Anguren, mittlerweile hatte sie dieses Volk hassen gelernt … oder doch besser gesagt: Sie hatte einen Anguren hassen gelernt. Jall war sein Name und nur diesem einen Anguren hatte sie diese Reise und Strapazen zu verdanken, welche sie nun auf sich nehmen musste. Der Schamane des Clans McAgrona, oder wie auch immer sie hießen, hatte sie schließlich verflucht … verflucht und damit gezwungen immerzu nur die Wahrheit zu sprechen. Keine einzige Unwahrheit konnte Viola mehr über die Lippen kommen, nicht einmal schweigen konnte sie zu einer gestellten Frage … eine mehr als gefährliche Situation und unangenehm dazu. Doch als wäre dem noch nicht genug, so schien es auch keinen verfluchten Heilkundigen auf ganz Gerimor zu geben, der ihr helfen konnte oder wollte.
Tage, Wochen, ja letztendlich sogar fast Monde hatte sie im Kloster verbracht „zu ihrem eigenen Schutz“, quasi abgeschnitten von allem halbwegs normalen und angenehmen Leben und wenn sie diese Zeit eine alte Tugend wieder gelehrt hatte, dann war es diese, dass sie diesen Ort wieder aus tiefstem Herzen verabscheute und so schnell keinen Fuß mehr in die Mauern setzen wollte.
Letztendlich hatte Viola beschlossen der Sache ein Ende zu machen, nicht durch einen Strick, eine Klinge in der Brust oder einen Stein an den Füßen verbunden mit einem erfrischenden Bad, nein, sie wollte Hilfe außerhalb des Reiches suchen und so hatte sie Gerimor per Schiff verlassen und die westlichen Inseln angesteuert.
Sie war nun schon mehrere Wochen unterwegs gewesen, hatte sich bedeckt gehalten und nach allen möglichen Heilkundigen, Schamanen oder wusste Krator was nicht für Leute gefragt und am Ende war sie fündig geworden.
Was genau der alte Mann getan hatte, wusste sie nicht, wie er es getan hatte, das war schon unangenehm genug gewesen, doch das Ergebnis war all die Mühen wert gewesen: Viola konnte ihm mit einem Lächeln im Gesicht sagen wie dankbar sie ihm doch auch wahr und dass sie ihn gerne mal wieder besuchen würde … was sie fröhlich stimmte war die Tatsache, dass der letzte Teil eine dreiste Lüge war und sie damit wieder geheilt.
Nun saß sie in einer Kutsche, der nächstbeste Hafen war ihr Ziel und von dort aus würde sie schnellstmöglich ein Schiff nehmen um Gerimor zu erreichen und wieder bei den Menschen zus ein, die sie in der letzten Zeit so sehnlichst vermisst hatte.
Die Fahrt war ruhig und entspannt, Viola konnte das erste mal seit langem vollkommen ruhig dasitzen ohne sich über irgendwelche Dinge Sorgen machen zu müssen, es war alles kurz davor wieder normal zu sein … aber eben; kurz davor.
Der Schlag den die Kutsche traf brachte das Innenleben zum Vibrieren, Viola hatte Mühe nicht von ihrem Platz zu fallen und von draußen konnte sie laute Schreie hören, ohne Zweifel keine sehr wohlgesonnenen Stimmen. Der Kutscher schrie in Panik auf, Viola hörte ihn etwas von Banditen brüllen, nun war die Situation immerhin klar. Ein kurzer Blick Violas wanderte zu ihrem Bogen, aber sie wusste sofort, dass wenn ein kleiner Trupp diese Kutsche angriff, sie alleine nichts ausrichten konnte und so musste sie einen Entschluss fassen.
So sehr sie den Kutscher auch bemitleidete, sie wollte nicht sterben, nicht jetzt, und so zählte sie stumm bis zehn, nur um dann letztendlich aus der Kutsche zu stürmen und loszurennen. Die Hoffnung, dass die Banditen zu überrascht sein würden, wurde gefestigt, als Viola mehrere Meter ohne die kleinsten Probleme vorankam, kein Gebrüll, gar nichts.
Doch dann schien man sich daran zu machen, sie zu verfolgen; Zeit für einen Pfeil blieb nicht und so musste sie all ihre Kraft in einen Sprint legen.
Die Beine begannen ihr zu schmerzen und ein Brennen schoss durch ihren Körper, als sie das letzte aus sich herausholte; die neuer Arbeit als Sekretärin forderte so langsam Tribut an ihrem alten Leben, sie war längst nicht mehr so agil und fit. Sie rannte immer weiter, sie würde es schaffen, ganz bestimmt, doch dann geschah es plötzlich sehr schnell. Sie spürte den Treffer an ihrem Kopf nur kurz, sie merkte dass etwas sehr hartes sie an der Schläfe traf, mit einem mal gaben ihre Beine nach und während sie vorneüber kippte, verschwamm alles. Sie sah aus den Augenwinkeln nur noch den Stein zu Boden fallen der sie getroffen hatte und eine Erdwurzel näher kommen, den Aufprall ihres Kopfes am Boden bekam sie gar nicht mehr mit und in jenem einen Moment war sie sich sicher; das war das Ende.
Als sie die Augen öffnete, war sie alleine. Ihr Kopf schmerzte fürchterlich und ein grauenhaftes Pochene rfüllte ihren Körper. Sie lag am Boden, inmitten von Gras und um sie herum war es still. Sehr langsam richtete sich Viola auf und rieb sich die Schläfe, die Benommenheit wich nur langsam und als ihre Sinne wieder ihre Arbeit aufnahmen, konnte sie den Geruch von verbranntem Holz vernehmen. Träge blickte sie in die Richtung und sah eine Kutsche auf einem Weg liegen, das Holz in Flammen, von den Insassen keinerlei Spuren, nicht einmal von Pferd und Kutscher.
Sehr langsam richtete sie sich auf, ignorierte den Schmerz in ihrem Körper und sah sich um und beinahe schlagartig begann in ihr eine Frage aufzukeimen; wo war sie? Sie kannte diesen Ort nicht, er war ihr Fremd, doch da waren plötzlich noch viel mehr Fragen, die durch ihren Kopf rasten. Wieso war sie hier neben einer brennenden Kutsche? Wieso war sie allein? Wo war die nächste Stadt oder das nächste Dorf? Wenigstens auf eine Frage würde sie Antworten bekommen; egal in welche Richtung sie der Straße folgen würde, sie würde an einen zivilisierten Ort kommen.
Jeder Schritt schmerzte, gebrochen hatte sie sich aber nichts, sie konnte es aus einen ihr unerfindlichen Grund gut genug einschätzen. Trotz allem waren fast vier Stunden schmerzhafter Marsch nötig, ehe sie in einer kleinen Hafenstadt ankam um dort nach etwas Essen und Trinken zu fragen.
Glücklicherweise war den Bewohnern das Wort Gastfreundschaft nicht fremd und als sie die Geschichte der ihnen Fremden hörten, zeigte sich zudem noch Sorge. Eine Frau, welche ihr etwas zu Essen brachte und scheinbar auch in der Heilkunde nicht ungeübt fragte sie dann, wohin sie wollte und stellte sich im gleichen Zug als Maria vor. Viola lächelte, und wollte sich auch vorstellen, aber sie hielt inne … wie war ihr Name?
Stunden später hatte sich neben Verwirrung auch Panik in ihr breit gemacht, welche aber ein wenig gelindert werden konnte. Maria hatte ihre Kopfwunde gesehen und erklärt dass es sich um soetwas wie eine Amnesie handeln könne, etwas was in der meisten Zeit nicht lange andauern würde, sofern sie sich in vertrauter Umgebung aufhalten würde … doch wo war diese vertraute Umgebung? Erst jetzt hatte Viola auch den Einfall, einmal selbst in ihre Tasche zu schauen; Briefe waren darin und dazu trug sie noch diesen einen Ring … H-V-E … zusammen mit den Briefen konnte Maria recht zielsicher sagen, dass diese in Gerimor verfasst wurden, einer großen Insel im Osten.
Und so machte sie sich auf den Weg zurück … in der Hoffnung wieder etwas mehr Klarheit zu erlangen.