Mit einem kraftlosen Ächzen hatte er sich nun erst, in den frühen Morgenstunden, an das muntere Feuerchen im Garten seines alten Freundes Meril gesetzt. Gesetzt? Naja, eher daneben fallengelassen, da alle Glieder schwerer als Blei erschienen. Meril, der gerade aufgestanden war, brachte ihm einen Becher heiße Suppe und schüttelte etwas tadelnd den Kopf.
"Du machst dich nun kurz vor dem Ziel ganz kaputt. Wie lange warst du da im Wald? Die ganze Nacht? Jonas, übernimm dich doch jetzt nicht."
Ein müdes Lächeln, gespickt mit matter Verzweiflung brachte der Angesprochene dann doch noch zustande.
Ziel?
Waren sie wirklich schon kurz vor dem Ziel?
Oh, er wußte, dass das Geld nun ausreichen würde, er hatte die Kasse gut im Blick und hatte vorsichtig Spenden gesammelt, ohne dabei das Tamtam und Aufsehen zu erregen, welches er zuerst befürchtet hatte. Offene Spenden konnten nicht beantragt werden, denn dann würde man Fragen stellen, unangenehme Fragen mit Antworten, die er nicht zu geben bereit war und so voller Versicherungen, die er nicht machen konnte.
Er hatte es ja bei der jungen Adlerritterin bemerkt, welche ihm eine großzügige Spende letztendlich vermacht hatte, doch kurz vorher fürchtete er fast, sie wolle ihn einsperren lassen.
"BITTE?! Seid ihr des Wahnsinns, Herr Elling? Ich werde sicherlich nicht ein Machwerk unterstützen, welches Ketzer aufnimmt und... und Ihr wollt ihnen auch noch Zuflucht gewähren? Auf neutralem Boden?!"
Ja, stimmt ja, mit der Frage nach dem Standort seines geplanten "Haus der Kinder" ging das Getöse los. Arglos hatte er ihr gesagt, dass man es nur auf neutralem Boden stellen konnte, da hier sowohl Menschen aus freien, varuneser und rahaler Gebieten... und weiter kam er nicht.
Noch immer funkelte sie ihn feindselig an und er realisierte, wie ein Blick der Dame kurz zum Wachmann auf den Zinnen der Schwertwacht blitzte, der seine Armbrust schon bereit hatte. Himmel, er war dabei sich wirklich um Kopf und Kragen zu reden.
"Nicht! Wartet... bitte, es.. es sind doch nur Kinder.. Kinder der Flucht vor dem Grauen, das sie bisher erwartet hatte. Kinder, die sonst verhungern und erfrieren... elendiglich... bitte, nicht!"
Ihre Bewegung schien einzufrieren, dann entspannte sie sich und murrte ihm unterkühlt entgegen:
"Auch Kinder wachsen zu Ketzern heran und vollbringen dann grausame Taten." Sie schwiegen kurz beide, dann nickte sie plötzlich.
"Das hier ist neutraler Boden. Seht zu, dass Euer Vorhaben irgendwo in meiner Blickweite und nicht zu nahe an der Stadt der Verbrecher stattfindet... und versprecht mir, dass der Gott der finsteren Tatzen, " hier dröhnte ihre Stimme vor Verachtung, "keinen Platz in diesem Kinderhaus findet!"
Er hatte es gelobt, geschworen und sie hatte ihm einen kleinen Beutel voller großer Taler gegeben. Dann hatte er sich unweigerlich auf die Suche nach einem möglichen Grundstück, am besten schon einem Gebäude, machen müssen.
Eine alte Mühle hatte seine Begeisterung erfasst. Man konnte so viele Schläfplätze in der Mehlkammer herrichten und einen alten Kamin im Untergeschoss anbringen lassen, damit die Wärme aufsteigen konnte. Mit Meril würde er nachträglich auch noch einen Keller ausbauen können und vielleicht ein Gartengrundstück dazuerwerben.. undundund.
Doch Pläne können zunichte gemacht werden, durch Knochenarbeit und Verzweiflung. Die Mühle war baufällig und trotz des horrenden Preises weigerte sich der Besitzer noch etwas an ihr zu machen. Das, so sagte er kühn, sei Sache der Leute, die sie dann erwerben wollten... Jonas' Sache.
Panik drohte ihn zu übermannen, denn der Winter rückte näher und obwohl er wie ein Besessener Holz hackte, das liebe Fräulein Blockhart schon angeboten hatte ihm Möbel zu fertigen, Meril mehr und mehr von seinem eigenen Ersparten dazugab, so schien es dennoch an allem zu mangeln. Allen voran den Rohstoffen.
Selbst jetzt am warmen Feuer, mit Armen so verkrampft, müde und voller Muskelkater, schauderte es ihn kalt, als er Meril verzweifelt fragte:
"Woher krieg ich nur all das Heu? Woher... das ganze Dach muß ausgebessert werden, sonst ersaufen mir die Kinder sogar noch im Haus."
Beruhigend legte Meril die Hand auf Jonas' schmale Schulter und nahm ihm den Becher fort.
"Schau, dass du erst einmal schlafen gehst... später schreiben wir einen Brief an die Dame Salberg, vielleicht hat sie so viel auf Lager oder kann es uns nach und nach zukommen lassen... ruh dich nur endlich mal aus."
Wie wahr, wie wahr.
Eine dumpfe Taubheit kroch schon seine Beine entlang nach oben und ohne Widerstand ließ er sich in das Hausinnere schieben.
Wunschdenken, Luftschlösser und das Haus der Kinder
-
Jonas Elling
Der Weg war so unendlich weit und mühsam.
Und doch, doch hatte er ein Versprechen abgegeben, welches er nicht mehr brechen konnte, nein, wollte.
Als die Nachricht vom Müller kam, dass er seine alte Mühle nun doch nicht verkaufen wolle, sondern eher abreissen und ein Stallgebäude darauf errichten wolle, schien die Welt zu versinken. Der Traum vom freien Kinderhaus platzte wie eine dicke Seifenblase und all das, obwohl er das Holz und die Münzen für die Ausbesserungsarbeiten zusammenbekommen, ja zusammengekratzt, geliehen und erbettelt hatte.
Nach dieser Nachricht war er schon fast froh, dass die junge Bäuerin nicht geantwortet hatte, denn wie dumm wäre er sich vorgekommen, wenn er ihr dann hätte erzählen müssen, dass die große Heubestellung wieder nur ein geplatzter Wunschtraum war.
"Jonas, die Dame Salberg war im Winter über auch sicher nicht dauernd Zuhause vor den leeren Feldern gesessen. Schreib ihr doch nochmal, der erste Brief ging sicher nur verschütt'."
Er hatte nur matt abgewunken, als Meril ihn so aufmuntern wollte und müde erklärt:
"Es ist vorbei, alter Freund. Wir bekommen die Mühle nicht und da brauch ich dann die arme Frau nicht unnötig um Heu bemühen... es ist aus."
Ärgerlich hatte Meril ihn angeblickt und kopfschüttelnd gemurmelt:
"Sieht dir gar nicht ähnlich den Kopf nun in den Sand zu stecken... die armen Kinder!" und damit war er dann murrend wieder ins Freie gegangen und hatte Jonas auf der Pritsche sitzen lassen, ganz in seinem Trübsal versunken. Doch war es auch Meril, der keine drei Wochen später ein Schreiben vor Jonas Nase hielt und breit schmunzelte:
"Schau einmal her, du Greinmeinerle!"
Ja und WIE er hersah, denn das Schreiben war ein Kaufvertrag... für eine Mühle!
"Ist zwar eher am Wegkreuz, doch denke ich, dass du das der Ritterin erklären kannst, Junge, denn immerhin geht es um das Wohl der Ärmsten der Armen: das Wohl der Kinder."
Er umarmte den alten Freund nach dessen Worten so heftig, dass selbst der kräftige Schmied nach Luft schnappte.
"Schon gut, Jonas, schon gut. Mach dir mal nicht allzu viel Hoffnungen, denn diese Mühle ist nicht ohne Grund billiger zu erstehen. Darfst gleich los und nochmal Holz hacken... ach und der Dame Salberg wohl einen neuen Brief schreiben, denn das Dach dieser Mühle ist nichtmal mehr vorhanden."
Doch dazu war er bereit... der Aufwind war da, den Freundschaft gerettet hatte. Die Mühle würde bald stehen!
Und doch, doch hatte er ein Versprechen abgegeben, welches er nicht mehr brechen konnte, nein, wollte.
Als die Nachricht vom Müller kam, dass er seine alte Mühle nun doch nicht verkaufen wolle, sondern eher abreissen und ein Stallgebäude darauf errichten wolle, schien die Welt zu versinken. Der Traum vom freien Kinderhaus platzte wie eine dicke Seifenblase und all das, obwohl er das Holz und die Münzen für die Ausbesserungsarbeiten zusammenbekommen, ja zusammengekratzt, geliehen und erbettelt hatte.
Nach dieser Nachricht war er schon fast froh, dass die junge Bäuerin nicht geantwortet hatte, denn wie dumm wäre er sich vorgekommen, wenn er ihr dann hätte erzählen müssen, dass die große Heubestellung wieder nur ein geplatzter Wunschtraum war.
"Jonas, die Dame Salberg war im Winter über auch sicher nicht dauernd Zuhause vor den leeren Feldern gesessen. Schreib ihr doch nochmal, der erste Brief ging sicher nur verschütt'."
Er hatte nur matt abgewunken, als Meril ihn so aufmuntern wollte und müde erklärt:
"Es ist vorbei, alter Freund. Wir bekommen die Mühle nicht und da brauch ich dann die arme Frau nicht unnötig um Heu bemühen... es ist aus."
Ärgerlich hatte Meril ihn angeblickt und kopfschüttelnd gemurmelt:
"Sieht dir gar nicht ähnlich den Kopf nun in den Sand zu stecken... die armen Kinder!" und damit war er dann murrend wieder ins Freie gegangen und hatte Jonas auf der Pritsche sitzen lassen, ganz in seinem Trübsal versunken. Doch war es auch Meril, der keine drei Wochen später ein Schreiben vor Jonas Nase hielt und breit schmunzelte:
"Schau einmal her, du Greinmeinerle!"
Ja und WIE er hersah, denn das Schreiben war ein Kaufvertrag... für eine Mühle!
"Ist zwar eher am Wegkreuz, doch denke ich, dass du das der Ritterin erklären kannst, Junge, denn immerhin geht es um das Wohl der Ärmsten der Armen: das Wohl der Kinder."
Er umarmte den alten Freund nach dessen Worten so heftig, dass selbst der kräftige Schmied nach Luft schnappte.
"Schon gut, Jonas, schon gut. Mach dir mal nicht allzu viel Hoffnungen, denn diese Mühle ist nicht ohne Grund billiger zu erstehen. Darfst gleich los und nochmal Holz hacken... ach und der Dame Salberg wohl einen neuen Brief schreiben, denn das Dach dieser Mühle ist nichtmal mehr vorhanden."
Doch dazu war er bereit... der Aufwind war da, den Freundschaft gerettet hatte. Die Mühle würde bald stehen!
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Jonas Elling
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Jonas Elling
Ein Lächeln huschte über die müden, doch glücklichen Züge des jungen Mannes. Was er da in seiner Hand hielt, war das letzte Stückchen Holz, welches er noch zusammengeklaubt hatte. Es würde auf einen großen Wagen, mit all den anderen zusammen geladen werden und dann konnten sie endlich, endlich oh endlich auch das Obergeschoss des alten Mühlhauses renovieren. Geistig hatte er es sich schon ausgemalt und wollte sowohl Bettrollen bereitstellen, als auch Hängematten anbringen lassen in diesem oberen Geschoss, in welchem die Kinder wohnen könnten, wann immer sie ein Dach über dem Kopf nötig hatten.
Kinder, die ganz wie er damals eben kein Zuhause und keine Familie hatten, sollten dort etwas zu essen bekommen und wenigstens für kurze Zeit die Sorge um's tägliche Überleben vergessen können.
Jonas' Lächeln wurde breiter und fast etwas amüsiert.
Gestern noch hatte ihn diese junge, blonde Berchgarderin gefragt, ob das dann so eine Art Kinderheim sein solle und war über seinen entsetzten "Bloß nicht!"-Ausruf sichtlich erstaunt gewesen. Aber wie hätte er ihr auch erklären sollen, dass er ein solches Kinderheim selbst jahrelang erlebt und sich doch nur eingesperrt gefühlt hatte. Nein, dies hier sollte ein "freies Kinderhaus" werden, bei welchem die kleinen Gäste den Luxus haben sollten zu kommen und zu gehen, wann sie wollten. Die Aufsicht würde er haben, nebenher etwas schneidern, um mit dem Geld gerade so über die Runden zu kommen und eben all jene von diesem Grund und Boden vertreiben, die es schlecht mit den jungen Seelen meinten.
"Du hast dir da aber viel aufgebrummt", beliebte Meril zu murren, "Nicht, dass es da doch noch die ein oder andere böse Überraschung gibt..."
Er hatte geseufzt und gewusst, dass Meril schon recht hatte.
Überraschungen, gute und schlechte würden kommen und er hatte damit in seinen jungen Jahren eine Menge Verantwortung übernommen, doch war er mit der Entscheidung glücklich.
Ja, glücklich!
Lächelnd warf er den dicken Ast auf den Karren und ging dann gen Stallung um das Zugpferd zu holen.
Es galt nun den alten Herrn Müller ein letztes Mal zu besuchen, um die geldlichen Geschäfte abzuwickeln. Es galt den Kindern ein Dach über dem Kopf und ihm samt Anney endlich eine Art Zuhause zu bieten.
"Das Umherziehleben hat ein Ende..."
Kinder, die ganz wie er damals eben kein Zuhause und keine Familie hatten, sollten dort etwas zu essen bekommen und wenigstens für kurze Zeit die Sorge um's tägliche Überleben vergessen können.
Jonas' Lächeln wurde breiter und fast etwas amüsiert.
Gestern noch hatte ihn diese junge, blonde Berchgarderin gefragt, ob das dann so eine Art Kinderheim sein solle und war über seinen entsetzten "Bloß nicht!"-Ausruf sichtlich erstaunt gewesen. Aber wie hätte er ihr auch erklären sollen, dass er ein solches Kinderheim selbst jahrelang erlebt und sich doch nur eingesperrt gefühlt hatte. Nein, dies hier sollte ein "freies Kinderhaus" werden, bei welchem die kleinen Gäste den Luxus haben sollten zu kommen und zu gehen, wann sie wollten. Die Aufsicht würde er haben, nebenher etwas schneidern, um mit dem Geld gerade so über die Runden zu kommen und eben all jene von diesem Grund und Boden vertreiben, die es schlecht mit den jungen Seelen meinten.
"Du hast dir da aber viel aufgebrummt", beliebte Meril zu murren, "Nicht, dass es da doch noch die ein oder andere böse Überraschung gibt..."
Er hatte geseufzt und gewusst, dass Meril schon recht hatte.
Überraschungen, gute und schlechte würden kommen und er hatte damit in seinen jungen Jahren eine Menge Verantwortung übernommen, doch war er mit der Entscheidung glücklich.
Ja, glücklich!
Lächelnd warf er den dicken Ast auf den Karren und ging dann gen Stallung um das Zugpferd zu holen.
Es galt nun den alten Herrn Müller ein letztes Mal zu besuchen, um die geldlichen Geschäfte abzuwickeln. Es galt den Kindern ein Dach über dem Kopf und ihm samt Anney endlich eine Art Zuhause zu bieten.
"Das Umherziehleben hat ein Ende..."