Die Familie Razin
Die Wüste ist zumeist ein fein pulverisiertes und hartes Pflaster – und so Manchem erscheint es, als würde vieles in der kargen Wüste den Anfang und ein Ende finden. Zerstreut, vergessen und vereitelt. All dies stellt das Schicksal, welches der Familie Razin der Vergangenheit wiederfahren ist, dar. Wird der Grund oder die Ursache dieses Schicksals doch immer ein Geheimnis oder zumindest nur in Erzählungen wieder zu finden sein, ist es doch Teil der Geschichte. Sandstürme zogen der Zeit vorbei. Vieles, was einst gut war, rissen sie mit, hinterließen sie jedoch auch Überlebende, die einst wieder zusammenfinden werden.
So ward dies der Vergangenheit der Familie Razin. Scheint die Wüste sie einst verschluckt zu haben, soll sie erneut ihren Glanz in der goldenen und heiligen Stadt Menek'Ur finden.
So zumindest die Pläne und Gedanken eines Priesters. Ein Priester der Mutter Göttin, Eluive die Protectorin eines jeden Menekaners. Die Göttin, die einst Saajid anwies, ihr Volk zu führen und zu versorgen – jene Göttin, die ihren Ursprung in allem vertritt und jeden segne der sich in ihre Dienerschaft stellt.
Jener Priester war auf der Suche. Die Suche nach einem Urgestein, einem Ursprung, die erschwerte Suche nach einem Überlebenden.
Viele sind Stürmen und Erderschütterungen zum Opfer gefallen und galt die einst vor Jahrhunderten schillernde Kleinstadt mitten in der Wüste doch einst als Symbol ward sie der Zeit nur noch aus Ruinen und notdürftigen Zeltplanen bestehen. Dieser Stadt lebten einst viele, versorgt durch den Verkehr der Karawanen, welche fast täglich den Weg auf den kleinen Basar fanden und die weiße Sandsteinstadt als Rastpunkt in Anspruch nahmen. Man hatte dem Wohlstand viel, auch wenn die Stadt selbst keine Wasserversorgung hatte, waren es die Karawanen, welche die Stadt mit lebenswichtigen Dingen versorgte. Dem Wasser sprach man dieser Orts eine sehr wichtige und kostbare Rolle zu. Sagte man doch, das es so selten sei, als das es Not und Leid schon durch einen Tropfen zu stillen vermag.
Jedoch waren es die Sandstürmen zu Hauf, die Karawanen scheuen ließen, die Stadt heimsuchten, verwüsteten und je stets ein Dutzend Einwohner und Besucher mit sich rissen. Die Familie Razin war derer Tage einer der vielen Familien, welche ihren tiefen Ursprung in fast jedem Stein der Stadt fanden. So auch reichten die Wurzeln weit, sehr weit hinaus in das Wüstenreiche – waren es doch die Frauen die gern mit Karawanenführern, angesehenen Händlern oder tüchtigen Handwerkern vermählt wurden, man jedoch stets die Gewissheit hatte, sie einst bei einer der Karawanen wieder zu sehen.
Jedoch ward deren Schicksal besiegelt und verschafften auch Opferungen und Gebete zur Mutter Göttin nur stets kleine Linderungen, waren sie der Naturgewalten ausgesetzt und schlussendlich der Vernichtung erwählt.
Man sah Familien erstehen und niedergehen. War dies Grund der Stürme oder Grund des Alters, die wenigen Nachkommen unter diesen Bedingungen oder aber die fernbleibenden Karawanen die das Volk dieser Stadt in den Durst trieben.
Es waren stolze, kämpferische, handwerkliche, streng gläubige und angesehene Familien, die einzogen, verweilten und lebten.
Jedoch ward die Zeit der Geister gekommen und die Stadt gleiche dieser Tage mehr einer Geisterstadt mit wenigen Überlebenden.
Ward doch eine Nacht erneut die Ruhe vor dem Sturm, so sah man schon die ankündigenden Zeichen eines erneuten Sandsturmes, welcher schlussendlich den vollständigen Untergang der Stadt verkündete. In dieser Nacht, die zugleich die Nacht des Aufbruchs war.
So packte auch Nu'man Razin, der Älteste und Letzte der Razin dieser Stadt sein Hab und Gut und zog dem Sturm hinfort, wohl wissend, das viele seiner Weisung die Stellung der Stadt aufzugeben – so wie es ihm Eluive die Nacht zuvor prophezeit hatte – nicht nachkommen würden.
Seien Priester stets bedacht auf kleine Dinge des Lebens, so packte er nur die wichtigsten Sachen ein und nahm das, was sein alter Leib noch zu tragen vermochte, zog hinaus durch die weite, leere Wüste...
...Die Salzberge Cantar waren bereits aus der Ferne zu sehen, erscheinen diese doch wie ein Mahnmal der Göttin selbst, als auch ein Zeichen des Wohlstandes der goldenen Perle Menek'Urs. Nu'man, Ältester und Letzter des Hauses Razin blieb stehen, stark auf seinen Priesterstab, der ihm der letzten Jahre als Stütze diente, gestützt. Sein Blick flog umher, bewundernd die goldenen Kuppeln der Stadt betrachtend. Erschien die Stadtmauer doch in greifbare Nähe gerückt, waren es doch noch viele Schritte des Leidens, die er gehen müsse, ehe ihm die gepflasterten Straßen den Weg erleichtern würden.
Er nahm den letzten Schluck seiner Wasserflasche, atmete einmal tief durch, ehe er auf seinen Stab gestützt den beschwerlichen Weg durch den Sand bahnte. Die letzten Schritte jedoch begleiten vielerlei Gefühle. Gefühle der Hoffnung, der Angst, der Ehrfurcht, als auch ein Gefühl von Schwäche und Stärke zu gleich.
Ward es nun an ihm zu Hoffen, das zu finden, was ihm erneut den Sinn des Lebens zurückgab. Ein Uhrgestein oder Überlebender der Familie Razin.
Eine breite Menschenmasse zog sich wie ein lebender Fluß durch die Straßen und Gassen. Menek'Ur eine Stadt voller Träume, Handel und Wohlstand. War es ihm doch eine Spur ungewohnt, derart viele Menekaner zu sehen und zu spüren, war dies doch auch ein Gefühl Geborgen zu sein, welches an diesem Tage einst mehr seinen Körper durchströmte und sein Herz erleuchten ließ.
Er traf seitlich einer gut besuchten Straße auf ein kleine Gruppe, unscheinbar. Ein kleines Kind, ein stolzer aufrichtiger Menekaner sowie eine, wie es sich für Eluive gehört, verschleierte Dame. Strahlte dies doch ein Gefühl von Familie aus, so wird Nu'man sich folglich eines besseren belehrt wissen. Des Emirs Sohn, der Erhabene Rashad Ameer Omar, samt Leibwache und Begleitung ward es, der einen Streifzug außerhalb der Palastwände wagte.
Nu'man fiel es seiner Tage schwer, sich gebührend niederzuknien, dort zu verweilen und seinen tiefsten Dank entrichten, wohl und behütet in Menek'Ur willkommen und aufgenommen zu sein.
Jedoch blieb ihm das Gefühl oder vielmehr die Eingebung, die Blut dicker als Wasser erscheinen lässt – kamen ihm doch die Tätowierungen des Mannes durchaus bekannt vor. Es waren jene Tätowierungen, die einst auserwählte seiner Familie erhalten. Auserwählt, einst die Familie zu leiten, des Schutzes und der Versorgung bedacht, das erwählte Oberhaupt, der Razin.
Es ward doch eher ein schwer fälliges Gespräch das zu Tage brachte, was Nu'man in Visionen und Träumen sah – Kemail Hamza Razin, der einst verschollene Sohn Nu'mans Bruders.
War doch das Wiedersehen freudig und verwirrt, so kehrte schon bald Strenge und Disziplin ein. War es doch Kemail, der als Palast- und Leibwache eingezogen war.
Die Zeit wird kommen, an dem alles seine Klärung findet – so übte man sich dieses Tages in Geduld und Verschwiegenheit.
Die Zeit des erneuten Abschiedes ist gekommen, auch gewiss, dass dieser nur der kurzen Dauer erscheint.
So geschah es, dass Nu'man Razin und der als adoptierter Ifrey, Kemail erneut zueinander fanden und den Austausch wagten. Berichtete Nu'man von der weißen Wüstenstadt, die auch einst das Heim des jungen Kemail war, den vielen Sandstürmen, den verschollen und verstorben geglaubten Familienangehörigen und der Suche nach dem Oberhaupterbe, so war es Kemail der die Tage und Erlebnisse in Menek'Ur Stadt schilderte.
Nu'man, die geistliche Führung des Hauses Razin, übergab Kemail den goldenen Siegelring, der einen pariser gefärbten Skorpion als Prägung aufwies, und wies ihn auf deine Pflicht hin, den Platz als Oberhaupt der Razin einzunehmen und die Familie erneut in den Stolz und das Ansehen zurückzubringen, die sie einst anderer Orts hatte. Nu'man selbst, so sicherte er zu, würde ihm als Stellvertretet und geistliche Führung zur Seite stehen und so geschah es, dass Nu'man, vielleicht auch übereilt, Baumeister anwies, der Familie Razin ein Heim zu geben.
So lag es nicht fern, das die Familie Razin, als streng gläubige Dienerschaft der Mutter Göttin, Eluive, das Haus der Razin nahe des Tempels errichtete.
So folgte das Eine zum Anderen.
Nu'man selbst, trat den Weg in den Tempel der goldenen Stadt an und bat Eluive um Schutz, Weitsicht, Wohl und Heil für seine Familie und führte Andacht der Verstorbenen der Sandstürme.
Möge doch diesmal das Schicksal der Familie Razin ein anderes sein, auf das sie erneut den Glanz finden wird und sich Namen sowie auch Ehre machen würde.
Sei es eine Geschichte voller Angst, Verlust und Trauer, so wird man sie niederschreiben und der Verkündung über wohlwollende Gedanken und Taten als Öffentlich auslegen.
So geschah es dieserzeit – möge Eluive ein wachsamens und wohlwollendes Auge auf die Familie Razin werfen und stets Wasser, Schatten und eine gesegnete Hand über die Führung der heiligen Stadt, als auch ein jedes Mitglied der Familie Razin halten.