Weil wir zu zweit sind
Kristallblaue, unschuldige, wunderschöne Rehaugen verhüllt von zarten langen Wimpern. Aira stand vorm Spiegel, sie sah auch hinein, doch was sie dort sah, dass war nicht sie. Nie könnte sie so unschuldig schauen, nie so warm lächeln. Ihr entgegen blickte ihre kleine Schwester. Jene unschuldige Seele die auf immer in ihr gefangen war. Nur ein schwacher Funken Schwarz, welches sich splitterförmig in das kristalline Blau mischte verriet ihre Anwesenheit. Die perfekte Tarnung. Doch irgendetwas stimmte nicht.
Eine ganze Weile starrte Aira auf den Spiegel, grübelnd. Minuten, oder gar Stunden? Sie wusste darauf keine Antwort. Doch als sich im Spiegel die Gestalt ihres Gatten abzeichnete, drehte sie sich zu ihm. Sein Blick war düster. Obgleich zurzeit alles nach Plan lief schien er sauer. Sauer geworden just in dem Moment als er in ihre Augen sah. Stumm betrachtete sie die lodernden Flammen in seinen Augen. Was konnte ihn so sauer gemacht haben?
„Aira?“ seine Stimme war erschreckend kalt zu ihr, fast ungewohnt. Wie zu der Zeit, als sie ihm begegnet sind. Als sie seine Gestalt verhüllt in einer schwarzen Robe in der Dunkelheit kaum ausmachen konnten. Sie erinnerte sich noch genau an jenen schicksalhaften Tag. Auch an diesem Tag waren ihre Augen kristallblau und ihre Schwester agierte in ihrem Körper.
Plötzlich faste er sie grob am Arm. Ihr Körper wurde leicht geschüttelt. Nicht so doll, dass sie hätte verletzt werden können. Doch seine Finger, welche sich langsam in ihren Arm bohrten, ließen einen stechenden Schmerz durch ihren Körper schießen. „Aira?!“ wiederholte er sich nun lauter. Erst jetzt merkte sie, dass sie gar nicht reagierte. Ihre Schwester ebenso wenig, sie war gelähmt vor Angst. Warum nur? Bevor ihre Gedanken weiter abschweifen konnten antwortete sie. „Ja?“.
Ungläubige starte er sie nun an. Und aus dem Flammen in seinen Augen erwuchs ein loderndes Feuer. Hatte sie ihn je schon mal so sauer gesehen? Doch was regte ihn so auf? „Was…“ mitten im Satz erstarb ihre Stimme. Seine Hand sah sie nicht kommen, wohl weil sie gar nicht mit gerechnet hat. Er war nie grob zu ihr. Schon lang nicht mehr. Deswegen drückte die Ohrfeige ihren Kopf zurück und hinterließ einen leicht roten Abdruck auf ihrer blassen Haut.
Als Aira die Panik ihrer Schwester fühlte wob sie ein feines Netz um sie. Stieß sie zurück, verbannte sie in den Käfig, in welchem sie sie nur selten noch hielt und übernahm die Macht in ihrem Körper und verdrängte so das kristalline Blau komplett aus ihren Augen. „Was hast du?“ Ihre Stimme war kalt und schneidend als sie ihm grimmig entgegenblickte.
Ihr Mann mustert sie einen Moment ehe er wohl überlegt antwortet. „Merkst du nicht, dass du verschwindest? Merkst du nicht, dass ihre unschuldige Seele deine zurückdrängt. Dass du nur noch schwach in ihren Augen leuchtest. Augen, welche dir gehören?“ Weiter lag sein Blick fest auf ihr. Hielt sie fest dort wo sie stand. „Wem dienst du?“
Erkenntnis
„Dem Seelenfressen, er ist mein Herr, genau so wie er der deine ist.“ Ihre Antwort war klar und ausdrucksstark hinterließ kein Zweifel an ihrem Empfinden. „Und sieht das der Rabe ebenso?“ Diese Frage versetzte ihr eine mentale Ohrfeige, welche wohl noch schlimmer war, als jene die zuvor seine Hand auf ihrem Gesicht platziert hatte. Und diesmal zögerte sie. Nachdenklich. Hörte er sie? „Kannst du seine Kraft nutzen? Kannst du noch Zauber wirken?“ Fuhr er sie nun scharf an. Zauber. Sie hatte lange keine Zauber mehr gewirkt. „Ja, natürlich kann ich.“ Entgegnete sie nun fast verzweifelt. Krampfhaft überlegte sie, wann sie das letzte mal gezaubert hatte. Wann war das nur? „Zeig es mir.“ Vernahm sie wieder seine Stimme, doch diesmal nur gedämpft. Vorsichtig versuchte sie nach Krathors Gabe zu tasten, suchte immer mehr, fast verzweifelt und griff schließlich ins leere. Sie war kreidebleich als sie zu ihm aufblickte. Das Entsetzen verzog ihr zartes Gesicht zu einer Fratze und ihre Stimme zitterte als sie sprach. „Ich, ich kann nicht.“
Sein Blick wurde milder, seine Stimme sanfter als er ihr die Hand reichte. „Komm!“ Forderte er sie auf und schloss seine Finger um die Hand, welche sie in seine legte. „Kehre zurück in deinen Körper Liebste. Vergiss nie, NIE, dass er dir gehört und sie nur Gast ist. Schließe sie ein und damit auch diese widerliche Unschuld. Nutze sie nur, wenn du sie unbedingt brauchst.“ Aira antwortete nicht, doch ihre Art sich zu bewegen, das Schwarz ihrer Augen und ihre unverkennbare Eleganz zeigte ihm, dass sie verstanden hatte.
Krathors Gunst
Sie waren weit gelaufen. Wohin wusste sie nicht. Ihre Füße taten weh, doch das merkte sie gar nicht. Der Schock über das Verlorene saß ihr immer noch in den Gliedern, nagte an ihr. Das leise Knarren eines rostigen Tores ließ Aira aufblicken.
Sie waren auf einem Friedhof. Langsam glitt ihr Blick über die Gräber. Tief sog sie die kalte Nachtluft ein als die Luft von einem leisen Singsang erfüllt wurde. Und als die Luft eisig kalt wie sie war kurz vor dem zerreißen stand wusste sie, dass sie reden durfte.
Ihre Worte warten leise, doch sie wusste, dass er sie hören würde. Sie verbanden Einsicht, Reue und das Versprechen dieser Schwäche nie wieder zu unterliegen verbunden mit der Bitte um seine Gunst.
Und sie sollte erhört werden.