Teil 1: Der warme Frühlingsmorgen
Ich erinnere mich an den Tag an dem ich meinen Verstand verloren habe, genauso gut wie ein Jüngling sich an die vergangene Nacht mit einer Dirne erinnert. Und genau wie dem Burschen, der das erster Mal den warmen Hauch, den weichen Busen und das durchdringende Zittern eines weiblichen Körpers erlebt hat, ein Lächeln auf den Lippen steht, wenn er an diese Nacht zurückdenkt, kann ich mich nicht erwehren ein solches Lächeln ebenfalls zu zeigen, wenn ich an den genannten Tag denke.
Es war ein lauer Frühlingsmorgen, die Bienen summten eifrig umher, der Duft von frisch gebackenem Brot zog durch das halb geöffnete Fenster, der Bauer bestellte tüchtig und schweißgebadet seine Felder und die Farbe des Blutes auf meinem Hemd hatte so wunderbare Formen angenommen, dass ich es am liebsten eingerahmt und an die Wand gehangen hätte. Gut, dafür hätte ich einen Rahmen gebraucht und eine eigene Wand, aber ich glaube die Frau, die zu meinen Füßen lag, hätte nichts dagegen tun können, wenn ich dieses Kunstwerk einfach in ihrem Haus, indem ich mich ja befand, aufgehangen hätte. Es scheiterte schließlich an einem Nagel, denn die Stricknadel, die ich immer noch in der Hand hielt schien mir nicht geeignet zu sein, außerdem wollte ich ein kleines Andenken an diesen wunderbaren Morgen in meinem Besitz wissen.
Ich verließ also das Haus mit einen fröhlichem Lied auf den Lippen, nickte dem Bauern zu und betrat die Bäckerei, in der ich mir, nachdem ich die Bäckerin beruhigt und davon überzeugt hatte, dass das Blut auf meinem Hemd nicht von mir stammte und auch nichts schlimmes passiert war, ein Stück Brot sowie einen Krug Milch kaufte. Dieser Morgen war wirklich wunderbar.
Das Brot war noch warm und die Milch angenehm kühl und bildete so einen angenehmen Kontrast, der meinen Geschmackssinn frohlocken lies und meinen Magen entzückte.
Ich schlenderte also zurück in meine temporäre Unterkunft, in welcher sich nun der ebenfalls angenehme, metallische Geruch ausbreitete, der nun auch noch meinen Geruchssinn umschmeichelte. Jetzt schon stand fest, dass dieser Tag durch nichts mehr zu verderben war.
Außer durch diesen dreckigen, röchelnden, stinkenden Sohn eines Hundebastards! Dieses widerliche Etwas, dieses Subjekt - welches sich einen Mann schimpfte und nun blutend, urinierend und mit Kot besudelter Hose über den Boden kroch, sich dabei den faltigen Hals hielt und seine wurstigen, ekeligen, einfach nur abstoßenden Hände nach mir ausstreckte und irgendwelche unverständliche Worte stammelte, die wahrscheinlich aus der Sprache seines Hundevaters stammten – besaß tatsächlich die Dreistigkeit das Niveau dieses Tages zu senken.
Sorgfältig platzierte ich die Milch und das Brot auf dem Tisch und griff nach der Stricknadel, die ich schon gesäubert hatte! Unverschämt war dieser kriechende Bastard, denn ich musste erneut meine schöne Nadel in ihn rammen, damit er endlich zusammen mit seiner Ehefrau diesen schönen Morgen verlassen konnte und mir damit die Ruhe schenkte, die ich für mein Mahl brauchte.
Abermals wischte ich die hübsche Stricknadel an meinem Hemd ab und verstaute sie ordentlich in einem meiner Beutel, die neben diesem kleinen Andenken noch etwas Gold und einen Dolch beherbergten.
Ich setzte mich an den Tisch, welcher, neben dem Blut und den zwei Leichen, den Raum dominierte. Es war wirklich ein Wink der Götter, dass seine Platte ohne Verschmutzung geblieben ist, denn um ehrlich zu sein, die Frau hat geblutet wie ein Schwein. Unter diesen Umständen aber, konnte ich meinem Mahl ohne weitere, stinkende Unterbrechungen beenden und tatsächlich keimte wieder etwas Freude in mir auf, dass dieser Tag doch nicht so schlimm werden würde, wie er es noch vor wenigen Minuten angekündigt hatte.
Nachdem ich festgestellt hatte, das diese Familie auch noch einen Hund hatte, der nicht weniger begierig darauf war mich zu stören, nun aber zusammen mit seinem Herrchen und Frauchen einen tiefen Schlummer vollführte, öffnete ich den Schrank, welcher im Schlafzimmer, neben dem Blut und der Hundeleiche, den Raum dominierte. Ein sauberes Hemd, zwar nur aus einfachen Leinen und leider ohne hübsche Muster, war dort ebenso zu finden wie eine lockere Rückwand. Im Handumdrehen konnte ich diese Rückwand entfernen, nachdem ich den Schrank mithilfe des Hammers, der ja eigentlich dafür gedacht war das Kunstwerk an die Wand zu nageln, zerlegt und ordnungsgemäß beiseite gelegt hatte.
Ein Stein der schon seit Jahren nicht mehr bewegt wurde schien ebenso locker zu sein wie die Rückwand vorher. Ich entschied mich aber dagegen das Haus zu zerstören. Vielmehr zückte ich, diese überaus praktische Stricknadel, noch heute frage ich mich, wie ich bis dahin ohne sie auskommen konnte, und beseitigte den Staub der Jahre, sowie die letzten Brocken des Mörtels, welcher diesen Stein in der Wand hielt.
Erstaunerlicherweise war hinter diesem Stein tatsächlich ein Hohlraum, groß genug um eine kleine Statuette zu verstecken, die ich mit zitternder Hand herauslupfte. Ich starrte in das Gesicht dieser hölzernen Person oder zumindest dahin wo das Gesicht sein sollte. Denn die Statuette stellte einen Mann ohne Gesicht da, welcher eine wallende Wanderrobe trägt, dessen Kapuze bedeckte den Großteil des Kopfes. Unwillkürlich musste ich lachen, denn der Tod war in dieses Haus gekommen schon lange bevor ich die Tür geöffnet hatte.
Dieser Tag sollte wirklich einer der Besten meines bisherigen Lebens werden.