, also trank er sie kurzerhand aus.
Einladend lag das Holz da, gerade so, als wolle es entzündet werden. Als der Schnee um das Holz für einige Augenblicke aufgewirbelt wurde, schien es Kanubio, als wären die Schemen wieder da und würden in wilder Jagd einen Kreis um das Holz bilden. Ob der Schemen vergaß er alles um sich und die leere Flasche entglitt seiner Hand, als er sie, tief in Gedanken und fasziniert von dem Bild, leicht anhob.
„Zuerst in der Luft …
dann auf der Erde …
danach im Wasser …“
Kanubios Blick bohrte sich geradezu herausfordernd auf das Holz.
„So fehlt noch das Feuer!“
Stolz ob dieser weisen Erkenntnis richtete er sich auf. Der Wind legte sich. „Und ney was mehr als ein wärmendes Feuer könnt mey nun gebrauchen.“
Sanft wurde der pulvrige Neuschnee in kleinen Kringeln vom Wind aufgewirbelt und um das Treibholz getrieben. Kanubio war sich nicht sicher, ob es ihm gelingen würde, das durch und durch feuchte Holz zu entflammen. Doch wieder aufbrausender Wind schob ihn geradezu auf das Holz zu.
Zwar schaffte er es, seinem Feuerstein einige Funken abzuringen, doch das Holz wollte nicht brennen. Da erinnerte er sich der zweiten Schnapsflasche in seinem Proviantbeutel. Mit einigen großzügigen Spritzern ihres Inhalts brachte er die Flammen dazu hell aufzulodern. Erschöpft genoss er ihre Wärme nach all den kalten Nächten. Nach jedem Stück Brennbarem leckten die Flammen, die Kanubio genau beobachtete, bis auch das letzte des angespülten Treibgutes zu Asche zerfallen war und die Glut zu sterben drohte. Dankbar blickte Kanubio zu dem erloschenen Feuer, als sich aus den letzten Glutfunken ein Zeichen formte.
„Feuer“, murmelte er und beugte sich näher, „Feuer, sprich mit mey, mey bitt dey!“
Auf sein Flehen hin wurde ihm in der Glut eine weitere Rune offenbart. Aus der Zusammenkunft von Feuer und Eis, zwischen Qualm und Rauch, bildete sich für einen Lidschlag lang die Rune Isa, ehe der Ruß und der geschmolzene Schnee rundum fast augenblicklich erstarrten.
„Isa .. Isa … Kvel …“, murmelte er. „Kvel-dulf-fi…“
Als er nun den fast vollständigen Namen aussprach, spürte er die Klinge vibrieren. Gar heiß fühlte sie sich an, als die Kraft in das Schwert zurückkehrte.
Ehrfurchtsvoll begann Kanubio, ergriffen von der immensen Energie in seinem Schwert, die Namen der anderen ihm bekannten großen Ahnenklingen Falks, Skallagrims, Argos und Trystjarns aufzuzählen:
„Scylfing – Swendulffing – Boldfelling – Myrlfing.“
Dann stockte er. Das war es, was er immer bei sich trug – das alte Wissen!
Langsam zog er die schwere, von Hrefna Hinrahs meisterlicher Hand geschmiedete Waffe aus der Scheide. Die ihm nun bekannten Runen glühten förmlich auf der Klinge.
Kanubio atmete tief durch, bevor er es wagte, mehr fragend als feststellend, die Reihe fortzusetzen:
„Kvel-dulf-fing?“
Kaum war das Wort über seine Lippen gekommen, erhob sich der Wind zu einem wilden Heulen und das Meer brandete gischtspritzend auf. Für einen Moment lang schien die Klinge in Flammen zu stehen, so als würde sie ihre Geburt im Schmiedefeuer noch einmal erleben.
Kanubio zitterte, nicht vor Kälte, sonder vor Erregung. Gebannt starrte er mit angehaltenem Atem auf die Runen, die nun alle deutlich zu erkennen waren.
Langsam erhob er sich, den Blick nicht von der Klinge abwendet, riss sie hoch und hielt sie schräg mit der Spitze gegen den Nachthimmel.
„KVEEELDUUULFIIING!!!“ brüllte er von einer riesigen Last befreit weit hinaus über das Thyrenland, während um ihn herum der Schnee aufstob und die Schemen, die ihn auf seiner langen Suche begleitet hatte, triumphierend ihre Fäuste und Waffen in die Luft rissen.
Kanubio lächelte überglücklich. Eine Freudenträne löste sich aus seinem Auge und rann die zerklüftete Narbe entlang, während die Klinge im Mondlicht sirrte, als würde man sie durch die Luft ziehen. Warm lag ihr Griff in seiner Faust, gerade so, als würde ihm ein lebendiges Wesen die Hand reichen.
Die Waffe gegen den Boden gerichtet und leicht zur Seite gestreckt, fiel er auf die Knie und breitete die Arme aus.
„Mey dank euch, ihr Geyster, Ahnen, Schemen und dey, Grimwould“, hauchte er ergriffen.
Die Schemen im Schneegestöber schienen ihm zuzujubeln, ehe sie vom Winterwind, der nun lauer wehte, in alle Himmelsrichtungen zerstoben.
Kanubio blickte auf die Klinge. Silbern schimmerten die Runen im Mondlicht.
„Nun sind wey vereint, wie Trystjarn es wollte.“
Aus weiter Ferne drang mehrstimmiges Wolfsgeheul an Kanubios Ohr. In tiefster Verbundenheit heulte er mit ihnen.
Dann wurde es still um ihn. Sehr still.
Kanubio blickte in seinen Beutel, in dem ob der vielen Tage in der Wildnis nicht mehr viel verblieben war. Einige Kräuter fanden sich noch, die er auf die im Schmelzwasser zu Eis erstarrte Asche ablegte. Für einen Lidschlag lang wirbelte der Wind den Schnee auf und bedeckte damit die Gaben.
Mit einem glücklichen Lächeln schob Kanubio Kveldulffing in die Scheide und ging, um jenem Wolf, dem er es versprochen hatte, das Fleisch zu bringen. Und so strebte er jenem Ort zu, wo an diesem Abend alles begonnen hatte.
Jeden Abend, jede Nacht dasselbe. Die Runen hielten sich vor Kanubio verborgen. Seine Wunde heilte gut. Die blutige Kruste bröckelte langsam ab, doch schnitt ihm der eisige Winterwind mit jedem Tag schärfer in die Glieder, was den jungen Kämpen zermürbte und seine Laune nicht gerade hob. Die Schemen der wilden Krieger zeigten sich ihm nicht mehr, was er einerseits bedauerte, ihn aber andererseits nicht von seiner Suche oder von wilden Tieren ablenkte.
Die Ruhe der dichten thyrischen Wälder, die ihm anfangs so willkommen gewesen war und sein angespanntes Gemüt erholsam besänftigt hatte, wandelte sich zur Qual, Er vermisste das reichhaltige Fressen und Saufen in der heiteren Gesellschaft der Claner, gemütliches Geplauder, die Nähe des Begleiters und ganz besonders die von Lidwina.
Von Tag zu Tag musste er sich mehr überwinden, sich erneut auf die Suche zu machen nach etwas, was es nicht zu geben schien, weiter herumzuirren und jeden Stein, jeden Ast, jede Baumrinde abermals auf einen markanten Riss, eine Narbe oder eine Lage zu untersuchen, die einer Rune ähnlich kam. Jeder Schritt fiel ihm schwerer, je länger die Suche dauerte, doch schleppte er sich weiter in tiefstem Vertrauen auf Grimwould, dem Hausgeist des ehemaligen Forts der Hinrah. Wenn Menschen, ja sogar Claner übles Spiel mit ihm treiben konnten – doch niemals ein Geyst, dem er bereits zwei Mal bewiesen hatte, dass er das, worüber dieser wachte, unter Einsatz seines Lebens zu erhalten suchte.
Kanubios Nächte wurden zum Tag, sein Heim war der Wald und jene, mit denen er sprach, waren die Tiere oder er selbst. Unermüdlich setzte er die Suche fort, mit der Hoffnung auf Erfolg und seinen unerschütterlichen Glauben an den Beistand der Ahnen, Geyster und Elemente, während die Runen auf seinem Schwert von Tag zu Tag mehr und schneller verblassten.
Der zehnte Tag
Nebel glitt über die tiefschwarze Weite der See an der Ostküste des Thyrenlandes. Dichter zogen sich die Schwaden zusammen, die eine eisige Brise gegen jenen Ort trieb, wo Grimwould in Trümmern lag. Nebel war nichts Seltenes an den tiefländischen Küsten, doch noch nie hatte Kanubio ihn so dicht erlebt. Er folgte den aufwallenden Schwaden, durchgefroren seine Felle fest um sich gezogen, noch mehr, als der eisige Wind auffrischte und noch schärfer biss und ein Wolf seine Stimme mit der des Windes vereinte.
Alsbald hatte Kanubio den Wolf gefunden, dessen gelbe Augen starr auf die Nebelbank, die sich hoch über der See auftürmte, gerichtet waren. Unstet zogen von ihr abgerissene Nebelfetzen umher, stoben auseinander und drifteten mit anderen zusammen. Es schien Kanubio, als würden die Schemen in ihnen ihre wilde Jagd fortsetzen und ihn aus diesem Gewabber mal da, dann wieder dort, ein ihm vertrautes Gesicht anblicken. Fasziniert ging Kanubio auf sie zu, bis die Kante der Klippe seinem Schritt Einhalt gebot, wollte er nicht in den eisigen Fluten den Tod finden.
Der Wind legte sich. Die Schemen verblassten und stattdessen entwickelte sich ein seltsames Lichtspiel, als über der Nebelbank der Mond aufging und sein silbriges Licht vom Himmel sandte. Für einen Moment schienen seine Strahlen vom Nebel verschluckt, doch gleich darauf begann es in den unzähligen Nebeltröpfen zu schimmern und zu glitzern, als der silbrige Schein tausendfach von der Nebelwand reflektiert wurde.
Mit großen Augen verfolgte Kanubio das ungewöhnliche Naturschauspiel, fasziniert den Blick gebannt hinaus auf die See gerichtet. Regungslos verharrte er, die dichten Felle fest um sich gezogen. Knapp am Abhang stehend, beugte er sich vorsichtig vor, als sich in den schimmernden Nebelschwaden eine kleine Form bildete, zarter umhüllt vom restlichen Nebel: eine senkrechte Linie, von deren Spitze eine deutlich kürzere nach rechts hin abfiel.
Überrascht und zugleich verblüfft weiteten sich Kanubios Augen, was einen heftigen Stich in seiner Wunde verursachte, der ihn in die Realität zurückriss.
„Laguz“, stammelte er fassungslos. „Da! Schau!“ rief er dem Wolf überschwänglich zu. Der waffte kurz auf und drückte seine kalte Schnauze gegen Kanubios Hand.
Kaum hatte Kanubio de Namen der Rune ausgesprochen, erhob sich der eisige Wind von neuem und zerfaserte die Nebelbank in unzählige kleine Wölkchen, so als würde eine Horde Thyren dort stehen und schwer ihren Atem in die kalte Luft entweichen lassen.
„Mey dank euch!“ rief Kanubio glücklich aufs Meer hinaus, griff an seinen Gürtel, löste den größeren seiner beiden Trinkschläuche und schüttete seinen Inhalt in die Wellen, die ans Ufer brandeten.
Wieder bildeten sich Schemen aus den letzten Fetzen des Nebels – so schien es Kanubio – und ihm war, als würden sie stolz die Arme mit den Klingen und Äxten in den Fäusten heben, ehe sie sich im Spiel der frostigen Brise auflösten.
Kanubio schmetterte die Faust an die Brust und sah ihnen sehnsüchtig nach. Auf seine Geste hin heulte der Wolf an seiner Seite auf und kurz darauf war eine Antwort aus dem Norden der Insel zu vernehmen. Kanubio heulte mit ihnen, langgezogen, suchend, fragend, so wie einsame Wölfe ihresgleichen rufen.
Kanubios innere Stimme sagte ihm, dass er dem Ruf aus dem Norden folgen sollte. Bevor er sich auf den Weg machte, dankte er dem Wolf und versprach, mit einem schönen Stück Fleisch wiederzukehren.
„Aber zuerst“, Kanubio deutete nach Norden, „muss ich dorthin.“
Er folgte dem Ruf des Wolfes, der ihn bis ans Nordkap führte, jene Landzunge, wo Trolle und Oger ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sofort griff ihn einer der Zweiköpfe an, der sich in seiner abendlichen Ruhe gestört fühlte, und ein Troll stellte sich ihm unwirsch grollend an die Seite. Beide gingen in jener Nacht zu ihren Ahnen. Ihr Blut tränkte den Schnee, als Kanubio die feinen Wangenstücke von ihren leblosen Köpfen schlug. Die Wärme des Blutes ließ den Schnee schmelzen, bis sich ein wenig des gefrorenen Bodens zeigte. Das Rinnsal schien eine Spur auf der Erde bilden zu wollen, doch kam es Kanubio vor, als ob die Menge nicht ausreiche, um sie zu vollenden. Es bildete sich lediglich eine gerade Linie mit zwei kleinen Ausbuchtungen. Langsam erstarrte die rote Flüssigkeit auf dem tief gefrorenen Boden.
Kanubio kniete nieder und betrachtete die blutige Spur. Sie mutete an, als hätte jemand begonnen, etwas zu schreiben, wobei ihm jedoch die Tinte ausgegangen war. Kurz entschlossen griff er zum Dolch, ritzte sich den Unterarm und ließ Blut auf das Zeichen tropfen. Sonderbarer Weise wollte sich sein Blut nicht mit dem der Bestien vermischen. Die ersten Tropfen zogen eine kleine Spur auf dem Erdboden, eine schräg ansteigende Linie von der senkrechten weg, und kaum, dass die Linie vollendet war, gefror das Blut ebenfalls. Der zweite Schwall Blut aus Kanubios Arm vereinte sich zu einer weiteren Linie, etwas unterhalb der anderen.
Nun begann es im Hirn des Kriegers zu arbeiten.
„K-V-E-L-D-U… und dazu Laguz … und Fehu, wenn mey’s richtig deut … Kveldulf – das klingt schon nach was!“
Kaum dass er ausgesprochen hatte, erzitterte die Erde zu seinen Füßen. Erschrocken stützte er sich mit der Hand ab und blickte sich um. Als er wieder auf das Blut sah, hatte der Schnee die Rune bedeckt.
Verunsichert, die Geyster verärgert zu haben, ließ er den Blick in die Umgebung schweifen. „Stimmt, mey hab ja was vergessen!“ Er scheidete den Dolch und zog einen weiteren Metschlauch aus seinem Proviantbeutel, dessen Inhalt er über die Stelle goss, an der ihm die Rune erschienen war. Der Met überzog den Schnee mit goldenen Perlen und als der letzte Tropfen den Boden berührt hatte, drang Kanubio ein silbriges Flüstern ans Ohr, ein Raunen, ein Knirschen, aus den kahlen Zweigen der Bäume nahe dem Kampfplatz.
Er erhob sich und trat neugierig, aber auch auf alles gefasst, näher. Da war ein Schimmer zwischen den Bäumen, ein unstetes Glitzern, ein Huschen und Flirren. Sanft und beruhigend wirkte es auf ihn und doch von einer Unrast getrieben, strebte es voraus, als wolle es ihn von jenem Platz weglocken. Kanubio folgte ihm, in kindlicher Freude sein Augenmerk auf das Glitzern gerichtet, bis zur südlichen Seite der Akademie am westlichen Ufer Lameriasts, wo Kanubio inne hielt und das Meer betrachtete.
„Und nun? Soll mey schwimmen?“ überlegte er halblaut gesprochen zu sich selbst. „Mey kann doch ney! Wird wahrlich Zeyt, dass mey Wina das beybringt.“
Es klang wie ein Kichern, was da aus dem glitzernden Gestöber an sein Ohr drang, bevor es sich auflöste.
„Aye, lach mey nur aus!“ brummte Kanubio. „Aber hast ja recht. Ein Kerl sollt schwimmen können.“
Vorsichtig näherte er sich dem Element, das er so fürchtete, sowohl im Trinkschlauch als auch in größeren Mengen um ihn. Der kalte Winterwind kräuselte die See zu sanften Wellen, die leise in der Dunkelheit rauschten. Eine tiefe Ruhe ergriff den einstigen Seemann. Nur zu gern versenkte er sich nach dem anstrengenden Fußmarsch in das gleichmäßige Geräusch, ließ sich auf seinen Fellen an einem schneefreien Platz an der Küste nieder und blickte entspannt auf die Tide hinaus. Sein Blick vertiefte sich in das Glitzern der Wogen und in den Mond, der in freier Sicht über ihm stand. Eine ganze Weile lang saß er so, ruhig in sich und die Natur vertieft, vom Rauschen der Wellen umfangen, als er aus den schimmernden Wogen ein Flüstern vernahm, ein wisperndes Gewirr vieler Stimmen, die sich undeutlich vom Rauschen des Wassers abhoben.
Kanubio schreckte zusammen, riss die Augen auf und sah sich um. Panik ergriff ihn – hatte ihm Lidwina doch von den vielen Stimmen in ihrem Kopf erzählt, die sie zeitweis recht quälten. „Ney, mey will keyn Ahnenrufer werden! Mey bin ein Schwert!“ rief er angsterfüllt aus und die Stimmen verstummten.
Wieder um einiges ruhiger, da es still ward in seinem Kopf, ließ er das Auge über die vom Mondlicht silbrig beleuchteten Wogen gleiten. Für ihn, der seit neun Tagen alles und jedes nach Runen abgesucht hatte, war es nun nicht verwunderlich, als sich eine weitere Form in diesem Funkeln bildete. Mal erschien sie hier, mal dort auf den Wellen, umhergetrieben auf den Strömungen des Wassers. Leicht angespannt neigte sich Kanubio vor, ganz darauf vergessend, dass viel, sehr viel Wasser vor ihm war.
Ganz ähnlich jener Rune aus Blut erschien auch hier das Zeichen, das flirrend über die Wellen tanzte.
Tief ergriffen von dem Schauspiel hauchte er fasziniert auf die Meeresoberfläche hinausblickend „Fehu“ – und abermals verblasste die Erscheinung, kaum dass sich der junge Krieger ihrer Bedeutung bewusst geworden war, indem sich eine Wolke vor den Mond schob.
Entsetzt blickte er noch oben, dann wieder aufs Wasser, presste die Lippen aufeinander und suchte, sich immer weiter vorbeugend, verzweifelt nach dem Glitzern. Doch die Rune blieb verschwunden. Ein kaltes Schaudern lief ihm über den Rücken, als er nun gewahr wurde, wie nahe er dem Meer gekommen war. Im Bewusstsein des Gewichts seiner Rüstung sah er sich nach einem sicheren Fleck um, während die Wellen an der Küste höher und höher brandeten. Kanubio hetzte den Abhang hinauf so schnell es ihm nur möglich war. Gerade so, als wolle ihm das Wasser noch einen kalten Guss mit auf den Weg geben, brandete eine letzte, noch höhere Welle heran und schäumte, als sie gegen das Ufer schlug, gewaltig zu ihm auf.
In Panik wich Kanubio zurück, kletterte das Ufer vollends hoch, mit weit aufgerissenen Augen, als würde er alles um sich herum nicht wirklich wahr nehmen.
„Kvel … Kveldulff …“, murmelte er immer wieder und je mehr sich dieses Wort in ihm festigte, umso mehr nahm er auch wieder seine Umgebung wahr.
Da stand doch tatsächlich ein Weyb und beobachtete ihn. Sie regte sich furchtbar darüber auf, dass er Felle um die Schultern trug und bezeichnete die kleinen Köpfe, Pfoten und Schwänze als Trophäen. Sie fragte ihn allen Ernstes, warum er auch das Kleingetier erlegt hätte.
„Warum?“ wiederholte er, noch ganz in Gedanken mit dem eben Erlebten befasst. „Weil ich der Stärkere war.“
Er hatte vergessen den Geystern zu danken, schoss es ihm durch den Kopf. Er deutete der Frau, kurz zu warten und holte das Versäumte nach, indem er einige Kräuter auf die Wasseroberfläche verteilte.
Das Weyb schien mit seinen Erklärungen nicht zufrieden zu sein und wagte es tatsächlich, einen Pfeil aus dem Köcher zu nehmen, ihn an den Bogen zu legen, die Sehne zu spannen und diesen auf ihn zu richten. Unsensibel für alles, was um sie geschah, bedrohte sie ihn weiter. Noch nie zuvor hatte Kanubio sich allerdings so sicher gefühlt, als er spürte, dass die Schemen, aufgeweht durch eisigen Wind in Form von pulvrigem Schnee um ihn tanzten. Worte fielen auf beiden Seiten, während er die Ahnen um sich spürte, selbst bis auf die Knochen durchgefroren, kaum zu einer Bewegung fähig – und doch in der unerschütterlichen Gewissheit ihres Schutzes.
Dem erhobenen Bogen löste sich kein Pfeil. Sie schieden in Frieden. Thrail selbst hatte Kanubio in jenen Momenten wohl geführt, seine Gedanken leitend und ihn die richtigen Worte aussprechen lassend.
Als der Wolf im Südosten heulte, machte sich Kanubio wieder auf den Weg und sie ging den ihren.
Erschöpft ließ er sich an der Palisade auf einem Baumstamm nieder und fütterte die Wölfe Wulfgards mit einem Teil des frischen Trollwangenfleisches, als sich ein weißer Wolf, der nicht zum Rudel gehörte, zeigte. Kanubio folgte ihm weiter in den Süden des Thyrenlandes, fast bis zum Hain. Dort machte ihn das Tier auf einige Stücke Treibholz aufmerksam, die gestern noch nicht da gelegen waren. Sofort suchte er nach dem Wrack, doch da war keines.
Der eiskalte Wild hatte ihn bis hierher begleitet. Nun umspielte er ihn, wirbelte den Schnee um ihn auf und ließ beißend die Kälte in seinen Körper fahren. Met hatte Kanubio keinen mehr, doch erinnerte er sich der beiden Schnapsflaschen, die er noch mit sich schleppte. Er nahm einen kräftigen Schluck. Seine Finger waren so klamm, dass er den Korken nicht mehr in den Hals der Flasche treiben konnte, also trank er sie kurzerhand aus.
Einladend lag das Holz da, gerade so, als wolle es entzündet werden. Als der Schnee um das Holz für einige Augenblicke aufgewirbelt wurde, schien es Kanubio, als wären die Schemen wieder da und würden in wilder Jagd einen Kreis um das Holz bilden. Ob der Schemen vergaß er alles um sich und die leere Flasche entglitt seiner Hand, als er sie, tief in Gedanken und fasziniert von dem Bild, leicht anhob.
„Zuerst in der Luft …
dann auf der Erde …
danach im Wasser …“
Kanubios Blick bohrte sich geradezu herausfordernd auf das Holz.
„So fehlt noch das Feuer!“
Stolz ob dieser weisen Erkenntnis richtete er sich auf. Der Wind legte sich. „Und ney was mehr als ein wärmendes Feuer könnt mey nun gebrauchen.“
Sanft wurde der pulvrige Neuschnee in kleinen Kringeln vom Wind aufgewirbelt und um das Treibholz getrieben. Kanubio war sich nicht sicher, ob es ihm gelingen würde, das durch und durch feuchte Holz zu entflammen. Doch wieder aufbrausender Wind schob ihn geradezu auf das Holz zu.
Zwar schaffte er es, seinem Feuerstein einige Funken abzuringen, doch das Holz wollte nicht brennen. Da erinnerte er sich der zweiten Schnapsflasche in seinem Proviantbeutel. Mit einigen großzügigen Spritzern ihres Inhalts brachte er die Flammen dazu hell aufzulodern. Erschöpft genoss er ihre Wärme nach all den kalten Nächten. Nach jedem Stück Brennbarem leckten die Flammen, die Kanubio genau beobachtete, bis auch das letzte des angespülten Treibgutes zu Asche zerfallen war und die Glut zu sterben drohte. Dankbar blickte Kanubio zu dem erloschenen Feuer, als sich aus den letzten Glutfunken ein Zeichen formte.
„Feuer“, murmelte er und beugte sich näher, „Feuer, sprich mit mey, mey bitt dey!“
Auf sein Flehen hin wurde ihm in der Glut eine weitere Rune offenbart. Aus der Zusammenkunft von Feuer und Eis, zwischen Qualm und Rauch, bildete sich für einen Lidschlag lang die Rune Isa, ehe der Ruß und der geschmolzene Schnee rundum fast augenblicklich erstarrten.
„Isa .. Isa … Kvel …“, murmelte er. „Kvel-dulf-fi…“
Als er nun den fast vollständigen Namen aussprach, spürte er die Klinge vibrieren. Gar heiß fühlte sie sich an, als die Kraft in das Schwert zurückkehrte.
Ehrfurchtsvoll begann Kanubio, ergriffen von der immensen Energie in seinem Schwert, die Namen der anderen ihm bekannten großen Ahnenklingen Falks, Skallagrims, Argos und Trystjarns aufzuzählen:
„Scylfing – Swendulffing – Boldfelling – Myrlfing.“
Dann stockte er. Das war es, was er immer bei sich trug – das alte Wissen!
Langsam zog er die schwere, von Hrefna Hinrahs meisterlicher Hand geschmiedete Waffe aus der Scheide. Die ihm nun bekannten Runen glühten förmlich auf der Klinge.
Kanubio atmete tief durch, bevor er es wagte, mehr fragend als feststellend, die Reihe fortzusetzen:
„Kvel-dulf-fing?“
Kaum war das Wort über seine Lippen gekommen, erhob sich der Wind zu einem wilden Heulen und das Meer brandete gischtspritzend auf. Für einen Moment lang schien die Klinge in Flammen zu stehen, so als würde sie ihre Geburt im Schmiedefeuer noch einmal erleben.
Kanubio zitterte, nicht vor Kälte, sonder vor Erregung. Gebannt starrte er mit angehaltenem Atem auf die Runen, die nun alle deutlich zu erkennen waren.
Langsam erhob er sich, den Blick nicht von der Klinge abwendet, riss sie hoch und hielt sie schräg mit der Spitze gegen den Nachthimmel.
„KVEEELDUUULFIIING!!!“ brüllte er von einer riesigen Last befreit weit hinaus über das Thyrenland, während um ihn herum der Schnee aufstob und die Schemen, die ihn auf seiner langen Suche begleitet hatte, triumphierend ihre Fäuste und Waffen in die Luft rissen.
Kanubio lächelte überglücklich. Eine Freudenträne löste sich aus seinem Auge und rann die zerklüftete Narbe entlang, während die Klinge im Mondlicht sirrte, als würde man sie durch die Luft ziehen. Warm lag ihr Griff in seiner Faust, gerade so, als würde ihm ein lebendiges Wesen die Hand reichen.
Die Waffe gegen den Boden gerichtet und leicht zur Seite gestreckt, fiel er auf die Knie und breitete die Arme aus.
„Mey dank euch, ihr Geyster, Ahnen, Schemen und dey, Grimwould“, hauchte er ergriffen.
Die Schemen im Schneegestöber schienen ihm zuzujubeln, ehe sie vom Winterwind, der nun lauer wehte, in alle Himmelsrichtungen zerstoben.
Kanubio blickte auf die Klinge. Silbern schimmerten die Runen im Mondlicht.
„Nun sind wey vereint, wie Trystjarn es wollte.“
Aus weiter Ferne drang mehrstimmiges Wolfsgeheul an Kanubios Ohr. In tiefster Verbundenheit heulte er mit ihnen.
Dann wurde es still um ihn. Sehr still.
Kanubio blickte in seinen Beutel, in dem ob der vielen Tage in der Wildnis nicht mehr viel verblieben war. Einige Kräuter fanden sich noch, die er auf die im Schmelzwasser zu Eis erstarrte Asche ablegte. Für einen Lidschlag lang wirbelte der Wind den Schnee auf und bedeckte damit die Gaben.
Mit einem glücklichen Lächeln schob Kanubio Kveldulffing in die Scheide und ging, um jenem Wolf, dem er es versprochen hatte, das Fleisch zu bringen. Und so strebte er jenem Ort zu, wo an diesem Abend alles begonnen hatte.
-
Kanubio Bunjam
Der Gestank des Dämons beleidigte bereits kräftig Kanubios Geruchssinne. Ein wenig noch durchatmen, bevor Kveldulffing abermals das Blut des begehrten Rothäutigen trinken dürfte.
Da waren Schritte hinter ihm … viele Schritte … Kanubio wandte sich um … zu viele Schritte …
Diese verhasste Farbe. Diese fratzenhaften Masken, mit der diese Feyglinge ihr Gesicht verbargen. Mehr und mehr wurden es. Wie viele? So weit sein Auge reichte, standen sie ihm gegenüber. Forderten seine Beute.
„Solchen wie euch geb mey ney mal den Dreck unter meynen Fingernägeln!“ knurrte er ihnen entgegen.
Er war sich bewusst, dass ihm die zwei Städter an seiner Seite keine große Hilfe wären. Doch vielleicht der Dämon hinter ihnen.
Mit wild schlagendem Herzen wagte er den einzigen und höchst gewagten Schachzug, lockte die Bläuhäute tiefer in die Höhle, bis hinter den Dämon. Dieser, völlig verwirrt über Besuch von einem Dutzend von kleinen Würmern in seiner Residenz, beschwor Blitze herauf und ließ sie auf die gegeneinander Kämpfenden niedersausen.
Der Schachzug misslang. Kanubio wurde zu Boden gestreckt, ihm der Helm vom Kopf gerissen.
Seine Hand tappte im Staub der Höhle nach Kveldulffing … weiße Schleier vernebelten seine Sicht …
Worte … wieder Worte … hin und her flogen sie zwischen ihm und der feigen Blauhaut.
Neun an der Zahl waren sie in die Höhle vorgedrungen, um einen einzigen Dämon zu den Ahnen zu schicken.
Neun! Wo er selbst diesen Dämon alleine überwältigen konnte.
Immer noch im Dreck der Höhle liegend, riss es Kanubios Kopf zur Seite … ein Schlag? Ein Hieb? Ein Tritt? Zu benebelt waren seine Sinne, um dies genau festzustellen.
Rot verschleierte sich sein Blick, rot vom Blute, das ihm durch die Haare in die Augen rann.
Wieder Worte … auch Worte einer Sprache, die er nicht verstand. Was hatten sie mit ihm vor? War dies seine letzte Stunde, die er noch kurz vor seinem Handfasting beenden und den Weg nach Anundraf antreten sollte?
Sie durchwühlten seine Sachen. Aus den verschleierten Augenwinkeln nahm er wahr … sie rissen die Knochen an sich und einer fand Gefallen an seinem Helm.
Warm spürte er den lebenswichtigen Körpersaft über sein Gesicht rinnen. Ein Helm … ein paar stinkende alte Knochen … was war das für ein Tausch gegen sein junges Leben, von dem er hoffte, dass noch vieles davon vor ihm läge?
Schweigend ließ er sie gewähren, bis die zischelnden Worte im weiten Gang des Höhlennetzes verstummten. Zu gerne wäre er liegen geblieben, hätte sich in seinen Umhang eingewickelt und sich den Schleiern ergeben, die sich ihm bemächtigen wollten. Doch wusste er, dass dies sein unehrenhaftes Ende in einer stickigen Höhle gewesen wäre.
Also raffte er sich mit letzter Kraft auf, stolpernd, wankend, an der rissigen Wand Halt suchend. …. voraus, nur voraus, wie ein Schiff mit geblähten Segeln.
Als er das warme Fell Reykurs unter seiner Hand spürte und den Dunft des schwitzenden Pferdes in sich einsaugte, wusste er, er war gerettet. Der schlaue Gaul kannte den Weg heim, ihm konnte er seinen erschöpften Körper anvertrauen.
Blind vom Blut, das seine Augen flutete, zerrte er sich hoch auf den Rücken des treuen Tieres. Als würde es spüren, dass es seinem Reiter nicht gut ginge, nahm es den Weg flott unter die Hufe. Erst in Bajard hatte Kanubio wieder mit Menschen zu tun … Menschen, die ihn anstarrten … Menschen, die kaum wagten, ein Wort an ihn zu richten, so auch der Kapitän der Fähre nach Lameriast.
Geraume Zeit später schmeckte er an dem Duft, der ihn umgab, er war daheym … daheim auf der Insel … daheym …
Die paar Hufschläge bis zum Fort bewältigte Reykur mühelos. Mit letzter Kraft stemmte Kanubio einen Flügel des Tores Wulfgars beiseite, ritt in den Hof … dann glitt er vom Rücken des Gauls
Er war daheym … daheym … in Sicherheyt … daheym …
Da waren Schritte hinter ihm … viele Schritte … Kanubio wandte sich um … zu viele Schritte …
Diese verhasste Farbe. Diese fratzenhaften Masken, mit der diese Feyglinge ihr Gesicht verbargen. Mehr und mehr wurden es. Wie viele? So weit sein Auge reichte, standen sie ihm gegenüber. Forderten seine Beute.
„Solchen wie euch geb mey ney mal den Dreck unter meynen Fingernägeln!“ knurrte er ihnen entgegen.
Er war sich bewusst, dass ihm die zwei Städter an seiner Seite keine große Hilfe wären. Doch vielleicht der Dämon hinter ihnen.
Mit wild schlagendem Herzen wagte er den einzigen und höchst gewagten Schachzug, lockte die Bläuhäute tiefer in die Höhle, bis hinter den Dämon. Dieser, völlig verwirrt über Besuch von einem Dutzend von kleinen Würmern in seiner Residenz, beschwor Blitze herauf und ließ sie auf die gegeneinander Kämpfenden niedersausen.
Der Schachzug misslang. Kanubio wurde zu Boden gestreckt, ihm der Helm vom Kopf gerissen.
Seine Hand tappte im Staub der Höhle nach Kveldulffing … weiße Schleier vernebelten seine Sicht …
Worte … wieder Worte … hin und her flogen sie zwischen ihm und der feigen Blauhaut.
Neun an der Zahl waren sie in die Höhle vorgedrungen, um einen einzigen Dämon zu den Ahnen zu schicken.
Neun! Wo er selbst diesen Dämon alleine überwältigen konnte.
Immer noch im Dreck der Höhle liegend, riss es Kanubios Kopf zur Seite … ein Schlag? Ein Hieb? Ein Tritt? Zu benebelt waren seine Sinne, um dies genau festzustellen.
Rot verschleierte sich sein Blick, rot vom Blute, das ihm durch die Haare in die Augen rann.
Wieder Worte … auch Worte einer Sprache, die er nicht verstand. Was hatten sie mit ihm vor? War dies seine letzte Stunde, die er noch kurz vor seinem Handfasting beenden und den Weg nach Anundraf antreten sollte?
Sie durchwühlten seine Sachen. Aus den verschleierten Augenwinkeln nahm er wahr … sie rissen die Knochen an sich und einer fand Gefallen an seinem Helm.
Warm spürte er den lebenswichtigen Körpersaft über sein Gesicht rinnen. Ein Helm … ein paar stinkende alte Knochen … was war das für ein Tausch gegen sein junges Leben, von dem er hoffte, dass noch vieles davon vor ihm läge?
Schweigend ließ er sie gewähren, bis die zischelnden Worte im weiten Gang des Höhlennetzes verstummten. Zu gerne wäre er liegen geblieben, hätte sich in seinen Umhang eingewickelt und sich den Schleiern ergeben, die sich ihm bemächtigen wollten. Doch wusste er, dass dies sein unehrenhaftes Ende in einer stickigen Höhle gewesen wäre.
Also raffte er sich mit letzter Kraft auf, stolpernd, wankend, an der rissigen Wand Halt suchend. …. voraus, nur voraus, wie ein Schiff mit geblähten Segeln.
Als er das warme Fell Reykurs unter seiner Hand spürte und den Dunft des schwitzenden Pferdes in sich einsaugte, wusste er, er war gerettet. Der schlaue Gaul kannte den Weg heim, ihm konnte er seinen erschöpften Körper anvertrauen.
Blind vom Blut, das seine Augen flutete, zerrte er sich hoch auf den Rücken des treuen Tieres. Als würde es spüren, dass es seinem Reiter nicht gut ginge, nahm es den Weg flott unter die Hufe. Erst in Bajard hatte Kanubio wieder mit Menschen zu tun … Menschen, die ihn anstarrten … Menschen, die kaum wagten, ein Wort an ihn zu richten, so auch der Kapitän der Fähre nach Lameriast.
Geraume Zeit später schmeckte er an dem Duft, der ihn umgab, er war daheym … daheim auf der Insel … daheym …
Die paar Hufschläge bis zum Fort bewältigte Reykur mühelos. Mit letzter Kraft stemmte Kanubio einen Flügel des Tores Wulfgars beiseite, ritt in den Hof … dann glitt er vom Rücken des Gauls
Er war daheym … daheym … in Sicherheyt … daheym …
-
Kanubio Bunjam
Eine sehr lange Zeit war vergangen, seitdem er sich besonnen und in sein tiefstes Inneres geschaut hatte. Nun war der Moment gekommen. der ihm, das Wahre erkennend, zutiefst Angst machte.
Der Weg, den er beschritten hatte, war unglaublich gewesen. Von einem geschundenen Städterwelpen bis hin zum Ridder dieses Volkes, mit der Schamanin an seiner Seite als seine Verhandfastete, die einen Welpen, von ihm gezeugt, unter ihrem Herzen trug.
Tiefstes Glück sollte ihn darum erfüllen, doch das tat es nicht.
Den Griff von Kveldulffing in seinen Fäusten, richtete er die Spitze des edlen runenverzierten Schwertes gegen seine Brust.
Wie groß war doch die Sehnsucht, sich einfach hineinzustürzen, den kalten Stahl in sich zu spüren und einfach auszuhauchen. Der Weg, den er beschritten hatte, war weit über das hinaus gegangen, was er sich jemals zu träumen erhofft hatte. Und dennoch zweifelte er … an sich selbst … an jedem und allem. An dieser Welt und allem, was darüber hinaus ging.
In der engen Kammer, in der Lidwina mit dem Welpen im Bauch vor sich hin schlummerte, sank er auf die Knie.
„Ihr Ahnen und Geyster, gebt mey die Kraft, gebt sey mey, um das durchzustehen!“
Fast unhörbar schmolzen die Worte von seinen Lippen, während seine Augen von einem wässrigen Schleier überzogen waren. Er ließ den Tränen seiner Angst freien Lauf. Niemand würde sie hier sehen. Lidwina schlief. Kalt spürte er das feuchte Nass seine Wangen hinunter rinnen.
Es waren nur wenige Stunden gewesen, in denen sie ihren Übungen nachgegangen waren, und dennoch hatten sie starke Zweifel in Kanubio aufgeworfen. Zweifel, dass er all das würdig überstehen werden könnte. Zweifel an sich selbst. Zweifel, fähig zu sein, stolz erhobenen Hauptes seine Position im Clan zu erfüllen und künftig ein gutes Schwert sein zu können. Der Ridder machte ihm inzwischen keine Angst mehr … aber das Schwert … das Schwert. Er fühlte sich schwach und das machte ihm Angst. Aber noch schlimmer war seine Nutzlosigkeit. Sie brauchten ihn nicht mehr. Mit einem Wisch aus dem Handgelenk erledigten sie das, was in dieser Welt im Ungleichgewicht war.
Schwungvoll krachte Kveldulffing auf den Polster, auf den er für gewöhnlich des Nachts gebettet war. Dann ging Kanubio noch einmal in sich und flehte zu den Ahnen und Geystern, dass sie ihm diese - diese wohl schwerste Stunde überhaupt, seyt er bei diesem Volk weilte - überstehen ließen.
Er flehte zu ihnen, in tiefstem Glauben an jene, doch zweifelnd an sich selbst. In jenen Momenten, die er still in sich ging, sah er, dem sonst doch noch immer etwas eingefallen war, keinen Ausweg mehr.
An jenem Abend fiel er in die Felle, ohne Wina oder ihren Bauch zu berühren. Nur der Blick auf ihren angeschwollenen Unterleib ließen ihn bleiben und sich seinen Tränen ergeben.
Der Weg, den er beschritten hatte, war unglaublich gewesen. Von einem geschundenen Städterwelpen bis hin zum Ridder dieses Volkes, mit der Schamanin an seiner Seite als seine Verhandfastete, die einen Welpen, von ihm gezeugt, unter ihrem Herzen trug.
Tiefstes Glück sollte ihn darum erfüllen, doch das tat es nicht.
Den Griff von Kveldulffing in seinen Fäusten, richtete er die Spitze des edlen runenverzierten Schwertes gegen seine Brust.
Wie groß war doch die Sehnsucht, sich einfach hineinzustürzen, den kalten Stahl in sich zu spüren und einfach auszuhauchen. Der Weg, den er beschritten hatte, war weit über das hinaus gegangen, was er sich jemals zu träumen erhofft hatte. Und dennoch zweifelte er … an sich selbst … an jedem und allem. An dieser Welt und allem, was darüber hinaus ging.
In der engen Kammer, in der Lidwina mit dem Welpen im Bauch vor sich hin schlummerte, sank er auf die Knie.
„Ihr Ahnen und Geyster, gebt mey die Kraft, gebt sey mey, um das durchzustehen!“
Fast unhörbar schmolzen die Worte von seinen Lippen, während seine Augen von einem wässrigen Schleier überzogen waren. Er ließ den Tränen seiner Angst freien Lauf. Niemand würde sie hier sehen. Lidwina schlief. Kalt spürte er das feuchte Nass seine Wangen hinunter rinnen.
Es waren nur wenige Stunden gewesen, in denen sie ihren Übungen nachgegangen waren, und dennoch hatten sie starke Zweifel in Kanubio aufgeworfen. Zweifel, dass er all das würdig überstehen werden könnte. Zweifel an sich selbst. Zweifel, fähig zu sein, stolz erhobenen Hauptes seine Position im Clan zu erfüllen und künftig ein gutes Schwert sein zu können. Der Ridder machte ihm inzwischen keine Angst mehr … aber das Schwert … das Schwert. Er fühlte sich schwach und das machte ihm Angst. Aber noch schlimmer war seine Nutzlosigkeit. Sie brauchten ihn nicht mehr. Mit einem Wisch aus dem Handgelenk erledigten sie das, was in dieser Welt im Ungleichgewicht war.
Schwungvoll krachte Kveldulffing auf den Polster, auf den er für gewöhnlich des Nachts gebettet war. Dann ging Kanubio noch einmal in sich und flehte zu den Ahnen und Geystern, dass sie ihm diese - diese wohl schwerste Stunde überhaupt, seyt er bei diesem Volk weilte - überstehen ließen.
Er flehte zu ihnen, in tiefstem Glauben an jene, doch zweifelnd an sich selbst. In jenen Momenten, die er still in sich ging, sah er, dem sonst doch noch immer etwas eingefallen war, keinen Ausweg mehr.
An jenem Abend fiel er in die Felle, ohne Wina oder ihren Bauch zu berühren. Nur der Blick auf ihren angeschwollenen Unterleib ließen ihn bleiben und sich seinen Tränen ergeben.
Zuletzt geändert von Kanubio Bunjam am Samstag 18. September 2010, 07:21, insgesamt 1-mal geändert.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
DER WEG, DER NIE ZU ENDE IST
Vom Schwanken und Staucheln
Die Aufgabe, die er bekommen hatte, war keine leichte. Seine innere Mitte sollte er finden – aber wo war die?
Da er einfach nicht weiterkam, begab sich Kanubio hinaus in die Natur. Er wollte sie beobachten, wie Thrail es damals getan hatte, als er Antworten suchte. „Heute war ein guter Tag“, überlegte er, als er barfuß – aber sonst voll gerüstet – gen das Hafendorf schritt. Er ließ sich im Turm der Palisade nieder, genoss die kühlende Abendbrise, die von der See über das Land strich, und ließ den Blick schweifen.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Die Frage ging ihm immer wieder durch den Kopf, während die Sonne in seinem Rücken unterging und auf den kleinen Wellen flimmernde Lichtpunkte reflektieren ließ. Mit jedem Lidschlag schienen sie sich in ihrer Farbe und Form ein wenig zu verändern, bis sie weniger und weniger wurden, um letztendlich ganz zu verblassen.
Zurück blieb eine dunkle, schier endlose Fläche, das Gebiet der Wassertotems, die zusammen mit der Banshee und Raugaroth schon viele Seelen in die Tiefe gezogen hatten.
So ruhig und harmlos erschien ihm die See jetzt, doch hatte er sie in seiner Zeit als Seefahrer auch ganz anders erlebt.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Es war ein heißer Sommertag gewesen. Kanubio konnte die Hitze, die die Sonnenstrahlen in die Planken unter seinen Fußsohlen eingebrannt hatte, immer noch spüren. Bald schon würden sie unter den rauen Herbstwinden erkalten, bis Eis und Schnee den Aufstieg in den Turm erschweren würden. Im Führjahr würden sie feucht und glitschig sein, bis die erste Sommersonne sie wieder durchtrocknen würde.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Der Krieger richtete den Blick nach Nordosten, wo sich dichte Wälder erhoben. Geradezu bedrohlich stellte sich ihm die dunkle Wand entgegen, wie ein Riese Schulter an Schulter mit einem anderen. Nur das Rauschen der Blätter verriet ihm, dass dort alte Bäume standen, die nun während der Sommerzeit ihr sattes dunkelgrünes Laubkleid trugen. Bald würde es welken und ausgedorrt am Erdboden landen, um zu zerfallen und jungen Pflanzen Nahrung zu geben.
War er nur einige Augenblicke oder Stunden seinen Gedanken nachgehangen? Der Mond schob seine Scheibe auf den Himmel. In seinem fahlen Licht begannen sich die Wipfel deutlich gegen den Gebirgszug dahinter abzuzeichnen. Schroff erhoben sich die verkohlten Reste Grimwoulds daraus hervor, jene einst so prächtige Festung, die nun in Schutt und Asche lag.
„Die Mitte der Natur …“
Mit einem wissenden Lächeln erhob sich Kanubio und streifte noch einige Zeit durch den Wald, die Ruhe in seinem Kopf genießend, bevor er gestärkt, aber doch müde (und mit einer abgebrochenen Igelstachelspitze in seiner Ferse) nach Wulfgard zurückkehrte.
Kaum hatte er die Tür zu seiner Kammer geöffnet, kam ihm auf ihren unsicheren Beinchen Svanhild entgegen und schmetterte ihm ein fröhliches Hossa entgegen. Kanubio breitete die Arme aus. Die Kleine lief auf ihn zu, stauchelte, wankte, fing sich aber sofort wieder und fiel ihrem Dah in die Arme. Kanubio drückte sie fest an sich und lächelte noch mehr.
Vom Schwanken und Staucheln
Die Aufgabe, die er bekommen hatte, war keine leichte. Seine innere Mitte sollte er finden – aber wo war die?
Da er einfach nicht weiterkam, begab sich Kanubio hinaus in die Natur. Er wollte sie beobachten, wie Thrail es damals getan hatte, als er Antworten suchte. „Heute war ein guter Tag“, überlegte er, als er barfuß – aber sonst voll gerüstet – gen das Hafendorf schritt. Er ließ sich im Turm der Palisade nieder, genoss die kühlende Abendbrise, die von der See über das Land strich, und ließ den Blick schweifen.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Die Frage ging ihm immer wieder durch den Kopf, während die Sonne in seinem Rücken unterging und auf den kleinen Wellen flimmernde Lichtpunkte reflektieren ließ. Mit jedem Lidschlag schienen sie sich in ihrer Farbe und Form ein wenig zu verändern, bis sie weniger und weniger wurden, um letztendlich ganz zu verblassen.
Zurück blieb eine dunkle, schier endlose Fläche, das Gebiet der Wassertotems, die zusammen mit der Banshee und Raugaroth schon viele Seelen in die Tiefe gezogen hatten.
So ruhig und harmlos erschien ihm die See jetzt, doch hatte er sie in seiner Zeit als Seefahrer auch ganz anders erlebt.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Es war ein heißer Sommertag gewesen. Kanubio konnte die Hitze, die die Sonnenstrahlen in die Planken unter seinen Fußsohlen eingebrannt hatte, immer noch spüren. Bald schon würden sie unter den rauen Herbstwinden erkalten, bis Eis und Schnee den Aufstieg in den Turm erschweren würden. Im Führjahr würden sie feucht und glitschig sein, bis die erste Sommersonne sie wieder durchtrocknen würde.
„Wo hat die Natur ihre Mitte?“
Der Krieger richtete den Blick nach Nordosten, wo sich dichte Wälder erhoben. Geradezu bedrohlich stellte sich ihm die dunkle Wand entgegen, wie ein Riese Schulter an Schulter mit einem anderen. Nur das Rauschen der Blätter verriet ihm, dass dort alte Bäume standen, die nun während der Sommerzeit ihr sattes dunkelgrünes Laubkleid trugen. Bald würde es welken und ausgedorrt am Erdboden landen, um zu zerfallen und jungen Pflanzen Nahrung zu geben.
War er nur einige Augenblicke oder Stunden seinen Gedanken nachgehangen? Der Mond schob seine Scheibe auf den Himmel. In seinem fahlen Licht begannen sich die Wipfel deutlich gegen den Gebirgszug dahinter abzuzeichnen. Schroff erhoben sich die verkohlten Reste Grimwoulds daraus hervor, jene einst so prächtige Festung, die nun in Schutt und Asche lag.
„Die Mitte der Natur …“
Mit einem wissenden Lächeln erhob sich Kanubio und streifte noch einige Zeit durch den Wald, die Ruhe in seinem Kopf genießend, bevor er gestärkt, aber doch müde (und mit einer abgebrochenen Igelstachelspitze in seiner Ferse) nach Wulfgard zurückkehrte.
Kaum hatte er die Tür zu seiner Kammer geöffnet, kam ihm auf ihren unsicheren Beinchen Svanhild entgegen und schmetterte ihm ein fröhliches Hossa entgegen. Kanubio breitete die Arme aus. Die Kleine lief auf ihn zu, stauchelte, wankte, fing sich aber sofort wieder und fiel ihrem Dah in die Arme. Kanubio drückte sie fest an sich und lächelte noch mehr.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Der stechende Schmerz in der Schulter riss ihn schier um, als er sich in die Felle fallen ließ. Schon zwei mal hatte er sich so gefühlt … schon zwei mal ward ihm geholfen worden … diesmal …
Er keuchte. „Morgen wird es Vergangenheyt seyn“, stammelte er, „morgen“. Aber er ward sich in seinen tiefsten Inneren bewusst, dass er sich selbst belügte.
Sein Geist sank hinab in die moorigen Sümpfe seiner Jugendzeit.
Es war ein halbgraues Dunkel, das keine Flamme dieser Welt erhellen konnte.
Allein war er, eingeschlossen in einem Gefängnis, dem Bauch eines Schiffes, - damals ein normaler Zustand, jetzt ein Gefühl, das ihn wieder überkam und ihn zutiefst erschreckte, ja sogar in Panik versetzte. Die Fausthiebe seiner Bootsmänner auf dem Schiff prasselten in seiner Erinnerung wieder auf ihn ein, vernichtend – nicht einmal eine Hand durfte er heben, dies hätte man ihm als Meuterei auslegen können und auf die stand sofortiges Erhängen am Großmast.
Die Kraft seines erzürnten Thains hatte ihn einen Querflug durch die Halle tun und hart gegen das Hallentor aufprallen lassen. Die Schmerzen, die er danach in seiner Schulter und seinem Arm fühlte, waren nichts gegen die, die er in seinem Herzen fühlte. Er hatte ihm vertraut, vertraut ein Gespräch mit ihm zu führen über die Probleme im Clan. Dieses Vertrauen bezahlte er nun mit einer zertrümmerten Schulter.
Hätte er gewusst, dass er bereits zwei Mal tot war, seitdem er an Gerimors Hafen gestrandet und keine Heuer mehr gefunden hatte, hätte er vielleicht anders gedacht, aber Kanubio wusste es nicht.
Fernab der anderen Claner, vor denen er im Körper und im Geiste stark sein wollte, krümmte er sich nun in der Abgeschiedenheit in seiner Kammer unter dem peinigenden Schmerz zusammen. Kanubio war lange nicht so stark, wie er vor den anderen vorgab. Ein gebrochener Schulterknochen schmerzte ihn, wie jedes andere Wesen dieser Welt auch. Doch nur in der Abgeschiedenheit seiner Kammer durfte er sich diesem Schmerz hingeben - zum Wohle des Vokes.
Alle hatten sich gegen ihn gestellt … Yora … der Thain … und sogar Lidwina. Sie sahen die Welt in rosaroter Farbe – so düngte es ihm, - , schienen sich nicht um die Gefahren zu kümmern, die in dieser Welt lauerten. Das, was er Lidwina über einen der Ahnenbaumwächter erzählte, machte sie zwar bedenklich, konnte aber nicht ihre gutgläubige Meinung ändern.
Tränen der Verzweiflung quollen aus Kanubios Augen, als er sich gepeinigt vom Schmerz in den Fellen aufbäumte. „Es steht jedem Thyren frei zu tun, was er will“, keuchte er sich selbst zu, „doch er muss es vor dem Thain, den Ahnen und den Geystern verantworten können.“
Wenn ihm der Thain auch dermaßen behandelt hatte, vor die Ahnen würde Kanubio hoch erhobenen Hauptes hintreten können.
Aye, nichts könnte ihn von seinem Entschluss abbringen zu verhindern, Geheimnisse des Volks an die Städter verraten zu wissen. Eine zerschmetterte Schulter? Er lachte darüber, obwohl ihm auch dabei sofort der Schmerz durch den Körper fuhr. Was waren ein paar Knochen im Gegensatz dazu, dass alle Welt erfahren konnte, was nur einem Claner vorbehalten ward?
Yora hatte ihm vorgeworfen, sein Versprechen gebrochen zu haben, doch wusste sie nicht, dass er auch einen anderen gegeben hatte, einen, der ihm unendlich viel mehr wert war. Und nach diesem würde er handeln, denn dieser stand hoch über allem.
Die letzen Tage, Tage der Ruhe, des Frohsinns und der Stärke, hatten ihm Kraft und neue Motivation gegeben. So viel hatte er mit den Clanern und besonders mit seinen Schwertern, vor gehabt. Nun lag er darnieder. Die Felle hielten ihn gefangen wie schwere Ketten, aus denen er nicht zu entkommen vermochte, denn ein Körper war ein schwaches Ding, gegen das selbst der mächtigste Geist nichts zu tun vermochte, wenn er zerstört war.
Er keuchte. „Morgen wird es Vergangenheyt seyn“, stammelte er, „morgen“. Aber er ward sich in seinen tiefsten Inneren bewusst, dass er sich selbst belügte.
Sein Geist sank hinab in die moorigen Sümpfe seiner Jugendzeit.
Es war ein halbgraues Dunkel, das keine Flamme dieser Welt erhellen konnte.
Allein war er, eingeschlossen in einem Gefängnis, dem Bauch eines Schiffes, - damals ein normaler Zustand, jetzt ein Gefühl, das ihn wieder überkam und ihn zutiefst erschreckte, ja sogar in Panik versetzte. Die Fausthiebe seiner Bootsmänner auf dem Schiff prasselten in seiner Erinnerung wieder auf ihn ein, vernichtend – nicht einmal eine Hand durfte er heben, dies hätte man ihm als Meuterei auslegen können und auf die stand sofortiges Erhängen am Großmast.
Die Kraft seines erzürnten Thains hatte ihn einen Querflug durch die Halle tun und hart gegen das Hallentor aufprallen lassen. Die Schmerzen, die er danach in seiner Schulter und seinem Arm fühlte, waren nichts gegen die, die er in seinem Herzen fühlte. Er hatte ihm vertraut, vertraut ein Gespräch mit ihm zu führen über die Probleme im Clan. Dieses Vertrauen bezahlte er nun mit einer zertrümmerten Schulter.
Hätte er gewusst, dass er bereits zwei Mal tot war, seitdem er an Gerimors Hafen gestrandet und keine Heuer mehr gefunden hatte, hätte er vielleicht anders gedacht, aber Kanubio wusste es nicht.
Fernab der anderen Claner, vor denen er im Körper und im Geiste stark sein wollte, krümmte er sich nun in der Abgeschiedenheit in seiner Kammer unter dem peinigenden Schmerz zusammen. Kanubio war lange nicht so stark, wie er vor den anderen vorgab. Ein gebrochener Schulterknochen schmerzte ihn, wie jedes andere Wesen dieser Welt auch. Doch nur in der Abgeschiedenheit seiner Kammer durfte er sich diesem Schmerz hingeben - zum Wohle des Vokes.
Alle hatten sich gegen ihn gestellt … Yora … der Thain … und sogar Lidwina. Sie sahen die Welt in rosaroter Farbe – so düngte es ihm, - , schienen sich nicht um die Gefahren zu kümmern, die in dieser Welt lauerten. Das, was er Lidwina über einen der Ahnenbaumwächter erzählte, machte sie zwar bedenklich, konnte aber nicht ihre gutgläubige Meinung ändern.
Tränen der Verzweiflung quollen aus Kanubios Augen, als er sich gepeinigt vom Schmerz in den Fellen aufbäumte. „Es steht jedem Thyren frei zu tun, was er will“, keuchte er sich selbst zu, „doch er muss es vor dem Thain, den Ahnen und den Geystern verantworten können.“
Wenn ihm der Thain auch dermaßen behandelt hatte, vor die Ahnen würde Kanubio hoch erhobenen Hauptes hintreten können.
Aye, nichts könnte ihn von seinem Entschluss abbringen zu verhindern, Geheimnisse des Volks an die Städter verraten zu wissen. Eine zerschmetterte Schulter? Er lachte darüber, obwohl ihm auch dabei sofort der Schmerz durch den Körper fuhr. Was waren ein paar Knochen im Gegensatz dazu, dass alle Welt erfahren konnte, was nur einem Claner vorbehalten ward?
Yora hatte ihm vorgeworfen, sein Versprechen gebrochen zu haben, doch wusste sie nicht, dass er auch einen anderen gegeben hatte, einen, der ihm unendlich viel mehr wert war. Und nach diesem würde er handeln, denn dieser stand hoch über allem.
Die letzen Tage, Tage der Ruhe, des Frohsinns und der Stärke, hatten ihm Kraft und neue Motivation gegeben. So viel hatte er mit den Clanern und besonders mit seinen Schwertern, vor gehabt. Nun lag er darnieder. Die Felle hielten ihn gefangen wie schwere Ketten, aus denen er nicht zu entkommen vermochte, denn ein Körper war ein schwaches Ding, gegen das selbst der mächtigste Geist nichts zu tun vermochte, wenn er zerstört war.
Zuletzt geändert von Rafdarn am Sonntag 28. August 2011, 20:11, insgesamt 2-mal geändert.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
So hoch war er aufgestiegen, so hoch, wie er es niemlas auch nur in seinen tiefsten Träumen erträumt hätte.
Er ... ein Mensch ... ein halber Waldläufer her aufgrund seiner lokalen festländischen Ausbildung im hintersten Winkel des Landes ... danmals vor vielen, vielen Jahren .... und nun Ridder der Thyren ... der Tiefländer, wie die Städter sie nannten.
So vieles hatte er erlebt in den letzten vielen Jahren, abgesehen davon, dass er eyn Weyb geschwängert und einen Welpen gezeugt hatte. Ney den erwünschten Son ... denn eher einen Weybswelpen, auf den er mit Nachsicht blickte, wenn sey das Fort durcheinander brache. Was auch könnte man von eynem Welpen erwarten, der von eynem Kobold großgezogen wurde?
Seinen Clanern gegenüber ließ er sich nichts anmerken, wenn er an Lidwina und die glückselige Vergangengheit dachte. Zu einer eisernen Maske gefror seine Mine, wenn er an sie dachte und ihn dabei ein Claner erwischte und noch mehr würde keiner seine kühle Maske durchdrungem der ihm nicht näher stünde.
Viele Mondläufe schon war sie fort. Wulfgard hatte ihm gesagt, dass sie zu Höherem einberufen wurde ...
Zum einen Teil war er stolz darauf ... aber zum anderen fühlte er eine tiefe Leere. Ein Loch in der Ausbildung ihres Welpens und ein Loch in all denjenigen Dingen, die eine Volksführung anbelangte. Und ... ney ein Loch ... eynén tiefen Krater --- in ihrer persönlichen Gemeinsamkeit.
Immer öfter wünschte er sich, seine Lidwina bei den Ahnen zu wissen, denn ... wenn sie das wäre, dann würde er in der Gewissheit leben, sie ständig um sich zu spüren. Der Deckel für den Topf wäre da. wenn auch nur für ihn spürbar. Seyne --- der andere Teil des Topfes ... Das war doch das einzig Wahre, was einen Kerl mit einem Weyb vereynte.
Dennoch nagten da Zweifel mit vergilbten scharfen Zähnen, wie die der Biber. War dieses liebevolle Weyb noch irgendwo? Oder war es ihm von Lucien genommen .... entzweyt? Niemals nach dieser Sache wagren sie jemals wider zusammengekommen wie damals, als ihm Lidwina die Runen beibrachte, mit einer schier unvorstellbaren Geduld.
Lidwina ... wo bist dey?
Lidwina ... mey lieb dey.
Lidwina ... da ist unser Welpe.
Lidwina ... mey vermiss dey.
So lange schon war sie fort. So lange schon hatte der Welpe keine Mottr.
Das, was er gehandfastet hatte ... das, was er liebte, war entschwunden in weite Ferne.
Kaum einer der Claner würde seine tiefe Betrübniss darüber bemerken, denn inzwischen hatte er gelernt, seine wahren Gefühle in seinem tiefsten Innere zu verbergen. Aye, auch das war die Bürde des Ridders.
Lidwina ... mey bin deyne Hälfte, wo immer dey auch bist und mey vermiss meyne Hälfte, als wär mey der Schildarm abgeshlagen ...
Kanubio hatte gelernt, die Schultern zurückzuwerfen, ein freundliches Lächel auf die Lippen zu pressen, obwohl sein Herz schwer war. Seine einzige Stütze in jenen Tagen waren die Worte Falks ... wie viele Weyber und Welpen der verloren hatte ... zum Wohle des Clans ... zum Wohle des Volks.
Kanzbío fühlte sich, als wäre er auf demselben Weg.
Er ... ein Mensch ... ein halber Waldläufer her aufgrund seiner lokalen festländischen Ausbildung im hintersten Winkel des Landes ... danmals vor vielen, vielen Jahren .... und nun Ridder der Thyren ... der Tiefländer, wie die Städter sie nannten.
So vieles hatte er erlebt in den letzten vielen Jahren, abgesehen davon, dass er eyn Weyb geschwängert und einen Welpen gezeugt hatte. Ney den erwünschten Son ... denn eher einen Weybswelpen, auf den er mit Nachsicht blickte, wenn sey das Fort durcheinander brache. Was auch könnte man von eynem Welpen erwarten, der von eynem Kobold großgezogen wurde?
Seinen Clanern gegenüber ließ er sich nichts anmerken, wenn er an Lidwina und die glückselige Vergangengheit dachte. Zu einer eisernen Maske gefror seine Mine, wenn er an sie dachte und ihn dabei ein Claner erwischte und noch mehr würde keiner seine kühle Maske durchdrungem der ihm nicht näher stünde.
Viele Mondläufe schon war sie fort. Wulfgard hatte ihm gesagt, dass sie zu Höherem einberufen wurde ...
Zum einen Teil war er stolz darauf ... aber zum anderen fühlte er eine tiefe Leere. Ein Loch in der Ausbildung ihres Welpens und ein Loch in all denjenigen Dingen, die eine Volksführung anbelangte. Und ... ney ein Loch ... eynén tiefen Krater --- in ihrer persönlichen Gemeinsamkeit.
Immer öfter wünschte er sich, seine Lidwina bei den Ahnen zu wissen, denn ... wenn sie das wäre, dann würde er in der Gewissheit leben, sie ständig um sich zu spüren. Der Deckel für den Topf wäre da. wenn auch nur für ihn spürbar. Seyne --- der andere Teil des Topfes ... Das war doch das einzig Wahre, was einen Kerl mit einem Weyb vereynte.
Dennoch nagten da Zweifel mit vergilbten scharfen Zähnen, wie die der Biber. War dieses liebevolle Weyb noch irgendwo? Oder war es ihm von Lucien genommen .... entzweyt? Niemals nach dieser Sache wagren sie jemals wider zusammengekommen wie damals, als ihm Lidwina die Runen beibrachte, mit einer schier unvorstellbaren Geduld.
Lidwina ... wo bist dey?
Lidwina ... mey lieb dey.
Lidwina ... da ist unser Welpe.
Lidwina ... mey vermiss dey.
So lange schon war sie fort. So lange schon hatte der Welpe keine Mottr.
Das, was er gehandfastet hatte ... das, was er liebte, war entschwunden in weite Ferne.
Kaum einer der Claner würde seine tiefe Betrübniss darüber bemerken, denn inzwischen hatte er gelernt, seine wahren Gefühle in seinem tiefsten Innere zu verbergen. Aye, auch das war die Bürde des Ridders.
Lidwina ... mey bin deyne Hälfte, wo immer dey auch bist und mey vermiss meyne Hälfte, als wär mey der Schildarm abgeshlagen ...
Kanubio hatte gelernt, die Schultern zurückzuwerfen, ein freundliches Lächel auf die Lippen zu pressen, obwohl sein Herz schwer war. Seine einzige Stütze in jenen Tagen waren die Worte Falks ... wie viele Weyber und Welpen der verloren hatte ... zum Wohle des Clans ... zum Wohle des Volks.
Kanzbío fühlte sich, als wäre er auf demselben Weg.
Zuletzt geändert von Rafdarn am Donnerstag 2. Februar 2012, 07:15, insgesamt 10-mal geändert.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Vieles hatte er schon erlebt in all den vielen Jahren, die er in diesem Land lebte, doch das verschlug ihm den Atem.
Nur schwer konnte er sich beherrschen.
Die Klärung der Angelegenheit lag ihm am Herzen, doch war es typisch für die Städter: Jeder kochte sein eigenes Süppchen, ignorierend, dass Krieg herrschte im Lande.
Alynara hatte die unheilvollen Worte ausgesprochen ... andere würden sicher in die Sache hineingezogen werden ... andere - wohl Unschuldige, doch das würde sich herausstellen, während der Nachforschungen.
Der Befehl an das Volk war gegeben. Die Angelegenheit würde ihren Lauf nehmen.
Nur schwer konnte er sich beherrschen.
Die Klärung der Angelegenheit lag ihm am Herzen, doch war es typisch für die Städter: Jeder kochte sein eigenes Süppchen, ignorierend, dass Krieg herrschte im Lande.
Alynara hatte die unheilvollen Worte ausgesprochen ... andere würden sicher in die Sache hineingezogen werden ... andere - wohl Unschuldige, doch das würde sich herausstellen, während der Nachforschungen.
Der Befehl an das Volk war gegeben. Die Angelegenheit würde ihren Lauf nehmen.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Der Sieg der Weyberfetzen
Der Ridder traute seinen Augen nicht. Was sich da abspielte, war für ihn unfassbar. Bajard, dieser ewig brodelnde Kessel, das Dorf, in dem seit Jahresläufen ständig der Streit tobte und der Hass die Klingen wegen Nichtigkeiten fliegen ließ, war zu einem friedlichen Marktplatz mutiert, der vorwiegend von einem Haufen durchgedrehter Weyber und ein paar enttäuschten Kerlen bevölkert war.
Schulter an Schulter besahen sich euphorische Blauhäute, Städterweyber und die Weyber der Verbrannten die neuesten Modelle an Weyberfetzen, die diese Handelsgesellschaft ausgestellt hatte, während ihre Kerle brav hinter ihnen hertappten und das Erworbene schleppen halfen.
War das das Ende eines Jahrhunderte tobenden Glaubenskriegs, triumphal gewonnen von bestickten Stoffbahnen? Beeindruckten tiefe Dekoltees und Spitzen mehr, als schwere Rüstungen und Schilde?
Waren wehende Röcke gewichtiger, als scharfe Klingen?
Nachdenklich und verwirrt verließ Kanubio das wuselnde Fischerdörfchen, grübelnd, ob die alte Kriegslehre mit ihren taktischen Strategien in solchen Tagen ihre Bedeutung verloren hatte.
Der Ridder traute seinen Augen nicht. Was sich da abspielte, war für ihn unfassbar. Bajard, dieser ewig brodelnde Kessel, das Dorf, in dem seit Jahresläufen ständig der Streit tobte und der Hass die Klingen wegen Nichtigkeiten fliegen ließ, war zu einem friedlichen Marktplatz mutiert, der vorwiegend von einem Haufen durchgedrehter Weyber und ein paar enttäuschten Kerlen bevölkert war.
Schulter an Schulter besahen sich euphorische Blauhäute, Städterweyber und die Weyber der Verbrannten die neuesten Modelle an Weyberfetzen, die diese Handelsgesellschaft ausgestellt hatte, während ihre Kerle brav hinter ihnen hertappten und das Erworbene schleppen halfen.
War das das Ende eines Jahrhunderte tobenden Glaubenskriegs, triumphal gewonnen von bestickten Stoffbahnen? Beeindruckten tiefe Dekoltees und Spitzen mehr, als schwere Rüstungen und Schilde?
Waren wehende Röcke gewichtiger, als scharfe Klingen?
Nachdenklich und verwirrt verließ Kanubio das wuselnde Fischerdörfchen, grübelnd, ob die alte Kriegslehre mit ihren taktischen Strategien in solchen Tagen ihre Bedeutung verloren hatte.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Gefühle
Niemals waren sie bei seiner Ausbildung wichtig gewesen und doch gingen sie ihm in letzter Zeit stetig durch den Kopf. Freilich war auch Lhyam daran beteiligt, die vielen Diskussionen darüber, aber auch ein inzwischen lang gehegter innerlicher Wunsch, sie wieder frei ausleben zu dürfen. Lediglich bei Widogard hatte er sich in all den schweren Jahren geöffnet. Aye, sie schaffte es, dass er frei heraus lachte und sich gab, wie er in Wirklichkeit war.
Es betrübte ihn zutiefst, dass er diese Freiheit nicht mehr mit seinem eigenen Prachtweyb genießen konnte.
Zu schwer schien die Last der Verantwortung auf ihrer beider Schultern zu lasten.
War Verantwortung mit Ernsthaftigkeit verbunden?
Wie oft hatte er Argos lachen gesehen?
Das Lachen fehlte dem Ridder.
Fehlte es Argos denn gar nicht?
War Argos immer schon so gewesen? So ruhig, so überlegen, so ...
"kühl" war das Wort, das sich in Kanubios Gedanken drängte. Ney, er hielt Argos nicht für kühl obwohl es oft den Anschein hatte.
Nach so langer Zeit des Lernens erkannte er, dass es noch immer viel zu lernen gab.
Niemals waren sie bei seiner Ausbildung wichtig gewesen und doch gingen sie ihm in letzter Zeit stetig durch den Kopf. Freilich war auch Lhyam daran beteiligt, die vielen Diskussionen darüber, aber auch ein inzwischen lang gehegter innerlicher Wunsch, sie wieder frei ausleben zu dürfen. Lediglich bei Widogard hatte er sich in all den schweren Jahren geöffnet. Aye, sie schaffte es, dass er frei heraus lachte und sich gab, wie er in Wirklichkeit war.
Es betrübte ihn zutiefst, dass er diese Freiheit nicht mehr mit seinem eigenen Prachtweyb genießen konnte.
Zu schwer schien die Last der Verantwortung auf ihrer beider Schultern zu lasten.
War Verantwortung mit Ernsthaftigkeit verbunden?
Wie oft hatte er Argos lachen gesehen?
Das Lachen fehlte dem Ridder.
Fehlte es Argos denn gar nicht?
War Argos immer schon so gewesen? So ruhig, so überlegen, so ...
"kühl" war das Wort, das sich in Kanubios Gedanken drängte. Ney, er hielt Argos nicht für kühl obwohl es oft den Anschein hatte.
Nach so langer Zeit des Lernens erkannte er, dass es noch immer viel zu lernen gab.
Zuletzt geändert von Rafdarn am Samstag 11. August 2012, 00:58, insgesamt 1-mal geändert.
-
Rafdarn
- Beiträge: 69
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
In jener Nacht schlief er unruhig. Träume zeigten ihm seinen Tod, einen grässlichen Tod. Sein Weyb und Welpe wären aleine ... doch was war das? Auch sein Welpe würde sterben in diesem Alb. Sein Welpe, Svanhild, sein ein und alles.
Das was er geschaffen hatte, ward mit einem Schlag vernichtet. Vernichtet für immer. Vernichtet sein Wissen um dieses Land, vernichtet alles, was er erlebt hatte und von dem er berichten könnte.
Nein ... nein ... nein! Das war es nicht, wozu er bestimmt war, das konnte nicht sein. Schweißgebadet erwachte er, versuchte weiterzuschlafen, doch es gelang ihm nicht. So viele Jahre hatte er sich bemüht um alles und jetzt sollte er sein Leben aushauchen? So viel wusste er um dieses Land und mit seinem Tod sollte alles vorbei sein? All sein Wissen sollte mit seinem Tod vergessen sein?
War es das, was die Geyster und Ahnen wollten? Riefen sie ihn in seinen noch so jungen Jahren zu sich? Er wehrte sich mit all seinem Selbst dagegen. Er liebte sein Weyb, hatter er ihr doch noch kürzlich ein Halsgeschmiede besorgt, das wie sonnenstrahlen die Farbe ihrer bernsteinfarbenen Augen widerspiegeln sollten und auch der Grabstein seines Dahs war noch immer in einer seiner Truhen, der an sein Grab und mit diesem dessen Erinnerung aufrechterhalten sollte ....
War sein Ende tatsächlich so nahe?
War es das gewesen?
Wären all seine Bemühungen vergeblich gewesen?
War alles das ... seine Liebe zu Lidwina ... seine Bemühungen um das Volk ... Ja sogar, den Städtern mit ihren Fragen zu helfen für nichts gewesen sein?
War all das hier einfach nur nichts?
Nichts wegen einem Alb, der so real war, dass der sonst so starke Krieger ins Keuchen geriet, hab dem Tod nahe?
Dem Tod ...
er fühlte ihn ganz nahe.
Das Ende dieser Zeit in diesem Land hier.
Das Ende.
Nie zuvor hätte er an jenes gedacht.
Nun schien es ihm nahe.
Seine Ahnen riefen nach ihm ... SEINE AHNEN?
Welche Stimmen waren es, die da riefen?
Die Stimmen der Ahnen von Tithus oder jene der in der Halle der Ahnen in Anundraf?
Er war noch so jung, hätte noch so viel vor sich gehabt und trotzdem langten die Krallen des Todes nach ihm. Eiskalte Krallen.
Er brüllte auf, warf sich in den Fellen hin und her, verlassen von seinem gliebten Weib, die wohl sonst ihre sanften Arme um ihn geschlungen hätte und ihm wohlwollende Worte zugeflüstert hätte.
Aber - sie war nicht da.
Schon lange war sie nicht da gewesen ... auf Reisen. Verlassen ward er von ihr, ihr zugestehend müssend, ihre eigenen Wege zu gehen, während ihr Welpe verwahrloste und sein Fressen mit Wölfen teilte.
Aber er war und ist Kanubio, Ridder der Thyren, der er schon lange Zeit war und vieles bei dém Volk erlebt hatte. Aye, er war Kanubio, Ridder, aber auch nicht unsterblich ... und alles in ihm wehrte sich zu sterben. Nein, er wollte nicht sterben. Egal, was dieses Lebén, die Ahnen und Geyster für ihn vorgesehen hatten - er wollte nicht sterben. Nicht sterben ... nein ... nicht sterben.
Das was er geschaffen hatte, ward mit einem Schlag vernichtet. Vernichtet für immer. Vernichtet sein Wissen um dieses Land, vernichtet alles, was er erlebt hatte und von dem er berichten könnte.
Nein ... nein ... nein! Das war es nicht, wozu er bestimmt war, das konnte nicht sein. Schweißgebadet erwachte er, versuchte weiterzuschlafen, doch es gelang ihm nicht. So viele Jahre hatte er sich bemüht um alles und jetzt sollte er sein Leben aushauchen? So viel wusste er um dieses Land und mit seinem Tod sollte alles vorbei sein? All sein Wissen sollte mit seinem Tod vergessen sein?
War es das, was die Geyster und Ahnen wollten? Riefen sie ihn in seinen noch so jungen Jahren zu sich? Er wehrte sich mit all seinem Selbst dagegen. Er liebte sein Weyb, hatter er ihr doch noch kürzlich ein Halsgeschmiede besorgt, das wie sonnenstrahlen die Farbe ihrer bernsteinfarbenen Augen widerspiegeln sollten und auch der Grabstein seines Dahs war noch immer in einer seiner Truhen, der an sein Grab und mit diesem dessen Erinnerung aufrechterhalten sollte ....
War sein Ende tatsächlich so nahe?
War es das gewesen?
Wären all seine Bemühungen vergeblich gewesen?
War alles das ... seine Liebe zu Lidwina ... seine Bemühungen um das Volk ... Ja sogar, den Städtern mit ihren Fragen zu helfen für nichts gewesen sein?
War all das hier einfach nur nichts?
Nichts wegen einem Alb, der so real war, dass der sonst so starke Krieger ins Keuchen geriet, hab dem Tod nahe?
Dem Tod ...
er fühlte ihn ganz nahe.
Das Ende dieser Zeit in diesem Land hier.
Das Ende.
Nie zuvor hätte er an jenes gedacht.
Nun schien es ihm nahe.
Seine Ahnen riefen nach ihm ... SEINE AHNEN?
Welche Stimmen waren es, die da riefen?
Die Stimmen der Ahnen von Tithus oder jene der in der Halle der Ahnen in Anundraf?
Er war noch so jung, hätte noch so viel vor sich gehabt und trotzdem langten die Krallen des Todes nach ihm. Eiskalte Krallen.
Er brüllte auf, warf sich in den Fellen hin und her, verlassen von seinem gliebten Weib, die wohl sonst ihre sanften Arme um ihn geschlungen hätte und ihm wohlwollende Worte zugeflüstert hätte.
Aber - sie war nicht da.
Schon lange war sie nicht da gewesen ... auf Reisen. Verlassen ward er von ihr, ihr zugestehend müssend, ihre eigenen Wege zu gehen, während ihr Welpe verwahrloste und sein Fressen mit Wölfen teilte.
Aber er war und ist Kanubio, Ridder der Thyren, der er schon lange Zeit war und vieles bei dém Volk erlebt hatte. Aye, er war Kanubio, Ridder, aber auch nicht unsterblich ... und alles in ihm wehrte sich zu sterben. Nein, er wollte nicht sterben. Egal, was dieses Lebén, die Ahnen und Geyster für ihn vorgesehen hatten - er wollte nicht sterben. Nicht sterben ... nein ... nicht sterben.