Am Ende des Weges wartet der Tod

Antworten
Jana Layani Thyrmon

Am Ende des Weges wartet der Tod

Beitrag von Jana Layani Thyrmon »

Die Nacht hüllte das Land langsam in Dunkelheit. Nebelschwaden lagen wie ein Leichentuch darüber. Kein Wind, nicht einmal ein kleiner Windhauch war zu spüren. Die grauen Umrisse der Bäume und Büsche waren nur schemenhaft zu erkennen. Nicht ein Laut war zu hören, selbst die Vögel saßen regungslos im Dickicht. Es war so still, dass man sogar das leise murmeln des weit entfernten Baches vernehmen konnte. Langsam schritt Jana durch den gewaltigen Eingang der Burg, den Weg zur Bibliothek eingeschlagen.

Ein eigenartiges Gefühl überkam sie, als sie sich der Bücherwand zuwandte. Die hohen Regale standen an einer Innenwand, und sie wusste, dass dahinter noch ein weiteres Zimmer lag. Es erschien unmöglich, dass der Luftzug durch die Regale wehte, doch hatte die Flamme vor den Büchern am stärksten geflackert.
Aufmerksam beobachtete sie das schwache Licht und bewegte sich langsam vorwärts. Ihre grauen Augen verengten sich und die Kälte in ihrem wachen Blick war unergründlich.
Als sie näher an die Bücherregale trat, begann die kleine Flamme am Docht auf und nieder zu tanzen und wollte fast verlöschen.

Man muss wissen, wie man mit ihr umgeht.
ertönte eine raue von Sarkasmus geprägte Stimme. Seine Augen musterten sie, als sie in voller Größe ins Licht trat. Als er die Augen hob, lag ein Lächeln auf seinem Gesicht. Eine große, schwarz gekleidete Gestalt eines Mannes saß am Schreibtisch der Bibliothek, lässig zurückgelehnt. Akkurat in Ordenstracht gekleidet. Acasas. Jana fixierte ihn mit ihren Augen, die Augenbrauen hoben sich zu seinen Worten und langsam drehte sie den Kopf einwenig zur Seite, während sie antwortete:
Du hast es endlich gelernt, die Kräfte des Feuer zu kontrollieren, doch ist es besser für dich, wenn du dich weiterhin sorgfältig deinen Studien widmest.
War er doch zu einem wachsamen Schüler geworden, trotzdem schien es oftmals, als wäre er nicht ganz bei der Sache. Im Unterricht war er meist mit den Gedanken woanders. Sie konnte in seinen Kopf springen und ihn lenken, doch leider nicht hineinsehen.
Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln, als er sie abermals musterte.
Was das anbetrifft, haben sie sicherlich recht, Madam.
Galant ergriff er ihre Hand und küsste ihre kalten Finger wie auch die Lippen ihres blassen Mundes. Dann hob er den Kopf wieder an und sah Jana in die Augen. Spott, einzig allein herausfordernder Spott war darin zu lesen. Für einen Augenblick hatte Jana das Gefühl, als stünde die Zeit still. Sie war unfähig in diesem einen, winzigen Moment die Augen von Acasas zu wenden. Zorn flackerte in ihren Augen auf, vermischt mit eisiger Kälte. Es schien fast so, als wolle er ihre Seele ergründen, er ging zu weit. Zu nah trat er an sie heran. Er, ein kleiner nichts nützender Schüler nahm es zu leichtfertig, ihr, seiner Magistra mit Spott gegenüber zu treten. Jana ging einen Schritt näher auf ihn zu, ihre Augen funkelten gefährlich, dann hauchte sie ihm folgende Worte dicht in sein Ohr:
Wie wäre es mit einer kleinen Übungsstunde, der Studien willen, Die Rangordnung war noch nie deins?!
verlockend, geprägt von Ironie drang ihre Stimme an sein Ohr, doch war ihre Frage keine Frage, er wusste, das dies mehr der Befehl einer Magistra sein mochte. Acasas erkannte das überlegene Lächeln auf ihrem Gesicht. Er wusste, dass das, was er getan hatte, falsch war.

Ihre Schritte hallten wieder auf dem harten Boden, in der steinernen Halle. Dunkelheit umgab sie, das nur das schwache Licht der Kerzen durchbrach. Außer ihren Schritten war nichts zu hören, gespenstische Stille umgab diesen Ort. Ihr Blick ruhte unbarmherzig auf der Dunkelheit während sie den direkten Weg zum Übungsplatz ansteuerte. Dort angelangt trat er mit zitternden Händen und weichen Knien ins schwache Licht, welches den Übungsplatz einhüllte. Für einen Augenblick schien es als würde sie sich umdrehen um zu gehen. Hatte er sich in ihr getäuscht, würde sie ihn doch verschonen.
Acasas atmete auf. Der funken Hoffnung kehrte in ihn zurück.
Doch er hatte sich getäuscht.

Ihre Hand, darin ein blutroter Dolch von Runen geziert, die ihm mehr als bekannt waren, schoss hervor und bohrte sich in Acasas’ Brust. Erschrocken starrte er sie an, seine Gedanken suchten eine Erklärung, für das, was so eben geschehen war.
Ein Schmerz durchbohrte seinen Körper, seine Knie gaben nach und er hatte das Gefühl zu Boden zu sinken. Doch ihre Hand stoppte seinen Fall, denn der Dolch steckte in seiner Brust, den sie immer noch in der Hand hielt. Immer noch sah er sie an, entsetzen lag in seinen Augen, während sich in ihren nichts regte. Kalt waren sie, gefühllos, so als weideten sie sich an seinem Schmerz. Der Schmerz hämmerte in Acasas’ Kopf der sich leer anfühlte als er fragte:
Warum?
Seine Stimme war nur noch ein Flüstern, in der sich großer Schmerz widerspiegelte. Er fühlte sich kraftlos, sich ihr hilflos ausgeliefert.

Weil du es nie lernen wirst, deine Gabe zu nutzen, du bist zu schwach um noch weiter unter uns weilen zu dürfen … selbst ein kleiner Dolch macht dir zu schaffen… sieh dich an, wie jämmerlich du an meiner Hand hängst … war ihre Antwort, ohne Mitleid. Ohne jegliches Gefühl. Alles an ihr war fremd, geheimnisvoll, und doch faszinierend.
Nach wie vor starrte er sie weiter an und blieb ihr die Antwort schuldig.

Mit einem kräftigen Ruck zog sie den Dolch aus seiner Brust. Ein Drehen, ein Schnitt. Kein Laut kam über seine Lippen, doch sah man ihm an, dass ihm der Schmerz zu schaffen machte, dann sank er zu Boden. Seine Augen waren weit aufgerissen, sagen konnte er nichts mehr, nur erstaunen machte sich auf seinem Gesicht breit. Das Licht der Fackeln, um den Übungsplatz flackerte leicht und verschmolz dann wie aus Geisterhand mit der Dunkelheit.
Jana hielt Acasas’ Herz das sie ihm aus der Brust geschnitten hatte in ihren Händen. Angewidert sah sie es an bevor sie es auf den staubigen Boden fallen lies, neben seinen toten Körper. Dann drehte sie sich um und verließ den Platz.

Ihre Schritte hallten wider von den Wänden der Burg und ihre Robe bewegte sich mit leisem Rascheln bei jedem Schritt um ihren zierlichen Körper und sie verschwand in ihren eigenen Räumen.
Tarja Lycron

Beitrag von Tarja Lycron »

Heute war eine dieser Nächte in der ich zu allem fähig war. Es schien fast so als wäre ich absolut unberechenbar und auf der Suche nach einem hilflosen Opfer. Wenn Frauen ihre Monatsblutungen bekamen wurden die meisten merkwürdig. Ob meine Mordlust damit zusammenhing? Im Grunde konnte das schlichtweg unmöglich sein, da ich selbst in meiner Schwangerschaft die Mordlust in mir spürte. Sogar viel stärker als zuvor. Mit viel Glück, mit sehr sehr viel Glück würde die Beute entkommen können oder ich würde gar nicht erst eine Beute für meine Spielchen finden. Dann würde mich die Sehnsucht wieder einmal nach Hause treiben, gepaart mit der blanken Enttäuschung über mein Versagen.

Es war mir an diesem Abend egal, was mir in die Quere kam. Egal, ob es ein Wolf war, ein Reh, ein Adler – jedes Tier auf dem Weg zur schwarzen, düsteren Burg musste das Leben lassen. Immerhin erwartete mich dort so viel mehr. Meine Geschwister. Jedes meiner Geschwister liebte ich auf eine besondere Art und Weise und im Gegenzug war es der blanke Hass gegen jedes einzelne von ihnen. Aber so musste das sein. Um selbst voranzukommen musste man den Tod der Schwächeren in Kauf nehmen. Bei Korow, wie viele Jünger hatte ich schon kommen und wieder gehen sehen? Wie viele Jünger waren durch meine Hand gestorben, weil sie schlichtweg unfähig oder zu tollpatschig waren? Es war bedauerlich, dass sich immer wieder so schwaches Blut in das Erbe einschlich und es war immer wieder an mir, die Schwachen und Hilflosen herauszupicken, um sie so von ihren leidvollen Qualen zu befreien. Doch heute sollte nicht so enden … heute wollte ich eine brave Magistra sein, die ihrem Schüler das Notwendige beibringt. Zu oft hatte er im Unterricht gefehlt. Zu oft hatte er seine Hausaufgaben missachtet und es war an der Zeit, ihm Manieren beizubringen. Die Hoffnung hatte ich noch nicht ganz aufgegeben. Eine letzte Chance sollte er bekommen um sich zu beweisen.

„Guten Abend, Magistra“, die Verbeugung mit dem nötigen Respekt hatte er nicht vergessen. Sogar pünktlich war er und angemessen gekleidet. „Setz dich, Edward.“, ertönte meine sanfte Stimme. Vielleicht legte ich an diesem Abend ein wenig mehr Sanftheit in die Stimme als sonst üblich gewesen wäre. „Es gibt einige Dinge für dich nachzuholen.“
Ich war verwundert wie schnell er an diesem Abend lernte. Er sog das Wissen förmlich auf und es erfüllte mich irgendwo fast schon mit Stolz ihn so zu sehen. Vor einiger Zeit war ich ihm als Mentorin übertragen worden und mein Zögling sollte anders sein als die anderen. Und das war er auch. Bis zu diesem Zeitpunkt. Mit ruhigem Blick sah er mich an, während er sich zurück gegen den Stuhl lehnte und seinen Blick an mir hinab gleiten ließ. „Cecile, es ist doch sicher möglich bei dir weitere Nachhilfestunden zu nehmen. Du solltest doch Meisterin … auf diesem Gebiet sein.“, ich sah ihn an und ich wollte das nicht hören, was er sprach. „Verliere deinen Respekt nicht vor deiner Mentorin, junger Arkorither.“, zischte sie ihm entgegen. „Ganz und gar nicht, meine Liebe. Ich denke nur, dass wir uns auf einer anderen Ebene unterhalten sollten. Sieh her, wie weit ich es geschafft habe. Wie viel ich gelernt habe. Ist dir das nichts wert?“. Ich konnte nur den Kopf schütteln und ein schmales Lächeln über meine Lippen bringen. Mit einer weiteren, galanten Bewegung erhob ich mich, um mich von ihm zu verabschieden. „Schlaf dir den Unsinn aus dem Kopf, Korows jüngster Erbe!“, erwiderte ich in einem forschen Tonfall und verließ die heiligen Hallen der Burg, um die kühle Nachtluft um meine Gesichtszüge weben zu lassen.

„Ich habe dich eine ganze Weile beobachtet. Dich, deine Lebensweise und deine Liebschaften. Mit diesem Diener Krathors hast du dich eingelassen und dafür deinen Ehemann fallen gelassen um ihn dann wieder aufzuheben wie eine fallen gelassene Kartoffel.“
Sie herrschte herum. „Adarzar Rabenstein, es reicht. Hüte deine Zunge oder ich trenne sie dir eigenhändig aus deinem Rachen.“
Er grinste ihr schäbig ins Gesicht. „Aber sicher doch, geliebte Mentorin. Die Wahrheit verkraftet eine solch arrogante Ziege wir Ihr nicht. Eine Heuchlerin, die ihre Geschwister nur dafür nutzt sie zu benutzen. Um etwas anderes geht es euch nicht, eure Majestät. Aber irgendwann, irgendwann wirst auch du fallen, Tarja aus dem Blute der Thyrmon.“
„Ich sage es dir nicht noch einmal: Hüte deine Zunge, ansonsten warst du ein Erbe von Adaven...“, ich hörte mein Zischen selbst kaum. Was erdreistete sich mein eigener Schüler? „Deine Brut, dein kleines Mädchen, das du vor der Welt versteckst bis es sich selbst verteidigen kann – es ist wunderschön. Vielleicht wäre es sinnvoll es ihren leiblichen Vater zu übergeben. Die Seele wird er gut gebrauchen können.“, er hatte es übertrieben. Die ganze Macht, die Tarja in der letzten Zeit aufgestaut hatte, all die Mordlüste drangen nach außen. „Glaubt ihr hier, ihr könntet über all die Seelen herrschen? Ihr betrügt euch alle selbst indem ihr euch dieser Sekte hingebt.“, seine außerordentliche Wut und Ehrlichkeit über das, was wir als unser Leben betitelten erstaunte mich zutiefst. Ich war wirklich verwundert über seinen Mut. Bedauerlicherweise konnte ich mich noch nicht entscheiden ob ich ihn enthaupten sollte oder mittels Magie ein wenig quälen. Das Eine würde recht rasch gehen, der Rest würde eine Weile dauern. Ich sah für einen Moment in den Himmel, an den Horizont zu den Sternen. Dann zog ich die Schultern hoch und sah ihm entgegen. „Hast du mir noch etwas zu sagen, Edward?“, fragte ich ihn. Aber er sah mir nur mit einem siegessicheren Lächeln ins Gesicht. „Nein, Magistra. Ich habe mich vorbereitet.“, und in dem Moment erstickten seine Worte im Keim. Ein gezielter Schlag mit dem Schert und sein Kopf sollte nicht länger auf seinem Hals sitzen. „Verzeih mir, geliebter Schüler. Aber solch unreines Blut darf die Blutlinie nicht verpesten.“, ich sah ihn mit einem bedauernden und zeitgleich befreienden Lächeln an. „Deine Seele gehört uns, nicht einmal der Tod wird dich erlösen.“, einen kurzen Kuss drückte ich ihm auf die Stirn seines Hauptes, welches ich in meiner Hand hielt. Über den leblosen Körper stieg ich ohne weiteres hinweg und verfrachtete den Kopf dorthin, wo er hingehörte. Ein weiterer Kopf in der Sammlung von vielen, die es nicht geschafft hatten sich zu beweisen. Es war Zeit für Frischfleisch. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck schlich ich die Korridore entlang und dachte noch eine ganze Weile über die verloren gegangenen Schäfchen nach. Bei dem einen oder anderen bedauerte ich es zunehmend, dass sie von uns gegangen waren. Aber letztendlich kamen nur die Stärksten weiter. Und es schienen immer weniger zu werden, die sich aus der Menge herauskristallisierten.

Die letzten Spuren des Blutes wurden von meiner Robe durch meine Hand entfernt und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Die andere Rolle meiner zwei Gesichter wurde gefragt: Die liebevolle, Gute-Nacht-Geschichten-erzählende und fürsorgliche Mutter und keinesfalls die blutrünstige Mörderin, die sich ihrer selbst deutlich bewusst war.
Antworten