Die Tage wurden wieder ungezählt und es musste ihr eigentlich bekannt vorkommen. Dabei war sie gar nicht unten in den Gewölben. Nach dem zweiten Tag, den sie hier verbracht hatte, hatte sie nicht so weit weg vom Schrein eine Stelle gefunden, die windgeschützt recht dick mit Moos bewachsen war, mit etwas zurecht rücken konnte man sich auch bequem gegen den Baum lehnen. So schlief sie hier also, mit der Decke, die Ifirnion und Isdaniel besorgt hatten. Manchmal dachte sie an die Töle, die Nevyn hier angeschleppt hatte und weigerte sich, weiter Schuldgefühle zu empfinden – von Kreuzenstein hatte die Vorzüge einer Nacht unter einem ordentlichen Dach in der Nähe eines netten Menschen genutzt und sich danach aus dem Staub gemacht. Was hatte sich Nevyn bloß davon versprochen, einen wildfremden ihm selber zugelaufenen Hund bei ihr zu lassen und zu erwarten, daß... tja was nur, daß sie auf das Tier ständig aufpasste oder das Tier auf sie? Vielleicht hatte er sich auch gar nichts davon erhofft, sondern nur selber etwas Ruhe dabei gefunden, daß er sich so einreden konnte, irgendwie für die eigensinnige Paladina gesorgt zu haben.
Wenn sie die Umstände bedachte, wie man ihre Lage hier schildern konnte, musste sie selber lachen oder hätte sich selber für verrückt erklärt, wenn man das irgendwem erzählen wollte: Hochschwanger verbrachte sie die Tage in einem Wald, wo sie sich entscheiden konnte, unter freiem Himmel zu schlafen oder auf Steinfußboden. Sie entschied sich für draußen. Immer mal wieder schaute einer der Elfen vorbei und brachte etwas Verpflegung, über deren Qualität nun wahrlich keine Beschwerde möglich war, aber sie nutzte sie für ihre Verhältnisse nur spärlich und war dankbar für jede Ergänzung wie ein paar Waldfrüchte, die sie selber fand. Wenn ihr eines am ehesten hier unerträglich war, dann das ständige Gefühl, den Elfen ungebeten zur Last zu fallen. Einige zogen es auch vor, unbemerkt das Essen zu hinterlegen und sich selber nicht blicken zu lassen. Sie war nicht einmal undankbar dafür, ersparte es ihr doch eine Auffrischung dieser Beklommenheit.
(Auf der anderen Seite mochte es Grund zur Verwunderung bei den Elfen geben, sollte irgendwer den Nachschub von Proviant an den Gast genauer nachvollziehen wollen: auch ohne daß die Elfen etwas hinterlegten, lag manches Mal am entsprechenden Platz bereits schlichte aber genügende Nahrung wie Brot oder Wurst bereit, ab und zu sogar ein Stück Torte.)
Es war wenig von der sicher fast ständigen Präsenz der Elfen zu bemerken, und sie gewöhnte sich nach wenigen Tagen an eine Art Illusion, sich gegenseitig einfach zu ignorieren. Das Motto: „Tu einfach so, als wär ich nicht da!“, gewann eine bisher ungekannte Qualität.
Am meisten Überwindung hatte das gekostet, wenn es darum ging, sich täglich am Fluß zu waschen oder an ausgesprochen sonnigen Tagen sogar zu baden, aber sie nutzte diese Möglichkeit so oft wie irgend möglich. Manchmal saß sie auch einfach geraume Weilen am Fluß und hielt ihre Hand ins angenehm kühle strömende Wasser, schloß genießend die Augen.
Noch mehr als zuvor schon kamen ihr im Nachhinein so einige Tage auf Menek'Ur wie die reinste Folter vor. Obwohl Luca sich redlich bis überschwänglich Mühe gegeben hatte, genügend Wasser zum Haus zu schaffen, war es widerlich gewesen, über Wochen nicht baden zu können und meist der Sparsamkeit wegen sich nur mit einem Waschlappen zu säubern. Viel zu wenig passende Kleidung, um sie so oft zu wechseln, wie sie es sich gewünscht hätte. Und selbst jetzt noch ächzte sie, wenn sie an die Hitze dachte. Das machten alle Teppiche und aller scheinbarer sonstiger Luxus nicht wett. Wie hielten menekanische Frauen, gerade in schwangerem Zustand, das nur aus? Und so sehr sie Hilfe auch benötigte und er sich auf seine Art als wahrer Engel erwies, spätestens als sie im erbetenen Salat große Stücke einer Lammkeule gefunden hatte... weil Luca strikt der Meinung war, sie müsse auch weiter viel Fleisch essen... hätte sie ihn schreiend von der Insel werfen mögen.
Nein, es ging ihr hier wirklich gut. War alles eine Frage des Standpunktes. Sie brauchte niemanden, schon gar keine Glucken irgendwie um sich herum. Sie wusste, daß das unfair gegenüber den anderen war und alle es nur gut meinten. Es war auch falsch, daß sie niemanden sonst hier haben wollte, sie vermisste Adrian und all die anderen. Nur vermisste sie, wenn sie da waren, auch schnell die Möglichkeit, sich ihnen gründlich zu entziehen. Und eigentlich musste sie sich bei dieser Einstellung wundern, warum sie überhaupt einen Haushalt hatte in dem Umfang, wie es seit inzwischen geraumer Zeit der Fall war. Spätestens, als Leah und Cyrion plötzlich vor dem Haus auf Menek'Ur gestanden hatten, Luca freudig beim Erblicken von Cyrion aufgröhlte und es damit gewohnt laut war, als sie zu fünft in diesem spärlichen Ding, das sich Herberge zu nennen versuchte, in Berchgard gesessen hatten, da war ihr unverbrüchlich klar geworden, daß sie diesen Rattenschwanz nicht mehr los wurde – und wohl auch nicht wirklich ganz los werden wollte. Für einen kurzen Moment hatte sie sich wie Zuhause gefühlt, obwohl sie mit Adrian vor der Tür des Hauses bloß versuchte, eine handvoll Sätze miteinander zu wechseln, die nicht für sonstige Ohren bestimmt waren.
Nur war gerade etwas wie „Zuhause“ nun auch so eine Sache... kaum dachte sie daran, wurden ihre Züge bitter. Shalaryl hatte sie verstanden, als sie erklärte, warum sie auch nicht über einen kurzen und bequemen Weg zurück reisen wollte, bis nun nach dem Füllen der Lücken in den Reihen der Schwerthüter nicht auch die Reinigung des Schwertes endlich vollzogen war. Ob sie nicht nach Hause zurück wolle? Sie hatte kein Zuhause. Es war eigentlich egal, wem sie nun zur Last fiel, sie hatten mehrere Möglichkeiten, wo sie Quartier finden konnten, und auch auf mehrere davon waren die Mitglieder ihres Haushaltes verstreut. Die junge und doch fähige Waldelfe hatte wirklich überraschend gut verstanden, was die Paladina und werdende Mutter sorgte und umhertrieb. Die anderen gewährten ihr Sicherheit und gefährdeten sie gleichzeitig. Und genauso war es auch anders herum, Darnas Präsenz sollte ihnen Schutz bieten und brachte sie doch ebenso ins Visier ihrer Feinde.
Hier war sie sicher. Die anderen damit vielleicht auch etwas mehr als sonst. Es ging ihr hier gut, außer wenn mal wieder ihr eigener Körper der Grund war, daß sie sich elend fühlte oder ins bodenlose schämte. Manchmal fürchtete sie, bald aus dem Wald geworfen zu werden, so oft wie sie irgendwo ihre Notdurft verrichten musste. Ihre Brüste fingen scheinbar viel zu früh an, Milch abzusondern, zum Glück nicht wirklich viel, aber wie sie sich damit nun arrangieren sollte, stellte sie erneut vor einige Stunden Ratlosigkeit, bis sie nach dem energischen Waschen ihrer Bluse einige Stoffstücke aus ihrem Unterrock schnitt, um entsprechend abzupolstern. Das grenzte schon ans Absurde: der Trick, mit dem dumme junge Gänse oder liederliche Dirnen versuchten, mehr vorzutäuschen, als da war, war bei ihr nun wirklich völlig ungebeten angesichts der Tatsache, daß da sowieso mehr war, als sie wollte. Wie oft sie sich schon besorgt gefragt hatte, ob sie je wieder in ihre alte Ausgehuniform der Garde passen würde, zählte sie besser nicht. Daß ihr öfters dann noch gefühlt die Galle bis in den Hals stand, sich aber weder übergeben musste noch wollte, daran hatte sie sich ja fast schon gewöhnt wie an die Vorzüge, mit aus diesem Grund in einer halb sitzenden Position zu schlafen. Wenn sie denn überhaupt schlafen konnte. Sie tat es, wenn sich die Gelegenheit ergab, von einem geregelten Tag-Nacht-Rhythmus konnte schon seit Monaten nicht mehr die Rede sein, und einmal, als sie nach einem Nickerchen mitten am hellichten Tag wieder an Lucas Kommentar denken musste, nur noch fett und faul in der Gegend zu liegen, zuckte ihr die Hand, daß sie den Dampf ablassend dem Baum just vor sich stellvertretend eine Ohrfeige verpasste.
„Jetzt schlag ich schon Bäume!“, schoß es ihr frustriert durch den Kopf, „Jetzt werfen sie mich wirklich raus, ich vergreife mich am Wald. Muß jetzt für sie wohl erwiesen sein, Menschen sind verrückt. Verrücktes Menschenweib. Schwanger! Die sind ja eh verrückt, das ist noch das Schlimmste.“ Sie verharrte einen Moment, lauschte. Vielleicht hatte es auch niemand mitbekommen. Schließlich wandte sie sich ab, kehrte zu ihrer Schlafstätte zurück. Sie stellte sich vor, wie das alles erst wirken musste, wenn sie auch noch „mit ihrem Kind reden“ würde... also Selbstgespräche führen angeblich mit etwas, das nichts hören und erst recht nichts verstehen konnte. Völliger Blödsinn. Es waren schweigsame Tage.
Sie setzte sich einigermaßen bequem hin und schob verstohlen die Hand unter die weite Kleidung, um zu versuchen, die Lage des Kindes genauer zu ertasten. Sie hatte den Eindruck, daß sich einige Schwangere ständig über den Bauch streichelten und damit quasi sich selber, was sie ebenso für überreagierenden Unfug dicker hysterischer Matronen hielt und so manches Mal strikt den Impuls bei sich selber unterdrückte. Also wirklich... als müsse man prüfen, ob das Kind noch da ist und nicht plötzlich abgehauen... Da, es bewegte sich, und jedes Mal stellte sie das mit ein wenig Erleichterung fest. Welche Gliedmaße da gerade von innen gegen ihre Bauchdecke drückte, konnte sie beim besten Willen nur raten und nachdenklich mit den Gedanken woanders provozierte sie eine Weile durch weiteres Streichen und Massieren der prall gespannten Haut weitere Bewegungen.
Sie wollte sich nicht beschweren, wenn diese Bewegungen sie aus dem Schlaf rissen – solange es sich bewegte, lebte es, und solange konnte alles andere nicht so schlimm sein. Hoffentlich.
Mutterfreuden oder so ähnlich
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Darna von Hohenfels
Etwas war anders am 18. Eluviar des Jahres 252. Sie meinte sich nicht zu entsinnen, daß sie sonst Schmerzen im Unterleib verspürte, nur weil sie sich zum Aufheben eines Astes runterbeugte. Kurz hatte sie sich das einreden und es ignorieren wollen. Aber da war was anderes. "Es geht los." Kurzes Innehalten, ein Schaudern, dann war sie hellwach. Noch immer stand sie wie stocksteif an der Stelle, leicht gebeugt. Der Schmerz war leicht gewesen, nicht? Ja. "Wird nicht so bleiben. Handel jetzt." Und wie? Um Hilfe schreien? Die ganzen letzten Tage hatte sie sich mehrfach ausgemalt, wie sie reagieren sollte, wenn doch hier das Kind käme, und mit jedem Tag wurde es wahrscheinlicher.
Shalaryl hätte sie ins Kloster bringen können, da war sie sich sicher. Aber sie wollte nicht wirklich hier weg. Sie wollte nicht aus dieser Stille in eine hysterische Traube von Menschen zurückfallen. Sie wollte nicht an einen Ort, dem sie vertraute, doch an dem Vaughain auch viel zu leicht und offensichtlich demonstriert hatte, wie auch ein Jäger in diesen Gängen geduldet wurde und sich bewegen konnte, wenn er nur brav still war und lauerte. Nichts hinderte sie an der Überzeugung, daß es seine eigentliche Absicht gewesen war, die Geburt des Kindes abzuwarten und es dann nach Rahal zu bringen. Das Kind einer Paladina, in der Pantherstadt erzogen. "Danach leckt sich doch jeder die Finger", dachte sie feindselig und blieb still, setzte sich in Bewegung, holte die Decke von ihrer Schlafstelle und nahm sie mit. Sie wusste, wo sie hin wollte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es angemessen war, aber mehr als einmal hatte sie in den vergangenen Monaten Eluive sehr gut verstehen können, daß sie sich in den tiefsten und sichersten Winkel Alathairs zurückzog, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. "Nie wärst du so leicht angreifbar wie jetzt. Und was da kommt, wird noch viel hilfloser sein als du." Nein, sie würde nicht rufen und auf sich aufmerksam machen. Sie wusste um die Menschen, die für ihre Sicherheit garantieren wollten, doch sie wusste auch um die vielen, vielen Schwachstellen, die das alles bot. Bei jedem lag auch irgendwo der Nährboden für eine blanke winzige Möglichkeit, sie zu gefährden. Bei fast jedem ein Trittbrett für Feinde, an sie heranzukommen und sie ins Dunkel zu zerren. Sie und das Kind.
"Ihr kriegt es nicht."
Die Zähne waren zusammengebissen und mit tunnelblickartiger Zielstrebigkeit hatte sie die niedrige Ummauerung erreicht, vor sich das kleine offene Gebäude, das den Schrein der Tapferkeit barg.
Tapferkeit heißt Vertrauen.
So simpel diese Auffassung war, so ernüchternd hatte sie vor geraumer Zeit begriffen, wie leicht der Umkehrschluß fiel: wie feige sie war. Nein, sie vertraute den Menschen nicht, sobald es um sie selber ging. Unglaublich schwer nur ließ sie andere an sich heran. Genauso offen, wie sie auf die Stärken ihrer Mitmenschen setzte und in das Gute in ihnen ihre Hoffnungen legte, so sehr wusste sie auch um die Schwächen und war sich bewusst, daß in nahezu jedem hinter allem, von dem Darna wusste, noch viel tiefere Abgründe waren. Nein, sie wollte nicht unter Menschen, wollte nicht mitten auf einem Plateau aus lauter winzigen Möglichkeiten zur Katastrophe stehen und warten, daß irgendwas davon wahr wurde und seine Chance nutzte. Oder noch etwas völlig anderes geschah, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte.
Es gab nur eine Sache, der sie vertraute, und das war Temora.
Es gab nur einen Ort, der ihr gerade ausreichend sicher schien.
"Herrin Temora, im Gedenken an Gelir Ancelliûl erbitte ich Einlaß in die Gewölbe, in denen Nastad e-goth ruht. Erbitte Zugang zu..." Sie verzog das Gesicht, als eine neue Welle von Schmerz alles in ihr zusammenzog und jeden Zweifel auslöschte, was gerade los sein mochte. "Erbitte Zugang zu einer deiner sichersten Stätten, so es in deinem Sinne sei." Vielleicht war es ja falsch, sich auch an den Ort zu wagen, an dem etwas so gefährliches und widersprüchliches wie das Schwert ruhte, und wenn ja, wollte sie dort nicht hin.
Selten war sie so dankbar dafür gewesen, daß ihr plötzlich statt frischer Waldluft der Staub von Jahrhunderten entgegenschlug und es statt licht und grün plötzlich dunkel wurde. Doch sie musste noch weiter.
Sie stolperte die Stufen hoch und griff mit blinder Sicherheit zu der Stelle, wo der Griff eines Schwertes gewesen wäre, würde sie einen Waffengurt tragen. Ihre Finger umschlossen helles Metall, das eben noch nicht da war und zogen aus dem Nichts eine Klinge, von der sie kaum etwas auf der Welt trennen konnte. Der Schlüssel für diese Stätte, die Seele dieses Ortes.
Als sie wieder an dem Fresko vorbeikam, auf dem einer der Schwerthüter in einem Wohnraum einen kleinen Jungen unterrichtete, verzog sie das Gesicht. "Ihr Kerle habt gut lachen", murrte sie vor sich hin, "Ihr müsst ja nicht..." Sie zerstörte das monatelange Kunstwerk einer Spinne, als sie keuchend an die nächste Säule griff und sich abstützte. Keine Zeit.
"Reinige dich!", hallte eine befehlsgewohnte Männerstimme von Wand zu Wand, als sie über die Schwelle in den Raum trat, der zwei Becken - eines mit Blut, eines mit Wasser - und einen Altar barg. "Ja doch...", erwiderte sie mürrisch. Hier. Weiter wollte sie nicht. Daß bei Geburten am ehesten immer irgendwie Wasser gebraucht wurde, wusste sie, und hier war zur Not wenigstens Wasser. Hier war Platz, hier war noch nichts von den restlichen Prüfungen dieser Stätte und sie würden hiermit auch gar nichts zu tun haben. Sie hielt sich von dem Becken mit Blut instinktiv so fern, wie es ging und verkrümelte sich in die entgegengelegene Wandecke, schob einen der Kerzenständer beiseite. Eine Weile umklammerte ihre Hand die Metallstange, als die nächste Wehe kam. Blanker Steinfußboden. Sie wollte nicht die Decke dafür benutzen. Sie löste Nevyns Umhang und breitete ihn grob auf dem Boden aus, verließ sich auf das zielstrebige Handeln, das sie an den Tag legte, wenn sie nicht mehr klar denken konnte, und ihr Körper zitterte inzwischen vor niedergekämpfter Panik und Schmerz. Was brauchte sie jetzt noch? "Ich hab keine Ahnung", murmelte sie ratlos vor sich hin, eine Hand an den Bauch gelegt. Das Kind, sie würde es irgendwie reinigen müssen... sie stolperte zu dem kleinen Schränkchen, das hinter dem Wasserbecken stand, dort waren Handtücher, die seltsamerweise immer zuverlässig und sauber Teil des Ausstattung dieses kargen Raumes waren. Der Lichtkegel, der die hohe schlanke Statue Temoras hier umgab, fiel auf sie, und sie hob in einer Mischung aus Schmerz, Hoffnung, Hilfeersuch und Vorwurf den Blick zu der Verbildlichung ihrer Göttin. "Du mutest mir hier ganz schön was zu."
"Es ist kein leichter Weg, und du hast nie was anderes gewollt. Du bist hier völlig sicher und das Kind wird leben." Es waren ihre eigenen Gedanken, doch es war in Momenten wie diesen eine ihrer Arten von Zwiesprache - sie überließ sich restlos dem Gefühl für das, was einfach richtig war. Und das hier war richtig, auch wenn es scheiße weh tat. Sie spürte, wie Flüssigkeit ihre Beine hinabrann, die flachen Schuhe nass machte. Fruchtwasser. Sie musste wieder an Elnesta und deren Geburt denken und war endlos dankbar, daß niemand hier war. Nie waren ihr Dinge so peinlich gewesen wie damals und sie hatte darum gebetet, sich niemals solcher Peinlichkeit selber preisgeben zu müssen. Sie war allein - mit allen Vor- und Nachteilen.
"Wenigstens ist jedes dumme Tier in der Lage, selber und eigenständig überlebensfähigen Nachwuchs auf die Welt zu bringen", murmelte sie und schleppte sich mit einem der Handtücher bewaffnet zurück in die Ecke, legte alles dort ab, Handtuch, Schuhe und Rock. Das Argument von Nuria, um ihre Sorgen zu dämpfen und sie davor zu schützen, daß sich das hektische Umsorgen anderer auf sie übertrug, war bestechend schlicht und überzeugend gewesen und sie dankte ihr dafür. Jetzt hatte Darna sie nicht mal als Hebamme dabei. Das war sicher nicht in deren Interesse gewesen. "Ich glaube, sie würde mich dafür schlagen."
Nun, etwas von Elnesta war trotzdem hier. Mit nur mühsam ruhig gehaltener Hand löste sie den filigranen Dolch aus so dünn geschmiedetem Diamant, daß die feine Klinge sogar schon lichtdurchlässig war und schnitt von dem Handtuch einen Streifen ab, faltete ihn mehrfach zusammen. Die Schmerzen wurden mit jeder Wehe schlimmer und ihre Erfahrungen ließen sie funktionieren, wie üblich, so wie Eileen es ihr einmal entnervt vor Augen gehalten hatte: wie eine Uhr. Der Stoff landete zwischen ihren Zähnen, als sie sich niedergelassen hatte.
Sie machte sich auch gar nicht erst die Mühe, die folgenden Wehen mitzuzählen, sie fragte sich bei jeder nur, ob sie sich nun die Blöße gab, rückhhaltlos laut zu schreien oder nicht. Bislang ließ die Selbstbeherrschung alles in unartikuliertem Gurgeln und Keuchen enden. "Wenigstens sieht mich keiner...", brabbelte sie in den nass gewordenen Beißholzersatz, "Oh, wie ich es hasse..."
Sie hörte wieder dieses herrische "Reinige dich!", doch konnte sie es gerade nicht mal wirklich in einen Zusammenhang bringen, daß also jemand reingekommen sein musste. "Paladina", eine Stimme. Weiblich. Rabeya. Sie sah die Panik nicht, die im Gesicht der Priesterin aufstieg, als diese begriff, was hier gerade vor sich ging und in was sie hineingeriet, nur weil sie Darna einen Brief hatte bringen wollen und der elfische Wächter draußen gesagt hatte, wo sie verschwunden war. "Bei Temora... Paladina von Hohenfels, drückt die Beine zusammen; Ihr bekommt hier nun kein Kind." Die Stimme klang leicht hysterisch und sie raffte schon die breiten Ärmel nach oben. Darna hörte nicht auf sie und was sie mit ihren Beinen machen sollte. Da war jemand eh gerade völlig anderer Meinung, der da die gewichtigeren Argumente hatte.
Es tat weh wie - ihr fiel keine passende Beschreibung ein, die an diesem Ort nicht lästerlich gewesen wäre. Das Kind wollte raus und sie presste schon wie es nur ging, änderte instinktiv ihre Atmung, als ihr graue Sternchen die Sicht zu verschleiern begannen und mit Bewusstlosigkeit drohten. Das schien verlockend, konnte sie sich aber nicht leisten. Wie sie sich gegen sowas stemmte, wusste sie aus Kampfeinsätzen, wie schafften normale Mütter das?! Rabeya stützte sie, es war ihr peinlich, obwohl sie kaum etwas klar mitbekam, konnte sich dem aber auch nicht entziehen. Und es ging so quälend langsam, sie glaubte jeden Millimeter zu spüren, den das Kind sich weiterschob... Ein gepeinigtes Aufheulen schallte nun doch durch den Raum, sie warf den Kopf nach hinten und holte sich an der unnachgiebigen Wand hinter sich auch noch eine Beule. Sie brauchte mehr Kraft.
Etwas in ihr griff nach der Quelle für Ruhe und Stärke, ihre von der Göttin gestellte Reserve, und jedem Kundigen wäre danach aufgefallen, um wie vieles zügiger tatsächlich der Rest erfolgte, als die Muskeln in ihrem Körper gezielt und mit hoher Kraft funktionierten. Der Kopf des Kindes schob sich den wartenden Händen der Priesterin entgegen, der Körper folgte, und von Blut und Nässe umgeben fand ein Neugeborenes in die Welt.
Der Druck war weg. Alles schmerzte, brannte. Trotzdem interessierte ihr eigener Körper sie gerade gar nicht, und auch ohne Wehe hielt sie die Luft fast vollständig an. Es blieb so still. "Du musst doch schreien..." Ein quieksiger kurzer Laut, sie konnte das Geräusch nicht mal genau identifizieren, als das Kind endlich Luft holte und seinem Unwohlsein Ausdruck verlieh. Erst so leise, dann endlich lauter, so hell...
Für das Betreten der Stätte hatte Rabeya sich extra einen schmalen Dolch in Schwertform fertigen lassen, und diese Klinge hatte nun den ungewöhnlicheren Dienst zu verrichten, die Nabelschnur zu durchtrennen. Wenigstens eine Sorge war Darna los: das Kind würde sofort getauft werden. Der erste Stoff, der seine Haut bedeckte, war ein Priesterumhang. Die Mutter befand sich in einer Mischung aus Hocken und liegen in der Ecke und blinzelte in Richtung des Geschehens.
Rabeya brachte das Gebilde näher vor ihr Gesicht. Das da war... mit Blut und allem möglichen verschmiert, ein runzliges aufgequollen wirkendes und doch viel zu kleines Gesicht, die Haut ganz rot, die Augen zugekniffen, der zahnlose Mund halb offen. Es war klein... klein genug, bis eben musste sich das da noch in ihr befunden haben, das war ihr Kind... Kind, sah so ein Kind aus? Es sah komisch aus. Hä.. häß... sie traute sich nicht, das Wort zu denken. "So häßlich, das kann nur eine Mutter schön finden", kam ihr eine verächtliche Redewendung in den Sinn. Das war ihr Kind, sie musste dieses verhutzelte Ding lieben, nicht wahr?
Wenn Ihr nichts für das Kind empfindet, Milady, solltet ihr es weggeben.
Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie wusste nicht, wie lange sie desorientiert und ratlos anmutend, überfordert dieses Wesen anguckte, die Stirn verunsichert gefurcht.
"Schafft ihr es einen Moment ohne mich? Ich möchte Euren Sohn taufen, Paladina."
Sohn. Erbe. Das war der Sohn, den sich Adrian immer gewünscht hatte, und es... er sah aus...oh Götter. Darnas Lippen bewegten sich, sie brachte keinen Ton heraus. "Hat er schon einen Namen erhalten?"
Oh Himmel! Das war nicht mehr feierlich, sie hatten nicht mal über einen Namen für einen Jungen gesprochen! Erst schien es noch so lange hin, dann hatte sie selber einen Vorschlag für einen Mädchennamen gemacht, den Adrian auch gut gefunden hatte, aber Leonora sollte er ja nun wirklich nicht heißen. "Wir haben uns nicht mal... auf einen Namen geeinigt..."
"Er darf nicht ohne Namen sein." Sie war wenig abergläubisch, aber hiervon doch überzeugt, daß das nicht gut sein konnte und so wurde die Stimme etwas hektisch, als sie anfügte: "Aaryon."
Ein Name, der das poetische Wort für Adler in sich trug. "Gib ihm etwas von hier mit. Er ist in diesen Hallen geboren." Die Reiterstatue aus dem Raum der Kerzen kam ihr vor Augen. Mikhail Eldremon, erster unter gleichen der ersten sieben Schwerthüter. Auch wenn seine Kerze der Geistigkeit nicht die ihre war, hatte sie diese Figur immer am meisten gemocht.
"Aaryon... Mikhail von Hohenfels."
"In jenen Namen wird er hineinwachsen." Damit wendete sich Rabeya von ihr ab und machte sich daran, das Kind im Becken hinter sich zu taufen, sie trat mitsamt Robe einfach ins Wasser.
Darna sah Rabeya nach, lauschte erschöpft den Worten, die die Priesterin an ihn richtete:
"Eine große Zukunft liegt vor dir, keiner Mann und du weißt es noch gar nicht in deinen ersten Minuten."
Erbe einer Grafschaft, wenn es dem Kronrat gefiel. Ein Cousin des Königs, eingeheiratete Linie. Sohn eines Ritters, Sohn einer Paladina. Geboren in den Hallen des heiligen Schwertes, als Erbe der Schwerthüter, von zweien dieser zur Welt gebracht. Ein halbes dutzend Erwartungen, die schon mit seiner Geburt auf ihm zu liegen schienen. Sie seufzte stimm- und atemlos. "Das ist zu viel", dachte sie besorgt. Was, wenn er das alles nicht wollte? Es schien, er bekam die besten Voraussetzungen mit auf den Weg, doch auch die Ansprüche schienen gewaltig.
"An jenem Ort mag Temora bei uns sein", intonierte Rabeya.
"Das wirst du brauchen", konnte Darna sich als kommentierenden Gedanken nicht verkneifen.
"Sie mag ihren Segen dem neugeborenen Grafensohn geben. Sie will ihn behüten und beschützen, den rechten Weg weisen..." Aus ihrer schalenartig gehaltenen Hand tropfte von einem dünnen blauen Schein umzogenes Wasser auf die Stirn des Kindes und funkelte wie kleine Sterne, als die Tropfen zerplatzten. Seltsamerweise blieb der Säugling ganz ruhig. "Der Schutz der sieben Tugendkinder mag dir gegeben sein, sie werden dir beibringen, dich zu verhalten wie ein tugendhafter Mensch. Sie werden dich lehren, was gut und böse ist. Was wahr und was falsch, was Tapferkeit und auch was Liebe ist.
Die sieben Schwerthüter, die jenen Raum behüten, werden auch dich behüten wie einen Augapfel, denn auch sie lieben dich, wie sie deine Mutter lieben. So mag auch ihr Schwert und Schild über dir sein, ihre schützende Hand an deiner Wange."
"Ja." Es war so schlicht. Es war so simpel. Sie konnte gar nicht nichts für ihn empfinden. Sie würde jeden zerreißen, der ihm was antäte.
"So taufe ich dich mit jenem Schutz und jenem Segen auf den Namen Aaryon Mikhail von Hohenfels."
Als Rabeya aus dem Wasser trat, gab sie dem Kind in ihrem Arm ein eigenes Versprechen mit, bevor sie ihn an Darna übergab: "Ich werde dich und deine Mutter behüten mit all meiner Kraft, kleiner Aaryon."
"Fühlt Ihr Euch soweit gut, Paladina?"
Wie sie sich fühlte? Gut? Sie fühlte sich, als wurde ein Loch in ihren unteren Leib gerissen, die Frage barg ihr den gleichen Sinn wie ein: "Himmel, du siehst aus als bist du gerade in einen tiefen Brunnen gestürzt, geht es dir gut?"
"Danke", entgegnete sie als Ersatz einer Antwort. Wichtiger war, daß die Priesterin und Schwertschwester ihr fraglos beigestanden hatte. "Ich würde Euch gerne zu einem Heiler bringen." Heiler. Sie sah sich schon wieder lauter Hände abwehren, die alle an ihr herumtatschten und von sich selbst überzeugt versuchten, ihr angeblich Gutes zu tun. Wäh nein, och nö, kein Heiler...
"Ich brauche etwas Ruhe, ehe ich mich wohl irgend wo hin bewegen könnte." Sie konnte jetzt eh keinen einzigen Schritt tun.
"Natürlich, davon ging ich aus, aber dann brechen wir zu einem Heiler auf."
Darna seufzte. "Adrian bringt mich um", murmelte sie leise. Sie würde tatsächlich so lange im Nebelwald gewesen sein, daß sie mit dem Kind im Arm zu ihm zurück kam.
"Ah Adrian...", Rabeya griff in ihre Robe, "Ich traf Andreas, ich soll Euch einen Brief geben. Ich habe ihn nicht gelesen Paladina, ich hoffe es ist nichts Schlimmes."
Schlimmes. Nachricht von Adrian? Sie nahm das Papier unbeholfen neben dem Bündel Kind im Arm entgegen. Immer wieder huschte ihr Blick abgelenkt in das Gesicht des Säuglings, der seltsame Geräusche von sich gab. Ihre Stimme wurde leiser: "Sagt... ist das...", sie schluckte, "ist das normal, daß es... äh, er... so..." Sie suchte verzweifelt nach Worten und versuchte mit verzogener Miene es dann dezent auszudrücken: "..seltsam aussieht?"
"Ich sagte doch... wir sollten dann zu einer Heilerin."
Darnas Mimik sackte nach unten, sie hörte kaum noch, was Rabeya noch sagte, irgendwas davon, daß eine Eluivepriesterin es sicher besser gekonnt hätte und wie sie gezittert habe. Es war also nicht normal, wie er aussah. Ein mißgebildetes Kind. Sie hatte es vermasselt, versagt, und er war auch noch derjenige, der deswegen damit zu leben hatte. Ihr stiegen Tränen auf. "Adrian bringt mich um." Als Rabeya die Erschütterung in der Stimme hörte, schielte sie zu ihr hinüber und verstummte. Was war denn los? Fahrig öffnete Darna den Brief.
Mit Mühe verinnerlichte sie den Inhalt des Schreibens. Adrian war verletzt. Schwerwiegend, und darüber hinaus... Nun brach sie richtig in Tränen aus. "Darna...", meinte Rabeya leise und versuchte, ihr die Schulter etwas zu tätscheln, "soweit ich weiß, gab es gestern keine Tode bei der Schlacht..."
Der Säugling, der gerade eindöste, wachte durch die Bewegungen und die Stimmung auf und entschloss sich, solidarisch mit seiner Mutter gleich mal mit zu weinen. Die Priesterin sah überfordert auf die beiden und die Mundwinkel zuckten hin und her.
Konnte es schlimmer kommen? Ihr Kind war häßlich und ihr Mann lag im Sterben...
Shalaryl hätte sie ins Kloster bringen können, da war sie sich sicher. Aber sie wollte nicht wirklich hier weg. Sie wollte nicht aus dieser Stille in eine hysterische Traube von Menschen zurückfallen. Sie wollte nicht an einen Ort, dem sie vertraute, doch an dem Vaughain auch viel zu leicht und offensichtlich demonstriert hatte, wie auch ein Jäger in diesen Gängen geduldet wurde und sich bewegen konnte, wenn er nur brav still war und lauerte. Nichts hinderte sie an der Überzeugung, daß es seine eigentliche Absicht gewesen war, die Geburt des Kindes abzuwarten und es dann nach Rahal zu bringen. Das Kind einer Paladina, in der Pantherstadt erzogen. "Danach leckt sich doch jeder die Finger", dachte sie feindselig und blieb still, setzte sich in Bewegung, holte die Decke von ihrer Schlafstelle und nahm sie mit. Sie wusste, wo sie hin wollte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es angemessen war, aber mehr als einmal hatte sie in den vergangenen Monaten Eluive sehr gut verstehen können, daß sie sich in den tiefsten und sichersten Winkel Alathairs zurückzog, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. "Nie wärst du so leicht angreifbar wie jetzt. Und was da kommt, wird noch viel hilfloser sein als du." Nein, sie würde nicht rufen und auf sich aufmerksam machen. Sie wusste um die Menschen, die für ihre Sicherheit garantieren wollten, doch sie wusste auch um die vielen, vielen Schwachstellen, die das alles bot. Bei jedem lag auch irgendwo der Nährboden für eine blanke winzige Möglichkeit, sie zu gefährden. Bei fast jedem ein Trittbrett für Feinde, an sie heranzukommen und sie ins Dunkel zu zerren. Sie und das Kind.
"Ihr kriegt es nicht."
Die Zähne waren zusammengebissen und mit tunnelblickartiger Zielstrebigkeit hatte sie die niedrige Ummauerung erreicht, vor sich das kleine offene Gebäude, das den Schrein der Tapferkeit barg.
Tapferkeit heißt Vertrauen.
So simpel diese Auffassung war, so ernüchternd hatte sie vor geraumer Zeit begriffen, wie leicht der Umkehrschluß fiel: wie feige sie war. Nein, sie vertraute den Menschen nicht, sobald es um sie selber ging. Unglaublich schwer nur ließ sie andere an sich heran. Genauso offen, wie sie auf die Stärken ihrer Mitmenschen setzte und in das Gute in ihnen ihre Hoffnungen legte, so sehr wusste sie auch um die Schwächen und war sich bewusst, daß in nahezu jedem hinter allem, von dem Darna wusste, noch viel tiefere Abgründe waren. Nein, sie wollte nicht unter Menschen, wollte nicht mitten auf einem Plateau aus lauter winzigen Möglichkeiten zur Katastrophe stehen und warten, daß irgendwas davon wahr wurde und seine Chance nutzte. Oder noch etwas völlig anderes geschah, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte.
Es gab nur eine Sache, der sie vertraute, und das war Temora.
Es gab nur einen Ort, der ihr gerade ausreichend sicher schien.
"Herrin Temora, im Gedenken an Gelir Ancelliûl erbitte ich Einlaß in die Gewölbe, in denen Nastad e-goth ruht. Erbitte Zugang zu..." Sie verzog das Gesicht, als eine neue Welle von Schmerz alles in ihr zusammenzog und jeden Zweifel auslöschte, was gerade los sein mochte. "Erbitte Zugang zu einer deiner sichersten Stätten, so es in deinem Sinne sei." Vielleicht war es ja falsch, sich auch an den Ort zu wagen, an dem etwas so gefährliches und widersprüchliches wie das Schwert ruhte, und wenn ja, wollte sie dort nicht hin.
Selten war sie so dankbar dafür gewesen, daß ihr plötzlich statt frischer Waldluft der Staub von Jahrhunderten entgegenschlug und es statt licht und grün plötzlich dunkel wurde. Doch sie musste noch weiter.
Sie stolperte die Stufen hoch und griff mit blinder Sicherheit zu der Stelle, wo der Griff eines Schwertes gewesen wäre, würde sie einen Waffengurt tragen. Ihre Finger umschlossen helles Metall, das eben noch nicht da war und zogen aus dem Nichts eine Klinge, von der sie kaum etwas auf der Welt trennen konnte. Der Schlüssel für diese Stätte, die Seele dieses Ortes.
Als sie wieder an dem Fresko vorbeikam, auf dem einer der Schwerthüter in einem Wohnraum einen kleinen Jungen unterrichtete, verzog sie das Gesicht. "Ihr Kerle habt gut lachen", murrte sie vor sich hin, "Ihr müsst ja nicht..." Sie zerstörte das monatelange Kunstwerk einer Spinne, als sie keuchend an die nächste Säule griff und sich abstützte. Keine Zeit.
"Reinige dich!", hallte eine befehlsgewohnte Männerstimme von Wand zu Wand, als sie über die Schwelle in den Raum trat, der zwei Becken - eines mit Blut, eines mit Wasser - und einen Altar barg. "Ja doch...", erwiderte sie mürrisch. Hier. Weiter wollte sie nicht. Daß bei Geburten am ehesten immer irgendwie Wasser gebraucht wurde, wusste sie, und hier war zur Not wenigstens Wasser. Hier war Platz, hier war noch nichts von den restlichen Prüfungen dieser Stätte und sie würden hiermit auch gar nichts zu tun haben. Sie hielt sich von dem Becken mit Blut instinktiv so fern, wie es ging und verkrümelte sich in die entgegengelegene Wandecke, schob einen der Kerzenständer beiseite. Eine Weile umklammerte ihre Hand die Metallstange, als die nächste Wehe kam. Blanker Steinfußboden. Sie wollte nicht die Decke dafür benutzen. Sie löste Nevyns Umhang und breitete ihn grob auf dem Boden aus, verließ sich auf das zielstrebige Handeln, das sie an den Tag legte, wenn sie nicht mehr klar denken konnte, und ihr Körper zitterte inzwischen vor niedergekämpfter Panik und Schmerz. Was brauchte sie jetzt noch? "Ich hab keine Ahnung", murmelte sie ratlos vor sich hin, eine Hand an den Bauch gelegt. Das Kind, sie würde es irgendwie reinigen müssen... sie stolperte zu dem kleinen Schränkchen, das hinter dem Wasserbecken stand, dort waren Handtücher, die seltsamerweise immer zuverlässig und sauber Teil des Ausstattung dieses kargen Raumes waren. Der Lichtkegel, der die hohe schlanke Statue Temoras hier umgab, fiel auf sie, und sie hob in einer Mischung aus Schmerz, Hoffnung, Hilfeersuch und Vorwurf den Blick zu der Verbildlichung ihrer Göttin. "Du mutest mir hier ganz schön was zu."
"Es ist kein leichter Weg, und du hast nie was anderes gewollt. Du bist hier völlig sicher und das Kind wird leben." Es waren ihre eigenen Gedanken, doch es war in Momenten wie diesen eine ihrer Arten von Zwiesprache - sie überließ sich restlos dem Gefühl für das, was einfach richtig war. Und das hier war richtig, auch wenn es scheiße weh tat. Sie spürte, wie Flüssigkeit ihre Beine hinabrann, die flachen Schuhe nass machte. Fruchtwasser. Sie musste wieder an Elnesta und deren Geburt denken und war endlos dankbar, daß niemand hier war. Nie waren ihr Dinge so peinlich gewesen wie damals und sie hatte darum gebetet, sich niemals solcher Peinlichkeit selber preisgeben zu müssen. Sie war allein - mit allen Vor- und Nachteilen.
"Wenigstens ist jedes dumme Tier in der Lage, selber und eigenständig überlebensfähigen Nachwuchs auf die Welt zu bringen", murmelte sie und schleppte sich mit einem der Handtücher bewaffnet zurück in die Ecke, legte alles dort ab, Handtuch, Schuhe und Rock. Das Argument von Nuria, um ihre Sorgen zu dämpfen und sie davor zu schützen, daß sich das hektische Umsorgen anderer auf sie übertrug, war bestechend schlicht und überzeugend gewesen und sie dankte ihr dafür. Jetzt hatte Darna sie nicht mal als Hebamme dabei. Das war sicher nicht in deren Interesse gewesen. "Ich glaube, sie würde mich dafür schlagen."
Nun, etwas von Elnesta war trotzdem hier. Mit nur mühsam ruhig gehaltener Hand löste sie den filigranen Dolch aus so dünn geschmiedetem Diamant, daß die feine Klinge sogar schon lichtdurchlässig war und schnitt von dem Handtuch einen Streifen ab, faltete ihn mehrfach zusammen. Die Schmerzen wurden mit jeder Wehe schlimmer und ihre Erfahrungen ließen sie funktionieren, wie üblich, so wie Eileen es ihr einmal entnervt vor Augen gehalten hatte: wie eine Uhr. Der Stoff landete zwischen ihren Zähnen, als sie sich niedergelassen hatte.
Sie machte sich auch gar nicht erst die Mühe, die folgenden Wehen mitzuzählen, sie fragte sich bei jeder nur, ob sie sich nun die Blöße gab, rückhhaltlos laut zu schreien oder nicht. Bislang ließ die Selbstbeherrschung alles in unartikuliertem Gurgeln und Keuchen enden. "Wenigstens sieht mich keiner...", brabbelte sie in den nass gewordenen Beißholzersatz, "Oh, wie ich es hasse..."
Sie hörte wieder dieses herrische "Reinige dich!", doch konnte sie es gerade nicht mal wirklich in einen Zusammenhang bringen, daß also jemand reingekommen sein musste. "Paladina", eine Stimme. Weiblich. Rabeya. Sie sah die Panik nicht, die im Gesicht der Priesterin aufstieg, als diese begriff, was hier gerade vor sich ging und in was sie hineingeriet, nur weil sie Darna einen Brief hatte bringen wollen und der elfische Wächter draußen gesagt hatte, wo sie verschwunden war. "Bei Temora... Paladina von Hohenfels, drückt die Beine zusammen; Ihr bekommt hier nun kein Kind." Die Stimme klang leicht hysterisch und sie raffte schon die breiten Ärmel nach oben. Darna hörte nicht auf sie und was sie mit ihren Beinen machen sollte. Da war jemand eh gerade völlig anderer Meinung, der da die gewichtigeren Argumente hatte.
Es tat weh wie - ihr fiel keine passende Beschreibung ein, die an diesem Ort nicht lästerlich gewesen wäre. Das Kind wollte raus und sie presste schon wie es nur ging, änderte instinktiv ihre Atmung, als ihr graue Sternchen die Sicht zu verschleiern begannen und mit Bewusstlosigkeit drohten. Das schien verlockend, konnte sie sich aber nicht leisten. Wie sie sich gegen sowas stemmte, wusste sie aus Kampfeinsätzen, wie schafften normale Mütter das?! Rabeya stützte sie, es war ihr peinlich, obwohl sie kaum etwas klar mitbekam, konnte sich dem aber auch nicht entziehen. Und es ging so quälend langsam, sie glaubte jeden Millimeter zu spüren, den das Kind sich weiterschob... Ein gepeinigtes Aufheulen schallte nun doch durch den Raum, sie warf den Kopf nach hinten und holte sich an der unnachgiebigen Wand hinter sich auch noch eine Beule. Sie brauchte mehr Kraft.
Etwas in ihr griff nach der Quelle für Ruhe und Stärke, ihre von der Göttin gestellte Reserve, und jedem Kundigen wäre danach aufgefallen, um wie vieles zügiger tatsächlich der Rest erfolgte, als die Muskeln in ihrem Körper gezielt und mit hoher Kraft funktionierten. Der Kopf des Kindes schob sich den wartenden Händen der Priesterin entgegen, der Körper folgte, und von Blut und Nässe umgeben fand ein Neugeborenes in die Welt.
Der Druck war weg. Alles schmerzte, brannte. Trotzdem interessierte ihr eigener Körper sie gerade gar nicht, und auch ohne Wehe hielt sie die Luft fast vollständig an. Es blieb so still. "Du musst doch schreien..." Ein quieksiger kurzer Laut, sie konnte das Geräusch nicht mal genau identifizieren, als das Kind endlich Luft holte und seinem Unwohlsein Ausdruck verlieh. Erst so leise, dann endlich lauter, so hell...
Für das Betreten der Stätte hatte Rabeya sich extra einen schmalen Dolch in Schwertform fertigen lassen, und diese Klinge hatte nun den ungewöhnlicheren Dienst zu verrichten, die Nabelschnur zu durchtrennen. Wenigstens eine Sorge war Darna los: das Kind würde sofort getauft werden. Der erste Stoff, der seine Haut bedeckte, war ein Priesterumhang. Die Mutter befand sich in einer Mischung aus Hocken und liegen in der Ecke und blinzelte in Richtung des Geschehens.
Rabeya brachte das Gebilde näher vor ihr Gesicht. Das da war... mit Blut und allem möglichen verschmiert, ein runzliges aufgequollen wirkendes und doch viel zu kleines Gesicht, die Haut ganz rot, die Augen zugekniffen, der zahnlose Mund halb offen. Es war klein... klein genug, bis eben musste sich das da noch in ihr befunden haben, das war ihr Kind... Kind, sah so ein Kind aus? Es sah komisch aus. Hä.. häß... sie traute sich nicht, das Wort zu denken. "So häßlich, das kann nur eine Mutter schön finden", kam ihr eine verächtliche Redewendung in den Sinn. Das war ihr Kind, sie musste dieses verhutzelte Ding lieben, nicht wahr?
Wenn Ihr nichts für das Kind empfindet, Milady, solltet ihr es weggeben.
Es schnürte ihr die Kehle zu. Sie wusste nicht, wie lange sie desorientiert und ratlos anmutend, überfordert dieses Wesen anguckte, die Stirn verunsichert gefurcht.
"Schafft ihr es einen Moment ohne mich? Ich möchte Euren Sohn taufen, Paladina."
Sohn. Erbe. Das war der Sohn, den sich Adrian immer gewünscht hatte, und es... er sah aus...oh Götter. Darnas Lippen bewegten sich, sie brachte keinen Ton heraus. "Hat er schon einen Namen erhalten?"
Oh Himmel! Das war nicht mehr feierlich, sie hatten nicht mal über einen Namen für einen Jungen gesprochen! Erst schien es noch so lange hin, dann hatte sie selber einen Vorschlag für einen Mädchennamen gemacht, den Adrian auch gut gefunden hatte, aber Leonora sollte er ja nun wirklich nicht heißen. "Wir haben uns nicht mal... auf einen Namen geeinigt..."
"Er darf nicht ohne Namen sein." Sie war wenig abergläubisch, aber hiervon doch überzeugt, daß das nicht gut sein konnte und so wurde die Stimme etwas hektisch, als sie anfügte: "Aaryon."
Ein Name, der das poetische Wort für Adler in sich trug. "Gib ihm etwas von hier mit. Er ist in diesen Hallen geboren." Die Reiterstatue aus dem Raum der Kerzen kam ihr vor Augen. Mikhail Eldremon, erster unter gleichen der ersten sieben Schwerthüter. Auch wenn seine Kerze der Geistigkeit nicht die ihre war, hatte sie diese Figur immer am meisten gemocht.
"Aaryon... Mikhail von Hohenfels."
"In jenen Namen wird er hineinwachsen." Damit wendete sich Rabeya von ihr ab und machte sich daran, das Kind im Becken hinter sich zu taufen, sie trat mitsamt Robe einfach ins Wasser.
Darna sah Rabeya nach, lauschte erschöpft den Worten, die die Priesterin an ihn richtete:
"Eine große Zukunft liegt vor dir, keiner Mann und du weißt es noch gar nicht in deinen ersten Minuten."
Erbe einer Grafschaft, wenn es dem Kronrat gefiel. Ein Cousin des Königs, eingeheiratete Linie. Sohn eines Ritters, Sohn einer Paladina. Geboren in den Hallen des heiligen Schwertes, als Erbe der Schwerthüter, von zweien dieser zur Welt gebracht. Ein halbes dutzend Erwartungen, die schon mit seiner Geburt auf ihm zu liegen schienen. Sie seufzte stimm- und atemlos. "Das ist zu viel", dachte sie besorgt. Was, wenn er das alles nicht wollte? Es schien, er bekam die besten Voraussetzungen mit auf den Weg, doch auch die Ansprüche schienen gewaltig.
"An jenem Ort mag Temora bei uns sein", intonierte Rabeya.
"Das wirst du brauchen", konnte Darna sich als kommentierenden Gedanken nicht verkneifen.
"Sie mag ihren Segen dem neugeborenen Grafensohn geben. Sie will ihn behüten und beschützen, den rechten Weg weisen..." Aus ihrer schalenartig gehaltenen Hand tropfte von einem dünnen blauen Schein umzogenes Wasser auf die Stirn des Kindes und funkelte wie kleine Sterne, als die Tropfen zerplatzten. Seltsamerweise blieb der Säugling ganz ruhig. "Der Schutz der sieben Tugendkinder mag dir gegeben sein, sie werden dir beibringen, dich zu verhalten wie ein tugendhafter Mensch. Sie werden dich lehren, was gut und böse ist. Was wahr und was falsch, was Tapferkeit und auch was Liebe ist.
Die sieben Schwerthüter, die jenen Raum behüten, werden auch dich behüten wie einen Augapfel, denn auch sie lieben dich, wie sie deine Mutter lieben. So mag auch ihr Schwert und Schild über dir sein, ihre schützende Hand an deiner Wange."
"Ja." Es war so schlicht. Es war so simpel. Sie konnte gar nicht nichts für ihn empfinden. Sie würde jeden zerreißen, der ihm was antäte.
"So taufe ich dich mit jenem Schutz und jenem Segen auf den Namen Aaryon Mikhail von Hohenfels."
Als Rabeya aus dem Wasser trat, gab sie dem Kind in ihrem Arm ein eigenes Versprechen mit, bevor sie ihn an Darna übergab: "Ich werde dich und deine Mutter behüten mit all meiner Kraft, kleiner Aaryon."
"Fühlt Ihr Euch soweit gut, Paladina?"
Wie sie sich fühlte? Gut? Sie fühlte sich, als wurde ein Loch in ihren unteren Leib gerissen, die Frage barg ihr den gleichen Sinn wie ein: "Himmel, du siehst aus als bist du gerade in einen tiefen Brunnen gestürzt, geht es dir gut?"
"Danke", entgegnete sie als Ersatz einer Antwort. Wichtiger war, daß die Priesterin und Schwertschwester ihr fraglos beigestanden hatte. "Ich würde Euch gerne zu einem Heiler bringen." Heiler. Sie sah sich schon wieder lauter Hände abwehren, die alle an ihr herumtatschten und von sich selbst überzeugt versuchten, ihr angeblich Gutes zu tun. Wäh nein, och nö, kein Heiler...
"Ich brauche etwas Ruhe, ehe ich mich wohl irgend wo hin bewegen könnte." Sie konnte jetzt eh keinen einzigen Schritt tun.
"Natürlich, davon ging ich aus, aber dann brechen wir zu einem Heiler auf."
Darna seufzte. "Adrian bringt mich um", murmelte sie leise. Sie würde tatsächlich so lange im Nebelwald gewesen sein, daß sie mit dem Kind im Arm zu ihm zurück kam.
"Ah Adrian...", Rabeya griff in ihre Robe, "Ich traf Andreas, ich soll Euch einen Brief geben. Ich habe ihn nicht gelesen Paladina, ich hoffe es ist nichts Schlimmes."
Schlimmes. Nachricht von Adrian? Sie nahm das Papier unbeholfen neben dem Bündel Kind im Arm entgegen. Immer wieder huschte ihr Blick abgelenkt in das Gesicht des Säuglings, der seltsame Geräusche von sich gab. Ihre Stimme wurde leiser: "Sagt... ist das...", sie schluckte, "ist das normal, daß es... äh, er... so..." Sie suchte verzweifelt nach Worten und versuchte mit verzogener Miene es dann dezent auszudrücken: "..seltsam aussieht?"
"Ich sagte doch... wir sollten dann zu einer Heilerin."
Darnas Mimik sackte nach unten, sie hörte kaum noch, was Rabeya noch sagte, irgendwas davon, daß eine Eluivepriesterin es sicher besser gekonnt hätte und wie sie gezittert habe. Es war also nicht normal, wie er aussah. Ein mißgebildetes Kind. Sie hatte es vermasselt, versagt, und er war auch noch derjenige, der deswegen damit zu leben hatte. Ihr stiegen Tränen auf. "Adrian bringt mich um." Als Rabeya die Erschütterung in der Stimme hörte, schielte sie zu ihr hinüber und verstummte. Was war denn los? Fahrig öffnete Darna den Brief.
Mit Mühe verinnerlichte sie den Inhalt des Schreibens. Adrian war verletzt. Schwerwiegend, und darüber hinaus... Nun brach sie richtig in Tränen aus. "Darna...", meinte Rabeya leise und versuchte, ihr die Schulter etwas zu tätscheln, "soweit ich weiß, gab es gestern keine Tode bei der Schlacht..."
Der Säugling, der gerade eindöste, wachte durch die Bewegungen und die Stimmung auf und entschloss sich, solidarisch mit seiner Mutter gleich mal mit zu weinen. Die Priesterin sah überfordert auf die beiden und die Mundwinkel zuckten hin und her.
Konnte es schlimmer kommen? Ihr Kind war häßlich und ihr Mann lag im Sterben...
-
Darna von Hohenfels
Der Wattekäfig
Ich höre Stimmen, sie gehen einfach nicht weg.
Savea und Shaya. Ich werd sie nicht mehr los. Glaub ich. Nicht, daß mich das normalerweise groß stören würde, aber es ist die Phase eingetreten, die ich immer befürchtet habe, seit ich das zweite Mal schwanger bin.
Erst hat Shaya mir einen Termin mit Anora Silbermann aufgeschwatzt. Vor dieser Heilerin wurde ich schon gewarnt - wer selbst Mariella bändigt, muß gefährlich sein. Ihr also einfach aus dem Weg zu gehen, half nicht, meine treuen Geister schleppten sie nun an. Na schön. Sollen sie ihre Untersuchung kriegen. Bis auf die ganzen scheiß Begleitwehwechen ging es mir die ganze Zeit "gut", also sah ich zu, das Ganze über mich ergehen zu lassen und gut ist.
Wasser?! Warmes Wasser für eine lausige Untersuchung? Was will das Weib mit Wasser? Und die beiden bringen ihr auch noch saubere Tücher! Glauben die, ich würd jetzt das Kind kriegen oder was?! Kurz steigt Panik auf: die haben doch irgendwas ausgeheckt.
Dass ich die beiden ohne öffentlichen Streit aus dem Zimmer geschmissen kriege, kommt mir schon fast zu leicht vor, danach behalte ich diese Heilerin argwöhnisch im Auge. Nein, ich will die Untersuchung sicher nicht im Bett, vergiss es. Ich krieg hier jetzt kein Kind.
Es bleibt alles harmlos. Nicht mal ganz ausziehen musste ich mich, bin gesund - na also. Dann hau ab jetzt. Und nein, ich brauche keine überflüssigen Untersuchungen, um in zwei Wochen nochmal festzustellen, daß ich gesund bin! Ich weiß, wann ich gesund bin, verdammt! Wenn ich krank bin - genug krank bin - ruf ich dich. Guck dir meinetwegen die beiden selber mal an, die schuften bis zum Umfallen... wer überanstrengt sich hier?!
Dass die beiden direkt nach der Untersuchung alles von Anora erfahren wollen würden, daß sie auch bald selber im Zimmer mit hätten bleiben können, war mir klar, aber dass dieses Weibsbild ihnen dann auch noch irgend einen Scheiß erzählt, der alles nur noch schlimmer macht, das hätte ich nicht geahnt. Und hätte ich es geahnt, ich hätte sie selber noch vor der Untersuchung wieder aus dem Haus geschmissen!
Auf dem Weg zurück ins Kloster bittet mich Savea erst, ich möge doch hinter ihrer Stute bleiben - was ich zähneknirschend schon seit Wochen klaglos tue - und schleicht dann in solch einem Schneckentempo vor mir her, dass ich glauben muß, die Pferde schlafen gleich ein. Auf die Frage, ob die Stadt eine neue unsinnige Verordnung erlassen hat, nur mit gedrosselter Geschwindigkeit zu Pferde zu sein, vielleicht damit man nicht auf die ganzen Kaninchen und Schlangen tritt... kommt die Antwort, daß Reiten eigentlich nicht gut für mich sei. Langes Laufen ja eigentlich auch nicht. Ach, Kutsche auch nicht... wie soll ich mich eigentlich noch bewegen, hm? In diesem... Kriechgang... Götter, nein, nicht mit mir! Und DU, Savea, fängst mir nicht an wie dieses Mistbalg Luca!
Als ich das Tempo erhöhen will, greift sie mir auch noch in die Zügel... und Wut schwappt hoch. Lass sofort los, verdammt! Die legt es wirklich wieder auf Kraftproben an, und ich seh den Käfig aus Watte auf mich zuwalzen. SCHEISS HEILER! Such dir ein anderes Spielzeug, Savea, bis du statt meiner das Kind betüddeln kannst, aber lass mich in Frieden. Ich bin eingeengt genug, ich brauch dich nicht auch noch mit der Decke hinter mir herlaufend.
Nicht aufregen.
Ich fütter im Kloster die Hühner, sammel das Obst ein, mach mich in der Küche nützlich. Ständig summen mir wieder Lucas Worte von damals in den Ohren: Schwangere, die fett und faul in der Gegend herumliegen. Es lässt in mir den Zorn hochkochen wie eh und je. Ich bin eigentlich ständig müde, fühl mich unwohl in meinem Körper, alles tut ein bißchen weh, was auf Dauer grausamer ist als würde man mir wenigstens einmal ordentlich mit dem Zweihhänder ins Bein schlagen, es ist alles umständlich, mir wird die Luft schnell knapp, daß ich das Gefühl hab, ich bräuchte das zweifache an Brustraum für diesen Körper der sowieso schon so furchtbar aufgedunsen ist...
Die zweite Schwangerschaft ist nicht so schlimm wie die erste, sagt man. Doch, ist sie. Dieses Kind scheint deutlich größer werden zu wollen als Aaryon. Vermutlich erinnern sich die Weiber an die erste Schwangerschaft nur nicht mehr so genau. Mir kommt sie teils auch nebulös vor und ich bin bloß dankbar, daß ich einen Teil davon nicht wieder auf Menek'Ur verbringen muß. Es kommt einem nicht so schlimm vor vielleicht, weil man die Symptome schon kennt.
Ich nehme mich schon in allem zurück.
Beim Bauen der Gehege kam ich mir schon lächerlich vor, da Brettlein für Brettlein zu tragen, als wär ich ein kleines Kind, das ein bißchen mithelfen will. Und dann nimmt mir Shaya den Kram auch noch ab.
Als beim Helfen in der Küche der Wasserbottich leer wird, gehe ich wie selbstverständlich los - und nein, ich schleppe nicht den ganzen Eimer, ich nehme schon nur den halben... und ich ahnte es, sie kommen mit hinterher wie die Ameisen, die geschäftig alles wegtragen bis man sich wundert, wo das ganze Zeug geblieben ist. Aber nicht Shaya oder Savea waren es, nein, Alessandro steht da erst vor der Kirche herum und kommt näher, als er das verhaltene Gerangel um den Wassereimer bemerkt und nimmt ihn mir ab. Oh verflucht! Und fängt auch noch an, was von Überanstrengung zu faseln!
Und Savea, dieses Mistweib, fällt mir dann in den Rücken! Bestätigt ihn, schmeichelt ihm, lächelt ihn an, als er sein salbungsvolles Geschwaller ablässt von wegen, ich müsse mich schonen! VERRÄTER ALLESAMT, DANN SCHLEPPT DEN SCHEISS DOCH SELBER! Und lasst mich in Ruhe.
Aber nein, lassen sie nicht. Ich werd sie nicht los, als ich mich draußen abreagieren will, ich werd sie nicht mal los, als ich mich im Kloster bleibend hinter die Häuser verkrümel. Ich kenne diese Wut... aber ich kann nicht mal alleine zum Meer, um sie hinaus zu schreien. Shaya und Savea würden einen Schritt hinter mir kleben.
Der Käfig wird enger, und ich wollte eigentlich nicht fliehen müssen. Ein widerliches Gefühl in der Kehle steigt mir hoch, irgend etwas an all dem kommt mir entsetzlich vertraut vor. Dieses Gefühl, festzusitzen, eingepfercht, in Blut zu ertrinken, während ich von Händen gestreichelt werde, von denen ich nicht gestreichelt werden will. Ich beiß die Zähne zusammen in dem Impuls, zuzuschnappen bis irgendwer keine Finger mehr hat. Dann schiebe ich mich die Hauswand hoch und gehe schlafen, ehe ich dem Irrsinn verfalle.
Oder zumindest, versuch es... es endet diesmal nicht nur wegen der Turnübungen da in mir darin, daß ich irgendwie halb im Bett sitze, nicht wirklich schlafend, und längst nicht wach - fett und faul herumliegend eben, hm? - und mir nur noch wünsche, dies alles wäre endlich vorbei.
Ich höre Stimmen, sie gehen einfach nicht weg.
Savea und Shaya. Ich werd sie nicht mehr los. Glaub ich. Nicht, daß mich das normalerweise groß stören würde, aber es ist die Phase eingetreten, die ich immer befürchtet habe, seit ich das zweite Mal schwanger bin.
Erst hat Shaya mir einen Termin mit Anora Silbermann aufgeschwatzt. Vor dieser Heilerin wurde ich schon gewarnt - wer selbst Mariella bändigt, muß gefährlich sein. Ihr also einfach aus dem Weg zu gehen, half nicht, meine treuen Geister schleppten sie nun an. Na schön. Sollen sie ihre Untersuchung kriegen. Bis auf die ganzen scheiß Begleitwehwechen ging es mir die ganze Zeit "gut", also sah ich zu, das Ganze über mich ergehen zu lassen und gut ist.
Wasser?! Warmes Wasser für eine lausige Untersuchung? Was will das Weib mit Wasser? Und die beiden bringen ihr auch noch saubere Tücher! Glauben die, ich würd jetzt das Kind kriegen oder was?! Kurz steigt Panik auf: die haben doch irgendwas ausgeheckt.
Dass ich die beiden ohne öffentlichen Streit aus dem Zimmer geschmissen kriege, kommt mir schon fast zu leicht vor, danach behalte ich diese Heilerin argwöhnisch im Auge. Nein, ich will die Untersuchung sicher nicht im Bett, vergiss es. Ich krieg hier jetzt kein Kind.
Es bleibt alles harmlos. Nicht mal ganz ausziehen musste ich mich, bin gesund - na also. Dann hau ab jetzt. Und nein, ich brauche keine überflüssigen Untersuchungen, um in zwei Wochen nochmal festzustellen, daß ich gesund bin! Ich weiß, wann ich gesund bin, verdammt! Wenn ich krank bin - genug krank bin - ruf ich dich. Guck dir meinetwegen die beiden selber mal an, die schuften bis zum Umfallen... wer überanstrengt sich hier?!
Dass die beiden direkt nach der Untersuchung alles von Anora erfahren wollen würden, daß sie auch bald selber im Zimmer mit hätten bleiben können, war mir klar, aber dass dieses Weibsbild ihnen dann auch noch irgend einen Scheiß erzählt, der alles nur noch schlimmer macht, das hätte ich nicht geahnt. Und hätte ich es geahnt, ich hätte sie selber noch vor der Untersuchung wieder aus dem Haus geschmissen!
Auf dem Weg zurück ins Kloster bittet mich Savea erst, ich möge doch hinter ihrer Stute bleiben - was ich zähneknirschend schon seit Wochen klaglos tue - und schleicht dann in solch einem Schneckentempo vor mir her, dass ich glauben muß, die Pferde schlafen gleich ein. Auf die Frage, ob die Stadt eine neue unsinnige Verordnung erlassen hat, nur mit gedrosselter Geschwindigkeit zu Pferde zu sein, vielleicht damit man nicht auf die ganzen Kaninchen und Schlangen tritt... kommt die Antwort, daß Reiten eigentlich nicht gut für mich sei. Langes Laufen ja eigentlich auch nicht. Ach, Kutsche auch nicht... wie soll ich mich eigentlich noch bewegen, hm? In diesem... Kriechgang... Götter, nein, nicht mit mir! Und DU, Savea, fängst mir nicht an wie dieses Mistbalg Luca!
Als ich das Tempo erhöhen will, greift sie mir auch noch in die Zügel... und Wut schwappt hoch. Lass sofort los, verdammt! Die legt es wirklich wieder auf Kraftproben an, und ich seh den Käfig aus Watte auf mich zuwalzen. SCHEISS HEILER! Such dir ein anderes Spielzeug, Savea, bis du statt meiner das Kind betüddeln kannst, aber lass mich in Frieden. Ich bin eingeengt genug, ich brauch dich nicht auch noch mit der Decke hinter mir herlaufend.
Nicht aufregen.
Ich fütter im Kloster die Hühner, sammel das Obst ein, mach mich in der Küche nützlich. Ständig summen mir wieder Lucas Worte von damals in den Ohren: Schwangere, die fett und faul in der Gegend herumliegen. Es lässt in mir den Zorn hochkochen wie eh und je. Ich bin eigentlich ständig müde, fühl mich unwohl in meinem Körper, alles tut ein bißchen weh, was auf Dauer grausamer ist als würde man mir wenigstens einmal ordentlich mit dem Zweihhänder ins Bein schlagen, es ist alles umständlich, mir wird die Luft schnell knapp, daß ich das Gefühl hab, ich bräuchte das zweifache an Brustraum für diesen Körper der sowieso schon so furchtbar aufgedunsen ist...
Die zweite Schwangerschaft ist nicht so schlimm wie die erste, sagt man. Doch, ist sie. Dieses Kind scheint deutlich größer werden zu wollen als Aaryon. Vermutlich erinnern sich die Weiber an die erste Schwangerschaft nur nicht mehr so genau. Mir kommt sie teils auch nebulös vor und ich bin bloß dankbar, daß ich einen Teil davon nicht wieder auf Menek'Ur verbringen muß. Es kommt einem nicht so schlimm vor vielleicht, weil man die Symptome schon kennt.
Ich nehme mich schon in allem zurück.
Beim Bauen der Gehege kam ich mir schon lächerlich vor, da Brettlein für Brettlein zu tragen, als wär ich ein kleines Kind, das ein bißchen mithelfen will. Und dann nimmt mir Shaya den Kram auch noch ab.
Als beim Helfen in der Küche der Wasserbottich leer wird, gehe ich wie selbstverständlich los - und nein, ich schleppe nicht den ganzen Eimer, ich nehme schon nur den halben... und ich ahnte es, sie kommen mit hinterher wie die Ameisen, die geschäftig alles wegtragen bis man sich wundert, wo das ganze Zeug geblieben ist. Aber nicht Shaya oder Savea waren es, nein, Alessandro steht da erst vor der Kirche herum und kommt näher, als er das verhaltene Gerangel um den Wassereimer bemerkt und nimmt ihn mir ab. Oh verflucht! Und fängt auch noch an, was von Überanstrengung zu faseln!
Und Savea, dieses Mistweib, fällt mir dann in den Rücken! Bestätigt ihn, schmeichelt ihm, lächelt ihn an, als er sein salbungsvolles Geschwaller ablässt von wegen, ich müsse mich schonen! VERRÄTER ALLESAMT, DANN SCHLEPPT DEN SCHEISS DOCH SELBER! Und lasst mich in Ruhe.
Aber nein, lassen sie nicht. Ich werd sie nicht los, als ich mich draußen abreagieren will, ich werd sie nicht mal los, als ich mich im Kloster bleibend hinter die Häuser verkrümel. Ich kenne diese Wut... aber ich kann nicht mal alleine zum Meer, um sie hinaus zu schreien. Shaya und Savea würden einen Schritt hinter mir kleben.
Der Käfig wird enger, und ich wollte eigentlich nicht fliehen müssen. Ein widerliches Gefühl in der Kehle steigt mir hoch, irgend etwas an all dem kommt mir entsetzlich vertraut vor. Dieses Gefühl, festzusitzen, eingepfercht, in Blut zu ertrinken, während ich von Händen gestreichelt werde, von denen ich nicht gestreichelt werden will. Ich beiß die Zähne zusammen in dem Impuls, zuzuschnappen bis irgendwer keine Finger mehr hat. Dann schiebe ich mich die Hauswand hoch und gehe schlafen, ehe ich dem Irrsinn verfalle.
Oder zumindest, versuch es... es endet diesmal nicht nur wegen der Turnübungen da in mir darin, daß ich irgendwie halb im Bett sitze, nicht wirklich schlafend, und längst nicht wach - fett und faul herumliegend eben, hm? - und mir nur noch wünsche, dies alles wäre endlich vorbei.
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Darna von Hohenfels
Der Widerspenstigen Nichtzähmung 2
Ich glaub es nicht. Ich glaub es einfach nicht. Fassungslos sehe ich Bruder Rupat an, als er mir erklärt, daß mein Pferd Lumenon nicht da sei. Savea. Zum Hufbeschlagen mitgenommen... ja klar. Ich glaube es keine halbe Sekunde, nicht nach dem Gerangel gestern. Sie hat mir das Pferd weggenommen, ich fass es nicht.
"Der Tag, an dem ich nicht mehr auf ein Pferd komme, Luca, bin ich tot."
"Ihr solltet dann vielleicht besser gar nicht mehr reiten..."
Hochschwappender Hass gegen dieses besserwisserische Mistgör.
Hochschwappender Hass gegen diese grauhaarige Frau, die meint, mir etwas vorschreiben, nein, aufzwingen zu können. Du willst schon wieder Kraftproben, Savea? Du willst Krieg? Du glaubst, mir etwas aufnötigen zu können?
Dieses Drecksweib. Dass ich nicht fordern brauche, dass sie augenblicklich mein Pferd zurückholt, weiß ich. Am langen ausgestreckten Arm ließe sie mich herumzappeln, würde sonstwas für Erklärungen und Ausflüchte finden und ließe mich dastehen wie ein dämliches Kind. Ich bin nicht dein Kind, Savea. DU... hast mir gar nichts zu sagen. Geht dieser elende Kampf schon wieder los. Ich fasse es nicht, daß ich gegen meine eigene Haushälterin nicht ankomme, ohne ihr den Schädel ein paar Mal gegen eine Wand zu schlagen und wirklich brutal zu werden.
Na schön.
Auf der Stelle hier ein Pferd kaufen oder ein anderes organisieren kann ich nicht, aber wenn du glaubst, meine Bewegungen einschränken zu können, werd ich dir was husten! Das wird ein netter Fußmarsch vom Kloster bis zur Schwertwacht... ein zu langer. Jedenfalls, wenn ich da in wenigen Stunden sein will. Aber wenn du glaubst, du kannst mich aufhalten und mit dieser widerlichen Art gängeln, wie es dir gerade in den Kram passt, irrst du dich. Nehm ich von Berchgard aus die Kutsche nach Ostgerimor.
Ich hasse es, ich will mein Pferd wieder. Die Kutsche ist furchtbar, es rumpelt und wird mal schneller, mal langsamer, ohne daß ich es kontrollieren kann. Mein Pferd weggenommen... Ich will die Kontrolle über mich zurück! Nicht mal die halbe Strecke nach Berchgard hatte ich zurück gelegt, als sie hinterher kamen. Mit kamen. Auf Abstand bleibend.
Ich werd sie nicht mehr los.
Doch, werd ich. Während ich auf den runden Balken sitze, die vorne an der Baustelle liegen, schäle ich Stück für Stück einen Apfel und versuch, die Gedanken im Griff zu behalten. Ein Stück weit entfernt sitzen sie in einem Heuhaufen und stehen auf, wenn ich aufstehe, mich auch nur ein paar Schritt aus der Sicht entferne... wie zufällig sind sie dann in der Nähe, sitzen auf, sitzen wieder ab... ich komm mir vor wie ein beobachtetes Tier.
Ruhig bleiben.
Nein, ich fange keine Diskussionen an. Werde keine hohlen Drohungen aussprechen. Mit was soll ich drohen? Ich kann ihnen nicht drohen, es prallt ja alles ab, was im Rahmen des Sittlichen wäre. Ich kann sie nicht entlassen, ich brauche sie. Allein Savea entlassen schon mal gar nicht. Ach Dreck, ich hätte gedacht, es wäre endlich mal Frieden, es wäre endlich mal gut. Ich dachte, wir hätten die Machtspiele hinter uns. Aber nein, sie will immernoch ihren Kopf durchsetzen, auch wenn ich es nicht will.
Ich schneide den Apfel langsam durch, lausche dem leise knirschenden Geräusch, als die Klinge das Innere zerteilt. Ganz sorgsam löse ich das Kerngehäuse aus dem Innern und muß einen Moment an einen Pfirsich und an Ryana und Vivianne denken. Ganz akkurat, ganz sauber. Ich werf das Kerngehäuse mit altgewohnter Kraft und Kontrolle in den Fluß.
Sie ist nicht weg, die Kraft, die Ritterin. Sie ist nur überlagert von lauter Klischee und dem verweichlichten Mutterleib, ich stecke in einem falschen Körper, weil das Kind ihn braucht. Ich werde danach wieder in der Rüstung stecken.
Und Savea den Panzerhandschuh ins Gesicht drücken, wenn sie es nochmal wagt, mir mein Pferd wegzunehmen und mir in die Zügel zu greifen.
"Ihr habt noch eine Stunde Zeit, mein Pferd zu holen, Savea" - nein, ich sage es nicht. Nein, ich werde mich nicht bei Cedric über dieses schamlose Verhalten in irgend einer Weise auslassen, ich werde sie nicht öffentlich demütigen oder schlecht reden. Drecksweib. Wenn du glaubst, du könntest mich an der kurzen Kandarre halten, irrst du dich.
Cedrics Anwesenheit und der Umstand, daß er nochmal zurück reiten wird, ist ein Glücksfall, aber einer, den ich prompt nutze. Dankeschön, daß Ihr mir ein Pferd mitbringen werdet, Sir... weil meinem angeblich die Hufe beschlagen werden, grr...
Die Demütigungen gehen weiter und langsam reicht es mir. Es reicht mir fast so sehr, daß es einzig noch der eigene Stolz und die Bedachtheit auf einen Rest Würde ist, um Savea und Shaya nicht öffentlich zusammenzufalten, und das auch noch vor den Mitgliedern der Allianz, die sie seit dem Klosterstreit am meisten verachten. Und ich kenne diese Dickschädel, es könnte zur eigenen Demütigung werden, wenn ich diese Zicken nicht gebändigt bekomme.
Erst stellen sie neben mir und dem Kaltblut von Cedric ihre Pferde so hin, daß zwischen ihnen fast kein Platz mehr ist, dann schaffen sie es irgendwie, ihren Pferden aufzuschatzen, daß sie mir auf Schritt und Tritt folgen. Zwei Pferde, die mir hinterherdackeln... ich bring sie um. Irgend jemand, irgend etwas bringe ich gleich um.
Nein, nicht die Pferde, auch wenn mir gerade die Galle bis zu den Zähnen hochkommt und ich nicht übel Lust hätte, ihnen mein Schwert bis zum Heft in den Brustkorb zu rammen. Es sind nur die Pferde und sie haben alles verdient, aber nicht das. Silbersturm habe ich sogar selber gerettet, verdammt, und jetzt dient dieses Tier Savea wie ein Hund, sich genauso sturköpfig gebärdend und wird gegen mich eingesetzt, um mich wie einen lächerlichen Deppen dastehen zu lassen, ich pack es nicht...
Nein, ich werde auch Savea und Shaya nicht umbringen.
Nein, ich werde nicht all meine Wut hier auf den Platz brüllen und herumtoben, daß mich die anderen auch noch für minderbemittelt halten.
Ich sitze auf den Baumstämmen und muß untätig bleiben, während sie vorne wieder schuften. Mir wird kalt vom Herumsitzen und Shaya legt mir ihren Umhang um, verdammt. Nein, ich werde ihn nicht in den Fluss schmeißen. Bleib einfach ruhig. Nur ein bißchen noch.
Es ist so elendig, ich wollte eigentlich noch nicht weg. Nicht Allerich allein lassen und das für Wochen. Nicht alles hier zurück lassen. Ich sitze hier so widerlich untätig herum, habe aber immernoch für ein paar Dinge die Verantwortung, die ich sonst liegen ließe. Trotzdem formuliere ich in Gedanken schon den Abschiedsbrief an Adrian, plane minutiös, wo ich ihn hinterlege, was ich alles brauche und wie ich weg komme.
Eine weitere verbale Rangelei. Kräftemessen. Ich hasse es, begreift ihr nicht? Ihr habt mir gar nichts zu sagen, verdammt! Ihr habt nichts zu "möchten", Savea, was du "möchtest", ist so gut wie ein Befehl, denn wenn du deinen scheiß Willen nicht kriegst, nimmst du mir das Pferd eben weg?! Das ist kein "möchten", das ist Gängelei, das ist verhohlener Befehl, das ist Erpressung! Nein, ich werde nicht nur im Schritt reiten, weil du das so willst! Ich bin nicht dein verdammtes Kind, und wie schnell ich reite und reiten kann, bestimme ich, Punkt basta fertig aus!
Das ist doch sinnlos alles. Bleibt mir einfach von der Pelle. Ich überlege, wie ich die Vorbereitungen treffe - eher, wann. Oder ob ich nicht doch noch alles schlucken soll, was ihr an mir herumexperimentiert, um mich einzukesseln und herumzugängeln. Ich hab hier doch noch zu tun...
"Ich hole Euer Pferd, Milady."
Was?
Unglaube.
Nein, sie holt es tatsächlich. Was ist jetzt kaputt? ... Hab ich gewonnen? Hab ich wirklich gewonnen? Ich reite ganz einfach nach Hause - also, ins Kloster. Und ich werde sie nicht los, aber ich halt mein Tempo, zügiger Schritt, ganz einfach, ganz federnd, leicht... ich liebe dieses Pferd.
Hab ich wirklich gewonnen?
Ich glaub es nicht. Ich glaub es einfach nicht. Fassungslos sehe ich Bruder Rupat an, als er mir erklärt, daß mein Pferd Lumenon nicht da sei. Savea. Zum Hufbeschlagen mitgenommen... ja klar. Ich glaube es keine halbe Sekunde, nicht nach dem Gerangel gestern. Sie hat mir das Pferd weggenommen, ich fass es nicht.
"Der Tag, an dem ich nicht mehr auf ein Pferd komme, Luca, bin ich tot."
"Ihr solltet dann vielleicht besser gar nicht mehr reiten..."
Hochschwappender Hass gegen dieses besserwisserische Mistgör.
Hochschwappender Hass gegen diese grauhaarige Frau, die meint, mir etwas vorschreiben, nein, aufzwingen zu können. Du willst schon wieder Kraftproben, Savea? Du willst Krieg? Du glaubst, mir etwas aufnötigen zu können?
Dieses Drecksweib. Dass ich nicht fordern brauche, dass sie augenblicklich mein Pferd zurückholt, weiß ich. Am langen ausgestreckten Arm ließe sie mich herumzappeln, würde sonstwas für Erklärungen und Ausflüchte finden und ließe mich dastehen wie ein dämliches Kind. Ich bin nicht dein Kind, Savea. DU... hast mir gar nichts zu sagen. Geht dieser elende Kampf schon wieder los. Ich fasse es nicht, daß ich gegen meine eigene Haushälterin nicht ankomme, ohne ihr den Schädel ein paar Mal gegen eine Wand zu schlagen und wirklich brutal zu werden.
Na schön.
Auf der Stelle hier ein Pferd kaufen oder ein anderes organisieren kann ich nicht, aber wenn du glaubst, meine Bewegungen einschränken zu können, werd ich dir was husten! Das wird ein netter Fußmarsch vom Kloster bis zur Schwertwacht... ein zu langer. Jedenfalls, wenn ich da in wenigen Stunden sein will. Aber wenn du glaubst, du kannst mich aufhalten und mit dieser widerlichen Art gängeln, wie es dir gerade in den Kram passt, irrst du dich. Nehm ich von Berchgard aus die Kutsche nach Ostgerimor.
Ich hasse es, ich will mein Pferd wieder. Die Kutsche ist furchtbar, es rumpelt und wird mal schneller, mal langsamer, ohne daß ich es kontrollieren kann. Mein Pferd weggenommen... Ich will die Kontrolle über mich zurück! Nicht mal die halbe Strecke nach Berchgard hatte ich zurück gelegt, als sie hinterher kamen. Mit kamen. Auf Abstand bleibend.
Ich werd sie nicht mehr los.
Doch, werd ich. Während ich auf den runden Balken sitze, die vorne an der Baustelle liegen, schäle ich Stück für Stück einen Apfel und versuch, die Gedanken im Griff zu behalten. Ein Stück weit entfernt sitzen sie in einem Heuhaufen und stehen auf, wenn ich aufstehe, mich auch nur ein paar Schritt aus der Sicht entferne... wie zufällig sind sie dann in der Nähe, sitzen auf, sitzen wieder ab... ich komm mir vor wie ein beobachtetes Tier.
Ruhig bleiben.
Nein, ich fange keine Diskussionen an. Werde keine hohlen Drohungen aussprechen. Mit was soll ich drohen? Ich kann ihnen nicht drohen, es prallt ja alles ab, was im Rahmen des Sittlichen wäre. Ich kann sie nicht entlassen, ich brauche sie. Allein Savea entlassen schon mal gar nicht. Ach Dreck, ich hätte gedacht, es wäre endlich mal Frieden, es wäre endlich mal gut. Ich dachte, wir hätten die Machtspiele hinter uns. Aber nein, sie will immernoch ihren Kopf durchsetzen, auch wenn ich es nicht will.
Ich schneide den Apfel langsam durch, lausche dem leise knirschenden Geräusch, als die Klinge das Innere zerteilt. Ganz sorgsam löse ich das Kerngehäuse aus dem Innern und muß einen Moment an einen Pfirsich und an Ryana und Vivianne denken. Ganz akkurat, ganz sauber. Ich werf das Kerngehäuse mit altgewohnter Kraft und Kontrolle in den Fluß.
Sie ist nicht weg, die Kraft, die Ritterin. Sie ist nur überlagert von lauter Klischee und dem verweichlichten Mutterleib, ich stecke in einem falschen Körper, weil das Kind ihn braucht. Ich werde danach wieder in der Rüstung stecken.
Und Savea den Panzerhandschuh ins Gesicht drücken, wenn sie es nochmal wagt, mir mein Pferd wegzunehmen und mir in die Zügel zu greifen.
"Ihr habt noch eine Stunde Zeit, mein Pferd zu holen, Savea" - nein, ich sage es nicht. Nein, ich werde mich nicht bei Cedric über dieses schamlose Verhalten in irgend einer Weise auslassen, ich werde sie nicht öffentlich demütigen oder schlecht reden. Drecksweib. Wenn du glaubst, du könntest mich an der kurzen Kandarre halten, irrst du dich.
Cedrics Anwesenheit und der Umstand, daß er nochmal zurück reiten wird, ist ein Glücksfall, aber einer, den ich prompt nutze. Dankeschön, daß Ihr mir ein Pferd mitbringen werdet, Sir... weil meinem angeblich die Hufe beschlagen werden, grr...
Die Demütigungen gehen weiter und langsam reicht es mir. Es reicht mir fast so sehr, daß es einzig noch der eigene Stolz und die Bedachtheit auf einen Rest Würde ist, um Savea und Shaya nicht öffentlich zusammenzufalten, und das auch noch vor den Mitgliedern der Allianz, die sie seit dem Klosterstreit am meisten verachten. Und ich kenne diese Dickschädel, es könnte zur eigenen Demütigung werden, wenn ich diese Zicken nicht gebändigt bekomme.
Erst stellen sie neben mir und dem Kaltblut von Cedric ihre Pferde so hin, daß zwischen ihnen fast kein Platz mehr ist, dann schaffen sie es irgendwie, ihren Pferden aufzuschatzen, daß sie mir auf Schritt und Tritt folgen. Zwei Pferde, die mir hinterherdackeln... ich bring sie um. Irgend jemand, irgend etwas bringe ich gleich um.
Nein, nicht die Pferde, auch wenn mir gerade die Galle bis zu den Zähnen hochkommt und ich nicht übel Lust hätte, ihnen mein Schwert bis zum Heft in den Brustkorb zu rammen. Es sind nur die Pferde und sie haben alles verdient, aber nicht das. Silbersturm habe ich sogar selber gerettet, verdammt, und jetzt dient dieses Tier Savea wie ein Hund, sich genauso sturköpfig gebärdend und wird gegen mich eingesetzt, um mich wie einen lächerlichen Deppen dastehen zu lassen, ich pack es nicht...
Nein, ich werde auch Savea und Shaya nicht umbringen.
Nein, ich werde nicht all meine Wut hier auf den Platz brüllen und herumtoben, daß mich die anderen auch noch für minderbemittelt halten.
Ich sitze auf den Baumstämmen und muß untätig bleiben, während sie vorne wieder schuften. Mir wird kalt vom Herumsitzen und Shaya legt mir ihren Umhang um, verdammt. Nein, ich werde ihn nicht in den Fluss schmeißen. Bleib einfach ruhig. Nur ein bißchen noch.
Es ist so elendig, ich wollte eigentlich noch nicht weg. Nicht Allerich allein lassen und das für Wochen. Nicht alles hier zurück lassen. Ich sitze hier so widerlich untätig herum, habe aber immernoch für ein paar Dinge die Verantwortung, die ich sonst liegen ließe. Trotzdem formuliere ich in Gedanken schon den Abschiedsbrief an Adrian, plane minutiös, wo ich ihn hinterlege, was ich alles brauche und wie ich weg komme.
Eine weitere verbale Rangelei. Kräftemessen. Ich hasse es, begreift ihr nicht? Ihr habt mir gar nichts zu sagen, verdammt! Ihr habt nichts zu "möchten", Savea, was du "möchtest", ist so gut wie ein Befehl, denn wenn du deinen scheiß Willen nicht kriegst, nimmst du mir das Pferd eben weg?! Das ist kein "möchten", das ist Gängelei, das ist verhohlener Befehl, das ist Erpressung! Nein, ich werde nicht nur im Schritt reiten, weil du das so willst! Ich bin nicht dein verdammtes Kind, und wie schnell ich reite und reiten kann, bestimme ich, Punkt basta fertig aus!
Das ist doch sinnlos alles. Bleibt mir einfach von der Pelle. Ich überlege, wie ich die Vorbereitungen treffe - eher, wann. Oder ob ich nicht doch noch alles schlucken soll, was ihr an mir herumexperimentiert, um mich einzukesseln und herumzugängeln. Ich hab hier doch noch zu tun...
"Ich hole Euer Pferd, Milady."
Was?
Unglaube.
Nein, sie holt es tatsächlich. Was ist jetzt kaputt? ... Hab ich gewonnen? Hab ich wirklich gewonnen? Ich reite ganz einfach nach Hause - also, ins Kloster. Und ich werde sie nicht los, aber ich halt mein Tempo, zügiger Schritt, ganz einfach, ganz federnd, leicht... ich liebe dieses Pferd.
Hab ich wirklich gewonnen?
-
Darna von Hohenfels
Das ist ein schaler Sieg. Mehr als ein Ächzen fällt mir dazu nicht ein. Doch, eigentlich schon, eine Menge geht mir dazu durch den Kopf, viel zu viel, bis er schwirrt. Die Gespräche mit Adrian über meine Neigung, Menschen wegzubeißen, die mir nur aus Fürsorge zu aufdringlich werden.
"Vielleicht bist du ja erst zufrieden wenn auch der letzte Mensch der sich Nächte um die Ohren schlägt, wenn du wirklich Hilfe brauchst, vertrieben ist." Adrians Worte. Meine Augen werden schmal, als sie in meinem Kopf erinnernd wiederhallen, sie sind erst wenige Minuten alt. Er wusste mehr als ich, als er heute her kam, um mich zur Rede zu stellen, weil Savea weg ist. Die Schlüssel abgegeben, ihm einen Brief hinterlassen. Er wusste mehr als ich.
Für einen Moment war ich geneigt, ihr zu unterstellen, daß sie nun also geht, wenn sie ihren Willen nicht bekommt... na schön. So rum ginge es natürlich auch, wenn sie es nicht ertragen kann, mir einfach nichts vorschreiben zu können. Aber der Brief klang nicht danach. Sie weiß es einfach nicht besser. Glaub ich? Ja, sie macht sich einfach nur Sorgen und will mir helfen, und nein, ich ertrage ihre Art dabei aber nicht.
"Ich hoffe, du bist vernünftig genug, Shaya nicht auch noch zu verscheuchen."
"Sie macht nicht solche Dummheiten." - ich versuche zu analysieren, was Shaya anders macht als Savea, aber es fällt nicht ganz leicht. Besonders nicht mit diesem summenden Schädel, der sich mehr und mehr aufbaut, nicht mit diesem wechselnd mal stärker wummernden, mal tief und ruhig schlagenden Herz, das sich anfühlt, als würde ich mehrere Wellen an Schlachten schlagen.
Tu ich ja auch... anders. Jetzt seit drei Tagen muß ich mir mit den Ellbogen schmerzhaft die Leute vom Leib halten, die sich mir irgendwie aufdrängen wollen. Schmerzhaft für mich, schmerzhaft für sie. Neben den üblichen Verdächtigen dabei rückte Alessandro nun auch schon ein zweites Mal an:
"Doch sollte ich bemerken, dass Ihr Euch überanstrengt.. so werde ich einschreiten, so leid es mir tut.."
"Ach du jetzt auch noch? Willkommen im Club. Sieh zu, dass du Land gewinnst. Du willst Rache dafür, was ich mit Mandred angestellt hab, stimmt's?" - nein, ich kleide es in andere Worte: "Würde mir auch leid tun, Sir. Für dich nämlich, Freundchen. Wenn Ihr Euch anmaßt, über einen Körper zu befinden, der nicht der Eure ist und einen Zustand, von dem Ihr als Mann sicher die wenigste Erfahrung habt. Was übersetzt so viel heißt wie: Werd erstmal selber schwanger, bevor du hier versuchst den Experten zu mimen, Klugscheißer."
"Lady, selbst jener Ritter vor Euch erkennt, wann ein Mensch überanstrengt ist, oder auch jener zu schwitzen scheint, doch man erhofft sicherlich, dass Ihr Euch sichtlich schont... Damit Ihr Euch um Euer Neugeborenes kümmern könnt."
"Aha, dafür soll es mir also gut gehen. Klar. Verstehe. Eigentlich ist das auch eine Form der Abschiebung, stimmts? Hier Mama. Kümmer dich um dein Kind. Pah. Solange Ihr Anstrengung von Über-Anstrengung zu trennen wisst, Sir, werdet Ihr nach Anzeichen von Überanstrengung sicherlich bei anderen suchen dürfen. Wieso sagt eigentlich bei Savea und Shaya niemand was, wenn die nach Tagen der Viehtreiberei vor Müdigkeit fast umklappen und mir trotzdem noch hinterher wieseln? Weil die nicht schwanger sind. Vielleicht muß man euch mit der Nase drauf stoßen, auf mich hören die ja eh nicht, aber geh jemand anders nerven, Alessandro, hier hast zwei andere Opfer, da: Vielleicht bei meinen Mägden."
"Was ich sicherlich erblicken konnte, ist die Sorge in deren Gesichtern."
"Ach, mehr nicht?! Scheiß Dreck!"
"Doch Lady, möchte man Euch nicht provozieren."
"Tust du aber längst! Verzieh dich!"
"Man spricht nur um Euer Wohl..."
"Ja ja. ... Ups. Was guckt er so? Oh oh, ich glaube, das konnte man jetzt in meinem Gesicht sehen, was ich davon halte, hm? Hrm."
"Ihr möchtet sicherlich nicht, dass die Eminenz von einer Überanstrengung Eurer Seite erfährt...?"
"Aua Bursche, droh mir nicht, das war jetzt ein Fehler... wenn ihr auch noch Svea die Ohren volljammert, was angeblich alles mit mir sei, fahr ich Schlitten mit euch. Nein, ich möchte nicht, dass man ihrer Eminenz auch noch die Hucke voll lügt", sag ich gefährlich leise. Hucke voll lügen? Hab ich das wirklich gesagt? Durchatmen, Darna. Ganz ruhig. Dir droht grad mal wieder die Kontrolle zu entgleiten, und ich will mich nicht auch noch mit Alessandro anlegen. Wobei, bis zu seiner Kehle käme ich auch noch. Nein, ruhig bleiben. Einatmen, ausatmen, stehen bleiben, ganz ruhig.
"Ihr bezichtigt mich der Lügnerei?"
"Ach komm Freundchen, komm mir nicht so... das Spiel kenn ich schon. Dass ich mich überanstrengen würde? Wäre eine Lüge, im Falle wenn, ja Sir. Du verdrehst mir die Worte nicht im Mund, das können andere besser."
"Habe ich dies schon angesprochen? Ich sprach davon, wenn es so sein sollte."
"Ja ne, ist klar. Sag mal, für wie dämlich hälst du mich? Nein, Ihr spracht dies nicht bereits an. Aber ich denke, zu erkennen, wann man mir zu drohen versucht, Sir."
"Es geht mir schlußendlich um Euer Wohl..."
"Dann reiht Euch in die lange Schlange derer ein, die davon ebenso überzeugt sind und damit weniger an meinem Wohl wirklich interessiert, als sie sich einreden, denn dann würden sie mich für erfahren genug halten, selber auf meinen Körper zu achten und mich in Ruhe lassen. Sir."
Wieso glaubt mir eigentlich keiner? Adrian auch nicht:
"Oh vergib uns, wenn wir einmal nicht warten, bis du zusammenbrichst und getragen werden musst, weil du vor lauter Sturheit aller Welt beweisen musst wie unabhhängig du bist."
"Das müsste ich nicht mehr beweisen, wenn ihr das mal endlich auch schlucken würdet, aber nein..! Mich betüddeln und mich in fremde Rollen pressen muß unheimlich Spaß machen! Grr!"
"Hat Savea dir stattdessen vorgeschlagen, dich auf einer Sänfte durch die Lande zu tragen?"
"Nein. Sie versuchte mir einfach nur, ihren Willen aufzuzwingen. Und da hab ich zufällig was gegen."
"Ja, das kann ich gut verstehen... es ist ja auch viel besser, wenn du dir und dem Kind schadest, wer ist sie, dir das abschlagen zu wollen."
"Jetzt hab ich's! Ihr wollt gerne das Kind schon betüddeln, dieses hilflose Wesen, und weil das noch nicht aus meinem Bauch raus ist, muß ich bis dahin eben herhalten, hm? Ach, wenn ich in einem Tempo reite, das ich als angenehm empfinde, gedanklich wie körperlich, ... Weil ich zufällig richtig reiten kann, anders als irgendwelche Burgfräulein, denen man das verbieten müsste, weil es ihnen wirklich nicht gut tut! ... dann schadet das dem Kind. Interessant.
Es ist überhaupt interessant, wie zunehmend alle Leute meinen, besser zu wissen, was mein Körper aushält als ich selbst. Man könnte sich fast unmündig vorkommen.
Vielleicht merkst du jetzt, was los ist?"
"Es ist dir also lieber, wenn wir warten bis du dich in die Ecke wirfst und nicht mehr rühren kannst um zu erkennen, dass du dich heute wohl in dieser Frage einmal überschätzt hast?"
Können wir das nicht lassen? Es beginnt mir hier alles aus dem Ruder zu laufen. Jetzt ist auch noch Savea weg. Ihren Griff nach mir habe ich weggebissen, aber jetzt ist sie ganz weg, das ist weiter, als ich wollte. Ich frage mich jetzt die ganze Zeit, ob es bei uns beiden nur dieses "ganz oder gar nicht" gibt. Ist dieser Raum wirklich nicht groß genug für uns zwei? Die ist genau so ein verdammter Sturkopf wie ich, und das passt meist nicht gut zusammen. Aber geht's nicht nebeneinander? Ich dachte, wir hätten das durch gehabt.
"Vielleicht bist du ja erst zufrieden wenn auch der letzte Mensch der sich Nächte um die Ohren schlägt, wenn du wirklich Hilfe brauchst, vertrieben ist."
Nein, bin ich nicht. Aber muß ich mich deswegen betatscheln lassen, auch wenn es nicht nötig wäre? Bin ich jetzt zu weit gegangen, muß ich das irgendwie ertragen, auch wenn es mir die Zehnägel hochklappt und sämtliche Haare aufstellt? Wenn ich das nicht zulasse, mache ich Shaya unglücklich und fang mir tadelnde Blicke ein? Götter, ich könnt aufheulen vor Ratlosigkeit, vor Frust. Nichts als Ärger und mal wieder eine dieser Situationen, in denen alles falsch scheint, egal was ich tun würde. Zurückrudern ist nicht richtig, weil es mir gegen den Strich geht, nicht das Zurückrudern an sich, sondern die Konsequenzen daraus. Stur bleiben verletzt andere. Mehr, als sie verdient haben. Das ist doch alles scheiße.
Ich höre damit auf, gedankenverloren das Obst derweil einzusammeln, es ist auch nicht wirklich mehr was da. Mir zittern innerlich die Gliedmaßen, als ich die Körbe aufstapel und mitnehm und prompt wieder daran denke, ob irgend jemand das bißchen jetzt als zu schwer für mich erachten könnte, oh Hölle nochmal.
Rückzugsort Vorratskammer. Seit ich mit Rafael mich in der Vorratskammer des varuner Schlosses besoffen habe, habe ich die Ruhe und Einsamkeit dieser kleinen Räume irgendwie schätzen gelernt. Besonders, wenn es auch noch meine Ordnung ist, die hier vorherrscht. Ich schließe die Tür hinter mir und merke im nächsten Moment, daß das gut so war, stelle die Körbe in einer viel zu schwammigen Geste, aber wenigstens leise ab, als die Schwäche immer schlimmer wird und ich mich in die Raumecke sinken lass, an dem Stein hinab gleite, bis ich sitze. Nicht umkippen. Komm schon, du darfst nicht ohnmächtig werden, blinzel diese graue Schwammigkeit weg, bleib wach!
Wach bleiben.
Wach bleiben.
Gut so... ah, da ist mein Herzschlag. Göttin, wummert das. Bleib wach. Ganz ruhig. Durchatmen. Lass dir Zeit, dich sieht hier keiner. Mich sieht zum Glück keiner.
Nach einer Weile kann ich langsam wieder aufstehen und das Gemüse wegsortieren. Ganz langsam, ganz ruhig. Und kann mir ein leises Lachen nicht verkneifen, das andere vielleicht für irre halten könnten, als mir klar wird, daß mir die meisten jetzt wohl die Gemüsekörbe wegnehmen würden, weil mich das ja überanstrengt, wie man sieht... oh ja...
"Vielleicht bist du ja erst zufrieden wenn auch der letzte Mensch der sich Nächte um die Ohren schlägt, wenn du wirklich Hilfe brauchst, vertrieben ist." Adrians Worte. Meine Augen werden schmal, als sie in meinem Kopf erinnernd wiederhallen, sie sind erst wenige Minuten alt. Er wusste mehr als ich, als er heute her kam, um mich zur Rede zu stellen, weil Savea weg ist. Die Schlüssel abgegeben, ihm einen Brief hinterlassen. Er wusste mehr als ich.
Für einen Moment war ich geneigt, ihr zu unterstellen, daß sie nun also geht, wenn sie ihren Willen nicht bekommt... na schön. So rum ginge es natürlich auch, wenn sie es nicht ertragen kann, mir einfach nichts vorschreiben zu können. Aber der Brief klang nicht danach. Sie weiß es einfach nicht besser. Glaub ich? Ja, sie macht sich einfach nur Sorgen und will mir helfen, und nein, ich ertrage ihre Art dabei aber nicht.
"Ich hoffe, du bist vernünftig genug, Shaya nicht auch noch zu verscheuchen."
"Sie macht nicht solche Dummheiten." - ich versuche zu analysieren, was Shaya anders macht als Savea, aber es fällt nicht ganz leicht. Besonders nicht mit diesem summenden Schädel, der sich mehr und mehr aufbaut, nicht mit diesem wechselnd mal stärker wummernden, mal tief und ruhig schlagenden Herz, das sich anfühlt, als würde ich mehrere Wellen an Schlachten schlagen.
Tu ich ja auch... anders. Jetzt seit drei Tagen muß ich mir mit den Ellbogen schmerzhaft die Leute vom Leib halten, die sich mir irgendwie aufdrängen wollen. Schmerzhaft für mich, schmerzhaft für sie. Neben den üblichen Verdächtigen dabei rückte Alessandro nun auch schon ein zweites Mal an:
"Doch sollte ich bemerken, dass Ihr Euch überanstrengt.. so werde ich einschreiten, so leid es mir tut.."
"Ach du jetzt auch noch? Willkommen im Club. Sieh zu, dass du Land gewinnst. Du willst Rache dafür, was ich mit Mandred angestellt hab, stimmt's?" - nein, ich kleide es in andere Worte: "Würde mir auch leid tun, Sir. Für dich nämlich, Freundchen. Wenn Ihr Euch anmaßt, über einen Körper zu befinden, der nicht der Eure ist und einen Zustand, von dem Ihr als Mann sicher die wenigste Erfahrung habt. Was übersetzt so viel heißt wie: Werd erstmal selber schwanger, bevor du hier versuchst den Experten zu mimen, Klugscheißer."
"Lady, selbst jener Ritter vor Euch erkennt, wann ein Mensch überanstrengt ist, oder auch jener zu schwitzen scheint, doch man erhofft sicherlich, dass Ihr Euch sichtlich schont... Damit Ihr Euch um Euer Neugeborenes kümmern könnt."
"Aha, dafür soll es mir also gut gehen. Klar. Verstehe. Eigentlich ist das auch eine Form der Abschiebung, stimmts? Hier Mama. Kümmer dich um dein Kind. Pah. Solange Ihr Anstrengung von Über-Anstrengung zu trennen wisst, Sir, werdet Ihr nach Anzeichen von Überanstrengung sicherlich bei anderen suchen dürfen. Wieso sagt eigentlich bei Savea und Shaya niemand was, wenn die nach Tagen der Viehtreiberei vor Müdigkeit fast umklappen und mir trotzdem noch hinterher wieseln? Weil die nicht schwanger sind. Vielleicht muß man euch mit der Nase drauf stoßen, auf mich hören die ja eh nicht, aber geh jemand anders nerven, Alessandro, hier hast zwei andere Opfer, da: Vielleicht bei meinen Mägden."
"Was ich sicherlich erblicken konnte, ist die Sorge in deren Gesichtern."
"Ach, mehr nicht?! Scheiß Dreck!"
"Doch Lady, möchte man Euch nicht provozieren."
"Tust du aber längst! Verzieh dich!"
"Man spricht nur um Euer Wohl..."
"Ja ja. ... Ups. Was guckt er so? Oh oh, ich glaube, das konnte man jetzt in meinem Gesicht sehen, was ich davon halte, hm? Hrm."
"Ihr möchtet sicherlich nicht, dass die Eminenz von einer Überanstrengung Eurer Seite erfährt...?"
"Aua Bursche, droh mir nicht, das war jetzt ein Fehler... wenn ihr auch noch Svea die Ohren volljammert, was angeblich alles mit mir sei, fahr ich Schlitten mit euch. Nein, ich möchte nicht, dass man ihrer Eminenz auch noch die Hucke voll lügt", sag ich gefährlich leise. Hucke voll lügen? Hab ich das wirklich gesagt? Durchatmen, Darna. Ganz ruhig. Dir droht grad mal wieder die Kontrolle zu entgleiten, und ich will mich nicht auch noch mit Alessandro anlegen. Wobei, bis zu seiner Kehle käme ich auch noch. Nein, ruhig bleiben. Einatmen, ausatmen, stehen bleiben, ganz ruhig.
"Ihr bezichtigt mich der Lügnerei?"
"Ach komm Freundchen, komm mir nicht so... das Spiel kenn ich schon. Dass ich mich überanstrengen würde? Wäre eine Lüge, im Falle wenn, ja Sir. Du verdrehst mir die Worte nicht im Mund, das können andere besser."
"Habe ich dies schon angesprochen? Ich sprach davon, wenn es so sein sollte."
"Ja ne, ist klar. Sag mal, für wie dämlich hälst du mich? Nein, Ihr spracht dies nicht bereits an. Aber ich denke, zu erkennen, wann man mir zu drohen versucht, Sir."
"Es geht mir schlußendlich um Euer Wohl..."
"Dann reiht Euch in die lange Schlange derer ein, die davon ebenso überzeugt sind und damit weniger an meinem Wohl wirklich interessiert, als sie sich einreden, denn dann würden sie mich für erfahren genug halten, selber auf meinen Körper zu achten und mich in Ruhe lassen. Sir."
Wieso glaubt mir eigentlich keiner? Adrian auch nicht:
"Oh vergib uns, wenn wir einmal nicht warten, bis du zusammenbrichst und getragen werden musst, weil du vor lauter Sturheit aller Welt beweisen musst wie unabhhängig du bist."
"Das müsste ich nicht mehr beweisen, wenn ihr das mal endlich auch schlucken würdet, aber nein..! Mich betüddeln und mich in fremde Rollen pressen muß unheimlich Spaß machen! Grr!"
"Hat Savea dir stattdessen vorgeschlagen, dich auf einer Sänfte durch die Lande zu tragen?"
"Nein. Sie versuchte mir einfach nur, ihren Willen aufzuzwingen. Und da hab ich zufällig was gegen."
"Ja, das kann ich gut verstehen... es ist ja auch viel besser, wenn du dir und dem Kind schadest, wer ist sie, dir das abschlagen zu wollen."
"Jetzt hab ich's! Ihr wollt gerne das Kind schon betüddeln, dieses hilflose Wesen, und weil das noch nicht aus meinem Bauch raus ist, muß ich bis dahin eben herhalten, hm? Ach, wenn ich in einem Tempo reite, das ich als angenehm empfinde, gedanklich wie körperlich, ... Weil ich zufällig richtig reiten kann, anders als irgendwelche Burgfräulein, denen man das verbieten müsste, weil es ihnen wirklich nicht gut tut! ... dann schadet das dem Kind. Interessant.
Es ist überhaupt interessant, wie zunehmend alle Leute meinen, besser zu wissen, was mein Körper aushält als ich selbst. Man könnte sich fast unmündig vorkommen.
Vielleicht merkst du jetzt, was los ist?"
"Es ist dir also lieber, wenn wir warten bis du dich in die Ecke wirfst und nicht mehr rühren kannst um zu erkennen, dass du dich heute wohl in dieser Frage einmal überschätzt hast?"
Können wir das nicht lassen? Es beginnt mir hier alles aus dem Ruder zu laufen. Jetzt ist auch noch Savea weg. Ihren Griff nach mir habe ich weggebissen, aber jetzt ist sie ganz weg, das ist weiter, als ich wollte. Ich frage mich jetzt die ganze Zeit, ob es bei uns beiden nur dieses "ganz oder gar nicht" gibt. Ist dieser Raum wirklich nicht groß genug für uns zwei? Die ist genau so ein verdammter Sturkopf wie ich, und das passt meist nicht gut zusammen. Aber geht's nicht nebeneinander? Ich dachte, wir hätten das durch gehabt.
"Vielleicht bist du ja erst zufrieden wenn auch der letzte Mensch der sich Nächte um die Ohren schlägt, wenn du wirklich Hilfe brauchst, vertrieben ist."
Nein, bin ich nicht. Aber muß ich mich deswegen betatscheln lassen, auch wenn es nicht nötig wäre? Bin ich jetzt zu weit gegangen, muß ich das irgendwie ertragen, auch wenn es mir die Zehnägel hochklappt und sämtliche Haare aufstellt? Wenn ich das nicht zulasse, mache ich Shaya unglücklich und fang mir tadelnde Blicke ein? Götter, ich könnt aufheulen vor Ratlosigkeit, vor Frust. Nichts als Ärger und mal wieder eine dieser Situationen, in denen alles falsch scheint, egal was ich tun würde. Zurückrudern ist nicht richtig, weil es mir gegen den Strich geht, nicht das Zurückrudern an sich, sondern die Konsequenzen daraus. Stur bleiben verletzt andere. Mehr, als sie verdient haben. Das ist doch alles scheiße.
Ich höre damit auf, gedankenverloren das Obst derweil einzusammeln, es ist auch nicht wirklich mehr was da. Mir zittern innerlich die Gliedmaßen, als ich die Körbe aufstapel und mitnehm und prompt wieder daran denke, ob irgend jemand das bißchen jetzt als zu schwer für mich erachten könnte, oh Hölle nochmal.
Rückzugsort Vorratskammer. Seit ich mit Rafael mich in der Vorratskammer des varuner Schlosses besoffen habe, habe ich die Ruhe und Einsamkeit dieser kleinen Räume irgendwie schätzen gelernt. Besonders, wenn es auch noch meine Ordnung ist, die hier vorherrscht. Ich schließe die Tür hinter mir und merke im nächsten Moment, daß das gut so war, stelle die Körbe in einer viel zu schwammigen Geste, aber wenigstens leise ab, als die Schwäche immer schlimmer wird und ich mich in die Raumecke sinken lass, an dem Stein hinab gleite, bis ich sitze. Nicht umkippen. Komm schon, du darfst nicht ohnmächtig werden, blinzel diese graue Schwammigkeit weg, bleib wach!
Wach bleiben.
Wach bleiben.
Gut so... ah, da ist mein Herzschlag. Göttin, wummert das. Bleib wach. Ganz ruhig. Durchatmen. Lass dir Zeit, dich sieht hier keiner. Mich sieht zum Glück keiner.
Nach einer Weile kann ich langsam wieder aufstehen und das Gemüse wegsortieren. Ganz langsam, ganz ruhig. Und kann mir ein leises Lachen nicht verkneifen, das andere vielleicht für irre halten könnten, als mir klar wird, daß mir die meisten jetzt wohl die Gemüsekörbe wegnehmen würden, weil mich das ja überanstrengt, wie man sieht... oh ja...
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Dienstag 26. Oktober 2010, 23:08, insgesamt 3-mal geändert.
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Darna von Hohenfels
Zünde lieber eine Kerze an, statt über die Dunkelheit zu klagen.
Sie zündete mit Shaya eine Kerze an, und fand endlich dabei wieder ein Stück innerer Ruhe, um den Weg wieder zu sehen, den sie gehen musste. Siebenfach ist der Weg. Sie erinnerte sich an die Zeit, in der sie immer zu den Schreinen gegangen war, wenn etwas in ihrer Welt grob schief hing. Stunden hatte sie dort dann gesessen, stille Zwiesprache mit sich gehalten, den idealen Weg gesucht - und meistens zumindest einen gefunden, der gut war, der Knoten löste.
Ihr wurde klar, wie lange sie das nicht mehr getan hatte - und dass es nicht möglich war: allein zu sein. Sie war ja ständig in Begleitung. Shaya fand nun Zugang zu einem Allerheiligsten, nicht nur in dem Sinne, wie es wirklich ein Heiligtum war, sondern es gab nun jemandem im Haus, der diesen Weg und diese Gewölbe mit kannte. Ein Stück ihres eigenen Allerheiligsten, das sie teilte. Sie tat es bewusst. Schmunzelnd und doch mit der inneren Gewissheit, dass sie es schaffen würde, beobachtete sie Shayas Weg durch die Krypta und lernte dabei selber neu ihren Zauber kennen. "Heute ist es an Euch, uns den Weg der Tugenden zu leiten", das waren Lucenius' Worte, als es durch diese Räume zu ihrer eigenen Weihe gegangen war. Damals war es ein Symbol, heute war es echt. Shaya suchte den richtigen Weg, und Darna beobachtete, wie ihre.. Magd? Angestellte? Vertraute? Künftige Schwertschwester. Ja, das war passend. Eine lichte Schwertschwester, eine richtige, eine die sie selber neben sich wollte. Sie verabschiedete sich erleichtert von Luzcilla. Shaya las die Tugenden, ihre Lehre, wie sie auch die Schwerthüter gelebt hatten, und sie las sie zum ersten Mal, obwohl sie die Tugenden im Herzen kannte. Fragen kamen, und sie gab Antwort, so gut sie vermochte. Teilte, was sie besaß: ihre Erfahrungen. Sie weihte sie ein, in die Krypta wie in Teile ihres Lebens. Innerlich schmunzelnd beobachtete sie, wie nervös Shaya vor jeder Prüfung stand, die für sie tatsächlich eine Prüfung war, auch wenn sie letztlich ihren Weg hindurch fand. Und doch war es eine gute, eine richtige Kerze, die sie wählte. "Tapfere kleine Shaya." Mit Staunen hatte sie zugesehen, wie Shaya sich rücksichtslos nur mit einem zugeworfenen silbernen Schwert, was nicht die ihre Waffe war, auf die Kreatur mit dem Aussehen eines Balrons geworfen hatte, ohne Rücksicht auf Verluste. Wieder ein Schmunzeln.
"Es ist für die Tapferkeit nicht wichtig, daß du ein Schwert führst, sondern daß du dich der Herausforderung stellst. Boresal brauchte auch nicht das Schwert."
Indem sie half, wurde auch ihr geholfen - die Lehre der Tugenden wieder bewusst zu erleben und zu beobachten, wie sie einen Menschen formten, ließ sie in ihr selber neu lebendig werden und ersetzte ein wenig das in Ruhe grübeln können im Schrein. Shaya neben sich zu haben, half, über Savea nachzudenken, und ein Teil der Antworten, die Darna ihr gab, war nicht nur für sie, sondern auch für sich. Sie wird dieses Wissen suchen, indem sie sich umsieht und genauso in ihr eigenes inneres Selbst blickt. Indem sie gab, erhielt sie: Erkennen.
Auch wenn sie es bedauerte, Savea an Eileen messen zu müssen, es war das gleiche Problem: Zwei unvereinbare Meinungen. Zwei sture Frauen, und der Umstand, dass sich Darna gereizt dazu hatte hinreißen lassen, grausam zu werden. Bissig, giftig. Darum suche stets nach Ausgeglichenheit und Ruhe um mit Weisheit zu richten. Ihr Tun war falsch gewesen, völlig eindeutig. "Savea hat es nur gut gemeint" Hatte Eileen auch. Auf ihre Weise. Aber es war völlig egal, was und wie viel sie daran für falsch hielt, wo sie darin die Fehler sah, es ging darum, wie sie sich dabei benahm, und das konnte nur falsch sein. "Ich muß meinen Kurs begradigen."
Plötzlich war es ganz einfach: sie würde zu Savea gehen und sich entschuldigen. Sie war gemein zu ihr gewesen und sie würde das berichtigen, alles andere war zweitrangig. Die Sorge blieb, wie sie sich gegen dieses betüddelt werden würde wehren können, aber das war erstmal nebensächlich, sie hatte etwas, was sie korrigieren konnte. Sie konnte Saveas Verhalten nicht bestimmen. Aber ihr eigenes Verhalten konnte sie bestimmen. Alles andere würde sich... finden. Fügen. Erstmal einen Schritt. Dann die nächsten.
"Ich bin nur hergekommen, um mich bei Euch zu entschuldigen."
Es lag ihr nicht nahe, sich darüber zu amüsieren, wie Savea langsam mehrfach blinzelte, um das gerade Gehörte zu verarbeiten und sie einfach nur verschlafen und auf dem Schlauch stehend ansah, aber es bescherte doch eine flüchtige Genugtuung. "Es war unangemessen, in welcher Art und Weise ich Eure Bemühungen zurückwies. Zu harsch, zu unbeherrscht. Und wenn Ihr..." mir verzeihen könnt... nein, das ist der falsche Ansatz, birgt eine mögliche Unterstellung, daß sie das nicht kann - das zwingt sie wieder zu etwas, nicht gut, nein.
Und wollte zum Ausdruck bringen, dass mir das leid tut." Ja. Bei dir selber bleiben. Besser.
Eigentlich ist das auch nur ein Schutzkorsett, diese Höflichkeit. Eines das mir gerade passt wie eine alte Rüstung.
Und es funktioniert... immer noch.
Sie zündete mit Shaya eine Kerze an, und fand endlich dabei wieder ein Stück innerer Ruhe, um den Weg wieder zu sehen, den sie gehen musste. Siebenfach ist der Weg. Sie erinnerte sich an die Zeit, in der sie immer zu den Schreinen gegangen war, wenn etwas in ihrer Welt grob schief hing. Stunden hatte sie dort dann gesessen, stille Zwiesprache mit sich gehalten, den idealen Weg gesucht - und meistens zumindest einen gefunden, der gut war, der Knoten löste.
Ihr wurde klar, wie lange sie das nicht mehr getan hatte - und dass es nicht möglich war: allein zu sein. Sie war ja ständig in Begleitung. Shaya fand nun Zugang zu einem Allerheiligsten, nicht nur in dem Sinne, wie es wirklich ein Heiligtum war, sondern es gab nun jemandem im Haus, der diesen Weg und diese Gewölbe mit kannte. Ein Stück ihres eigenen Allerheiligsten, das sie teilte. Sie tat es bewusst. Schmunzelnd und doch mit der inneren Gewissheit, dass sie es schaffen würde, beobachtete sie Shayas Weg durch die Krypta und lernte dabei selber neu ihren Zauber kennen. "Heute ist es an Euch, uns den Weg der Tugenden zu leiten", das waren Lucenius' Worte, als es durch diese Räume zu ihrer eigenen Weihe gegangen war. Damals war es ein Symbol, heute war es echt. Shaya suchte den richtigen Weg, und Darna beobachtete, wie ihre.. Magd? Angestellte? Vertraute? Künftige Schwertschwester. Ja, das war passend. Eine lichte Schwertschwester, eine richtige, eine die sie selber neben sich wollte. Sie verabschiedete sich erleichtert von Luzcilla. Shaya las die Tugenden, ihre Lehre, wie sie auch die Schwerthüter gelebt hatten, und sie las sie zum ersten Mal, obwohl sie die Tugenden im Herzen kannte. Fragen kamen, und sie gab Antwort, so gut sie vermochte. Teilte, was sie besaß: ihre Erfahrungen. Sie weihte sie ein, in die Krypta wie in Teile ihres Lebens. Innerlich schmunzelnd beobachtete sie, wie nervös Shaya vor jeder Prüfung stand, die für sie tatsächlich eine Prüfung war, auch wenn sie letztlich ihren Weg hindurch fand. Und doch war es eine gute, eine richtige Kerze, die sie wählte. "Tapfere kleine Shaya." Mit Staunen hatte sie zugesehen, wie Shaya sich rücksichtslos nur mit einem zugeworfenen silbernen Schwert, was nicht die ihre Waffe war, auf die Kreatur mit dem Aussehen eines Balrons geworfen hatte, ohne Rücksicht auf Verluste. Wieder ein Schmunzeln.
"Es ist für die Tapferkeit nicht wichtig, daß du ein Schwert führst, sondern daß du dich der Herausforderung stellst. Boresal brauchte auch nicht das Schwert."
Indem sie half, wurde auch ihr geholfen - die Lehre der Tugenden wieder bewusst zu erleben und zu beobachten, wie sie einen Menschen formten, ließ sie in ihr selber neu lebendig werden und ersetzte ein wenig das in Ruhe grübeln können im Schrein. Shaya neben sich zu haben, half, über Savea nachzudenken, und ein Teil der Antworten, die Darna ihr gab, war nicht nur für sie, sondern auch für sich. Sie wird dieses Wissen suchen, indem sie sich umsieht und genauso in ihr eigenes inneres Selbst blickt. Indem sie gab, erhielt sie: Erkennen.
Auch wenn sie es bedauerte, Savea an Eileen messen zu müssen, es war das gleiche Problem: Zwei unvereinbare Meinungen. Zwei sture Frauen, und der Umstand, dass sich Darna gereizt dazu hatte hinreißen lassen, grausam zu werden. Bissig, giftig. Darum suche stets nach Ausgeglichenheit und Ruhe um mit Weisheit zu richten. Ihr Tun war falsch gewesen, völlig eindeutig. "Savea hat es nur gut gemeint" Hatte Eileen auch. Auf ihre Weise. Aber es war völlig egal, was und wie viel sie daran für falsch hielt, wo sie darin die Fehler sah, es ging darum, wie sie sich dabei benahm, und das konnte nur falsch sein. "Ich muß meinen Kurs begradigen."
Plötzlich war es ganz einfach: sie würde zu Savea gehen und sich entschuldigen. Sie war gemein zu ihr gewesen und sie würde das berichtigen, alles andere war zweitrangig. Die Sorge blieb, wie sie sich gegen dieses betüddelt werden würde wehren können, aber das war erstmal nebensächlich, sie hatte etwas, was sie korrigieren konnte. Sie konnte Saveas Verhalten nicht bestimmen. Aber ihr eigenes Verhalten konnte sie bestimmen. Alles andere würde sich... finden. Fügen. Erstmal einen Schritt. Dann die nächsten.
"Ich bin nur hergekommen, um mich bei Euch zu entschuldigen."
Es lag ihr nicht nahe, sich darüber zu amüsieren, wie Savea langsam mehrfach blinzelte, um das gerade Gehörte zu verarbeiten und sie einfach nur verschlafen und auf dem Schlauch stehend ansah, aber es bescherte doch eine flüchtige Genugtuung. "Es war unangemessen, in welcher Art und Weise ich Eure Bemühungen zurückwies. Zu harsch, zu unbeherrscht. Und wenn Ihr..." mir verzeihen könnt... nein, das ist der falsche Ansatz, birgt eine mögliche Unterstellung, daß sie das nicht kann - das zwingt sie wieder zu etwas, nicht gut, nein.
Und wollte zum Ausdruck bringen, dass mir das leid tut." Ja. Bei dir selber bleiben. Besser.
Eigentlich ist das auch nur ein Schutzkorsett, diese Höflichkeit. Eines das mir gerade passt wie eine alte Rüstung.
Und es funktioniert... immer noch.