Schatten in der Nacht "Tagebuch eines Dienenden"

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Kurgan Nemrod

Schatten in der Nacht "Tagebuch eines Dienenden"

Beitrag von Kurgan Nemrod »

Es begann gerade zu dämmern als das Segelschiff "Seemöve" am Landungssteg vor Bajard anlegte. Der Mann umgriff mit seinen spindeldürren Fingern die Planke der Reeling und starrte hinaus auf das kleine im Schnee eingehüllte Dörfchen. Viel trug er nicht bei sich. Lediglich eine Tasche mit einigen Schriften, ein paar Münzen und einem Buch mit seinen Aufzeichnungen. Ein eiskalter Windhauch, der vom Meer sich wie eine unsichtbare Hand auf seinen Rücken legte, liess den Mann frösteln.

So wirkte seine Gestalt wohl noch jämmerlicher. Denn mehr als ein vom Hunger ausgezehrter Mann mit recht vorstehenden Wangenknochen stellte er nicht dar. Die Überfahrt war erschwerlich und entbehrungsreich gewesen. Ein Sturm hatte die meisten Vorräte durchnässt, woraufhin diese kurze Zeit später anfingen zu schimmeln, sodass die Besatzung hungern musste. Auch der Mann blieb davon nicht verschont, doch verstand er es als eine Art Zeichen seines Herrn. Man stellte ihn auf die Probe, wobei es ihm gelang zu überleben, indem er sich eines Nachts in die Kombüse schlich und einige der trocken gebliebenen Vorräte stahl, sie tief unten im Frachtraum versteckend und sich heimlich davon bedienend. Auch warf er vieles einfach über Bord. Während für die übrige Besatzung nun noch weniger Nahrung zur Verfügung stand, sicherte sich der Mann so seine Existenz. Denn insgesamt hatte der Hunger fast die Hälfte der Mannschaft im Verlaufe der Überfahrt dahingerafft.

Jenen Umstand nahm der Mann zufrieden zur Kenntnis, beschleunigte er durch das Verstecken der Vorräte damit das Ende der jämmerliche Existenz der nutzlosen Seelen. Allerdings zog sich mit jedem Toten auch die Überfahrt in die Länge, sodass auch er am Ende Hungern musste. Da aber sein Herr stets mit ihm war und seine Dienste honorierte, wusste der Mann stets, dass er überleben würde.

Als die "Seemöve" am Hafen vertaut wurde, schritt der Mann mit bedachten Schritten den Landungssteg entlang und besah sich seine neue Heimat. Das war also jene Insel, von der er soviel gelesen hatte. Auf den ersten Blick machte das winzige Dorf einen jämmerlichen Eindruck. Es war klein, schäbig und heruntergekommen. Immerhin gab es eine Taverne, in der er sich niedersetzte und sein Buch mitsamt dem Kohlestift hervornahm. In seltsamen Schriftzeichen begann er dann einige Zeilen in das Buch zu schreiben, die nur die wenigsten würden lesen können, handelte es sich doch bei der Schrift um ein Geheimalphabet der Bruderschaft des Raben, dessen Oberhaupt Wendelkind das geheime Runenwerk einst erfunden hatte:

Tag 1:

Bin heute in dem Dorf, das die Fischer Bajard nennen, angekommen. Das Dorf scheint keine besondere Macht im weltlichen Gefüge darzustellen. Hoffentlich zahlen mir die Oberhäupter des Dorfes einen guten Preis für das Schriftstück des Kapitäns der Seemöve. Der Narr starb als einer der ersten am Hunger. Welch schwächliche Seele. Aber auf seinem Sterbebett meinte er zu mir, dass ich das Schreiben unbedingt einem Mitglied der Bajarder Miliz geben müsse. Vieles hinge davon ab. Für mich von Vorteil, dass er wenige Stunden, nachdem er mir das Schriftstück aushändigte, verendet ist. So gibt es mir die Möglichkeit gleich zu Anfang, einige Münzen zu verdienen. Ich werde mich rasch auf der Insel umtun müssen, um soviel wie möglich über die dortigen Begebenheiten in Erfahrung zu bringen. Ebenso brauche ich eine sinnige Tarnung. Man wird sehen......

Kurgan Nemrod

Beitrag von Kurgan Nemrod »

Tief in der Nacht konnte man in der Bibliothek von Bajard noch einen schwachen Kerzenschein aus einem der Fenster wahrnehmen. Dort sass ein Mann vornübergebeugt über ein vor ihm liegendes Büchlein. Immer wieder flackerte die kleine Flamme der dürren Kerze im Raum auf und tauchte das Gesicht des Schreibenden in ein seltsam bewegtes Licht-und Schattenspiel. Kratzend fuhr die Schreibfeder über das Pergament des Büchleins, dort einen kleinen Text verfassend:

Tag 2:
Durch die Auszahlung der stellvertretenden Bürgermeisterin für meine Nachricht an die Bürgerwehr von einer Krone habe ich nun eine gewisse Barschaft zur Verfügung. So hatte mir der dahinsiechende Kapitän wahrlich nützlich sein können. Ich machte mich sogleich auf, die Örtlichkeiten der Insel zu erkunden. Im Norden der Stadt Varuna stiess ich dabei auf etwas Interessantes. Zahlreiche Ruinen und ein Friedhof, die von der Macht des Herren beseelt sind. Unzählige rastlose Untote unterschiedlichster Ausprägung auf der Suche nach dem lebendigem Fleisch, um jenes zu vernichten, wandelten dort umher. Leere Hüllen belebt durch die Macht des Raben stets bemüht ihm mehr Seelen zuzuführen. Vielleicht werde ich mich diesen Orten nocheinmal zuwenden.

Am Abend jedoch geschah noch Bedeutungsvolleres. Ich stiess auf drei Personen, die eventuell dem Herren dienen könnten. Von einer derer bin ich mir sicher, dass sie ihm dient und das offenbar schon in starker Bindung zu ihm. Ich führte mit jener Person ein interessantes Glaubensgespräch zuerst in Bajard, später dann aber in einer heruntergekommenen Spelunke in Rahal, wo man freier sprechen konnte. Sie warf einige interessante Thesen über die Bedeutung der Seele in den Raum. Der Kontakt mit ihr könnte durchaus lehrreich und fruchtbar sein. Man wird sehen, wie sich diese Kontakte weiterentwicklen. Doch selbst unter der Stadt Rahal scheine es Katakomben zu geben, in denen Geschöpfe des Herren wandeln. Ein weiterer Beweis für die Dominanz des Todes überall dort wo Menschen wandeln.

Bajard an sich scheint ein Quell von Hass und Agression zu sein, fast übertriefend davon. Alleine heute nahm ich zweie bewaffnete Konflikte zur Kenntnis. Der vorherrschende Krieg betrifft wohl auch jenes verkommene Dörfchen. Ein Umstand, der sich noch als nützlich erweisen könnte.....
Kurgan Nemrod

Beitrag von Kurgan Nemrod »

Ein sachtes Heulen des Windes pfiff durch die Gassen der Großstadt Rahal. In der Nacht hatte Regen eingesetzt, der die Strassen in glänzende Feuchtigkeit versetzte und gerade die Wege im Hafenviertel in Morast förmlich getränkt hatte. Bis auf wenige Wachen war kaum jemand in der Stadt unterwegs. Die meisten Bewohner schliefen wohl schon. Nur in der Hafentaverne sass noch ein einziger Gast an einem mit Bier verschmierten Tische über einem Büchlein und malte seltsame Runen in jenes hinein, während dicke Regentropfen in klatschenden Wogen immer wieder gegen die Fenster der Taverne geweht wurden. Den Wirt schien dies jedenfalls selbst nicht mehr zu kümmern, lag jener doch selbst über dem Thresen und schnarchte betäubt von seinem eigenen Biere vor sich hin. Mit nachdenklich ernstem Blick schrieb die hagere Gestalt in das Buch vor sich hin.



Nach der ersten Woche meiner Ankunft hier auf Gerimor haben sich doch entscheidende Dinge ereignet. Ich habe die Bedeutung dieses vermaledeiten Nestes Bajard etwas unterschätzt. So wie das Schicksal dort immer wieder neue Menschenmasse anschwemme, die dieses Dorf zu durchfluten scheinen, hat der Herr meinen Weg offensichtlich mit Absicht dorthin gelenkt. Letztlich scheinen einige Gläubige immer wieder jenes Dorf aufzusuchen. Ein durchaus beachtliches Vermögen dem Herrn Seelen darzubieten tue sich dort wohl auf.

Nach einigen interessanten Gesprächen, die aber allesamt eher oberflächlich waren, offenbarte sich mir eine Dienerin. Mit ihrer Macht gewährte sie mir Einblicke in das Seelenmeer von gänzlich überwältigenden Dimensionen. Es war sowohl fast beängstigend wie faszinierend zugleich, wurde ich solcher Einblicke doch bisher noch nie gewahr. So mich der Herr nicht auf seinen Weg geführt hätte, hätte ich diesen Einblick wahrscheinlich nicht überlebt, denn jener Blick bereitete selbst mir entsetzliche Wellen der Schmerzen. Es fiel mir stellenweise gar schwer zu atmen.

Doch die fast poetisch wirkenden Züge der unendlichen Weite des Ozeans bestehend aus einer unendlichen Fläche schattenhafter Schemen, die sich in ihren Qualen und Fratzen wanden und wimmerten, entschädigten für jede Pein. Ihre Schreie brandeten an meine Ohren, wobei sie mit jeder Woge stärker zu werden schienen. Ich hatte fast den Eindruck, dass sie alle durch mich hindurchfliessen würden und jenes hat mich auf seltsame Art gestärkt. Alles, was ich bisher darüber gelesen hatte, kann nicht mal im Ansatz das wiedergeben, was ich sah. Und nachdem mein Blick wieder davon genommen wurde war mir klar, dass der Herr mich zu meiner neuen Meisterin geführt hatte.

Dies ist also der Anfang der Suche............
Kurgan Nemrod

Beitrag von Kurgan Nemrod »

Die Wolken hingen grau und schwer über dem Lande am gestrigen Tage, doch sollte dies jener Tag sein, an dem ich meine Seele dem Herrn zur freien Verfügung stellte. Die Bande zu meinen Brüdern und Schwestern verfestigten sich zusehends und so musste es geschehen. Meine Meisterin und eine andere Rabendienerin führten mich, sowie eine andere ebenfalls neu Angekommene, zum allerheiligsten geweihten Ort des Herrn. Überall war sein Wirken erkennbar. Ein Ort ganz erfüllt von seiner Macht. Als man mich in den Raum führte, der von einem blutigen Pentagramm ausgefüllt und von verwesenden Leichen geziert war, wusste ich , dass dies das vorläufige oder endgültige Ziel meiner Reise darstellen sollte.

Es roch dort.....ja wie roch es dort.....nach Erhabenheit roch es. Der süsslich schwere Duft der Verwesung durchdrang meinen Körper und wurde eins mit mir. Jene verrottenden Körper in dem Raum waren die leeren Hüllen derer, deren Seelen sich der Herr genommen hatte. So versank ich in stillem Gebet am Altar vor dem Blutpentagramm und rief den Herren an, mich zu sich zu nehmen, so dies sein Willen wäre. Schliesslich führte man mich tief hinab in Katakomben, die von den rastlosen Untoten bewacht wurden, welche den Weg nur für jene freigaben, die sich anschickten dem Herrn dienlich zu sein. Wären wir normale Sterbliche gewesen, sie hätten sich an unseren Körpern gütlich getan. Man konnte kaum einen Schritt vor den nächsten setzen, denn die das Licht der mitgeführten Fackeln wurde von der Schwärze der Dunkelheit förmlich verschluckt.

Doch schliesslich erreichten wir unser Ziel. Ein Raum mit einem dunklen Altar an der Nordwand, auf dem ein blutroter Dolch lag. Mittig jedoch war das heiligste Symbol der Herrn, das ich je zu Gesichte bekam. Eine auf einer Steinsäule ruhende Statue des Raben. Gänzlich schwarz, doch schien es mir fast so, als hätte jenes Schwarz zahlreiche fliessende Schattierungen in unendlich vielen Schwarztönen. Dadurch war es kein statisches Monument, denn die Statue schien tatsächlich sich zu bewegen. Als ich eintrat starrten mich ihre Augen an und obwohl ich ehrfürchtig den Kopf niegte, durchdrangen ihre Blicke meinen Körper.


NUN WAR ES GEWISS. DER HERR HATTE SEINE AUGEN AUF MEINE SEELE GERICHTET.

Während die Meisterin mit der Rabendienerin gen Altar schritten, traten ich sowie die andere Angekommene vor die Statue und knieten uns nieder. Laut rief ich den Herren an, über mich und meine Seele zu richten. Was mit der anderen geschah, weiss ich nicht, ich sah nur wie die Rabendienerin mit einem Messer ihr die Kehle aufschlitzte, konzentrierte mich dann aber ganz auf den Herrn. Der Blick der wabernden Gestalt auf dem Sockel wurde immer eindringlicher und schnürte mir fast die Luft zum Atmen ab. Doch dann vernahm ich Schritte hinter mir. Die Meisterin trat hinter mich mit ihrem Knochenspeer und rammte eine Spitze dieses Speeres durch meinen Leib. Ich spürte, wie die Spitze mein Rückrat durchbohrte und wie sie meine Bauchdecke durchstiess, begleitet von einem Schwall Blut, der meinen Leib herunterrann. Der Schmerz raubte mir die Sinne, als die Dienerin die Spitze in meinem Körper umherdrehte.

Doch dann sah ich es. Dunkelheit, die langsam von einem Grau abgelöst wurde. Eine graue Ebene, auf der ich stand. Doch unter mir war kein Boden. Es waren sich schlängelnde und wabernde Fratzen panischer Gesichter, die sich um meine Beine wanden und versuchten an mir zu zerren. Ich wurde immer tiefer heruntergezogen. Vor lauter Schmerz wandt ich mich hin und her und schrie. Dann wurde es wieder finster und als ich schon fast versunken war, blickte ich empor. Ich starrte in zwei rot glühende Augen, die mich zu umgeben schienen, riesenhaft alles bedeckend, was eigentlich der Himmel sein sollte. Die Stimme in meinem Kopf klang tief und dunkel verzerrt. Sie sagte nur zwei Worte:


DIENE MIR!

Ich riss sofort die Augen auf. Doch sah ich wieder den Raum mit der schwarzen Statue. Mein Körper schien geheilt. Zwar fühlte ich mich schwach und matt, doch die Bauchwunde war nicht mehr dort. Lediglich das Blut auf dem Boden und meinem Körper zeugten von der tödlichen Wunde. Als ich den Blick nach hinten wandte, sah ich meine Meisterin, die mir zunickte, den Knochenspeer mit der Spitze noch in der rechten Hand haltend.

Der Herr hatte mich erwählt. Er sah meine Seele, doch nahm er sie noch nicht.

Er hatte Grösseres mit mir vor.




Der Mann blickte von dem kleinen Schreibtisch, auf dem das Tagebuch lag auf und steckte die Schreibfeder ins Tintenfass. Nur eine kleine Kerze auf dem Tisch erhellte den Raum, dessen Wände von Bücherregalen flankiert wurden. Als er sich erhob und den Raum verliess, die schwere Holztüre knarrend schliessend, wurde es dunkel.
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