Gefallener Engel

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Tarja Lycron

Gefallener Engel

Beitrag von Tarja Lycron »

Das innere Zittern lies den gesamten Körper in Sekundenschnelle erbeben. Gerade waren die Augen geschlossen, da durchzog das markerschütternde Gebrüll ihren ganzen Leib. Warum zum Teufel musste sie auch mit dem Glück gesegnet sein, dass ihr Höllenbraten rund um die Uhr zu schreien anfing?
Einige junge Mädchen hatte sie sich angesehen um eine als ihr Kindermädchen einzustellen. Nur wenige davon schienen überhaupt zu wissen, auf was sie sich da einlassen würden und die, die es wussten verließen fast schon fluchtartig das Haus, als sie das erste Mal mit Leonie konfrontiert wurden. Es blieb ihr also nichts weiter übrig als die Zähne zusammen zu beißen und sich durch zu kämpfen. Natürlich hatte sie auch daran gedacht, das Kind einfach irgendwo auszusetzen. Wen hätte es schon gestört? Aber so etwas würde sich nach der Zeit immer rächen. Und sie hatte wirklich keine Lust irgendwann von einem wahnsinnigen Kind heimgesucht zu werden, welches ihr dann den Dolch an den Hals halten würde, weil es einen absoluten Schaden dank der eigenen Mutter bekommen hat – so wie sie. Es lag an ihr selbst das Rad herumzureißen und wenigstens das nachfolgende halbe Thyrmon-Blut rein zu halten. Von Madlen hatte sie erst vor kurzem einen Brief gefunden, sie war wohl weiter gereist, hatte es nicht mehr in dieser Stadt ausgehalten. Verübeln konnte es ihr niemand. Langsam erhob sich der knöcherne Körper und begab sich zu der in schwarzen Samt gehüllten Wiege hin. Das kleine Wesen wirkte so zerbrechlich und doch viel wohlgenährter als die Mutter selbst. Dünn war sie geworden, abgemagert. In der letzten Zeit hatte sie weder wirklich regelmäßig noch wirklich viel gegessen. Und das sah man ihr gemeinsam mit dem akuten Schlafmangel auch wirklich an. Tief eingefallene Wangenknochen, die hervorstanden. Beckenknochen, an denen man sich aufspießen konnte so weit standen sie an ihrem Unterleib heraus. Und alles in allem die dunklen Augenringe von den schlaflosen Tagen und Nächten. Weiße Haare, die langsam wieder von schwarzen Strähnen durchzogen wurden. Sie wusste selbst nicht, woher sie die Kraft für einen weiteren Tag nahm. Einen weiteren Tag alleine mit einem Kind, über dessen Ausmaß sie sich gar nicht bewusst gewesen war bevor es auf die Welt gekommen war. Sie war nahe daran vollkommen durchzudrehen. Das sie verrückt war auf irgendeine Art und Weise, das konnte sie niemals leugnen. Aber so langsam zweifelte sie selbst schon an sich. Wie in Trance kümmerte sie sich um das hilflose Geschöpf in der Wiege. Fütterte es, schaukelte es in den Schlaf bis es endlich ruhig war. So ruhig, dass sie einfach ihre Augen schloss und sie nicht mehr öffnen wollte. Der unsanfte Aufprall auf dem Boden war ihr egal. Sie wollte nur noch schlafen. Denn Schlaf war wirklich kostbar, wenn man ein kleines Kind hatte.



Nie wurdest du im Stich gelassen. Niemals wurdest du allein gelassen. Nie hätte jemand dich verletzt oder gar enttäuscht. Dich sitzen gelassen mit all dem, was du hast oder nicht hast. Niemand hätte es gewagt dies zu tun. All das, was dein Leben war verschwindet. Scheidet dahin. Alles, was du dir aufgebaut hast wurde gleichermaßen wieder zerstört. Merkst du, wie deine Kraft nachlässt? Dein Lebenselixier? Spürst du nun, zu was sie fähig sein kann? Diese Abhängigkeit? Schlimmer als jede Droge, jeder Alkohol, jedes andere Rauschmittel. Sieh dich an! Was hat sie nur aus dir gemacht? Du hast all das aufgegeben, was dir lieb war. Das aufgegeben, was dich auf den richtigen Weg gebracht hat. Du hast das aufgegeben, wofür du gekämpft hast. Du hast diese Einzigartigkeit aufgegeben und mit ihr die ganze Zeit. Du hast dich abhängig gemacht von etwas, was nur eine Illusion war. Ist es so? Wach auf! Wach auf …!“



Sie schlug die Augen auf und zitterte. Die stummen Tränen, die sich ihren Weg über ihr Gesicht bahnten ignorierte sie vollkommen. Es war ruhig im Haus, wenigstens einmal hatte ihre Tochter kapiert, dass ihre Mutter ihren Schlaf gebraucht hatte. Sie hatte keine Kraft mehr. Die zusätzliche Anstrengung das Leben im Gleichgewicht zu halten war schwer. Ihr war alles genommen worden. Ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit. Und doch hatte sie ein Geschenk dazu gewonnen. Ein Kind. Ihr Kind. Ihr eigen Fleisch und Blut, welches sie von klein auf zu einer stolzen und korrupten Frau erziehen konnte. Und ihr Mann? Er war nicht da. Zwar hatte er seine Tochter gesehen aber dann schien es als habe er Angst vor dem Paket bekommen, welches zusätzlich mit dem Kind angekommen war. Angst vor dem, was in dem Paket lag: Verantwortung. Das allein war das schlimmste Gefühl von allem. Sie hatte alles verloren, was sie hatte. Ein Stich im Herzen, der sie innerlich förmlich zerriss. Sie ging nicht mehr hinaus, verließ die eigenen vier Wände nur noch um zu sehen, ob auf dem Hof alles in Ordnung war und dafür trat sie durch die Zwischenwelt an jenen Ort. Nur sehr selten nahm sie ihr Kind mit, mittlerweile hatte sie eine helfende Hand gefunden. Ein junges Mädchen mit unerfülltem Kinderwunsch, die sich der Qual stellte. Sie schien vertrauenswürdig sein und die Schwarzmagierin gleichermaßen zu bewundern wie auch zu respektieren. Aus der Angst heraus einen falschen Schritt zu wagen war sie meist still und kümmerte sich um alles, was im Haushalt so anfiel ohne weiter nachzufragen. Zwar versuchte Tarja oftmals sich selbst um das Kind zu kümmern, aber nicht immer war ihr das möglich. Nicht immer hatte sie die Kraft und umso öfters überkam sie das Gefühl, dass sie einfach fallen wollte. Fallen und fallen, in ein tiefes Loch aus dem sie selbst nicht mehr herauskam. Und jedes mal wenn sie die Augen schloss sah sie Bilder vor sich. Filme. Zwei unterschiedliche. Sie war ein gefallener Engel. Sie hatte sich selbst dazu gemacht. Zu einer kalten, lieblosen Frau. Einzig allein ihr Kind war das, was ihr geblieben war.



Schwarze Schlieren bildeten sich vor ihren kranken, schwachen Augen, der unterkühlte Körper zitterte im kühlen Nass. Der Schmerz saß zu tief und doch war das Gefühl, als sie hochgehoben wurde so warm und einfühlsam. Sie fühlte sich zuhause. Geborgen. Ein sachtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Hier gehörte sie hin. Hier war sie daheim. Und hier würde sie bleiben. Die Augen blinzelten. Und sie fiel unsanft auf den Boden.



Das Knacken des Handgelenkes tat seinen Rest. Der Schmerz, der ihren Körper durchzog war verhältnismäßig gering zu dem allumfassenden und allgegenwärtigen Schmerz, der sie in die Enge trieb. Der Blick, der zu ihrem Ehering hin ging verengte sich. Wie so oft zog sie den Ring von ihren dürren Fingern und drehte ihn im Schein der Kerze. Das eingearbeitete rote Pyrianband leuchtete hell in dem gedämpften Licht des Zimmers. Mit einem Seufzen legte sie diesen Beiseite und öffnete die Schublade des Nachtkästchens. Das Zittern ihrer Hand ignorierte sie dabei vollends, es war nichts wirklich neues für sie, dass ihre Nerven flach lagen. Sie nahm ein kleines, ledernes Beutelchen hervor. Nicht sonderlich groß und fest verschnürt. Langsam öffnete sie die Schlaufe und warf einen Blick hinein. Das Gold schimmerte und die gravierten Flammen ließen ihre Sinne verschwimmen. Ihr würde übel. Sie hatte alles verloren. Alles. Sie war allein. Vollkommen allein. Es gab nichts auf der Welt, was ihr in diesem Moment helfen konnte.
Zuletzt geändert von Tarja Lycron am Freitag 17. April 2009, 18:21, insgesamt 1-mal geändert.
Tarja Lycron

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"Schlaf, mein Kindchen, schlafe ein, die Nacht, die schaut zum Fenster rein.
Der runde Mond, der hat dich gerne, und es leuchten Dir die Sterne.
Schlaf mein Kindchen, träume süß, bald bist Du im Paradies!
Denn gleich öffnet sich die Tür, und ein Monster kommt zu dir!
Mit seinen elf Augen schaut es dich an, und schleicht sich an dein Bettchen ran!"


Schlaf mein Kind.

Der starre Blick schaute durch das Mauerwerk in die Ferne, während sie das kleine Mädchen in ihren Armen hin und her wog. Ein Blick zu dem Kind und sie musste feststellen, dass es zu sehr seinem Erzeuger glich. Zwar hatte es die strahlend hellen Augen der Mutter, aber die Gesichtszüge, selbst das kleine scheue Lächeln ähnelte dem Lächeln ihres ... Vaters.
Mittlerweile hatte sie zumindest wieder Schlaf gefunden. Wenn auch die Träume etwas merkwürdig waren. Die Zeit schien sich dahin zu ziehen und wenn sie sich nicht gerade auf der Arkoritherburg herumtrieb um weiteren Studien nachzugehen fand man sie hier ... zuhause bei ihrem eigenen Fleisch und Blut. Sie sah sich in den Räumlichkeiten um. Hier fühlte sie sich nicht mehr zuhause. Hier war sie fremd. Es fehlte was in ihr und das was fehlte kehrte allem Anschein nach nicht mehr zurück. Sie hatte für ihn alles stehen und liegen lassen was ihr einst so wichtig war. Langsam stand sie auf und die polangen Haare fielen in langen Strähnen über ihren Rücken hinab. Immer mehr schwarze Strähnen durchzogen ihr weißes Haar mittlerweile. Mit Leonie in ihren Armen ging sie auf das Fenster zu und starrte in die Nacht. Sah auf die Wege, suchte nach Schatten auf der Straße. Noch immer war sie abgemagert und glich eher einem wandelnen Zombie als einem Menschen. Eingefallene Wangenknochen und schwarz untermalte Schatten an den Augen verzauberten die einst so schöne und engelsgleiche junge Frau in ein Monster. Die Wärme ihres Kindes strömte auf sie über und zauberte für einen Moment Gänsehaut über ihren Körper. Sie hatte lange nicht mehr geweint. Geschweige denn eine Gefühlsregung verspürt. War sie tot? Sie fühlte sich so. Die Leere in ihren Augen spiegelte die augenblickliche Leere in ihr selbst wieder. Nicht ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen, kein Mundwinkel der sich anhob geschweige denn eine Träne, die sich auf ihrer Wange verirren wollte. Langsam ging sie die Treppenstufen empor und setzte sich an den Tisch in der Küche. Behutsam hielt sie ihr kleines Mädchen im Arm und sah weiter auf die Straße hinaus. Die Sehnsucht war das einzige Gefühl, welches sie gerade ereilte.


Armes Herz, was klagest Du!
Ach Du gehst auch einst zur Ruh!
Was auf Erden, - muss vergeh'n;
Gibt es dort ein Wiedersehn?
Fragt das Herz im bangen Schmerz. -
Tut auch hier das Scheiden weh:
Glaub', dass ich Dich wiederseh.


Der Blick löste sich von der menschenleeren Straße. Rahal war wie ausgestorben. Ihr Leben würde nie wieder das sein, was es einmal war. Vielleicht musste sie auf diese Art und Weise lernen. Jeder Wein hatte seine Nachteile. Sie hörte die Worte in ihrem Kopf hallen. "Ein Wein kann lieblich sein für einen Abend, aber am nächsten Tag sorgt er für einen wirren Verstand und schmerzenden Kopf!"

Eiszeit.

Die nachfolgende Zeit war nicht unbedingt einfacher. Natürlich hatte sie wieder einiges an Kraft erreicht, hatte ihre Lehren nie aus dem Kopf und dem Verstand gelassen, nicht vergessen wofür sie lebte und zu streben begonnen hatte. Aber immer öfters kam die Wut und der Hass hoch, den sie selbst über ihre eigene Person verspürte. Niemals hätte man das Band trennen dürfen. Und obwohl sie noch immer Bruder und Schwester waren ... waren sie getrennt. Gingen ihre eigenen Wege, jeder in eine andere Richtung. Sie schloss die Augen, blickte zu ihrer Tochter und deckte sie zu. Ab jetzt war das Kindermädchen für Leonie verantwortlich. Tarja selbst hatte etwas anderes zu erledigen. Sie musste ihrem Hass freien Lauf lassen. Sie musste wieder zu dem werden was sie einmal war. Eine ungebrochene Frau und eine ernstzunehmende Magierin - kein emotionales Wrack. Ein chaotischer und schmerzhafter Eingriff in das Lied, ein markerschütterndes, schrilles Lachen und die Sphäre öffnete ihre Pforten vor ihr. Sie senkte die Augenlider und schritt hindurch ...

'Leb wohl und schlafe schön, meine kleine Prinzessin.. deine Mama ist bald wieder zurück...'
Tarja Lycron

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Ausflug mit Folgen.

Gemeinsam mit ihrer Cousine war sie unterwegs gewesen. Sie wollten sich die Zeit vertreiben, den Tod über die Welt bringen und ein paar Wesen heimtückisch die Seele rauben und sie aus dieser Welt verbannen. Nach wenigen Übungen trennten sich die Wege kurz, ehe sie vor Bajard wieder zusammenführten. Rilan, Milyen und sie. Letztendlich auch noch Nathan und Cordan. Und in der Mitte? Ein Thyre, der sich auf Rilan gestürzt hatte. Recht schnell waren alle gewesen, das Lied wurde manipuliert, um ihn von einem Angriff abzuhalten. Magie war so schön und so einfach. Und es wurde langsam voller. Sehr viel voller und keiner der Schaulustigen wollte sich wirklich mit den Schwarzmagiern anlegen. Elementare erhoben sich und stellten sich wie Leibwachen neben die Schwarzmagier. Beissende Hitze strahlten diese auf ihre umliegenden Besucher aus. Letztendlich kam es aber nicht zu einem größeren Handgemenge. Bedauerlich für die Arkorither, waren sie doch augenscheinlich auf einem Beutezug.

"Ich möchte die roten Haare haben."
- "Und ich den Kopf!"

Man merkte, zumindest wenn man einen Arkorither schon einmal erlebt hatte, dass sie nicht wirklich darauf aus waren Gefangene mit sich zu nehmen. Arkorither verteilten keine Einladungen und fragten erst recht nicht, ob sie jemanden mitnehmen dürften - sie taten es einfach. Wobei es amüsant gewesen wäre hätten sie die Rothaarige eingepackt. Nachdem sich letztendlich auch noch eine Zwergin einmischen wollte gab es keinen Halt mehr für die Beschützer. Sie saußten auf sie zu und taten den Rest. Aber nichts in der Welt konnte die Arkoritherin dazu bewegen einen stinkenden Zwerg mit auf die Burg zu nehmen.

Letztendlich war die Versammlung dann recht schnell aufgelöst. Ein Eisenwartler versuchte eine Frau namens Lynn - zumindest rief er sie immer wieder so - davon abzuhalten, sich einzumischen. Aber sie war stur, zu stur. Sie spielte wohl gerne mit ihrem eigenen Leben. Wären sie alle darauf aus gewesen Blut zu lecken und die Fährte aufzunehmen hätte sie dies wohl nicht überlebt. Aber sie waren nicht auf der Jagd. Sie wollten alle nur zeigen, dass sie immer noch da waren. Die Arkorither waren nicht verschwunden. Sie waren da. Sie waren präsent. Und das würden sie auch immer sein.


Ein Stück Vergangenheit.

Nachdem alle gegangen waren zogen auch die Arkorither sich zurück. Nathan hatten sie recht rasch verloren, vermutlich hatte er sich zurückgezogen. Rilan war letztendlich auch irgendwie verschwunden und Milyen zog sich ebenso zurück. So war sie alleine mit Cordan. Sie ging ihm nach in den Unterrichtsraum. Wieso sie das tat wusste sie selbst nicht genau. Sie hätte genauso gut gehen können.

"Setz dich." Wohl hatte er bemerkt, dass sie sehr abgenommen hatte. "Du wolltest immer mehr Macht und jetzt sieh dich an, was aus dir geworden ist...", innerlich tobte sie. Was nahm er sich da heraus? Sie wusste, was sie aufgegeben hatte und was es sie gekostet hatte. Machte es ihm Spaß, Salz in die Wunden zu streuen? Sie zog die Luft tief ein. Das Gespräch zog sich eine Weile hin. Er wollte wissen, was sie so zugerichtet hatte. Lag das nicht klar auf der Hand? Sie beobachtete seine Züge. Sie stand zu ihren Fehlern und das wusste er. "Dann ... tu es!" - Tausende Bilder huschten durch ihre Gedanken und ehe sie sich versah krampfte sich ihr Magen zusammen. Mit dem, was sie tat hatte sie nicht gerechnet. Als hätte sie die Kontrolle über sich selbst verloren. Er stand da. Er schob sie nicht weg, aber er erwiderte auch keine ihrer Gesten. Er stand einfach nur da, so dass sie sich wieder von ihm lösen musste. Wollte. Und sollte.

"Es ist an der Zeit für mich zu gehen.", sie drehte sich um. Sie hatte nicht die Kraft nun noch länger in seiner Nähe zu bleiben. Zumal sie nach Hause musste. Zu ihrem dunklen Geheimnis.

"Macht und Stärke, Tarja ...", doch gedanklich war Tarja längst fort.
Tarja Lycron

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Geheimnisse

Die Burg war leer und doch war ihr Plan aufgegangen an diesem Abend Gesellschaft zu haben. Derzeit konnte sie kaum allein sein. Die Stille war nahezu unerträglich für sie.
Sie hörte das Scharren der Robe über den kühlen Stein der schwarzen Burg und aus den Augenwinkeln heraus blickte sie zum steinernen Torbogen der Bibliothek. Sie hatte fast damit gerechnet, dass er dort stand. Es vergingen nur wenige Minuten ehe er sich zu ihr setzte. Sie sprachen miteinander, unterhielten sich auf einer distanzierten Ebene. Was sollte sie auch anderes erwarten? Sie hatte ihn im Stich gelassen.

Was ist nur aus dir geworden?
Ja, was war passiert? Sie konnte ihm die Frage nicht wirklich beantworten. Im Grunde wusste er doch selbst, was passiert war. Sie hatte sich für ein anderes Leben entschieden und dieses Leben brachte ihr diesen Kummer. War das richtig? Sie konnte ihm das Geheimnis, dass zuhause eine liebreizende Tochter auf sie wartete, nicht erzählen. Zu sehr würde es ihn enttäuschen und das hatte sie in der Vergangenheit oft genug getan.

Die Nähe, die zu ihm entstand, das Vertrauen, welches sie früher schon zu ihm hatte tat gut. Die Hand auf ihrem Bauch, der Arm um ihre Hüfte. All das waren Momente, die ihren Körper für einen Moment in Wärme hüllte. Diesen leblosen, gefühlskalten Körper, der nur noch ihren Sinnen diente. Der Biss in ihre Schulter war das Erste, was sie seit Monaten wirklich wieder verspürte. Die Blicke von Isabella ignorierte sie für diesen Augenblick komplett. Es war ihr egal. Aber sie musste nach Hause.

Dein Zuhause ist doch hier ...
Ja, er hatte recht. Ihr zuhause war hier. Nirgendwo sonst wäre sie so sehr zuhause gewesen wie auf dieser Burg und in diesen Armen. Sie wollte sich lösen, doch zog es sie wieder zu ihm. Eine Bewegung wie in Trance, als würde sie der inneren Sucht, dem inneren Brennen nachgehen. Doch diesmal wurde diese eine Berührung, die sie schon tausend Mal verspürt hatte, erwidert. Und dennoch war diese Berührung dieses Mal etwas ganz anderes. Etwas, woran sie sich gerade klammern konnte. Auch wenn es bisher noch mehr Schein als Sein war. Und doch, sie musste sich lösen. Die Nacht brach herein, sie musste nach Hause. Zu ihrem Kind. Zu ihrem geheimen Leben fernab der Burg.
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Geheimnisse II

'Geheimnisse gehören nicht an die Öffentlichkeit. Man trägt sie unterm Herzen wie ein kleines Kind. Nur wird dieses Kind nie geboren.'

Sie schloss die Augen und wollte sie gar nicht mehr öffnen. Manchmal war es besser die Zeit ziehen zu lassen. Vielleicht hatte sie ihm zuviel anvertraut, aber sie wollte nichts auf einer Lüge aufbauen. Sie musste ihm von ihrem Geheimnis erzählen.

Nachdem sie die Taverne verlassen hatten - und es war erneut ein sehr unliebsamer Abend geworden - ging sie mit ihm etwas abseits auf den Leuchtturm zu. Sie wollte für den Moment mit ihm alleine sein. Manchmal war ihr bis heute noch nicht klar, ob er ein Spiel mit ihr spielen wollte oder nicht. Verdient hatte sie es. Nach wenigen Gesprächen brannten seine Lippen auf den ihren und es fiel ihr schwer, den nächsten Schritt zu gehen. Die Wahrheit. Sie konnte nun alles zerstören, aber dann sollte es so gewesen sein. Sie konnte es weder ihm antun geschweige denn ihrer Tochter. Ihre Tochter war ein Teil von ihr und den würde sie so schnell nicht wieder hergeben. Das würde sie auch gar nicht wirklich können.

"Komm mit, ich muss dir etwas zeigen...", sie flüsterte fast und ging voran - bis zu ihrem Haus.
Das Türschloss gab unter dem Schlüssel nach und sprang auf. "Sieh es dir selbst an..", sie konnte für den Moment keine Worte finden. Sie konnte ihm ihr Geheimnis nicht weiter anvertrauen. Er musste es sich selbst ansehen. Der Zeitpunkt verging kaum. Sekunden fühlten sich an wie Stunden. Minuten schlichen dahin wie Tage. Sie sprachen kaum.
"Ich glaube kaum, dass du dich mit den Spielsachen beschäftigst.."
- "Mehr oder weniger schon.."

Sie sah ihm entgegen, wollte aus seinen Zügen lesen. Doch entdecken konnte sie nicht viel. Die Zeit würde es zeigen, wie sie beide mit der neuen Situation klarkommen würden.
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Sie stand in dem kleinen Zwischenraum zwischen den beiden Häusern und blickte auf die dunklen und verlassenen Straßen hinab. Kaum ein Mensch geschweige denn ein Tier war auf der Straße zu sehen. Kein Schatten, der sich durch die schwarze Nacht schlich und sich ein sorgsames Versteck suchen wollte. Es war ruhig, hier und da wehte eine kleine, feine und kühle Windbrise durch ihr Haar, kroch ihren Nacken empor, kitzelte die kleinen Haare dort um sie dann wieder in Ruhe zu lassen. Das luftige schwarze Hemdchen schützte sie nur ganz gering vor dem Frost, der sich noch immer in der Luft versteckt hatte. Seufzend wandte sie sich ab und liebkoste die raue Putzwand mit ihren Fingernägeln, ehe sie in der Küche verschwand und die Treppen hinab stieg. Sie sehnte sich nach seinen starken Armen und seinem beruhigenden Einfluss. Auch wenn sie Angst vor dem hatte, was auf sie zukommen würde und sie sich längst für bescheuert hielt konnte sie seine Anwesenheit wieder genießen. Er hatte ihr verziehen und das war vermutlich das schönste Geschenk, welches man ihr bisher in ihrem Leben machen konnte – abgesehen von den Lehren, die sie am Orden der Arkorither erlernen konnte.

Es war ein kurzer und schmerzhafter wie auch chaotischer Eingriff in das allumfassende Lied der Schöpferin, als sich vor ihr ein kleiner Riss auftat, der immer größer wurde. So groß, dass man als Mensch mit einer Leichtigkeit hindurch schreiten konnte. Es war ein mächtiges Gefühl, wenn man innerhalb von wenigen Sekunden an ganz anderen Orten sein konnte. Sie stand vor dem Wald hinter dem sich das Gebirge auftat. Kryndlagor hatte sich dort lange Zeit versteckt, ehe er nun wieder kam – so erzählte man es sich zumindest. Sie bahnte sich den Weg durch den schlammigen Waldboden und lehnte sich letztendlich an die kühlen Steinwände des Gebirges. Sie fühlte sich gerade als würde sie innerlich verglühen wie ein kleiner Feuerball. Sie seufzte leise und schloss die Augen, verschloss die Augen vor der Welt und den Problemen, die sie derzeit beschäftigten. Sie behielt die Augen zu, dachte an all das, was sie hatte. Macht, Reichtum, eine Tochter, Respekt. Was wollte sie mehr? Sie hatte alles und doch fehlte ihr irgend etwas. Sie öffnete ihre Augen wieder und gab die ungewöhnlich hellen blauen Augen frei, die sich suchend durch die Umgebung schlichen. Es gab nichts, was ihr gerade einfallen würde, was ihr fehlen sollte. Aber sie war sich bewusst, dass ihr etwas fehlte. War es der Drang nach Freiheit, der gerade so an ihr zerrte? Sie war gebunden – mit ihrer Seele an einen Orden, der sich perfekt in der Kampf- und Schwarzmagie verstand. Sie war böse, abgrundtief böse und zeitgleich ein zahmes Kätzchen, wenn sie es wirklich sein wollte. Und doch hatte sie selbst sogar manchmal Angst vor ihrem eigenen Spiegelbild. Sie seufzte erneut und spielte wieder mit dem Lied. Sie reizte ihre Mächte aus und ihr eigenes Bild verschwamm vor ihren eigenen Augen. Nur wenige Meter weiter auf einem Felsvorsprung kristallisierte sich ihre Gestalt wieder zu einem Ganzen zusammen. Wie oft war sie schon hier gewesen um sich ihrer Gedanken klar zu werden? Sie hatte aufgehört zu zählen. Die Luft war hier in einigen Metern über der heiligen Stadt um einiges kühler und sorgten dafür, dass sich Gänsehaut auf ihre Arme legte. Der stechende Schmerz beim Einatmen war eine Genugtuung und sie sehnte sich nach mehr. Sie sehnte sich nach dem allumfassenden Schmerz, der ihr ihre Zweifel aus dem Kopf schieben sollte. Sie sollte sich zurück zur schwarzen Burg begeben und es ausreizen. Das Haupt wurde in den Nacken gelegt und die Arme wurden ausgebreitet. Der Wind, der sie nun umgab, schien sie davontragen zu wollen. Die schneeweißen Haare wirbelten um ihren abgemagerten Körper und die schwarze Kleidung. Ein lautes, irres Lachen durchzog die Nacht. Ein Lachen, welches man, so man es gehört hatte, nicht mehr so schnell vergessen würde. Ein Lachen, welches aussagen sollte, dass sie zu allem bereit war. Sie war böse – abgrundtief böse. Und das war wieder in ihr geweckt worden.

Ein weiterer Eingriff ins Lied und sie stand wieder kurz vor den Stadttoren. Der Weg trug sie nach Hause zu ihrer Tochter. Sie öffnete die Türen und wurde längst erwartet. Scheinbar war das Kindermädchen mit ihrer Tochter überfordert. Gewachsen war sie und sie war noch schöner geworden, als sie es eh schon war. Sie hatte blasse Haut, rosige Wangen, pechschwarzes Haar und strahlend blaue Augen. Kleine zarte Hände, weiche Haut und ein charmantes Lächeln. Es war ihre Tochter, sie konnte es nicht leugnen. Und sie liebte ihre Tochter, das konnte sie ebenso nicht von sich schieben. Auch wenn sie es noch so oft versucht hatte. Und Leonie spürte das, denn merkwürdigerweise war sie beruhigt, als ihre Mutter die Türe betreten hatte. Sie schenkte ihr ein kurzes Lächeln, gab ihr einen Kuss und ging dann nach oben. Gerade war es nicht einfach sich auf irgendetwas besonderes zu konzentrieren. Und wie sollte sie ihrer eigenen Tochter erklären, dass sie nicht mehr bei ihrem Papa war? Und wen sollte sie als ihren Papa vorstellen? Ihr Erzeuger war nicht mehr da. Er hatte alles hinterlassen und sie im Stich gelassen. Die Verantwortung hatte ihn abgeschreckt und von heute auf morgen war er verschwunden. Und er war wieder gekommen. Der Mann, dem sie einst ihre Liebe und Treue geschworen hatte. Es war richtig, wenn sie ihrer Tochter beibringen würde, dass er ihr Vater war. Sie seufzte. Ob er damit einverstanden war? Ob er sich damit anfreunden konnte? Schließlich war es nicht sein Kind – sein Kind hatte sie verloren. Sie sah kurz von dem fixierten Punkt am Tisch auf und überlegte. Dann schüttelte sie erneut den Kopf, begleitet von einem weiteren Seufzen. Die Zeit würde es zeigen, ob sie beide Kraft dafür hatten.

Aber gerade in diesem Moment musste sie sich entscheiden. Entscheiden zwischen dem Orden der Arkorither und ihrer Tochter. Aber sie wusste so oder so für was sie sich zu entscheiden hatte. Gerade konnte sie keine Mutter sein. Gerade musste sie ein unberechenbares Miststück sein, welches über Leichen geht. Sie musste lachen. Wie sollte sie ihrer Tochter einmal erklären, dass es für sie normal war andere Menschen kaltblütig umzubringen? Aber vermutlich würde sich das erübrigen. Ihre Tochter würde damit groß werden, dass es normal war Menschen zu töten. Aber im Moment war sie noch so klein, so zerbrechlich. Sie würde es gut haben - zuhause und bei ihrem Kindermädchen. Und für Tarja? Für Tarja war es an der Zeit mehr über fremde Magien herauszufinden. Varuna würde man nicht mal mehr im Ansatz als das erkennen können, was es einmal war.
Tarja Lycron

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Er war längst tot für sie, auch wenn sie irgendwo spüren konnte, dass er noch da war. Irgendwo. Sie blickte auf das kleine Mädchen zu ihren Füßen und setzte sich zu ihr, um ihr durch das Haar zu streicheln. Sie hatte genauso schwarzes Haar wie ihre Mutter sie normalerweise hatte und die gleichen blauen Augen. Nur wenige Gesichtszüge erinnerten wirklich an ihren wahren Erzeuger. Seufzend und mit einem zufriedenen Blick lächelte sie ihre Tochter immer wieder an. Für Leonie würde es einmal klar sein, wer ihr Vater war. Zumindest solange sie ihre Tochter vor der Wahrheit beschützen konnte. Und die Wahrheit würde sie so gut wie es ihr möglich war von ihr fernhalten.

Auch wenn Lucan und sie eine Weile getrennt gewesen waren hatte sich doch herauskristallisiert, dass Tarja einen Fehler begangen hatte indem sie sich von ihm gelöst hatte. Auch wenn sie eigentlich nun einen ganz anderen Namen trug war sie sich bewusst, dass sie immer eine Thyrmon bleiben würde und mit diesem Namen würde sie sich auch fortan wieder vorstellen, sofern das überhaupt von Nöten war. Die Zeit mit Lucan war mittlerweile anders, aber auf einer gewissen Ebene ebenso schön wie sie vor vielen vergangenen Monaten auch gewesen war. Wieder seufzte sie und lies den Blick schweifen. Rahal war zwar groß, aber nicht groß genug um sich komplett zu verstecken. Überall lauerten Spione und Spitzel und würde Tarja irgendwann einen finden, der sie auch nur ansatzweise beobachten würde wusste sie genau, was sie zu tun hatte. Die Augen würde sie ihm rausreissen und die Zunge noch dazu. Sie hatte einen Plan und dieser Plan war, ihre Spuren zu verwischen. Zwar war sie anwesend, aber sie würde nie mehr genau zu lokalisieren sein.

Rituale sorgten dafür, dass sie sich von dem inneren Band abschotten konnte. Als würde sie es mittels Magie schaffen, ihren Geist zu verschließen. Magie war stark und wenn man die Macht zu nutzen wusste konnte man sie so vielfältig einsetzen. Ein letzter Blick über die Schultern und sie schlug ihrer Tochter die schwarze Kapuze über das blasse, lockenumwobene Haupt. Ihre Tochter verstand nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Sie war mittlerweile 18 Monate alt und verstand teilweise mehr von alledem als Tarja dachte, dass sie verstehen würde. Und sie stellte abertausende von Fragen. Für ihre Tochter würde es nicht einfach sein ein abgeschottetes Leben zu führen. Immer aufpassen zu müssen, wem sie vertraute und wem nicht. Wem sie die Türe öffnete und mit wem sie spielen konnte. Wem sie direkt in die Augen blicken durfte ohne ihre Seele zu verlieren. "Wohin tehn wir, Mama?", seufzend strich Tarja ihrer Tochter über den Rücken. Es war gerade in diesem Moment keine Zeit für Erklärungen. Sie mussten fortgehen. Hier würde man sie sofort finden und das wäre nicht gut. Also musste sie das beschützen, was ihr lieb war - ihre Privatsphäre und das, was sie mit Abstand am meisten liebte: Ihr eigen Fleisch und Blut.

Nachdem auch die letzte Pflanze ihren Weg in die Räume gefunden hatte nickte sie zufrieden. Lucan hatte sie längst gesagt, dass sie woanders aufzufinden war. Sie war vorsichtig gewesen, hatte ihr Aussehen mittels der Magie vertuscht und ihre Wege mittels der unterschiedlichen Sphären auserwählt. So war sie immer auf der sicheren Seite. Nachdem sie ihrer Tochter das Abendessen zubereitet hatte setzte sie sich zu ihrer Tochter an den Tisch. Es war interessant und doch so merkwürdig mit anzusehen, wie fröhlich und lebensfroh ihre eigene Tochter war. Aber im Gegensatz zu Tarja fehlte es Leonie an nichts. Vielleicht an Teilen der Wahrheit, aber manchmal war es besser die Wahrheit zu verbergen. Und sie würde in Lucan den besseren Vater haben, soviel war sicher.

Und wenn sie etwas wollte, dann, dass ihre Tochter es besser hatte als sie. Und dafür würde sie selbst sorgen. Koste es was es wolle.
Tarja Lycron

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Irgendwo im Nirgendwo

Die Nacht war kalt und die Einsamkeit derzeit ihre beste Freundin. Während sich der Geruch des gedünsteten Gemüses durch die Räume zog starrte sie aus dem Fenster und zählte die Passanten, die an ihrem Fenster vorbeizogen. Kein Blick ins Innere war möglich, doch der Blick in die Freiheit war so nah. Ein kurzes Lächeln stahl sich über die blassen Lippen, ehe die Pfanne den Weg auf die kühlen Steinplatten fand. Es schien, als würde die Zeit einfach weglaufen. Wenn sie ihre Tochter ansah, war das der beste Beweis dafür. So schnell hatte sie gelernt zu laufen und sprach mittlerweile sogar ansatzweise ganze Sätze. Und es machte Tarja gewissermaßen Stolz, dass ihr kleines Mädchen ein so schlaues Kind war. Aber wie sollte es auch anders sein bei einer Gelehrten als Mutter.

Die Haustüre blieb zu, zumindest für den heutigen Abend. Tarja hatte sich noch immer nicht dazu durchringen können ihn zu fragen, ob er letztendlich wieder bei ihr einziehen wollte. Zu sehr hatte sie seit ihrer letzten Liaison bemerkt was es hieß ein Leben komplett umzustellen. Aber wovor sollte sie sich bei ihm fürchten? Er hatte ihr diesen falschen Schritt verziehen und mittlerweile schien es sogar so, dass selbst Leonie ihn als ihren Vater vollends akzeptiert hatte. Ein gewohntes und zugleich ein beruhigendes Gefühl, dass alles so seinen Weg ging. Letztendlich konnte sie sich immer wieder darüber amüsieren, dass sie stets ein Doppelleben führte. Auf der einen Seite die liebevolle Frau und Mutter, die Verständnisvolle, Fürsorgliche. Und auf der anderen Seite die brutale und blutrünstige Frau, die sich nach dem Tode und nach der Rache sehnt. Beim Thema Rache fiel ihr sofort etwas ein, was sie sich noch zurückholen musste. Da gab es etwas, was ihr eigen war. Und das würde sie sich irgendwann, wenn die Zeit gekommen war in einem ungesehenen Moment wieder beschaffen. Aber vorerst musste sie alle Spuren verwischen.

Der Abend schritt voran und mit dem Abend kam auch die Arbeit. Es war schwer für sie während des Tages zu arbeiten, da ihre Tochter meist vollkommene Aufmerksamkeit von ihr abverlangte. Sie hatte kaum Möglichkeit sich auch nur einen einzigen Tag für sich selbst zu gönnen, ganz im Gegenteil. Als Vollblutmutter und Überschwarzmagierin musste man sehen, wie man die Zeit einzuteilen hatte und Zeit war wirklich etwas, was bei Tarja nie genug sein konnte. Vierundzwanzig Stunden waren für einen Tag einfach viel zu wenig. Dreißig oder gar vierzig Stunden wären vorzüglich, aber sowas konnte man nicht einmal mittels Magie tricksen. Da blieb ihr nur der pure Wille, dass zwei Stunden Schlaf vollkommen ausreichen würden.

Und ja, das war ihre Welt. Ein Sprung zwischen zwei Leben, die sie unter einen Hut bringen musste. Ganz gleich, was auch kommen sollte. Und vielleicht würde sie sich zu dem letzten Schritt auch noch überwinden: Die alles entscheidende Frage, ob er wieder bei ihr wohnen wollte oder nicht ...
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