Die Sonne zog sich bereits am Horizont zurück, als sie die Straße aus frisch verlegten Steinen entlang ging. Die Schritte waren langsamer, weniger beschwingt als sonst, es lagen im Moment einfach ein paar Lasten zuviel auf den Schultern der jungen Frau. Dazu kam noch eine Menge Arbeit. Der Umzug von Varuna in die neue Stadt hatte begonnen und es gab eine Menge Papiere zu sortieren, zu ordnen und Altlasten zu vernichten. Dazu kam das Alltagsgeschäft und etliche Sonderanträge. Doch wenn Mariella ehrlich zu sich selber war, kam ihr dies gerade recht, lenkte es sie doch von den Gedanken ab, die ihr Gemüt so belasteten.
Eher gewohnheitsmäßig zog sie den kleinen goldenen Schlüssel aus der Tasche und öffnete ihren Briefkasten. Wieder einmal hatten sich einige Schreiben angesammelt und ohne groß darüber nachzudenken, griff sie nach dem Stapel und durchtrat das hohe Eisentor, das den Hauseingang von der Straße abgrenzte.
Nachdem auch die massive Eingangstüre hinter ihr zugefallen war, seufzte sie leise auf. Sie lebten noch nicht lange hier und doch war es ihr gelungen, das Haus zu einem Heim zu machen. Constance steckte mit ihrer Nase tief in den Büchern, wollte sie doch unbedingt schon rasch eine wahrhaft gut ausgebildetete Magierin sein. Mariella gönnte ihr den Erfolg von Herzen und so hatte sie es übernommen, die Möbelpacker anzuweisen. Nun hallte ihre Stimme durch das Haus, doch keine Antwort kam. Vermutlich stecke ihre Schwester wieder in der Bücherei und Ravea war mal wieder auf der Suche nach neuen Rezepten für Köstlichkeiten.
Mariella war keineswegs unglücklich darüber, ein wenig Ruhe für sich zu haben. Mit der Post in der Hand steuerte sie die Sesselecke an und ließ sich hineinsinken. Sie schloss die Augen und genoss einen Moment die Stille, die nur durch das entfernte Flackern des Kaminsfeuers durchbrochen wurde. Unweigerlich begannen die Gedanken zu schweifen. Zu Silvan, der seinen Schwestern einen kurzen, aber liebevollen Brief geschrieben hatte - und damit bei der Jüngsten Kummer auslöste. Ihr Bruder hatte sich nach Dragenfurt zurückgezogen, führte nun wieder die Geschicke des Lehens. Natürlich, dort wurde er gebraucht, vermutlich sogar mehr als hier, dennoch vermisste Mariella ihn. So glatt und hart er nach außen auch war, innerhalb der Familie gab es ein festes Band. Wieder ein leises Seufzen und die junge Frau öffnete die Augen wieder. Wenn sie an Silvan dachte, waren andere Gedanken nicht mehr fern und sie wollte sich auf keinen Fall jetzt damit befassen.
So begann sie ihre Post zu sortieren, das meiste war geschäftlicher Kram, den sie sich am nächsten Morgen in ihrer Arbeitsstube genauer ansehen würde. Ein Brief allerdings erregte dann doch ihre Aufmerksamkeit. Er trug kein Siegel und war seltsam dick. Vorsichtig schoben sich ihre Finger zwischen die überlappenden Papierränder und faltete ihn auseinander. Beinahe wäre der grüne Stein auf den Boden gekullert, hätte sie ihn nicht eher aus Reflex aufgefangen. Sie musterte ihn und war verblüfft. Ein reiner Edelstein in schimmerndem Grün. Nicht zu aufwendig geschliffen, eher von dezenter Schönheit. Rasch griff sie zu dem Schreiben und überflog die wenigen Zeilen. Wer...?
Dann hellte ein Lächeln ihre Kummermiene auf und sie atmete tief durch, als eine Welle der Erleichterung sie durchströmte. Er hatte ihr also verziehen. Hatte eingesehen, dass seine Worte zu hart und ungerecht waren. Naja, vielleicht nicht ganz. Irgendwo hatte er recht. Und schon waren ihre Gedanken bei diesem unsäglichen Streit mit Arenvir. Mangelndes Vertrauen hatte er ihr vorgeworfen und auch gleich die Sache mit Velerian angebracht. Doch sie kam gar nicht dazu, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, zu schnell war eine Salve an Vorwürfen auf die nächste gekommen. Wie also hätte sie ihm sagen sollen, dass Velerian fort war? Dass er endlich eingesehen hatte, dass ihre Wege sich trennen mussten?
Wenn sie an das letzte Treffen mit dem Spieler dachte, wurde ihr immer noch anders. Seine Taktik hatte darin bestanden, sie einzuschüchtern, ihr Angst einzujagen und er war sogar recht erfolgreich damit gewesen. Sie hatte dieses "oder eine Nacht mit dir" nicht ernst genommen. Nichtmal für eine Sekunde, sah aber in der Alternative ihn in Dienst zu nehmen, endlich die erhoffte Lösung. Sie hatte versucht, ihn mit einem fadenscheinigen Auftrag an Lameriast zu binden. Doch am Ende war die List missglückt und Velerian hatte sehr deutlich gemacht, dass ihm die andere Wahl deutlich besser gefallen würde. Wieder forderte er sie heraus, doch diesmal widerstand sie dem Kribbeln, das sie erfasst hatte. Ja, es reizte sie. Es hatte lange gedauert, bis sie dies vor sich zugeben konnte. Doch es war der Reiz des Verbotenen und der Einsatz war zu hoch. Also versuchte sie den letzten Ausweg: Flucht.
Sie begann zu laufen, auch seine Drohungen ließen sie nicht anhalten. Mariella war flink, das Fechttraining hatte sich durchaus bezahlt gemacht - doch seine Beine waren einfach länger. Es kam zu einem hitzigen Disput, bis sie irgendwann für sich erkannte, dass nur ein weiterer Tanz sie retten konnte. Also spielte sie wieder, ließ die Stimmung umschlagen und bat ihn schließlich, sie nicht wiederzusehen. Das erbetene Erinnerungsstück, einen ihrer feinen Silberarmreifen, gab sie ihm dafür nur zu gerne. Er hatte Abschied genommen und sie war in ihre Welt zurückgekehrt.
All das hatte sie Arenvir erklären wollen, doch sie kam nicht dazu. Sie waren im Streit auseinander gegangen und sich seit Tagen nicht gesehen. Doch nun war er auf sie zugekommen. Eine weitere Überraschung, nachdem der erste Versuch so gründlich daneben gegangen war. Unglaublich. Dieser hitzige Sturkopf sprang ein weiteres Mal über seinen Schatten.
Im nächsten Moment war sie schon auf den Beinen und eilte die Treppe hinauf. Er mochte die Hausfarbe an ihr, das hatte er einmal in einem Nebensatz fallen lassen. Wenn er schon so einen Schritt tat, wollte sie die Geste nicht einfach hinnehmen. Wo war noch gleich die Kette, die er ihr mit passendem Stein geschenkt hatte? "Rasch, Mari, lass ihn nicht zu lange warten", trieb sich sich selber in Gedanken an und in der Tat eilte sie schon kurze Zeit später durch die Straßen der Stadt.
Ungewöhnliche Verehrer
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Arenvir von Goldenfall
Selbst in den Zeiten des Krieges hatte man irgendwann Momente der Besinnung. Einer der bequemen Sessel im relativ ruhigen Gemeinschaftsraum der Kommandantur von Adoran bot ihm ausreichend Gelegenheit dazu. Und so entsann er sich an einen Tag, schon länger zurückliegend, einen Tag an den er sich schon lange nicht mehr erinnert hatte. Gedankenverloren zog er an seiner Pfeife und erfüllte den Raum so mit seiner für Arenvir typischen Sandelholztabaknote.
Velerian, dieser geisteskranke Taugenichts, Nervensäge höchster Güte und absolut skrupellos. Velerian, den er um ein Haar umgebracht hätte. Jemand, der auf nahezu tödlich endende Art und Weise feststellen musste, das nicht nur die freundlichen Damen und Herrn in den schwarzen Roben zu magischer Qual tendieren konnten. Er hatte nicht damit aufgehört, sich an seine Liebste heranzumachen. Arenvir hatte zwar nie ein besonders ausgeprägtes Revierverhalten an den Tag gelehnt und war so gut wie nie eifersüchtig auf irgend jemand. Aber Velerian hatte das Spiel auf eine Ebene gelenkt, die für Arenvir nur mit Tod oder Niederlage seines Widersachers enden konnte.
Und so verfolgte er Mariella zu ihrem Bestimmungsort, lauschte der Unterhaltung der beiden. Ihr Schock, offenbar feststellen zu müssen, das nicht er auf sie wartete, sondern "Er". Seine Entschlossenheit, die zu Tage trat, als Velerian sie nicht einfach gehen lassen wollte.
Und sein Lächeln, das jedem berechnenden Mörder zur Ehre gereicht hätte, als er Velerian auf das übelste zurichtete, um Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Mit gebrochenen Knochen, teilweise verbranntem Leib, blutend wie ein Schwein und bewusstlos, lag Velerian zum Schluss da. Eigentlich hätte er ihn von Rechts wegen töten sollen. Das Recht dazu hätte er gehabt, er hätte es nichtmal beugen müssen. Angriff auf eine Adlige war eine Strafe, auf die für gewöhnlich der Tod stand. Und so war es nur dem Einfluss Mariellas zu verdanken, das er für den verletzten ein Feuer entfachte und ihn liegen ließ.
Nutzte er die Chance, war starken Willens genug um sich weg zu schleppen, überlebte er. War er zu schwach oder nicht bereit dazu, so war Velerian nurmehr eine schwache Erinnerung an vergangene Tage. Ob er wohl noch lebte?
"Herr Feldwebel!", dröhnte es aus dem angrenzenden Quartier und er klopfte seine Pfeife aus, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Velerian, dieser geisteskranke Taugenichts, Nervensäge höchster Güte und absolut skrupellos. Velerian, den er um ein Haar umgebracht hätte. Jemand, der auf nahezu tödlich endende Art und Weise feststellen musste, das nicht nur die freundlichen Damen und Herrn in den schwarzen Roben zu magischer Qual tendieren konnten. Er hatte nicht damit aufgehört, sich an seine Liebste heranzumachen. Arenvir hatte zwar nie ein besonders ausgeprägtes Revierverhalten an den Tag gelehnt und war so gut wie nie eifersüchtig auf irgend jemand. Aber Velerian hatte das Spiel auf eine Ebene gelenkt, die für Arenvir nur mit Tod oder Niederlage seines Widersachers enden konnte.
Und so verfolgte er Mariella zu ihrem Bestimmungsort, lauschte der Unterhaltung der beiden. Ihr Schock, offenbar feststellen zu müssen, das nicht er auf sie wartete, sondern "Er". Seine Entschlossenheit, die zu Tage trat, als Velerian sie nicht einfach gehen lassen wollte.
Und sein Lächeln, das jedem berechnenden Mörder zur Ehre gereicht hätte, als er Velerian auf das übelste zurichtete, um Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Mit gebrochenen Knochen, teilweise verbranntem Leib, blutend wie ein Schwein und bewusstlos, lag Velerian zum Schluss da. Eigentlich hätte er ihn von Rechts wegen töten sollen. Das Recht dazu hätte er gehabt, er hätte es nichtmal beugen müssen. Angriff auf eine Adlige war eine Strafe, auf die für gewöhnlich der Tod stand. Und so war es nur dem Einfluss Mariellas zu verdanken, das er für den verletzten ein Feuer entfachte und ihn liegen ließ.
Nutzte er die Chance, war starken Willens genug um sich weg zu schleppen, überlebte er. War er zu schwach oder nicht bereit dazu, so war Velerian nurmehr eine schwache Erinnerung an vergangene Tage. Ob er wohl noch lebte?
"Herr Feldwebel!", dröhnte es aus dem angrenzenden Quartier und er klopfte seine Pfeife aus, um sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.