Weinend saß sie am Bettchen und betrachtete ihren schlafenden Sohn. Wie er da so lag, sein kleines Ärmchen um die Pferdepuppe geschlungen, die ihm soviel bedeutete, ohne das er die wirkliche Bedeutung ihrer je erahnen würde können. Sein Lächeln das seinen kleinen Mund umspielte, dass einem so wohlbekanntem Lächeln so aufs Haar glich. Rhys half ihr über so vieles hinweg, den Verlust seiner Schwester Alestea, die die ersten Tage ihres jungen Lebens nicht überstand und über den Verlust seines Vaters. Jedes seiner Lächeln ,die er ihr schenkte, brachte ihr seinen Vater ein Stück weit zurück.
Rhys zuliebe hatte sie den Schritt zurück gewagt und sie hatte es noch nie so sehr bereut wie heute.
Sicher ihr war bewusst gewesen es würde kein leichter Neuanfang werden, mit zuviel Schmerz war der Abschied damals verbunden gewesen. Ihr waren jedoch die Worte seines Vaters, in einer besonderen Nacht, nie aus dem Sinn gegangen und sie wollte sie ihm erfüllen.
Um ihr Weingut musste sie sich nicht sonderlich sorgen, ihr Schwager kümmerte sich wirklich aufopferungsvoll darum. Auch waren die Erträge in all den Jahren stetig gewachsen und so konnte sie sich ein recht sorgenfreies Leben gönnen. Wenn man es genau betrachtete konnte sie sich durchaus vermögend nennen, doch dies war etwas mit dem sie noch nie hausieren gegangen war.
Sie zog es lieber vor, nur das vom Gut abzuziehen was ihm nicht weh tat, für den Rest sorgte sie schon selbst, denn wenn sie eines hasste war es Untätigkeit.
Die erste Zeit nach ihrer Ankunft hatte sie selbst im Gasthaus geschlafen, jedoch war dieses Leben für einen kleinen Jungen nicht das geeignete. So hatte sie schnell das Angebot angenommen und ihn mit seinem Kindermädchen Marie zu ihrer Tante gelassen. So hatte sie die Tage, so gut es ging , mit ihm verbracht. Abends, wenn er schlief , hatte sie versucht sich wieder einzufinden.
Alles jedoch war so ungewohnt, die Menschen ihr zum Teil fremd und sie war noch nie eine Person gewesen die sofort auf jeden den Schritt zu wagte. Oft hatte sie dieser Umstand schon in einem völlig falschen Licht dastehen lassen, doch so leicht war es nicht über ihren eigenen Schatten zu springen.
Ihre ersten Begegnungen mit Rafael waren nicht leicht, gleich beim Ersten wiedersehen verließ er die Taverne in Adoran, weil alle gegen Valentina sprachen . Die Freiin war es gewesen die sie damals ihm hinterher geschickt hatte, sie selbst hätte es wohl nie gewagt. Das Gespräch verlief besser als erwartet und so fiel die Anspannung von ihr ab.
Rahel begann sich voll auf die Suche nach einem neuen Heim zu konzentrieren und sich wieder ihr Leben hier einzurichten. So kam es ,dass sie eines Tages in Berchgard landete und es tat irgendwie gut dort zu sein. Auch wenn sie sich Anfangs mit der dort herrschenden Zwanglosigkeit schwer tat, so war es doch genau das, was ihr an diesem Ort am Besten gefiel. Vielleicht würde sie selbst nie ganz so sein können, dazu standen ihr ihre Erziehung und ihr Wesen zu sehr im Weg, doch hoffte sie zu dem Zeitpunkt noch das man es ihr nachsehen würde.
Bei dem Theaterstück in Ered Luin fragte sie Thancred ob er ihr die Ehre erweisen würde und ihr Sitznachbar wäre, völlig erstaunt hatte er angenommen. Zu dem Zeitpunkt ahnte sie noch nicht wie sich das alles entwickeln würde. Er überraschte während des Stückes mehr als einmal und auch danach als sie bei ihm daheim zusammen saßen und redeten. Schnell merkte sie er war ein Mensch zu dem man offen sein konnte, nein es sogar sein musste, so man ihn nicht enttäuschen wollte. So wurde er erst ihr Vertrauter der durch seine unbeschreibliche Art sich langsam in ihr Herz einschlich und ihr ihr so lange vermisstest Lachen zurückbrachte.
Dann dieses unsägliche Treffen mit Rafael in Berchgard am Lamm einen Tag nachdem sie Amary‘s Rückkehr noch gefeiert hatten. Rafael und sie kamen fast zeitgleich an und Amary ging sofort wiegenden Schrittes auf ihn zu. Sie fragte ihn ob er einsam wäre und etwas Abwechslung bräuchte, dabei ließ sie billig ihre Hüfte kreisen, und Rahel wurde schlecht. Rafael schien gefallen an dieser Vorstellung zu finden und beugte sich lachend, ihr dabei etwas ins Ohr flüsternd, hinab. In Rahel stieg Wut hoch, was war aus ihm nur geworden, merkte er nicht wie sehr sein Verhalten grad seinem Ruf und dem seiner Familie schaden könnte. Für sie selbst war es klar gewesen, dass er in ihrer Abwesenheit sicher nicht nur Blumen und Bienchen betrachtet hatte. Doch dass er es so schamlos in der Öffentlichkeit zeigte noch dazu auf diese Art und Weise, die wohl mehr in ein Hafenviertel passte, erschreckte sie und sie gab ihm ihren Unmut darüber deutlichst zu verstehen.
Was er im privaten Kämmerlein tat war ihr egal, so meinte sie, jedoch in der Öffentlichkeit erwartete sie anderes von ihm. Ihre erste Auseinandersetzung folgte nachdem er wieder hoch kam und wie nicht anders zu erwarten, verstand er ihre Intention nicht sondern machte ihr Vorwürfe, sie wolle ihn doch nur zurück. Rahel hatte Mühe ihren Zorn im Zaum zu halten, was bildete er sich denn ein, nach allem was geschehen war, glaubte er wirklich, dass sie ihn mit offenen Armen wieder empfangen würde, damit er ihr erneut den Boden unter den Füssen wegreißen konnte.
Was sie von ihm wollte war etwas ganz anderes, etwas was zu dem Zeitpunkt nur Thancred wusste.
Viel später erst erfuhr sie wieso Amary sich so gegeben hatte.
In der darauffolgenden Zeit hatte sich vieles verändert. Thancred war ihr immer näher gekommen und langsam ließ sie wieder Gefühle zu von denen sie glaubte, sie nie wieder empfinden zu können. Doch war sie recht vorsichtig, denn es gab etwas was dieses neue Glück schneller zerstören konnte als ihr lieb war.
Dieser Grund war sicher nicht Rafael mit dem sie seit ihrer Eröffnung ihres wahren Grundes ihrer Rückkehr wieder langsam Frieden schloss. Er würde immer einer der wichtigsten Personen ihres Lebens bleiben. Vielleicht würden sie es sogar schaffen, dass es wieder so war wie am Anfang.
Für Außenstehende mochte diese Beziehung vielleicht anders aussehen als sie tatsächlich war, doch es war ihr egal was die anderen dachten.
Wichtig war nur das eine einzige Person wusste wie es wirklich war und dass sie was ihn betraf immer ehrlich war.
Dieses Intrigenspiel des Lamms hatte sie heute zutiefst verletzt. Rahel hatte keinen Zweifel an Thancred’s Gefühlen zu ihr. Diese Falschheit Amary’s, Rogan’s und auch Linnet’s, von der sie es am wenigsten erwartet hätte, hatte sie verletzt. Das sie ihr Spiel sogar weiter trieben als sie daneben stand, sie ihr vorher ins Gesicht gelächelt und geheuchelt hatten, das hatte sie verletzt. Auch Amary’s so offen abfällige Art ihr gegenüber. Sie war entsetzt das Freunde anderen Freunden so in den Rücken fielen, selbst wenn sie sich ,wie sie heute ja sehr eindeutig sah, nicht dazuzählen durfte, so war Thancred ihr Freund. Sie nahmen es in kauf seine Liebe zu zerstören für etwas, was wahrscheinlich eh nie sein würde.
Doch es war nicht alles was sie so verletzte, auch Thancreds Verhalten danach. Sicher er zog sie in seinen Arm und versuchte ihr so halt zu geben. Jedoch tat er alles als Spaß unter Freunden ab und das nächste mal würde er schon etwas sagen. Welchem nächsten Mal, was mussten sie denn noch alles tun?
Sie würde sehen was nun wirklich passieren würde.
Nur einen Lichtblick hatte sie gehabt, Rafael, auch wenn sie ihn sonst für seinen Hitzkopf am liebsten den Hals umdrehen würde, dieses mal fand sie ihn durchaus angebracht und niedlich.
Amary’s eigene Worte kamen ihr wieder in den Sinn sinngemäß waren sie gewesen “ Man kann mich nur als Freundin sehen oder als Feindin”. Ersteres hatte sie bisher versucht und seit dem gestrigen Tage war klar sie sah es nicht so, so wurde es wohl Zeit umzudenken.