Alpträume.
Ich hätte dein Kind nicht retten können, Feli.
Nicht das unschuldigste Leben, was es gibt, retten können.
Verdammtes C.
Mein Wort?
Ihr seid es nicht würdig, Ritter Temoras zu sein! Lügnerin!
Sie war von ihrem auskeilenden Pferd getreten worden, zur Seite geschleudert, an den Stufen der Brücke mit dem Kopf aufgeschlagen - eine leichte Gehirnerschütterung. Im Kloster war ihr am Tage schwindelig gewesen, trotzdem ging sie abends ins Kastell. Sie hatte Rodirian de Mena sehen, nochmal mit ihm sprechen wollen.
"Rodirian Mena. Der Mensch hat mit einem Edlen nichts gemein."
Sie hätte es bleiben lassen sollen. Neue Zweifel kamen auf, Vorwürfe und Hohn raubten ihr das Denken, den Atem. "Ich hab ihm nicht wirklich mein Wort gegeben?! Ich kann mich nicht an alles, was geschah, erinnern!"
Dunkelgraue Schlieren verschwommen vor ihren Augen. Ihr war schlecht. Rothgar hatte ihre Hochgeboren von Drachenfels geholt, und gemeinsam brachten sie Darna nach draußen auf den Kastellhof. Vor der Tür auf der Bank sitzend drang alles, was um sie herum geschah, nur wie durch einen Schwamm gedämpft zu ihr.
"Nabend."
Nabend. Grüße. Eine von diesen lächerlichen Floskeln, wer war die Frau, die da gerade vorbeiging? Blau und gold nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, als die Person ins Kastellgebäude verschwand. Nabend... nein, sich über den nicht ordnungsgemäßen Gruß aufzuregen, hatte sie gerade wirklich nicht die Kraft. Würde die Ordnung in der Garde gänzlich den Bach runtergehen, wenn sie erstmal fort wäre?
"Mir wurde aufgetragen, Euch Euren Rücktritt nahezulegen. Dem habt Ihr Euch ja exzellent entzogen."
Angst...
Angst vor einer unehrenhaften Entlassung. Vor wenigen Wochen hatte sie es noch selber angeboten, als politischen Winkelzug, als Spielchen... nun hatte sie Angst davor, Angst vor dem, was nicht die Wahrheit war.
"Das ist meine Garde. Meine Jungs und Mädels. Ich hab mich immer um sie gekümmert, nach bestem Gewissen."
"Ihr braucht absolute Ruhe, Euer Hochgeboren! Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen!"
Rothgar verstand sie wenigstens, half ihr, ihre Würde zu bewahren, Hilfe annehmen zu können. Sie hasste es, "verhätschelt" zu werden. "Herrin Temora, schick mich in Schlachten, schick mich in Kriege, aber halt mir die Heiler vom Hals."
Es war nicht fair gegenüber Liliana. Doch wie sehr sie sich jetzt Nyell gewünscht hätte...
Stattdessen kam Sir Calamdor. "Oberst von Elbenau, ich erwarte dass ihr Eure Heilerin ab sofort als Eure Vorgesetzte betrachtet. Ihre Bitten sind Befehle. Verstanden?"
"Jawohl, Sire."
"Gute Nacht, Oberst. Sofort."
Ein zusätzliches leichtes Schlafmittel tat seine Wirkung. Eine Nacht Ruhe. Es tat nicht mehr seine Wirkung, als sie erneut das Neugeborene sah, eine Klinge am Hals, ein Schnitt, tot, und sie war schuld...
Sie riß sich aus dem Schlaf, und starrte Adrian irritiert an. Warum stand er vor ihr? Wo war sie? Felis Stimme, sie rief nach Adrian, und sie kannte den Tonfall, inzwischen war es fast egal, wer etwas sagte, sie hörte, wenn etwas nicht stimmte, wann es irgendwo "brannte".
"Einen Moment, ich bin gleich zurück."
"Ja natürlich. Das sag ich auch immer." Sie zog ihre Stiefel an und wanderte hinterher. Und kaum stand sie im Flur, wurde sie von Adrian abgeschoben, zumindest konnte man die sanfte Gewalt, mit der er sie zurück Richtung Quartiere dirigierte, problemlos so deuten.
Die beiden gingen... zum Kastell. Irgendwas war im Kastell. Ihrem Kastell. Hatte dieser Schuft sich umgebracht? Hatte ihn doch noch jemand zu Tode geprügelt? Sie wies die Mauerwachen an, im Auge zu behalten, was im Kastell passierte. NOCH war sie Oberst. NOCH war das ihre Stadt - verdammt noch eins, das ging nicht an, daß in Bezug auf die Garde und den Grafen etwas vorging, das sie nicht wusste!
Liliana kehrte von einem Patientenbesuch zurück und sah wieder nach ihr. Treue Seele. Womit konnte man sie bitte wegschicken?
Und dann... fing es an. Es sollte wohl einer dieser seltsamen Tage sein, wo man Katastrophen zum Antreten und Durchzählen beordern konnte. Der Gardist berichtete ihr gerade noch, was im Kastell vorgefallen war, als Adrian zurückkehrte...
Und die Basiskatastrophe bestand darin, daß de Mena geflohen war. Irgendwo in ihrem Verstand hakte was aus. "Ausgebrochen", wiederholte sie, als hätte sie sich vielleicht ja verhört. Tausend Alternativen rasten durch ihren Kopf, der sich in neuen Kopfschmerzen erging und ihr gerade das Nachdenken schwer machen wollte.
"Ich bin gefeuert. Ausgebrochen. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet er - ausgebrochen." Ihr Blick starrte geradeaus vor sich hin.
"Es kann gut sein, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, Rothgar und ihre Hochgeboren haben mich, nachdem ich nochmal im Zellentrakt war, aus dem Besprechungssaal heraus nach draußen und dann zum Schloß gebracht."
Sie konnte jetzt nicht weg. Das konnte so nicht stehen bleiben. Das war unverzeihlich, das war ihre Garde! Ausgebrochen...
"Wann war das?"
"Das war... bereits nach Mitternacht, erste oder zweite Stunde."
"Wer hatte Dienst?"
Im Kastell. Das alte Problem, wie schon damals beim Ausbruch der Templer Alatars... ob wieder Umhänge fehlten, die Zellentüren nicht aufgebrochen, sondern aufgeschlossen waren...? Es hätte Alarm geben müssen. Man hatte den Zutritt kurz zuvor beschränkt gehabt.
"Lass prüfen, ob die Türen gewaltsam aufgebrochen wurden, und wenn nicht, gibt es eine Person, von der ich nichts Gutes mehr denke, wenn sie dann zu dieser Zeit im Kastellgebäude war."
"Ich war eben im Kerker, das hätte ich gesehen, Darna!"
Aufgeschlossen. Wieder ein Verräter in der Garde. Oder... der nächste Gedanke jagte ihr blanke Angst ein: "Immernoch...?"
"Kadettin Lynette de Bourgo stand bei dem Entkommen der Alatar-Templer bereits einmal in dringendem Verdacht, und der unvoreingenommenen Gerechtigkeit halber muß ich Adrian Greif dazu erwähnen, doch von dem glaube ich persönlich das nicht."
"De Bourgo - sehr interessant, ein anderes Mitglied dieser Familie war noch bei ihm. Langsam hinterfrage ich eher die Familie."
"Auf Larius lasse ich nichts kommen, aber Fräulein Lynette hat sich bislang als nichts als unzuverlässig, frech und von zweifelhafter Loyalität erwiesen."
Adrian nickte knapp, eine hand zur faust geballt.
"Prüfe sie, und wenn sie ihre Unschuld nicht im Mindesten beweisen kann, wirf sie raus."
"Wir können uns das nicht mehr leisten. Die demontieren mir die Garde. Verdammtes Verräter-Pack, das ist meine Garde!"
"Sonst noch jemand, den du in Betracht ziehst?"
"Nein, wobei ich von den neuesten Kadetten schon nicht mehr sagen kann, daß ich sie kenne."
"Gütige, was, wenn ich irre?"
"Gut, ich werde die Anweisungen ausweiten."
"Was, wenn wir die Falschen treffen? Vor dieser Frage standen wir schon mal... Und ich hab versagt. Es ist wieder passiert. Sie haben wieder gewonnen - vor meinen Augen."
Mit ausdrucksloser Miene und nur schwer erkennbarem Bedauern zog sie den Ring vom Finger und ließ ihn leicht geworfen über die Decke rollen. "Das war's dann also." Ihre Stimme tonlos. Es gab dazu auch nichts zu fühlen, was sie hätte fühlen dürfen, ohne weinerlich zusammenzubrechen. Es gab dazu nichts zu fühlen, außer diesem entsetzlichen Kopfschmerz, das Blut, das durch ihren Schädel hämmerte.
"Steck ihn wieder an ich habe dich noch nicht entlassen!"
Er deutet auf ein Kästchen, das er auf ihre Bettdecke stellte.
"Ein Geschenk einer gewissen Trutta Solma, es sollte an dich gehen."
Ausgerechnet jetzt... sie senkte den Kopf. "Nicht heulen."
"Ruh dich bitte noch aus, selbst in dieser Situation." Sie fühlte seine Hand unter ihrem Kinn und konnte nur schwer seinem Blick begegnen - er war zu lieb.
"Ich hoffe, du bist selber wenigstens so weit genesen, sicher auf einem Bein stehen zu können? Nimm meine Dienstwaffe mit und lass sie Thancred in der Mitte ansägen, dann bricht sie leichter."
"So nicht, Darna. Ich weiss, wie sehr du auf unehrenhafte Entlassung aus bist, aber den Wunsch erfülle ich dir nicht, du hast Pech."
Sie legte den Ring auf ihr Nachtschränkchen, während draußen darüber verhandelt wurde, ob sie noch ein Schlafmittel brauchte oder nicht. Sie kannte ihre Pappenheimer, wenn sie nicht hierblieb, würde man sie eher an den Bettpfosten festnageln, als sie weg zu lassen. Man sollte Gefangene nicht ins Kastell sperren, man sollte sie krank machen und den unerbittlichen Heilern überlassen!
Liliana trat wieder ein.
Liliana! Sie konnte sich bewegen, sie war jetzt gerade da, sie kannte Rothgar, sie war der einzig verfügbare Kontakt, den sie gerade noch benutzen konnte! Sie musste recherchieren lassen, was gestern los war, Verdächtige ausmachen, und Liliana würde ihr dabei helfen!
"Ich geb euch etwas, das euch einschlafen lässt, ansonsten wird das ja doch nichts."
"Es wird gefährlich, wenn Heiler anfangen, dich zu kennen. Tu so, als wärst du lieb und würdest gehorchen!"
"Ihr könntet mir eine Frage beantworten, Euer Hochgeboren..."
"Sicher, fragt nur, aber danach wird geschlafen."
"Ja ja."
"Gestern Nacht im Kastellhof ging, als Ihr mich versorgt habt, an uns eine Person vorbei ins Kastellgebäude, in Uniform, und hat kurz und nicht ordnungsgemäß gegrüßt, eine weibliche Stimme...
Wer war das? Hat Rothgar sie genauer gesehen? Entweder er weiß das, oder die anwesenden Wachen der Schicht haben das zu rekapitulieren."
Liliana nickte: "Ja, ich hab mich auch sehr gewundert, und ich denke, Rothgar hat sie auch gesehen. Ich fand ihr Verhalten sehr merkwürdig.. und weiß auch, wer es war."
"Wer?"
"Sag nicht 'Lynette'. Lass mich nicht monatelang..."
"Sie wird sicher Schwierigkeiten bekommen deswegen, nicht wahr?"
"Wer?" - Darnas Stimme gewann einen zwingenderen Klang.
"Sag es, oder ich... nein, nicht drohen. Warte es einfach ab. Sie muß es dir sagen."
"Standpauken wegen nicht ordnungsgemäßem Grüßen sind kein Einzelfall, Hochgeboren von Drachenfels..."
"Lass es nur das sein. Bitte, lass es nur das sein. Das wird bei jedem der Fall sein, außer bei Lynette. Das wäre bei jedem anderen nur ein Witz, nur nicht bei..."
"Nun ihr werdet es ja doch erfahren.. ob nun von mir oder Rothgar oder den anderen Gardisten... auch wenn ich es nur ungern tue..."
"Ja, ich werde das herausfinden."
"Es war Lynette. Lynette de Borgo."
Einen Moment blieb die Zeit stehen. Einen Moment lang lebte sie nicht mehr. Einen Moment lang war alles tot. Dann erscholl ein Ruf, mit dem Rouven Alestras Erbe angetreten wurde:
"AADRIAAAAAAN!"
"Bitte, beruhigt Euch doch."
"ADRIAN!"
"Ihr braucht jetzt Ruhe..."
"DIESE...", Darna schäumte vor Wut.
Draußen auf dem Flur Hektik:
Adrian - "Wer um alles in der Welt schreit hier so herum?"
Rafael - "DARNA... Die Stimme ist unverkennbar!"
Felicitas - "Hört sich nach Darna an - das Organ kenne ich."
Waffen wurden gezogen. Der Vorhang wurde beiseite gerissen.
"Beruhigt Euch doch bitte..." - Liliana stand nun völlig hilflos neben dem Bett, als Adrian hereinstürmte.
"Was ist hier los?"
"ADRIAN, verdammt nochmal!" Sie starrte ihm mit gefletschten Zähnen entgegen. Lilianas Hand fasste ihr Handgelenk, suchte den Puls - der sprang sie schon regelrecht an, um sie auch zu beißen. Ihr Blut raste durch den Körper, das Gesicht zorngerötet.
"Ich BETE für sie mit dem letzten Rest Menschlichkeit, daß sie ihre Koffer gepackt und aus der Stadt raus ist!", bellte sie überlaut.
Rafael erholte sich von einem halben Herzinfarkt. "Darna, tu das nie wieder!"
"Für wen?"
"Was um alles in der Welt ist hier los?"
Fieberhaft gab Liliana einige Tropfen in ein Glas Wasser und hielt es Darna vor die Lippen - mit unwirscher Geste wischte sie die Hand beiseite.
"Das WAR Lynette de Bourgo, die gestern Nacht noch an uns vorbei ins Kastellgebäude gegangen ist! Ich ...."
"...bring sie um! Nein, ich bring sie nicht um! Ich lasse sie umbringen! Panther und Dämonen nochmal, ich tret sie, daß sie auf Fuachtero ankommt! Ich prügel diese Rotzgöre windelweich!"
Liliana inzwischen mit panischem Gesichtsausdruck, während sie Darna anstarrte. Sie würde ihr gleich umkippen, explodieren, einen riesen Krater hinterlassend, oder einfach an Hirnschlag sterben.
"ich... wenn sie DAS...", sie brachte nicht mehr als hilflos knurrenden Zorn heraus, der Blick rotverschleiert.
"Lynette de Bourgo?"
"Was...?"
"HÄNG SIE AUF, WENN SIE DAS WAR!", brüllte Darna wütend.
"Sie braucht nun wirklich Ruhe."
"Warum sagst du das erst jetzt?"
Ein verbaler Schlag ins Gesicht. Götterverflucht... "ICH WAR MIR NICHT SICHER!" Hilflosigkeit, die über sie hinwegschwappte. Rafael rauschte hinaus: "Hudgarr! Mitkommen!
Ich lasse sie FESTNEHMEN!!!! Mehr nicht! Ich kruemme ihr kein Haar. Nicht solange bis ihr die Schlinge um den Hals gelegt wird."
Was hatte sie losgetreten?
"Herrin Temora, GÖTTER IM HIMMEL, lasst mich nicht irren! ..."
"Ich muß jetzt darauf bestehen, daß Ihr das trinkt!"
"... Aber sonst löse ICH den Halteknoten am GALGEN, VERFLUCHT NOCHMAL!"
Wieder dieses Glas vor den Lippen. Sie hätte es lieber gerade an die Wand geschmissen, statt sonst irgendwas. Wieso war vor ihr nur ein Vorhang, verdammt?!
"Trink, wir kümmern uns darum."
Als sie erneut das Glas beiseite wischen wollte, zitterte der ganze Arm.
"Darna! Muß ich dich erst zwingen? Trink jetzt!"
"Adrian... lass nicht zu, daß mir das die Garde zerfetzt... meine Garde...", presste sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
"Wir schneiden faules Fleisch heraus, nicht mehr als das! Trinkt das jetzt aus, das ist ein Befehl!"
Sie hätte inzwischen nicht einmal mehr trinken können, wenn sie gewollt hätte, Liliana musste ihr zu mehreren Schlucken das Glas ansetzen.
"Keinen... oh bitte nicht... Adrian, wir dürfen nicht..."
"Still, trink."
"...wir dürfen nicht ungerecht werden. Himmel, vielleicht war sie es nicht, aber..."
"Ich war nie ungerecht!" Adrians Augen funkelten auf.
Nein, war er nicht. War er doch nicht. Zorn und Kraft wichen, machten einer lähmenden Leere Platz, in die das Schlafmittel griff. Worte, die zunehmend nur noch wie fernes Rauschen klangen:
"Also ich kann für nichts garantieren.. statt Ruhe die sie braucht, gabs nur Aufregung, und das ist gar nicht gut bei einer schweren Gehirnerschütterung."
Schwer? Sie hatte doch nur eine Beule am Kopf. Gedanke, die kaum mehr zu greifen waren.
"Ich will nicht, daß meinetwegen Unschuldige... leiden... aber auch nicht, daß... Schuldige... diese... Bastarde...", ihre Stimme erstarb in einem unverständlichen Lallen.
Ruhiger war es geworden, das Schlafmittel täuschte den Frieden vor, mit dem sie auf dem Bett lag, als der Vorhang später leise beiseite gezogen wurde, die blauen Augen des Grafen sie musterten, das ungeöffnete Kästchen sahen. Er stellte es auf das Nachtschränkchen, nahm den Siegelring der Garde und drehte ihn nachdenklich, während sich auf dem wie üblich gut polierten Rangabzeichen an der Uniformweste das Kerzenlicht in den Sternen und Streifen brach.
Als er ihre Hand nahm, war diese kühl und verschwitzt. Mühelos glitt der Ring an den Platz, wo er so oft und lange gewesen war.
"Du wirst es schon zu deuten wissen, wenn du wach wirst", sagte er leise und zog sich in die Kaminecke zurück, um bei einem Buch zu warten.
Garde - Ende mit Schrecken?
-
Darna von Hohenfels
lange, lange nach jenen Tagen, am 13.Eisbruch 252...
Cold Case - Kein Täter ist je vergessen
Es schien wieder einer jener Lehrabende zu werden, von denen sie langsam glaubte, daß sie nur im Kloster überhaupt möglich waren. Auch wenn sie es nach wie vor nur zähneknirschend hinnahm, hier als "Reserve" zu dienen, sich abgeschoben vorkommend, links und rechts nach Informationen haschend, um sie an Nevyn weiterzuleiten. Aber dann sollte man eben das Beste draus machen.
In eine sie selber schon fast verwirrende Erklärung über faktische Wahrheit, und wie weit Menschen oder Götter diese zu erfassen vermochten, verstrickt, wunderte es sie nicht, als es klingelte - sie hatte sich eher schon gewundert, so lange bei Gesprächen nicht gestört worden zu sein.
Als sie die Tore öffnete, stand vor den Toren eine junge blonde Frau im Ornat der Bruderschaft. "Lynette..!", fuhr ihr im ersten Moment durch den Sinn. Nein. Nein, konnte nicht sein. Völlig unmöglich. Sie starrte die Person an.
"Den Segen der tugendhaften Lichtbringerin", grüßte diese und deutete eine Verneigung an, "Ich habe eine Mitteilung von Sire Silberhand an Sire Lefar, ist dieser zugegen?"
Nein, das war nicht die Stimme. Das war nicht dieses flappsige Gemaule und "Nabend", an das sie sich zu erinnern meinte. Das passte doch alles nicht. Sie registrierte kaum, daß die Frau bei einer Anfrage nach Farion wohl ganz eindeutig nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge war. Zahnräder, die sie eingerostet geglaubt hatte, klickten weiter: Verdacht widerlegen oder festigen.
"Dürfte ich... erfahren, wer diese Nachricht überbringen möchte...?" Skeptisch zog sie dabei den Kopf zurück. Es konnte ja auch nicht sein, daß Lynette sich nicht an sie erinnerte. Sie müsste anders reagieren.
"Lynette de Bourgo."
Etwas sackte in ihr wie ein Eisklumpen nach unten.
Hufgetrappel näherte sich - binnen jener Augenblicke der Starre kam Nevyn zum Kloster, band sein Pferd fest und grüßte sie. Sie starrte weiter Lynette an.
"Ihr wagt es...?", waren die ersten verstehbaren Worte, die ihr über die Lippen kamen, und ein fauchendes Grollen legte sich in ihre Stimme.
"Ich will Euch dann mal nicht weiter stören...", meinte Nevyn und versuchte sich unauffällig an ihr vorbeizumogeln. Ihr Blick huschte kurz zu ihm. Ooh nein! "Du schnappst dir jetzt nicht Lynette und verkrümelst dich. Weißt du überhaupt, was los ist, ist dir das klar? Mit der werd ich ein Hühnchen rupfen..."
"Dieses Weibsbild hat sich etwa bei Euch eingeschlichen, Milord?"
Nevyn hielt inne. "Weibsbild?", echote er verwundert, "Eingeschlichen?"
"Bitte was?", hörte sie von Lynette.
"Du spielst hier jetzt nicht die Ahnungslose, nicht vor mir, Mädchen, ich weiß was du damals im Winter getan hast..."
"Diese Deserteurin...", knurrte sie.
"Äh...", Lynette verstummte.
Nevyn hob eine Braue. "Bitte? Wie war das?"
"Oh ja! Ich weiß, wovon ich rede!" Einen kurzen Moment kroch Angst in ihr hoch, daß man sie wieder für halb schwachsinnig hielt, weil sie schwanger war.
"Seid Ihr sicher, daß Ihr Schwester Lynette nicht verwechselt?"
"Glaubt Ihr allen Ernstes, de Bourgo, ich hätte vergessen, was Ihr in der Garde... meiner Garde alles angestellt habt und welcher Anklagen Ihr Euch seit halben Ewigkeiten durch Eure Flucht entzogen habt?", ihre Stimme wurde lauter, "Und OB ich mir sicher bin!"
Lynette blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen. Was mochte sie gerade denken?
"Lady Darna...Schwester Lynette dient nun schon eine Weile in der Bruderschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ohne triftigen Grund ihre Pflichten vernachlässigen würde."
"Ach, aber ich nehme an, sie hat Euch nicht berichtet, daß sie fahnenflüchtig wurde, als sie unter dringlichsten Verdacht geriet, nicht nur eine Templerin des Panthers und zweien Spießgesellen durch Verrat an der Garde zur Flucht verholfen zu haben, sondern wahrscheinlich auch noch dem Reichsverräter und gefangenen Rodirian de Mena, welcher sich kurz nach seiner Flucht als Offizier Rahals zu erkennen gab, Kleidung der Garde ausgehändigt und ihm die Türen des Kastells geöffnet zu haben?" - sie musste sich zunehmend beherrschen, daß man ihre Worte nicht vom Kloster bis zum OdT hätte hören können. Leah war hinzugetreten und warnte besorgt leise:
"Milady...denkt an euren...euer...Kind..."
"Einen Augenblick", wandte Nevyn derweil ein, "Ihr sprecht von bloßen Vermutungen, oder?"
"Von Kindereien, wie Sir Cathal im DIENST! während eines Gefangenenaustausches mit Schneebällen zu bewerfen, ja noch völlig abgesehen!", ereiferte sie sich weiter. Nevyn hustete kurz in die vorgehaltene Hand, um ein Lachen zu kaschieren, doch Darna fand es überhaupt nicht witzig - nie in ihrer Militärlaufbahn war sie durch ihre Leute so blamiert worden. Für Leah reichte der Tonfall ihrer Stimme als Warnung, um wieder etwas nach hinten zu gehen. Ihre Paladina war auch noch nicht fertig:
"Und diese Vermutungen waren erhärtet genug, daß ich Euch gerne noch den alten Haftbefehl raussuchen lassen kann!"
"Das wird nicht nötig sein", beschied Nevyn nun. Lynette stand noch immer wie angewurzelt. "Ich bin sicher, Schwester Lynette wird uns die Sache gerne erklären. Drinnen. In Ruhe. Bis dahin genießt sie mein Vertrauen, wie auch schon vorher, als sie mir in der Schlacht den Rücken freihielt. Und im Zweifel...übernehme ich auch die Verantwortung für sie."
"Gebe die Herrin, daß dieser wirre Kindskopf von damals ein Einsehen hatte - von den Vorwürfen entlastet sie das nicht!"
Darna trat hinter Lynette, die Rechte sogar um den Schwertgriff gelegt, ganz als stünde da wieder die Oberst und wolle sie abführen. Lynette sah zu Nevyn. "Seid froh, daß Ihr einen Leumund habt...", hörte sie Darna hinter sich knurren.
"Lynette, kommt herein, ich würde gerne erfahren, wovon Lady Darna da spricht..."
"Wehe, du lügst, wehe du wagst es, in deiner alten Dreistigkeit auch noch was herumzulügen, ich schäl dir die Farben, die du trägst, vom Leib..." Im Miltärschritt marschierte sie hinter ihnen her zum Speisesaal.
Nein, sie wollte nicht sitzen. Leah stellte sich schräg jenes kleine Stück vor sie, das reichte um bemerken zu lassen, daß sie bereit war, sich dazwischen zu werfen. Um Lynette vor ihr zu schützen? Ja, die hier stehende Person musste immernoch aussehen, als könne in einem nächsten unbedachten Moment Lynette durch das Schwert den Kopf verlieren, fiele nur ein falsches Wort. "Ein paar Ohrfeigen hätte sie verdient, links, rechts..." Sie wusste es immer noch nicht. Jahrelang kochender Ärger, wenn sie an diese Zeit dachte, gnädigerweise war es irgendwann eine alte Erinnerung geworden, derer man einfach nur noch selten gedachte. Doch nie, nie hatte sie es herausgefunden, Lynette war entwischt, und sie konnte nicht einmal felsenfest sagen, daß sie es deswegen war, denn diesem dummen dreisten Ding war auch zuzutrauen, daß es blanke Furcht schon vor dem Verdacht gewesen war. Und dann stand sie da einfach vor der Klostertür und fragte nach Nevyn...
"Nun.... alles was Euch, Sire, von der Gräfin berichtet wurde, ist wahr."
Alles.
Wahr.
Alles.
Ihr drohte trotz allem angesichts dieser schlichten Worte, die so einfach einen so derartig tiefen Stachel aus ihrem Fleisch zogen, der Kiefer herunterzuklappen, die Augen weiteten sich, als könne sie es nicht glauben, ehe in das Gesicht der Grimm zurückkehrte. Um nichts in der Welt hätte sie nun den Eindruck erwecken wollen, sie hätte ihre eigene Anklage eigentlich nicht geglaubt. "Die ganze Zeit hast du uns belogen, verraten, vorgeführt..."
"Nur eins möchte ich noch hinzufügen."
"Ich bitte darum." Wie konnte Nevyn so ruhig bleiben?
"Er ist ja nicht der, der verar..", sie verbiss sich selbst in Gedanken das Wort, "...wurde."
Lynette sah zu ihr. "Mit Verlaub... aber vielleicht ist es Euch ja entgangen, aber ich wurde bereits dazu verurteilt. Ausgepeitscht, eingekerkert und ins Exil geschickt."
Entgangen? Dieser Prozeß wäre ihr nicht entgangen. Sie vermeinte sich nicht mal zu erinnern, daß man ihrer habhaft geworden wäre. "Denn dann hätte ich sie an den Ohren vor Adrian geschleift, und vorher einmal quer durch die Stadt, und dann dem Richter zum Fraß vorgeworfen. Das war MEINE Garde! Und ich hab sie ordentlich geführt, bis auf dich insubordinatorisches Miststück!" Nein, sie konnte Lynette nicht ruhig ansehen, doch etwas flackerte im Blick. Da saß nicht Lynette vor ihr. Das war ein Spiegelbild, eine völlig andere Person, ruhig trotz dieser Vorwürfe, nicht ein einziges Widerwort, aufrecht sitzend, daß Darna sich wünschte, so hätte Lynette mal in der Garde gesessen. Doch sie hatte es nicht geschafft, ihr die ganzen Flausen auszutreiben, im Gegenteil... trotz erster Verdachtsmomente hatte sie sie in der Garde gelassen, und eher war es diese samt ihrer Oberst gewesen, die auch deswegen dem Kronrat zum Fraß vorgeworfen werde. Kronritter Calamdors Worte damals, nach dem hier, nach Andrey, nach dem Debakel von Lameriast: "Ich hätte Euch solch strategisches Geschick nicht zugetraut, von Elbenau. Ich habe vom Kronrat Anweisung, Euch Euren Rücktritt nahezulegen. Doch wie ich sehe, habt Ihr Euch dem bereits entzogen."
Sie hatte sogar damit gespielt, es selber als politischen Winkelzug angeboten, und doch schnürte es ihr die Luft ab. Selbst heute, so weit entfernt, als Paladin, war das geistige Bild von einer zerbrechenden Klinge über dem Knie einer blau-goldenen Rüstung, sie davor stehend, ein Schreckensbild.
Es war so lange her, und da saß nun dieses Gespenst der Vergangenheit in weiß-rot vor ihr. Ein Trugbild. "Ich hatte lange Zeit, über meine Fehler nachzudenken. Ich... glaubt mir, denn ich sage dies jetzt vor den Augen der Herrin, daß ich ein anderer Mensch geworden bin. Ich habe mich den Streitern angeschlossen, um ins reine mit mir selbst zu kommen und Buße zu tun." Sie sah zu Nevyn, merklich war er ihr Anker die ganze Zeit, ihr Fixierpunkt, ihr Vorgesetzter. "Es tut mir leid, Sire... demütigst." Damit verstummte sie wieder.
"Was hab ich nur falsch gemacht, das nicht früher bei ihr erreicht zu haben?"
Nevyn nickte leicht.
"Und damit ist das für dich schon abgehandelt, nicht wahr?" Es war nicht einmal ein Vorwurf. Eine bittere Feststellung, sie wusste es. Von Viola, von Greif, von Andrey selber... eher schlug sie vor den Kopf, wie leicht scheinbar der sonst so unbarmherzige Jäger aller rahalischen Sympathisanten und Helfer nun Lynette Absolution erteilte, auch wenn es dazu kein Wort von ihm brauchte, um das klar zu machen. "Verurteil du mir nochmal Selissa, nur weil sie aus Rahal kommt..." Ein gefährlicheres Gift sickerte in ihre Gedanken, ließ sie abschätzig klingen: "Oder bist du nur bereit, für sie einzustehen, sie reinzuwaschen, weil sie in deiner Bruderschaft ist...?"
Sollte sie schon ihre Zähne von Lynettes Bein lösen? Nein, so schnell nicht, auch wenn ihr nicht mehr nach Blut dabei dürstete. Da waren noch Sachen offen, und ums Verrecken hätte sie nicht wieder Jahre offener Wunden hinnehmen wollen.
"Wann, wo und durch wen soll diese Verhandlung stattgefunden haben? Ich weiß von Eurer Flucht und der Eurer Schwester, und ich will mich wundern, wenn Sire Rafael mehr von einer solchen Verhandlung wüsste als ich." Ja, da saß der nächste Stachel des Zweifels, auch wenn sie es irgendwie nicht mehr fertig brachte, Lynette nicht zu glauben, aber irgendwo war da ein Haken dran. Hatte diese verfluchte Kopfverletzung damals sie irgendwas nicht mitkriegen oder vergessen lassen? Konnte sie sich auf ihre Erinnerungen nicht mehr verlassen? Ein widerlicher Zweifel, immer wieder.
"Ich selber weiß die Namen nicht mehr... nur war es ein Ritter, der mich peitschte." Ein Ritter. Die nächste Empörung über Lynettes Worte hätte aufschäumen mögen, doch Lynette fuhr gleich fort: "Mein Cousin Cedric Devan und mein Bruder Larius von Bourgo können es bezeugen." Damit ein Ritter als Zeuge. Familienmitglied. Egal, ihm würde das egal sein. Lynette war merklich das schwarze Schaf der Familie gewesen.
Aber wichtiger und verläßlicher würde für Darna gerade sein, was Rafael zu all dem wusste.
"Ich bin sicher, für Euer Schicksal, de Bourgo, interessiert sich auch der Vater des Kindes, das direkt nach seiner Geburt einen Dolch an der Kehle haben durfte."
"Hum? Was meint Ihr? Ich verstehe nicht."
Darnas Blick wurde wieder kälter. "Erzählt mir nicht, Ihr wisst nicht einmal, für was de Mena angeklagt war..."
Lynette schaffte es, völlig ernst zu bleiben, ansonsten hätte man ihre Worte nur für ein Verschaukeln halten können: "Nun jetzt wo Ihr es sagt.... ich weiss es durchaus wirklich nicht."
Sie würgte das wütende Aufgrollen ab, dennoch hatte Leah allen Grund, wieder leise zu mahnen: "Milady...denkt an eure Gesundheit."
"Dieser Kerl, der sich für einen Edlen ausgab, erschlich sich über Monate als Leibwächter das Vertrauen der Familie Arganta... und direkt nach der Geburt nahm er das Neugeborene in seine Gewalt, hielt ihm ein Messer an die Kehle, wollte es mit nach Rahal nehmen und Sire Rafael damit erpressen."
"Arganta...bei der Herrin, Lady Darna...", wandte Nevyn nun ein, "Fast jeder zweite auf Gerimor will Sir Rafael ans Leder und die andere Hälfte wünscht sich nur einen Moment ohne entsprechende Probleme..."
"Und dann..." - Darna war bereits wieder voll in Fahrt und ereiferte sich weiter, "kommt dieser Kerl schon inhaftiert und auf seine Verurteilung wartend frei, weil ihm jemand aus der Garde... ihm Gardekleidung gibt und die Türen aufschließt!"
"Nun.. davon wusste ich nichts, er war ein guter Freund der Familie zum damaligen Zeitpunkt."
Sie wurde bleich. Freund der Familie. DAS war ja ein Argument. "Der rahaler Gardeleutnant de Mena wird Euch dafür sicher auch sehr dankbar gewesen sein", erwiderte sie kalt, "Und 'Freund der Familie' gibt Euch zu SO einem Handeln das Recht?! Wohl kaum!" Leah stieß zischend die Luft aus. Wie um himmels willen bekäme man diesen tobenden Dämon hier gestoppt? Die Paladin stand derartig unter Druck und angespannt, daß ein Zittern der Muskeln an Beinen und den verkrampften Händen zu beobachten war.
"Sire, ich glaube Milady benötigt einen Heiler....wenn Ihr erlaubt hole ich einen."
"Sie halten mich schon wieder für nicht zurechnungsfähig und als könnte ich mich nicht beherrschen." Sie hätte platzen können vor Wut, doch sie kannte ihren eigenen eisernen Griff, mit dem sie sich hielt, und der saß fest und sicher. "Nein, ich explodier hier nicht und beiß ihr doch noch den Kopf ab. Und schon gar nicht hier im Kloster. Was denken die eigentlich von mir?"
"Natürlich", entgegnete Nevyn stattdessen gleich.
"Brauch ich nicht", knurrte Darna zurück.
"Dann setzt Euch jetzt gefälligst."
Doch weiter stand Darna stocksteif vor der Tür, fixierte Lynette eisig und zeigte bei den folgenden Worten gar direkt mit dem Finger auf sie, eine Geste, die so gut wie nie zu beobachten war und einer sich auf ihr Opfer ausrichtenden offenen Kanonenrohrmündung gleichkam. "Ich will wissen, ob Sire Rafael von dieser Verhandlung und dem Urteil weiß, oder ich verspreche hier auf diesem Boden, daß ich diese Frau, egal ob reuig oder nicht, vor ihn schaffen werde."
"Ihr werdet sie ganz gewiss nicht vor Sir Rafael schleifen", bestimmte Nevyn.
"Ihr solltet an die Waage der Gerechtigkeit denken, Milady", wagte Leah zögernd einzuwenden.
"Und was glaubt ihr, was ich hier tue und verlange?", dachte Darna sauer. "Ich habe meine Bedingungen genannt."
"Der Sire hat in solcherlei Sachen keine Befugnisse...und das ist gut so."
"Und ich erwarte in jenem Fall kein Urteil des Sires, sondern daß diese Frau diese Angelegenheit auch vor ihm endlich bereinigt." Sie wurde wirklich sauer. "Was denkt ihr eigentlich von mir?!"
"Seid ihr schon einmal auf den Gedanken gekommen, daß vielleicht falsch ausgelegte Tugenden für das Verhalten von Schwester Lynette verantwortlich waren?"
Und das von NEVYN?! Sie platzte gleich. Lynette hielt es endlich nicht mehr auf dem Stuhl. "Hinsetzen, Lynette", hörte man den Patriarchen erneut. Und sie setzte sich: "Ich hatte nichts Böses im Sinn."
Darna kochte. Und langsam wurde ihr klar, daß sie aufgrund dieser Wut drohte, hier die Glaubwürdigkeit ihrer Position und Forderung zu verspielen.
Nevyn meinte, seine Predigt noch weiterführen zu müssen: "Zum einem, daß es vielleicht falsch verstandenes Mitgefühl war, was sie dazu bewog, den Verbrecher freizulassen? Weil sie sich einem Freund der Familie verpflichtet fühlte?"
Als wär ihr das nicht klar. Genauso klar wie der Fehler daran.
Im gleichen Moment Lynette, ruhig, besonnen: "Ich lasse mich von der Gräfin nicht erzürnen, denn dies ist der Pfad zur dunklen Seite."
Gräfin. Gräfin... Als wär das wichtiger, oder gar alles, als wär sie nicht selber Paladin. Als wär sie gerade ein dunkles Objekt, ein Lethar der hier die Herzen vergiften wollte... Sie hätte komplett an die Decke gehen mögen, gleichzeitig griff Entsetzen:
"Was um der Götter willen sehen die hier in mir?" Sie fühlte sich gerade, als würde sie in zwei Teile gespalten und sähe dem einen Part als Außenstehende ohnmächtig zu, wollte einen Blick auf sich selber werfen und vermochte es kaum. "Steh ich hier wie ein wütender Imp auf und ab springend oder was?" Die Haltung vermochte sich kaum mehr zu versteifen. Eisige Ruhe folgte in der Stimme:
"Ihr wisst selber, was Ihr da redet, Milord... Und sorgt Euch nicht, ich weiß um der Herrin Fähigkeit der Vergebung und habe selber schon womöglich gar schrecklicheren Verbrechen vergeben, also danke der Belehrung." Kurz drohte der Zorn schon wieder zurückzukehren, auf Nevyn fixiert. "Was erlaubst du dir hier eigentlich, den gütigen weisen Mann zu spielen?" Sie atmete durch, kämpfte es nieder.
Nevyn nickte. "Ihr versteht, worauf ich hinauswill, gut."
"Ich will, daß diese Angelegenheit auch für den Sire endlich vom Tisch kommt, nicht mehr, nicht weniger", stellte sie klipp und klar fest, konnte sich jedoch ätzenden Zynismus, der folgte, nicht verbeißen: "Ich bin nämlich... 'ein Freund seiner Familie'."
"Ich weiss nicht, ob ich Euch deshalb beglückwnschen soll oder mein Beileid aussprechen...", erwiderte Nevyn ironisch.
"Ich zerfetz dich gleich." Hätte sie tatsächlich selber mit sich körperlich gerungen, sie hätte sich gerade mit einem Klammergriff am Boden halten und sich auf sich selber draufsetzen müssen. Wie sie überhaupt noch klare Worte artikulieren konnte, wusste sie gar nicht mehr - ein Teil von ihr funktionierte nur noch, wie üblich. "Sein Schicksal lehrte mich wenigstens Umsicht für mein eigenes Kind."
"Begreifst du Widerling eigentlich gerade, was das alles bedeutet? MIR werden sie das Kind nicht nach der Geburt wegnehmen, das schwör ich dir." Sie knallte es ihm ins Gesicht, doch erntete lediglich ein: "Dann werdet ihr Euer Kind nicht alleine in den Sümpfen umherirren lassen? Das freut mich zu hören."
"Ich töte dich.
Nicht drauf einsteigen. Was immer da vorfiel, nicht drauf einsteigen. Du drehst ihm nicht den Hals um. Rückzug, raus, oder du platzt."
"Ich gebe euch eine Woche, dann will ich von seiner Erlaucht entsprechende Nachricht hören können. Und was Ihr persönlich vom Kronritter haltet, Milord, interessiert mich mit Verlaub dabei gerade einen feuchten Kehricht." Sie legte die Hand an den Türgriff. Wie sie überhaupt gerade zu dieser verbalen Untertreibung des Jahres imstande gewesen war, wusste sie nicht. Aber sie wusste, würde Nevyn nochmal die Umsorgung eines Kindes oder irgendwessen Kompetenz dabei anzweifeln, würde sie es darauf anlegen, seine Zähne über den Boden zu verteilen.
Sie hörte seine Stimme in ihrem Rücken: "Aber ehe Ihr jetzt einen dramatischen Abgang hinlegt...ich habe noch etwas für Euch."
Sie hielt inne. Er traute sich, es auf ein "Ich bin mit dir noch nicht fertig" anzulegen. Mit dem nächsten langsamen Ausatmen wurde der zuvor niedergerungene Part in ihr zur Tür rausgeworfen, diese zugeknallt, der Schlüssel umgedreht und sich mit dem Rücken gegen die Tür gestemmt, während es dahinter tobte und brüllte. Langsam drehte sie sich zu Nevyn um. Im Moment war er sicher. Und auf der Gewinnerseite, wie sie mit einem ätzenden Geschmack im Rachen feststellen musste. Vielleicht konnte sie Boden wieder gutmachen... wobei... hier, jetzt... nein.
"Weswegen ich eigentlich hergekommen bin..." - sie blendete aus, dabei den Eindruck zu gewinnen, als wäre ihm das alles hier gerade eben nur eine lästige kleine Verzögerung gewesen. Er reichte ihr ein eingewickeltes Päckchen. "Mein neuestes Werk..." Ein Traktat also oder dergleichen. "Vielleicht hilft es, die Stunden im Kloster etwas zu verkürzen. Ehe ihr wieder in die Schlacht ziehen könnt."
Sie weigerte sich, diesen neuen Hieb in die Magengrube schmerzen zu lassen, die Wut über das Gefühl, durch die Schwangerschaft aufs Abstellgleis befördert zu sein, wurde mit aus der Tür geworfen und diese sofort wieder zugeklappt. Sie sah Nevyn gefühllos an. Und ebenso klang ihre Antwort: "Mit Sicherheit interessant, studiert zu werden." Er lächelte liebenswürdig falsch, sie ließ sich auf sein Spiel eines noch harmlosen Palavers nach dem hier ein: "Ihr erhieltet meinen Brief?"
"Ja...ich muss mich noch mit seiner Eminenz besprechen, wie er sich das weitere Vorgehen vorstellt. Zumindest lehnt er Verhandlungen ab, der Herrin sei Dank."
Gut, doch irgendwie mussten sie Farion freikriegen, verdammt. Rahal in Schutt und Asche legen und ihn heil aus den Trümmern ausbuddeln, war der sehnlichste Wunsch. "Ein Gespräch, dem ich mehr als gerne beiwohnen würde. Die persönlichen Kontakte sind... dürftig." Sie hörte sich selber zu und schüttelte innerlich entfremdet den Kopf.
"Ich werde das Gespräch hier im Kloster abhalten", kündete Nevyn an. Auch seine Stimme klang irgendwie entfernt. "Ihr solltet also ohne Probleme teilnehmen können."
"Als wär ich schon fett und bewegungsunfähig..." Kurz mahlte ihr Kiefer, hinter ihr bog sich die Tür, als noch mehr hinter Schloß und Riegel geschoben wurde. Wusste Nevyn eigentlich gerade, was er tat?
"Seine Eminenz hat mich übrigens als Befehlshaber der kirchlichen Streitkräfte bestätigt."
"Gut." Sie verbot sich gerade alles, was an Dunklem nach ihr griff. Auch Neid darüber. "Eine Tatsache, und längst gegeben. Und er genauso kompetent. Nimms hin."
"Natürlich werde ich Euch so oft es geht zu rate ziehen, immerhin seid ihr nur ausser Gefecht, nicht aus der Welt."
Selbst Leah hob nun die Brauen. Darna hörte in ihrem Kopf, wie das Holz der Tür splitterte und zog noch eine Wand hoch, von der sie wusste, daß sie nur wenige Minuten halten würde.
"Es reicht, Milord. Bitte, mich zurückziehen zu dürfen." Uralte Mechanismen griffen, trotzdem tat es weh, von ihm auch wie ein Knappe entlassen zu werden: "Gewährt. Ihren Segen mit Euch, Lady Darna." Aber sie wusste nicht mehr zu sagen, ob irgendwas an all dem von ihm noch Böswilligkeit war oder von ihr nur so verstanden wurde. Es spielte auch keine Rolle mehr, denn es bedrohte sie wie ihn, egal wie es war.
Sie kam an der Bibliothek vorbei, steuerte auf ihr Zimmer zu, wie von einem Faden gezogen bog sie dann jedoch ab, wissend, daß auf dem Fleckchen Rasen dahinter eine Rettung stand.
Als Leah wenige Augenblicke später folgte, machte sie das Geräusch eines dumpfen Aufpralls auf Darnas Aufenthaltsort aufmerksam. Ihre Knappin sah, wie die getroffene Strohpuppe in einem weiten Bogen gerade zurückschwang und in exakt dem Moment von Darnas Faust erneut begrüßt wurde, wo die gegenbremsende und zurückschleudernde Wucht am größten war. Die Fingerrücken röteten sich fast sofort unter der Reibung des groben Stoffes und der Härte im Schlag. Der Blusenärmel war nur mit einem knappen Ruck hochgeschoben. Ein weiterer Hieb folgte, der bei einem Kinnhaken wohl Kieferbruch bedeutet hätte.
"Im Stopfen von Strohpuppen bin ich noch nicht bewandert...", wandte Leah ein als sie fürchtete, die Puppe würde gleich vom Gerüst abfallen. Ein kurzes grolliges Ausschnaufen folgte zunächst nur als Antwort, und auch die Linke wurde der wilden Pendelbewegung einmal mit präziser Zerstörungswut entgegengerammt.
"Ausgepeitscht", echote sie knurrend, "Eine Stunde mit dem Kopf in den Schnee stecken hätte man sie sollen."
"Und das wäre dann gerecht gewesen?", hörte sie Leah hinter sich, schon fast zu ruhig ihre Worte.
"Will dir einen Spiegel vorhalten. Süß. Einen zweiten? Und wieder... was denkst du eigentlich von mir? Erst wähnst du mich in Rahal... Oder ist das jetzt nur ein Test?"
"Die soll froh sein, daß ich sie damals nicht in die Finger bekam...", ein weiterer Hieb, doch bremste er die weitschwingende Bewegung der malträtierten Strohpuppe nun ab. "Und nein, niemals hätte ich mir angemaßt, über sie zu richten, wäre es nicht der Herrin Wille selber gewesen wie damals Sarel..." Ihre Stimme klang kehlig rauh, als hätte sie Stunden herumgebrüllt, "Mein war die Anklage."
Eine müde Feststellung. Ihr so selbstverständlich, bei aller Erbarmungslosigkeit und Wut, die dahinter gelegen hatten. Doch das war nicht jedem offenkundig gewesen. Niemandem dort, und just im Moment war es das, was ihr weh tat, doch nun Traurigkeit statt Zorn verursachte. Es blieb nur gerade alles taub in ihr. "...siehst sie nur von außenwärts. Du siehst die Weste, nicht das Herz."
Sie hielt die Puppe an der linken Schulter nun fest, das gestopfte Ding vibrierte unter dem Zittern ihres Armes. "Ich verstehe nicht, wie die Panthersknechte ewig diesem Zustand hinterherhecheln können...", erklärte sie matt, "Vielleicht, weil man sich sonst danach so leer fühlt. Aber es muß raus. Das ist Gift." Sie wurde leiser. "Niemals an Lebenden rauslassen. Ziehe niemals deine Klinge im Zorn. Niemals, nie nie nie." Sie wollte es Leah sagen, aber sie hatte nicht die Kraft dazu, fürchtete sich, erklären zu müssen, was sie gerade nur einfach wusste. Fürchtete, selber großspurig etwas zu erklären, was Leah bereits selbstverständlich war. War es das? Hatte je Wut sie derart bearbeitet, umschlungen, bis man alles nur noch hinter einem roten Nebel sah? Auch die Kraft, zu fragen, hatte sie nicht.
"Es gehört zu jedem von uns...und so wie der Sire mit euch sprach, kann ich es nur allzugut nachvollziehen."
Sie hatte sich nicht getäuscht darin, sich über Nevyn schließlich aufzuregen? "Irgendwann landet der auch mal auf dem Boden." Sie ließ die Puppe schaudernd los, wandte sich um, schüttelte den rechten Arm und die Hand aus.
"Ich soll wirklich nach keinem Heiler suchen?", fragte Leah gedämpft.
"Viola hätte sich die Hand wieder an einem Schrank gebrochen. Was ein Irrsinn, sich selbst dabei zu verletzen, sie scheint das zu brauchen, lenkt die Wut in Schmerz auf sich statt besser auf die Matratze und da einfach draufzuschlagen..."
"Nein, ich will mich hinlegen. Vermutlich kein Wunder, wenn ich mich jetzt müde fühle."
"Natürlich Milady." Leah neigte tief den Kopf, als sie vorbeiging. "Was ist das jetzt für Respekt, Beschwichtigung? Oder Respekt nur, wenn ich ruhig bin? 'Nicht ernst nehmen, wenn sie tobt'? Oder doch jetzt gemerkt, daß ich weder dort im Speisesaal unzurechnungsfähig war noch bin? Ich bin Paladin, verdammt. Ich bin erwachsen." Sie atmete aus, einen Lidschlag herrschten Stille und Leere in ihr, während Leah ihr eine ruhige und traumlose Nacht wünschte, eine andere fast resignierende Feststellung: "Aber ich muß es mir wohl immer nochmal neu erarbeiten. Immer, immer wieder."
"Ich frage mich gerade, welche Ventile Ihr für Wut verwendet, aber...", sie schüttelte müde den Kopf und betrat den Kreuzgang zu ihrer beider Zimmer, hörte das leise
"Das wollt Ihr lieber nicht wissen..."
nicht mehr.
Cold Case - Kein Täter ist je vergessen
Es schien wieder einer jener Lehrabende zu werden, von denen sie langsam glaubte, daß sie nur im Kloster überhaupt möglich waren. Auch wenn sie es nach wie vor nur zähneknirschend hinnahm, hier als "Reserve" zu dienen, sich abgeschoben vorkommend, links und rechts nach Informationen haschend, um sie an Nevyn weiterzuleiten. Aber dann sollte man eben das Beste draus machen.
In eine sie selber schon fast verwirrende Erklärung über faktische Wahrheit, und wie weit Menschen oder Götter diese zu erfassen vermochten, verstrickt, wunderte es sie nicht, als es klingelte - sie hatte sich eher schon gewundert, so lange bei Gesprächen nicht gestört worden zu sein.
Als sie die Tore öffnete, stand vor den Toren eine junge blonde Frau im Ornat der Bruderschaft. "Lynette..!", fuhr ihr im ersten Moment durch den Sinn. Nein. Nein, konnte nicht sein. Völlig unmöglich. Sie starrte die Person an.
"Den Segen der tugendhaften Lichtbringerin", grüßte diese und deutete eine Verneigung an, "Ich habe eine Mitteilung von Sire Silberhand an Sire Lefar, ist dieser zugegen?"
Nein, das war nicht die Stimme. Das war nicht dieses flappsige Gemaule und "Nabend", an das sie sich zu erinnern meinte. Das passte doch alles nicht. Sie registrierte kaum, daß die Frau bei einer Anfrage nach Farion wohl ganz eindeutig nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge war. Zahnräder, die sie eingerostet geglaubt hatte, klickten weiter: Verdacht widerlegen oder festigen.
"Dürfte ich... erfahren, wer diese Nachricht überbringen möchte...?" Skeptisch zog sie dabei den Kopf zurück. Es konnte ja auch nicht sein, daß Lynette sich nicht an sie erinnerte. Sie müsste anders reagieren.
"Lynette de Bourgo."
Etwas sackte in ihr wie ein Eisklumpen nach unten.
Hufgetrappel näherte sich - binnen jener Augenblicke der Starre kam Nevyn zum Kloster, band sein Pferd fest und grüßte sie. Sie starrte weiter Lynette an.
"Ihr wagt es...?", waren die ersten verstehbaren Worte, die ihr über die Lippen kamen, und ein fauchendes Grollen legte sich in ihre Stimme.
"Ich will Euch dann mal nicht weiter stören...", meinte Nevyn und versuchte sich unauffällig an ihr vorbeizumogeln. Ihr Blick huschte kurz zu ihm. Ooh nein! "Du schnappst dir jetzt nicht Lynette und verkrümelst dich. Weißt du überhaupt, was los ist, ist dir das klar? Mit der werd ich ein Hühnchen rupfen..."
"Dieses Weibsbild hat sich etwa bei Euch eingeschlichen, Milord?"
Nevyn hielt inne. "Weibsbild?", echote er verwundert, "Eingeschlichen?"
"Bitte was?", hörte sie von Lynette.
"Du spielst hier jetzt nicht die Ahnungslose, nicht vor mir, Mädchen, ich weiß was du damals im Winter getan hast..."
"Diese Deserteurin...", knurrte sie.
"Äh...", Lynette verstummte.
Nevyn hob eine Braue. "Bitte? Wie war das?"
"Oh ja! Ich weiß, wovon ich rede!" Einen kurzen Moment kroch Angst in ihr hoch, daß man sie wieder für halb schwachsinnig hielt, weil sie schwanger war.
"Seid Ihr sicher, daß Ihr Schwester Lynette nicht verwechselt?"
"Glaubt Ihr allen Ernstes, de Bourgo, ich hätte vergessen, was Ihr in der Garde... meiner Garde alles angestellt habt und welcher Anklagen Ihr Euch seit halben Ewigkeiten durch Eure Flucht entzogen habt?", ihre Stimme wurde lauter, "Und OB ich mir sicher bin!"
Lynette blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen. Was mochte sie gerade denken?
"Lady Darna...Schwester Lynette dient nun schon eine Weile in der Bruderschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ohne triftigen Grund ihre Pflichten vernachlässigen würde."
"Ach, aber ich nehme an, sie hat Euch nicht berichtet, daß sie fahnenflüchtig wurde, als sie unter dringlichsten Verdacht geriet, nicht nur eine Templerin des Panthers und zweien Spießgesellen durch Verrat an der Garde zur Flucht verholfen zu haben, sondern wahrscheinlich auch noch dem Reichsverräter und gefangenen Rodirian de Mena, welcher sich kurz nach seiner Flucht als Offizier Rahals zu erkennen gab, Kleidung der Garde ausgehändigt und ihm die Türen des Kastells geöffnet zu haben?" - sie musste sich zunehmend beherrschen, daß man ihre Worte nicht vom Kloster bis zum OdT hätte hören können. Leah war hinzugetreten und warnte besorgt leise:
"Milady...denkt an euren...euer...Kind..."
"Einen Augenblick", wandte Nevyn derweil ein, "Ihr sprecht von bloßen Vermutungen, oder?"
"Von Kindereien, wie Sir Cathal im DIENST! während eines Gefangenenaustausches mit Schneebällen zu bewerfen, ja noch völlig abgesehen!", ereiferte sie sich weiter. Nevyn hustete kurz in die vorgehaltene Hand, um ein Lachen zu kaschieren, doch Darna fand es überhaupt nicht witzig - nie in ihrer Militärlaufbahn war sie durch ihre Leute so blamiert worden. Für Leah reichte der Tonfall ihrer Stimme als Warnung, um wieder etwas nach hinten zu gehen. Ihre Paladina war auch noch nicht fertig:
"Und diese Vermutungen waren erhärtet genug, daß ich Euch gerne noch den alten Haftbefehl raussuchen lassen kann!"
"Das wird nicht nötig sein", beschied Nevyn nun. Lynette stand noch immer wie angewurzelt. "Ich bin sicher, Schwester Lynette wird uns die Sache gerne erklären. Drinnen. In Ruhe. Bis dahin genießt sie mein Vertrauen, wie auch schon vorher, als sie mir in der Schlacht den Rücken freihielt. Und im Zweifel...übernehme ich auch die Verantwortung für sie."
"Gebe die Herrin, daß dieser wirre Kindskopf von damals ein Einsehen hatte - von den Vorwürfen entlastet sie das nicht!"
Darna trat hinter Lynette, die Rechte sogar um den Schwertgriff gelegt, ganz als stünde da wieder die Oberst und wolle sie abführen. Lynette sah zu Nevyn. "Seid froh, daß Ihr einen Leumund habt...", hörte sie Darna hinter sich knurren.
"Lynette, kommt herein, ich würde gerne erfahren, wovon Lady Darna da spricht..."
"Wehe, du lügst, wehe du wagst es, in deiner alten Dreistigkeit auch noch was herumzulügen, ich schäl dir die Farben, die du trägst, vom Leib..." Im Miltärschritt marschierte sie hinter ihnen her zum Speisesaal.
Nein, sie wollte nicht sitzen. Leah stellte sich schräg jenes kleine Stück vor sie, das reichte um bemerken zu lassen, daß sie bereit war, sich dazwischen zu werfen. Um Lynette vor ihr zu schützen? Ja, die hier stehende Person musste immernoch aussehen, als könne in einem nächsten unbedachten Moment Lynette durch das Schwert den Kopf verlieren, fiele nur ein falsches Wort. "Ein paar Ohrfeigen hätte sie verdient, links, rechts..." Sie wusste es immer noch nicht. Jahrelang kochender Ärger, wenn sie an diese Zeit dachte, gnädigerweise war es irgendwann eine alte Erinnerung geworden, derer man einfach nur noch selten gedachte. Doch nie, nie hatte sie es herausgefunden, Lynette war entwischt, und sie konnte nicht einmal felsenfest sagen, daß sie es deswegen war, denn diesem dummen dreisten Ding war auch zuzutrauen, daß es blanke Furcht schon vor dem Verdacht gewesen war. Und dann stand sie da einfach vor der Klostertür und fragte nach Nevyn...
"Nun.... alles was Euch, Sire, von der Gräfin berichtet wurde, ist wahr."
Alles.
Wahr.
Alles.
Ihr drohte trotz allem angesichts dieser schlichten Worte, die so einfach einen so derartig tiefen Stachel aus ihrem Fleisch zogen, der Kiefer herunterzuklappen, die Augen weiteten sich, als könne sie es nicht glauben, ehe in das Gesicht der Grimm zurückkehrte. Um nichts in der Welt hätte sie nun den Eindruck erwecken wollen, sie hätte ihre eigene Anklage eigentlich nicht geglaubt. "Die ganze Zeit hast du uns belogen, verraten, vorgeführt..."
"Nur eins möchte ich noch hinzufügen."
"Ich bitte darum." Wie konnte Nevyn so ruhig bleiben?
"Er ist ja nicht der, der verar..", sie verbiss sich selbst in Gedanken das Wort, "...wurde."
Lynette sah zu ihr. "Mit Verlaub... aber vielleicht ist es Euch ja entgangen, aber ich wurde bereits dazu verurteilt. Ausgepeitscht, eingekerkert und ins Exil geschickt."
Entgangen? Dieser Prozeß wäre ihr nicht entgangen. Sie vermeinte sich nicht mal zu erinnern, daß man ihrer habhaft geworden wäre. "Denn dann hätte ich sie an den Ohren vor Adrian geschleift, und vorher einmal quer durch die Stadt, und dann dem Richter zum Fraß vorgeworfen. Das war MEINE Garde! Und ich hab sie ordentlich geführt, bis auf dich insubordinatorisches Miststück!" Nein, sie konnte Lynette nicht ruhig ansehen, doch etwas flackerte im Blick. Da saß nicht Lynette vor ihr. Das war ein Spiegelbild, eine völlig andere Person, ruhig trotz dieser Vorwürfe, nicht ein einziges Widerwort, aufrecht sitzend, daß Darna sich wünschte, so hätte Lynette mal in der Garde gesessen. Doch sie hatte es nicht geschafft, ihr die ganzen Flausen auszutreiben, im Gegenteil... trotz erster Verdachtsmomente hatte sie sie in der Garde gelassen, und eher war es diese samt ihrer Oberst gewesen, die auch deswegen dem Kronrat zum Fraß vorgeworfen werde. Kronritter Calamdors Worte damals, nach dem hier, nach Andrey, nach dem Debakel von Lameriast: "Ich hätte Euch solch strategisches Geschick nicht zugetraut, von Elbenau. Ich habe vom Kronrat Anweisung, Euch Euren Rücktritt nahezulegen. Doch wie ich sehe, habt Ihr Euch dem bereits entzogen."
Sie hatte sogar damit gespielt, es selber als politischen Winkelzug angeboten, und doch schnürte es ihr die Luft ab. Selbst heute, so weit entfernt, als Paladin, war das geistige Bild von einer zerbrechenden Klinge über dem Knie einer blau-goldenen Rüstung, sie davor stehend, ein Schreckensbild.
Es war so lange her, und da saß nun dieses Gespenst der Vergangenheit in weiß-rot vor ihr. Ein Trugbild. "Ich hatte lange Zeit, über meine Fehler nachzudenken. Ich... glaubt mir, denn ich sage dies jetzt vor den Augen der Herrin, daß ich ein anderer Mensch geworden bin. Ich habe mich den Streitern angeschlossen, um ins reine mit mir selbst zu kommen und Buße zu tun." Sie sah zu Nevyn, merklich war er ihr Anker die ganze Zeit, ihr Fixierpunkt, ihr Vorgesetzter. "Es tut mir leid, Sire... demütigst." Damit verstummte sie wieder.
"Was hab ich nur falsch gemacht, das nicht früher bei ihr erreicht zu haben?"
Nevyn nickte leicht.
"Und damit ist das für dich schon abgehandelt, nicht wahr?" Es war nicht einmal ein Vorwurf. Eine bittere Feststellung, sie wusste es. Von Viola, von Greif, von Andrey selber... eher schlug sie vor den Kopf, wie leicht scheinbar der sonst so unbarmherzige Jäger aller rahalischen Sympathisanten und Helfer nun Lynette Absolution erteilte, auch wenn es dazu kein Wort von ihm brauchte, um das klar zu machen. "Verurteil du mir nochmal Selissa, nur weil sie aus Rahal kommt..." Ein gefährlicheres Gift sickerte in ihre Gedanken, ließ sie abschätzig klingen: "Oder bist du nur bereit, für sie einzustehen, sie reinzuwaschen, weil sie in deiner Bruderschaft ist...?"
Sollte sie schon ihre Zähne von Lynettes Bein lösen? Nein, so schnell nicht, auch wenn ihr nicht mehr nach Blut dabei dürstete. Da waren noch Sachen offen, und ums Verrecken hätte sie nicht wieder Jahre offener Wunden hinnehmen wollen.
"Wann, wo und durch wen soll diese Verhandlung stattgefunden haben? Ich weiß von Eurer Flucht und der Eurer Schwester, und ich will mich wundern, wenn Sire Rafael mehr von einer solchen Verhandlung wüsste als ich." Ja, da saß der nächste Stachel des Zweifels, auch wenn sie es irgendwie nicht mehr fertig brachte, Lynette nicht zu glauben, aber irgendwo war da ein Haken dran. Hatte diese verfluchte Kopfverletzung damals sie irgendwas nicht mitkriegen oder vergessen lassen? Konnte sie sich auf ihre Erinnerungen nicht mehr verlassen? Ein widerlicher Zweifel, immer wieder.
"Ich selber weiß die Namen nicht mehr... nur war es ein Ritter, der mich peitschte." Ein Ritter. Die nächste Empörung über Lynettes Worte hätte aufschäumen mögen, doch Lynette fuhr gleich fort: "Mein Cousin Cedric Devan und mein Bruder Larius von Bourgo können es bezeugen." Damit ein Ritter als Zeuge. Familienmitglied. Egal, ihm würde das egal sein. Lynette war merklich das schwarze Schaf der Familie gewesen.
Aber wichtiger und verläßlicher würde für Darna gerade sein, was Rafael zu all dem wusste.
"Ich bin sicher, für Euer Schicksal, de Bourgo, interessiert sich auch der Vater des Kindes, das direkt nach seiner Geburt einen Dolch an der Kehle haben durfte."
"Hum? Was meint Ihr? Ich verstehe nicht."
Darnas Blick wurde wieder kälter. "Erzählt mir nicht, Ihr wisst nicht einmal, für was de Mena angeklagt war..."
Lynette schaffte es, völlig ernst zu bleiben, ansonsten hätte man ihre Worte nur für ein Verschaukeln halten können: "Nun jetzt wo Ihr es sagt.... ich weiss es durchaus wirklich nicht."
Sie würgte das wütende Aufgrollen ab, dennoch hatte Leah allen Grund, wieder leise zu mahnen: "Milady...denkt an eure Gesundheit."
"Dieser Kerl, der sich für einen Edlen ausgab, erschlich sich über Monate als Leibwächter das Vertrauen der Familie Arganta... und direkt nach der Geburt nahm er das Neugeborene in seine Gewalt, hielt ihm ein Messer an die Kehle, wollte es mit nach Rahal nehmen und Sire Rafael damit erpressen."
"Arganta...bei der Herrin, Lady Darna...", wandte Nevyn nun ein, "Fast jeder zweite auf Gerimor will Sir Rafael ans Leder und die andere Hälfte wünscht sich nur einen Moment ohne entsprechende Probleme..."
"Und dann..." - Darna war bereits wieder voll in Fahrt und ereiferte sich weiter, "kommt dieser Kerl schon inhaftiert und auf seine Verurteilung wartend frei, weil ihm jemand aus der Garde... ihm Gardekleidung gibt und die Türen aufschließt!"
"Nun.. davon wusste ich nichts, er war ein guter Freund der Familie zum damaligen Zeitpunkt."
Sie wurde bleich. Freund der Familie. DAS war ja ein Argument. "Der rahaler Gardeleutnant de Mena wird Euch dafür sicher auch sehr dankbar gewesen sein", erwiderte sie kalt, "Und 'Freund der Familie' gibt Euch zu SO einem Handeln das Recht?! Wohl kaum!" Leah stieß zischend die Luft aus. Wie um himmels willen bekäme man diesen tobenden Dämon hier gestoppt? Die Paladin stand derartig unter Druck und angespannt, daß ein Zittern der Muskeln an Beinen und den verkrampften Händen zu beobachten war.
"Sire, ich glaube Milady benötigt einen Heiler....wenn Ihr erlaubt hole ich einen."
"Sie halten mich schon wieder für nicht zurechnungsfähig und als könnte ich mich nicht beherrschen." Sie hätte platzen können vor Wut, doch sie kannte ihren eigenen eisernen Griff, mit dem sie sich hielt, und der saß fest und sicher. "Nein, ich explodier hier nicht und beiß ihr doch noch den Kopf ab. Und schon gar nicht hier im Kloster. Was denken die eigentlich von mir?"
"Natürlich", entgegnete Nevyn stattdessen gleich.
"Brauch ich nicht", knurrte Darna zurück.
"Dann setzt Euch jetzt gefälligst."
Doch weiter stand Darna stocksteif vor der Tür, fixierte Lynette eisig und zeigte bei den folgenden Worten gar direkt mit dem Finger auf sie, eine Geste, die so gut wie nie zu beobachten war und einer sich auf ihr Opfer ausrichtenden offenen Kanonenrohrmündung gleichkam. "Ich will wissen, ob Sire Rafael von dieser Verhandlung und dem Urteil weiß, oder ich verspreche hier auf diesem Boden, daß ich diese Frau, egal ob reuig oder nicht, vor ihn schaffen werde."
"Ihr werdet sie ganz gewiss nicht vor Sir Rafael schleifen", bestimmte Nevyn.
"Ihr solltet an die Waage der Gerechtigkeit denken, Milady", wagte Leah zögernd einzuwenden.
"Und was glaubt ihr, was ich hier tue und verlange?", dachte Darna sauer. "Ich habe meine Bedingungen genannt."
"Der Sire hat in solcherlei Sachen keine Befugnisse...und das ist gut so."
"Und ich erwarte in jenem Fall kein Urteil des Sires, sondern daß diese Frau diese Angelegenheit auch vor ihm endlich bereinigt." Sie wurde wirklich sauer. "Was denkt ihr eigentlich von mir?!"
"Seid ihr schon einmal auf den Gedanken gekommen, daß vielleicht falsch ausgelegte Tugenden für das Verhalten von Schwester Lynette verantwortlich waren?"
Und das von NEVYN?! Sie platzte gleich. Lynette hielt es endlich nicht mehr auf dem Stuhl. "Hinsetzen, Lynette", hörte man den Patriarchen erneut. Und sie setzte sich: "Ich hatte nichts Böses im Sinn."
Darna kochte. Und langsam wurde ihr klar, daß sie aufgrund dieser Wut drohte, hier die Glaubwürdigkeit ihrer Position und Forderung zu verspielen.
Nevyn meinte, seine Predigt noch weiterführen zu müssen: "Zum einem, daß es vielleicht falsch verstandenes Mitgefühl war, was sie dazu bewog, den Verbrecher freizulassen? Weil sie sich einem Freund der Familie verpflichtet fühlte?"
Als wär ihr das nicht klar. Genauso klar wie der Fehler daran.
Im gleichen Moment Lynette, ruhig, besonnen: "Ich lasse mich von der Gräfin nicht erzürnen, denn dies ist der Pfad zur dunklen Seite."
Gräfin. Gräfin... Als wär das wichtiger, oder gar alles, als wär sie nicht selber Paladin. Als wär sie gerade ein dunkles Objekt, ein Lethar der hier die Herzen vergiften wollte... Sie hätte komplett an die Decke gehen mögen, gleichzeitig griff Entsetzen:
"Was um der Götter willen sehen die hier in mir?" Sie fühlte sich gerade, als würde sie in zwei Teile gespalten und sähe dem einen Part als Außenstehende ohnmächtig zu, wollte einen Blick auf sich selber werfen und vermochte es kaum. "Steh ich hier wie ein wütender Imp auf und ab springend oder was?" Die Haltung vermochte sich kaum mehr zu versteifen. Eisige Ruhe folgte in der Stimme:
"Ihr wisst selber, was Ihr da redet, Milord... Und sorgt Euch nicht, ich weiß um der Herrin Fähigkeit der Vergebung und habe selber schon womöglich gar schrecklicheren Verbrechen vergeben, also danke der Belehrung." Kurz drohte der Zorn schon wieder zurückzukehren, auf Nevyn fixiert. "Was erlaubst du dir hier eigentlich, den gütigen weisen Mann zu spielen?" Sie atmete durch, kämpfte es nieder.
Nevyn nickte. "Ihr versteht, worauf ich hinauswill, gut."
"Ich will, daß diese Angelegenheit auch für den Sire endlich vom Tisch kommt, nicht mehr, nicht weniger", stellte sie klipp und klar fest, konnte sich jedoch ätzenden Zynismus, der folgte, nicht verbeißen: "Ich bin nämlich... 'ein Freund seiner Familie'."
"Ich weiss nicht, ob ich Euch deshalb beglückwnschen soll oder mein Beileid aussprechen...", erwiderte Nevyn ironisch.
"Ich zerfetz dich gleich." Hätte sie tatsächlich selber mit sich körperlich gerungen, sie hätte sich gerade mit einem Klammergriff am Boden halten und sich auf sich selber draufsetzen müssen. Wie sie überhaupt noch klare Worte artikulieren konnte, wusste sie gar nicht mehr - ein Teil von ihr funktionierte nur noch, wie üblich. "Sein Schicksal lehrte mich wenigstens Umsicht für mein eigenes Kind."
"Begreifst du Widerling eigentlich gerade, was das alles bedeutet? MIR werden sie das Kind nicht nach der Geburt wegnehmen, das schwör ich dir." Sie knallte es ihm ins Gesicht, doch erntete lediglich ein: "Dann werdet ihr Euer Kind nicht alleine in den Sümpfen umherirren lassen? Das freut mich zu hören."
"Ich töte dich.
Nicht drauf einsteigen. Was immer da vorfiel, nicht drauf einsteigen. Du drehst ihm nicht den Hals um. Rückzug, raus, oder du platzt."
"Ich gebe euch eine Woche, dann will ich von seiner Erlaucht entsprechende Nachricht hören können. Und was Ihr persönlich vom Kronritter haltet, Milord, interessiert mich mit Verlaub dabei gerade einen feuchten Kehricht." Sie legte die Hand an den Türgriff. Wie sie überhaupt gerade zu dieser verbalen Untertreibung des Jahres imstande gewesen war, wusste sie nicht. Aber sie wusste, würde Nevyn nochmal die Umsorgung eines Kindes oder irgendwessen Kompetenz dabei anzweifeln, würde sie es darauf anlegen, seine Zähne über den Boden zu verteilen.
Sie hörte seine Stimme in ihrem Rücken: "Aber ehe Ihr jetzt einen dramatischen Abgang hinlegt...ich habe noch etwas für Euch."
Sie hielt inne. Er traute sich, es auf ein "Ich bin mit dir noch nicht fertig" anzulegen. Mit dem nächsten langsamen Ausatmen wurde der zuvor niedergerungene Part in ihr zur Tür rausgeworfen, diese zugeknallt, der Schlüssel umgedreht und sich mit dem Rücken gegen die Tür gestemmt, während es dahinter tobte und brüllte. Langsam drehte sie sich zu Nevyn um. Im Moment war er sicher. Und auf der Gewinnerseite, wie sie mit einem ätzenden Geschmack im Rachen feststellen musste. Vielleicht konnte sie Boden wieder gutmachen... wobei... hier, jetzt... nein.
"Weswegen ich eigentlich hergekommen bin..." - sie blendete aus, dabei den Eindruck zu gewinnen, als wäre ihm das alles hier gerade eben nur eine lästige kleine Verzögerung gewesen. Er reichte ihr ein eingewickeltes Päckchen. "Mein neuestes Werk..." Ein Traktat also oder dergleichen. "Vielleicht hilft es, die Stunden im Kloster etwas zu verkürzen. Ehe ihr wieder in die Schlacht ziehen könnt."
Sie weigerte sich, diesen neuen Hieb in die Magengrube schmerzen zu lassen, die Wut über das Gefühl, durch die Schwangerschaft aufs Abstellgleis befördert zu sein, wurde mit aus der Tür geworfen und diese sofort wieder zugeklappt. Sie sah Nevyn gefühllos an. Und ebenso klang ihre Antwort: "Mit Sicherheit interessant, studiert zu werden." Er lächelte liebenswürdig falsch, sie ließ sich auf sein Spiel eines noch harmlosen Palavers nach dem hier ein: "Ihr erhieltet meinen Brief?"
"Ja...ich muss mich noch mit seiner Eminenz besprechen, wie er sich das weitere Vorgehen vorstellt. Zumindest lehnt er Verhandlungen ab, der Herrin sei Dank."
Gut, doch irgendwie mussten sie Farion freikriegen, verdammt. Rahal in Schutt und Asche legen und ihn heil aus den Trümmern ausbuddeln, war der sehnlichste Wunsch. "Ein Gespräch, dem ich mehr als gerne beiwohnen würde. Die persönlichen Kontakte sind... dürftig." Sie hörte sich selber zu und schüttelte innerlich entfremdet den Kopf.
"Ich werde das Gespräch hier im Kloster abhalten", kündete Nevyn an. Auch seine Stimme klang irgendwie entfernt. "Ihr solltet also ohne Probleme teilnehmen können."
"Als wär ich schon fett und bewegungsunfähig..." Kurz mahlte ihr Kiefer, hinter ihr bog sich die Tür, als noch mehr hinter Schloß und Riegel geschoben wurde. Wusste Nevyn eigentlich gerade, was er tat?
"Seine Eminenz hat mich übrigens als Befehlshaber der kirchlichen Streitkräfte bestätigt."
"Gut." Sie verbot sich gerade alles, was an Dunklem nach ihr griff. Auch Neid darüber. "Eine Tatsache, und längst gegeben. Und er genauso kompetent. Nimms hin."
"Natürlich werde ich Euch so oft es geht zu rate ziehen, immerhin seid ihr nur ausser Gefecht, nicht aus der Welt."
Selbst Leah hob nun die Brauen. Darna hörte in ihrem Kopf, wie das Holz der Tür splitterte und zog noch eine Wand hoch, von der sie wusste, daß sie nur wenige Minuten halten würde.
"Es reicht, Milord. Bitte, mich zurückziehen zu dürfen." Uralte Mechanismen griffen, trotzdem tat es weh, von ihm auch wie ein Knappe entlassen zu werden: "Gewährt. Ihren Segen mit Euch, Lady Darna." Aber sie wusste nicht mehr zu sagen, ob irgendwas an all dem von ihm noch Böswilligkeit war oder von ihr nur so verstanden wurde. Es spielte auch keine Rolle mehr, denn es bedrohte sie wie ihn, egal wie es war.
Sie kam an der Bibliothek vorbei, steuerte auf ihr Zimmer zu, wie von einem Faden gezogen bog sie dann jedoch ab, wissend, daß auf dem Fleckchen Rasen dahinter eine Rettung stand.
Als Leah wenige Augenblicke später folgte, machte sie das Geräusch eines dumpfen Aufpralls auf Darnas Aufenthaltsort aufmerksam. Ihre Knappin sah, wie die getroffene Strohpuppe in einem weiten Bogen gerade zurückschwang und in exakt dem Moment von Darnas Faust erneut begrüßt wurde, wo die gegenbremsende und zurückschleudernde Wucht am größten war. Die Fingerrücken röteten sich fast sofort unter der Reibung des groben Stoffes und der Härte im Schlag. Der Blusenärmel war nur mit einem knappen Ruck hochgeschoben. Ein weiterer Hieb folgte, der bei einem Kinnhaken wohl Kieferbruch bedeutet hätte.
"Im Stopfen von Strohpuppen bin ich noch nicht bewandert...", wandte Leah ein als sie fürchtete, die Puppe würde gleich vom Gerüst abfallen. Ein kurzes grolliges Ausschnaufen folgte zunächst nur als Antwort, und auch die Linke wurde der wilden Pendelbewegung einmal mit präziser Zerstörungswut entgegengerammt.
"Ausgepeitscht", echote sie knurrend, "Eine Stunde mit dem Kopf in den Schnee stecken hätte man sie sollen."
"Und das wäre dann gerecht gewesen?", hörte sie Leah hinter sich, schon fast zu ruhig ihre Worte.
"Will dir einen Spiegel vorhalten. Süß. Einen zweiten? Und wieder... was denkst du eigentlich von mir? Erst wähnst du mich in Rahal... Oder ist das jetzt nur ein Test?"
"Die soll froh sein, daß ich sie damals nicht in die Finger bekam...", ein weiterer Hieb, doch bremste er die weitschwingende Bewegung der malträtierten Strohpuppe nun ab. "Und nein, niemals hätte ich mir angemaßt, über sie zu richten, wäre es nicht der Herrin Wille selber gewesen wie damals Sarel..." Ihre Stimme klang kehlig rauh, als hätte sie Stunden herumgebrüllt, "Mein war die Anklage."
Eine müde Feststellung. Ihr so selbstverständlich, bei aller Erbarmungslosigkeit und Wut, die dahinter gelegen hatten. Doch das war nicht jedem offenkundig gewesen. Niemandem dort, und just im Moment war es das, was ihr weh tat, doch nun Traurigkeit statt Zorn verursachte. Es blieb nur gerade alles taub in ihr. "...siehst sie nur von außenwärts. Du siehst die Weste, nicht das Herz."
Sie hielt die Puppe an der linken Schulter nun fest, das gestopfte Ding vibrierte unter dem Zittern ihres Armes. "Ich verstehe nicht, wie die Panthersknechte ewig diesem Zustand hinterherhecheln können...", erklärte sie matt, "Vielleicht, weil man sich sonst danach so leer fühlt. Aber es muß raus. Das ist Gift." Sie wurde leiser. "Niemals an Lebenden rauslassen. Ziehe niemals deine Klinge im Zorn. Niemals, nie nie nie." Sie wollte es Leah sagen, aber sie hatte nicht die Kraft dazu, fürchtete sich, erklären zu müssen, was sie gerade nur einfach wusste. Fürchtete, selber großspurig etwas zu erklären, was Leah bereits selbstverständlich war. War es das? Hatte je Wut sie derart bearbeitet, umschlungen, bis man alles nur noch hinter einem roten Nebel sah? Auch die Kraft, zu fragen, hatte sie nicht.
"Es gehört zu jedem von uns...und so wie der Sire mit euch sprach, kann ich es nur allzugut nachvollziehen."
Sie hatte sich nicht getäuscht darin, sich über Nevyn schließlich aufzuregen? "Irgendwann landet der auch mal auf dem Boden." Sie ließ die Puppe schaudernd los, wandte sich um, schüttelte den rechten Arm und die Hand aus.
"Ich soll wirklich nach keinem Heiler suchen?", fragte Leah gedämpft.
"Viola hätte sich die Hand wieder an einem Schrank gebrochen. Was ein Irrsinn, sich selbst dabei zu verletzen, sie scheint das zu brauchen, lenkt die Wut in Schmerz auf sich statt besser auf die Matratze und da einfach draufzuschlagen..."
"Nein, ich will mich hinlegen. Vermutlich kein Wunder, wenn ich mich jetzt müde fühle."
"Natürlich Milady." Leah neigte tief den Kopf, als sie vorbeiging. "Was ist das jetzt für Respekt, Beschwichtigung? Oder Respekt nur, wenn ich ruhig bin? 'Nicht ernst nehmen, wenn sie tobt'? Oder doch jetzt gemerkt, daß ich weder dort im Speisesaal unzurechnungsfähig war noch bin? Ich bin Paladin, verdammt. Ich bin erwachsen." Sie atmete aus, einen Lidschlag herrschten Stille und Leere in ihr, während Leah ihr eine ruhige und traumlose Nacht wünschte, eine andere fast resignierende Feststellung: "Aber ich muß es mir wohl immer nochmal neu erarbeiten. Immer, immer wieder."
"Ich frage mich gerade, welche Ventile Ihr für Wut verwendet, aber...", sie schüttelte müde den Kopf und betrat den Kreuzgang zu ihrer beider Zimmer, hörte das leise
"Das wollt Ihr lieber nicht wissen..."
nicht mehr.
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Sonntag 22. Februar 2009, 19:56, insgesamt 1-mal geändert.