Mitten in der Nacht wurde Sharay aus dem Gebet gerissen, als es an der Tür ihres Zimmers verhalten pochte. Ein Bote aus dem Palast warte vor der Tür des Anwesens, teilte ihr ein Bediensteter der Baronin mit, es sei wohl dringlich.
Rasch zog sie sich an und ging hinunter, um die Nachricht in Empfang zu nehmen. Es war nur eine mündliche Mitteilung, dass sie sofort in den Rittersaal des Palastes kommen möge.
Eine Nachricht aus dem Palast war zur Zeit schon ungewöhnlich, aber dies klang sogar dringlich, also lies Sharay keine Minute länger als nötig verstreichen, um sich standesgemäß anzukleiden und dem Boten in den Palast zu folgen.
Der Bote, ein wohlgekleideter Bediensteter des Palastes, geleitete die Ritterin direkt und ohne ein Wort zu verlieren zum Rittersaal, kurz vor der schweren Doppeltür blieb er stehen, verneigte sich und zog sich zurück, um seinen weiteren Aufgaben nachzugehen.
Sharay zog die Doppeltür auf und fand den Rittersaal leer vor, trat ein und steuerte ihren Platz an. Dort lag, sorgfältig verpackt und mit einem einfachen, tiefschwarzen Wachssiegel versehen, ein Papyrus. Als sie das Siegel, auf dem eine Pantherkralle, die einen Dolch umklammert hielt, brach, kam ein schlichter Text zum Vorschein, ohne große Einleitung und ohne Unterschrift. Darunter war eine einfache Karte gezeichnet, welche an einen, Sharay unbekannten, Ort zu führen schien.
‚Prägt euch diese Karte gut ein, Ritterin Lessard. Sie wird euch an einen Ort geleiten, der dazu gedacht ist, euer Schicksal zu bestimmen. Ihr werdet euch sofort auf den Weg begeben, sprecht mit keiner Person der ihr begegnet, weder über euren Weg noch über anscheinend Nebensächliches. Euch steht auf eurer Reise nur die geringste Ausrüstung zu, wählt entsprechend weise. Ihr werdet im Anschluss dieses Papyrus verbrennen.’
Sie setzte sich hin und machte sich also daran, die Karte zu lernen, viel Zeit blieb ihr nicht. Kaum hatte sie die Karte verinnerlich, begab sie sich auch schon zum Kamin in der Saalecke und stocherte die letzte Glut an, legte das Papyrus darauf und sah zu, wie es sofort Feuer fing.
Das Papyrus musste wohl vom Schreiber mit etwas behandelt worden sein, welches das so schon sehr feuerempfindliche Pflanzengewebe in nur wenigen Augenblicken ein Opfer der Flammen werden ließ. Schwarzer Rauch kräuselte hinauf zum Rauchabzug und ihr war, als würde er ein vergängliches Bild formen, ähnlich eines springenden Panthers. Kurz überlegte sie über diese Erscheinung, dann aber begab sie sich zurück zum Anwesen, um schnellstmöglich alles für ihre Reise zu bereiten.
Dort angekommen wählte sie wie angewiesen nur einfachste Ausrüstung. Ein Kettenhemd, ein paar Arm und Beinschienen, dazu ein offener Helm, einen Anderthalbhänder sowie einen Dolch, eine Flasche Wasser und ein Fresspaket. Darüber zog sie ihre Robe und begab sich so leise wie möglich hinaus in die Nacht. Die wenigen Leute, denen sie unterwegs begegnete, würdigte sie keines Blickes und ging raschen Schrittes direkt zum Panthertor aus der Stadt hinaus. Dort fiel ihr nun eine Gestalt auf, gehüllt in eine dunkle Robe, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Die Gestalt, unerkennbar ob Mann oder Frau, sprach kein Wort, sondern drehte Sharay nur die bloße linke Handfläche zu, auf welcher sie eine Narbe erkannte. Einen Augenblick später trat die Gestalt dann wortlos in die Stadt hinein und Sharay setzte ihren Weg unbeirrt fort, nur der Karte in ihrem Kopf folgend, ungewiss, was sie erwarten würde.
Lange war sie in der Nacht unterwegs, fürchtete schon, sie habe sich verlaufen, habe sich die Karte nicht richtig eingeprägt, weil der Weg, den sie beschritt, immer weiter weg von allem Bekannten führte Ein kleiner, fast vergessener Pfad, der immer höher das Bergmassiv hinauf führte, das mitten auf Gerimor thronte. Immer wieder mal gerat sie ins Rutschen, weil lose Steine unter ihren Stiefeln wegbrachen, sie schrammte sich die Hände auf, schlug sich blaue Flecken an ungeschützten Körperstellen. Verbissen kämpfte sie sich weiter den Berg hinauf, bis sie vor einem kleinen Höhleneingang stand, der halb zugewuchert von Efeu war. Das Efeu hielt ihrem Schwertstreich nicht stand und die Ritterin konnte die Höhle betreten, in Gedanken ging sie ihre Aufgabe durch, dachte daran, einmal zurück zu sehen, ging dann aber unbeirrt weiter hinein. Kaum war sie einige Schritte im Inneren, erklang das Brechen von Stein und es wurde restlos dunkel, als der Eingang in sich zusammen stürzte und der Rückweg verschlossen war. Ein kurzes Gebet an Alatar später konnte sie jedoch wieder etwas sehen und sich orientieren und ging entschlossen, das Schwert in der Hand, tiefer in die Höhle hinein. Der Weg führte gewunden hinab, tief hinein in den Berg, kleine Knochen waren ein Zeichen, dass die Höhle wohl ab und zu Unterschlupf für Leben bot.
Irgendwann, Sharay hatte längst das Gefühl für die Zeit verloren, betrat sie eine kleine Kaverne, wo sie sich niederließ um einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Etwas kam ihr jedoch seltsam vor, als wäre sie nicht allein. Wachsam behielt sie die Umgebung im Auge, da! Dort war ein Geräusch aus der Richtung, aus der sie kam. Sofort war sie auf den Beinen und ging in die Richtung des Geräusches, sah jedoch nichts.
Ein Klackern ließ sie herum fahren, diesmal kam es aus der anderen Richtung der Kaverne, wo der Gang weiter ging. Langsam ging Sharay mit erhobenem Schwert zum Gang und spähte hinein, konnte aber nichts erkennen. Wieder überkam sie das beklemmende Gefühl, als wäre sie nicht allein, konnte jedoch nicht festlegen, wo ihr Verfolger - oder waren es mehr als einer? – sich aufhielt. Sie lenkte ihre Schritte weiter, wieder durch den Gang hinab, manchmal gerieten wieder kleine Steine oder Knochen unter ihren Sohlen ins rutschen, sie fiel und erhielt zum Lohn einige Schrammen mehr. Mittlerweile nagte der Zahn der Erschöpfung an ihrem Körper, Stunden mussten schon vergangen sein, seit sie die Höhle betreten hatte. Die Luft war trocken und stickig, wie tief musste sie schon im Fels sein?
Wieder erreichte sie eine kleine Kaverne und beschloss, eine kurze Rast zu machen.
Gerade hatte sie sich hingesetzt, als sie wieder dieses Geräusch hörte, deutlicher, wie von Schritten. Alle Gedanken gesammelt, erhob sich die Ritterin und wandte sich gen der Quelle.
Kaum der Richtung zugewandt, erklangen die Schritte wieder, diesmal hinter ihr. Sharay fuhr herum, sah aber nichts. Ganz nah, hinter ihr. Das Schwert vollführte einen Bogen, durchschnitt die Luft und traf kurz auf Widerstand, zerteile diesen ohne Mühe und ein lebloser Körper fiel zu Boden. Ein Blick darauf und sie erkannte einen Mann, gekleidet in dunkles Leder, ein Messer lag neben ihm. Schritte, wieder, hinter ihr, kamen näher, dieser kurze Moment der Ablenkung des Toten hatte genügt, dass sich wieder einer anschleichen konnte. Sie fuhr herum, das Schwert zum blocken erhoben, jedoch war die Gestalt schon zu nah, ein Schmerz durchfuhr ihren Leib, als die Klinge seinen Weg durchs Kettengeflecht in ihren Leib fand. Zorn stieg in Sharay auf, als sie das boshafte Grinsen auf den Zügen der Gestalt erkennen konnte. Diese verschwanden jedoch so rasch, wie sie gekommen waren, als ein Ruck durch den Mann ging und er niedersank.
Den blutigen Dolch schob sie zurück in die Scheide, ließ das Schwert fallen und zog ihrerseits langsam das Stilett aus ihrer Seite. Eigentlich war die Wunde nicht tief, der Meuchler hatte sie schlecht getroffen, aber es brannte wie Feuer. Ihr Blick verriet ihr, dass die Klinge mit etwas bestrichen war, dann wurde es schwarz um die Ritterin.
Lange Zeit später öffnete Sharay die Augen und nahm verschwommen ein schwaches, blaugrünliches Glühen wahr. Dumpfes Pochen in ihrem Kopf kündigte an, dass sie noch unter den Lebenden weilte. Der Versuch sich zu bewegen wurde begleitet vom Schmerz, der vom Stich ausging, schwer schaffte Sharay es auf die Beine, suchte ihr Schwert und untersuchte die Wunde. Ihr Proviant fehlte, nur noch Waffen und Rüstung waren da, diese Aufgabe schien schwieriger zu werden als erwartet. Notdürftig wurde die schmerzende Wunde verbunden und der Weg weiter verfolgt, immer weiter, immer tiefer hinein in den Berg.
Weg des Schicksals
-
Sharay Lessard
Der Gang verzweigte sich nun und Sharay blickte erst in den einen, dann in den anderen Gang. Einige Sekunden überlegte sie, bis sie sich in den weniger, von fluoreszierenden Moosen, grün-bläulich beleuchteten Gang wandte. Die Wunde an ihrer Seite schmerzte und brannte, Erschöpfung machte sich in ihrem Körper breit und die trockene, abgestandene Luft tat ihr Übriges. Trotzdem setzte sie einen Fuß vor den anderen und ging unbeirrt weiter durch die Dunkelheit.
Mit einem Mal geriet sie ins Rutschen, als wieder einmal kleine Steine den Halt unter ihren Stiefeln verloren und den Rest des Ganges beendete die Ritterin halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, ehe sie in einer weiteren, kleinen Höhle zum stehen kam. Unter einigen Verwünschungen rappelte sie sich wieder auf und sah sich um, ein kleiner unterirdischer Bach floss quer durch die kleine Höhle. Sofort war sie auf den Knien um etwas zu trinken, bemerkte aber rechtzeitig den unangenehmen Schwefelgeruch, den das Wasser mit sich führte. Wie tief musste sie schon im Berg sein? Also zog Sharay sich vom Wasser zurück in eine andere Ecke der Höhle, kniete sich nieder und beschloss, eine Weile zu meditieren.
Das junge Mädchen lief, begleitet von ihrem Hundewelpen, mit ihrem Bündel Reisig, den sie fürs heimische Feuer gesammelt hatte, langsam am Waldrand entlang. Die Sonne schien und es war ein warmer Tag, man mochte nicht vermuten, dass der Herbst nahte und wohl bald die ersten Stürme übers Land ziehen würden. Immer wieder musste sie kurz warten, wenn der Welpe sich gerade für einen Baumstamm interessierte, aber jedes Mal folgte er doch nach einigen Augenblicken wieder seinem Frauchen. Nur nicht dieses Mal, ein Rascheln war aus dem tieferen Gebüsch zu vernehmen und der Kleine huschte, neugierig wie er war, rasch hinein. Das Mädchen wartete erst geduldig, dann mit immer größerer Sorge auf ihren Hund, schließlich ging sie zu dem Gebüsch um ihren Gefährten zu suchen, fand ihn jedoch nicht. Stattdessen vernahm sie ein tiefes Grollen aus dem Gebüsch, ein Paar bernsteinfarbene Augen glühten sie an und in großer Angst ergriff sie die Flucht, spürte aber, wie sie verfolgt wurde. Nur wenige Schritt weiter stürzte sie über einen Stein und bekam gerade noch mit, wie sich ein Schatten über sie beugte. Stunden später fanden Männer aus dem Dorf, geführt vom Welpen, die Überreste des kleinen Mädchens völlig zerfetzt von scharfen Krallen im Wald. Nichts deutete auf ein hungriges Raubtier hin, die Spuren jedoch waren eindeutig die eines Panthers.
Sharay öffnete ihre Augen wieder, es ging ihr besser. Sie erhob sich und nahm die abgelegten Waffen wieder an sich, dann machte sie sich auf, dem Gang weiter zu folgen, nun voller Erwartung, was noch geschehen möge.
Wieder mehrere gefühlte Stunden war sie unterwegs, der Gang nahm nun nicht mehr seinen Weg hinab sondern verlief ebenmäßig und wurde teils sogar etwas breiter, so dass man einzelne, kleine Höhlen nicht mehr von ihm unterscheiden konnte. Der Gang mündete diesmal in einer etwas größeren Höhle in deren Mitte einige Steine aufgeschichtet waren. Auf jenen Steinen stand ein Kelch. Sharay betrachtete das Gefäß einige Augenblicke, dann packte sie ihn ein und sah sich weiter um, fand aber nichts weiter als lose Steine. Wie lange war sie wohl unterwegs gewesen um in diesem letzten Raum zu stehen? Es führte also nur jener eine Gang hier hin, sie musste ihn wieder zurück bis zu jener Gabelung, an der sie vor Stunden, oder waren es schon Tage, gestanden hatte. Das Zeitgefühlt hatte sie nun völlig verloren, aber nicht ihr Mut und ihre Entschlossenheit. Sie machte also kehrt und begab sich den langen Weg zurück, kämpfte sich den Steilen Gang hinauf, den sie irgendwann zuvor hinunter gerutscht war und zog sich immer wieder Schrammen und blaue Flecken zu. Erschöpft sank sie zu Boden, als sie die Gabelung erreichte und dankte im Stillen Alatar, dass er sie wieder her geleitet hatte.
Der andere Gang, welchen sie vorher nicht gewählt hatte, war ein wenig heller beleuchtet durch die fluoreszierenden Moose. Entschlossen lenkte Sharay nach einer kurzen Rast ihre Schritte nun hinein, stets den Anderthalbhänder in den Händen. Etliche Schritte weiter spürte sie, wie sich der Boden veränderte, nicht mehr nur die losen Steine, auch etwas brüchigeres war dort nun bei fast jedem Schritt zu spüren. Ein deutliches Knacken lenkte ihren Blick nun doch zu Boden und sie gewahrte alle paar Schritt ausgebleichte Knochen, hier und da auch Rüstungsteile und leicht rostige Waffen. Dem Drang widerstehend, die Toten näher zu untersuchen, ging sie weiter, versuchte möglichst keinen der Knochen zu zertreten, was sich aber aufgrund ihrer Verfassung nicht vermeiden ließ. Immer wieder blickte sie hinunter, sah von Hiebwaffen zerschmetterte Rüstungen und Knochen, jedoch keinen Bolzen oder Pfeil. Was für Armeen mochten sich nur hier, tief unter der Erde bekämpft haben? ging es ihr durch den Kopf. Zumindest sah sie keine Knochen, die Zwergen oder ähnlichem zu gehören schienen, auch waren die meisten Waffen Schwerter.
Während sie so dahin schritt wurde es langsam heller, die Farbe des Lichtes wechselte von grünblau allmählich zu weiß. Zwischen einzelnen Knochen konnte sie nun auch ab und zu Schmuck erkennen, alles Symbole Alatars, Klauen, springende Panther oder Reißzähne. All diese Toten schienen versagt zu haben, was auch immer ihre Aufgabe gewesen sein mag. Sharay fasste sich selber an den Hals, wo ihr Silberanhänger in Form einer Kralle hing, eines der wenigen Überbleibsel aus der Zeit der Bruderschaft.
Als sie wieder aufsah stand am anderen Ende der Höhle mit den Gebeinen auf einmal eine Gestalt, unverkennbar gerüstet und bewaffnet mit einem Rabenschnabel, knacken verriet direkt, dass der Krieger sich anschickte, ihr entgegen zu kommen. Den Griff des Schwertes umklammernd schritt auch Sharay voran und konnte nun langsam immer mehr von ihrem offensichtlichen Gegner erkennen. Gerüstet in eine helle, fast spiegelnde Plattenrüstung, so groß wie sie und einen vollkommen geschlossenen Helm auf, trat er ihr entgegen und ohne auch nur ein Wort zu verlieren wurde der Rabenschnabel geschwungen. Sharay entkam dem wuchtigen Schlag durch einen raschen Schritt zur Seite, einige Knochen, die an der Stelle lagen, an der sie eben noch stand, wurden zerschmettert. Ohne eine Pause wurde die Waffe wieder erhoben und die beiden Gegner verwickelten sich in einen Kampf, der ohne Zweifel ums letzte Blut gehen würde.
Hieb auf Hieb, Schlag auf Schlag trieben sich die beiden immer wieder gegenseitig durch die Höhle, jeder versuchte eine Lücke im Stil des Gegenübers zu finden, aber anscheinend gab es keine. Jedoch merkte Sharay nun langsam, wie die Erschöpfung wieder zunahm, würde sie nun einen Fehler begehen, wäre es um sie geschehen. Was für einen gut ausgebildeten Gegner hatte sie da nur vor sich, fragte sie sich insgeheim und begann lautlos ein Gebet an den Vater zu richten. Mit immer mehr Zorn und Hass hieb sie nun auf ihren Gegner ein, so dass dieser weiter zurück weichen musste. Ein oder zweimal prallte die Klinge auch an der Panzerung ab ohne Schaden zu hinterlassen. Jedoch schien Sharays Gegner zu erkennen, wie stark sie war und zog sich immer weiter in die Defensive zurück, holte dann aus zu einem letzten Hieb, dem Sharay nur durch einen raschen Sprung zur Seite entgehen konnte, dann verschwand der Gerüstete in dem Gang, aus dem er gekommen war.
Völlig erschöpft, hungrig, durstig und mit schmerzenden Gliedern sank sie nieder, ihre Wunde begann wieder zu schmerzen und rief ihr in Erinnerung, dass sie verletzt war. Sie öffnete die Augen einen Spalt und sah verschwommen vor sich einen schwarzen, geflammten Dolch, den wohl ihr Gegner verloren hatte. Die linke Hand tastete nach der Waffe und nahm sie auf, fast wie ein Schemen kam Sharay die Klinge vor. Sie entledigte sich ihres mitgebrachten Dolches, dann zwang sie sich aufzustehen um zum anderen Ende der knochenübersäten Höhle zu gehen. Dort sank sie nieder und beschloss, wieder zu meditieren um zu Kräften zu kommen.
Weit aufgerissen waren die Augen der Frau, mehr war nicht zu erkennen, weder Gesichtszüge, noch Augen- oder Haarfarbe... trotzdem war da irgendeine Ähnlichkeit.
Mit einem Mal geriet sie ins Rutschen, als wieder einmal kleine Steine den Halt unter ihren Stiefeln verloren und den Rest des Ganges beendete die Ritterin halb auf dem Bauch, halb auf der Seite, ehe sie in einer weiteren, kleinen Höhle zum stehen kam. Unter einigen Verwünschungen rappelte sie sich wieder auf und sah sich um, ein kleiner unterirdischer Bach floss quer durch die kleine Höhle. Sofort war sie auf den Knien um etwas zu trinken, bemerkte aber rechtzeitig den unangenehmen Schwefelgeruch, den das Wasser mit sich führte. Wie tief musste sie schon im Berg sein? Also zog Sharay sich vom Wasser zurück in eine andere Ecke der Höhle, kniete sich nieder und beschloss, eine Weile zu meditieren.
Das junge Mädchen lief, begleitet von ihrem Hundewelpen, mit ihrem Bündel Reisig, den sie fürs heimische Feuer gesammelt hatte, langsam am Waldrand entlang. Die Sonne schien und es war ein warmer Tag, man mochte nicht vermuten, dass der Herbst nahte und wohl bald die ersten Stürme übers Land ziehen würden. Immer wieder musste sie kurz warten, wenn der Welpe sich gerade für einen Baumstamm interessierte, aber jedes Mal folgte er doch nach einigen Augenblicken wieder seinem Frauchen. Nur nicht dieses Mal, ein Rascheln war aus dem tieferen Gebüsch zu vernehmen und der Kleine huschte, neugierig wie er war, rasch hinein. Das Mädchen wartete erst geduldig, dann mit immer größerer Sorge auf ihren Hund, schließlich ging sie zu dem Gebüsch um ihren Gefährten zu suchen, fand ihn jedoch nicht. Stattdessen vernahm sie ein tiefes Grollen aus dem Gebüsch, ein Paar bernsteinfarbene Augen glühten sie an und in großer Angst ergriff sie die Flucht, spürte aber, wie sie verfolgt wurde. Nur wenige Schritt weiter stürzte sie über einen Stein und bekam gerade noch mit, wie sich ein Schatten über sie beugte. Stunden später fanden Männer aus dem Dorf, geführt vom Welpen, die Überreste des kleinen Mädchens völlig zerfetzt von scharfen Krallen im Wald. Nichts deutete auf ein hungriges Raubtier hin, die Spuren jedoch waren eindeutig die eines Panthers.
Sharay öffnete ihre Augen wieder, es ging ihr besser. Sie erhob sich und nahm die abgelegten Waffen wieder an sich, dann machte sie sich auf, dem Gang weiter zu folgen, nun voller Erwartung, was noch geschehen möge.
Wieder mehrere gefühlte Stunden war sie unterwegs, der Gang nahm nun nicht mehr seinen Weg hinab sondern verlief ebenmäßig und wurde teils sogar etwas breiter, so dass man einzelne, kleine Höhlen nicht mehr von ihm unterscheiden konnte. Der Gang mündete diesmal in einer etwas größeren Höhle in deren Mitte einige Steine aufgeschichtet waren. Auf jenen Steinen stand ein Kelch. Sharay betrachtete das Gefäß einige Augenblicke, dann packte sie ihn ein und sah sich weiter um, fand aber nichts weiter als lose Steine. Wie lange war sie wohl unterwegs gewesen um in diesem letzten Raum zu stehen? Es führte also nur jener eine Gang hier hin, sie musste ihn wieder zurück bis zu jener Gabelung, an der sie vor Stunden, oder waren es schon Tage, gestanden hatte. Das Zeitgefühlt hatte sie nun völlig verloren, aber nicht ihr Mut und ihre Entschlossenheit. Sie machte also kehrt und begab sich den langen Weg zurück, kämpfte sich den Steilen Gang hinauf, den sie irgendwann zuvor hinunter gerutscht war und zog sich immer wieder Schrammen und blaue Flecken zu. Erschöpft sank sie zu Boden, als sie die Gabelung erreichte und dankte im Stillen Alatar, dass er sie wieder her geleitet hatte.
Der andere Gang, welchen sie vorher nicht gewählt hatte, war ein wenig heller beleuchtet durch die fluoreszierenden Moose. Entschlossen lenkte Sharay nach einer kurzen Rast ihre Schritte nun hinein, stets den Anderthalbhänder in den Händen. Etliche Schritte weiter spürte sie, wie sich der Boden veränderte, nicht mehr nur die losen Steine, auch etwas brüchigeres war dort nun bei fast jedem Schritt zu spüren. Ein deutliches Knacken lenkte ihren Blick nun doch zu Boden und sie gewahrte alle paar Schritt ausgebleichte Knochen, hier und da auch Rüstungsteile und leicht rostige Waffen. Dem Drang widerstehend, die Toten näher zu untersuchen, ging sie weiter, versuchte möglichst keinen der Knochen zu zertreten, was sich aber aufgrund ihrer Verfassung nicht vermeiden ließ. Immer wieder blickte sie hinunter, sah von Hiebwaffen zerschmetterte Rüstungen und Knochen, jedoch keinen Bolzen oder Pfeil. Was für Armeen mochten sich nur hier, tief unter der Erde bekämpft haben? ging es ihr durch den Kopf. Zumindest sah sie keine Knochen, die Zwergen oder ähnlichem zu gehören schienen, auch waren die meisten Waffen Schwerter.
Während sie so dahin schritt wurde es langsam heller, die Farbe des Lichtes wechselte von grünblau allmählich zu weiß. Zwischen einzelnen Knochen konnte sie nun auch ab und zu Schmuck erkennen, alles Symbole Alatars, Klauen, springende Panther oder Reißzähne. All diese Toten schienen versagt zu haben, was auch immer ihre Aufgabe gewesen sein mag. Sharay fasste sich selber an den Hals, wo ihr Silberanhänger in Form einer Kralle hing, eines der wenigen Überbleibsel aus der Zeit der Bruderschaft.
Als sie wieder aufsah stand am anderen Ende der Höhle mit den Gebeinen auf einmal eine Gestalt, unverkennbar gerüstet und bewaffnet mit einem Rabenschnabel, knacken verriet direkt, dass der Krieger sich anschickte, ihr entgegen zu kommen. Den Griff des Schwertes umklammernd schritt auch Sharay voran und konnte nun langsam immer mehr von ihrem offensichtlichen Gegner erkennen. Gerüstet in eine helle, fast spiegelnde Plattenrüstung, so groß wie sie und einen vollkommen geschlossenen Helm auf, trat er ihr entgegen und ohne auch nur ein Wort zu verlieren wurde der Rabenschnabel geschwungen. Sharay entkam dem wuchtigen Schlag durch einen raschen Schritt zur Seite, einige Knochen, die an der Stelle lagen, an der sie eben noch stand, wurden zerschmettert. Ohne eine Pause wurde die Waffe wieder erhoben und die beiden Gegner verwickelten sich in einen Kampf, der ohne Zweifel ums letzte Blut gehen würde.
Hieb auf Hieb, Schlag auf Schlag trieben sich die beiden immer wieder gegenseitig durch die Höhle, jeder versuchte eine Lücke im Stil des Gegenübers zu finden, aber anscheinend gab es keine. Jedoch merkte Sharay nun langsam, wie die Erschöpfung wieder zunahm, würde sie nun einen Fehler begehen, wäre es um sie geschehen. Was für einen gut ausgebildeten Gegner hatte sie da nur vor sich, fragte sie sich insgeheim und begann lautlos ein Gebet an den Vater zu richten. Mit immer mehr Zorn und Hass hieb sie nun auf ihren Gegner ein, so dass dieser weiter zurück weichen musste. Ein oder zweimal prallte die Klinge auch an der Panzerung ab ohne Schaden zu hinterlassen. Jedoch schien Sharays Gegner zu erkennen, wie stark sie war und zog sich immer weiter in die Defensive zurück, holte dann aus zu einem letzten Hieb, dem Sharay nur durch einen raschen Sprung zur Seite entgehen konnte, dann verschwand der Gerüstete in dem Gang, aus dem er gekommen war.
Völlig erschöpft, hungrig, durstig und mit schmerzenden Gliedern sank sie nieder, ihre Wunde begann wieder zu schmerzen und rief ihr in Erinnerung, dass sie verletzt war. Sie öffnete die Augen einen Spalt und sah verschwommen vor sich einen schwarzen, geflammten Dolch, den wohl ihr Gegner verloren hatte. Die linke Hand tastete nach der Waffe und nahm sie auf, fast wie ein Schemen kam Sharay die Klinge vor. Sie entledigte sich ihres mitgebrachten Dolches, dann zwang sie sich aufzustehen um zum anderen Ende der knochenübersäten Höhle zu gehen. Dort sank sie nieder und beschloss, wieder zu meditieren um zu Kräften zu kommen.
Weit aufgerissen waren die Augen der Frau, mehr war nicht zu erkennen, weder Gesichtszüge, noch Augen- oder Haarfarbe... trotzdem war da irgendeine Ähnlichkeit.
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Sharay Lessard
Sharay schlug die Augen auf und sah sich um. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit wohl vergangen war, fühlte sich aber etwas erholt. Rasch sammelte sie ihre Ausrüstung zusammen und machte sich auf den Weg hinaus aus der größeren Höhle, dort hin, wo zuvor der Gerüstete verschwunden war. Langsam schritt sie durch den dunklen Gang, immer versucht wachsam zu sein. Aber seit sie die Höhle betreten hatte, spürte Sharay, wie diese Aufgabe, trotz der Ruhephasen, immer mehr an ihrer Verfassung nagte. Waren da nicht wieder Bewegungen im Zwielicht des Ganges? Fuß um Fuß ging sie vorwärts, immer in Erwartung eines erneuten Angriffes oder einer anderen Überraschung.
So ging es wieder eine Weile voran, bis die Ritterin einmal mehr in eine Höhle trat. Stalaktiten hingen von der Decke und vereinten sich langsam mit Stalagmiten auf dem Boden, etliche waren schon zu Säulen zusammen gewachsen. Vorsichtig ging sie zwischen den Säulen hindurch und sah sich um. War dies doch ein geeigneter Ort für einen Hinterhalt. Von überall in der Höhle war das leise Tropfen von Wasser zu vernehmen, das die Stalaktiten langsam wachsen ließ. Wohl eine gute Stunde war sie so durch diese Höhle geschlichen, so leise wie es in einem Kettenhemd möglich war, jeder Gegner hätte genug Zeit gehabt sich von hinten an sie heran zu machen. Aber es geschah nichts. Mit einer gewissen Erleichterung entspannte sie sich und wollte sich gerade auf machen, die Höhle weiter zu durchschreiten um den Weg zu verfolgen, als ihr an einem der Stalagmiten etwas auffiel, das sie vorher übersehen hatte.
An den glatten Stein gelehnt, schon langsam darin eingeschlossen vom Kalk, lag ein Toter, zumindest seine Überreste. Die Brustplatte, die ihn eigentlich schützen sollte, war durch einen Hieb gespalten worden und hatte ihm wohl ein rasches Ende beschert. Gerade wollte Sharay sich abwenden, als sie bemerkte, dass der Tote auf einer ledernen Tasche saß, die anscheinend noch gut zu erreichen war. Also kniete sie sich nieder und begann, die Tasche unter den Überresten hervor zu ziehen. Es dauerte doch länger, als angenommen, aber letztendlich kam eine fast unversehrte Umhängetasche zum Vorschein, die ein gewisses Gewicht hatte. Ihre Finger fuhren über das schon rissige Leder auf der Suche nach einer Prägung oder ähnlichem, fanden aber nichts. Vorsichtig öffnete sie sodann die alten Lederriemen und blickte hinein. Die Tasche enthielt einen, in ein Tuch eingeschlagenen, rechteckigen Gegenstand, den Sharay anhand der Form schnell als Buch identifizierte, jedoch war es zu dunkel um zu erkennen, um was für ein Buch es sich handelte. Also erhob sie sich und verließ den Toten, der dieses Buch sicher nicht mehr benötigen würde, aber wohl über Jahre oder Jahrzehnte gut verwahrt hatte.
Sie kniete sich an einer geeigneten Stelle nieder und wickelte das Buch aus dem Tuch aus. Einige dieser seltsamen Moose spendeten Licht und Sharay betrachtete das Buch nun eingehender. Gebunden war es in schwarzes Leder, eiserne Bänder liefen um die Deckel und dem Rücken herum und verliehen dem Buch eine beachtliche Stabilität. Auf dem vorderen Deckel konnte man eine Klaue erkennen, die einen geflammten Dolch hielt. Vorsichtig begann sie das Buch aufzuschlagen und warf einen Blick auf die erste Seite.
Auf blütenweißem Papier waren mit tiefschwarzer Tinte Buchstaben geschrieben worden, fast wirkten sie wie gezeichnet, so kunstvoll und mit Hingabe waren die Zeilen verfasst worden. Doch schon nach wenigen Worten bemerkte Sharay die Macht, die diesen Worten inne wohnte, ihre Augen begannen zu schmerzen und ein dumpfes Pochen machte sich in ihrem Kopf breit. Sie musste das Buch weglegen und rieb sich die Augen. Kaum war der Schmerz etwas abgeklungen, nahm sie das Buch wieder zur Hand und schlug es auf, begann wieder die Zeilen zu lesen. Wieder kam der Schmerz nach nur wenigen Worten zurück, diesmal zwang sie sich jedoch, weiter zu lesen bis die Buchstaben schon vor ihren Augen verschwammen.
Ihren Blick abwendend starrte sie auf die gegenüberliegende Wand der Höhle und versuchte sich die Worte, welche sie eben erst gelesen hatte, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Kaum waren die Worte durch ihr Gedächtnis gewandert, schlug sie auch schon wieder das schwarze Buch auf und las weiter. Stunden benötigte Sharay, bis sie überhaupt ans Ende der ersten Seite gelangte, immer wieder musste sie das Lesen unterbrechen. Mit der Zeit merkte sie jedoch auch ein anderes Gefühl beim lesen außer dem Schmerz. Langsam spürte sie Zorn in sich aufsteigen, allerdings in ungewohnter Stärke, als würden die Zeilen ihr neue Wege eröffnen. Begierig widmete Sharay sich der nächsten Seite...
Sie schlug die Augen auf, alles um sie herum war verschwommen und ihr Schädel brummte. Anscheinend war sie beim studieren ohnmächtig geworden. Ein wenig die Beine vertreten und den Kopf wieder klar bekommen wäre wohl das Beste, schoss es ihr durch den Kopf und so erhob sie sich, merkte aber sofort, wie wackelig sie auf einmal auf den Beinen war. Sich die Schläfen reibend ging Sharay auf und ab, bis es ihrem Kopf wieder besser ging. Fast schon ungeduldig wurde das Buch wieder zur Hand genommen um sein Wissen zu erkunden.
Immer wieder musste sie eine Pause machen, wenn der Schmerz in den Augen zu groß wurde, merkte aber, dass die Abstände immer größer zu werden schienen. Auch veränderte sich in ihrem Kopf langsam etwas, das Pochen nahm ab, dafür schien etwas im Hintergrund zu sein, aber noch viel zu sehr verborgen, als das man es erkennen könnte.
Langsam aber sicher wurde das Flüstern, welches schon längst das Pochen verdrängt hatte, lauter und klarer, formte Worte, ganze Sätze, die untermalt waren von ungebändigtem Zorn. Flüsterte ihr Formeln ins Ohr, die sich ins Gedächtnis einbrannten. Kaum war ein Absatz gelesen, wurde er von neuem begonnen, bis Sharay ihn wortgetreu wiedergeben konnte. Dennoch zehrte das Studium der Zeilen an ihrer Ausdauer und irgendwann musste sie sich doch für eine Weile ausruhen.
Ein Schwert, geschmiedet aus einem Material, so dunkel wie der Panther selbst, gesegnet und geweiht um seine Feinde nieder zu mache, legt sich ihr in die Hand. Schwarze Schemen umhüllen und schützen sie.
Sie schreckte auf, war wohl tief eingeschlafen und hielt das Buch umklammert. Es waren wieder Schritte zu hören. Sofort war sie auf den Beinen, packte das Buch in die Tasche und zog leise ihr Schwert, verbarg sich dann im Schatten einer Spalte in der Höhlenwand.
Da kam er, der Gerüstete aus der gebeinübersäten Höhle. Wieder mit seinem Rabenschnabel bewaffnet schritt er durch den Gang, anscheinend auf der Suche nach ihr. Langsam hob sie den Anderthalbhänder und kaum war er neben der Spalte, stürzte sie heraus und hieb auf den Kämpfer ein. Durch den Hinterhalt überrascht, musste dieser direkt in die Defensive gehen. Einige schwere Hiebe später ging er in die Knie und Sharay gab ihm den Gnadenstoß, hieb ihm den Kopf ab. Der massige Körper sank nach vorn und blieb regungslos liegen. Schwer atmend wegen der Anstrengung für ihren verausgabten Leib sah sie noch einmal zu dem Krieger hinab, dann trat sie über ihn hinweg und verließ die Höhle, wo sie so lange das Buch studiert hatte.
Der Gang führte nun langsam wieder aufwärts, die Luft war nicht mehr so abgestanden und etwas feuchter, was gut tat nach der Wärme in der Tiefe. Schließlich endete er in einer großen Höhle, fast an eine unterirdische Kathedrale erinnernd. Ungewöhnlich hell wurden die Wände erleuchtet, so dass Sharay sogar die Augen etwas schließen musste. Kaum hatte sie sich vom dauernden Zwielicht der letzten Zeit an die Helligkeit gewöhnt, gewahrte sie eine Person in der Mitte der Höhle, ebenfalls gerüstet, diesmal aber mit Schwert und Schild ausgestattet.
Auf dem Schild konnte man eindeutig die Zeichen eines Ritters erkennen, der dort in seiner ganzen Erhabenheit da stand. Sharay trat näher und der Ritter wandte sich ihr zu, unter dem geschlossenen Visier ließ sich nichts erkennen. Es erklang die klare, freundliche und weibliche Stimme des Ritters, Sharay möge ihrem finsteren Weg abschwören und zurückkehren auf den gerechten Pfad.
Kaum hatte die Ritterin jedoch geendet, fasste Sharay alle verbliebene Kraft zusammen, sandte ein Gebet an Alatar und drang auf die Frau ein. Die Hiebe wurden mit dem Schild abgefangen und sogleich wurde mit dem glänzendem Schwert geantwortet. Diesmal war es Sharay, die zurück getrieben wurde, kein Wunder, da ihre Gegnerin wohlausgeruht und mit einem Schild bewaffnet war. Schlag folgte auf Schlag, denen Sharay langsam nur mit Mühe ausweichen oder abblocken konnte. Wäre es ihr erlaubt gewesen, ihre Ritterrüstung mitzunehmen, beide wären ebenbürtig gewesen. So konnte sie sich nur auf ihre Fähigkeiten mit dem Schwert und ihre ständig gemurmelten Gebete verlassen.
Auf einmal geriet sie ins Stolpern und fiel nach hinten, sofort war die andere Ritterin bei ihr und wollte zum endgültigen Schlag ausholen, als Sharay ihren Fuß hinter die Ferse hakte und mit dem anderen Fuß auf Kniehöhe drückte. Ihre Gegnerin verlor das Gleichgewicht und Sharay kam rascher als diese wieder auf die Beine, mit einem kräftigen Hieb gegen das Handgelenk des Schwertarmes schlug sie der gegnerischen Ritterin die Hand ab. Ein lauter Schrei erklang unter dem Visier und die Frau hielt sich mit der linken ihren Armstumpf, versuchte vor Sharay davon zu kriechen. Als diese jedoch näher kam, flehte die lichte Ritterin um Gnade, worauf hin Sharay ihr Schwert erhob und gegen den Plattenkragen setzte. Ein Nein! war das letzte Wort, welches die Verletzte über die Lippen brachte, dann durchdrang die Spitze des Anderthalbhänders den Plattenkragen und brachte den Tod. Sharay zog die Waffe langsam aus dem toten Körper hinaus, worunter sich schon eine Blutlache ausbreitete. Mit einem Mal öffnete sich das Visier des Helmes und gab den Blick frei auf das Antlitz der Toten: rote Haare säumten ein junges, weiches Gesicht, starr blickten eisgraue Augen angsterfüllt aufgerissen zu Sharay hinauf.
Kaum erkannte sie sich selbst in der Toten, wurde es schlagartig dunkel in der Höhle, gefasst auf einen weiteren Gegner hob sie das Schwert und drehte sich langsam um sich selbst. Da flammte vor ihr ein Augenpaar auf, begleitet von einem tiefen Grollen stürzten diese sich nun auf die dunkle Ritterin, sie wurde rücklings umgeworfen und ein schweres Geschöpf landete auf ihr, dann spürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust und die Augen waren direkt über ihren. Sie erkannte nun einen riesenhaften Panther, der auf ihr saß und sie erst beschnupperte, dann die Fänge bleckte – und zu ihr sprach: ‚Dein Blut gegen mein Blut.’
Sharay suchte mit den Händen nach dem Dolch und dem Kelch, fand sie und hielt sie dem Panther vor die Augen, woraufhin diese kurz erglühten. Sie hielt daraufhin den Kelch an die Schulter des Panthers und ritzte dem Tier die Haut an. Warmes Blut lief aus der Wunde und wurde im Kelch aufgefangen. Kaum war dies geschehen, spürte Sharay, wie sich die Krallen durch das Kettenhemd und die Unterkleidung tief in ihre Brust bohrten, ihr blieb mit einem Schlag die Luft weg und sie verlor die Besinnung.
Sie erwachte und nahm Licht wahr, Tageslicht vor einem Höhlenausgang. Stöhnend richtete Sharay sich auf und sah sich um. Die Höhle ähnelte der, durch die sie in diese Gänge hinein gekommen war, jedoch war der Eingang nicht eingestürzt. Neben ihr stand der blutgefüllte Kelch. Sie blickte an sich herab und sah den großen Blutfleck mitten auf ihrer Brust, mühevoll streifte sie das Kettenhemd und die Unterkleidung ab und sah auf ihre Brust, wo nun vier blutende Male rund um ihr Herz zu erkennen waren. Geschwächt stand sie auf, streifte die Unterkleidung wieder über und begann, den steilen Bergweg hinunter zu gehen, am Fuß des Berges fand sie eine kleine Quelle, wo sie etwas trank. Dann machte Sharay sich auf den Weg nach Rahal, zurück zum Palast wo man sicher schon auf ihre Rückkehr wartete, den Kelch vorsichtig mit beiden Händen tragend.
So ging es wieder eine Weile voran, bis die Ritterin einmal mehr in eine Höhle trat. Stalaktiten hingen von der Decke und vereinten sich langsam mit Stalagmiten auf dem Boden, etliche waren schon zu Säulen zusammen gewachsen. Vorsichtig ging sie zwischen den Säulen hindurch und sah sich um. War dies doch ein geeigneter Ort für einen Hinterhalt. Von überall in der Höhle war das leise Tropfen von Wasser zu vernehmen, das die Stalaktiten langsam wachsen ließ. Wohl eine gute Stunde war sie so durch diese Höhle geschlichen, so leise wie es in einem Kettenhemd möglich war, jeder Gegner hätte genug Zeit gehabt sich von hinten an sie heran zu machen. Aber es geschah nichts. Mit einer gewissen Erleichterung entspannte sie sich und wollte sich gerade auf machen, die Höhle weiter zu durchschreiten um den Weg zu verfolgen, als ihr an einem der Stalagmiten etwas auffiel, das sie vorher übersehen hatte.
An den glatten Stein gelehnt, schon langsam darin eingeschlossen vom Kalk, lag ein Toter, zumindest seine Überreste. Die Brustplatte, die ihn eigentlich schützen sollte, war durch einen Hieb gespalten worden und hatte ihm wohl ein rasches Ende beschert. Gerade wollte Sharay sich abwenden, als sie bemerkte, dass der Tote auf einer ledernen Tasche saß, die anscheinend noch gut zu erreichen war. Also kniete sie sich nieder und begann, die Tasche unter den Überresten hervor zu ziehen. Es dauerte doch länger, als angenommen, aber letztendlich kam eine fast unversehrte Umhängetasche zum Vorschein, die ein gewisses Gewicht hatte. Ihre Finger fuhren über das schon rissige Leder auf der Suche nach einer Prägung oder ähnlichem, fanden aber nichts. Vorsichtig öffnete sie sodann die alten Lederriemen und blickte hinein. Die Tasche enthielt einen, in ein Tuch eingeschlagenen, rechteckigen Gegenstand, den Sharay anhand der Form schnell als Buch identifizierte, jedoch war es zu dunkel um zu erkennen, um was für ein Buch es sich handelte. Also erhob sie sich und verließ den Toten, der dieses Buch sicher nicht mehr benötigen würde, aber wohl über Jahre oder Jahrzehnte gut verwahrt hatte.
Sie kniete sich an einer geeigneten Stelle nieder und wickelte das Buch aus dem Tuch aus. Einige dieser seltsamen Moose spendeten Licht und Sharay betrachtete das Buch nun eingehender. Gebunden war es in schwarzes Leder, eiserne Bänder liefen um die Deckel und dem Rücken herum und verliehen dem Buch eine beachtliche Stabilität. Auf dem vorderen Deckel konnte man eine Klaue erkennen, die einen geflammten Dolch hielt. Vorsichtig begann sie das Buch aufzuschlagen und warf einen Blick auf die erste Seite.
Auf blütenweißem Papier waren mit tiefschwarzer Tinte Buchstaben geschrieben worden, fast wirkten sie wie gezeichnet, so kunstvoll und mit Hingabe waren die Zeilen verfasst worden. Doch schon nach wenigen Worten bemerkte Sharay die Macht, die diesen Worten inne wohnte, ihre Augen begannen zu schmerzen und ein dumpfes Pochen machte sich in ihrem Kopf breit. Sie musste das Buch weglegen und rieb sich die Augen. Kaum war der Schmerz etwas abgeklungen, nahm sie das Buch wieder zur Hand und schlug es auf, begann wieder die Zeilen zu lesen. Wieder kam der Schmerz nach nur wenigen Worten zurück, diesmal zwang sie sich jedoch, weiter zu lesen bis die Buchstaben schon vor ihren Augen verschwammen.
Ihren Blick abwendend starrte sie auf die gegenüberliegende Wand der Höhle und versuchte sich die Worte, welche sie eben erst gelesen hatte, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Kaum waren die Worte durch ihr Gedächtnis gewandert, schlug sie auch schon wieder das schwarze Buch auf und las weiter. Stunden benötigte Sharay, bis sie überhaupt ans Ende der ersten Seite gelangte, immer wieder musste sie das Lesen unterbrechen. Mit der Zeit merkte sie jedoch auch ein anderes Gefühl beim lesen außer dem Schmerz. Langsam spürte sie Zorn in sich aufsteigen, allerdings in ungewohnter Stärke, als würden die Zeilen ihr neue Wege eröffnen. Begierig widmete Sharay sich der nächsten Seite...
Sie schlug die Augen auf, alles um sie herum war verschwommen und ihr Schädel brummte. Anscheinend war sie beim studieren ohnmächtig geworden. Ein wenig die Beine vertreten und den Kopf wieder klar bekommen wäre wohl das Beste, schoss es ihr durch den Kopf und so erhob sie sich, merkte aber sofort, wie wackelig sie auf einmal auf den Beinen war. Sich die Schläfen reibend ging Sharay auf und ab, bis es ihrem Kopf wieder besser ging. Fast schon ungeduldig wurde das Buch wieder zur Hand genommen um sein Wissen zu erkunden.
Immer wieder musste sie eine Pause machen, wenn der Schmerz in den Augen zu groß wurde, merkte aber, dass die Abstände immer größer zu werden schienen. Auch veränderte sich in ihrem Kopf langsam etwas, das Pochen nahm ab, dafür schien etwas im Hintergrund zu sein, aber noch viel zu sehr verborgen, als das man es erkennen könnte.
Langsam aber sicher wurde das Flüstern, welches schon längst das Pochen verdrängt hatte, lauter und klarer, formte Worte, ganze Sätze, die untermalt waren von ungebändigtem Zorn. Flüsterte ihr Formeln ins Ohr, die sich ins Gedächtnis einbrannten. Kaum war ein Absatz gelesen, wurde er von neuem begonnen, bis Sharay ihn wortgetreu wiedergeben konnte. Dennoch zehrte das Studium der Zeilen an ihrer Ausdauer und irgendwann musste sie sich doch für eine Weile ausruhen.
Ein Schwert, geschmiedet aus einem Material, so dunkel wie der Panther selbst, gesegnet und geweiht um seine Feinde nieder zu mache, legt sich ihr in die Hand. Schwarze Schemen umhüllen und schützen sie.
Sie schreckte auf, war wohl tief eingeschlafen und hielt das Buch umklammert. Es waren wieder Schritte zu hören. Sofort war sie auf den Beinen, packte das Buch in die Tasche und zog leise ihr Schwert, verbarg sich dann im Schatten einer Spalte in der Höhlenwand.
Da kam er, der Gerüstete aus der gebeinübersäten Höhle. Wieder mit seinem Rabenschnabel bewaffnet schritt er durch den Gang, anscheinend auf der Suche nach ihr. Langsam hob sie den Anderthalbhänder und kaum war er neben der Spalte, stürzte sie heraus und hieb auf den Kämpfer ein. Durch den Hinterhalt überrascht, musste dieser direkt in die Defensive gehen. Einige schwere Hiebe später ging er in die Knie und Sharay gab ihm den Gnadenstoß, hieb ihm den Kopf ab. Der massige Körper sank nach vorn und blieb regungslos liegen. Schwer atmend wegen der Anstrengung für ihren verausgabten Leib sah sie noch einmal zu dem Krieger hinab, dann trat sie über ihn hinweg und verließ die Höhle, wo sie so lange das Buch studiert hatte.
Der Gang führte nun langsam wieder aufwärts, die Luft war nicht mehr so abgestanden und etwas feuchter, was gut tat nach der Wärme in der Tiefe. Schließlich endete er in einer großen Höhle, fast an eine unterirdische Kathedrale erinnernd. Ungewöhnlich hell wurden die Wände erleuchtet, so dass Sharay sogar die Augen etwas schließen musste. Kaum hatte sie sich vom dauernden Zwielicht der letzten Zeit an die Helligkeit gewöhnt, gewahrte sie eine Person in der Mitte der Höhle, ebenfalls gerüstet, diesmal aber mit Schwert und Schild ausgestattet.
Auf dem Schild konnte man eindeutig die Zeichen eines Ritters erkennen, der dort in seiner ganzen Erhabenheit da stand. Sharay trat näher und der Ritter wandte sich ihr zu, unter dem geschlossenen Visier ließ sich nichts erkennen. Es erklang die klare, freundliche und weibliche Stimme des Ritters, Sharay möge ihrem finsteren Weg abschwören und zurückkehren auf den gerechten Pfad.
Kaum hatte die Ritterin jedoch geendet, fasste Sharay alle verbliebene Kraft zusammen, sandte ein Gebet an Alatar und drang auf die Frau ein. Die Hiebe wurden mit dem Schild abgefangen und sogleich wurde mit dem glänzendem Schwert geantwortet. Diesmal war es Sharay, die zurück getrieben wurde, kein Wunder, da ihre Gegnerin wohlausgeruht und mit einem Schild bewaffnet war. Schlag folgte auf Schlag, denen Sharay langsam nur mit Mühe ausweichen oder abblocken konnte. Wäre es ihr erlaubt gewesen, ihre Ritterrüstung mitzunehmen, beide wären ebenbürtig gewesen. So konnte sie sich nur auf ihre Fähigkeiten mit dem Schwert und ihre ständig gemurmelten Gebete verlassen.
Auf einmal geriet sie ins Stolpern und fiel nach hinten, sofort war die andere Ritterin bei ihr und wollte zum endgültigen Schlag ausholen, als Sharay ihren Fuß hinter die Ferse hakte und mit dem anderen Fuß auf Kniehöhe drückte. Ihre Gegnerin verlor das Gleichgewicht und Sharay kam rascher als diese wieder auf die Beine, mit einem kräftigen Hieb gegen das Handgelenk des Schwertarmes schlug sie der gegnerischen Ritterin die Hand ab. Ein lauter Schrei erklang unter dem Visier und die Frau hielt sich mit der linken ihren Armstumpf, versuchte vor Sharay davon zu kriechen. Als diese jedoch näher kam, flehte die lichte Ritterin um Gnade, worauf hin Sharay ihr Schwert erhob und gegen den Plattenkragen setzte. Ein Nein! war das letzte Wort, welches die Verletzte über die Lippen brachte, dann durchdrang die Spitze des Anderthalbhänders den Plattenkragen und brachte den Tod. Sharay zog die Waffe langsam aus dem toten Körper hinaus, worunter sich schon eine Blutlache ausbreitete. Mit einem Mal öffnete sich das Visier des Helmes und gab den Blick frei auf das Antlitz der Toten: rote Haare säumten ein junges, weiches Gesicht, starr blickten eisgraue Augen angsterfüllt aufgerissen zu Sharay hinauf.
Kaum erkannte sie sich selbst in der Toten, wurde es schlagartig dunkel in der Höhle, gefasst auf einen weiteren Gegner hob sie das Schwert und drehte sich langsam um sich selbst. Da flammte vor ihr ein Augenpaar auf, begleitet von einem tiefen Grollen stürzten diese sich nun auf die dunkle Ritterin, sie wurde rücklings umgeworfen und ein schweres Geschöpf landete auf ihr, dann spürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust und die Augen waren direkt über ihren. Sie erkannte nun einen riesenhaften Panther, der auf ihr saß und sie erst beschnupperte, dann die Fänge bleckte – und zu ihr sprach: ‚Dein Blut gegen mein Blut.’
Sharay suchte mit den Händen nach dem Dolch und dem Kelch, fand sie und hielt sie dem Panther vor die Augen, woraufhin diese kurz erglühten. Sie hielt daraufhin den Kelch an die Schulter des Panthers und ritzte dem Tier die Haut an. Warmes Blut lief aus der Wunde und wurde im Kelch aufgefangen. Kaum war dies geschehen, spürte Sharay, wie sich die Krallen durch das Kettenhemd und die Unterkleidung tief in ihre Brust bohrten, ihr blieb mit einem Schlag die Luft weg und sie verlor die Besinnung.
Sie erwachte und nahm Licht wahr, Tageslicht vor einem Höhlenausgang. Stöhnend richtete Sharay sich auf und sah sich um. Die Höhle ähnelte der, durch die sie in diese Gänge hinein gekommen war, jedoch war der Eingang nicht eingestürzt. Neben ihr stand der blutgefüllte Kelch. Sie blickte an sich herab und sah den großen Blutfleck mitten auf ihrer Brust, mühevoll streifte sie das Kettenhemd und die Unterkleidung ab und sah auf ihre Brust, wo nun vier blutende Male rund um ihr Herz zu erkennen waren. Geschwächt stand sie auf, streifte die Unterkleidung wieder über und begann, den steilen Bergweg hinunter zu gehen, am Fuß des Berges fand sie eine kleine Quelle, wo sie etwas trank. Dann machte Sharay sich auf den Weg nach Rahal, zurück zum Palast wo man sicher schon auf ihre Rückkehr wartete, den Kelch vorsichtig mit beiden Händen tragend.