Und jetzt bist du Erwachsen

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Viola Ser´Rhal

Und jetzt bist du Erwachsen

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Es war bereits zur späten Stunde als Viola die Dorfgrenze nach Bajard überschritt, die Schritte in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt. Ihre Blicke wanderten nur sporadisch hin und her, es interessierte sie wenig was in diesem Dorf geschah, sie kam hierher weil sie ihre Ruhe wollte und während sie langsam die Taverne ansteuerte, zog sie den feinen Siegelring mit den Initialen des Haushalts von ihren Fingern und ließ ihn in einem kleinen Beutel verschwinden; sie würde keinem dahergelaufenen Rahaler einen Grund geben Streit anzufangen, nicht heute Abend.
Die Taverne war erstaunlich leer, nur einige Seemänner fanden sich vorne bei der Wirtin, ihren Schnaps saufend und als Viola ihr ein paar Münzen hinlegte, bekam sie im Tausch eine Flasche ausgehändigt, der Abend konnte beginnen.

Wie lange war es nun schon her, dass sie sich mit einer Flasche in einer Tavernenecke wie hier verkrümelt hatte? Es war lange her, aber etwas in ihr wollte heute Nacht den Geschmack von Alkohol im Mund haben, die Sinne betäubt und all die Gedanken die sie plagten ertränkt in einem süßen Nebel der Leichtigkeit.
Die Flasche wurde an die Lippen geführt, eine leichte Hebung und der Inhalt floss in ihren Mund, legte einen eigentümlichen Geschmack auf ihre Zunge und ran dann mit einem angenehmen Brennen ihre Kehle hinab. Hatte sie es vermisst? Nein, vermisst nicht, aber im Moment war es einfach nur ein willkommenes Gefühl.


Mit der Zeit wurde die Flasche leerer, der Blick glasiger, die Gedanken trüber … wieso war sie hergekommen? Es brauchte eine Weile bis sie die Gedankenfetzen wieder ordnen konnte, aber dann war alles wieder da, zwei Begriffe; Baby und Luca. Sie war heute Morgen im Kloster gewesen, hatte Schriften angefertigt für Darna und dabei war er ihr immer wieder ins Blickfeld gekommen; der große runde Bauch Darnas welcher ihr vorführte, dass Nachwuchs auf dem Weg war, der zeigte dass ein Kind in naher Zukunft in den Alltag treten würde.
Doch als ob dem nicht schon genug war, so wurde beim Frühstück auch noch außerordentlich tüchtig über das Kind gesprochen, wer alles auf das Kind aufpassen würde …dieses Kind ... und Viola wusste sie würde dies auch irgendwann tun, sei es aus ihrer Freundschaft zu Darna oder aus ihrer Pflicht heraus. Je mehr sie an das ungeborene Leben in Darnas Bauch dachte, desto mehr stieg ein heißes und flammendes Gefühl in sie auf, welches sie gleich noch einmal zur Flasche greifen ließ.
Das Kind würde kommen, und es würde alles ändern … alles irgendwie zerstören … Viola wusste das.

Doch nicht nur das Kind war es gewesen, seit neustem war es auch Luca. Er war jünger als Viola, sicher gute sechs bis sieben Jahre und bisher war er einfach nur der Junge gewesen den Darna aufgenommen hatte weil sie glaubte ihn ändern zu können … und sie hatte Recht. Luca hatte sich verändert, er hatte sein Benehmen verbessert und er war förmlich auf Darna fixiert … er war der Erfolg den Darna an Viola niemals verbucht hatte, er würde sich noch weiter bessern …. und er würde immer mehr Darnas Nähe suchen, Nähe die von ihr soweit abgerückt war.


Die Flasche war fast leer als sie den nächsten Schluck nahm. Das Brennen im Hals war nun kaum mehr zu spüren, stattdessen legte sich Unmut auf ihre Seele, drückte alles so tief hinab, weckte Aggressionen wo sonst keine waren.
Wieso diese Gedanken gegen Luca und das kommende Kind? Sie hatte sich diese Frage immer wieder gestellt, woher diese Eifersucht kam, denn etwas anderes war es nicht, es war die pure Eifersucht auf beide. Und jetzt, wo sie hier saß, den Alkohol intus und der Verstand auf das Minimalste reduziert, da wusste sie es irgendwie. Es war als würde ein kleiner Film vor ihren Augen ablaufen, wichtige Szenen aus ihrer Kindheit … dazwischen die Gedanken an das Kind, Bilder von Luca … dann wieder ihre eigene Zeit.
Kindheit, Jugendlichkeit … es war dabei ihr zu entrinnen, es entrann ihr etwas, was sie viel zu spät genießen durfte und was sie noch nicht bereit war aufzugeben aber man fragte sie nicht. Und für einen kurzen Moment schien es ihr fast so, als würde auf dem Platz ihr gegenüber die junge Viola von damals sitzen, das kurze, schwarze Haar, das dreckige Gesicht und die zerlumpte Kleidung … und in jenem Moment wusste sie eines: sie war nun Erwachsen, sie war kein Kind mehr, keine Jugendliche … sie war eine erwachsene Frau geworden, und genau deswegen hasste sie dieses Kind, deswegen hasste sie es, Lucas Fortschritt zu sehen den sie niemals erbracht hatte … deswegen hasste sie in diesem Moment die gesamte Welt.

Schweigend richtete sie sich auf, leerte die Flasche mit einem letzten Zug und trat schwankend hinaus in die Dunkelheit, denn mittlerweile war es späte Nacht geworden. Das Ziel war im Moment unklar, einfach irgendwohin wo sie die Übelkeit einholen würde und sie den ganzen Alkohol aus ihrem Körper speien konnte, ihr war es egal.
Viola Ser´Rhal

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

„Um Luca brauchst du dir keine Sorgen zu machen, er verbringt einen Gutteil seiner Zeit hier und übernachtet auch, wenn es sich als sinnvoller erweist.“

Die Worte von Darnas letztem Brief geisterten ihr immer wieder im Kopf herum. Viola selbst sollte auf Gerimor bleiben aber Luca, der neue Liebling des Haushaltes, er durfte natürlich mit nach Menek'Ur. . Grummelig griff sie an ihren Wasserschlauch und nahm einen guten Schluck um ihren Durst zu stillen; wieso regte sie sich noch über derlei auf? Ihr Leben hatte sich geändert, es war nun einmal nicht mehr so wie es früher einmal gewesen war und so würde es wahrscheinlich auch nie wieder werden. Sie hatte die Bajarder Ortsgrenze gerade überschritten, als sie nicht unweit von sich eine große, massige Gestalt erblickte.
Der Hüne war riesig und stand mit dem Rücken zu ihr und wäre nicht jener Stab gewesen hätte Viola erst einmal nachsehen müssen um sich einer Tatsache zu vergewissern; vor ihr stand Jall, der Schamane der Anguren, ein Monster, eine Person welche eine Bedrohung für Darna war … für eigentlich jeden Menschen. Darna hatte es ihr gesagt; wenn es die Möglichkeit gab das Leben dieses Monsters auszulöschen, dann sollte sie ergriffen werden, und nun war diese Gelegenheit zum Greifen nahe. Was Darna wohl sagen würde wenn sie ihr in einem Brief schreiben würde, dass sie sich keine Sorgen mehr zu machen brauche, Jall hätte seine gerechte Strafe zugefügt bekommen? Sie würde nicht nur eine gute Tat vollbringen, nein, sie würde auch in Darnas Gunst steigen … weit vor Luca. Und somit war der Entschluss gefasst, Jall würde sterben.

Der Hüne hatte sie nicht bemerkt, auch nicht als Viola anfing ihn zu verfolgen, auf leisen Sohlen hinter dem Anguren her schlich, der Hüne war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt als dass er Viola bemerkt hätte und als sie dann weit genug von Bajard fort waren, da war der Moment gekommen. Sie hatte ihre Armbrust gelöst, hatte das Bolzenmagazin in die Repertierarmbrust gedrückt und nun zielte sie. Sie würde kein Risiko eingehen, oberste Priorität war es, Jall zu Boden zu schicken, den Gnadenschuss konnte sie ihm auch dann noch geben und so flog der Bolzen los und bohrte sich direkt in die Schulter des Alten.
Ein erstickter, schmerzhafter Laut drang aus der Kehle des Anguren und er fiel bäuchlings zu Boden, sein Stab weit genug fort von ihm; er war außer Gefecht gesetzt. Sehr langsam trat Viola näher, betrachtete den am Boden liegenden alten Anguren … er sah aus wie ein alter, wehrloser Mann der keiner Fliege etwas zu Leide tun konnte, aber Viola wusste nur zu gut, dass dieser Eindruck mehr als täuschte. Jall war gefährlich, er war tödlich … er war ein kaltblütiger Mörder der selbst vor Kindesmord keinen Halt machte und deswegen würde er nun auch sterben.


„Du wirst bezahlen für alles was du getan hast ...“ waren Violas Worte gewesen als sie näher an Jall heran trat, die Waffe auf ihn richtete, zielte … und daneben schoss. Kurz hielt sie verwirrt inne, Jall lag am Boden, er war nicht fähig sich zu bewegen, wieso hatte sie nicht getroffen? Der zweite Bolzen traf ebenfalls nicht, verflucht war sie etwa eine solch grottige Schützin geworden? Sie trat näher, so nahe, dass ein Verfehlen ausgeschlossen war und dann drückte sie ab … oder besser gesagt, sie wollte es. Tatsache war jedoch, dass ihr Finger nicht mehr reagierte, egal wie sehr sie sich anstrengte, der Finger bewegte sich nicht, der Abzug konnte nicht gedrückt werden und es war als ob sie kein Gefühl mehr in jenem hatte. Verwirrt richtete sie die Armbrust hoch, betrachtete den Abzug, vielleicht klemmte da irgendwas? Doch es klemmte nichts, das merkte sie spätestens als ihr Finger plötzlich wie von selbst reagierte und nun, wo die Armbrust in den Himmel deutete, plötzlich den Abzug betätigte. Die Armbrust ging los, der Rückstoß der Waffe traf sie unvorbereitet und sie wurde unsanft zurückgedrückt, ein kurzer Schmerz machte sich in ihren Brustbein breit, dort wo die Waffe gegen ihren Körper gedrückt hatte. Was nun geschah mochte für einen Außenstehenden seltsam bis belustigend erscheinen, doch nicht für Viola. Sie konnte spüren wie sie langsam die Kontrolle über ihre Hände verlor und anfing sich selbst zu schlagen, erst ein Schlag mit der flachen Hand ins eigene Gesicht, dann eine Backpfeife, was war hier los?! Die Erkenntnis dass Jall hinter all dem steckte kam erst, als sie plötzlich spürte, wie ihre Stirn das unglaubliche Verlangen entwickelte, mit ganzer Kraft gegen ihr Knie zu schlagen … und damit schlug sie sich letztendlich auch selbst K.O

Als sie die Augen wieder öffnete lag sie am Boden, vor ihren Augen begannen kleine Lichtblitze zu explodieren, die Folge der Benommenheit. Ihre Armbrust lag vor ihr, und da war noch etwas anderes vor ihr: Jall. Der Angure hatte den Bolzen immer noch im Rücken stecken, er bekam ihn ohne Hilfe nicht raus und es war beinahe so etwas wie grausige Ironie dass er sich plötzlich vor Viola hin hockte, ihr den Rücken zukehrte und Viola mit ansehen musste, wie ihre beiden Hände nach dem Bolzen griffen und ihn heraus zogen. Was war das für Magie?! Sie hatte noch nie von solcherlei Zauberei gehört wie Jall sie hier anwandte, und er hatte Spaß dabei. Er wollte sie nicht töten, er hatte es ihr schnell klargemacht, nein, er wollte irgendetwas anderes. Sie konnte nicht einmal wirklichen Zorn in seinen Augen sehen, er hatte einen Plan und dieser Plan war wahrscheinlich nicht gerade angenehm.
Letztendlich stand sie vor ihm, sah ihm zu, wie er anfing komische Worte zu murmeln, wie er an seine Hüfte griff, dort einen Beutel öffnete und etwas vertrocknetes, ekelerregendes zu Tage förderte; das Herz eines Vogels. Ihr Körper gehorchte Viola immer noch nicht, sie konnte nur zusehen wie sie bereitwillig den Mund öffnete, das herz in den Mund bekam und wie sie anfing, es zu zerkauen und herunter zu schlucken. Ein widerlicher, ekelerregender Geschmack machte sich in ihrem Mund breit, füllte alles in ihr aus, kämpfte sich hinab bis in ihren Magen, sie spürte den Drang sich zu ergeben, aber sie konnte nicht, ganz gleich wie sehr sie es auch wollte, sie konnte es einfach nicht. Und dann war alles vorbei gewesen, Jall hatte sie freigegeben und er war verschwunden … mit den Worten, sie solle viel Spaß in ihrer Welt aus Lügen und Unwahrheiten haben … verschwunden und er hinterließ eine verwirrte und deutlich verunsicherte Viola.

Stunden später saß sie in einer Taverne in Adoran, sie hatte gegessen, getrunken, alles getan um diesen widerlichen Geschmack loszuwerden und beinahe im Sekundentakt hatte sie irgendetwas Grausames erwartet, Schmerzen bis ins Unendliche, Halluzinationen, Angstzustände … aber nichts. Was immer Jall mit ihr angestellt hatte, es passierte nichts. Vielleicht wollte der Alte ihr auch nur Angst einjagen, verhindern dass sie jemals wieder versuchen würde ihn zu töten. Was auch immer er getan hatte … es war fern Violas Wissen und so blieb ihr nur eines im Moment; eine Nachricht an Darna zu verfassen.
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